{"id":5081,"date":"2020-03-16T19:07:10","date_gmt":"2020-03-16T18:07:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5081"},"modified":"2021-02-26T11:28:05","modified_gmt":"2021-02-26T10:28:05","slug":"noch-einmal-ist-alles-offen-das-geschenk-des-aelterwerdens","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5081","title":{"rendered":"Noch einmal ist alles offen \u2013 Das Geschenk des \u00c4lterwerdens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>1. Das Beste kommt noch \u2013 Werden, wer wir sind <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>So ist das also mit dem Alter. Es\npassiert jedem<\/strong>. Ich\nstehe vor dem Spiegel. Bald werde ich 60 sein, denke ich. Uff! Im sechsten\nJahrzehnt bin ich bereits. Anfangs klingt das heftig. In zwanzig Jahren, ich\nwei\u00df, klingt es jung. Das schreibt die Autorin Ulrike Draesner, 1962 geboren-\neine aus der Babyboomer-Generation. 60 ist die neu 50, hei\u00dft es. Ist Ulrike\nDraesner alt mit ihren 55 plus?<strong> Was ist\n\u00fcberhaupt Alter? \u201eIch entdeckte mein erstes graues Haar mit 28 oder 29, <\/strong>noch\nbevor ich meine Dissertation abgegeben hatte. Seltsamerweise fand ich das\ngemein. Gemeiner waren nur die s\u00fcffisanten Kommentare sogenannter Kolleginnen,\ndie fragten, ob ich mir die Str\u00e4hne da vorn wei\u00df f\u00e4rben lasse, weil das\nbesonders schick aussehe. In Anbetracht meiner Gespr\u00e4che mit meiner Mutter, die\nihre Haare noch f\u00e4rbte, als sie \u00fcber 80 war, gab ich sofort zu, dass sich diese\nH\u00e4rchen absolut von selbst f\u00e4rbten. <\/p>\n\n\n\n<p>Und sofort\nstanden diese Spannungen im Raum: Was wird vorgelebt? Was bl\u00fcht einem, ob man\nwill oder nicht, mit den Jahren? Was wurde als Regelwerk verinnerlicht \u2013 und\nwird nun, allemal von Frauen gegen\u00fcber Frauen, scharf beobachtet und\nkontrolliert? Die Redewendung vom Bl\u00fchen gef\u00e4llt mir. Das Alter, das einem\nbl\u00fcht. In aller Doppeldeutigkeit, <strong>mitsamt\nder mitklingenden Drohung, aber auch verstanden als bl\u00fchendes Alter. Was f\u00fcr ein<\/strong>\nKonzept.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites\n\u201eComing of Age\u201c sei das \u00c4lterwerden, habe ich neulich gelesen. Der Philosoph\nThomas Rentsch spricht vom Altern als einem \u201eWerden zu sich selbst\u201c. <strong>Das zeigt auch Iris Apfel. Die alte Frau\nmit dem faltigen Gesicht und den gro\u00dfen roten Brillen, die neulich den\nSpiegel-Titel zum Thema \u201eEwig leben\u201c zierte. Und die verr\u00fccktesten Sachen tr\u00e4gt,\nals sei sie in ihren 20ern.<\/strong> Sie hat viele andere inspiriert, sich so zu\nkleiden, wie sie sich f\u00fchlen und attraktiv finden. Gro\u00dfe Statementketten,\nwitzige H\u00fcte- anders eben als die Erwartungen an \u201e\u00e4ltere Frauen\u201c, die wir als\nRegelwerk verinnerlicht haben. F\u00fcr das Alter, das uns bl\u00fcht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch Konstanze Schmidt nimmt das\nWachstumsbild auf. In ihrem Buch \u201e Spurwechsel\u201c \u00fcber die neue Lust am\n\u00c4lterwerden, fordert sie ihre Leserinnen auf, einen Baum zu malen<\/strong>&#8211; mit Wurzeln, Stamm und Rinde, mit\nBl\u00e4ttern, Fr\u00fcchten, Knospen. Und dann zu meditieren, gern auch \u00fcber mehrere\nTage:&nbsp; Wo wir verwurzeln und verankert\nsind. Was uns Lebenskraft gibt und Stabilit\u00e4t gibt. Was wir erreicht haben und\nwas wir noch entfalten wollen. Denn B\u00e4ume bl\u00fchen auch im Alter noch \u2013 und\nschlagen neue Triebe. Wir wachsen, auch wenn wir schon erwachsen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>2. Was uns bl\u00fcht \u2013 Das Alter als Chance zum Neuanfang &nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;\u201eDa geht noch was\u201c, hei\u00dft das Buch, das\nChristine Westermann sich zu ihrem 65. geschenkt hat. Darin erz\u00e4hlt sie von\nihrer letzten Fernsehreportage beim WDR<\/strong>. Gedreht wurde ein Klosteraufenthalt. Zur\u00fcck an ihrem\nSchreibtisch sah sie, wie die Sendung beworben werden sollte. \u201eChristine\nWestermann: \u201eWieviel Leben bleibt mir noch?\u201c, stand da. Sofort sp\u00fcrte sie, wie\nder \u00c4rger in ihr Aufstieg. \u201eDie Leute denken, die hat eine todbringende\nKrankheit\u201c, dachte sie. Oder, M\u00f6glichkeit zwei: \u201eDie ist stark vergreist und\nverabschiedet sich mit dieser Dokumentation.\u201c Und dann, mit klarem Kopf schrieb\nsie an die Redaktion: \u201e<strong>Wie viel Leben\nbleibt mir noch? Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht\nnicht um das Wieviel. Das Wohin ist entscheidend, die Richtung, die ich meinem\nLeben noch geben will. Nur deshalb habe ich mich auf die Suche eingelassen.<\/strong>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00c4lterwerden h\u00e4lt noch einmal neue\nEntwicklungschancen bereit. Was liegen geblieben ist, vergessen oder auch\nverdr\u00e4ngt wurde, kann nun noch einmal aufgegriffen, angepackt, integriert\nwerden. <\/strong>\u201eViel, allzu\nviel Leben, das auch h\u00e4tte gelebt werden k\u00f6nnen, bleibt vielleicht in den\nRumpelkammern verstaubter Erinnerungen liegen, manchmal sind es gl\u00fchende Kohlen\nunter der Asche\u201c, hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung geschrieben. Denn\ndas Erreichen eines Ziels, des beruflichen Aufstiegs zum Beispiel, erfolgt eben\nimmer auch auf Kosten der Totalit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit: Wir funktionieren, wir\npassen uns an, \u00fcbernehmen eine Rolle. Wenn die Kinder erwachsen sind, ein\nweiterer Aufstieg nicht m\u00f6glich ist, wenn wir gesundheitlich an Grenzen sto\u00dfen,\nk\u00f6nnen wir den sozialen Panzer ablegen und andere Aspekte der eigenen Person\nzum Zuge kommen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Bekannte ging mit Mitte 50 nach\nAfrika. Als \u00c4rztin wollte sie an fr\u00fchere Erfahrungen mit \u00c4rzte ohne Grenzen\nankn\u00fcpfen<\/strong>. In\nOstafrika half sie, ein Krankenhaus nach westlichen Standards aufzubauen, was\nLabor und Operationstechnik angeht. Zugleich arbeitete sie im Auftrag des\nDIFAEM mit den Frauen der Basisgesundheitsdienste zusammen. Und lernte dabei in\nden charismatischen Gemeinden ein ganz anderes Verst\u00e4ndnis von Krankheit und\nHeilung kennen.