{"id":5069,"date":"2020-03-13T18:31:45","date_gmt":"2020-03-13T17:31:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5069"},"modified":"2021-02-26T11:29:01","modified_gmt":"2021-02-26T10:29:01","slug":"sorgende-gemeinde","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5069","title":{"rendered":"Sorgende Gemeinde"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>1. Gemeinschaft in der Singlegesellschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was\nw\u00e4rst Du lieber: arm mit vielen Freunden oder reich und allein<\/strong>? Das\nhat k\u00fcrzlich ein Elfj\u00e4hriger seinen Stiefvater gefragt. \u201eKeine Frage\u201c, sagte\nder \u2013 Freunde sind das Wichtigste; denn Einsamkeit ist schlimmer als Armut.\nAber f\u00fcr den Elfj\u00e4hrigen war das durchaus eine Frage. Der Journalist, der die\nGeschichte mit seinem Stiefsohn im britischen \u201eObserver\u201c erz\u00e4hlt hat, war\nmerklich irritiert. Sein Stiefsohn wollte n\u00e4mlich lieber reich sein. Freunde,\nmeinte der, w\u00e4ren doch leicht zu finden: Auf youtube, Facebook und Co. Der\nArtikel ging der Frage nach, wie die Mediengesellschaft unsere Beziehungen\nver\u00e4ndert. Einerseits ist es jederzeit m\u00f6glich, sich mit anderen auszutauschen.\nZugleich aber nimmt die Einsamkeit zu. <strong>Jeder\nzehnte Deutsche gibt an, dass er sich einsam f\u00fchlt.<\/strong> Das trifft die \u00fcber\n60-j\u00e4hrigen, aber auch&nbsp; junge Leute\nzwischen 20 und 30. Einsamkeit wird zur neuen Volkskrankheit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>In\nGro\u00dfbritannien wurde Anfang letzten Jahres ein Ministerium gegen Einsamkeit\ngeschaffen.<\/strong> 75 Prozent der Landbev\u00f6lkerung sind dort \u00e4lter\nals 65 \u2013 sie leben in Gegenden, wo Post und Pub geschlossen sind und immer\nweniger Busse fahren. Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen verschlechtern\nsich, wenn Menschen ihre Wohnung kaum noch verlassen. <strong>Deshalb gibt es dort inzwischen die M\u00f6glichkeit, soziale Angebote auf\nRezept zu verschreiben<\/strong>. Ein Konzert, eine Wanderung mit anderen und\nnat\u00fcrlich auch eine Selbsthilfegruppe. <strong>Wissenschaftler\nhaben berechnet, dass auf diese Weise 20 Prozent Gesundheitskosten eingespart\nwerden k\u00f6nnen. Menschen brauchen Menschen, um zu gesunden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute sind 28% aller US-Haushalte Single-Haushalte,\nverglichen mit 9% in den 50er Jahren. In Schweden sind es sogar 47 Prozent, in\nGro\u00dfbritannien 34 \u2013 aber in Kenia nach wie vor nur 15, in Indien sogar nur 3\nProzent. Eine boomende Wirtschaft mit hohen Mobilit\u00e4tsanforderungen und ein\nausgebauter Wohlfahrtsstaat f\u00f6rdern jeweils auf ihre Weise die Unabh\u00e4ngigkeit\nder Einzelnen. <strong>Wir leben in einer\nSinglegesellschaft. Single zu sein ist l\u00e4ngst kein Durchgangsstadium mehr,\nsondern eine Lebensform genauso wie alleinerziehend zu sein. Alleinleben\nscheint der beste Weg, die Werte einer individualistischen Gesellschaft zu\nleben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle<\/strong>. Auch viele Paare\nkennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit\ngetrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist\nbetroffen und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche\nMobilit\u00e4t und Karriere<strong>. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Menschen,\ndie h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln, verlieren die allt\u00e4gliche soziale\nEinbettung in Familie und Nachbarschaft. Alleinsein, Einsamkeit, das Zerbrechen\nder hergebrachten sozialen Bez\u00fcge \u2013 das sind nicht nur emotionale\nHerausforderungen<\/strong>. Familien mit kleinen Kindern, auch alte oder\nkranke Menschen \u2013 deren Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung mit dem demografischen\nWandel w\u00e4chst \u2013 geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags besonders unter Druck,\nwenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen zur\u00fcckgreifen\nk\u00f6nnen. Und das ist eben immer weniger der Fall. Nur noch ein Viertel der\nerwachsenen Kinder lebt am Wohnort der Eltern. Und in der Generation\n\u201eBabyboomer\u201c hat ein Drittel keine Kinder mehr. <strong>Zum ersten Mal in der Geschichte lebt die Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und\nB\u00fcrger nicht mehr in Familien.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>2. Zu\nHause im Quartier:&nbsp; Heimat <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die\nNachbarschaften ver\u00e4ndern sich aber auch, weil Menschen von anderswoher\nzuziehen \u2013 vom Land in die St\u00e4dte, aus den St\u00e4dten in den Speckg\u00fcrtel, als\nArbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge<\/strong>. Manche, wie die\nEinwanderer der 60er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, geh\u00f6ren mit ihren\nFamilien seit Generationen dazu; und dennoch hat sich noch nicht \u00fcberall ein\nechtes Miteinander entwickelt. Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, wo viele\nleben, die von Transfereinkommen abh\u00e4ngen, w\u00e4chst die <strong>Angst vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c \u2013 des eigenen Arbeitsplatzes, der\neigenen Kultur, der gewohnten Nachbarschaft. Heimat eben. Es g\u00e4be inzwischen\neine Art \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c <\/strong>der der Treiber der\nrechtspopulistischen Bewegungen sei, sagt Heinz Bude. Wie das aussehen kann, wenn\nMenschen das Gef\u00fchl haben, nicht mehr gefragt zu sein, das haben&nbsp; wir an der Gelbwestenbewegung in Frankreich\ngesehen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor\neiniger Zeit hat Bertelsmann eine Karte der boomenden und schrumpfenden\nRegionen heraus gegeben &#8211; sie zeigt das wachsende Gef\u00e4lle, das inzwischen nicht\nnur zwischen gesellschaftlichen Gruppen, sondern auch zwischen Regionen,\nSt\u00e4dten und Stadtteilen zu erkennen ist. <\/strong>Die St\u00e4dte stehen im\nWettbewerb um Wirtschaftskraft und Steuereinnahmen und werden entsprechend\nunternehmerisch gef\u00fchrt<strong>. Wo die\nWirtschaftskraft gering ist und viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger auf\nTransfereinkommen angewiesen sind, da bleibt kein Spielraum. Und tats\u00e4chlich\nverschiebt sich&nbsp; die\nBev\u00f6lkerungsentwicklung in Deutschland hin zu einer wachsenden Anzahl \u00e4lterer\nsowie assistenz- bzw. pflegebed\u00fcrftiger Menschen. Aktuell sind zum Beispiel 7,6\nMillionen Menschen mit einer Behinderung registriert. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die\nOrientierung an den wettbewerblichen Strukturen der Wirtschaft ver\u00e4ndert aber\nauch das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrgern und Kommunen.<\/strong> In\nder Dienstleistungsgesellschaft werden alle zu Kunden. Und das gilt nicht nur\nf\u00fcr die Klienten der sozialen Dienste. Auch wer einen neuen Personalausweis\nbeantragt, ist jetzt Kunde. Das klingt nach Service und Zuvorkommenheit. Aber\nvielleicht zeigt sich da auch, <strong>dass die\nAngesprochenen nicht mehr als politische Subjekte wahrgenommen werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Hintergrund <strong>wurde\nin den letzten Jahren das Quartier wiederentdeckt.