{"id":516,"date":"2015-02-20T13:36:11","date_gmt":"2015-02-20T13:36:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=516"},"modified":"2015-07-29T10:13:19","modified_gmt":"2015-07-29T10:13:19","slug":"verpflichtet-zur-selbstsorge-angewiesen-auf-solidaritaet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=516","title":{"rendered":"Verpflichtet zur Selbstsorge \u2013 Angewiesen auf Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<h3>Alte Menschen in der Kirchengemeinde<\/h3>\n<p><strong>1.<\/strong> Der demographische Wandel, die Ver\u00e4nderungen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt im Kontext der Globalisierung, die damit verbundenen Herausforderungen f\u00fcr die sozialen Si-cherungssysteme und der Wandel von Geschlechterrollen und Familien ver\u00e4ndern auch die Kultur des Miteinanders in unserer Gesellschaft. Einerseits steigt der Bedarf an sozialen, p\u00e4dagogischen und gesundheitlichen Dienstleistungen in Erziehung und Pflege, andererseits sto\u00dfen Professionalisierung und \u00d6konomisierung personell wie finanziell an ihre Grenze. In dieser Situation setzt die Sozialpolitik mehr und mehr auf Eigenverantwortung und Selbst-sorge, auf Selbsthilfe und Nachbarschaftsarbeit. Von der Riester-Rente bis zur Diskussion um den Aufbau eines Kapitalstocks in der Pflegeversicherung, vom Entstehen der Mehrgenerationenh\u00e4user \u00fcber den Pflege-T\u00dcV und die Pflegeberatung bis hin zu neuen Curricula f\u00fcr Alltagshilfen ist zu beobachten, was f\u00fcr die \u00e4ltere Generation bedeutet.<\/p>\n<p><strong>2.<\/strong> Wer berufliche Qualifikationen erworben und gut verdient hat, wird diesen Paradigmenwechsel nicht als bedrohlich erleben. Diese Menschen leben zumeist von gut ausk\u00f6mmlichen Renten oder Pensionen, sie hatten lebenslang eine gute Gesundheitsversorgung, haben wahrscheinlich auf Sport und Ern\u00e4hrung geachtet, vor allem aber in dem Bewusstsein gelebt, ihr Leben gestalten zu k\u00f6nnen. Wer \u00fcber ein gut gekn\u00fcpftes soziales Netz verf\u00fcgt, eine stabile Familie, ehemalige Kollegen, Vereinskameraden, und Freunde am Ort hat, wird den neuen Herausforderungen mit Energie und Gelassenheit begegnen. Eigenverantwortung und Selbstsorge setzen Vertrauen in die eigenen Kompetenzen, in die Hilfe von Partnern und Freunden, in Organisationen und Institutionen voraus \u2013 Selbstvertrauen also und das Grundgef\u00fchl, sich auf andere verlassen zu k\u00f6nnen. Wer \u00fcber diese Kr\u00e4fte verf\u00fcgt, setzt sich auch selbst f\u00fcr andere ein \u2013 in Familie, Vereinen und Kirchengemeinden. Gerade in den Gemeinden ist die Beteiligung \u00e4lterer Ehrenamtlicher weit \u00fcberdurchschnittlich hoch. \u00c4ltere Menschen besuchen nicht nur Gruppen und Gottesdienste, sie sind \u201eLeih-Oma\u201c und Lese-lernhelfer, Ausbildungsbildungsbegleiter oder Mitglieder von Besuchsdiensten. Sie tragen die Gemeinde oft \u00fcber Generationen.<\/p>\n<p><strong>3.<\/strong> Selbstsorge und Solidarit\u00e4t stehen in einem Wechselverh\u00e4ltnis. Das sp\u00fcrt jeder von uns im Krankheitsfall, wenn die Kr\u00e4fte zur Selbstsorge nachlassen \u2013 wenn wir nicht mehr in der Lage sind, f\u00fcr die eigene Pflege und Ern\u00e4hrung zu sorgen, soziale Beziehungen aufrechtzu-erhalten oder die eigene Wohnung in Ordnung zu halten. \u00c4ltere und gebrechliche Menschen geraten leichter in eine solche Situation; das ist bedrohlicher, wenn weder eigene Kinder noch Freunde zur Unterst\u00fctzung da sind. Dann m\u00fcssen professionelle Dienstleister f\u00fcrsorglich einspringen \u2013 sie sollten es aber so tun, dass die eigenen Kr\u00e4fte erhalten und wieder gest\u00e4rkt werden. Dazu ist mehr notwendig