{"id":5264,"date":"2020-04-29T19:55:26","date_gmt":"2020-04-29T17:55:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5264"},"modified":"2021-02-26T11:24:59","modified_gmt":"2021-02-26T10:24:59","slug":"selbst-fuer-sorge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5264","title":{"rendered":"Selbst-F\u00fcr-Sorge"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Pflege und Palliative-Care in Corona-Zeiten. Bremen,\n\u201eLeben und Tod\u201c 2020<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Masken und Heldinnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBitte ziehen Sie zuerst die Atemmaske zu sich\nherunter und helfen Sie dann Kindern, Schw\u00e4cheren, Ihren Nachbarn\u201c, erkl\u00e4ren\ndie Flugbegleiterinnen, bevor wir abheben. Lange habe ich das hingenommen, ohne\nviel dar\u00fcber nachzudenken. Bis k\u00fcrzlich eine blinde Frau auf der Zweiersitzbank\ngegen\u00fcber sa\u00df und die Stewardess deren Nachbarin coachte, um der Blinden im\nZweifelsfall behilflich zu sein. <em>Dass wir\nf\u00fcr uns selbst sorgen, ist tats\u00e4chlich eine Voraussetzung, um gut f\u00fcr andere zu\nsorgen.<\/em> Wer im OP arbeitet, wei\u00df das. Keiner, der ohne Mundschutz und\nKittel hineingeht, keine, die sich nicht vorher desinfiziert. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Umso\nerschreckender die Situation, die wir gerade in manchen Kliniken und vielen\nPflegediensten erleben.<\/em> Fehlende\nMasken, Kittel, Tests und Hygienema\u00dfnahmen sorgen f\u00fcr Verunsicherung und Angst.\nManche Pflegeeinrichtungen wurden zu Hotspots. Und Mitarbeitende, die t\u00e4glich\ndort zum Dienst gehen, werden in ihrer Nachbarschaft kritisch beobachtet. F\u00fcr\ndie einen sind sie Alltagshelden, f\u00fcr die anderen unerw\u00fcnschte Personen. So\nwohltuend und anerkennend das nachmitt\u00e4gliche Balkonklatschen, so beunruhigend\nist doch der neue Heldinnenstatus. <em>\u201e Wohl\ndem Land, das keine Helden braucht<\/em>\u201c, hat Bert Brecht geschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine der\ngro\u00dfen Heldinnen in der Pflege ist Florence Nightingale, deren 200. Geburtstag\nsich am 12. Mai zum 200.Mal j\u00e4hrt<\/em>.\nDie WHO hatte deshalb lange vor der Corona-Krise ein \u201eJahr der Pflege\u201c\nausgerufen. Viele erinnern sich an Florence Nightingale als die \u201eLady mit der\nLampe\u201c, die nachts an den Betten der verwundeten und sterbenden Soldaten im\nLazarett von Scutari sa\u00df und sich Briefe diktieren lie\u00df an die Angeh\u00f6rigen in\nEngland. An Frauen und M\u00fctter, Geschwister und Kameraden. Als sie aus Scutari\nzur\u00fcckkehrte, war sie <em>f\u00fcr das Leben\ngezeichnet durch eine chronische Brucellose-Infektion,<\/em> dem so genannten\nKrimfieber, mit der sie sich 1855 &nbsp;angesteckt hatte. Die Umst\u00e4nde, unter denen\nsie die Lazarettpflege organisierte, waren f\u00fcr unsere heutigen Hygiene-Vorstellung\nunbeschreiblich. <em>Im Krimkrieg sind\nsiebenmal mehr Soldaten an Krankheiten gestorben als in Verwundungen<\/em>. Gerade\ndeswegen war Florence Nightingale <em>nicht\neinfach eine Heldin, die sich selbst ganz hingegeben und \u00dcbermenschliches\ngeleistet hat. <\/em>Sie war eine kluge Managerin und politische Aktionistin, die\nsich mit den M\u00e4chtigen ihrer Zeit zu verb\u00fcnden wusste, um ihre Ziele zu\nerreichen. <em>Ihrem Einfluss auf die\nGesundheitspolitik und insbesondere auf die Entwicklung einer professionellen\nPflege war es zu verdanken, dass die Sterblichkeitsrate in der britischen Armee\nvon 17,5 Prozent 1857 auf 2,4 Prozent 2011 san<\/em>k. Schon in Scurati &nbsp;sorgte daf\u00fcr, dass die vorhandenen Vorr\u00e4te\nzentralisiert und registriert wurden und dass auch und gerade f\u00fcr ihre\nMitarbeiterinnen gesorgt war- medizinisch und pflegerisch, aber auch mental.