<\/strong> Wo Menschen einkaufen,\nihre Kinder zur Tageseinrichtung bringen, wo Schulen und Sportvereine ganz\nunterschiedliche Gruppen zusammenf\u00fchren- im Wartezimmer des Arztes oder im\nEinkaufszentrum. begegnen sich B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger noch immer ganz\nselbstverst\u00e4ndlich<strong>. <\/strong>Der Stadtteil,\ndie Gemeinde ist in all ihrer Vielfalt \u00fcberschaubar. Und wo die Netzwerke\nfunktionieren, da kann Neues entstehen: <strong>&nbsp;Da gibt es Kooperationen zwischen Wirtschaft,\nSchulen und Vereinen, zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kommune und\nTr\u00e4gern sozialer Dienste.&nbsp; <\/strong>Da\norganisiert die Handwerkskammer Unterst\u00fctzungsnetzwerke f\u00fcr Menschen mit\nBehinderung, demenzfreundliche Kommunen und Fr\u00fchf\u00f6rdernetze f\u00fcr Familien\nentstehen.<strong> Im unmittelbaren Lebensraum\nfinden sich immer wieder neue Chancen der Begegnung, findet man Antworten auf\ndie dr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnisse der Zeit. <\/strong>Das gelingt aber nur, wenn St\u00e4dte und\nsoziale Tr\u00e4ger nicht nur auf den Einzelfall schauen, sondern auf das ganze\nArbeitsfeld, auf den Lebensraum. Und wer <strong>bestimmte\nZielgruppen unterst\u00fctzen will \u2013 Demenzkranke, Menschen mit Behinderung,\nPflegebed\u00fcrftige oder Familien in Armut &#8211; der muss alle Akteure an Bord holen\nund die Angebote verkn\u00fcpfen. Kommunen, soziale Dienste und die\nWohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren, \u00c4rzte oder\nNachbarschaftscaf\u00e9s m\u00fcssen zusammenarbeiten und sich auch mit ehrenamtlich\nEngagierten vernetzen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>3. Offene Augen und Sorgende Gemeinschaften <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKleine\nLeute in der gro\u00dfen Stadt\u201c hei\u00dfen die Skulpturen des Londoner K\u00fcnstlers\nSlimcachu<\/strong>. Er hatte \u00fcberall in der City kleine Figuren platziert &#8211;\nnicht gr\u00f6\u00dfer als Playmobil-Figuren<strong>. Da\nrudert einer in einer Pf\u00fctze, <\/strong>als m\u00fcsse er einer \u00dcberschwemmung entkommen.\nUnd ein anderer wird gerade mit einer Sicherheitsnadel bedroht.<strong> Die meisten \u00fcbersehen diese Alltagsdramen\nzu ihren F\u00fc\u00dfen &#8211; und genau das ist ja das Problem<\/strong>. <strong>Hinsehen ist also der erste Schritt zur Ver\u00e4nderung &#8211; und das geht am\nbesten, wenn wir die Nachbarschaft einmal aus der Perspektive der anderen\nsehen. Eine New Yorker Journalistin hat das getan. <\/strong>Ein ganzes Jahr lang hat\nsie jede Woche einen Stadtspaziergang mit einer fremden Person gemacht. Sie war\nunterwegs mit einer \u00e4lteren Dame mit Rollator, mit einem Architekten und mit\neinem zweij\u00e4hrigen Kind. Sie hat einen Blinden begleitet und einen Arzt, der\nihren Blick f\u00fcr die Entgegenkommenden sch\u00e4rfte. Es geh\u00f6rt nicht viel Phantasie\ndazu, sich vorzustellen, wie sie ihre Stadt neu entdeckt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ob\nArmut, Familie, Pflege, Alter oder Inklusion \u2013 es geht immer wieder um die\nFrage, wie es gelingen kann, den Blick zu \u00f6ffnen und ganz bewusst auf die\nNachbarschaften zuzugehen<\/strong>. In N\u00fcrnberg hat eine Kirchengemeinde\nsich auf den Weg gemacht und <strong>einen\nStadtplan f\u00fcr Familien<\/strong> herausgegeben \u2013 da findet man die Tageseinrichtungen\nund Spielpl\u00e4tze, die Kinder\u00e4rzte und die kinderfreundlichen Restaurants und\nauch die Gemeinden mit ihren Familiengottesdiensten und Winterspielpl\u00e4tzen. Und\nin M\u00f6nchengladbach haben Ehrenamtliche an einem <strong>Stadtplan f\u00fcr \u00c4ltere<\/strong> erarbeitet \u2013 mit barrierefreien Zug\u00e4ngen,\nB\u00e4nken, \u00f6ffentlichen Toiletten, immer auch Rollatoren und Rollst\u00fchle im Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Familien mit kleinen Kindern und f\u00fcr \u00c4ltere ist der\nNahbereich von besonderer Bedeutung<strong>.