{"id":523,"date":"2015-02-20T13:51:24","date_gmt":"2015-02-20T13:51:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=523"},"modified":"2015-07-29T10:17:52","modified_gmt":"2015-07-29T10:17:52","slug":"kindheit-in-deutschland-ein-armutszeugnis","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=523","title":{"rendered":"Kindheit in Deutschland \u2013 ein Armutszeugnis?"},"content":{"rendered":"<p>Advent und Weihnachten ist die Zeit der Kinder. Wir erinnern uns an Maria, eine Frau von ganz unten, die sich selbst eine Magd nennt. Sie war nicht verheiratet, als sie mit Jesus schwanger wurde, und sie f\u00fcrchtete sich vor dem, was kam. Und trotzdem hatte sie die Gewissheit, dass dieses Kind von Gott kam. Und sie nahm es an. Die Adventszeit lebt davon, dass Kinder ihren Platz bekommen und dass Hunrige satt werden. Wir kommen von Sankt Martin her und gehen auf Nikolaus zu, den Festtag des Heiligen, der auch den armen Kindern den Stiefel f\u00fcllt. Wir freuen uns auf das Kind in der Krippe, das die Weisen anbeteten. Wir warten auf die Sternsinger und die Kinderk\u00f6nige in Hamburg. Weihnachten ist f\u00fcr immer mit der W\u00fcrde des Kindes verbunden \u2013 und mit der Hoffnung auf eine gerechten Welt. Einer Welt, In der jedes Kind das gleiche Recht auf Gesundheit und Erziehung, auf Spiel und Bildung hat, gleich ob es in einer armen oder wohlhabenden Familie geboren wurde. In der jedes Kind die gleiche W\u00fcrde hat , gleich ob es j\u00fcdisch, christlich oder muslimisch ist.<\/p>\n<p>\u201eJedes Kind hat ein Recht auf Fehler, auf Achtung, auf Versagen und auf Erziehung\u201c hat der polnische Arzt Janusz Korczak geschrieben, der einst ein j\u00fcdisches Waisenhaus in Warschau leitete und 1942 mit den Kindern ins Vernichtungslager nach Treblinka ging. Freiwillig, weil er seine Kinder in den schlimmsten Stunden nicht verlassen wollte. Er hat nicht nur B\u00fccher \u00fcber P\u00e4dagogik geschrieben, er war auch Kinderbuchautor. Eines seiner sch\u00f6nsten B\u00fccher hei\u00dft : \u201eK\u00f6nig H\u00e4nschen der Erste\u201c.<\/p>\n<p>Das Zitat von Korczak steht als Motto \u00fcber dem Buch: \u201eArme Kinder \u2013reiches Land\u201c, das Huberta von Voss k\u00fcrzlich herausgegeben hat. Was sie da erz\u00e4hlt, nennt sie selbst \u201eein Armutszeugnis\u201c. Sie erz\u00e4hlt von Kindern , die morgens hungrig zur Schule gehen und beim Klassenausflug zu Hause bleiben m\u00fcssen, von Misshandlungen und Zwangsr\u00e4umung im Kinderzimmer. Die Autorin hat Jugendliche besucht, die keinen anderen Weg sehen, als sich die Dr\u00f6hnung zu geben oder auf der Stra\u00dfe zu leben. Sie berichtet von Kindern, die 100 Kilo wiegen, weil sie nicht haben, was sie wirklich satt macht\u2013 von Ohnmacht und Lethargie und von dem Gef\u00fchl, wie Treibgut zu sein. Huberta von Voss formuliert am Ende einen Traum: Dass alle Kinder, unabh\u00e4ngig von ihrer sozialen und nationalen Herkunft eine faire Chance bekommen, ihre Talente zu entdecken und zu entwickeln. Auch Maria, die Mutter Jesu \u2013 an die wir in diesen Adventstagen denken, hat einen solchen Traum: im Magnificat, dem ersten Adventslied, tr\u00e4umt sie von einer Zukunft, in der die Hungrigen satt werden und Reichtum und Armut ihre Bedeutung verlieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kinderreichtum \u2013 Kinderarmut<\/strong><\/h3>\n<p>2,6 Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut. Das ist nicht das Problem einer Randgruppe, wie wohl manche noch immer meinen \u2013 es geht uns alle an. Kinder, die auf der Stra\u00dfe leben , Kleinkriminelle, die noch gar nicht strafm\u00fcndig sind, schreien es laut oder stumm heraus: sie haben keinen Halt gefunden in dieser Gesellschaft und keine Vorbilder unter uns. Die vielen Jugendliche, die ohne Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz finden, m\u00fcssen uns wachr\u00fctteln: Wie lange wollen wir es uns noch leisten, eine so gro\u00dfe Zahl junger Menschen in die Transfersysteme gehen zu lassen, noch ehe sie etwas leisten konnten? Wie passt das zusammen mit der verbreiteten Klage dar\u00fcber, dass Deutschland zu wenig Kinder hat, um auf Dauer die Wirtschaftskraft und damit das Wohlstandsniveau zu sichern? In den letzten Jahren hat das Familienministerium Programme aufgelegt, um diesen so genannten demographischen Wandel zu stoppen: das Kinderf\u00f6rderungsgesetz mit dem Ausbau der Tagesreinrichtungen, das Elterngeld f\u00fcr berufst\u00e4tige V\u00e4ter und M\u00fctter. Und tats\u00e4chlich hat ein Wandel eingesetzt: die Einf\u00fchrung des Elterngelds hat Frauen geholfen, auf eine Berufskarriere zu setzen und sich trotzdem f\u00fcr ein Kind zu entscheiden. Die Frauenerwerbsquote liegt in Deutschland inzwischen bei 64%- Teilzeitbesch\u00e4ftigungen eingerechnet. Das Elterngeld macht V\u00e4tern m\u00f6glich, nicht nur der Erwerbsvater zu sein, sondern auch ein Erzieher. Die Situation von Alleinerziehenden ist allerdings noch immer schwierig, Bis heute sind ja die Regelzeiten von Tageseinrichtungen und Schulen oft nicht aufeinander abgestimmt, die \u00f6ffentliche Infrastruktur ist hierzulande nicht so ausgebaut, dass eine Vollzeitbesch\u00e4ftigung m\u00f6glich ist. Das Kinderf\u00f6rderungsgesetz, die Programme f\u00fcr Ganztagsschulen sind aber doch ein Anfang. Mehr als wir \u00fcber lange Zeit wahrhaben wollten, sind Familienpolitik, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik verschr\u00e4nkt. Gute Tageseinrichtungen k\u00f6nnen auch arbeitslosen Eltern einen beruflichen Wiedereinstieg erm\u00f6glichen. Das ist wichtig, denn f\u00fcr \u00c4rmere, sprich vor allem f\u00fcr Arbeitslose, gibt es nach Einf\u00fchrung des Elterngeldes nur noch ein \u201eRestelterngeld\u201c von 300 Euro, das auch nur f\u00fcr 12 Monate und nicht, wie das fr\u00fchere Erziehungsgeld, f\u00fcr zwei Jahre. Der Aufbruch ist mit K\u00fcrzungen bei den \u00c4rmsten und ihren Kindern verbunden.<\/p>\n<p>Diesen Kindern ist Huberta von Voss nachgegangen. Sie hat die Arche in Berlin besucht und erz\u00e4hlt, wie dort einmal im Monat mit allen Kindern gefeiert wird, die Geburtstag hatten, weil ihre Eltern selbst das vergessen. Sie hat die Anlaufstellen der Tafeln besucht \u2013 600 gibt es inzwischen in Deutschland, vor allem auch die Kindertafeln. Sie erz\u00e4hlt von Kindern, die bis mittags nichts zu essen haben, die ohne Unterw\u00e4sche in die Arche kommen und nicht zum Arzt gebracht werden, wenn ihnen der Eiter aus den Ohren l\u00e4uft. Kinder, bei denen es am N\u00f6tigsten fehlt. Vor allem aber an Halt und Wurzeln in ihren Familien und an Tr\u00e4umen, die einen Menschen auf der Suche nach seinem Platz im Leben befl\u00fcgeln k\u00f6nnen. 2, 6 Mio. Kinder haben