{"id":5052,"date":"2020-03-09T19:05:54","date_gmt":"2020-03-09T18:05:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5052"},"modified":"2021-02-26T11:36:47","modified_gmt":"2021-02-26T10:36:47","slug":"umbrueche-aufbrueche-christsein-und-kirche-in-der-transformation","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5052","title":{"rendered":"Umbr\u00fcche, Aufbr\u00fcche- Christsein und Kirche in der Transformation"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wuppertal 10.12.19<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong> 1. Risse und Spaltungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWie\nein Riss in einer hohen Mauer\u201c \u2013 so beschrieb der Prophet Jesaja einen zun\u00e4chst\nkaum wahrnehmbaren Ver\u00e4nderungsprozess<\/strong> von grundst\u00fcrzenden Ausma\u00dfen\nin Israel, der schlie\u00dflich zum Kollaps des Reiches f\u00fchrte. 2009, kurz nach der\nFinanzkrise, griff der Rat der EKD dieses Zitat auf. \u201eWie ein Riss in einer\nhohen Mauer\u201c wurde der Titel einer Stellungnahme zur globalen Wirtschafts- und\nFinanzmarktentwicklung. Der Riss, von dem der Prophet spricht (Jes 30), ist\nzun\u00e4chst kaum sichtbar, aber er frisst sich ins Gem\u00e4uer, bis der M\u00f6rtel\nrieselt, der die Steine h\u00e4lt, und am Ende die ganze Mauer einst\u00fcrzt. Inzwischen\nhaben viele das Gef\u00fchl, dass etwas \u00e4hnliches passiert- die Schutzmauern\nbrechen. Der Referenzrahmen unserer Gesellschaft hat Br\u00fcche. Der Zusammenhalt\nzerbr\u00f6selt. Die&nbsp; Transformation, die wir\nerleben, begann sp\u00e4testens mit&nbsp; dem\nAnschlag auf das World Trade Center 2001 und endete nicht mit der\nFl\u00fcchtlingskrise von 2015.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Begriff Transformation bezeichnet Karl Polanyi 1944\nden&nbsp; Wandel der westlichen\nGesellschaftsordnung <strong>am Beispiel\nEnglands in der Zeit der Industrialisierung. Damals kam es zu tiefgreifenden\nsozialen und wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen- zur Herausbildung von\nMarktwirtschaften und Nationalstaaten. <\/strong>Aber auch in Deutschland brachen f\u00fcr\nviele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten, zusammen.\nDie Schattenseite der neuen Produktivit\u00e4t, des Anwachsens der St\u00e4dte und des\nsteigenden Wohlstandes waren Arbeitslosigkeit und Armut, Wohnungsnot und in der\nFolge oft Kriminalit\u00e4t, allein gelassene und verwahrloste Kinder und Kranke.\nDie Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder der neuzeitlichen Diakonie wie Theodor und Friederike\nFliedner oder Johann Hinrich Wichern suchten Antworten auf diese neuen\nHerausforderungen. Sie gingen in die Armutsquartiere, nahmen Menschen, die aus\ndem Gef\u00e4ngnis kamen, bei sich auf, und sie reisten durch Europa, im die\nAuswirkungen der Krise dort zu studieren, wo die Probleme sich besonders\ndeutlich zeigten. <strong>Zu den Hauptproblemen\ngeh\u00f6rten die \u00dcberforderung von Familien, Nachbarschaften und Kommunen \u2013 die\nInstitutionen, die Halt gaben, trugen nicht mehr. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hier\nin Elberfeld sorgte von der Heydt f\u00fcr eine Dezentralisierung der\nArmenverwaltung<\/strong>. Die meist b\u00fcrgerlichen, ehrenamtlichen\nArmenpfleger&nbsp; und Amenpflegerinnen\narbeiteten seit 1850 quartiersnah nach dem Prinzip \u201eHilfe zur Selbsthilfe\u201c. <strong>Es hat lange gedauert, bis am Ende des\nJahrhunderts nationale Sicherungssysteme entstanden<\/strong>, die unseren\nSozialstaat heute noch konturieren. Vom kommunistischen Manifest 1848 bis zu\nBismarck gab es heftige gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen.\nAber es gab auch christliche B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die aus ihrem Glauben\nheraus neue Initiativen entwickelten. Von Sieveking bis Raiffeisen gr\u00fcndeten sie\nVereine, schufen Genossenschaften, Gemeinschaften und Wahlfamilien,\nKinderg\u00e4rten und Pflegeeinrichtungen, dazu Quartierskonzepte f\u00fcr die St\u00e4dte.\nDiese Offenheit f\u00fcr neue Ideen, das b\u00fcrgerschaftliche Engagement von\nStadtr\u00e4ten, Unternehmern, adeligen und b\u00fcrgerlichen Frauen und die \u00dcberzeugung,\nvon Gott gebraucht zu werden, haben mich immer begeistert. Das alles hat dazu\ngef\u00fchrt, dass sich in Innerer Mission und Caritas neue Netzwerke bildeten, auf\ndenen auch die Politik weiter aufbauen konnte. <strong>Das macht mir Mut, wenn ich auf die Ver\u00e4nderungsprozesse schaue, die\nwir gerade erleben<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>2. Das\nFloss der Medusa<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei\nder Europawahl im letzten Sommer haben nur noch die \u00dcber 60-J\u00e4hrigen so\ngew\u00e4hlt, wie es Jahre lang erwartbar war, die J\u00fcngeren aber haben das Ende der\nVolksparteien deutlich sichtbar gemacht<\/strong>. Sind die Alten also nicht mehr\nam Puls der Zeit? Haben sie nicht verstanden, worum es wirklich geht? Denen\nginge es doch nur um die Rente, sagen viele &#8211; dabei w\u00fcrde diese Klientel von\nder gro\u00dfen Koalition mit einem Rentenpaket nach dem anderen bedient. Und Nico\nSemsroth von \u201eDie Partei\u201c hatte da eine Idee: Da die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in\nden ersten 18 Jahren nicht w\u00e4hlen d\u00fcrfen &#8211; sollte man auch die letzten 18 Jahre\nabziehen &#8211; vom Durchschnittalter. Ist das nun der seit vielen Jahren\nvorhergesagte Generationenkonflikt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In dem\nBuch \u201e Das Flo\u00df der Medusa\u201c zeigt Wolfgang Schmidtbauer, wie gef\u00e4hrlich es sein\nkann, wenn wir in einer Situation notwendiger Ver\u00e4nderungsprozesse den Kopf in\nden Sand stecken<\/strong>. Die gegenw\u00e4rtige H\u00e4ufung von Krisen \u2013 Klima,\nEnergie, Geldwirtschaft, Terror und Fl\u00fcchtlingselend- sei ohne&nbsp; Vorbild in der Geschichte, schreibt\nSchmidtbauer , und er ist sich sicher, die <strong>Menschen\nm\u00fcssten Gruppen bilden, gemeinsam lernen, neue Allmenden organisieren und\nversch\u00fcttete Begabungen freilegen<\/strong>. Das Buch dreht sich um den Untergang der\nfranz\u00f6sischen Fregatte <strong>\u201eMedusa\u201c, die 100\nJahre vor der Titanic sank<\/strong>.