&nbsp; Sie schrieb: \u201e<strong>Alter ist eine einmalige und neue Form der\nFreiheit, die verstanden und gelebt werden will.\u201c<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich musste 60 werden, um das zu\nbegreifen. Mit 60 wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass mein Berufsweg in\ndiesem Jahrzehnt zu Ende gehen w\u00fcrde<\/strong>. Bis dahin hatte ich nicht viel dar\u00fcber nachgedacht- ich\nliebe meine Arbeit, die Themen und Projekte. Jetzt erst wurde mir klar: Der\nWunsch nach \u201eEntschleunigung\u201c, den ich schon l\u00e4nger sp\u00fcrte, hatte offenbar auch\nmit meinem Alter zu tun. Begriffen habe ich das erst, als es im wahrsten Sinne\ndes Wortes nicht mehr so weiter ging.&nbsp; <strong>Meine dritte Lebensphase begann im\nKrankenhaus<\/strong>. Da lag ich mit mehreren Wirbelbr\u00fcchen, unbeweglich fast. Ich\nkonnte meine Arme kaum bewegen, den Laptop nicht nutzen, schon gar nicht\naufstehen und gehen. Selbst das Telefon zu erreichen, war schwierig. Und wenn\ndie Klingel am Bett nicht richtig festgezurrt war, konnte ich nur warten, bis\ndass irgendjemand von der Pflege bei einem Kontrollgang in mein Zimmer kam. Es\nwar nicht einfach, diese Angewiesenheit auszuhalten; ich war unglaublich froh,\ndass mein Mann am Anfang Ferien hatte &#8211; seine Unterst\u00fctzung in den kleinen\nAlltagsdingen war ungeheuer tr\u00f6stlich. Ich sehe ihn an meinem Bett sitzen, wir\nhatten den Arzt etwas gefragt, was wei\u00df ich nicht mehr, aber ich erinnere mich\ngenau an die Antwort: \u201e Nein, dazu sind Sie noch zu jung. In 20 Jahren\nvielleicht.\u201c Das war <strong>der Moment, in dem\nmir klar wurde, dass ich noch einmal davon gekommen war. Und dass etwas Neues\nangefangen hatte. Die dritte Lebensh\u00e4lfte: Geschenkte Zeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00e4hrend die gebrochenen Wirbel\nlangsam heilten, musste ich mich mit meiner Verletzlichkeit, meiner Endlichkeit\nauseinandersetzen<\/strong>.\nEs folgten noch eine Star-Operation, eine lange&nbsp;\nZahnbehandlung. Offenbar war es Zeit zum Abschiednehmen vom dem Gef\u00fchl,\ndass alles ganz selbstverst\u00e4ndlich funktioniert- auch ich selbst. <strong>Damals hat mich Margarete von Trottas Film\n\u00fcber Hildegard von Bingen inspiriert. Sie erz\u00e4hlt, wie die bekannte\nKlostergr\u00fcnderin gegen Ende ihres Lebens eine ungew\u00f6hnliche Entscheidung trifft<\/strong>.\nSie verl\u00e4sst das Kloster, in dessen Aufbau sie ihr ganzes Leben investiert hat,\nverl\u00e4sst den Konvent und ihre Rolle als \u00c4btissin und bricht zu Pferd auf eine\nPredigt- und Seelsorgereise auf. Allein, im eigenen Rhythmus, nur von wenigen\nFreunden begleitet. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lars Tornstam, der in Schweden\nUntersuchungen zur Spiritualit\u00e4t \u00e4lterer Menschen durchgef\u00fchrt hat, spricht von\nEgo-Transzendenz oder auch von Gero-Transzendenz<\/strong>. Er meint: Das Alter bietet die\nChance, mich selbst zu \u00fcberschreiten. In der Fachsprache: sich selbst zu\ntranszendieren, mich grunds\u00e4tzlich offen zu halten f\u00fcr ganz neue M\u00f6glichkeiten\n&#8211; neue Erfahrungen und Bilder von der Welt, von mir selbst und auch von Gott.\nFreiwerden und loslassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Bibel ist voll von Neuanf\u00e4ngen.\nUnd das Lebensalter spielt dabei keine Rolle.&nbsp;\nDenken Sie nur an die Geschichte von Abraham und Sara, die in hohem\nAlter aufbrechen in das Gelobte Land und sp\u00e4t noch den ersehnten Sohn zur Welt\nbringen<\/strong> \u2013 so sp\u00e4t,\ndass Sara schon allein den Gedanken an eine Schwangerschaft l\u00e4cherlich findet.\nEinem Traum geht Sara nach mit ihrem Abraham. Nachts unter dem Sternenhimmel\nhat Gott ihm versprochen, dass sie eine neue, eine bessere Zukunft finden\nw\u00fcrden &#8211; und dass ihre Nachkommen so zahlreich sein w\u00fcrden wie die Sterne am\nHimmel. Selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht, dass einer seinen Tr\u00e4umen folgt. Sich\nauf den Weg macht Schritt f\u00fcr Schritt. Es muss ein schwerer Weg gewesen sein\ndurch die W\u00fcste. Voll Fremdheitserfahrungen, Misstrauen und der Angst, allein\ngelassen zu werden, zu versagen und sich l\u00e4cherlich zu machen. Aber Abraham und\nSara haben dem Unwahrscheinlichen, sie haben Gott eine Chance gegeben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>3. Was f\u00fcllt mein Leben aus? Im Alter die eigene Berufung entdecken <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer heute in Rente geht, hat wahrscheinlich noch 20 gesunde und aktive Lebensjahre vor sich. Und die j\u00fcngste EKD-Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt: 75 Prozent der 60- 69 \u2013j\u00e4hrigen blicken zuversichtlich auf ihr weiteres Leben<\/strong>; und \u00fcber ein Drittel geht davon aus, dass noch ein Neuanfang stattfinden kann. Viele machen sich noch einmal auf den Weg und helfen international als Au-pair, im Senior Expert Service oder \u00fcbernehmen einen freiwilligen Einsatz in Krisengebieten. Andere engagieren sich jetzt in der Fl\u00fcchtlingsarbeit oder arbeiten ehrenamtlich in der Nachbarschaft\u2013 als \u201eLeih-Omas\u201c, Stadtteilm\u00fctter, Senior-Mentoren f\u00fcr Sch\u00fcler und Azubis, in Familienzentren und Generationenh\u00e4usern. Und oft entstehen dabei neue Freundschaften und Liebesbeziehungen. Es geht also nicht um selbstvergessene N\u00e4chstenliebe. Es geht darum, uns selbst als Teil eines generationen\u00fcbergreifenden Netzwerks zu begreifen, an dem wir mitkn\u00fcpfen, das uns aber auch h\u00e4lt.