Ende 2006 in Familien gelebt, die von Hartz IV leben mussten, hinzu kommen die Kinder aus Fl\u00fcchtlings- und Asylfamilien- die Nationale Armutskonferenz spricht insgesamt von 3 Millionen. Ihre Chancen auf einen guten Schulabschluss sind deutlich geringer als die von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht. Nur sechs von hundert Arbeiterkindern beginnen ein Hochschulstudium, w\u00e4hrend neunundvierzig von hundert Gymnasiasten aus einkommensstarken Familien eine Universit\u00e4t besuchen. Warum schaut offenbar niemand auf die Potenziale dieser Kinder? Warum wird nicht forciert eine Strategie verfolgt, die sich in der Schlagzeile zusammenfassen lie\u00dfe: \u201eAus Sozialhilfeempf\u00e4ngern m\u00fcssen Ingenieure werden?\u201c, fragt Prof. Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.<\/p>\n<p>Umgekehrt gilt n\u00e4mlich: Wem es nicht gelingt, sich in m\u00f6glichst fr\u00fch gut zu qualifizieren, der kann unter heutigen Leistungsanforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft nicht mithalten; der ist vor allem nicht in der Lage, einen Arbeitsplatz zu erhalten. Rund 64 Prozent alle Sozialhilfeempf\u00e4nger haben keinen Schulabschluss oder sind Hauptschulabg\u00e4nger. Auch die Realeinkommen der Geringverdiener sind, so eine Studie der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, in den letzten 12 Jahren um 14% gesunken. 5,6 Millionen Besch\u00e4ftigte arbeiten zur Zeit im Niedriglohnsektor. Eine gro\u00dfe Zahl von ihnen ist auf zus\u00e4tzliche Mittel aus dem SGB II angewiesen. Aber auch teilzeitbesch\u00e4ftigte M\u00fctter oder V\u00e4ter sind Aufstocker und brauchen die Mittel vom Jobcenter. Erwerbslosigkeit und Kinderrreichtum sind die gr\u00f6\u00dften Risikofaktoren f\u00fcr Armut. Je mehr Kinder, je niedriger der Bildungsstand, je instabiler die Familie, desto h\u00f6her die Gefahr, dass M\u00fctter und V\u00e4ter auch mit Einkommen an die Armutsgrenze geraten. Bei Familien mit zwei oder mehr Kindern reicht ein Durchschnittseinkommen (2007: 30.000 Euro) trotz Kindergeld nicht, um oberhalb des steuerlichen Existenzminimums leben zu k\u00f6nnen. Vor allem Alleinerziehende und Familien mit Migrationshintergrund weisen ein erh\u00f6htes Armutsrisiko auf. Und dabei muss man wissen; ein Drittel der Kinder unter 6 Jahren kommt inzwischen aus Familien mit Migrationshintergrund. Rund ein Viertel dieser Familien ist von Armut betroffen. Und wie sich ein niedriger Bildungsstatus in Armut ausdr\u00fcckt, so schlagen sich umgekehrt prek\u00e4re Verh\u00e4ltnisse Bildungsstatus nieder. Kinder t\u00fcrkischer Herkunft zu einem hohen Anteil in Hauptschulen vertreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Grundsicherung und Grundversorgung<\/h3>\n<p>Was muss geschehen, um den Kindern der \u00c4rmsten dabei zu helfen, ihre M\u00f6glichkeiten zu entfalten und aufrecht zu gehen? Wir brauchen eine eigenst\u00e4ndige, verl\u00e4ssliche Grundsicherung f\u00fcr Kinder. 