\nHeute leben mehr als 40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen allein \u2013 meist k\u00f6nnen\nsie in Alltagsproblemen nicht auf Familie und Freunde zur\u00fcckgreifen.<\/strong> .Die\nHochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion\nbetroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu\nbleiben\u201c, sagt Prof. Eckart Hammer aus dem Beirat des Projekts \u201eAlter neu\ngestalten.\u201c&nbsp; Am anderen Ende der\nGenerationenkette geht es den Eltern kleiner Kinder ganz \u00e4hnlich. Auch deshalb\nbrauchen wir \u201eDritte Orte\u201c,<strong> R\u00e4ume, wo\nunterschiedliche Generationen einander begegnen- Nachbarschaftscafes zum\nBeispiel, vielleicht gemeinn\u00fctzig betriebe<\/strong>n.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Hier engagiert sich die Generation der 55- bis 69-J\u00e4hrigen\nbesonders stark. Sie sind h\u00e4ufig lange am Ort, sozial und oft auch politisch\nengagiert, bringen breite Lebenserfahrungen und soziale Netze ein und sie\nst\u00e4rken die Eckpfeiler des nachbarschaftlichen Lebens \u2013 mit Dorfl\u00e4den oder auch\nmit B\u00fcrgerbussen und Patenschaftsprojekten. <strong>Sie tragen Vereine und Parteien und auch die Kirche entscheidend mit.\nDie jungen Alten sind Zukunftsgestalter!<\/strong><strong> <\/strong><strong>Seit einigen Jahren gibt es vielerorts\nw\u00f6chentliche Mittagstische, wo oft abwechselnd gekocht wird<\/strong>: \u201eBeim Essen spricht\nsich\u2019s leichter\u201c, daneben &nbsp;<strong>Stadtspazierg\u00e4nge mit Rollstuhl und Rollator oder Erz\u00e4hlcaf\u00e9s und\nBiografiewerkst\u00e4tten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Ich will alt werden\nund sterben, wo ich gelebt habe\u201c -Klaus D\u00f6rners eing\u00e4ngiger Satz hat viel\nangesto\u00dfen<\/strong>. Er steht paradigmatisch f\u00fcr einen neuen Umgang mit Alter,\nPflegebed\u00fcrftigkeit und Sterben. Seitdem haben sich die Einrichtungen der\nAltenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter\nPflege und hauswirtschaftlichen Hilfen. Auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und\nWohnungsbaugesellschaften machen \u00f6fter ernst damit, dass Rollatoren wie\nKinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen m\u00fcssen. Dennoch: <strong>Seit Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung ist der Trend zur station\u00e4ren\nPflege kaum abgemildert. Der prozentuale Anteil der Pflegebed\u00fcrftigen in Heimen\nist nur geringf\u00fcgig gesunken; die absoluten Zahlen steigen angesichts des\ndemographischen Wandels ohnehin. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es\nkann nicht sein, dass Menschen nur deswegen in station\u00e4re Einrichtungen ziehen,\nweil die Wohnung nicht barrierearm ist&nbsp;\noder die Versorgung zu Hause nicht gew\u00e4hrleistet<\/strong>. Weil\nsie mit einer chronischen Erkrankung oder ihren Finanzen nicht mehr\nzurechtkommen oder weil die Wege zum Einkaufen nicht mehr zu bew\u00e4ltigen\nsind.