{"id":5268,"date":"2020-04-29T20:57:18","date_gmt":"2020-04-29T18:57:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5268"},"modified":"2021-02-26T11:24:10","modified_gmt":"2021-02-26T10:24:10","slug":"es-ist-die-stunde-der-pflege","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5268","title":{"rendered":"Es ist die Stunde der Pflege"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201ePflege ist Kunst\u201c, hat Florence Nigthingale gesagt und diesen Beruf revolutioniert \u2013 am 12. Mai w\u00e4re sie 200 Jahre alt geworden<\/p>\n\n\n\n<p><em>Europaweit klatschen\nabends Menschen auf den Balkonen \u2013 f\u00fcr die Alltagsheldinnen, die Leben retten. Die\nCorona-Krise hat uns daran erinnert, dass Pflege systemrelevant ist. Und daran,\ndass Pflegende meistens Frauen und schlecht bezahlt sind. Die Versorgung von\nKranken muss man klug angehen und gut ausstatten. Das wusste bereits Florence\nNightingale, die legend\u00e4re \u201eLady with the lamp\u201c. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist das alles nicht neu. Aber jetzt spricht man \u00fcber eine Anhebung des Mindestlohns f\u00fcr Menschen im Pflegeberuf. Au\u00dferdem soll eine Corona-Zulage her \u2013 1500 Euro steuerfrei. Auch wenn das abendliche Balkonklatschen Anerkennung ausdr\u00fcckt, der Heldinnenstatus ist beunruhigend. Ich denke an die Krankenschwester in Italien, die nach langem Dienst total ersch\u00f6pft an ihrem PC eingeschlafen ist. \u201eWohl dem Land, das keine Helden braucht\u201c, hat Bert Brecht geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der gro\u00dfen Heldinnen, eine Legende der Pflegegeschichte\nist Florence Nightingale. Am 12. Mai w\u00e4re sie 200 Jahre alt geworden. Aus\ndiesem Anlass hat die Weltgesundheitsorganisation 2020 zum weltweiten \u201eJahr der\nPflege\u201c erkl\u00e4rt. Das war lange vor Corona. Aber pl\u00f6tzlich passt es erschreckend\ngut. Florence Nightingale, das ist die \u201eLady mit der Lampe\u201c, die im Krimkrieg zwischen\nEngland und Russland nachts an den Betten der verwundeten und sterbenden britischen\nSoldaten sa\u00df. Sie lie\u00df sich Briefe diktieren an Frauen, M\u00fctter, Kameraden. Sie organisierte\nFinanztransfers, half Sterbenden, Abschied zu nehmen. Die Zust\u00e4nde in den\nLazaretten waren katastrophal. Die M\u00e4nner lagen in blutigen Uniformen unter\nschmutzigen Decken, obwohl die Vorratslager voll mit warmer Kleidung waren. Siebenmal\nmehr Soldaten sind im Krimkrieg an ansteckenden Krankheiten gestorben als an\nkriegsbedingten Verwundungen. \u201eIch bin im Zustand chronischer Wut\u201c, schrieb\nFlorence Nightingale. \u201eDurch das unglaublich primitive Gesundheitswesen sind\nmehr Menschen umgekommen als durch russische Kugeln und Bajonette.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Im Lazarett von Scutari, das die T\u00fcrken damals der\nBritischen Armee zur Verf\u00fcgung gestellt hatten, hat sie tats\u00e4chlich\n\u00dcbermenschliches geleistet. In dem heutigen \u00dcsk\u00fcdar, einem Stadtteil von\nIstanbul, steht bis heute das Hauptquartier der 1. T\u00fcrkischen Armee, die\nSelimiye-Kaserne. Hier kam Florence Nightingale 1854 mit 38 Pflegerinnen an. \u201eDie\ngesamte Armee st\u00fcrmte in die Hospit\u00e4ler\u201c, schrieb sie. \u00dcber 5000 Verletzte mussten\nversorgt werden. Dazu kam der Kampf mit einer Milit\u00e4rb\u00fcrokratie, die vor allem\nein Ziel hatte \u2013 dass keine schlechten Nachrichten von der Krim nach England\ndrangen. Auf die Pflegerinnen hatte niemand gewartet. Sie<\/p>\n\n\n\n<p>galten zun\u00e4chst als St\u00f6renfriede. Die Frauen mussten\nsich mit vier kleinen K\u00e4mmerchen begn\u00fcgen \u2013 weniger, als ein einzelner Offizier\nzur Verf\u00fcgung hatte. Aber mit Geduld und Fleischbr\u00fche, mit Disziplin, Scheuert\u00fcchern\nund Verb\u00e4nden gelang es Florence, sich Respekt zu verschaffen. Aus der\nverschmutzten Kaserne wurde ein Milit\u00e4rkrankenhaus mit S\u00e4len f\u00fcr 900\nVerwundete. \u201eEs macht eben viel aus, wenn man die Gro\u00dfen zu Freunden hat\u201c,\nschrieb Florence Nightingale.