{"id":4782,"date":"2019-12-09T17:21:23","date_gmt":"2019-12-09T16:21:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4782"},"modified":"2021-02-26T11:26:16","modified_gmt":"2021-02-26T10:26:16","slug":"sorge-als-zentrale-leitkategorie-im-gesundheitswesen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4782","title":{"rendered":"Sorge als zentrale Leitkategorie im Gesundheitswesen"},"content":{"rendered":"\n<p>Vortrag Wildbad Rothenburg, 22.11.19<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">1. <strong>Ich bin der Herr, Dein Arzt <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Bibelwort findet sich noch heute auf einem alten\nSchmuckstein im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Kaiserswerth. <strong>Ja, klar, sagten Patienten und Angeh\u00f6rige,\ndas haben wir schon immer gewusst. Der Arzt als Halbgott in Wei\u00df\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dabei spielt die\nMedizin erst seit Mitte des 19.Jahrhunderts eine entscheidende Rolle im\nKrankenhaus<\/strong>. Auch das Kaiserswerther Krankenhaus war zun\u00e4chst ein Hospital,\nein Pflegeheim, das \u00e4ltere, gebrechliche und pflegebed\u00fcrftige Menschen aufnahm,\naber nicht den Anspruch hatte, sie geheilt zu entlassen. Die moderne Medizin\nstand noch am Anfang und auch f\u00fcr die Pflege gab es kaum eine fachliche Ausbildung.\n<strong>1850, als Florence Nightingale zum\nersten Mal nach Kaiserswerth kam, geh\u00f6rten zur Diakonissenanstalt ein\nKrankenhaus mit hundert Betten, eine Schule f\u00fcr Kleinkinder, eine Haus f\u00fcr\nStraff\u00e4llige, ein Lehrerinnenseminar- und weit \u00fcber 100 Diakonissen. Das Haus\nwar eher ein christlicher Orden als eine medizinische St\u00e4tt<\/strong>e. Die\nVollnarkose war gerade entdeckt worden, aber Antiseptika fehlten noch. Gro\u00dfe\nOperationen mit Bauchschnitt galten als verbrecherische Wagest\u00fccke, weil sie\nfast sicher zum Tode f\u00fchrten, wie der badische Arzt Adolf Kussmaul schrieb.&nbsp; Die Schwestern, deren Leben aus einem\nkl\u00f6sterlichen Rhythmus von Arbeit und Gebet bestand,&nbsp; \u00fcbernachteten auf den Stationen, lebten mit\nden Patientinnen und f\u00fcr die Patienten .An einem Sterbebett sitzen geh\u00f6rte ganz\nselbstverst\u00e4ndlich zu ihren Aufgaben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als ich Ende der 90er Jahre ins Florence-Nightingale-Krankenhaus nach Kaiserswerth kam, war die letzte Diakonisse l\u00e4ngst von der Station verschwunden, die Schwestern versuchten Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen und f\u00fcr das Sitzen am Sterbebett blieb kaum noch Zeit<\/strong>.\u00a0 Aber nach Jahren, in denen die Toten nachts von der Station geschoben wurden, war das Sterben in unseren H\u00e4usern endlich kein Tabu mehr- wir hatten Abschied genommen von der Vorstellung, jede Krankheit in den Griff zu bekommen. \u00a0<strong>Mit Palliativ- Care bekamen auch die Pflegeberufe wieder\u00a0 neue Bedeutung. <\/strong>Der Anspruch einer neuen Sorge an sterbenden Patienten und ihren Angeh\u00f6rigen galt nun berufs\u00fcbergreifend. Annehmen und die verbleibende Zeit gestalten- <strong>trotz oder gerade wegen des medizinischen Fortschritts r\u00fcckte das Unverf\u00fcgbare neu ins Bewusstsein. Gegen einen anderen Trend, dessen Symbol die DRGs geworden sind. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Umstellung von Tagess\u00e4tzen auf Fallpauschalen war eine\nRevolution im Gesundheitswesen. Bernd Hontschik&nbsp;\nsieht darin den Ausgangspunkt f\u00fcr einen v\u00f6llig ver\u00e4nderten Umgang mit\nden Erkrankten \u2013 ging es doch jetzt darum, Kranke in m\u00f6glichst kurzer Zeit\nentlassen zu k\u00f6nnen. \u201eWer sich auf eine zeitraubende, empathische Behandlung\neinl\u00e4sst, macht Verluste<strong>.\u201c Seit der\nEinf\u00fchrung der DRGs hat sich die Liegenzeit halbiert, die Zahl der Patienten\nist um ein F\u00fcnftel gestiegen, gleichzeitig wurden 60.000 Stellen in der Pflege\ngestrichen. Denn die Frage sei nun nicht mehr: \u201eWas braucht der Kranke\u201c,\nsondern \u201eWas bringt er uns ein\u201c.