<strong> Von den\n400 Passagieren konnten nur wenige gerettet werden<\/strong>. Ihre Geschichte ist in\nErinnerung durch ein Gem\u00e4lde von Theodore Gericaults von 1819. <strong>Grund f\u00fcr die Katastrophe war eine F\u00fchrung,\ndie Angst hatte vor dem Verlust der Schiffsladung, und ein unsachgem\u00e4\u00dfes\nFesthalten an Status und Macht. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das oben\nzitierte Wort des Rates von 2009 stellt die Finanz- und Wirtschaftskrise in den\ngr\u00f6\u00dferen Zusammenhang der weltweiten Gerechtigkeit und der Klimaver\u00e4nderung<\/strong>. Das\ngeht bis hin zum Titel, der auf eine fr\u00fchere Stellungnahme des Ratsvorsitzen-den\nzum Klimawandel verweist. Bei seinen Perspektiv\u00fcberlegungen ist der Text vom\nModell einer nachhaltigen Sozialen Marktwirtschaft geleitet. <strong>Damit wir nicht sehenden Auges in die\nKatastrophe laufen, brauchen wir<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>\u2022  \u201e<strong>eine Wirtschaft, die den Menschen heute dient, ohne die Lebensgrund-lagen zuk\u00fcnftiger Generationen zu zerst\u00f6ren<\/strong>, die also die Gerechtigkeit f\u00fcr die Armen hier und weltweit, aber auch f\u00fcr die Zukunft der Sch\u00f6pfung im Blick hat, sowie <\/p>\n\n\n\n<p>\u2022&nbsp; <strong>eine (Welt-)Gesellschaft, die die Verbesserung der Situation ihrer \u00e4rmsten und schw\u00e4chsten Mitglieder zu ihrer vorrangigen Aufgabe macht<\/strong>, und<\/p>\n\n\n\n<p>\u2022&nbsp; <strong>schlie\u00dflich ein Finanzsystem, das sich in den Dienst dieser Aufgabe stellt<\/strong>\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDazu geh\u00f6ren tragf\u00e4hige globale Rahmenbedingungen und\nKontrollinstanzen f\u00fcr ein soziales und nachhaltiges Wirtschaften. <strong>In der Bew\u00e4ltigung dieser &nbsp;Herausforderungen wird sich entscheiden, ob es\ngelingt, das grundlegende Vertrauen in eine soziale und \u00f6kologische, global\nausgerichtete Marktwirtschaft neu aufzubauen, \u201c<\/strong> so der Text. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deutschlands\nGewinne auf den Weltm\u00e4rkten werden zu einem guten Teil in Schwellenl\u00e4nder\neingefahren, deren nat\u00fcrliche Ressourcen bedingungslos ausgebeutet. Und selbst\ndie jetzt viel gepriesene Elektromobilit\u00e4t kommt nicht ohne seltene Erden aus.\nDie<\/strong>\nStudie \u201eZukunftsf\u00e4higes Deutschland in einer globalisierten Welt\u201c sprach in\ndiesem Zusammenhang von \u201e\u00f6kologischer Raub\u00f6konomie\u201c. Nachhaltige Entwicklung in\nden \u00f6kologischen Grenzen ist aber nur m\u00f6glich mit einem fairen Ausgleich\nzwischen Nord und S\u00fcd; und beides gelingt nur, wenn dabei die Ungleichheiten in\nunserer Gesellschaft nicht wachsen, wenn die demokratische Beteiligung an den\nVer\u00e4nderungsprozessen gelingt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die\nHerausforderungen sind zuerst politischer, nicht technischer Natur. Seit 1969\nhaben wir unsere Arbeitsproduktivit\u00e4t vervierfacht, die Energieproduktivit\u00e4t\naber nur verdoppelt<\/strong>. Technische Innovationen haben dazu gef\u00fchrt,\ndass wir zwar in Relation weniger Ressourcen verbrauchen, absolut aber mehr vom\nselben konsumieren. Weniger Treibstoff, aber l\u00e4ngere Strecken- &nbsp;kleinere Autos, aber mehr in jeder Familie &nbsp;\u2013 das ist der so genannte Rebound-Effekt.\nAngesichts des Wachsens der Weltbev\u00f6lkerung werden die Effizienzgewinne zudem\nschnell absorbiert- objektiv nehmen Bodenversiegelung, Wasservergeudung,\nSchwund der Artenvielfalt zu. Die Produktivit\u00e4t und die Profitrate vor allem im\nFinanzsektor sind gestiegen, die Reall\u00f6hne allerdings sind eher gesunken. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Angst\nvor gesellschaftlichem Abstieg und vor Wohlstandsverlusten w\u00e4chst. Der\nInselbewohner im Pazifik, dessen Heimat untergeht, und der Kohlekumpel in\nMinnesota, der den Untergang seiner Industriewelt erlebt, teilen das gleiche\nglobale Schicksal<\/strong>. Eine Politik allerdings, die den Kohlekumpel\nsch\u00fctzt, wird den Jungen auf den Philippinen doppelt gef\u00e4hrden.&nbsp; Ob und wie N\u00e4chstenliebe global gestaltet\nwerden kann, bleibt eine offene Frage. Wir bewegen uns zwar im World-Wide-Web\nund haben Freunde in aller Welt, aber die Menschheit als Ganzes zu sehen, f\u00e4llt\nuns immer noch schwer. Vielleicht wei\u00df der Fl\u00fcchtling aus Somalia, der der\nalten Sklavenroute bis \u00fcber das Mittelmeer gefolgt ist mehr davon als die\nEntscheider, die die verschiedenen Landschaften und Kulturen meist nur aus dem\nFlugzeug sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>3. Die\nZeichen der Zeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nach\nder Finanzkrise 2007 und der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c 2015 erscheint der Sommer 2019\nin den aktuellen Debatten als weiterer Wendepunkt- <\/strong>nach\nfast 50 Jahren sind die Ergebnisse des Club of Rome ins \u00f6ffentliche Bewusstsein\nger\u00fcckt.&nbsp; Solche Wendepunkte haben immer eine\nVorgeschichte; das gro\u00dfe Engagement f\u00fcr die Welcome-Kultur w\u00e4re nicht m\u00f6glich\ngewesen ohne die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in der alten\nBundesrepublik- zugleich war es nicht zuletzt die Spaltung zwischen Ost und\nWest die zur radikalen Ver\u00e4nderung der politischen Landschaft gef\u00fchrt hat. &nbsp;An solchen Wendepunkten bekommen die Umbr\u00fcche\nein Gesicht \u2013 der tote Fl\u00fcchtlingsjunge am griechischen Strand, Greta Tunberg\nmit ihrem Schulstreik. Der Wandel wird pers\u00f6nlich- mit Folgen f\u00fcr Politik und\nLebensstil. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie lernen\nwir, die Herausforderungen rechtzeitig zu erkennen?