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Theodor Fliedner, der Gr\u00fcnder des Kaiserswerther\nDiakonissenhauses, dessen Arbeit Florence inspirierte und bei dem sie ein Vierteljahr\nlang lernte, hatte klare Kriterien f\u00fcr gute Arbeit. Dabei ging es um Qualit\u00e4t\nund Ethik der Pflege, es ging aber auch um die Gesundheit der Schwestern,\ndarum, dass sie Urlaub und Zeit genug zur Erholung hatten. <em>Was f\u00fcr Patientinnen und Patienten wichtig ist, das brauchen\nMitarbeitende genauso: Zeit f\u00fcr Erholung, tragf\u00e4hige Netze, inspirierende\nBegegnungen, den Austausch untereinander, und Orte, an denen man sich gern\naufh\u00e4lt<\/em>. Wir alle brauchen aber auch eine Aufgabe, die uns fordert und das\nGef\u00fchl, unser Leben gestalten zu k\u00f6nnen. Ein Lehrbuch der Thaimassage, das ich\nvor Jahren aus Bangkok mitgebracht habe, zeigt die Gesten und Haltungen der\nVorbereitung: Reinigungsgesten, Gebetsgesten. Ich denke dabei an die\nregelm\u00e4\u00dfigen Gebetszeiten in den Diakonissenh\u00e4usern und Kl\u00f6stern, die ganz\nselbstverst\u00e4ndlich die Arbeit unterbrachen. Gelegenheiten, aufzutanken und sich\nneu auszurichten. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Wer auf\ndiese Weise bei sich ist, wird sich auch wieder selbst vergessen k\u00f6nnen. Wird\nentscheiden, wann es Zeit f\u00fcr Hingabe ist. Und wann es n\u00f6tig ist, f\u00fcr sich\nselbst zu sorgen. Bei sich selbst zu bleiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Druck und Stille<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist hundertf\u00fcnfzig Jahre her, dass der\nElisabethorden in M\u00fcnchen mit seinen Geldgebern dar\u00fcber stritt, ob die\nGebetszeiten und die gemeinsamen Mahlzeiten zur Arbeit geh\u00f6ren oder nicht.\nHeute scheint das entschieden. Pflegearbeit hat effektiv zu sein, ist auf\nErgebnisse auszurichten- und steht unter dauerndem Zeit- und Kostendruck. Wo,\nwie im Klinikalltag, Fallpauschalen Kosten und Zeit strukturieren, ist das\nbesonders sp\u00fcrbar. Und wo die Einnahmen, wie in den Pflegeeinrichtungen, kaum\nhinreichen, weil es \u201enur noch\u201c um Versorgung geht, gab es in den letzten Wochen\nkaum Lobby und Einkaufsmacht f\u00fcr den Schutz von Bewohnern und Mitarbeitenden. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die einen die Corona-Krise als starke\nEntschleunigung erleben, haben Pflegende mehr noch als sonst das Gef\u00fchl, sich\nin den t\u00e4glichen Zerrei\u00dfproben selbst zu verlieren. <em>Viele funktionieren, ohne sich selbst zu sp\u00fcren. Der Philosoph Hartmut\nRosa hat in diesem &nbsp;Zusammenhang von\nResonanzverlust gesprochen<\/em>. Es sind wohl die demenzkranken\nPflegebed\u00fcrftigen, die diesen Resonanzverlust gerade besonders sp\u00fcren und uns\nwiderspiegeln: <em>Nicht nur die Besuche von\nAngeh\u00f6rigen und Ehrenamtlichen fehlen, auch das Gemeinschaftsleben geht in\nvielen Einrichtungen verloren.