als reine K\u00f6rper- oder Behandlungspflege. Die Leistungen, die von der Pflegeversicherung bezahlt werden, k\u00f6nnen die Not nur bedingt wenden. Nicht nur, weil die Pflegeversicherung keine \u201eVollkasko-Versicherung\u201c ist und die Eigenleistung der Pflegehaushalte nur erg\u00e4nzen will. Sondern auch, weil es in Krankheit und Lebenskrisen um mehr geht, als um das Nachlassen der k\u00f6rperlichen Kr\u00e4fte. Es geht um Identit\u00e4t und W\u00fcrde, um die eigene Geschichte, die erschreckende Erfahrung, dass die privaten Beziehungsnetze durchl\u00f6chert sind. Deshalb sind neben der Pflege Alltagshilfen, Begegnungen und Gespr\u00e4che notwendig, um die eigenen Kr\u00e4fte wieder zu st\u00e4rken. Die Frage nach Glauben und Gottvertrauen spielt dabei eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p><strong>4.<\/strong> Noch immer trauern viele um den Verlust der Diakonissen, die vom Kindergarten bis zur Altenpflege Motoren der Gemeindediakonie waren, ehrenamtliche Dienste begleiteten, und dabei eng mit dem Gemeindepfarramt verbunden waren. Sie kn\u00fcpften ein vielf\u00e4ltiges diakonisches Netz vor Ort, das mit dem professionellen Netz der Diakonissenanstalten, mit ihren Krankenh\u00e4usern und Heimen verbunden war. Sie kannten Familien und ihre Geschichte, private Lebenszusammenh\u00e4nge, soziale, finanzielle und auch geistliche N\u00f6te. Diese enge Verkn\u00fcpfung von Pflege, Nachbarschaft und Gemeinde vermittelte allen Beteiligten das Gef\u00fchl, eingebunden zu sein &#8211; in einen gr\u00f6\u00dferen Lebenskontext, aber auch in einen Glaubenszusammenhang mit Besuchen und F\u00fcrbitten. Heute sind Gemeinden kaum noch mit dem Gesundheitssystem verkn\u00fcpft &#8211; das gilt selbst dann, wenn die Gemeinde mit einer Sozialsta-tion in kirchlicher Tr\u00e4gerschaft zusammen arbeitet. Heil und Heilung werden nicht mehr als verbunden erlebt. Die \u201eAuswanderung der Diakonie aus der Kirche\u201c, die in den 60er und 70er Jahren mit dem wachsenden Wohlfahrtsstaat begann, hat in den letzten Jahren mit dem \u00f6konomisierten, sozialen Dienstleistungsmarkt ihren H\u00f6hepunkt erreicht. Zugleich ist klar: Wenn es nicht gelingt, das Gesundheits- und vor allem das Pflegesystem neu zu organisieren, k\u00f6nnte es in den n\u00e4chsten Jahrzehnten zum Kollaps der Dienste und Einrichtungen kommen. Denn angesichts der Erwartung, dass die Zahl derjenigen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen, sich bis 2040 um mehr als 60 Prozent erh\u00f6hen wird, m\u00fcsste sich die Zahl der Fachkr\u00e4fte mindestens verdoppeln. Das Pflegesetting der Zukunft kann deshalb nicht nur professionell und institutionell gedacht werden \u2013 auch dann nicht, wenn die Zahl der Migranten unter den Pflegenden deutlich w\u00e4chst. Es ist vielmehr n\u00f6tig, die starren Grenzen zwischen station\u00e4ren, teilstation\u00e4ren Einrichtungen und ambulanten Diensten auf-zuheben. Was kommen wird und muss, ist eine neue Kooperation zwischen Pflegefachkr\u00e4ften, Angeh\u00f6rigen und Freiwilligen.1- in der eigenen Wohnung wie in Pflegegruppen. Die Hospiz- und Palliative-Care-Bewegung ist Vorreiter f\u00fcr diese Entwicklung. Palliative Netze \u00fcberschreiten die Sektoren und arbeiten auch in der Sterbebegleitung alter Menschen multi-professionell mit Hauptberuflichen und Freiwilligen zusammen.2 Wo das gelingt, ist es auch wieder m\u00f6glich, dass Menschen da sterben, wo sie gelebt haben. Es sind diese Erfahrungen, die D\u00f6rner auf die Entwicklung des Dritten Sozialraums \u00fcbertragen hat.<\/p>\n<p><strong>5.