&nbsp; Station\u00e4re Einrichtungen sind die\nteuerste L\u00f6sung. <strong>\u201cEin Zuhause ist der\neinzige Ort, wo die eigenen Priorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben\u201c, schreibt\nAtul Gawande in seinem Buch \u201eSterblich sein\u201c<\/strong>. \u201eZu Hause entscheidet man\nselbst, wie man seine Zeit verbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden\nPlatz aufteilt und wie man den eigenen Besitz verwaltet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn\nwir wollen, dass wir auch im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben\nk\u00f6nnen, dann brauchen wir eine qualitativ gute und auch gut bezahlte ambulante\nPflege, die Betroffene und Angeh\u00f6rige unterst\u00fctzt<\/strong> \u2013\nauch mit Pools von Haushaltshilfen und anderen Dienstleistern vom Einkauf bis\nzur Gartenarbeit. Pr\u00e4ventive Hausbesuche geh\u00f6ren ebenfalls dazu. Gute\nPflegeberatungsangebote sind n\u00f6tig. Nach wie vor werden zwei Drittel der\nPflegebed\u00fcrftigen oder 1.5 Mio. Menschen in Deutschland von Angeh\u00f6rigen\ngepflegt<strong>. Die Schwiegert\u00f6chter, die die\nkranke Mutter \u00fcber Jahre pflegen, die M\u00e4nner, die ihre Frauen pflegen &#8211; sie\nverzichten auf eigenes Einkommen und Karriere und werden oft nicht einmal\ngesehen. Abgeh\u00e4ngt auch sie. Sie verschwinden einfach aus dem Kollegen- und\nFreundeskreis,<\/strong> haben keine Zeit und kein Geld mehr f\u00fcr Einkaufsbummel und\nGeburtstagsbesuche. Neun Jahre dauert die h\u00e4usliche Pflege im Durchschnitt. Und\ndabei steigt das Armutsrisiko erheblich. <strong>Es\nist Zeit, hinzusehen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 8. Familienbericht\nder Bundesregierung warnt vor einem <strong>&nbsp;\u201eCare-Defizit\u201c.\n\u201eCaring Communitys\u201c \/ Sorgende Gemeinschaften <\/strong>sind zu internationalen\nLeitbegriff geworden. <strong>In unserer\nindividualistischen Gesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach\nSelbstbestimmung und Selbstoptierung, <\/strong>geht es um ein Gegengewicht. Angesichts des marktlich\nausgerichteten Gesundheits- und Sozialsystems geht es um <strong>wechselseitige\nUnterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich\nselbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung<\/strong>. <strong>Sorgende Gemeinschaften<\/strong>: ein Miteinander, wie\nwir es aus <strong>Familien und Nachbarschaften, aus Freundeskreisen und Gemeinden<\/strong>\nkennen \u2013 gemeinsame Werte, gemeinsamer Spirit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im\nletzten FWS wurde deshalb zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale\nUnterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt<\/strong>,\nsoweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt.\nDabei zeigte sich: <strong>immerhin 25 Prozent\nengagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen,\nHandwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung\nPflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. I<\/strong>n\nder Befragung wird deutlich: die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen\nverbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist\ndeshalb kein Zufall, dass das Thema \u201eWohnen\u201c so viel Gewicht bekommen<\/strong> hat \u2013\ndas gilt ja gesamtgesellschaftlich im Blick auf verf\u00fcgbaren Wohnraum und\nMietpreisspiegel. Es gilt aber eben auch f\u00fcr die Wohnsituation von \u00c4lteren<strong>. Mehr noch als andere Gruppen sind \u00c4ltere\nMenschen, Familien und Menschen mit Behinderung auf gute Nachbarschaft\nangewiesen, auf gemischte Wohnquartiere und barrierearme Wohnungen<\/strong>. Daneben\nwerden&nbsp; ganz neue Wohnmodelle werden hier\nerprobt, Seniorenwohngemeinschaften, die vielleicht an studentische Erfahrungen\nerinnern, aber auch Mehrgenerationenh\u00e4user, Genossenschaften und Demenz-WGs. <strong>Entscheidend ist, dass wir das hohe Alter\nnicht automatisch mit Hilfebed\u00fcrftigkeit und Betreuung verkn\u00fcpfen<\/strong>, sondern\nwechselseitige Hilfeleistungen und die Chancen des Zusammenlebens in den\nMittelpunkt r\u00fccken. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013\nzeigt: <strong>80 Prozent interessieren und\nengagieren sich gern f\u00fcr die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation, sie h\u00fcten\nKinder, sind gern Leihoma, helfen bei Hausaufgaben oder stehen jungen Leuten\nmit Rat und Tat zu Seite. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>4. Blick zur\u00fcck nach vorn<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer\n\u00fcber ein gut gekn\u00fcpftes soziales Netz verf\u00fcgt, wer eine stabile Familie,\nehemalige Kolleginnen, Vereinskameraden und Freunde am Ort hat, der wird neuen\nHerausforderungen mit Gelassenheit begegnen<\/strong>. Viele allerdings\nf\u00fchlen sich allein gelassen und \u00fcberfordert. Es gen\u00fcgt n\u00e4mlich nicht, Rechte zu\nhaben- wir m\u00fcssen unsere Rechte auch kennen. Wir brauchen Informationen, aber\nauch die&nbsp; Kraft, Forderungen zu stellen\nund Menschen, die uns zuh\u00f6ren und uns unterst\u00fctzen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die\nAufbr\u00fcche der Diakonie im 19. Jahrhundert gingen vom Quartier aus und f\u00fchrten\nins Quartier zur\u00fcck- von Johann Hinrich Wicherns Entwicklung eines neuen\nWohnquartiers in Hamburg- St. Georg bis zu Theodor Fliedners Gemeindeschwestern<\/strong>. Dann\naber f\u00fchrt die Entwicklung des Sozialstaats \u00fcber die Anstaltsdiakonie zur\nfallbezogenen Dienstleistung. Damit verbunden war ein Blick auf die Defizite,\nder zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern unterschied und zur Exklusion f\u00fchrte.\nZum Gef\u00fchl, ausgeschlossen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heute\nbringen Angeh\u00f6rige, Nachbarn, Ehrenamtliche und auch die jungen Alten selbst\nihre Perspektiven auf gelingendes und selbstbestimmtes Altern ein und ver\u00e4ndern\ndie Hilfesysteme<\/strong>. So entstanden die Mehrgenerationenh\u00e4user und\ndie Sorgenden Gemeinschaften im Quartier.&nbsp;\n<strong>Zwischen Quartierscaf\u00e9s,\nPflegestationen und Kirchengemeinden entwickelt sich der Dritte Sozialraum-\nnicht an Defiziten orientiert, sondern an Lebensbereichen wie Wohnen,\nGesundheit, Bildung und Freizeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Damit\nes gelingt, neue Netzwerke zu kn\u00fcpfen, brauchen wir Runde Tische im Stadtteil,\nwir brauchen Begegnungsorte. Am besten solche, die keiner Gruppe eindeutig\nzuzuschreiben sind, wo sich die Verschiedenen ohne Hierarchisierung begegnen\nund ihre Anliegen aushandeln k\u00f6nnen<\/strong>. Gemeinschaftsh\u00e4user, Quartierscafes\nin der Stadt; auch Stadtteilb\u00fcchereien oder Gemeindeh\u00e4user k\u00f6nnen diese\nFunktion erf\u00fcllen. <strong>Die\nSozialwissenschaft reden von \u201eDritten Orten\u201c \u2013 sie sind leicht zug\u00e4nglich und\noffen; die Teilnahme kostet nichts.<\/strong><strong> <\/strong>Gemeinden k\u00f6nnen solche Orte\nbieten\u2013 &nbsp;sie verf\u00fcgen \u00fcber R\u00e4ume, sie\narbeiten traditionell mit Haupt- und Ehrenamtlichen und sie sind \u00fcber viele\nGenerationen verwurzelt am Ort. Es kommt nur darauf an, dass sie ihre R\u00e4ume\n\u00f6ffnen- auch f\u00fcr Menschen, denen die Kirche eher fremd ist \u2013 es kommt darauf\nan, dass sie sich \u00f6ffnen f\u00fcr den Stadtteil.