60% des Sozialhilfe-Regelsatzes f\u00fcr ein Kind (also 211 Euro), 80% f\u00fcr einen Jugendlichen (also 281 Euro ) wie derzeit \u2013 das ist zu wenig. Mit 3,42\u20ac pro Tag l\u00e4sst sich ein Teenager kaum satt bekommen. In diesen Hartz-IV-S\u00e4tzen ist bislang kein Ansatz f\u00fcr Bildung enthalten. Der Besuch einer Gesamtschule oder eines Gymnasiums ist aber heute oft mit Zusatzkosten verbunden \u2013 nicht nur f\u00fcr B\u00fccher und Mittagessen, auch f\u00fcr Computer und Kinobesuche. Wer gar als Hartz-IV-Empf\u00e4nger seinem Kind Nachhilfe verschaffen will, wird ganz schnell an finanziellen Grenzen scheitern, es sei denn, er verf\u00fcgt \u00fcber zus\u00e4tzliche Unterst\u00fctzung von Gro\u00dfeltern oder Verwandten, die diese Aufgabe \u00fcbernehmen. Seit der Ver\u00f6ffentlichung des Armuts- und Reichtumsbericht in diesem Sommer sind einige wichtige Schritte getan worden &#8211; die Initiative zur Erh\u00f6hung des Kindergelds, zus\u00e4tzliche Mittel f\u00fcr ein Schulbedarfspaket zum Schuljahrsanfang f\u00fchren in die richtige Richtung. Leider ist aber in den meisten Bundesl\u00e4ndern noch immer keine Lernmittelfreiheit gegeben. Damit wird der Aufstieg von Kindern aus den unteren Einkommensgruppe strukturell erschwert.<\/p>\n<p>Kinder, die in armen Familien aufwachsen, haben nicht nur weniger Zugang zu Bildung. Sie werden auch schlechter ern\u00e4hrt, sie leben in beengten Verh\u00e4ltnisse, in Wohnvierteln mit schlechter Infrastruktur, wo die Schwimmb\u00e4der geschlossen sind und Spritzen in den Parks rum liegen. Sie haben weniger Entfaltungsraum, sie haben weniger soziale Kontakte zu Gleichaltrigen und geh\u00f6ren seltener zu Gruppen wie Sportvereinen und Jugendverb\u00e4nden. Solche Kinder sind durch Probleme in ihren Familien st\u00e4rker psychisch belastet, aber schlechter gesundheitlich versorgt. Esst\u00f6rungen, Bewegungsmangel, \u00dcbergewicht kommen h\u00e4ufiger vor. Ihre Eltern sind zumeist selbst so belastet, dass sie ihren Kindern weniger Unterst\u00fctzung zur Bew\u00e4ltigung des Alltags und weniger Hilfe in Krisensituationen geben k\u00f6nnen. N\u00e4he und Geborgenheit sind aber wichtige Voraussetzungen, damit Selbstvertrauen wachsen kann. So wird \u00e4u\u00dfere Armut zur inneren Armut. Ein geringeres Selbstbewusstsein, geringere Frustationstoleranz, weniger Hoffnung, das Leben zu meistern, machen aus einer Niederlage ein Versagen. Wer immer wieder vor verschlossenen T\u00fcren steht, h\u00f6rt irgendwann auf, gegen die Wand zu laufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Jeder wird gebraucht.<\/h3>\n<p>In Deutschland hat ein Ausbildungsabschluss f\u00fcr den erfolgreichen Start ins Berufsleben und den Verbleib im ersten Arbeitsmarkt gro\u00dfe Bedeutung. Je geringer die formale Bildungsqualifikation, desto schlechter die Position auf dem Arbeitsmarkt. Trotzdem verlassen acht bis zehn Prozent aller Schulabg\u00e4nger die Schule ohne Schulabschluss. Ungef\u00e4hr f\u00fcnfzehn Prozent aller Jugendlichen bleiben ohne Ausbildung, bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind es sogar 49 Prozent. Weit \u00fcber eine Million Jugendliche zwischen 20 und 29 Jahren haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Viele davon arbeiten heute im Niedriglohnbereich.<\/p>\n<p>\u201eHoffnungslose F\u00e4lle k\u00f6nnen wir uns nicht erlauben\u201c, hat der Pr\u00e4sident des finnischen Zentralamtes f\u00fcr Unterrichtswesen gesagt. Das bestechende an der Bildungsphilosophie des PISA-Siegers Finnland ist diese \u00dcberzeugung: \u201eKeiner darf verloren gehen.