<\/strong> Um das zu kl\u00e4ren, werden neue Fachkr\u00e4fte\ngebracht: Kodierer und Kontroller. L\u00e4ngst ist auch der Arzt nicht mehr Herr im\nKrankenhaus: Den Primat hat die Betriebswirtschaft und was das f\u00fcr Medizin und\nPflege bedeutet, sieht man in dem \u00fcberall diskutierten Film \u201e Der marktgerechte\nPatient\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das \u00f6konomische\nDenken allerdings ist so neu nicht. Schon gegen Ende der Weimarer Republik ging\nes um die Frage, wie effektiv die Wohlfahrtspflege w\u00e4re und ob die Hilfe\nrichtig eingesetzt w\u00e4re. Angesichts der begrenzten Mittel wuchs auch damals der\nWunsch nach &nbsp;Kontrolle <\/strong>\u2013 und die\nGefahr der Ausgrenzung derer, f\u00fcr die der Einsatz angeblich nicht lohnte. Die\nentsprechenden Hausbesuche der F\u00fcrsorgerinnen sind im kollektiven Ged\u00e4chtnis\ngeblieben. <strong>Zur Geschichte von Diakonie\nund Kirche in Deutschland geh\u00f6rt die Anpassung an dieses Denken. Auch die\nTheologie hat versagt, als es darum ging, Patienten und Bewohner mit\nBehinderung, psychisch Kranke, j\u00fcdische Schwestern als Teil ihrer Sorge- Gemeinschaft\nzu verteidigen.<\/strong> Schwestern f\u00fchrten unter Tr\u00e4nen Sterilisationen durch,\nandere sahen zu, wie ihre Z\u00f6glinge abtransportiert wurden. L\u00e4ngst waren aus den\nalten Vereinen Anstalten mit staatlicher Refinanzierung geworden. Die\nHilfesuchenden waren zu Z\u00f6glingen, Insassen, Klienten geworden- &nbsp;und letztlich zu F\u00e4llen, die Kosten erzeugen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch wenn nur hinter\nverschlossenen T\u00fcren \u00fcber Rationierung diskutiert wird \u2013 die Verteilung der\nknapper werdenden Mittel ist auch bei uns ein Thema<\/strong>. Mit der\nVerbetriebswirtschaftlichung der H\u00e4user grundiert Zweckrationalit\u00e4t das Denken.\nEin Kleinkind mit Muskelschwund: Darf, soll oder muss das neue Medikament\neingesetzt werden, das zwei Millionen kostet? <strong>Soll der neue Pr\u00e4natest als Vorsorge f\u00fcr alle von der Versicherung\nbezahlt werden? Damit niemand mehr ein Kind mit Behinderung zur Welt bringen\n\u201emuss\u201c? W\u00e4hrend solche Debatten die Medien bestimmen, werden Krei\u00dfs\u00e4le\ngeschlossen und Betten auf Kinderstationen stillgelegt, <\/strong>weil Hebammen und\nPflegekr\u00e4fte fehlen. <strong>In einem System, das\nauf Selbstbestimmung setzt, werden Kinder, Menschen mit Behinderung und\nDemenzerkrankte diskriminiert\u2013 alle die besondere F\u00fcrsorge brauchen<\/strong>.&nbsp; Wer sich nicht entsprechend artikulieren und\nf\u00fcr sich selbst sorgen kann, gilt nicht als vollwertiges Gegen\u00fcber, wird\nunmerklich exkludiert. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer keine Familie und\nkeine Freunde hat, die sich k\u00fcmmern k\u00f6nnen, braucht Menschen, die f\u00fcr ihn\neintreten. Das ist die Rolle von \u00c4rzten und Pflegenden \u2013 denn die\nPatientenbeziehung als Sorgebeziehung ist eben mehr als eine\nGesch\u00e4ftspartnerschaft, eine Kundenbeziehung, in der die eine Seite aus\nOptionen der Hilfe ausw\u00e4hlt und die andere darauf achtet, dass Gewinn dabei\nherausspringt.<\/strong> <strong>Genau dieses\nBerufsethos ist aber unter Druck<\/strong>. \u201e Warum Heilberufe ihre Identit\u00e4t\nverteidigen m\u00fcssen\u201c, das besch\u00e4ftigt Giovanni Maio in seinem Buch \u201e Werte f\u00fcr\ndie Medizin\u201c. Er spricht von einer heimlichen Neudefinition der \u00c4rzte zu\nIngenieuren f\u00fcr den Menschen, von einer Produktionslogik, in der die\npersonalintensive Kontaktzeit zum Patienten als zu minimierender Aufwand\nbetrachtet werde. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine neue Ethik der\nSorge, eine Care-Ethik ist also mehr als notwendig. Mit dem Begriff \u201eCare\u201c&nbsp; problematisiert die feministische Theorie die\nDominanz einer \u00f6konomisierten Sichtweise im Sozial- und Gesundheitswesen<\/strong>.