<\/em> Der Rhythmus der H\u00e4user dreht sich dann\nnicht mehr um die Bed\u00fcrfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen, sondern um den\nSchutz vor Corona&nbsp; &#8211; <em>und trotzdem gelingt es am Ende oft nicht, die besonders Vulnerablen zu\nsch\u00fctzen und die Sterbenden zu begleiten. <\/em>Es scheint, als sei vieles von\ndem vergessen, was uns \u00fcber Jahre getragen hat<em>: Dass auch Schwerkranke und Sterbende das Recht auf Selbstbestimmung\nhaben. Und dass ein Sterben in W\u00fcrde wichtiger sein kann als Hochleistungsmedizin,\nIntensivbetten und Beatmungsger\u00e4te.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mitarbeitende, Ehrenamtliche, Angeh\u00f6rige haben das\nGef\u00fchl, die Menschen nicht sch\u00fctzen k\u00f6nnen, die ihnen am Herzen liegen. Das\nmacht sie selbst atemlos und schutzlos. Marco von M\u00fcnchhausen (\u201eWo die Seele auftankt\u201c\n2004) spricht davon, <em>dass wir in diesen\nAugenblicken ein inneres Vakuum empfinden. Wir sp\u00fcren die tiefe Sehnsucht nach\nwirklicher Begegnung<\/em>. Wir brauchen den Austausch mit anderen, um uns\nlebendig zu f\u00fchlen. <em>Was gegen diese Leere\nhilft, hat aber auch mit unseren leiblichen und sozialen Rhythmen zu tun<\/em>: Spazieren\ngehen statt Auto fahren, selbst kochen. <em>Es\nist kein Zufall, dass gerade jetzt viele Brot backen, den Garten gestalten, auf\ndem Balkon musizieren oder einen online-Kurs in Yoga buchen<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir hilft dabei eine Erfahrung von Theresa von Avila:&nbsp; Sie spricht von der inneren Burg. Oder, wie\nes manche&nbsp; Therapeuten sagen, von der\ninneren Kapelle. <em>Es tut gut, in Stille\nund Meditation, irgendwo im Gr\u00fcnen oder auf einer Yogamatte, den Ort\naufzusuchen, an dem meine Seele zur Ruhe kommt. Dieser Raum ist immer da \u2013 wir\ntragen ihn in uns<\/em>. Meiner ist eine Bergwiese. Vielf\u00e4ltig bunt, mit dem\nSummen von V\u00f6geln und Grillen. Am Rand steht eine alte Holzbank auf der ich\nliege und lese. Ein Steinbrunnen mit Bergwasser pl\u00e4tschert. <em>Ich liege da und lese, mehr noch \u2013 ich\nschaue in den Himmel. Nichts fehlt mir. Der Himmel sorgt f\u00fcr mich<\/em>. Wie f\u00fcr\ndie Spatzen und den Klatschmohn, hat Jesus einmal gesagt. Ein wunderbarer\nGedanke. Ich f\u00fchle mich leicht. F\u00fcr einen Augenblick sind Innen und Au\u00dfen eins.\nIch atme tief und tanke auf. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Leib und Seele<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eTu Deinem\nLeib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.<\/em>\u201c Theresa von Avila, die spanische Mystikerin aus dem\n16. Jahrhundert, verstand den Leib als Tempel der Seele. Gebaut aus dem gleichen\nStoff wie die Welt, in der wir leben. Aus Erde gemacht, wie die Bibel erz\u00e4hlt \u2013\nund lebendig, weil der Atem Gottes auch in uns atmet und durch unserer K\u00f6rper\nflie\u00dft. <em>Der mittelalterliche Theologe\nThomas von Aquin spricht von der verleiblichten Seele. Welche Rolle unser Leib\nspielt, wird uns gerade in der Corona-Krise neu bewusst. <\/em>Ein winziger Virus\nkann unseren K\u00f6rper, unsere Seele, unser gesamtes Sozialleben auf den Kopf\nstellen. <em>Gut, dass wir die M\u00f6glichkeit\nhaben, Besprechungen digital zu gestalten. Tats\u00e4chlich hatte aber die Digitalisierung\nunsere Gesellschaft schon vorher ver\u00e4ndert<\/em>: &nbsp;Elisabeth von Thaddens Buch &nbsp;\u201e Die ber\u00fchrungslose Gesellschaft\u201c erz\u00e4hlt\ndavon. Von mobilen Familien, langen Wegen, Zeitdruck auch in Zeiten von Tod und\nSterben. Von gehetzten Mitarbeitenden