\u201c Sp\u00e4testens der demographische Wandel, die \u00dcberalterung oder besser, die Unterj\u00fcngung unserer Gesellschaft sollte uns bewusst machen, wie kostbar junge Menschen sind. Jede Sch\u00fclerin und jeder Sch\u00fcler muss so gef\u00f6rdert werden, dass sie zumindest einen mittleren Leistungsstandard erreichen. Eine gestufte Integration ist n\u00f6tig, die sich an den M\u00f6glichkeiten der Kinder orientiert. Das gilt auch f\u00fcr lernschwache oder leicht behinderte Kinder, die hierzulande oft auf so genannte F\u00f6rderschulen geschickt werden. In Finnland hat in den ersten Schuljahren keine Lehrkraft die M\u00f6glichkeit, schw\u00e4chere Sch\u00fcler an die n\u00e4chst niedrigere Schule abzugeben.<\/p>\n<p>Unser Bildungssystem ist zwar durchl\u00e4ssig, aber \u00fcberwiegend nach unten. Auf einhundert Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen, die absteigen, kommen h\u00f6chstens elf, die aufsteigen. Beim \u00dcbergang von der Grundschule zu den weiterf\u00fchrenden Schulen wird die Messlatte f\u00fcr Kinder aus benachteiligten Milieus fast um ein Drittel h\u00f6her gelegt als f\u00fcr ihre Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler. Bei einer Untersuchung der Berliner-Humboldt-Universit\u00e4t waren Ende der 90er Jahre mehr als 13.000 Hamburger Kinder beim \u00dcbergang in die weiterf\u00fchrende Schule beobachtet worden. Das Ergebnis: Je h\u00f6her die Ausbildung der Eltern, desto besser schnitten die Kinder ab. Lehrer beurteilten die Leistungen von Kindern aus bildungsarmen Elternh\u00e4usern schlechter Die Benachteiligung bildungsferner Kinder greift auch dann, wenn vergleichbare Leistungen erbracht werden und verhindert Empfehlungen zum Besuch der weiterf\u00fchrenden Schule. Nach einer anderen Untersuchung erhalten fast die H\u00e4lfte aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler nach der vierten Klasse falsche Schulempfehlungen (IGLU, Wilfried Bos). Deutschland ist Weltmeister im Aussortieren. \u201eDie einen h\u00e4ufen Bildung an, die andern fallen raus\u201c, sagt Eckart Klieme, einer der Autoren des Bildungsberichts. Einige sammeln Zeugnisse und Diplome, andere sammeln Niederlagen, schw\u00e4nzen und verabschieden sich dauerhaft aus dem Klassenzimmer. Das ist eine Bankrotterkl\u00e4rung, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht Denn wer andere verloren gibt, wird selbst zum Verlierer. Wer an den Kindern spart, wird in Zukunft verarmen Jeder braucht das Recht auf einen Hauptschulabschluss. Und Schulen, deren Besuch bereits als so diskriminierend erlebt wird, dass er weitere Zug\u00e4nge versperrt, m\u00fcssen sich \u00e4ndern. Nicht nur \u00fcber die Hauptschule, auch \u00fcber die deutschen Sonderschulen- oder F\u00f6rderschulen muss diskutiert werden. Viel zu oft landen Kinder von Einwanderern nur deshalb auf Sonderschulen, weil sie noch nicht gen\u00fcgend Deutsch sprechen.<\/p>\n<h3>Kinder brauchen Ansprechpartner<\/h3>\n<p>Die unausgesprochenen Erwartungen an das, was die Kinder eigentlich mitbringen m\u00fcssten, wenn die Schule beginnt \u2013 an Sprache und Kultur, an Spielen und Vorlesezeit, sollten endlich benannt werden. Dazu geh\u00f6rt auch die F\u00e4higkeit, sich selbst helfen zu k\u00f6nnen, um Hilfe bitten zu k\u00f6nnen und sich selbst als wirksam erleben zu k\u00f6nnen. Wo Kinder Defizite mitbringen, da brauchen sie n\u00e4mlich schon im Kindergarten Einzelf\u00f6rderung und kleine Gruppen. Jedes Kind eine Evaluation seiner pers\u00f6nlichen Lernfortschritte- beginnend mit dem vorschulischen Lernen. Dazu ist eine Bildungspartnerschaft nicht nur zwischen Eltern, Erziehern und Lehrern, sondern auch \u00fcber die verschiedenen Schulstufen hinweg n\u00f6tig. Nur in einem verl\u00e4sslichen Netz ist auch sozial schw\u00e4cheren Kindern zu helfen.