\n\u201eSorge\u201c steht hier f\u00fcr alle Beziehungs- und Zuwendungsarbeit privater wie\nprofessioneller Natur, f\u00fcr das grundlegende, umfassende F\u00fcr-einander-da sein.\nAus dieser Perspektive geht es also nicht nur um das Berufsethos der\nBesch\u00e4ftigten, sondern auch um die St\u00e4rkung des gesamten Umfelds von Familien,\nFreunden, Ehrenamtlichen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gegen den Trend zum effizienzorientierten Unternehmen brauchen Pflegeeinrichtungen, ambulante Dienste, ja auch Kliniken heute eine neue Einbindung in Netzwerke der Zivilgesellschaft mit ihren sorgenden Gemeinschaften, f\u00fcr die die Erkrankten vor allem ein Gegen\u00fcber bleiben \u2013 ein ganzer Mensch mit seiner eigenen Geschichte, seinen Vorlieben und Fragen.&nbsp; Wie leicht sich eine andere Logik einschleicht, haben wir auch in der Geschichte der Diakonie erlebt<\/strong>.&nbsp; Aus der Gemeinschaft mit dem kranken N\u00e4chsten wurde die Gemeinschaft der Helfenden im Gegen\u00fcber zu den Hilfebed\u00fcrftigen, der Gleichen im Gegen\u00fcber zu den anderen. Da haben Diskriminierung und Exklusion ein leichtes Spiel. \u201eDas herk\u00f6mmliche Hilfeethos der Diakonie ist ans Ende gekommen. Die herk\u00f6mmliche F\u00fcr-Kultur muss abgel\u00f6st werden durch eine Mit-Kultur\u201c, sagt Johannes Degen.&nbsp; Und die Maio macht deutlich: <strong>Die Werte, um die es dabei geht &#8211; Sorgfalt und Geduld, Offenheit und Feinsinn, Behutsamkeit und Demut und die Treue zum sozialen Auftrag, sind tief in den Professionen verankert. Es kann also nicht darum gehen, die Sorge von Ehrenamtlichen oder Nachbarn gegen die der Beruflichen auszuspielen- so als seien die vergangenen 150 Jahre kein Fortschritt gewesen. Es f\u00fchrt kein Weg zur\u00fcck in die Hospit\u00e4ler der ersten Diakonissenanstalten<\/strong>. Vielmehr geht es um ein gutes Miteinander aller Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">&nbsp;2. <strong>Die Wiederentdeckung der Werte <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jahrelanger Stellenabbau, Arbeit in normierten Zeittakten,\nzunehmende Arbeitsverdichtung, \u00fcberborgende Dokumentationspflichten haben die Pflege\nkrank gemacht. <strong>Pflegende leiden\nzunehmend unter k\u00f6rperlicher und psychischer \u00dcberforderung; sie erleben die\nSpannung zwischen den Anspruch maximaler Effizienz und ihrem professionellen\nSelbstverst\u00e4ndn<\/strong>is. Nicht das empathische Begleiten von&nbsp; Patienten und Patientinnen f\u00fchrt zur\nErsch\u00f6pfung- &nbsp;Begleitung nicht\nerm\u00f6glichen zu k\u00f6nnen, f\u00fchrt zum Burnout.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&nbsp;\u201eEs ging weiter, immer weiter wie durch ein\nMuseum des Verfalls. Ich lernte Frau Dahl kennen, die kein einziges K\u00f6rperteil\nbewegen und kein Wort artikulieren konnte, aber vollkommen klar im Kopf war.\nSie wartete darauf, dass man ihr die einzige richtige Frage stellte, und auf\ndem Weg zu dieser Frage wehrte sie mit zornigem leichten Kopfwiegen, mehr ging\nnicht, die dummen und falschen Fragen nach Essen und Trinken ab. Weiter, weiter\nschien sie zu sagen, n\u00e4chste Frage, irgendwann musste die richtige doch kommen,\nso dumm, so grausam konnte der ungelernteste Hilfspfleger nicht sein, dass er\nihr die Frage vorenthielt, auf die sie in schlaflosen N\u00e4chten und in Jahre\ndauernden Tagen wartete: M\u00f6chten Sie sterben?\u201c, schreibt Hilmar Kluthe in seinem\nRoman \u201cWas dann nachher so sch\u00f6n fliegt\u201c. Er erz\u00e4hlt von einem Zivi, der im\nPflegeheim arbeitet \u2013 eigentlich aber Schriftsteller werden will. So achtet er\nauf die Worte, die von der Sehnsucht nach einem anderen Leben erz\u00e4hlen; aber\nauch von Lebensm\u00fcdigkeit und \u00dcberlastung. \u201eWir \u00fcbergeben uns gerade\u201c, sagte\nHerbert am ersten Tag. Er hatte mich gefragt, ob ich einen Kaffee wolle; jetzt\nhatte ich eine Keramiktasse mit bitterem Filterkaffee vor mir stehen. Weil ich\nwie ein Fragezeichen guckte, erkl\u00e4rte Gilla, dass sie eine \u00dcbergabe machten.