<\/strong> Als der\nNationalsozialismus die Gesellschaft in Deutschland mehr und mehr pr\u00e4gte, wurde\nDietrich Bonhoeffer auf einer USA-Reise bedr\u00e4ngt, wie andere Emigranten im Exil\nzu bleiben. Er entschied sich, nach Deutschland zur\u00fcckzukehren und schrieb:\n\u201eDienet der Zeit\u201c. \u201e\u2026<strong>Es hei\u00dft nur die\ntiefe reine Gestalt dieser Zeiten zu verstehen und in unserer Lebensf\u00fchrung\ndarzustellen, so werden wir mitten in unserer Zeit auf die heilige Gegenwart\nGottes sto\u00dfen\u201c. <\/strong>Manchmal hilft esaber\nauch, aus der Distanz auf die gro\u00dfen Linien zu schauen \u2013 auf einer Reise zum\nBeispiel wie Bonhoeffer, Fliedner oder Wichern. <strong>\u201e Man muss die Tiefe der Wirklichkeit mit den klaren Augen des Glaubens\nsehen, um sie mit den rettenden Armen der Liebe gestalten zu k\u00f6nnen\u201c, schrieb\nWichern. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissenschaftler\nunterscheiden seit Jahren mehrere gro\u00dfe, einander bedingende Krisen:&nbsp; Die \u00f6kologische Krise<\/strong>, die\nsich in einem beschleunigenden Klimawandel, wachsenden Konflikten um Rohstoffe\nund einem fortschreitenden R\u00fcckgang der Biodiversit\u00e4t zuspitzt.&nbsp; <strong>Dann\ndie Ern\u00e4hrungskrise, <\/strong>die durch die weltweite Spekulation mit Land und\nNahrung noch verst\u00e4rkt wird. <strong>Die\nFinanzkrise, die bei fehlender politische Regulierung und Kontrolle der\nFinanzm\u00e4rkte zu einer Destabilisierung von Demokratie,<\/strong> Wirtschaft und\nBesch\u00e4ftigung f\u00fchrt. <strong>Und die\nStaatsschuldenkrise, die vor allem in S\u00fcdeuropa dazu f\u00fchrt, dass Staaten\nhandlungsunf\u00e4hig <\/strong>und Gesellschaften in Geiselhaft der Finanzm\u00e4rkte genommen\nwerden. <strong>Schlie\u00dflich Globalisierung und\nDigitalisierung und die Krise der Arbeit, die sich weltweit in der Ausweitung\nprek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung, Arbeitslosigkeit und informeller T\u00e4tigkeit<\/strong> zeigt\nund zu einer Zuspitzung der Ungleichheiten zwischen Arm und Reich f\u00fchrt, <strong>und die schwelende Sozialstaatskrise, die\nMenschen Angst macht, dass Rente und Arbeitslosengeld nicht mehr sicher sind.\nSeit 2015 kommt&nbsp; die so genannte \u201e\nFl\u00fcchtlingskrise\u201c hinzu.<\/strong> Die Kriege, \u00f6kologischen und wirtschaftlichen\nKatastrophen, vor denen die Menschen fliehen, sind ihrerseits mitbegr\u00fcndet\ndurch die weltweiten Konflikte um Nahrung, Wasser und Energie. Dabei stellen\ndie Migrationsbewegungen selbst eine wachsende Herausforderung dar: F\u00fcr die\nGefl\u00fcchteten, aber auch f\u00fcr Europa, das um die Zukunft seiner national\nausgerichteten Sozial- und Wohlfahrtsstaaten ringt. F\u00fcr die Industriestaaten\nist n\u00e4mlich noch ein wesentlicher Faktor zu ber\u00fccksichtigen<strong>, der demografische Wandel mit seinen Herausforderungen f\u00fcr die\nsozialen Sicherungs- und die Pflegesysteme.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine\nHydra mit acht K\u00f6pfen \u2013 jeder Versuch, das eine oder andere Problem in\ngewohnter Weise zu l\u00f6sen, scheint in Widerspr\u00fcche zu f\u00fchren. Die Debatte um den\nKohleabbau und den Erhalt von Arbeitspl\u00e4tzen hat das in j\u00fcngster Zeit jedem vor\nAugen gef\u00fchrt. Die Ohnmacht, die viele angesichts solcher Dilemmata empfinden,\nentl\u00e4dt sich in Wut oder Resignation. So mancher hat jetzt das Gef\u00fchl, das&nbsp; Lebensstil von den Migranten aus dem Nahen\nOsten und Afrika in Frage gestellt wird.<\/strong> Wenn der Hass sich nicht\nausbreiten soll, brauchen wir tragf\u00e4hige Formen des Miteinanders, neue &nbsp;Konzepte der Integration und des gemeinsamen\nLernens, die \u00fcber Wohnungsbau und Integrationsklassen hinausreichen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber l\u00e4ngst\nk\u00f6nnen wir auf den Stadtpl\u00e4nen verfolgen, wie die soziale Segmentierung sich\nausweite<\/strong>t. Die wachsende Spreizung der Einkommen, die wachsenden\nsozialen Unterschiede , zwischen Einheimischen und Migranten, zwischen\nErwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, zwischen Bildungsgewinnern und\nBildungsverlierern und auch von jungen, arbeitsf\u00e4higen und alten Menschen\nf\u00fchren zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. Wohin es f\u00fchren kann,\nwenn Stadtteile zu Ghettos werden, l\u00e4sst sich an den Vorst\u00e4dten von Paris\nbeobachten. Viele Soziologen gehen davon aus, dass die Radikalisierung, die\nhinter den Anschl\u00e4gen in Paris 2015 und von Br\u00fcssel 2016 steckte, dort ihren\nAnfang nahm. Stadtplanung ist gefragt, aber die Kommunen, auch Wuppertal,\nleiden unter dem finanziellen Druck, der vor allem durch die hohen Kosten f\u00fcr\nTransferleistungen entsteht. <strong>Viele\nKommunen haben schon vor Jahren die Notbremse gezogen: haben Verkehrs- und Energiebetriebe\nund auch den Wohnungsbestand verkauft. Heute zeigt sich:&nbsp; Damit schwindet die Infrastruktur, die f\u00fcr\nein gutes Zusammenleben n\u00f6tig ist. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>4. Der\nKampf um Zugeh\u00f6rigkeit <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sagt es laut, sagt es klar, wir sind alle\nunteilbar&#8220;: Fast eine Viertelmillion demonstrierten im vergangenen Oktober\nam Alexanderplatz f\u00fcr eine offene und freie Gesellschaft. Das Motto:\nSolidarit\u00e4t statt Ausgrenzung. \u201e<strong>Unteilbar\u201c\n\u2013 gegen die sichtbare Spaltung unserer Gesellschaft. Gegen rechte Hetze, das\nFl\u00fcchtlingssterben im Mittelmeer und K\u00fcrzungen im Sozialsystem<\/strong>. Auf drei\nSzenarien will ich kurz den Spot richten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein\nerstes Blitzlicht: Die Tafelbewegung. \u201eSolange Deutsche zur Tafel gehen m\u00fcssen,\nhaben Fl\u00fcchtlinge da nichts zu suchen\u201c.