<\/p>\n<p>Kinder Ansprechpartner und Vorbilder, die ihnen etwas zutrauen und anvertrauen. Sie brauchen Orte, wo sie lernen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, sich zu engagieren und sich f\u00fcr andere einzusetzen. Nicht zuletzt durch die Medien erleben Kinder und Jugendliche eine Vielfalt von Werteoptionen. Alles schein m\u00f6glich, aber allgemeine Regeln fehlen. Problematisch wird das, wenn Eltern und Erzieher nicht mehr in der Lage sind, Regeln zu setzen, an denen man sich reiben kann. Familien, Vereine, Kirchengemeinden und Schulen m\u00fcssen zu mehr Partnerschaftlichkeit finden und Kindern, die es schwerer haben, gemeinsam helfen, ihren Weg zu finden. Die Lebensgeschichten von Migrantenkindern, die sich gegen manche Widerst\u00e4nde schulisch und beruflich durchsetzen konnten, zeigen, dass Lehrer und Lehrerinnen, Nachbarn und andere Mentoren dabei eine wichtige Rolle spielen. Durchg\u00e4ngig werden diese Kinder nur eine Chance haben, wenn die Vers\u00e4ulung in unserem Bildungssystem \u00fcberwunden wird und eine Ganztagsschule mit Mittagstisch und Nachmittagsangeboten eingef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Ein besseres Bildungssystem ist ein Schritt in diese Richtung. Allein wird es die Armutsproblematik nat\u00fcrlich nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen. Die wirtschaftliche Zukunft bleibt abh\u00e4ngig von Arbeitsm\u00e4rkten und damit von realistischen Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten. Wenn schon im Schulalltag deutlich ist, dass Kinder nur wenige Chancen haben, \u00fcberhaupt eine Lehrstelle zu erhalten und dann noch weniger einen angemessenen Arbeitsplatz, dann l\u00e4sst die Leistungsmotivation schnell nach. Nach einer UNICEF-Untersuchung rechnen mehr als 30 Prozent der Industriestaaten in den entwickelten L\u00e4ndern damit, dass sie nur einem gering bezahlten Job nachgehen werden. Das ist nicht so unrealistisch \u2013 wenn wir die Armuts- und Bildungsl\u00fccke nicht schlie\u00dfen, wird unsere Gesellschaft schon bald 20 Prozent Menschen haben, die einfach abgeh\u00e4ngt sind. Wo Arbeitspl\u00e4tze fehlen oder wo sie so schlecht bezahlt, dass es sich eigentlich nicht lohnt, sich f\u00fcr sie anzustrengen, kann ein Bildungssystem allein nichts reparieren. Was Lehrer und Erzieher aber k\u00f6nnen, ist Menschen ihre W\u00fcrde zur\u00fcckgeben. Eine Seele geht zugrunde, wenn sie kein Ziel hat, hat der franz\u00f6sische Philosoph Pascal einmal geschrieben. Wer Kinder einl\u00e4dt zum Spielen, zum Lernen, zum Tr\u00e4umen, wer ihnen biblische Geschichten erz\u00e4hlt, mit ihnen Nikolaus und Sankt Martin feiert, der gibt ihnen ein Ziel und macht ihr Leben heller, wie d\u00fcster die Wirklichkeit auch immer aussehen mag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Heinrich und Jessica: Hamburgs wahres und geheimes Volksleben<\/h3>\n<p>Im Jahr 1832 erschien ein Buch unter dem Titel \u201eHamburgs wahres und geheimes Volksleben\u201c. Der Autor war Johann Hinrich Wichern, der Erfinder des Adventskranzes. Hamburgs geheimes Volksleben \u2013 das war die Armut, von der damals keiner wissen wollte. Wichern schrieb \u00fcber Unterern\u00e4hrung, Wohnungsnot und mangelnde Hygiene, \u00fcber Bildungsmangel, Kindesvernachl\u00e4ssigung und Gewalt. Er erz\u00e4hlte von Heinrich und August, die unterern\u00e4hrt und ohne W\u00e4sche, klappernd vor Frost mit neun Personen auf zwei Zimmern wohnten. Wichern, der bekannte Sozialreformer, wurde selbst als \u00e4ltestes von sieben Geschwistern in einfachen Verh\u00e4ltnissen geboren; er wusste, wovon er sprach. Seine diakonische Arbeit begann er als Oberlehrer in einer Sonntagsschule in Sankt Georg. Das ist das Milieu, aus dem seine Berichte stammten. Diesen Kindern, die damals w\u00e4hrend der Woche arbeiten mussten, brachte er neben dem Religionsunterricht auch Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Um seine Sch\u00fcler zu verstehen, machte er Hausbesuche. Sein Buch erz\u00e4hlt von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus bei den Erwachsenen, Hunger und Krankheit bei den Kindern \u2013 und es ist erschreckend, zu sehen, dass manche Berichte von Huberta von Voss ganz \u00e4hnliche Zust\u00e4nde schildern. Trotz Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, trotz statistischer Daten und Bildzeitungsschlagzeilen.<\/p>\n<p>Heinrich und August von heute hei\u00dfen Kevin, Jessica und Lea Sophie. Eine wachsende Zahl von Kindern musste in den letzten Jahren wegen des Verdachts auf Misshandlung, Vernachl\u00e4ssigung und sexuellem Missbrauch in die Obhut der Jugend\u00e4mter genommen werden. Um sie zu sch\u00fctzen, entstehen nun neue gemeinwesenorientierte Fr\u00fchwarnsysteme. \u00c4rzte, Hebammen und Familienpflegerinnen sollen enger mit Krippen, Tageseinrichtungen oder Beratungsstellen zusammen arbeiten. Auch Kirche und Diakonie engagieren sich und bringen ihre Erfahrungen ein. Die Arche\u201c-H\u00e4user von Bernd Siggelkow sind die Rettungsh\u00e4user unserer Zeit, in der Kinder viel von dem finden, das ihren inneren und \u00e4u\u00dferen Hunger stillt. Ein warmes Mittagessen, aber auch Raum zum Reden, Spielen und Schulaufgaben machen. Schon Wichern wusste: Kinder brauchen best\u00e4ndige, liebevolle Beziehungen. um emotionale Sicherheit zu gewinnen und lernen zu k\u00f6nnen. Sie brauchen R\u00e4ume, in denen sie sich sicher und respektiert f\u00fchlen k\u00f6nnen, damit sie ihre eigenen Entdeckungen machen k\u00f6nnen. Kinder sind auf stabile Gemeinschaften angewiesen, in denen man das Erlebte gemeinsam teilt. Sie brauchen das Vertrauen in die Zukunft, um Herausforderungen anzunehmen und Mut zum Handeln zu finden. Und eine Gemeinschaft, in der sie entdecken k\u00f6nnen, dass sie n\u00fctzlich sind.<\/p>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr die Kinder in der Arche \u2013 es gilt auch f\u00fcr die, die mitten unter uns leben. In gewisser Weise braucht jeder Ort und jeder Stadtteil eine Arche. Ein Familienzentrum, eine Schule, die wie ein Community-Center arbeitet und den Zugang zur Bildung f\u00fcr sozial schw\u00e4chere Familien erleichtert. Damit Eltern arbeiten k\u00f6nnen, gerade auch allein erziehende M\u00fctter, m\u00fcssen Tageseinrichtungen, Schulen und Berufszeiten wirklich miteinander vereinbar sein. Auch Kirchengemeinden k\u00f6nnen dazu beitragen, wenn ihr Kindergarten zum Familienzentrum wird, wenn die Kinder- und Jugendarbeit