\nUnd Herbert machte sich die n\u00e4chste Marlboro an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich Klutes Roman las, habe ich manchmal an das\nFachseminar f\u00fcr Altenpflege gedacht, neben dem wir lange wohnten.\nTeilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Europa, meist schon in mittleren\nJahren, viele von der Arbeitsagentur gef\u00f6rdert. Vom Stress gezeichnet. In den\nPausen stand man mit Kaffeebecher und Zigarette vor der T\u00fcr. Am Abend blieben\nvolle Aschenbecher zur\u00fcck. Wer den Roman liest, wei\u00df nicht, ob die Tristesse in\nden Bewohnerzimmern oder im Stationszimmer gr\u00f6sser ist. Das eine scheint nur\nder Spiegel des anderen. Klar ist: <strong>Wer\nPflege nicht wertsch\u00e4tzt, kann die Pflegebed\u00fcrftigen nicht sch\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Giovanni di Maio,&nbsp;\nf\u00fcr den die Identit\u00e4t aller Heilberufe durch die umfassende\n\u00d6konomisierung bedroht ist, sieht die Pflege besonders betroffen: <strong>\u201ePflege ist ein Beziehungsberuf, in dem es\nnicht nur um die gekonnte Aktion, sondern vor allen Dingen um die Interaktion\ngeht\u201c.&nbsp; In den Kliniken von heute, er\nnennt sie \u201ewei\u00dfe Fabriken\u201c, sieht er fordistische Produktionsst\u00e4tten, in denen\ndie Patienten eben nicht als Individuen gesehen werden, sondern als Objekte, an\ndenen man standardisierte Verrichtungen vornimm<\/strong>t. Die unersetzbare\nExpertise der Pflege bestehe darin, sich auf den einzelnen Menschen einzulassen\nund ihm in seiner Angewiesenheit seine ihm eigene W\u00fcrde widerzuspiegeln- das\nsei aber gerade nicht formalisierbar, dokumentierbar, z\u00e4hlbar. <strong>Bis zur Grenze der Selbstausbeutung\nversuchten Pflegende den Kern ihrer Profession zu bewahren \u2013unweigerlich\nzerrieben an der moralischen Dissonanz, die ihnen das Gesundheitssystem\nauferlege. Und spiegelbildlich empf\u00e4nden sich eben auch Pflegebed\u00fcrftige nur\nnoch als Aufwand &#8211; als Pflegefall, der Zeit und Geld kostet<\/strong>. \u201eKranke\nPflege\u201c hei\u00dft das Buch von Alexander J\u00f6rde, der bekannt wurde, weil er sich in\nder Wahlarena mit der Kanzlerin anlegte. \u201eDas Pflegepersonal\u201c, schreibt er,\n\u201eist eine der Hochrisikogruppen f\u00fcr arbeitsbedingte Belastungen. Nach dem\naktuellen BKK\u2013Gesundheitsatlas liegt der Durchschnitt der Krankheitstage in der\nKrankenpflege bei 19,3 Tagen, in der Altenpflege sogar bei 24,1 Tagen &#8211;\ngegen\u00fcber 16,1 Tagen im Durchschnitt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Letztlich l\u00e4uft, wie\nschon in der Hospizbewegung, alles auf die Frage hinaus, ob wir Orte schaffen\nk\u00f6nnen, in denen man neu auf ihre Bed\u00fcrfnisse als Bed\u00fcrfnisse ganzer Menschen\nh\u00f6rt<\/strong>. Orte, an denen Menschen f\u00fcr einander das sind, Zeit f\u00fcreinander\nhaben, f\u00fcreinander sorgen. <strong>Im\nKaiserswerther Pflegemuseum h\u00e4ngt das Foto einer Diakonisse am h\u00e4uslichen\nKrankenbett der Mutter. In der Wohnk\u00fcche ist die ganze Familie versammelt \u2013\neine Tochter kocht, eine andere bringt Wasser ans Bett, w\u00e4hrend die Diakonisse\neine Spritze aufzieh<\/strong>t. Alle sind besch\u00e4ftigt, das Krankenbett ist der\nMittelpunkt der geteilten Sorge, zu der die Diakonisse die M\u00e4dchen anleitet,\nw\u00e4hrend sie pflegt. Die Familien haben sich gewandelt; Pflege ist nicht mehr\nnur Frauensache. Aber etwas von diesem selbstverst\u00e4ndlichen Umgang mit\nKrankheit und Sterben ist dank der ambulanten Palliativpflege in die H\u00e4user\nzur\u00fcckgekehrt. <strong>Wenn wir heute von\nQuartierspflege reden, geht es darum, die Aspekte der&nbsp; Gemeindeschwesternarbeit, die eher\nSozialarbeit oder Seelsorge waren, in neuen Teamkonstellationen\nwiederzugewinnen. Vielf\u00e4ltige Assistenzdienste und Nachbarschaftsnetze\nentstehen.