<\/strong> Die Entscheidung der Essener\nTafel, Gefl\u00fcchtete vor\u00fcbergehend auszuschlie\u00dfen, machte die Konkurrenz ganz\nunten zum \u00f6ffentlichen Thema: Rentnerinnen, Hartz-4-Empf\u00e4nger, Familien in\nArmut und Gefl\u00fcchtete. Alles Menschen, die sich jeden Morgen fragen, wie sie\nden Tag \u00fcberstehen. Die die Scham \u00fcberwinden m\u00fcssen, sich anzustellen, ihren\nAusweis zu zeigen, ein Second-Hand-Leben zu leben. <strong>Der Streit um die Essener Tafel hat gezeigt: Es gibt nicht nur den Riss\nzwischen oben und unten, sondern auch den zwischen Drinnen und Drau\u00dfen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sind die Tafeln die \u201eSuppenk\u00fcchen\u201c unserer Zeit? Kann gut\nsein. <strong>Diakonische Vereine ergriffen im\n19. Jahrhundert die Initiative, als die gro\u00dfe Transformation Familien wie\nKommunen \u00fcberforderte &#8211; sie schufen Armenk\u00fcchen, Kinderg\u00e4rten, Pflegeheime,\nRettungsh\u00e4user. Es dauerte bis zum Ende des Jahrhunderts, bis nationale soziale\nSicherungssysteme geschaffen wurden<\/strong>. Wer erfahren musste, dass sein Leben\ndurch Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit in die Br\u00fcche ging, der sollte sich\nauf die Solidargemeinschaft verlassen k\u00f6nnen. <strong>Dabei ging es nicht nur um Geld \u2013 es ging um das Gef\u00fchl, auch dann noch\ndazu zu geh\u00f6ren, wenn man auf Hilfe angewiesen war. Dieses Grundgef\u00fchl scheint\nzu zerbrechen. <\/strong>250.000 neue Million\u00e4re gab es letztes Jahr in Deutschland,\nohne, dass sich die Zahl der ALG II-Empf\u00e4nger verringert h\u00e4tte. Was muss\ngeschehen, damit sich die Abgeh\u00e4ngten wieder zugeh\u00f6rig f\u00fchlen? Hartn\u00e4ckig h\u00e4lt\nsich ein Zauberwort: <strong>\u201eBedingungsloses\nGrundeinkommen\u201c \u2013 die L\u00f6sung der Sozialsysteme vom unmittelbaren Zusammenhang\nmit dem Erwerbseinkommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein\nzweites Blitzlicht: \u201eAusspekuliert\u201c.<\/strong> Unter diesem Motto\ndemonstrierten mehr als 10.000 Menschen in M\u00fcnchen, Frankfurt und Berlin gegen\nden Wohnwahnsinn. Lange Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen, Wucherpreise und\nEntmietung. Studierende, die in der Uni campen. Rentnerinnen, die sich ihre\nWohnung nicht mehr leisten k\u00f6nnen, wenn der Partner ins Heim muss oder stirbt.\nRund 37.000 Wohnungslose leben allein in Berlin, fast ein Viertel davon mit\nKindern. Viermal so viele wie noch 2014. Gleichzeitig stehen Luxuswohnungen\nleer, weil sie als Wertanlage und Spekulationsobjekt genutzt werden. Allein die\nFirma Vonovia hat im letzten Jahr 1,1 Milliarden Euro Gewinn gemacht. 54\nProzent der Deutschen sind Mieter \u2013 und viele haben das Gef\u00fchl, dass etwas ins\nRutschen gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das\nMotto \u201eausspekuliert\u201c ist eine Mahnung: Der Grund und Boden, auf dem wir leben,\nist mehr ist als eine Geldanlage<\/strong>. \u201eAlles Eigentum und aller\nReichtum m\u00fcssen in \u00dcbereinstimmung mit der Gerechtigkeit und zum Fortschritt\nder Menschheit verantwortungsvoll verwendet werden\u201c, hei\u00dft es in der\nallgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenpflichten, die Helmut Schmidt 1997 zusammen\nmit Shimon Perez, Franz Vranitzky und anderen ver\u00f6ffentlicht hat. <strong>Ein Zauberwort in diesem Zusammenhang:\n\u201eGemischte Quartiere\u201c. Auch hier geht es um das Gef\u00fchl, dazu zu geh\u00f6ren \u2013 Teil\nder Stadtgesellschaft zu sein<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur die Wohnsituation ver\u00e4ndert sich; seit dem\nDieselskandal diskutieren wir auch die Verkehrswende. Und mit der Digitalisierung\ndas Ladensterben. W\u00e4hrend in ehemaligen Parkh\u00e4usern neue Wohnungen entstehen,\nregt Ina Pr\u00e4torius an, die leeren Verkaufsfl\u00e4chen zu kommerzfreien Treffpunkten\nzu machen: Tauschl\u00e4den, Quartiersl\u00e4den, Begegnungszentren<strong>. Gerade Menschen, die kaum privaten Lebensraum haben, brauchen\n\u00f6ffentliche Orte in der Stadt, frei zug\u00e4ngliche Flussufer, offene Kirchen und\nB\u00e4nke auf dem Marktplatz. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der\ndritte Spot hat keine Demo<\/strong>: Hier spielt das meiste hinter\nverschlossenen T\u00fcren. Bei denen, die gepflegt werden und bei denen, die\npflegen. 1,<strong>5 Mio. Menschen werden nach\nwie vor von Angeh\u00f6rigen gepflegt &#8211; neun Jahre im Schnitt; bei steigendem\nArmutsrisiko. Oft mit Unterst\u00fctzung eines ambulanten Pflegedienstes; hier\narbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege, die am\nschlechtesten bezahlt werden<\/strong>. Dabei werden die famili\u00e4ren Netze br\u00fcchiger,\n43 Prozent der \u00c4lteren leben in Einpersonenhaushalten. Osteurop\u00e4ische\nHaushaltshilfen sind der Geheimtipp, wenn die Angeh\u00f6rigen zu weit weg wohnen:\n600.000 sind es zurzeit. Wo die sozialstaatlichen Konzepte versagen, wird die\nSorgearbeit wieder privatisiert und familiarisiert. <strong>Die K\u00e4mpfe unserer Tage sind Sorgek\u00e4mpfe, die das Ende der neoliberalen\nHoffnungen markieren: Es geht um Ern\u00e4hrung, Wohnen, Pflege, Mobilit\u00e4t. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das\nZauberwort hei\u00dft hier \u201eCaring Communitys\u201c. Sorgende Gemeinschaften, Netzwerke\ngegen die Einsamkeit<\/strong> &#8211; mit Familien, Nachbarn, Dienstleistern,\nzwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Immerhin 25 Prozent engagieren sich schon\nheute in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten,\nKinderbetreuung. Die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen, sagen die\nInterviewten, verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Wo aber\n\u00fcberforderte Kommunen keine finanziellen Spielr\u00e4ume mehr haben, Erwerbst\u00e4tige\nunter dauernder Verf\u00fcgbarkeit leiden, Familien zwischen den verschiedenen\nZeitregimes zerrieben werden, st\u00f6\u00dft das Ideal an Grenzen. Die \u00d6konomisierung\nist l\u00e4ngst in die Familien vorgedrungen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>5. Wo\ndas WIR Bedeutung bekommt <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bedingungsloses\nGrundeinkommen, Gemischte Quartiere, Sorgende Gemeinschaften &#8211; die Zauberworte\nzeigen: Es geht um Zugeh\u00f6rigkeit und soziale Sicherheit<\/strong>. Wer\n\u00fcber ein gut gekn\u00fcpftes soziales Netz verf\u00fcgt, wer eine stabile Familie,\nehemalige Kolleginnen, Vereinskameraden und Freunde am Ort hat, der kann\nHerausforderungen mit Gelassenheit begegnen. Aber viele f\u00fchlen sich allein\ngelassen, einsam und \u00fcberfordert<strong>. Es\ngibt inzwischen eine Art \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c, der zum Treiber der\nrechts-populistischen Bewegungen wird, sagt Heinz Bude.