<\/strong> Die Diskussion um die Reform unseres Gesundheitssystem klammert solche strukturellen Fragen zur Zeit aus. Sie dreht sich im Wesentlichen um Leistungskataloge, also um die materiellen Ressourcen \u2013 um diagnostische Ma\u00dfnahmen, Krankenhausaufenthalte, Reha-Ma\u00dfnahmen, Vertr\u00e4ge mit der Pharmaindustrie. Zugleich beklagen \u00c4rzte einen Mangel an \u201eCompliance\u201c, was die Einnahme verordneter Medikamente angeht \u2013 viele werden am Ende vernichtet. \u00c4rztinnen und \u00c4rzte brauchten mehr Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che. Und auch die Zeit, die Pflegende f\u00fcr ihre Patienten haben, ist angesichts wachsender Dokumentationspflichten immer knapper geworden. Therapeutische Berufe sind Beziehungsarbeit. Zwar wird kritisiert, dass Patientinnen und Patienten in Deutschland zu oft zum Arzt gehen, doch wird das Patientengespr\u00e4ch in unserem System so wenig gew\u00fcrdigt, dass es kaum zielf\u00fchrend sein kann. Dabei geht es nicht zuletzt darum, die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen: Alte Menschen brauchen eine andere Medizin als j\u00fcngere, Frauen eine andere als M\u00e4nner \u2013gar nicht zu reden von der wachsenden Zahl von Migranten aus anderen Kulturkreisen. Ge-sund zu bleiben oder wieder zu werden, vor allem aber mit chronischen Krankheiten leben zu lernen, auch im Alter auf die eigene Gesundheit zu achten und sich gut zu versorgen, das ist auch eine Frage der Rollenerwartungen und der Kultur.<\/p>\n<p><strong>6. <\/strong>Das Gutachten des Sachverst\u00e4ndigenrats der konzertierten Aktion im Gesundheitswesen von 2001 hat beschrieben, wie die Versicherten der Zukunft aussehen m\u00fcssten. Sie verf\u00fcgen \u00fcber ausreichend Erfahrung, um zu wissen, wann ihre Eigenhilfe ersch\u00f6pft ist, so dass sie professionelle Hilfe brauchen. Sie sind in der Lage, ihr Leben \u2013 auch mit einer chroni-schen Krankheit \u2013 mit Hilfe von \u00e4rztlicher und pflegerischer Unterst\u00fctzung selbst zu gestal-ten. Sie zeigen Verantwortungsbewusstsein gegen\u00fcber der Solidargemeinschaft und verste-hen, dass alle Entscheidungen in der Medizin immer auch Ermessenspielr\u00e4ume haben.3<br \/>\nKurz; sie begreifen ihre Gesundheit letztlich nicht als etwas, das ihnen \u201ezusteht\u201c, sie denken nicht, dass letztlich die Profis daf\u00fcr verantwortlich sind, sie kennen die Grenzen der \u201eMachbarkeit\u201c. Kurz: sie haben eine realistische Einsch\u00e4tzung der eigenen Kr\u00e4fte wie der eigenen Endlichkeit, vertrauen in die Hilfe anderer, verleugnen aber nicht die grunds\u00e4tzliche Gebrochenheit und Endlichkeit des Lebens. Man k\u00f6nnte aus dieser Beschreibung heraus lesen, dass alte Menschen bereit sein sollten, auf solche Leistungen zu verzichten, die ihre Lebensqualit\u00e4t nicht mehr wesentlich erh\u00f6hen, gleichwohl aber der Solidargemeinschaft teuer zu stehen kommen. Der Gedanke vom \u201esozialvertr\u00e4glichen Ableben\u201c ist dann nicht weit. Wer die Angewiesenheit von Menschen in Krisen und Krankheiten, vor allem aber im Sterbepro-zess leugnet, wer die Eigenverantwortung betont, wo Solidarit\u00e4t gefragt ist, und von \u201eKun-den\u201c spricht, wo wir es mit der asymmetrischen Abh\u00e4ngigkeit zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern zu tun haben, der wird leicht zynisch. In einer Situation, in der die Leistungen von Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung zur\u00fcck genommen werden und die private Belastung steigt, gilt es an dieser Stelle wachsam zu sein.<\/p>\n<p><strong>7.