<\/strong> Und die ambulante Hospizversorgung zeigt, wie wichtig die interdisziplin\u00e4re\nZusammenarbeit, die Verkn\u00fcpfung mit Einrichtungen, aber auch mit\nzivilgesellschaftlichen Netzen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c, von denen zurzeit \u00fcberall\ndie Rede ist, stehen f\u00fcr&nbsp; gemeinsame\nWerte und Verantwortungsbeziehungen, wie wir sie aus Familien, Freundeskreisen\noder aus religi\u00f6sen Gemeinschaften kennen. Sie leben aus einem gemeinsamen\n\u201eSpirit\u201c, der ganz unterschiedliche Menschen zusammenh\u00e4lt. <strong>Denn die christliche Spiritualit\u00e4t hatte immer auch eine diakonische\nDimension. Bei der Erneuerung der Diakonie im 19. Jahrhundert hat das Gleichnis\nvom gro\u00dfen Weltgericht eine entscheidende Rolle gespielt &#8211; die Werke der\nBarmherzigkeit. Es geht um eine tiefe Aufmerksamkeit f\u00fcr die Situation des\nanderen, <\/strong>eine selbstverst\u00e4ndliche Hinwendung. Andere speisen und tr\u00e4nken,\nkleiden, besuchen und pflegen \u2013die allt\u00e4glichen Sorget\u00e4tigkeiten sind in der\nchristlichen Tradition Ausdruck von Spiritualit\u00e4t und&nbsp; erm\u00f6glichen spirituelle Erfahrungen. Wer den\nanderen in seiner leib-seelischen Ganzheit wahrnimmt, schaut tiefer: <strong>Die Begegnung mit einem anderen kann mir\nzur Gottesbegegnung werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diakonische Arbeit\nist nicht einfach Dienstleistung, sondern immer Koproduktion mit dem Anderen.\nUnd mehr noch: Begegnung mit dem Leben selbst<\/strong>. Vielleicht eine\nGottesbegegnung, die auch den Helfern hilft, ihr eigenes Leben neu zu sehen. Dienstleistung\nwird nach Zeit berechnet. <strong>Und weil Zeit\nin den sozialen Diensten das teuerste Gut ist \u2013 wird daran gespart, wo immer\nm\u00f6glich. Damit werden die \u201eResonanzfl\u00e4chen\u201c geringer und die M\u00f6glichkeiten,\nsich einzuf\u00fchlen und Feedback im Alltag aufzunehmen, schwinden<\/strong>. Daneben kommt\nes zu einer wachsenden Spreizung von Qualifikationen und Einkommen und auch bei\nden Mitarbeitenden schwinden die Verweildauern. Teams werden immer neu\ngemischt, einzelne Module und Dienstleistungen im Case Management\naneinandergereiht &#8211; <strong>die Beziehungen\ngeraten in Zerrei\u00dfproben und werden br\u00fcchig.&nbsp;\nDas gilt auch f\u00fcr die Beziehung der Kolleginnen und Kollegen\nuntereinander. \u201eBei aller Konkurrenz wegen des wirtschaftlichen Drucks\u201c,\nschreibt Matthias D\u00fcring auf Care-Slam, \u201ed\u00fcrfen wir nicht vergessen: es geht\nimmer um die Menschen, die vor uns liegen<\/strong>. Sie legen uns ihre Gesundheit,\nmanchmal auch ihr Leben, aber auf jeden Fall ihre W\u00fcrde in die H\u00e4nde. Die W\u00fcrde\nbleibt unantastbar und geh\u00f6rt in diesem speziellen Bereich besonders\ngesch\u00fctzt.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">3. <strong>Versorgungsf\u00e4lle, Robotik und Teilhabe <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Internet kann man\ninzwischen T-Shirts bestellen, auf denen steht: \u201e Ich bin kein Pflegeroboter\u201c.\nUnd tats\u00e4chlich gleichen ja die Abl\u00e4ufe in manchen Krankenh\u00e4usern und\nPflegeeinrichtungen notgedrungen eher einer durchgeplanten Abfertigung<\/strong>. Da\ngeht es dann nur noch darum, die vielen F\u00e4lle ohne gro\u00dfe Katastrophen zu\nbew\u00e4ltigen. <strong>Manches kann sicher von\nRobotern \u00fcbernommen werden. Aber was den Menschen zum Menschen macht- die\nBegegnung,&nbsp;&nbsp; die den anderen in seiner\nW\u00fcrde spiegelt, l\u00e4sst sich nicht delegieren. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Ma\u00dfe, in dem ein Mensch das, was ihm wichtig ist,\nnicht mehr selbst durch eigenes Tun verwirklichen kann, werden Begegnungen,\nBeziehungen und Teilhabe bedeutungsvoller. <strong>Letztlich\ngeht es darum, dass wir chronisch kranke und pflegebed\u00fcrftige Menschen als\ngleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft und nicht nur als\nVersorgungsf\u00e4lle wahrnehmen.