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schrumpfende Regionen zeigen, wie Heimat erodiert: Junge\nLeute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, die\nh\u00e4ufig Wohneigentum haben, das sich kaum noch verkaufen l\u00e4sst. Paare leben aus\nberuflichen Gr\u00fcnden die Woche \u00fcber getrennt; wo Kinder in der Familie leben,\nsind es h\u00e4ufig die M\u00fctter, die bleiben. <strong>Mobilit\u00e4t,\nFreiheit, Selbstverwirklichung lassen sich wahrscheinlich am besten in einer\nSinglegesellschaft leben. Aber Menschen, die h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln,\nverlieren die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft<\/strong>. Familien\nmit kleinen Kindern, auch alte oder kranke Menschen \u2013 deren Anteil an der\nGesamtbev\u00f6lkerung w\u00e4chst \u2013 geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags besonders\nunter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen\nzur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich lebt nur noch ein Viertel der erwachsenen\nKinder am Wohnort der Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die\nKommission f\u00fcr den Siebten Familienbericht der Bundesregierung hat darauf\naufmerksam gemacht, dass ein Caredefizit droht, wenn es nicht gelingt, den\nabsoluten Vorrang des \u00f6konomischen Denkens in Frage zu stellen<\/strong>.\nNicht nur die demographischen Folgen- Geburtenr\u00fcckgang und die so genannten\n\u00dcberalterung sind bedrohlich- sondern auch das Schwinden der privaten F\u00fcrsorge\nin Familie, Nachbarschaft und Gemeinden. Offensichtlich ist an dieser\nBruchlinie etwas aus der Balance geraten. <strong>\u201eEine\nZeit, die ihre soziale Energie auf die Fragen nach N\u00fctzlichkeit oder Verf\u00fcgbarkeit\nreduziert, ist nicht nur widerw\u00e4rtig, sondern beraubt die ihr unbedacht\nFolgenden auch aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit<\/strong>\u201c,\nschreibt die Philosophin Ariane von Schirach (\u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c) <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">6. <strong>Kommunen und Caring\nCommunitys <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Die pluralistische\nGesellschaft ist in Gefahr, eine fragmentierte Gesellschaft zu werden\u201c, schrieb\nUdo di Fabio schon vor 6 Jahren. Und Andreas Reckwitz spricht gar von einer\n\u201eGesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c. Familien und Nachbarschaften ver\u00e4ndern sich<\/strong>,\nauch weil Menschen von anderswoher zuziehen \u2013 vom Land in die St\u00e4dte, aus den\nSt\u00e4dten in den Speckg\u00fcrtel, als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge<strong>. In Marxloh oder Bruckhausen kann man\nerleben, was das bedeutet:<\/strong> <strong>Mit wachsender\nVielfalt w\u00e4chst auch Verunsicherung, w\u00e4chst das Gef\u00fchl des Fremdseins in der\neigenen Stadt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Orientierung an den wettbewerblichen Strukturen\nhat das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrgern, Dienstleistern und Kommunen grundlegend\nver\u00e4ndert. In der Dienstleistungsgesellschaft werden alle zu Kunden. Die gro\u00dfen\nDemonstrationen, zeigen: <strong>B\u00fcrgerinnen und\nB\u00fcrger wollen als politische Subjekte wahrgenommen werden. Aber B\u00fcrgerbeteiligung\nbraucht einen Rahmen. Es gen\u00fcgt es nicht, eine Plattform zu installieren \u2013<\/strong>\nweder digital noch analog- auch wenn sich inzwischen eine halbe Million Nutzer\nbei nebenan.de organisiert. Untersuchungen von Martina Wegner aus M\u00fcnchen\nzeigen, dass sich auf diese Weise vor allem die hochengagierte Mittelschicht\nmit ihren eigenen Interessen beteiligt. <strong>Wenn\nwir die erreichen wollen, die ihre Rechte nicht selbstverst\u00e4ndlich wahrnehmen,\nsind intermedi\u00e4re Organisationen n\u00f6tig: Schulen, Kirchen, Wohlfahrtsverb\u00e4nde,\nParteien. Genau die sind aber in den letzten Jahren auf dem R\u00fcckzug &#8211;<\/strong> von\nden Bezirksverwaltungen bis zu den Kirchengemeinden. <strong>Es gen\u00fcgt aber nicht, Rechte zu haben &#8211; wir brauchen auch\nInformationen, die Kraft, Forderungen zu stellen und Menschen, die uns zuh\u00f6ren\nund uns unterst\u00fctzen Wie kann es unter diesen Rahmenbedingungen gelingen, gute\nOrte zu schaff<\/strong>en \u2013 oder genauer: die Bedingungen und Bef\u00e4higung zu einem\nguten Leben vor Ort? <\/p>\n\n\n\n<p>Es kann nicht als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden,\ndass die Selbstorganisation von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen, etwa in\nSeniorengenossenschaften und in B\u00fcrgervereinen ohne Hilfe \u201evon au\u00dfen\u201c auskommt.\nAls \u201eSparmodell\u201c ist die aktive B\u00fcrgergesellschaft nicht geeignet, auch wenn\nsich immer mehr Menschen engagieren und der Einsatz Ehrenamtlicher\ngesellschaftlich hoch willkommen ist. Vielmehr ben\u00f6tigen solche Formen der\nSelbstorganisation Anst\u00f6\u00dfe, F\u00f6rderung und Unterst\u00fctzung auch durch die Kommune\u201c.\n<strong>Welcome-Projekte, alternsgerechte und\ndemenzfreundliche St\u00e4dte, Inklusionquartiere, \u201eleben von einem\nIneinandergreifen unterschiedlicher Hilfen. Segmentierte Hilfen sind zu\n\u00fcberwinden, es muss in wohlfahrtspluralistische Hilfearrangements investiert\nwerden.\u201c (7.Altenbericht)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der soziale Nahraum, der sich durch individuelle Hilfen,\ndurch N\u00e4he, Freiwilligkeit, Wechselseitigkeit auszeichnet, braucht die\nErg\u00e4nzung durch bedarfsorientierte, qualifizierte und organisierte Hilfesysteme.