<\/strong> Wer mit offenen Augen in den Wohnquartieren unterwegs ist, der sieht bereits jetzt, dass die Zahl der \u00c4lteren, die mit wenig Einkommen leben oder vereinsamen, w\u00e4chst. Alte Menschen in der Kirchengemeinde brauchen mehr als einen Reinigungsservice, Essen auf R\u00e4dern oder gegebenenfalls ambulante Pflege. Sie brauchen Menschen, die Erfahrungen mit ihnen teilen. Eine Caring Community, eine Gemeinschaft der wechselseitigen Hilfe und Solidarit\u00e4t. Sie brauchen Stadtteilzentren mit kulturellen und sozialen Angebote in ihrer N\u00e4he, Orte, wo der Kontakt zu anderen Generationen erhalten bleibt. Sie wollen weiter gefragt und gefordert sein und w\u00fcnschen sich wie alle Menschen, dass die eigenen F\u00e4higkeiten und Begabungen zum Tragen kommen. Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe sind wichtige Motoren f\u00fcr ein aktives Altern. Sie bieten Teilhabechancen jenseits der Erwerbsarbeit. Weit \u00fcber die Kernfamilie hinaus k\u00f6nnen dabei neue Wahlverwandtschaften entstehen. Es wird Zeit, dass Gemeinden sich in diesem Sinne neu als Caring Communities entdecken. Eine neue Verkn\u00fcpfung von Gemeinde, Bildungsarbeit und sozialen Diensten ist \u00fcberf\u00e4llig. Die Professio-nalit\u00e4t der Diakonie ist daf\u00fcr ebenso n\u00f6tig wie die Lebendigkeit der aktiven Seniorenarbeit und die Gemeinwesenorientierung der Kirchengemeinden. Pfarrerinnen und Pfarrer, Kir-chenvorst\u00e4nde und Ehrenamtliche leben im Stadtteil, sie kennen Schulen und Vereine aus eigenem Erleben. Entscheidend ist, dass sie das gesamte Quartier in den Blick nehmen, die Region in der sie arbeiten und leben \u2013 mit ihren Altenwohnungen und Gesundheitsdiensten, mit \u00c4rzten und Kulturangeboten, mit Kommune und Wohlfahrtseinrichtungen und vor allem mit den Menschen, die dringend Unterst\u00fctzung brauchen. Rentner mit kleinen Einkommen, die oft nur noch schwer Zugang zum Gesundheitssystem finden. Angeh\u00f6rige, die oft bis an den Rand ihrer Kr\u00e4fte N\u00e4chstenliebe \u00fcben und dabei vereinsamen und oft \u00fcbersehen werden. Gebrechliche und Demenzkranke, die den Weg ins Gemeindehaus nicht mehr finden.<\/p>\n<p><strong>8.<\/strong> Modellprojekte in Gemeinden und Mehrgenerationenh\u00e4usern zeigen: Der demographische Wandel bietet die Chance zu einer ehrlichen Integration, zu einem neuen Zusammenleben aller Generationen. Das Menschenbild unserer Gesellschaft, das in den letzten Jahren ganz auf Autonomie und T\u00e4tigsein ausgerichtet war, muss um die Aspekte der Angewiesenheit und Verg\u00e4nglichkeit erg\u00e4nzt werden. Und die Pflege, die in den letzten Jahren auf ihre k\u00f6r-perlichen Aspekte reduziert worden war, muss wieder in ihren sozialen, psychischen und spirituellen Dimensionen gesehen werden. Dabei hat die Kirchengemeinde mit ihrer Verk\u00fcn-digung wie mit ihrer Seelsorge eine wesentliche Aufgabe. Gemeindepfarrerinnen und \u2013pfarrer k\u00f6nnen mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Diakonie Seelsorgenetze bilden und dabei eine neue Professionalit\u00e4t der Altenseelsorge entwickeln, einen neuen Blick f\u00fcr die Lebenserfahrungen \u00c4lterer, ihre Lebens\u00fcberg\u00e4nge und offenen Fragen. Kirchengemeinden k\u00f6nnen die Zeichen in ihren Gottesdienstr\u00e4umen, die Kultur ihrer Friedh\u00f6fe, die Musik ihrer Kirche auch unter dem Gesichtspunkt von Heil und Heilung betrachten. Die Lebensdeu-tung, die das Kreuz einbezieht, der Friedhof, der zum bl\u00fchenden Garten wird, der Gesang im Seniorenchor, das Tanzcafe im geistlichen Zentrum f\u00fcr Demenzkranke und ihre Angeh\u00f6rige geben langen Atem und halten gesund. Wo sonst gibt es noch R\u00e4ume, in denen die Fragen nach Tod und ewigen Leben nicht ausgeklammert werden? Wo sonst gibt es engagierte Besuchsdienste, die daf\u00fcr sorgen, dass Menschen ihre Lebensfreude behalten, auch wenn wir mit gro\u00dfen Beeintr\u00e4chtigungen leben m\u00fcssen? Dass die Welt nach Hause kommt, wenn wir nicht mehr verreisen k\u00f6nnen. Gemeinden sind Orte eines Engagements, das \u00fcber das Hier und Jetzt hinausgeht. Sie lassen uns sp\u00fcren, dass wir in einer Geschichte leben, die unser eigenes Leben weit \u00fcberschreitet, viele Generationen zur\u00fcck und nach vorn in eine Zeit, wenn wir nicht mehr sind.