<\/strong> In ihrem Buch \u00bbVita activa \u00ab hat Hannah Arendt\nTeilhabe als einen wahrhaftigen Austausch beschrieben. Sie benennt drei\nwichtige und grundlegende Voraussetzungen f\u00fcr ein Leben in gerechter Teilhabe: <\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211; Jeder Mensch hat\nZugang zum \u00f6ffentlichen Raum, konkret: Kein Mensch wird aus der Gemeinschaft\nausgeschlossen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211; Jeder Mensch wird\nin seiner Einzigartigkeit anerkannt und geachtet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211; Jeder Mensch erh\u00e4lt\ndie Gewissheit, sich in seinem Handeln und Sprechen \u00bbaus der Hand geben\u00ab zu\nk\u00f6nnen, das hei\u00dft, von anderen Menschen angenommen zu sein und diesen vertrauen\nzu k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hannah Arendts und\nauch Martha Nussbaums Blick auf diese grundlegenden Bed\u00fcrfnisse sind in der &nbsp;Inklusionsbewegung f\u00fcr die Rechte von Menschen\nmit Behinderung l\u00e4ngst grundlegend<\/strong>. Die Rechte von Pflegebed\u00fcrftigen und\nDemenzkranken sind dabei aber noch nicht im Blick. Noch sehen wir sie vielmehr\nals Objekte der Hilfe, und weniger als Subjekte mit sozialen Rechten. <strong>Pflegebed\u00fcrftige und Demenzkranke erinnern\nuns daran, dass Einschr\u00e4nkungen, Schmerzen und Verluste zum Leben geh\u00f6ren. Das\nscheint schwer zu ertragen. Auch wenn die Zeit der Halbg\u00f6tter in Wei\u00df vorbei\nist: die K\u00e4uflichkeit von Gesundheitsleistungen n\u00e4hrt die Illusion, dass wir\nallein selbst f\u00fcr unsere Gesundheit verantwortlich sind. <\/strong>Die Theologin\nGunda Schneider-Flume spricht in diesem Zusammenhang von der \u00bbTyrannei des\ngelingenden Lebens\u00ab, die unsere Gesellschaft beherrsche.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Gott sei Dank ist in Literatur und Medien endlich eine\nAngeh\u00f6rigenbewegung im Gange, die anders auf unsere Beziehungen sieht. <strong>Stella Braam oder Arno Geiger begreifen\nDemenzerkrankte als Gegen\u00fcber, von dem wir lernen k\u00f6nnen, wie sehr wir alle auf\nBeziehung und Zusammenhalt, auf Einf\u00fchlung und Respekt angewiesen sind. Das ist\nder Ausgangspunkt f\u00fcr eine neue Sorgekultur.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">4. <strong>Achtsam bleiben \u2013 nicht funktionieren <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c, hat Ariadne von Schirach\nihr beeindruckendes Buch genannt, in dem sie daran erinnert, in welchem Ma\u00dfe\nLeben es mit dem Unplanbaren mit Verg\u00e4nglichkeit und Tod zu tun hat. <strong>Wer im Gesundheitswesen arbeitet, braucht\nden Respekt vor der Endlichkeit, vor den Rhythmen des Lebens; wer Prozesse\norganisieren will, wer Abl\u00e4ufe planen will, braucht auch diesen Blick auf das\nUnplanbare. Dabei ist die Zusammenarbeit mit den Kranken und ihrem Umfeld\nwesentlich. Wer in diesem Sektor arbeitet, braucht ein hohes Ma\u00df an Empathie\nund Kommunikationsf\u00e4higkeit, um situativ angemessen reagieren zu k\u00f6nnen<\/strong>. Die\nKaiserswerther Oberin Charlotte Renner sprach von \u201eungeteilter Aufmerksamkeit\u201c\n\u2013 <strong>nicht nur in \u201eGebetsstille und Meditation\u201c-\nsondern auch im Alltag der Sorge.<\/strong> Die \u00f6stliche religi\u00f6se Tradition spricht\nin diesem Zusammenhang von \u201eeinf\u00fchlsamer Pr\u00e4senz\u201c: Dazu geh\u00f6ren, wie der\nPsychologe David Richo schreibt, f\u00fcnf Qualit\u00e4ten: Aufmerksamkeit, Annahme,\nWertsch\u00e4tzung, Zuneigung und Zulassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier finde ich die Werte wieder, die Maio in seiner Ethik\nder Sorge betont: Treue, Demut, Kompetenz, <strong>aber\nauch ein gro\u00dfes Versprechen. Das Versprechen, dass Deine W\u00fcrde gesch\u00fctzt wird.