in Kliniken, die kaum Beziehungen zu\nPatientinnen aufbauen k\u00f6nnen. H\u00e4tte es die Hospizbewegung nicht gegeben, die &nbsp;vielen engagierten Ehrenamtlichen<em>, in der Pflege w\u00e4re wenig Zeit geblieben\nf\u00fcr Ber\u00fchrungen. Stattdessen nahmen die Dokumentationsaufgaben mehr und mehr\nzu. Digitale Informationen k\u00f6nnen Teambesprechungen nicht ersetzen. Worte aus\nder Distanz kein Handhalten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wissen wir: <em>Der\nK\u00f6rper antwortet auf Ber\u00fchrung wie auf ein Gespr\u00e4ch<\/em>. Erfahrungen\nverleiblichen sich \u2013 wir sprechen heute von Embodiment. Wer einen anderen\nber\u00fchrt, r\u00fchrt damit an Erfahrungen, die sich tief in den K\u00f6rper eingepr\u00e4gt\nhaben. Mein Gang, meine Haltung, meine Verletzungen und Schmerzen erz\u00e4hlen von\nmeiner Lebensgeschichte: Ich bin mein Leib. Wer mit einer Behinderung lebt,\nwei\u00df, in welchem Ma\u00dfe dieser Leib auch die soziale Biographie, die Beziehungen\nund Berufswege bestimmen kann. Der K\u00f6rper ist aber auch ein Verb\u00fcndeter, auch\nund gerade dann, wenn er Macken hat, uns eine Krankheit schickt, wenn wir sie\n\u00fcberhaupt nicht brauchen k\u00f6nnen.<em>Franziskus von Assisi spricht vom Leib als\ndem Bruder Esel.<\/em> Damit erinnert er an die alte Geschichte von Bileam\n(4.Mose 22, 21ff), dem biblischen Propheten, der mit seinem Esel unterwegs ist.\nPl\u00f6tzlich bleibt der Esel stehen. Bileam gibt ihm einen Klaps, er br\u00fcllt den\nEsel an, schlie\u00dflich pr\u00fcgelt er ihn, aber der Esel steht &#8211; alle Hufe fest am\nBoden. Denn im Unterschied zu Bileam sieht er den Engel, der ihnen den Weg\nversperrt. Ein Warnsignal \u2013 die beiden sind auf Abwegen. Bileams Esel ist nicht\neinfach nur st\u00f6rrisch, er nimmt mehr wahr als der Prophet selbst. So, sagt Franz von Assisi, sei es mit unserem\nLeib, dem Bruder Esel. <em>Der sei oft kl\u00fcger\nals unser Kopf mit all seinen Pl\u00e4nen. Er sieht die Grenzen, die Gefahren auf\nunserem Weg. <\/em><em>Und sendet\nWarnsignale.<\/em>&nbsp; <em>Wer solche Signale nicht ernst nimmt, verliert das Gef\u00fchl f\u00fcr sich\nselbst <\/em>\u2013 eine Grundbedingung, sich in andere einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Der\nPsychologe David Richo spricht von einf\u00fchlsamer Pr\u00e4sens. Dazu geh\u00f6ren Aufmerksamkeit,\nAnnahme, Wertsch\u00e4tzung, Zuneigung und Zulassen. Diese Qualit\u00e4ten sind\nnotwendig, um Mitgef\u00fchl zu entwickeln \u2013 mit anderen und auch mit sich selbst. <em>Selbstsorge beginnt mit Selbstmitgef\u00fchl<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch f\u00fcrchte,\ndass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Besch\u00e4ftigungen, keinen Ausweg mehr\nsiehst und deshalb Deine Stirn verh\u00e4rtest; dass Du Dich nach und nach des\nGesp\u00fcrs f\u00fcr einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist\nviel kl\u00fcger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Besch\u00e4ftigungen, als\ndass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt f\u00fchren, an dem du\nnicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? <em>An den Punkt, wo das Herz\nanf\u00e4ngt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei: wenn Du\njetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit\u201c<\/em>, hei\u00dft es in einem\nBrief von Bernhard von Clairvaux. Nicht an irgendwen, sondern an einen Papst,\nPapst Eugen III (Anselm Gr\u00fcn 2002). <em>Ein hartes Herz zeigt sich nicht nur da,\nwo wir kein Erbarmen mehr mit anderen haben. Es gibt auch Umbarmherzigkeit\ngegen sich selbst. Ja, es gibt Heldinnen mit hartem Herzen. Die meisten\nPflegenden verlassen den Beruf, bevor es soweit kommt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen haben wir eine\nReihe neuer M\u00f6glichkeiten, uns Freir\u00e4ume zu schaffen. <em>Teilzeitstellen,\nJahresarbeitszeitkonten, ein Sabbatjahr<\/em>. Dazu brauchen wir aber auch die\nBereitschaft, Arbeit loszulassen und andere ans Ruder zu lassen. <em>Das l\u00e4sst\nsich im Alltag ein\u00fcben- mit regelm\u00e4\u00dfigen Pausen, Momenten des Innehaltens,\nausreichend Schlaf. Es geht darum, Neinsagen zu lernen und Grenzen zu setzen<\/em>.\nDas gelingt nur, wenn wir uns selbst, unseren K\u00f6rper und unsere Gesundheit\nrespektieren. <em>Wenn wir uns selbst wertsch\u00e4tzen, so wie wir andere\nwertsch\u00e4tzen<\/em>. Mitgef\u00fchl mit uns haben wie wir es mit denen haben, f\u00fcr die\nwir sorgen. Eben uns selbst wie unsere N\u00e4chsten lieben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kann es\nsein, dass Pflegende immer wieder in Gefahr sind, vor lauter F\u00fcrsorge die\nSelbstsorge zu vergessen<\/em>? Ich\nf\u00fcrchte, die kirchliche Pflegegeschichte tr\u00e4gt hier Mitverantwortung. Gottesliebe\nund N\u00e4chstenliebe \u2013 darum ging es. Um Gemeinschaft und F\u00fcrsorge. Selbstliebe\nkam dabei nicht vor \u2013 weil die Schwestern darauf vertrauten, dass ihre Liebe\nund Hingabe nicht unbeantwortet blieb. Dass sie Dankbarkeit erfahren w\u00fcrden und\nResonanz. Aber der Beziehungsaspekt ist schon lange zur\u00fcckgetreten hinter der\nEffektivit\u00e4t professioneller Arbeit- und schon im Lauf des vorigen Jahrhunderts\nhaben Pflichtbewusstsein und Disziplin dem Funktionieren den Boden bereitet. <em>Wer Schw\u00e4che zeigte, aus der Reihe tanzte,\nnicht funktionierte, verlor schnell seinen Platz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dass\nF\u00fcrsorge ohne Selbstsorge nicht nachhaltig ist, ist uns erst in den letzten\nJahrzehnten bewusst geworden<\/em>. Dazu\nbrauchte es Kritiker wie Wolfgang Schmidtbauer mit seinen Untersuchungen \u00fcber\ndie \u201eHilfslosen Helfer\u201c,&nbsp; aber auch die\nwachsenden Zahlen von Krankmeldungen und&nbsp;\nBurnout und die Berufsflucht aus der Pflege wegen Zeitdruck, fehlenden\nAnerkennung und niedrigen Geh\u00e4ltern. Es w\u00e4re zu hoffen, dass die gegenw\u00e4rtigen\nErfahrungen daran etwas \u00e4ndern: Dass es nicht bei Bonuszahlungen in der&nbsp; Corona-Krise bleibt und dass auf Dauer kein\nHeldentum n\u00f6tig ist. Dass auch und gerade&nbsp;\nPflegenden zugestanden wird, gut f\u00fcr sich selbst zu sorgen. Dass\nF\u00fcrsorge \u00fcber dem Managen nicht verloren geht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Selbstsorge und Zeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Arbeit ist f\u00fcr viele Menschen der Ort, an dem\nsie sich selbst verwirklichen m\u00f6chten &#8211; und zugleich der Ort, an dem die\nAuswirkungen von Beschleunigung, Rationalisierung und Globalisierung gro\u00dfen\nDruck aus\u00fcben. Die Anpassung an diese Bedingungen fordert Reflexion und\nVerantwortung. <em>Zum einen m\u00fcssen wir\nunseren Referenzwert, die Orientierungskoordinaten f\u00fcr unser Leben st\u00e4ndig\n\u00fcberpr\u00fcfen, zum anderen m\u00fcssen wir Aufmerksamkeit f\u00fcr die Gefahr der\nErsch\u00f6pfung entwickeln<\/em>\u201c (Unger und Kleinschmidt 2006). Entspricht meine\nArbeit noch meinen pers\u00f6nlichen Werten und Zielen? Achte ich gerade genug auf\nmich selbst, meine Rhythmen und K\u00f6rpersignale? Wie verantwortlich und\nwertsch\u00e4tzend bin ich mir selbst und mir wichtigen anderen Menschen gegen\u00fcber?