\n<strong>Entscheidend wird sein, beides in der je\neigenen Dignit\u00e4t und Logik zu begreifen. Die F\u00f6rderung \u201eSorgender\nGemeinschaften\u201c muss eingebettet sein in Sorgestrukturen <\/strong>und ein breit\nangelegtes Kommunalentwicklungsprogramm. <strong>Der\nTafelstreit Streit in Essen zeigt: Ehrenamtliche T\u00e4tigkeiten d\u00fcrfen\nsozialgesetzlich geforderte Aufgaben nicht ersetzen. Sie sind aber\nunverzichtbar, um die Gesellschaft f\u00fcr Probleme zu sensibilisieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Erfahrungen\nin der Fl\u00fcchtlingskrise k\u00f6nnen uns daf\u00fcr die Augen \u00f6ffnen. Das Engagement in\nder Fl\u00fcchtlingshilfe war \u201enicht l\u00e4nger eine blo\u00dfe Zutat, sondern ein\nSchl\u00fcsselfaktor bei der Bew\u00e4ltigung der dringlichsten Anforderungen\u201c, meint\nAdalbert Evers<\/strong>. Laut einer Allensbach \u2013 Untersuchung zum\nEngagement in der Fl\u00fcchtlingshilfe vom April 2017 arbeiteten 40 Prozent der\nEngagierten in Gruppen, die sich ausschlie\u00dflich zu diesem Zweck gegr\u00fcndet haben\n&#8211; ohne Rechtsform, mit flachen Hierarchien und einem hohen Ma\u00df an\nBeteiligungsm\u00f6glichkeiten, 23 Prozent haben sich auf eigene Faust und au\u00dferhalb\naller Institutionen engagiert. Es dominierten junge Leute zwischen 20 und 30 &#8211;\nund sie organisierten sich nicht zuletzt \u00fcber die neuen Medien. Um allerdings\ndie Erfolge zu verstetigen, brauchen auch diese Initiativen einen politischen\nRahmen in der Kommunalpolitik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>7.\nKirche in der Transformation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit\nihren Fl\u00fcchtlingsinitiativen hat die Kirche an vielen Orten einen solchen\nRahmen gesetzt und ist damit sichtbar zu ihrem \u00f6ffentlichen Auftrag zur\u00fcck<\/strong>gekehrt.\nDabei waren es vor allem freiwillig Engagierte, die den Gefl\u00fcchteten&nbsp; Unterkunft und Kleidung, Sprachkurse und\nBegleitung im Alltag anboten und daf\u00fcr auf Strukturen und R\u00e4ume der Kirche\nzur\u00fcckgreifen konnten. <strong>Mich erinnert das\nan die Anf\u00e4nge der Diakonie im neunzehnten Jahrhundert , als sich engagierte\nB\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger um diejenigen k\u00fcmmerten, die bei der Industrialisierung\nauf der Strecke blieben \u2013 um Migranten genauso wie um unversorgte Kranke und\nSterbende, \u00fcberforderte Familien oder arbeitslose Jugendliche<\/strong>. Inzwischen\nhaben die Wohlfahrtsverb\u00e4nde in den Augen vieler einen eher \u201estaatsanalogen\u201c\noder inzwischen auch marktf\u00f6rmigen Charakter bekommen. <strong>Aber die Ehrenamtlichen in Stadtteill\u00e4den, Fl\u00fcchtlingsinitiativen oder\nTafeln geben auch heute Impulse zur Erneuerung und Ver\u00e4nderung. Das hat auch eine\nproblematische Seite.<\/strong> Denn der Einsatz von Ehrenamtlichen ist ja auch\ndeshalb hoch willkommen, weil die \u00f6ffentlichen Kassen leer sind. Zugleich aber ist\ndas Engagement von Ehrenamtlichen ein Seismograph f\u00fcr gesellschaftliche\nVer\u00e4nderungen. <strong>Ehe noch Programme und\nStrukturen entwickelt werden, engagieren sich Menschen ganz pers\u00f6nlich, wo es\nbrennt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>So war\nes in der Diakonie des 19. Jahrhunderts, als Johann Hinrich Wichern das\nDiakonentum aller in den Mittelpunkt r\u00fcckte \u2013 im R\u00fcckgriff auf das Priestertum\naller getauften. Davon lebten seitdem die Jugendverb\u00e4nde, die \u00f6kumenische\nBewegung, die Erwachsenenbildung. <\/strong>Aber auch in der Friedens- und\n\u00d6kologiebewegung, in der Frauen- und Hospizbewegung haben sich Christinnen und\nChristen eingebracht und von dort eigene Impulse in die Kirche getragen<strong>. Die sogenannte Amtskirche braucht\nMenschen, die nah dran sind an den gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen und\npers\u00f6nlichen Notlagen sind, die die Organisation von au\u00dfen sehen k\u00f6nnen, andere\nberufliche Erfahrungen und Kompetenzen einbringen<\/strong>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber\nl\u00e4ngst sind nicht mehr alle, die sich in Kirche und Diakonie engagieren, Kirchenmitglieder<\/strong>; das\nist anders als im 19.Jahrhundert. Wie viel Verantwortung d\u00fcrfen sie in\nkirchlichen Gremien und Strukturen \u00fcbernehmen? Welche Rolle spielt dabei die Mitgliedschaft?\n&nbsp;Was ist mit denen, die nicht getauft\nsind, weil schon ihre Eltern nicht mehr Mitglied waren? W\u00e4re eine\nKirchenmitgliedschaft auf Probe denkbar? F\u00fcr die Zukunft der Kirche wird\njedenfalls entscheidend sein, wie sie Engagierte und Suchende auf ihrem Weg zum\nGlauben begleiten kann und welche Rolle dabei nicht nur die funktionale und\nfachliche, sondern eben auch die religi\u00f6se Bildung spielt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die notwendigen\nkirchlichen Reformprozesse f\u00fchren auch zu Ver\u00e4nderungen im Profil\nhauptamtlicher Arbeit<\/strong>. Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakone,\nGemeindep\u00e4dagoginnen und Jugendmitarbeiterinnen sehen sich immer mehr in der\nRolle der Coaches, Trainerinnen und Moderatoren von Ver\u00e4nderungsprozessen.\nDabei profitieren alle Beteiligten von der Zusammenarbeit zwischen Gemeinden,\nDiakonie, Erwachsenenbildung und Jugendarbeit und auch Schulen. Anstelle getrennter\nFunktionsbereiche ist Netzwerkdenken angesagt; die Verschiedenheit der Berufe\nist dabei ein Gewinn. <strong>Das Miteinander\nunterschiedlicher Leitungsaufgaben in der Kirche wurde&nbsp; bereits zur Reformationszeit in der\nKaufmannsstadt Genf gedacht, in die damals viele Glaubensfl\u00fcchtlinge aus\nFrankreich kamen<\/strong>. In der selbstbewussten Kaufmannsstadt lag Modernisierung\nin der Luft- hier bildeten Pfarrer, Lehrer, Diakone und Gemeindeleiter ein Team.\n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit\ndem Aufkommen des internationalen Handels, des Geld- und Bankenwesens war auch\ndie Reformationszeit von erheblichen \u00f6konomischen Umbr\u00fcchen gepr\u00e4gt<\/strong>. Der\nParadigmenwechsel von der Naturalien- zur Geldwirtschaft wirkte sich dramatisch\naus. Und die Verelendung betraf nicht nur die bekannten Randgruppen der\nGesellschaft wie Arme, Alte oder Kranke, sondern auch geachtete St\u00e4nde wie\nBauern, Bergleute oder Handwerker. <strong>Die\nAufl\u00f6sung der St\u00e4ndegesellschaft forderte neue Konzepte, die auch die\nBed\u00fcrfnisse der Verlierer sicherten.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein\nSymbol f\u00fcr diesen Paradigmenwechsel war Luthers \u201eLeisniger Kastenordnung\u201c von\n1523<\/strong>.\n<strong>Die Zusammenf\u00fchrung religi\u00f6ser und weltlicher\nVerantwortung l\u00f6ste gleich mehrere Probleme: \u201edie prek\u00e4re Lage der \u00c4rmsten, die\nnachlassende Spendenfreude und die gerechte Verteilung ehemals papstkirchlicher\nBesitzt\u00fcmer\u201c<\/strong>.