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dabei l\u00e4sst sich aus den Aufbr\u00fcchen und Umbr\u00fcchen des\n19. Jahrhunderts und auch der Nachkriegszeiten lernen. Weit \u00fcber hundert Jahre\nlang sorgten <\/strong><strong>Diakonissen f\u00fcr Pflege,\nKinderg\u00e4rten, N\u00e4hkurse. Sie halfen benachteiligten Familien auf die Beine und\nsorgten f\u00fcr die Integration von Fl\u00fcchtlingen<\/strong>. Sie waren Quartiermanagerinnen, lange bevor der Name erfunden wurde. Gemeindeschwestern hatten zudem ein ausgekl\u00fcgeltes System ehrenamtlicher\nMitarbeiterinnen<strong>. Die \u201eBezirksfrauen\u201c waren immer zur Stelle, wenn Hilfe\ngebraucht wurde. <\/strong>Als Ehrenamtliche\nwaren sie oft selbst aus der Arbeit hervorgegangen, hatten Hilfe\nerfahren und gaben diese Erfahrung weiter. <strong>Die Ehrenamtlichen machten\nregelm\u00e4\u00dfig Besuche und meldeten zur\u00fcck, wo professionelle Hilfe notwendig war<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit dem\nProfessionalisierungsschub<\/strong>, der die alte Rolle der\ngeneralistischen Gemeindeschwester zur Pflegekraft vorantrieb, wurde Pflege\nTeil des Gesundheitssystems. <strong>Heute braucht es Quartierspflege und\ninterprofessionelle Teams in guter Zusammenarbeit mit Engagierten. Sorgende\nGemeinschaften brauchen Sorgestrukturen. <\/strong>Es braucht Netzwerke von Pflege, Sozialarbeit und Jugendarbeit, die den\nEngagierten ein R\u00fcckgrat bieten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber auch Einzelne k\u00f6nnen viel\nbewegen. Niemand muss mehr warten, bis Organisationen und Gremien neue Projekte\nausrufen.&nbsp; <\/strong><strong>Stephanie Quitterer <\/strong>nutzte ihre\nElternzeit am Theater f\u00fcr ein ganz pers\u00f6nliches Projekt. Sie wettete gegen sich\nselbst<strong>: &#8222;200 Hausbesuche mit 200 selbstgebackenen Kuchen in 200\nTagen&#8220;.&nbsp; <\/strong>Und es gelang: sie gewann die Wette und ein gro\u00dfes Netzwerk in der\nNachbarschaft.&nbsp;&nbsp; <strong>Die K\u00fcnstlerin Janni\nFeuser schickte 2016 eine blumenverzierte Sitzgelegenheit auf Reisen, die jetzt\nso etwas wie der neue Dorfmittelpunkt ist: die \u201eB\u00e4nk for better anderst\u00e4nding\u201c.\n<\/strong>Jede Woche wird die Bank von einem Haushalt zum n\u00e4chsten\nweitergegeben \u2013 als Einladung an alle, sich dort zu treffen und die Nachbarn\nbesser kennenzulernen<strong>. &nbsp;Andere\nbeginnen mit Urban Gardening oder mit einer B\u00fcchertauschb\u00f6rse in der\nNachbarschaft- lauter kleine Aktionen, die andere zum Mitmachen einladen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denn <\/strong>e<strong>igentlich\nf\u00e4ngt alles ganz klein an, schreiben die Kolleginnen aus der Badischen\nLandeskirche in ihrem Werbeflyer f\u00fcr Sorgende Gemeinden: &nbsp;<\/strong>mit Gr\u00fc\u00dfen auf der Stra\u00dfe, mit\nBlickkontakt zu anderen Menschen, T\u00fcr aufhalten und Vortritt lassen, mit Danke\nund Bitte und Lob und Anerkennung<strong>. Damit, dass wir unser Gegen\u00fcber\nwahrnehmen, entsteht eine Sorgende Gemeinschaft. Jeden Tag neu.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Sch\u00f6neck\nFebruar 2020 <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Gemeinschaft in der Singlegesellschaft Was w\u00e4rst Du lieber: arm mit vielen Freunden oder reich und allein? Das hat k\u00fcrzlich&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5069\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3518,"menu_order":78,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5069","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5069"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5069"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5069\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5070,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5069\/revisions\/5070"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}