&nbsp; \u201e<strong>Ich f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich\u201c schreibt Margret Schunk aus W\u00fcrttemberg. \u201eWeil wir uns vorgenommen haben, etwas gemeinsam zu tun, was uns allen n\u00fctzt, was uns allen hilft.\u201c Es geht darum, die Welt auch weiterhin aktiv mitzugestalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In einer Studie des Wiesbadener\nBundesinstituts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung haben 47 Prozent der Befragten\nangegeben, sie w\u00fcrden nach Erreichen des Rentenalters gern weiterarbeiten<\/strong> &#8211; bei deutlich reduzierter\nArbeitszeit nat\u00fcrlich. Der Alterssurvey der Bundesregierung zeigt f\u00fcr 2014\nbereits 11 Prozent Rentner, die weiter erwerbst\u00e4tig sind \u2013 und zwar \u00fcber alle\nSchichten und keinesfalls nur aus finanziellen Gr\u00fcnden. In keiner Altersgruppe\nsteigt die Besch\u00e4ftigung derzeit so stark an wie bei den Rentnern &#8211; unmittelbar\ngefolgt von der Gruppe der 60-65-j\u00e4hrigen mit einem Besch\u00e4ftigungsplus von 12\nProzent im Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Fr\u00fcher war klar: Kinder lernen, Erwachsene\narbeiten, und die Alten ruhen sich aus. Das ist passe<\/strong>\u201c, <strong>sagt Ursula Staudinger, die\nAlternsforscherin aus New York<\/strong>. Bis in die 60er Jahre hat man den Ruhestand\nals Feierabend begriffen,&nbsp; Erholung von\neinem aktiven Arbeitsleben. In den 70ern dann, der gro\u00dfen Zeit des\nWohlfahrtsstaats, wurde die Rente zur Belohnung f\u00fcr die anstrengenden Jahre von\nKrieg und Wiederaufbau. Der wohlverdiente Ruhestand\u2013 mit Freizeit, Familie&nbsp; Reisen. Heute ist die Zeit nach der\nErwerbst\u00e4tigkeit zur dritten Lebensphase geworden. Mit der Chance, noch einmal\netwas Neues zu beginnen, den eigenen Interessen nachzugehen, aber auch\nGesellschaft mit zu gestalten. \u201e<strong>Das\nAlter veraltet\u201c, hie\u00df es im 6. Altersbericht der Bundesregierung, der sich mit\ndem Wandel der Altersbilder befasste<\/strong>. Alter ist auch eine soziale\nKonstruktion, ganz \u00e4hnlich wie das Geschlecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine kleine Geschichte soll deutlich\nmachen, was ich meine: Die amerikanische Firma Vita Needle stellt seit einigen\nJahren gezielt \u00e4ltere Arbeitnehmer ein<\/strong>. Das Gesch\u00e4ftsmodell basiert darauf, dass der Staat die\nAnteile der Renten- und Krankenversicherung f\u00fcr die \u00e4lteren Arbeitnehmerinnen\nund Arbeitnehmer \u00fcbernimmt, w\u00e4hrend das Unternehmen lediglich die anteiligen\nLohnkosten nach dem Mindestlohn zahlt. Im Gegenzug achtet das Unternehmen\ndarauf, dass die Arbeitspl\u00e4tze den gesundheitlichen und zeitlichen\nM\u00f6glichkeiten der Mitarbeitenden flexibel angepasst werden. Schon bald stellte\nsich heraus, dass die Produktivit\u00e4t mit dem Alter seiner Mitarbeitenden nicht\nfiel, sondern stieg. Die \u00c4lteren liefern hochwertige Arbeit und haben Spa\u00df am\nJob und das gute Gef\u00fchl, gebraucht zu werden. In einem Interview lehnte es\neiner der Mitarbeiter, der 84-j\u00e4hrige Alan Lewis es ab, in ein nahe gelegenes\nAltenzentrum zu gehen. Er k\u00f6nnte sich anstecken, meint er. Und auf die Frage,\nwomit denn, ist die Antwort: \u201eMit dem Alter.\u201c Denn Alter, sagt er, werde einem\nbeigebracht. <strong>\u201eMan ist umgeben von alten\nLeuten und so lernt man, dass man so werden wird. Das muss man aber gar nicht<\/strong>.\u201c\nAuf den Hinweis, dass er doch auch bei Vita Needle mit alten Leuten\nzusammenarbeitet, sagt er: \u201eDie sind nicht alt, die sind anders.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;\u201eWer sich aktiv bem\u00fcht, Ver\u00e4nderungen in der\nWelt mitzukriegen, wird den Anschluss nicht verlieren. Wir wissen aus der\nForschung, dass es wichtig ist, im Leben mehrere Dinge zu haben, f\u00fcr die man\nsich interessiert<\/strong>\u201c,\nsagt Ursula Staudinger. Mehr und mehr Unternehmen bieten mit Corporate\nVolunteering oder Senior Expert Service Programme an, die den \u00dcbergang von der\nErwerbst\u00e4tigkeit in das b\u00fcrgerschaftliche Engagement der dritten Lebensphase\ngestalten helfen. Es geht eben nicht um eine Schwelle, sondern um einen\nProzess, um einen Br\u00fcckenschlag in die T\u00e4tigkeitsgesellschaft. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWarum begreifen wir Frauen das Alter\nals Gef\u00e4ngnis\u201c, fragt die Mode-Designerin Miuccia Prada, inzwischen 68 Jahre,\nin einem Interview mit der NY Times. Und antwortet sich dann selbst:\u201e Ich\nglaube, f\u00fcr dieses Drama m\u00fcssen wir eine L\u00f6sung finden. Wir haben ja nicht mehr\nnur ein Leben, nein, es sind mittlerweile zwei oder drei<\/strong>. Und es wird die Zukunft unserer\nGesellschaft enorm beeinflussen, wie wir selbst mit dem \u00c4lterwerden umgehen.\u201c <strong>Ob wir also den Blick nach vorn richten auf\ndas Neue, das kommt- oder ob wir das Alter als Abstellgleis begreifen. Ob wir\nselbstbewusst, kritisch und noch immer voll Energie in die neue Lebensphase\ngehen. Oder ob wir die heimliche Verachtung f\u00fcr das Alter \u00fcbernehmen und uns\nauf traditionelle Rollen festlegen lassen.