&nbsp; Zu den Einnahmen der\nStadt sollten nun neben den Eink\u00fcnfte aus Zinsen und den Abgaben der D\u00f6rfer\nauch das Verm\u00f6gen der Pfarrgemeinde gerechnet werden- und die Ausgaben waren\nf\u00fcr Infrastruktur genauso wie die f\u00fcr Waisenkinder, Arme, alte und bed\u00fcrftige\nFremde bestimmt. <strong>Diese umlagefinanzierte\nKastenordnung ist eine Wurzel des modernen Konzepts einer staatlichen\nSolidargemeinschaft, in der die Bed\u00fcrftigen eben nicht mehr Bettler, sondern\nunterst\u00fctzungsberechtigte Mitb\u00fcrger sind<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>8. Tradition\nim &nbsp;Quartier<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch\nheute geht es um mehr als Sozialpolitik, es geht um eine\nMentalit\u00e4tsver\u00e4nderung, einen gesellschaftlichen Aufbruch<\/strong>.\nDamit das gelingt, brauchen wir <strong>Begegnungsorte.\nAm besten solche, die keiner Gruppe eindeutig zuzuschreiben sind, wo sich die\nVerschiedenen ohne Hierarchisierung begegnen <\/strong>und ihre Anliegen aushandeln\nk\u00f6nnen. \u201e<strong>Dritte Orte\u201c \u2013 offen,\nniedrigschwellig und kostenlos<\/strong>. Dorfl\u00e4den, Stadtteilb\u00fcchereien,\nQuartierscaf\u00e9s k\u00f6nnen diese Funktion erf\u00fcllen. <strong>Bis in die 60er Jahre waren Gemeindeh\u00e4user solche dritten Orte,\nVersammlungsr\u00e4ume und Vereinsh\u00e4user f\u00fcr alle. Heute werden sie oft als halb\nleerstehende Clubh\u00e4user f\u00fcr Hochverbundene wahrgenomme<\/strong>n. Beispiele aus\nOstdeutschland zeigen: Kirchen k\u00f6nnen Orte der Zugeh\u00f6rigkeit sein. Es geht\ndarum, die T\u00fcren zu \u00f6ffnen \u2013 gerade da, wo andere Tr\u00e4ger sich zur\u00fcckziehen \u2013\nund \u2013 wie in den B\u00fcrgerh\u00e4usern- den frei gewordenen Raum mit anderen zu teilen.\nVom Sportverein bis zur Musikschule, vom Mieterbund bis zur Beratungsstelle. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>In den\nsozialpolitischen Orientierungshilfen der EKD &#8211; zu Armut, Familie, Pflege,\nAlter oder Inklusion &#8211; ging es in den letzten Jahren immer um die Frage, wie es\ngelingen kann, die Schranken zu \u00f6ffnen, die die Gemeinde zum Club gemacht haben<\/strong> \u2013 und\nganz bewusst auf die Nachbarschaften zuzugehen. Dabei ist die Zusammenarbeit\nmit der Diakonie ein wichtiger Schl\u00fcssel. Das WIKI hier in Wuppertal ist ein\nBeispiel<strong>. Noch<\/strong> <strong>immer hat die Kirche enorme, auch materielle Ressourcen. Neben den\nGeb\u00e4uden geh\u00f6ren dazu Grundst\u00fccke, Ackerland und<\/strong> auch Bauland. Vielerorts\nentstehen auf diesen Fl\u00e4chen neue, auch integrative Wohnprojekte, Mehrgenerationenh\u00e4user,\nWohnanlagen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Studenten. Anderswo werden die kirchlichen\nFl\u00e4chen f\u00fcr \u00f6kologischen Landbau oder f\u00fcr neue Energiegewinnung genutzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oft\ngeht das nicht ohne Konflikte ab. Es kommt zu Spannungen<\/strong>\nzwischen \u201eVereinsgemeinde\u201c und Engagementgruppen, zwischen Traditionsgemeinde\nund Quartiersbewegung. <strong>Es geht darum,\ndas Kirchenbild zu kl\u00e4ren, <\/strong>strategisch, aber vor allem spirituell. Wer sind\nwir als Kirche und wohin sind wir unterwegs? <strong>\u201eDie \u201aChristenheit\u2018 hat ihr Wesen und ihren Zweck nicht in sich selber\nund nicht in ihrer eigenen Existenz, sondern lebt von etwas und ist f\u00fcr etwas\nda, das weit \u00fcber sie hinausreicht<\/strong>. Will man das Geheimnis ihrer Existenz\nund ihrer Handlungsweisen begreifen, so muss man nach ihrer Sendung fragen. <strong>Will man ihr Wesen ergr\u00fcnden, so muss man\nnach ihrer Zukunft fragen, auf die sie ihre Hoffnungen und Erwartungen setzt<\/strong>.\nIst die Christenheit selber in den neuen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen\nunsicher und orientierungslos geworden, so muss sie sich wieder darauf\nbesinnen, wozu sie da ist und worauf sie aus ist\u201c, schrieb <strong>J\u00fcrgen Moltmann bereits 1964.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn\ndie Kirchen sich mehr mit dem Erhalt der Organisationen als mit dem Verlust\ngesellschaftlicher Relevanz besch\u00e4ftigen und dabei die Probleme der Transformation\naus dem Blick verlieren<\/strong>, <strong>fallen\nsie als Dialogpartner f\u00fcr Wissenschaft und Zivilgesellschaft aus.<\/strong> Viele\nerleben uns als Moralinstanz, die angesichts des Klimawandels und der\nGef\u00e4hrdung des Gemeinwohls vor allem Verzicht predigen, aber den Worten nur\nunzureichend Taten folgen lassen. <strong>Wie\nm\u00fcssten die Kirchen sich ver\u00e4ndern, um Orte f\u00fcr neue Lebenserfahrungen zu\nwerden<\/strong>? Wo ein neuer Lebensstil gepflegt, eine neue Spiritualit\u00e4t einge\u00fcbt\nwerden kann &#8211; \u00f6kumenisch, mit Blick auf die ganze globale Welt, und doch mit\nAngeboten von Ortsgemeinden, Sozialinitiativen und Bildungseinrichtungen, die\neinzelne und Gruppen in ihrer eigenen Transformation begleiten? <strong>Wie gehen wir um mit den Gl\u00fccksversprechen\ndes Konsumismus? \u201eCoping, Doping, Buying, Shopping\u201c, wie Wolfgang Streeck<a href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>\nunseren westlichen Lebensstil nennt, k\u00f6nnen nur wenigen Erl\u00f6sung bieten. Es\ngeht darum, unsere Endlichkeit anzuerkennen, um die Erfahrung von Gemeinschaft\nangesichts unserer Verletzlichkeit und um den Mut, das Vergangene hinter uns zu\nlassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>9. Den\nAufbruch leben:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gott\nhat die Erde nicht geschaffen, dass sie leer sein soll, sondern sie bereitet,\ndass man auf ihr wohnen solle,<\/strong> hei\u00dft es in Jesaja 45, 18.\nDie Erde ist vom Anbeginn der Sch\u00f6pfung an Sozialraum der Menschen und der\nMitgesch\u00f6pfe. Wie das aussehen kann, erz\u00e4hlt die Bibel oft am Bild der Stadt.\nErz\u00e4hlt vom neuen Jerusalem, wo Menschen aus aller Welt ein zu Hause finden.&nbsp; Wo die Tore offenstehen und das Lamm auf dem\nThron sitzt.