\u201c\nUnger und Kleinschmidt, die sich damit besch\u00e4ftigt haben, was gute Arbeit\nausmacht, empfehlen, <em>sich regelm\u00e4\u00dfig\nAuszeiten zu nehmen, um sich solche Fragen zu stellen.<\/em> Es geht um eine\nfurchtlose Inventur, wie wir sie aus der Suchtkrankenhilfe kennen; ein Coaching\noder eine Supervision k\u00f6nnen dabei hilfreich sein. In der Hospizbewegung sind\nSupervisionstage selbstverst\u00e4ndlich \u2013 es wird h\u00f6chste Zeit, dass auch\nPflegekr\u00e4fte regelm\u00e4\u00dfig diese M\u00f6glichkeit bekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Pflege ist immer auch Beziehungsarbeit. Sie kann nur\ngelingen, wenn Sie sich mit ihrer Person einlassen k\u00f6nnen, Ihre Sensibilit\u00e4t\nund Professionalit\u00e4t, Ihre Menschlichkeit und Fachlichkeit, die eigenen Grenzen\nund Widerspr\u00fcche einbringen in ihren Dienst. Mit anderen Worten:&nbsp; <em>Pflege\nund hospizliche Arbeit sind nicht einfach Dienstleistung, sondern immer\nKoproduktion<\/em>. Dienstleistung wird nach Zeit berechnet. Und weil Zeit in den\nsozialen Diensten das teuerste Gut ist &#8211; wird, wo immer m\u00f6glich, an Zeit\ngespart. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph und Politikwissenschaftler Matthew\nCrawford, der mit den widerspr\u00fcchlichen Anforderungen in dem Thinktank, in dem\ner arbeitete, nicht mehr zurecht kam, k\u00fcndigte und er\u00f6ffnete eine\nMotorradwerkstatt. Aus seiner Sicht ist es entscheidend, dass Arbeit uns in\neiner Wertegemeinschaft verankert. <em>Was\nich tue, sagt er, muss Teil eines umfassenderen Bedeutungskreises sein \u2013 es\nsoll dem Leben dienen. Ich arbeite nur mit Menschen, denen es genauso geht.\nDieses Bewusstsein, das gar nicht ausgesprochen werden muss, konstituiert unser\nTeam.<\/em> Wir stehen in einer Art \u201e t\u00e4tigem Gespr\u00e4ch\u201c miteinander &#8211; und durch\ndieses Gespr\u00e4ch kann die Arbeit unser Leben zu einem in sich schl\u00fcssigen Ganzen\nmachen. Matthew Crawford musste k\u00fcndigen, bevor er diese Teamerfahrung machte.\n\u201e<em>Der moderne Individualismus steht nicht\nnur f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Impuls, sondern auch f\u00fcr einen sozialen Mangel\u201c<\/em> (Richard\nSennet 2009). \u201eDie moderne Gesellschaft hat die durch Rituale hergestellten\nBindungen geschw\u00e4cht.\u201c <em>Rituale haben \u201eZauberkraft\u201c:\nsie k\u00f6nnen eine Gemeinschaft in Umbr\u00fcchen st\u00e4rken, sie k\u00f6nnen eine schwierige\nSituation in einen neuen Rahmen stellen und alle Beteiligten wieder an den\ngemeinsamen Werten auszurichten.<\/em> Rituale k\u00f6nnen in wenigen Minuten\nentschleunigen und erden. Fast immer haben sie mit sinnlichen Erfahrungen zu\ntun: mit einem Klang oder Duft, einer Ber\u00fchrung, einer Geste<em>. Was k\u00f6nnen es heute f\u00fcr Rituale sein, die\nuns st\u00e4rken in Zeiten von Corona?&nbsp; Die\ngemeinsame Musik abends auf dem Balkon ist schon eines davon. Und die liebevoll\ngen\u00e4hten Masken geh\u00f6ren auch dazu. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Berufung und die Ethik der Sorge <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine neue Ethik der Sorge ist also mehr als\nnotwendig. Mit dem Begriff \u201eSorge\u201c &#8211; einem Versuch, das englische Care zu\n\u00fcbersetzen, problematisiert die feministische Theorie die Dominanz einer\n\u00f6konomisierten Sichtweise im Sozial- und Gesundheitswesen, die den Menschen zum\nblo\u00dfen Kunden und Empf\u00e4nger von Dienstleistungen macht. \u201e<em>Sorge\u201c steht f\u00fcr alle Beziehungs- und Zuwendungsarbeit privater wie\nprofessioneller Natur, f\u00fcr das grundlegende, umfassende F\u00fcr-einander-da sein,<\/em>\nwie wir es in den Caring Communities erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen geht es zentral\num Zeitgestaltung auf der Station, im Umgang mit Patientinnen, Bewohnern und\nAngeh\u00f6rigen, aber auch mit Teamkollegen. Es geht um Pausen, Teambesprechungen\nund um Fehlerfreundlichkeit \u2013 also um <em>eine\nKultur, in der keiner wie ein Roboter funktionieren muss. Inzwischen kann man\nim Netz bereits T-Shirts f\u00fcr die Pflege bestellen- mit dem Aufdruck \u201e Ich bin\nkein Roboter\u201c.<\/em> Wenn diakonischer Anspruch und gelebte Wirklichkeit in einen\neklatanten Widerspruch geraten, dann w\u00e4chst die Burnout-Gef\u00e4hrdung, steigen die\nFehltage. <em>Dann wird es Zeit, wieder neu\nzu kl\u00e4ren, was wir mit unserer Arbeit erreichen, wof\u00fcr wir uns einsetzen\nwollen, was uns heilig<\/em> ist. Wir schlie\u00dfen ja nicht nur Vertr\u00e4ge mit unserem\nArbeitgeber, sondern in gewisser Weise auch mit uns selber, wenn wir einen\nBeruf w\u00e4hlen, einen Job beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wohl darum\nist in den letzten Jahren das Thema Berufung wieder wichtiger geworden<\/em>. In einer Welt, in der wir Jobs und Positionen, Wohnorte,\nFamilien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, fragen sich viele,\nwas der Sinn ihres Lebens ist, was sie an Unverwechselbarem einzubringen haben\nund wof\u00fcr sie gebraucht werden. <em>Es geht\ndarum, etwas zu finden, was unseren Einsatz und unsere Hingabe lohnt. Das\nerinnert mich noch einmal an Florence Nightingale. <\/em>Zu ihrer Zeit galt\nPflege als prek\u00e4rer Job f\u00fcr die Armen. Ohne Ausbildung, ohne Anerkennung. Sie\nwar es, die daf\u00fcr gesorgt hat, dass sich das \u00e4nderte. Mit Hingabe und mit\nProfessionalit\u00e4t. Seit ihrer Kindheit hat sie in der Pflege ihre Berufung\ngesucht \u2013 und jahrelang daran gearbeitet, Menschen und Orte zu finden, die ihr\nauf den Weg helfen konnten. Bis sie zu Theodor Fliedner nach Kaiserswerth kam. Die\nerste Diakonissenanstalt, deren Mutterhaus um eine Kapelle herum gebaut war.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gleichen Gesundheitseinrichtungen \u201ewei\u00dfen Fabriken\u201c,\nsagt der Medizinethiker Giovanni die Maio (2018). Es geht um Input und Output, Effektivit\u00e4t\nund Effizienz, Gewinn- und Verlustrechnungen. So haben die allermeisten\ngelernt, ihr professionelles Handeln von ihrer Motivation und auch von ihren\nGef\u00fchlen abzuspalten. \u201e<em>Professionalisierung,\nEffektivit\u00e4t und Effizienz hei\u00dft immer auch Vereisung\u201c, sagt der Ethiker\nAndreas Heller<\/em>. Wo dauernd Budgets und Ziele verglichen werden, z\u00e4hle am\nEnde Konkurrenz mehr als Kooperation. Vielleicht stehen Familie und\nFreundschaft, aber auch Nachbarschaftsinitiativen, freiwilliges Engagement,\nHospizarbeit und Caring Communities gerade deshalb so hoch im Kurs, weil wir\nsp\u00fcren, <em>wie viel K\u00e4lte in der\nFunktionalisierung steckt, wie wenig Nachhaltigkeit in der blo\u00dfen Marktlogik.