<\/strong> Gro\u00dfeltern sein &#8211; ja, die\nallermeisten von uns sind gern Gro\u00dfeltern- f\u00fcr die eigenen Enkel und auch f\u00fcr\nandere Kinder-, aber wir sind nicht jederzeit verf\u00fcgbar. Ehrenamtlich arbeiten,\nja- die meisten engagieren sich gern, aber nicht als billiger Jakob, wo\nhauptamtliche Unterst\u00fctzung gefragt w\u00e4re. Den Ruhestand genie\u00dfen- ja, jenseits\nvon Funktions- und Zeitdruck der Erwerbsarbeit. Aber einfach nur ausruhen wollen\nwir nicht<strong>. Tats\u00e4chlich werden wir ja\ngerade jetzt gebraucht \u2013 und eben auch umworben. Sportvereine und Parteien,\nSchulen und Hospizvereine wissen: mit den Angeh\u00f6rigen dieser so gesellschafts-\nund politikerfahrenen Generation l\u00e4sst sich einiges auf die Beine stellen<\/strong>. Wer\nsechs und mehr Jahrzehnte Leben hinter sich hat, dem muss man nicht erkl\u00e4ren,\nwie das Leben funktioniert. Aus Berufst\u00e4tigkeit und Familie, aus Vereins- und\nNachbarschaftserfahrungen bringen wir Kompetenzen mit, die wir gern in neue\nKontexte einbringen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Psychologie heute erschien im\nAugust 2016 eine Untersuchung \u00fcber den \u00dcbergang aus der Erwerbsarbeit. Da\nzeigen sich drei Wege: Es gibt die \u201eWeitermacher\u201c, die als Seniorberater,\nFreiberufliche oder Honorarkr\u00e4fte oder auch ehrenamtlich weiter in ihrem\nArbeitsfeld unterwegs sind. Und dann die Ankn\u00fcpfer,<\/strong> die aus ihren bisherigen Kompetenzen\netwas Neues entwickeln. Wir kennen das von Sportlerkarrieren: vom Spieler zum\nTrainer, zum Manager oder zum Sportartikelhersteller. <strong>Und schlie\u00dflich die Befreiten, die froh sind, endlich raus zu kommen\naus einem Job, den sie als entfremdet erlebt haben<\/strong>. Sie finden ihr Gl\u00fcck vielleicht jetzt\nin einem Ehrenamt, im Sportverein oder in der Hospizarbeit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ursula Staudinger, inzwischen\n57,&nbsp; hat &nbsp;vor drei Jahren ihren Arbeitsplatz gewechselt\nund ist nach Amerika gegangen. F\u00fcr eine Professur in Amerika gibt es kein\nRentenalter, sagt sie. Sie hofft, so lange gesund zu bleiben, mental und\nk\u00f6rperlich, dass es ihr gelingt, ihre Arbeit<\/strong> bis ans Lebensende mit Freizeit zu kombinieren. Mit Hanna\nArendt versteht sie Arbeit als Weltgestaltung. Dabei spielt die Bezahlung gar\nnicht die wichtigste Rolle. Und f\u00fcr die Bibel sind alle T\u00e4tigkeiten, die im\nDienst des Lebens stehen, Ausdruck des g\u00f6ttlichen Auftrags, die Erde zu bebauen\nund bewahren soll. Pflanzen und gie\u00dfen, Fr\u00fcchte ernten und Speisen zubereiten\nund gastfreundlich sein, Kinder zur Welt bringen und Kranke pflegen- das geh\u00f6rt\nvon Anfang an auch dazu. Luther sah in den unterschiedlichen Aufgaben \u201eBerufe\u201c;\ner sah Menschen sah, die dazu \u201eberufen\u201c waren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWas f\u00fcllt mein Leben aus? Was suche\nich? Und was machen andere?\u201c Das sind Fragen aus dem Modellprojekt \u201eAlter neu\ngestalten\u201c der evangelischen Kirche in W\u00fcrttemberg. Da haben sich Menschen\nzusammengetan, die neugierig sind auf das, was die \u00c4lteren zu geben haben.\n\u201eGeht da was zusammen? Es geht darum, andere Menschen kennen zu lernen, die\nauch ihre Herausforderungen bestehen, ihre Chancen nutzen wollen.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>4. Zugeh\u00f6rigkeit gestalten \u2013 Die Nachbarschaft im Blick <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;\u201eWenn wir nicht allein bleiben und nicht nur\nprivatisieren wollen\u201c, schreibt Lisa Frohn in ihrem Twitter-Buch \u201eRan ans\nAlter\u201c, dann brauchen wir R\u00e4ume, wo wir hingehen k\u00f6nnen.<\/strong> Um andere zu treffen. Um uns\nauszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als gesellschaftliche Wesen zu\nerleben.\u201c Im letzten Freiwilligensurvey wurde zum ersten Mal die informelle,\nau\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt. Dabei\nzeigte sich: Immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen\nHilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung. Und die\nwechselseitige Unterst\u00fctzung tut allen gut, sch\u00e4rft den Blick aufs Leben,\nverbessert die Lebensqualit\u00e4t aller.&nbsp;\nEhrenamtliches Engagement erm\u00f6glicht Teilhabe, st\u00e4rkt die Verwurzelung\nin der Nachbarschaft und Selbstbewusstsein. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMach dich auf, lass Dich ein\u201c, das\nwar und ist das Motto des Wickrather \u201eGemeindeladens\u201c. 1986 haben wir ihn in\nmeiner damaligen M\u00f6nchengladbacher Kirchengemeinde gegr\u00fcndet <\/strong>&#8211; einen Stadtteilladen mit B\u00fccherei\nund Cafe, mit Kleiderkammer und Sozialberatung, der von einem gro\u00dfen\nehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialp\u00e4dagogin und einem\nZivi gef\u00fchrt wurde. Ich werde die vielen Ehrenamtlichen nicht vergessen, die\nsich in diesem Laden engagierten. Die arbeitslose Schuhverk\u00e4uferin zum\nBeispiel, die nun zu unserer Starverk\u00e4uferin in der Kleiderkammer wurde. Sie\nsah auf den ersten Blick, was anderen passte, was zu ihnen passte. Und sie\nlebte dabei mehr und mehr auf. <strong>Es gibt eine Reihe Untersuchungen,\ndie zeigen, dass ehrenamtlich Engagierte l\u00e4nger leben \u2013 bis zu f\u00fcnf Jahre\nl\u00e4nger leben<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denn wer anderen wirklich offen\nbegegnet, der lernt auch, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und\nBelastungen ins Verh\u00e4ltnis zu den eigenen Chancen zu setzen<\/strong>. Wer bereit ist, die eigenen Kr\u00e4fte\neinzubringen, der findet auch Zugang zu Kraftquellen, von denen er nichts\nwusste. Wir sch\u00f6pfen Lebensmut und Vitalit\u00e4t daraus, dass wir nicht nur f\u00fcr uns\nselber leben. Victor Frankl, ein j\u00fcdischer Psychotherapeut, hat diese\nEntdeckung im Konzentrationslager gemacht: <strong>Alles\nh\u00e4ngt davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben finden; ob unser\nLeben Bedeutung f\u00fcr andere hat \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Menschen, den wir\nliebe<\/strong>n. Ein erf\u00fclltes Leben- und nicht nur ein gut gef\u00fclltes Konto \u2013 darauf\nkommt es an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ganz unterschiedliche Menschen haben\nim Laden eine Aufgabe gefunden, die sie erf\u00fcllte. Drei Ehepaare organisierten\nim Wechsel das Cafe Efeu- einen Sonntagstreffpunkt f\u00fcr \u00c4ltere, f\u00fcr Einsame.