<\/p>\n<p><strong>9. <\/strong>Es wird Zeit, dass Kirchengemeinden sich wieder als familiaritas verstehen \u2013 als Gro\u00dffamilie aller Generationen, auch wenn ihre Mitglieder nicht miteinander verwandt sind. Dass sie ihre Rolle in den Wohnquartieren neu entdecken und tragf\u00e4hige Br\u00fccken schlagen zu Kultur-einrichtungen und Gesundheitsdiensten, zu Selbsthilfegruppen und Kommunen. Gemeindeh\u00e4user sind eine der besten Plattformen f\u00fcr die Begegnung der Generationen \u2013 und immer \u00f6fter gelingt es auch, generationen\u00fcbergreifend zu arbeiten. Viele sind schon auf dem Weg, den Kindergarten mit dem Altenheim zu vernetzen oder die Konfirmandenarbeit mit dem Altencafe. Dar\u00fcber hinaus braucht es einen offenen Blick daf\u00fcr, welche diakonischen und auch p\u00e4dagogischen Angebote es im Quartier gibt: vom Betreuten Wohnen \u00fcber den Pflegedienst bis zur Familienbildungsst\u00e4tte mit ihrer Angeh\u00f6rigenarbeit bieten sich neue Kooperationen an. \u00c4rzte und Reiseveranstalter, aber auch Friseure und Einzelhandelsgesch\u00e4fte k\u00f6nnen wichtige Knotenpunkte im Netz f\u00fcr \u00e4ltere Mitb\u00fcrger sein. Und noch immer ist die Kirchenge-meinde einer der wichtigsten Organisationen im Gemeinwesen mit einem hohen Potenzial engagierter \u00c4lterer, mit Menschen, die Lebenserfahrung mitbringen und Lebenssinn weitergeben wollen. Bei der Hebung dieses vergessenen Schatzes kann uns vielleicht die Hoch-sch\u00e4tzung des Witwenamtes im Neuen Testament helfen. Frauen, die Belastungen erfahren haben und Krisen kennen, die Kinder erzogen und Abschiede hinter sich haben, bringen wichtige soziale Erfahrungen mit, mit denen sie anderen zur Seite stehen k\u00f6nnen. Die Witwen damals lebten von den finanziellen Gaben der Gemeinden &#8211; das hinderte aber nicht daran, ihren diakonischen Auftrag zu sehen. Es lohnt sich also, die \u00e4lter werdenden und allein stehenden Frauen, aber auch das Amt der \u00c4ltesten neu zu entdecken; Menschen, die keine eigenen Aktien mehr im Spiel haben und frei sind, k\u00f6nnen f\u00fcr den Zusammenhalt aller sor-gen. Denn in der Auseinandersetzung mit dem gelebten Leben, auch mit seinen Schattensei-ten, mit Verlusten, Scheitern und Endlichkeit, k\u00f6nnen neue Kr\u00e4fte der Solidarit\u00e4t und Mitverantwortung wachsen, gewinnt unser Leben Tiefe, gewinnen wir \u2013 mitten in Zerbrechlichkeit und Endlichkeit \u2013 Kraft zur Selbstsorge und zur Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<h5>1 Beispiele daf\u00fcr hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD 2007 in der Dokumentation des Projekts \u201eDas Ethos f\u00fcrsorglicher Pflege\u201c dargestellt<\/h5>\n<p>2 Wie sich dieser Bereich nun auch in der Altenhilfe entwickelt hat, l\u00e4sst sich nachlesen bei: Andreas Heller u.a.(Hrsg.) ,Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun. Wie alte Menschen w\u00fcrdig sterben k\u00f6nnen,<br \/>\n3.erweiterte Auflage, Freiburg 2007<\/p>\n<p>3 Gutachten 2000\/2001 des Sachverst\u00e4ndigenrats f\u00fcr die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen \u2013 Bedarfsge-rechtigkeit und Wirtschaftlichkeit, Deutscher Bundestag 2001, 150, Ziffer 314<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alte Menschen in der Kirchengemeinde 1. 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