<\/p>\n\n\n\n<p>Jahrelang hatte sie sich auf einen solchen Einsatz\nvorbereitet. Jetzt, auf der H\u00f6he ihrer Kraft, zeigte sich: Sie war eine kluge\nManagerin, die sich mit den M\u00e4chtigen zu verb\u00fcnden wusste, um ihre Ziele zu\nerreichen. Ihrem Einfluss auf die britischen Offiziere und \u00c4rzte in Istanbul,\nsp\u00e4ter dann auf Milit\u00e4rbeh\u00f6rden und Gesundheitspolitik in London war es zu\nverdanken, dass die Sterblichkeitsrate in der britischen Armee kontinuierlich\nsank. <\/p>\n\n\n\n<p>Pflege galt als prek\u00e4rer Job f\u00fcr die Armen. Ohne\nAusbildung, ohne Anerkennung. Dass eine hochgebildete Frau aus der Oberschicht eine\nso niedrige Arbeit tun wollte, war damals geradezu anst\u00f6\u00dfig. Florence\u2018 Familie\nverkehrte am englischen K\u00f6nigshof. Auf den drei Wohnsitzen der Nightingales arbeiteten\n15 Dienstm\u00e4dchen, dazu Butler, Zofen, K\u00f6che, Hauslehrer. Die kleine Flo war bei\neiner Europareise ihrer Eltern zur Welt gekommen. Die Eltern nannten ihre\nTochter nach der italienischen Stadt, in der sie geboren war. Von Kindheit an\nsah Florence ihre Berufung in der sozialen Arbeit. Als junges M\u00e4dchen pflegte\nsie fast den gesamten Hausstand w\u00e4hrend einer Grippeepidemie. Seitdem besuchte\nsie Krankenh\u00e4user \u00fcberall in Europa, studierte die Berichte, ermittelte das Durchschnittsalter\nder Patienten, verglich Diagnosen, Bettenzahl, Behandlungsdauer, die\nSterblichkeitsrate und die Refinanzierung. Konsequent suchte sie Mentorinnen\nund Mentoren, die ihr auf den Weg helfen konnten: Sozialreformer aus ganz\nEuropa, Menschen, f\u00fcr die ihre Ideen keine Hirngespinste waren. Denn sie war\n\u00fcberzeugt, zur Pflege berufen zu sein. Viermal will sie die Stimme geh\u00f6rt\nhaben, die unmittelbar zu ihr sprach \u2013 &nbsp;zum ersten Mal mit 17. Fr\u00fch schon tr\u00e4umte sie\nvon Theodor Fliedners Diakonissen-Mutterhaus in Kaiserswerth. \u201eWenn ich\nErfrischung suche, lese ich im Jahresbericht der Diakonissenanstalt\u201c, schrieb\nsie. \u201eMein Herz ist schon da, und ich hoffe, dass ich eines Tages auch dort\nsein kann.\u201c 1851, sie war 31, kam sie ans Ziel ihrer Tr\u00e4ume. Drei Monate lernte\nsie bei Theodor Fliedner, wie man als Pflegerin Zugang findet zu den Herzen der\nMenschen. Was sie dort erlebte, gab ihr Kraft, den eigenen Weg konsequent\nweiterzugehen &#8211; auch gegen die Erwartungen ihrer Familie. \u201eGott hat mich immer\nmit eigener Hand gef\u00fchrt\u201c, schreibt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kaiserswerth stehen heute die bronzenen B\u00fcsten von\nTheodor Fliedner und Florence Nightingale. Als 1970 der Grundstein f\u00fcr ein\nneues Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie gelegt wurde, erhielt es den\nNamen \u201eFlorence-Nightingale-Krankenhaus\u201c. An der Feier nahm auch Prinzessin\nAnne f\u00fcr das britische K\u00f6nigshaus teil. Gudrun Zimmermann, die sp\u00e4tere Leiterin\nder dortigen Krankenpflegeschule, war als Sch\u00fclerin damals dabei. Sie sagt zu\nden Arbeitsbedingungen in der Pflege heute: \u201eDie t\u00e4gliche Hetze, die Funktionalit\u00e4t und der\nPersonalmangel im Krankenhaus verhindern Reflexion und kreatives und\nselbstbestimmtes Vorgehen.\u201c Aber Pflege braucht Klugheit und Kreativit\u00e4t. Sie\nist mehr als ein Handwerk. \u201eNursing is an art\u201d, schrieb Florence Nightingale in\nihrem Buch \u201eNotes on Nursing\u201c. \u201eKrankenpflege ist eine Kunst, und wenn sie zu\neiner Kunst gemacht werden soll, bedarf sie exklusiver Hingabe und genauso\nharter Vorbereitung wie die Arbeit eines Malers oder Bildhauers. Denn was ist\nder Umgang mit lebloser Leinwand oder kaltem Marmor verglichen mit dem\nlebendigen Leib, dem Tempel des Geistes Gottes?