\nAndere engagierten sich in der Hausaufgabenhilfe, sp\u00e4ter bei einem\nSchulkindertreff am Mittag.<\/strong> Gemeinsam mit der Sozialstation entstand ein Begleit- und Servicedienst\nf\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige. Da entwickelte sich aus dem Ehrenamt ein\nHonorarvertrag oder eine geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung. Viele brachten ihre\nberuflichen Kompetenzen ein, andere machten ihr Hobby zum Angebot f\u00fcr viele\nmachten: So entstanden ein Quiltkurs und eine Umweltgruppe. Manche engagierten\nsich jahrelang, andere f\u00fcr einen Kurs oder einen Vortrag. <strong>Menschen kamen und gingen wieder, sie trafen sich und begegneten\neinander, sie vernetzten ihre Arbeit mit der Diakoniestation und dem\nKindergarten, aber auch mit der AWO und dem Caritas-Altenheim, mit dem\nGewerbekreis und der Stadtverwaltung<\/strong>. Der Leiter des Sozialamts kam zu\neinem Gespr\u00e4ch \u00fcber Sozialhilfe ins Team. Die Fl\u00fcchtlingsberatung kam, als die\nFl\u00fcchtlinge aus Sri Lanka oft Im Laden Tee tranken. <strong>Jeder, der ein Problem mitbrachte, konnte auch ein Ansto\u00df sein, um mehr\nzu erfahren und mehr zu lernen<\/strong>. Und wenn es gut ging, gingen beide\nverwandelt in ihren Alltag zur\u00fcck \u2013 die Suchenden und die Mitarbeiter. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich war schon damals begeistert, wie\nviele verborgene Talente der Gemeindeladen hervorgezaubert hat, wie Bl\u00fcten aus Blumenzwiebeln\nhervorsprie\u00dfen<\/strong>. Ich\nglaube, dass in jedem etwas ruht, was ans Licht dr\u00e4ngen will \u2013 wir m\u00fcssen aber\nauch eine Atmosph\u00e4re schaffen, in der es wachsen kann. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>5. Mein Traum vom \u00c4lterwerden \u2013\nSorgende Gemeinschaften <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMein Traum vom \u00c4lterwerden w\u00e4re,\ndass Menschen jeden Alters zusammen kommen und zusammen wachsen, so\nselbstverst\u00e4ndlich wie dies in vielen Familien geschieht. Vor Ort w\u00e4re mein\nWunsch, dass Alter weder Krankheit noch Tabu ist.\u201c <\/strong>(Erika Haffner) \u201e<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die famili\u00e4ren Netze d\u00fcnnen aus: Die\nWohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hat in den letzten\nJahren st\u00e4ndig zugenommen<\/strong>. Nur noch ein Viertel der Befragten geben an, dass ihre erwachsenen\nKinder noch am selben Ort wohnen und bei einem weiteren Viertel sind die\nWohnungen mehr als zwei Stunden voneinander entfernt. Zwar geben immer noch 80\nProzent der Befragten an, dass sie in der Familie w\u00f6chentlich Kontakt\nzueinander haben \u2013 aber im Vergleich der letzten Jahre erhalten die \u00fcber\n70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe; die Quote sank um 8 Prozentpunkte\nvon 19,5 Prozent 1996 auf 11,7 Prozent 2014..<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist kein Zufall, dass das Thema\n\u201eWohnen\u201c so viel Gewicht bekommen hat \u2013 von den Seniorenwohngemeinschaften bis\nzu den Mehrgenerationenh\u00e4usern<\/strong>. Junge Studierende wohnen g\u00fcnstig bei \u00e4lteren, kaufen im\nGegenzug ein daf\u00fcr einkaufen oder den Garten pflegen. So wichtig es ist,\nDienstleister f\u00fcr Hauswirtschaft, Pflege, Einkaufsdienste ins Quartier zu\nbringen, so sehr kommt es eben auch darauf an, dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger\nmit wechselseitigen Diensten und Hilfen f\u00fcreinander einstehen &#8211; auch \u00fcber die\nGenerationen hinweg. <strong>\u201eDie mit einer\nGesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach\neiner Auseinandersetzung mit Fragen des Menschseins, mit dem Verst\u00e4ndnis von\nW\u00fcrde und mit den Vorstellungen eines guten und sinnerf\u00fcllten Lebens unter\nBedingungen der Vulnerabilit\u00e4t<\/strong>. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die\nden Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf\nandere nicht einbezieht, sind unvollst\u00e4ndig\u201c, schreiben Thomas Klie und Andreas\nKruse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Alter bekommen die K\u00f6rper eine\nandere Bedeutung \u2013 sie werden anf\u00e4lliger und zeigen Schw\u00e4che\u201c, schreibt Lisa\nFrohn<\/strong>. \u201eDas hei\u00dft\nauch, dass der Ort, an dem sich der K\u00f6rper befindet und die Umst\u00e4nde an diesem\nOrt wichtiger werden. Weil es um Wohlergehen, Gesundheit, Versorgung und\nBetreuung geht. In Quartiersprojekten und Familienzentren, in\nSeniorenwohngemeinschaften, Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilzentren entwickelt\nsich zurzeit eine neue Gestalt des Sozialen: die Sorgenden Gemeinschaften. Es\ngeht um Nachbarschaftsnetze und Ehrenamtliche, die einander begleiten und\nAlltagshilfen leisten. Mit Telefonketten, bei Arztbesuchen und Eink\u00e4ufen, mit\nBesuchen oder auch als Pflegebegleiter. Das Herz der neuen,\ngenerationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung, schl\u00e4gt bei den\n\u201ejungen Alten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klaus D\u00f6rner hat mit seinem Wunsch\n\u201eIch will leben und sterben, wo ich dazu geh\u00f6re\u201c, viel angesto\u00dfen. Die\nEinrichtungen der Altenhilfe haben sich differenziert<\/strong>: mit betreutem Wohnen und\nKurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, aber