&nbsp; In Sacharja 8 ist von den\nKindern und den Alten die Rede: \u201e <strong>Es\nsollen hinfort wieder sitzen auf den Pl\u00e4tzen Jerusalem alte M\u00e4nner und Frauen,\njeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Pl\u00e4tze der Stadt\nsollen voll sein von Knaben und M\u00e4dchen, die dort spielen<\/strong> ( Sacharja 8,\n4-5) Die Kinder und die Alten sind hier Subjekt und Akteur. Sie haben eine\nRolle, haben Teil am Ganzen. Die Randgruppen stehen in der Mitte \u2013 wie wir es\nkennen von Jesu Tischgemeinschaften, Heilungen und der Kindersegnung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn\nich mir diese&nbsp; Vision vor Augen stelle,\nf\u00e4llt mir immer auch ein Albtraum ein: die Geschichte, die Hilde Sherman aus\ndem Rigaer Ghetto erz\u00e4hlte<\/strong>. Hilde Sherman wurde als J\u00fcdin aus meiner\nersten Gemeinde in M\u00f6nchengladbach- Wickrathberg deportiert. Sie war eine von\n37. M\u00e4nner, Frauen und kleinen Kindern. Als junge, arbeitsf\u00e4hige Frau kam sie\nnach Riga. Sie \u00fcberlebte, ging nach Lateinamerika- sp\u00e4ter traf ich sie in\nJerusalem. <strong>Das Ghetto in Riga war das\nGegenteil der Vision Sacharjas: Eine Stadt ohne Kinder und ohne Alte. Da gab es\nniemanden der unn\u00fctz war.<\/strong> Denn es ging nur um eins: um ertragreiche Arbeit.\nUm Gewinn. Eine Zeit, die den Wert eines Menschen mit seiner Leistungskraft\ngleichsetzt, diskriminiert diejenigen, die zur Verwertung entweder noch nicht\noder nicht mehr tauglich sind &#8211; und damit irgendwann uns alle.\u201c ( Ariadne von\nSchirach, 2014, S. 75)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir\nleben in einer Welt, in der alle Lebensverh\u00e4ltnisse von \u00d6konomisierung gepr\u00e4gt\nwerden. Das gilt f\u00fcr die Sorgearbeit wie f\u00fcr das Wohnen, f\u00fcr die Pflege wie f\u00fcr\ndie Natur. <\/strong>Inunserer\nGesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach Selbstbestimmung und\nSelbstoptimierung, angesichts der Vermarktlichung des Sozial- und\nGesundheitssystems geht es um ein Gegengewicht: um wechselseitige Unterst\u00fctzung\nund die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr\nandere, f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung und auch f\u00fcr die Sch\u00f6pfung als Ganzes.\n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unter\nder \u00dcberschrift \u201e Wir fangen einfach schon einmal an\u201c zeigt Annette Jensen\nalternative Beispiele aus Produktion, Landwirtschaft und Verkehr<\/strong>. Die\nWiederverwendung seltener Erde in unserem Elektroschrott. Lokale\nEnergiegenossenschaften wie fair.planet,&nbsp;\ndie Nutzung von Biomasse als Energietr\u00e4ger, Dorfl\u00e4den, mit denen die\nTante-Emma-L\u00e4den zur\u00fcckkehren, und Umsonstl\u00e4den f\u00fcr jedermann. Stadtg\u00e4rten, in\ndenen alte Pflanzensorten neu gez\u00fcchtet werden. Immer gilt: weg von den\nMonopolisten und globalen Konzernen, hin zur Region, zur Vielfalt. Weg von der\nProduktion immer neuer G\u00fcter hin zum Sharing und Mehrfachnutzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nicht\nnur die Politik, sondern auch B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, Verbraucherinnen und Verbraucher,\nArbeitnehmer und Gemeinden m\u00fcssen sich an sozialen und \u00f6kologischen\nZielvorstellungen orientieren. <\/strong>Wir brauchen ein\nWohlstandsmodell, das \u00fcber den bew\u00e4hrten Mechanismus von Wachstum und\nUmverteilung hinausgeht. Wohlergehen kann sich auf Dauer nicht nur an der H\u00f6he\ndes Bruttoinlandsprodukts messen. Der Dialog dar\u00fcber ist wichtig, aber genauso\nentscheidend sind Modelle, Zukunftserfahrungen in der Gegenwart. Hier sind wir\ngefragt.<strong>F\u00fcr die Kirchen, deren \u201eheimlicher Lehrplan\u201c\nlange darin bestand, Ordnungen zu begr\u00fcnden und aufrecht zu erhalten, ist die\n\u00d6ffnung ins Ungewisse und Andere eine gro\u00dfe Herausforderung.<\/strong> Das zeigt sich in der\nGemeinwesendiakonie genauso wie beim Umgang mit den unterschiedlichen\nLebensformen oder bei der Digitalisierung. <strong>Schon\nbei der Auszugsgeschichte Israels zeigt sich: die Hoffnung auf eine neue Welt,\ntr\u00e4gt nicht lange durch die W\u00fcstenerfahrungen. Menschen brauchen mehr als eine\nVision; sie brauchen greifbare Erfahrungen<\/strong>. Darum wurde das goldene Kalb\ngegossen, darum h\u00e4ngen wir am Bargeld, darum wurde das Auto zum Wohlstands- und\nMobilit\u00e4tssymbol in Deutschland. Wenn wir nicht am Materiellen kleben bleiben,\nsondern Wege und Orte neu gestalten wollen, dann m\u00fcssen wir darauf setzen, dass\nein Aufbruch ins Ungewisse m\u00f6glich ist.&nbsp; <strong>Gemeinden, Netzwerke, Bildungseinrichtungen\nk\u00f6nnten ein \u201eZwischenraum\u201c sein &#8211; zwischen heute und morgen, zwischen unterschiedlichen\nInteressengruppen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, zwischen Religi\u00f6sen und\nS\u00e4kularen. Sie k\u00f6nnen Fronten aufl\u00f6sen, Suchprozesse erm\u00f6glichen<\/strong>. Dabei\ngeht es auch darum, eine gemeinsame Sprache zu finden mit denen, deren\nVokabular und Grammatik nicht im Kontext kirchlichen Nachdenkens geformt ist.\nEs geht darum, wiederzuentdecken, wie sich das Heilige und Sakrale in den\nTiefen der Spannungsfelder zeigt. Da gibt es Manna in der W\u00fcste, M\u00f6glichkeiten,\nvon denen wir noch gar nichts ahnen. Die Kirche ist nicht die Avantgarte des\nAufbruchs, sie ist nur noch Wegbegleiter. <strong>Aber\nsie hat Sch\u00e4tze, Gesch<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Wolfgang\nStreeck, \u201eGekaufte Zeit, die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus\u201c,\nFrankfurt 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wuppertal 10.12.19 1. Risse und Spaltungen \u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c \u2013 so beschrieb der Prophet Jesaja einen&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=5052\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3518,"menu_order":81,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5052","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5052"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5052"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5052\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5849,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5052\/revisions\/5849"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5052"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}