\nKein Wunder also, dass wieder nach Berufung gefragt wird. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWork is not a job\u201c, hei\u00dft ein Buch von Catharina\nBruns. Sie versteht Arbeit als Umwandlung von Energie, als unseren\nSelbstausdruck in der Welt, ein Gestaltungselement mit pers\u00f6nlicher, aber auch\nmit gesellschaftlicher Dimension. \u201e <em>Ist\nes zu viel verlangt, sich in dem, was man den ganzen Tag tut, wiederfinden zu\nwollen\u201c <\/em>fragt sie. Wer seine Arbeit nur als Job verstehe, der sortiere am\nEnde alles nach Arbeitszeiten und Zust\u00e4ndigkeiten. Und suche dann die\nWork-Life-Balance in dem, was vom Leben \u00fcbrig bleibt. <em>Wer aber seine Arbeit als Berufung verstehe, der engagiere sich f\u00fcr die\nRahmenbedingungen und k\u00e4mpfe darum, dass die eigene Arbeit im Einklang mit den\npers\u00f6nlichen Begabungen und Interessen bleibe. Gerade jetzt gibt es viel Grund\ndazu.<\/em> Und viele Verb\u00fcndete, wenn es darum geht, der Pflege die Anerkennung\nund den Raum zu geben, den sie braucht. Den die Patientinnen und Bewohner\nbrauchen. Und das Gesundheitssystem so aufzustellen, dass Reserven da sind in\nZeiten der Krise.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eTu deinem\nLeib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.\u201c Das Wort von Theresa\nvon Avila erinnert daran, <em>wie wichtig es\nist, uns die Lebensfreude zu erhalten \u2013 gerade dann, wenn uns die Sorge f\u00fcr\nandere belastet. Alles f\u00e4ngt damit an, dass wir unsere Ressourcen kennen. <\/em>Musik\nh\u00f6ren oder besser noch Musik machen &#8211; viele Filme erz\u00e4hlen, wie ein Chor\nMenschen ver\u00e4ndern kann. Die eigene Stimme h\u00f6ren, die Lebendigkeit des K\u00f6rpers\nwahrnehmen. Unter gr\u00fcnen Baumd\u00e4chern walken und beobachten, wie das Licht die\nFarben ver\u00e4ndert. Sich bewegen und die Kraft im eigenen K\u00f6rper sp\u00fcren. Oder\nLesen und in eine andere Welt versinken. Und lachen. Lachen entspannt und\nbringt unsere Energie zum Flie\u00dfen. Wir f\u00e4nden aber am besten aus\nBelastungssituationen heraus, <em>wenn wir\nwieder sp\u00fcren, dass wir die Lust und die Kraft haben, Ziele zu erreichen, uns\nselbst und unsere Umwelt zu ver\u00e4ndern. <\/em>sagt Horst Kr\u00e4mer (2010), der ein\nBuch \u00fcber Soforthilfe bei Stress und Burnout geschrieben hat. Letztlich kommt\nes darauf an, <em>eine neue Balance zu finden\nzwischen Anspannung und Entspannung. Zwischen F\u00fcrsorge und Selbstsorge<\/em>. So\nkann jeder und jede dazu beitragen, dass unser soziales Miteinander sich\nver\u00e4ndert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pflege und Palliative-Care in Corona-Zeiten. Bremen, \u201eLeben und Tod\u201c 2020 1. Masken und Heldinnen \u201eBitte ziehen Sie zuerst die Atemmaske&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5264\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":502,"menu_order":89,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5264","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5264"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5264"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5264\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5266,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5264\/revisions\/5266"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}