auch\nmit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen im Quartier. Mit w\u00f6chentliche Mittagstischen,\nwo oft abwechselnd gekocht wird &#8211; manchmal einfach f\u00fcr eine Gruppe von \u00c4lteren,\ndie nicht l\u00e4nger f\u00fcr sich allein kochen wollen. Oder mit Stadtspazierg\u00e4ngen mit\nRollstuhl und Rollator wie dem W\u00e4gelestreff in G\u00fcltlingen, mit Erz\u00e4hlcaf\u00e9s und\nBiografiewerkst\u00e4tten. In Hamburg-Eilbeck gibt es eine S\u00fctterlinstube, wo \u00c4ltere\nf\u00fcr \u00dcbersetzungsdienste zur Verf\u00fcgung stehen, anderswo entstehen Schm\u00f6kerstuben\nbei Caf\u00e9 und Musik in der Gemeindeb\u00fccherei. Mit dem Projekt\nwww.unser-dorf-mooc.de haben die Evangelischen Kirchen in Hessen im Herbst 2016\neinen Online-Kurs zur Dorfentwicklung gestartet, in dem man von Expertinnen\nlernen kann, einen Dorfladen oder ein Caf\u00e9 zu entwickeln. In den Massiv Open\nOnline Course (MOCC) investieren die Teilnehmenden eine bis f\u00fcnf Stunden pro\nWoche f\u00fcr Fortbildung und Begleitung. Dazu gibt es Expertengespr\u00e4che, einen\nOnline-Chat und Videos, aber auch weiterf\u00fchrende Links und Literatur. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Wesentliche spielt sich heute vor\nOrt ab. Und genau da ist unsere Einmischung gefragt \u2013 und da kann das Kleine\ngro\u00dfe werden<\/strong>. Dank digitale.nachbarschaft.de,\nChange.org und We.move k\u00f6nnen heute auch kleine Initiativen und Modelle zu\nVorbildern und Plattformen f\u00fcr gro\u00dfe Debatten werden.&nbsp; Die entscheidenden Ver\u00e4nderungen kommen von\nunten- und gerade nicht aus den Institutionen mit ihren Anpassungszw\u00e4ngen. Wie\nbeim Joggen oder Walken ist es f\u00fcr jeden wichtig, sich Partner f\u00fcr das eigene\nEngagement zu suchen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Workshops mit Ehrenamtlichen, beim\nNachzeichnen von \u201eEngagementkarrieren\u201c, ist mir klar geworden, wie sehr\nErfahrungen in Familie und Freundschaft die eigene Haltung pr\u00e4gen. <\/strong>Engagement hat seine Wurzeln in\nFamilie, Schule und Jugendarbeit, zeigt sich in den beruflichen Projekten und\nTeams, aber eben auch in Nachbarschaftsinitiativen und politischer Arbeit.\nManchmal wechselt es einfach die Farbe- was gestern noch Beruf war, ist heute\nEhrenamt. Deshalb sehe ich Haupt- und Ehrenamt auf Augenh\u00f6he!&nbsp; Was gestern noch eine Initiative war, wird\nheute zum Start up. Entscheidend ist: Engagement ist selbstbestimmt, kreativ\nund frei. Es schafft birgt Sinnerfahrungen und gibt das Gef\u00fchl, zum Ganzen\nbeitragen zu k\u00f6nnen.&nbsp; Ehrenamtliche\n\u201egeh\u00f6ren\u201c keiner Organisation, die Engagierten&nbsp;\nsind in der Regel in mehreren Organisationen aktiv .Sie sind es, die mit\nihren Ideen nach den passenden Einsatzfeldern suchen und Innovationen\nvorantreiben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>6. &nbsp;Kl\u00e4ren, was liegen blieb \u2013 Der Weg nach innen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Leben als Reise, als Pilgerschaft\nist f\u00fcr viele heute zu einem spirituellen Bild geworden. Es passt in eine Zeit\nder Mobilit\u00e4t und Migration und der immer neuen Aufbr\u00fcche in Jobs,\nPartnerschaft und Familie- beruflich wie privat. Und es hat zu tun mir der\nFrage nach dem Wohin, die auch Christine Westermann stellt. Christine Bergmann<\/strong>, die ehemalige\nBundesfamilienministerin, ist gerade mit ihrem 20-j\u00e4hrigen Enkel den Jakobsweg\ngegangen \u2013 ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, nach einer Phase vieler \u00c4mter\nund Ehren\u00e4mter ging es sicher darum, dem Leben noch einmal neu auf die Spur zu\nkommen. Und auch die vielen Altersgenossinnen, die jetzt auf Kreuzfahrtschiffen\nunterwegs sind- oft von Bordseelsorgern und Bordseelsorgerinnen begleitet,\nwollen nicht nur entspannen, gut essen und den blauen Himmel genie\u00dfen- es geht\nzugleich um neue, tiefere Entdeckungen. Bei einem Vortrag zum Thema\nSpiritualit\u00e4t im Alter erz\u00e4hlte mir ein \u00e4lterer Mann, dass er seine tiefste\nreligi\u00f6se Erfahrung am Berg Athos gemacht hatte \u2013 bei Sonnenuntergang unter\nM\u00f6nchen und anderen M\u00e4nnern. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEs lohnt sich nur der Weg nach\ninnen\u201c, hei\u00dft eines der B\u00fccher von Sam Keen \u00fcber \u201eDas kreative Potenzial der\nLangeweile\u201c. Keen legt den Finger in die Wunde einer Zeit<\/strong>, in der immer etwas los sein muss,\ndamit man sich sp\u00fcrt. Nur keinen Stillstand aufkommen lassen, nur nicht zur\nRuhe kommen. Dabei ist genau das die Voraussetzung, unsere Erfahrungen zu\nreflektieren und uns zu ver\u00e4ndern. Nichtstun und Tr\u00e4ume haben, anderen mit\nEmpathie begegnen &#8211; f\u00fcr Sam Keen sind das Haltungen auf dem Weg nach \u201eoben\u201c, zu\nmehr Gesundheit, Lebendigkeit und Engagement. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Darum geht es, wenn Menschen im Alter\nnoch einmal neu beginnen und f\u00fcr andere, aber auch f\u00fcr sich selbst\nVerantwortung \u00fcbernehmen &#8211; nun aber in einem Sinne, dass sie sich selbst\nzugleich realisieren und \u00fcberschreite<\/strong>n<strong>. Sie erinnern sich\nJakob, den Zweitgeborenen, der seinem Bruder Esau das Erbe abluchste \u2013und\nseinem Vater Isaak den Segen.<\/strong> Ein junger Mann, voller Hunger nach Leben,\ndem jedes Mittel Recht scheint, um zu bekommen, was das Schicksal ihm\nverweigert: Land und Herden, die dem Erstgeborenen zustehen, eine gro\u00dfe Familie\nund viele Nachkommen, eben Erfolg und Segen. Der Schwindel fliegt auf und Jakob\nflieht durch die W\u00fcste zu seinem Onkel Laban. Er wird sich durchk\u00e4mpfen durch\ndie Widrigkeiten der kommenden Jahre und es wird ihm tats\u00e4chlich gelingen, sich\nnach und nach den Reichtum aufzubauen, von dem er getr\u00e4umt hatte \u2013 und es\nscheint tats\u00e4chlich, als st\u00fcnde ihm der Himmel offen. Davon erz\u00e4hlt der Traum\nvon der Himmelsleiter, den er auf der Flucht getr\u00e4umt hatte. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diesem Jakob begegnen wir sp\u00e4ter noch\neinmal &nbsp;\u2013 in einer anderen Nacht, gegen\nEnde seines Lebens. Es ist eine Art Gegengeschichte \u2013 denn Jakob ist auf dem\nWeg zur\u00fcck, um sich mit Esau zu vers\u00f6hnen<\/strong>. Seine Herden, seine Frauen und Kinder hat er am Ufer\ngelassen; er ist allein, als er in der Nacht am Fluss Jabbok mit seiner\nunbekannten Macht ringt. Noch einmal geht es um den Segen &#8211; jetzt aber nicht\nmehr in diesem \u00e4u\u00dferen Sinne von Erfolg, Land und Besitz, sondern in einem\ninneren Sinn. Es geht um die eigene Integrit\u00e4t, um das Akzeptiertwerden &#8211; nicht\nnur von der Familie, sondern letztlich von Gott. Am Ende ist Jakob verletzt \u2013 <strong>er hinkt, aber er geht der Sonne entgegen.\nUnd er ist ein anderer geworden oder in einem tieferen Sinne er selbst: Von\njetzt an tr\u00e4gt er den Namen Israel. Einen anderen Namen bekommen \u2013 das ist wohl\ndas Symbol einer grundlegend neuen Weichenstellung. Wir kennen das von\nKonversionen und Ordensgemeinschaften<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Maler Max Beckmann hat die beiden\nGottesbegegnungen Jakobs in einem einzigen Holzschnitt dargestellt \u2013 er zeigt\nGott mit Jakob auf der Leiter<\/strong>. Wie Jakob sich festh\u00e4lt an dieser Gottesgestalt und doch zu\nfallen droht in die Tiefe und Dunkelheit des Flusses. Von oben aber, von der\nSpitze der Leiter, strahlt Licht ins Bild &#8211; die aufgehende Sonne. Es ist, als\nz\u00f6ge sie den Fallenden nach oben. \u201eIch bin in meinem Leben oft gefallen, sei es\nin Beziehungen oder im Beruf, emotional oder k\u00f6rperlich, doch immer gab es\neinen Trampolineffekt, der bewirkte, dass ich letztlich nach oben gefallen\nbin\u201c, schreibt dazu der Franziskanerpater Richard Rohr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jakobs Weg wird beschrieben wie die\nSchrittfolge in einem Coaching-Prozess; sie ist mir zum Symbol f\u00fcr Wege des\nWandels und der Ver\u00e4nderung geworden<\/strong>: Wir werden herausgerufen aus dem Gewohnten. Wir finden\nMentorinnen, die uns \u00fcber die Schwelle begleiten. Wir m\u00fcssen Pr\u00fcfungen und\nK\u00e4mpfe bestehen und haben Erfolge. Und dann kehren wir mit allem, was wir\nerreicht haben, den R\u00fcckweg an und m\u00fcssen noch einmal eine Schwelle\n\u00fcberschreiten \u2013 uns auch mit unseren Schatten auseinandersetzen \u2013 und mit\nunserer tiefsten Sehnsucht. Und dabei wird sp\u00fcrbar: wir sind ein anderer\ngeworden. W\u00e4hrend wir im Au\u00dfen unterwegs waren, sind wir zugleich einen inneren\nWeg gegangen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>7. Noch bist Du da: Die L\u00f6ffelliste <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn der Zeithorizont sich im Altern\nverschiebt, wird die Frage dr\u00e4ngender, wie wir die Lebensphase nutzen, die noch\nvor uns liegt. Noch einmal aufbrechen und Neues wagen \u2013 die gewohnten Rollen\nverlassen<\/strong>. Einen\nungelebten Traum endlich in die Wirklichkeit umsetzen. Oder einfach weglassen,\nwas lediglich den Erwartungen anderer entspricht oder was sich so an\nGewohnheiten angesammelt hat: Wesentlich werden, nennt eine Freundin das. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vielleicht haben Sie schon einmal von\nder L\u00f6ffelliste geh\u00f6rt.&nbsp; Gemeint ist eine\ngro\u00dfe oder kleine Liste auf der steht, was f\u00fcr Tr\u00e4ume wir uns noch erf\u00fcllen\nwollen. In Robert Reiners Film \u201eDas Beste kommt zum Schluss\u201c von 2007 wurde sie\nbekannt \u2013 die Bucketlist<\/strong>, \u00fcbersetzt die L\u00f6ffelliste.&nbsp; In\ndem Film mit Jack Nicholson liegen zwei krebskranke M\u00e4nner, die kaum\ngegens\u00e4tzlicher sein k\u00f6nnten, in einem Krankenzimmer. Und beide erfahren, dass\nsie nur noch sechs bis zw\u00f6lf Monate zu leben haben. Da beginnt einer der beiden\neine Liste der Dinge zu erstellen, die er in seinem Leben noch tun will, bevor\ner den L\u00f6ffel ab-gibt. Die Idee dazu stammt aus der Zeit seines\nPhilosophiestudiums, als er diese Aufgabe als \u00dcbung aufgetragen bekam. Er\nschreibt einige Punkte auf \u2013 dann landet die Liste zerkn\u00fcllt auf dem Boden.\nSein Bettnachbar findet sie und schreibt weiter, was ihm am Herzen liegt. So\nentsteht die gemeinsame \u201eBucket List\u201c: Ein Fallschirmsprung, eine Reise zu den\nPyramiden, der Wunsch einem fremden Menschen etwas Gutes tun oder so sehr zu\nlachen, bis man weint. Der Film erz\u00e4hlt, wie die beiden sich tats\u00e4chlich auf die\nReise begeben und dabei zu Freunden werden. Und <strong>am Ende unterst\u00fctzen sie sich darin zu verstehen, dass es nicht um den\nTaj Mahall oder den schnellsten Wagen, sondern um Freundschaft und Vers\u00f6hnung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich hatte meine Liste schon begonnen,\nbevor der Begriff \u201eL\u00f6ffelliste\u201c durch die Blogs geisterte- und manchmal schon\nhabe ich mit leisem Lachen festgestellt, dass einiges, was da-rauf steht, nicht\nmehr wichtig ist. <\/strong>Aber\nes ist sch\u00f6n, die liegengebliebenen Aufgaben, die losen Projekte noch einmal\naufzunehmen, die man im Stress des beruflichen Alltags fast vergisst.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<strong>\u201eWenn\nman sich gedanklich damit befasst, das Leben von hinten zu betrachten- mit dem\nletzten Tag als Startpunkt und dann dabei versucht, nach Geschichten zu suchen,\ndie erz\u00e4hlenswert sind, dann wird es interessant. Wann kannst du sagen: jawohl,\nich habe gelebt?