und die Familienbildungsst\u00e4tte F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten anbieten- von Sport- und Kunst Nachhilfeunterricht bis zu Paten f\u00fcr sozial schwache Familien. Gerade in sozialen Brennpunkten m\u00fcssen die Mittel, die durch den demographischen Wandel frei werden, genutzt werden, um Krippen zu schaffen, die Gruppengr\u00f6\u00dfen zu verkleinern und eine besondere F\u00f6rderung zu erm\u00f6glichen. Manche Einrichtungen schaffen heute schon zus\u00e4tzliche Kleiderkammern und Spielzeugl\u00e4den. In anderen allerdings wird immer noch Essensgeld zus\u00e4tzlich zum Kindergartenbeitrag erhoben-. Das erh\u00f6ht die Zugangsschwelle ,ja, es hat dazu gef\u00fchrt, dass Kinder abgemeldet werden, weil dieser Betrag vom Sozialamt nicht mehr zus\u00e4tzlich zu erhalten ist sondern in der Gesamtpauschale enthalten sein soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Was wir brauchen, liegt offen zu Tage<\/h3>\n<p>Dass Wichern sein Buch \u00fcber Hamburgs geheimes und wahres Volksleben publizierte, war damals ein Durchbruch. Auch ihm verdanken wir, dass Armut kein Tabu mehr ist. Kirchen und Wohlfahrtsverb\u00e4nden haben mit daf\u00fcr gesorgt, dass es inzwischen regelm\u00e4\u00dfige Reichtums- und Armutsberichte gibt. Mehrere Kirchen und Diakonische Werke haben in den letzten Jahren Fonds zur Armutsbek\u00e4mpfung aufgelegt auch die Hannoversche Landeskirche. Mit Projekten wie Kinderkleiderkammern, Initiativen f\u00fcr gesundes Mittagessen, Schult\u00fcten oder Lernmittell\u00e4den haben sie wesentlich dazu beigetragen, ein pr\u00e4ventives Netz zu schaffen, noch bevor Rechtsanspr\u00fcche durchgesetzt werden konnten. Gemeinden sind aber vor allem Orte der Begegnung zwischen Generationen und Gesellschaftsschichten, mit Schulen und Unternehmen. Mit ihren Tageseinrichtungen und Gemeindeh\u00e4usern sind sie Kontaktpl\u00e4tze, an denen neue Initiativen entstehen k\u00f6nnen. Das Ziel ist klar : wir brauchen eine Gesellschaft, in der die W\u00fcrde jedes Kindes geachtet wird. \u201eEine gerechte Gesellschaft muss so gestaltet sein, dass m\u00f6glichst viele Menschen in der Lage sind, ihre Begabungen sowohl zu erkennen und auszubilden, um sie produktiv f\u00fcr sich selbst und andere einzusetzen\u201c, hei\u00dft es in der EKD-Denkschrift \u201eGerechte Teilhabe\u201c.<\/p>\n<p>Von den politischen Schritten dahin habe ich in diesem Vortrag gesprochen: wir brauchen ein durchl\u00e4ssigeres Schulsystem, das Aufstieg erm\u00f6glicht, das Recht auf einen Hauptschulabschluss, mehr Ganztagsschulen und bessere Vereinbarkeit, eine verl\u00e4ssliche Grundsicherung f\u00fcr jedes Kind. Vor allem aber brauchen wir tragende Netze und Gemeinschaften, die Kindern Halt und Regeln geben.\u201e Keiner darf verloren gehen\u201c, das geht alle Institutionen in einer Kommune an, das geht uns alle an. In wenigen Tagen feiern wir wieder Sankt Martin. In der rheinischen Kleinstadt, in der ich l\u00e4nger gelebt habe, waren alle Fenster erleuchtet, wo der Martinszug herkam. Jeder stellt sein Licht aus und jeder sorgte mit daf\u00fcr, dass jedes Kind eine T\u00fcte bekam. Und was das beste war: alle hatten dabei das Gef\u00fchl von Heimat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Advent und Weihnachten ist die Zeit der Kinder. 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