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Pflege hatte f\u00fcr Nightingale eine\nspirituelle Dimension. \u201eFlorence war eine sehr gl\u00e4ubige Frau\u201c, sagt Gudrun\nZimmermann. \u201eSie hat ihren Auftrag in der Nachfolge Christi gesehen. Allerdings\nhat sie die pflegerische Kompetenz dem missionarischen Auftrag vorangestellt.\u201c Das\nzeigte sich in der Zusammensetzung der Schwestern, mit denen sie 1853 nach\nIstanbul aufbrach. Neben anglikanischen Schwestern waren auch katholische\nOrdensschwestern und weltliche Pflegerinnen darunter. Gudrun Zimmermann sagt\naus ihrer Erfahrung mit angehenden Pflegenden heute: \u201eHelfen wollen, etwas Sinnvolles tun und\nnicht dauernd am Schreibtisch sitzen, das sind die Motive, warum der\nPflegeberuf ergriffen wird.\u201c Sie f\u00fcgt hinzu: \u201eEs gibt eine Sehnsucht nach guten\nGespr\u00e4chen, nach N\u00e4he, nach vertrauensvollem Kontakt. Eine christlich\nbegr\u00fcndete Berufswahl habe ich nicht erlebt.\u201c Die Diakonissen-Mutterh\u00e4user hatten christliche\nN\u00e4chstenliebe als Quelle f\u00fcrs Pflegen verstanden. Das hat den Pflegenden zwar ein hohes Berufsethos\nbeschert, aber wenig Lohn bei zum Teil ausbeuterischen Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind Pflegedienste und Kliniken zu einem\ngr\u00f6\u00dferen Teil privatisiert. Die Gesundheitseinrichtungen gleichen \u201ewei\u00dfen\nFabriken\u201c, sagt der Medizinethiker Giovanni di Maio. Es geht um Effektivit\u00e4t\nund Effizienz, Gewinn- und Verlustrechnungen. \u00c4rztinnen, \u00c4rzte und Pflegende\nhaben gelernt, ihr professionelles Handeln von ihrer Motivation und auch von\nihren Gef\u00fchlen abzuspalten. Im Unterschied dazu hat Florence Nightingale ihre Arbeit\nals Berufung verstanden. Sie hat f\u00fcr die bestm\u00f6gliche Pflege mit Leidenschaft, Zorn\nund Verstand gek\u00e4mpft. Die Pflege kann nach wie vor von ihr lernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was ist also zu tun, um den Einfluss\nder Pflege akut und mittelfristig zu st\u00e4rken? Gudrun Zimmermann sagt: \u201ePflegenotstand gibt es in\nmeiner Wahrnehmung seit jeher, von allen gewusst und im Kleinen versucht zu\nver\u00e4ndern. Jetzt zu Corona-Zeiten kann nicht wirklich so getan werden, als sei\nman \u00fcberrascht.\u201c Nein,\nKlatschen vom Balkon gen\u00fcgt nicht. Und auch Heldinnen brauchen wir nicht.\n\u201eDie Pflege muss sich politisch organisieren. Wir m\u00fcssen\ndie Rahmenbedingungen verbessern und zum Beispiel eine Pflegekammer gr\u00fcnden.\nDenn noch immer sind die Curricula Medizin-lastig, die staatlichen\nExamenspr\u00fcfungen werden von Medizinern des Gesundheitsamts abgenommen und die\nWeiterbildungen \u00fcber die Krankenhausgesellschaft abgewickelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Corona-Krise tritt der Wert der modernen\nMedizin f\u00fcr alle sichtbar zutage. Zur Zeit von Florence Nightingale spielten\nInfektionen eine noch gr\u00f6\u00dfere Rolle. Sie selbst infizierte sich vermutlich 1855\nim Lazarett von Balaklawa auf der Krim an einer Virus-Grippe. Damals sprach man\nvom Krimfieber. Sie \u00fcberstand die Krankheit, gesundheitlich jedoch stark\nangeschlagen. Vom Fieber gezeichnet und mit geschorenem Haar wurde sie erst\nrecht zur bewunderten Heldin. Bei ihrer R\u00fcckkehr nach England 1856 wollte man\nsie gro\u00df feiern. Aber den Begr\u00fc\u00dfungskomitees wich sie aus. Sie ging unerkannt\nan Land. Wichtiger war ihr der Fonds, der zu ihren Ehren aufgelegt wurde. Er\ndiente der Pflegeausbildung. Was sonst. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePflege ist Kunst\u201c, hat Florence Nigthingale gesagt und diesen Beruf revolutioniert \u2013 am 12. 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