\u201c fragt auch Evelyn Wenzel<\/strong>, die Autorin des\n\u201eLebensfreude-Blogs\u201c. Und sie kommt zu dem Schluss, dass die bewegendsten\nMomente nicht die sind, in denen wir in unserer Komfortzone vor uns hind\u00fcmpeln.\n\u201eMeine \u201eGeschichten des Lebens\u201c sind sehr emotional, mich bewegend, teilweise\nsehr belastend, aber am Ende immer extrem bereichernd. Doch was habe ich noch\nvor? Nun bin ich 37 und wenn alles gut l\u00e4uft, habe ich noch mehr als die H\u00e4lfte\nmeines Lebens vor mir. Es steht also noch eine Menge an. Welche Geschichten\nwill ich noch erleben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und dann notiert Evelyn Wenzel die\nFragen, die ihr geholfen haben, die eigene L\u00f6ffelliste zu erstellen- sie k\u00f6nnen\nauch anderen helfen auf dem Weg dahin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Was w\u00fcrdest\ndu tun wollen, wenn du unbegrenzt Zeit und Geld zur Verf\u00fcgung h\u00e4ttest?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Was w\u00fcrdest\ndu noch tun wollen, wenn du nur noch zwei Wochen zu leben h\u00e4ttest?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Wovon hast\ndu fr\u00fcher immer wieder getr\u00e4umt? <\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Was\nm\u00f6chtest du auf diesem Planeten noch unbedingt sehen oder erleben?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Welche\nZiele willst du noch erreichen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Welche\nErfahrung m\u00f6chtest du noch machen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Gibt es\netwas, das du noch lernen m\u00f6chtest?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Mit welchen\nMenschen m\u00f6chtest du zusammentreffen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Gibt es\nschwebende Konflikte, die du noch l\u00f6sen m\u00f6chtest?<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022Gibt es\nDinge, die du bestimmten Menschen noch sagen m\u00f6chtest?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und hier ein Auszug aus Evelyns\nL\u00f6ffelliste:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1. Spanisch\nlernen. (begonnen im April 2014!)<\/p>\n\n\n\n<p>2.Menschen,\ndie in einem Hospiz im Sterben liegen, begleiten und ihnen Mut machen auf ihrem\nletzten Weg. (Zwar nicht im Hospiz, aber begleitet)<\/p>\n\n\n\n<p>3. Ein\nGemeinschaftswohnprojekt verwirklichen mit mehreren Familien und einem\nGe-meinschaftsgarten.<\/p>\n\n\n\n<p>4.\nPolarlichter live sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>5. Mit einer\nFrauenband auftreten und singen.<\/p>\n\n\n\n<p>6. Meinen\nKindern immer eine Freundin sein k\u00f6nnen. (geschafft)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jetzt ist Zeit f\u00fcr Tr\u00e4ume, dachte\nich, als meine Krankheit mich zum Innehalten zwang und dann zum Ausstieg aus\nder bisherigen Berufst\u00e4tigkeit. Wenn ich will, kann ich noch einmal etwas ganz\nNeues machen<\/strong>. Ein\nLokal aufmachen vielleicht oder wenigstens einen literarischen Salon? Als wir\nvor Jahren das alte Diakonissen- Mutterhauses in Kaiserswerth zum Hotel\numbauten, hatte ich mit der Architektin lange davon getr\u00e4umt. Oder vielleicht\neine lange Reise machen, Orte der Diakonie&nbsp;\nbesuchen und \u00fcber die Inspirationen schreiben, die mir dort begegnen?\nNoch einmal war alles offen, wie damals, als ich die Schule abgeschlossen habe.\nUnd dann war ich erstaunt, wie schnell die gewohnten Mechanismen griffen. Was\nk\u00f6nnen wir uns leisten, wo sind meine&nbsp;\ngesundheitlichen Grenzen, was wird aus unserer Wohnung? Ach, \u00fcberhaupt\ndie Wohnung: W\u00e4re es nicht sinnvoll, \u00fcber ein alternsgerechtes Wohnen, eine\ngenerationen\u00fcbergreifende Genossenschaft vielleicht? Die neue Freiheit bot\nviele M\u00f6glichkeiten wie lange nicht mehr. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr den franz\u00f6sischen Soziologen\nRoland Barthes begann sein neuer Lebensabschnitt, als seine Mutter starb. Bei\naller Trauer des Abschieds \u2013 er wollte sich jetzt endlich seinen Traum\nerf\u00fcllen. <\/strong>Er wollte\neinen Roman schreiben. Aber das neue Leben beginnt nicht einfach von selbst; es\nbraucht einen bewussten Entschluss. Man muss den Alltagstrott verlassen, die\neigenen Routinen&nbsp; und Priorit\u00e4ten\n\u00fcberpr\u00fcfen, \u00dcberfl\u00fcssiges sein lassen.<strong>\n\u201eWesentlich werden\u201c. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rose Ausl\u00e4nder, 1901 in Czernowitz\ngeboren- eine B\u00fcrgerin des 20. Jahrhunderts mit all seinen Schrecken<\/strong>. Eine Vielfach\u00fcberlebende.\nGefl\u00fcchtete, Migrantin, die am Ende in einem D\u00fcsseldorfer Altenheim starb. Was\nsie schreibt, gilt aber nicht nur den Alten- vielleicht gilt es gerade den\nNachgeborenen; jedenfalls ist es einer Schulklasse gewidmet. \u201eNoch bist Du\nda-sei, was Du bist, gibt, was Du hast.\u201c Erkennen, was einen Unterschied macht\nin meinem Leben- und womit ich einen Unterschied machen kann:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eNoch bist du da. \/ Wirf deine Angst in die Luft. \/ Bald ist deine Zeit um\/ bald w\u00e4chst der Himmel\/ unter dem Gras\/ fallen deine Tr\u00e4ume ins Nirgends.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noch duftet die Nelke\/ singt die Drossel\/ noch darfst du lieben\/ Worte verschenken\/ noch bist du da\/ sei was du bist\/ gib, was du hast\u201c (Rose Ausl\u00e4nder<\/strong>)<\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx,\nHamburg, 13.02.20<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Das Beste kommt noch \u2013 Werden, wer wir sind So ist das also mit dem Alter. 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