\nDass das Wohl der Patienten und Bewohner absoluten Vorrang hat. Wir k\u00f6nnen\nnicht \u00fcber unsere Sorgetraditionen reden, ohne daran zu erinnern, wie oft\ndieses Versprechen gebrochen wurde und gebrochen wird<\/strong>. &nbsp;Auch heute gibt es Augenblicke in denen\nWiderstand geboten ist \u2013 wenn ein behindertes Kind zum Risiko wird, wenn die\nZeit zum Abschied nehmen nicht reicht, wenn Menschen ohne h\u00e4usliche Hilfe aus\ndem Krankenhaus entlassen werden. Wenn es um Respekt und soziale Rechte, um\nBeziehungsnetze geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph und Politikwissenschaftler <strong>Matthew Crawford, Gr\u00fcnder einer\nMotorradwerkstatt, h\u00e4lt es f\u00fcr wesentlich, dass Arbeit uns in einer\nWertegemeinschaft verankert. Was ich tue, sagt er, muss Teil eines\numfassenderen Bedeutungskreises sein \u2013 es soll dem Leben dienen<\/strong>. Ich\narbeite nur mit Menschen, denen es genauso geht. Dieses Bewusstsein, das gar\nnicht ausgesprochen werden muss, konstituiert unser Team. <strong>Wir stehen in einer Art \u201e t\u00e4tigem Gespr\u00e4ch\u201c miteinander &#8211; und durch\ndieses Gespr\u00e4ch kann die Arbeit unser Leben zu einem in sich schl\u00fcssigen Ganzen\nmachen<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch Theodor Fliedner, der Gr\u00fcnder von Kaiserswerth, hatte\nklare Kriterien, wann er seine Diakonissen aus einem Krankenhaus zur\u00fcckzog.\nDabei ging es um Qualit\u00e4t und Ethik der Pflege, es ging aber auch um die\nGesundheit der Schwestern, dass sie Urlaub und dass sie Zeit genug zur Erholung\nhatten. <strong>Was f\u00fcr Klienten wichtig ist,\ndas brauchen die Berufstr\u00e4ger auch: Tragf\u00e4hige Netze, inspirierende\nBegegnungen, den Austausch untereinander, und Orte, an denen man sich gern\naufh\u00e4lt. Wir brauchen Zeit, uns selbst gut zu versorgen, eine Aufgabe, die uns\nfordert<\/strong>, das Gef\u00fchl, unser Leben gestalten zu k\u00f6nnen und eine Gemeinschaft,\nin der wir Zugeh\u00f6rigkeit und Resonanz erfahren. <strong>Wo die Resonanz fehlt, verlieren wir uns an Routinen, bleiben im\nTunnelblick, vergessen uns selbst. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eBitte ziehen Sie\nzuerst die Atemmaske zu sich herunter und helfen Sie dann Kindern, Schw\u00e4cheren,\nIhren Nachbarn\u201c, erkl\u00e4ren die Flugbegleiter, bevor wir abheben. Ganz bewusst\nf\u00fcr uns selbst zu sorgen, ehe wir uns anderen zuwenden, das m\u00fcssen wir vielleicht\nauch im Gesundheitswesen wieder lernen.<\/strong> Ein Lehrbuch zur Thaimassage, das\nich vor Jahren aus Bangkok mitgebracht habe, &nbsp;zeigt die Gesten und Haltungen der\nVorbereitung: Reinigungsgesten, Gebetsgesten. Es erinnert mich an die\nregelm\u00e4\u00dfigen Gebetszeiten in den Kl\u00f6stern, die ganz selbstverst\u00e4ndlich die Arbeit\nunterbrachen. &nbsp;Gelegenheiten, die\nGedanken zu kl\u00e4ren. Und zu sp\u00fcren, dass auch f\u00fcr uns gesorgt wird. &nbsp;<strong>Es ist\nhundertf\u00fcnfzig Jahre her, dass der Elisabethorden in M\u00fcnchen mit seinen\nGeldgebern dar\u00fcber stritt, ob diese Gebetszeiten und die gemeinsamen Mahlzeiten\nzur Arbeit geh\u00f6ren oder nicht. Wir wissen, wie der Streit ausging- die\nTischgemeinschaft ist lange keine Dienstzeit mehr, das Gebet wurde zur\nPrivatsache.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit bis zu 14 verschiedenen Besch\u00e4ftigten hat ein\nKrankenhauspatient in einer Woche zu tun \u2013 und dabei hatte er den intensivsten\nKontakt zu den Reinigungskr\u00e4ften. Die zunehmende Aufspaltung hat ja nicht nur\ndie Ausgliederung von Jobs erm\u00f6glicht; sie hat auch die Zahl der prek\u00e4r\nBesch\u00e4ftigten ansteigen lassen. <strong>Prek\u00e4re\nArbeit belastet dabei nicht nur die davon selbst Betroffenen, sondern auch die\nKolleginnen und Kollegen, weil sie darin letztlich eine Abwertung ihres eigenen\nArbeitsfeldes erleben. Ein Blick zur\u00fcck in die Diakonissentradition zeigt in\nscharfem Kontrast die verlorene Ganzheitlichkeit der Pflege \u2013 und eine\nTaschengeld-Gemeinschaft, in der die unterschiedlichen T\u00e4tigkeiten gleiche\nWertsch\u00e4tzung erfuhren<\/strong>, so dass ein und dieselbe Schwester durch ganz\nunterschiedliche Arbeitsfelder wechseln und den Gesamtzusammenhang erleben\nkonnte. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer den Gesamtprozess\nvor Augen hat, wer sich getragen und gesch\u00e4tzt f\u00fchlt, bekommt Kraft,\ndurchzuhalten, auch wo Erfolg nicht zu sehen ist. Im gemeinsamen Reden und\nHandeln m\u00fcssen gute L\u00f6sungen f\u00fcr unterschiedliche Lebenszusammenh\u00e4nge und\nWertesysteme gefunden und auch ethische Konflikte ausgetragen werden<\/strong>. Ohne\nRespekt und Vertrauen, ohne Zeit und Verl\u00e4sslichkeit, ohne Offenheit und\npers\u00f6nlichen Einsatz kann das nicht gelingen. Deshalb brauchen Mitarbeitende im\nGesundheitssystem eine Arbeitszeitgestaltung, die private Verpflichtungen der\nBesch\u00e4ftigten ernst nimmt und damit dem Ethos der F\u00fcrsorge entspricht und Fort-\nund Weiterbildungen, um die eigenen Ressourcen zu st\u00e4rken. <strong>Sorgearbeit erfordert eine ganzheitliche Arbeitsorganisation, denn nur\nso kann sich der Sinngehalt der Arbeit entfalten. Das setzt der\nRationalisierung und Spezialisierung, dem Auf- und Abspalten von T\u00e4tigkeiten\nGrenzen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">5. <strong>Engagement statt Gleichg\u00fcltigkeit- Solidarit\u00e4t in Sorgek\u00e4mpfen <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWir m\u00fcssen reden:\n\u00dcber unseren Alltag. \u00dcber unsere Sorgen, unsere Verzweiflung und unsere Wut.\nAber auch \u00fcber unsere Freude, die Erfolge und unsere Leidenschaft<\/strong>. Dar\u00fcber,\nwas wir k\u00f6nnen und leisten und dar\u00fcber, was wir gerne tun w\u00fcrden \u2013 wenn man uns\nnur lie\u00dfe\u201c, hei\u00dft es auf der Plattform Careslam. Seit 3 Jahren bietet sie\nAltenpflegern, Krankenschwestern und auch pflegenden Angeh\u00f6rigen Raum, \u00fcber\nMissst\u00e4nde, Personalmangel und die Zw\u00e4nge der \u00d6konomisierung in der Pflege zu\nsprechen.\u201c Wir k\u00f6nnen nicht von Politikern erwarten, dass sie irgendetwas\n\u00e4ndern, wenn wir selbst nicht einfach mal aufstehen, den Mund aufmachen. Pflege\nmuss nicht nur laut sein, sondern einfach mal sagen: Nein! Das mache ich\nnicht!\u201d, sagt Claudia Hanke, eine der Gr\u00fcnderinnen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eNein\u201c sagen geh\u00f6rt\nnicht zur diakonischen Tradition. Die traditionellen Gemeinschaften waren\n\u201eErsatzfamilien\u201c \u2013 \u201eSchwesternschaften\u201c waren Lebens- und Arbeitsgemeinschaften,\nihre \u201eMutter- und Krankenh\u00e4user\u201c&nbsp;\nGemeinschaftsorganisationen<\/strong>. An der Wurzel der modernen\nPflegegeschichte steht die \u00dcberzeugung, dass die Pflegeberufe eine Art Ersatz\nf\u00fcr die Arbeit der Ehefrau in der Familie sind. Schritt f\u00fcr Schritt- oft genug\ngegen die Kirche- musste die Unabh\u00e4ngigkeit erstritten werden, immer wieder\ngerieten&nbsp; Professionalit\u00e4t und \u00d6konomie\nin Spannung zueinander. Es gab Streit um den 8-Stunden-Tag, die L\u00e4nge der\nAusbildungszeiten, um fachlich \u00fcberzeugende Curricula und die Refinanzierung\ngut ausgebildeter Schwestern. Bis heute reicht das Entgelt kaum, um eine\nFamilie zu ern\u00e4hren- Heinz Bude spricht von dem neuen\nDienstleistungsproletariat. Trotzdem bleiben die Massenproteste aus. Pflegende\nwandern ab \u2013 im Schnitt nach 7,5 Jahren. Nur 10 Prozent sind gewerkschaftlich\norganisiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Nein sagen geh\u00f6rt nicht zur Tradition. <strong>In dem alten Schwesternschaftsmotto \u201e Gemeinschaft mit dem N\u00e4chsten,\nGemeinschaft untereinander, Gemeinschaft mit Gott\u201c fehlt das Selbst, das im\nDreieck von Gottesliebe, N\u00e4chstenliebe und Selbstliebe seinen Platz hat. Aber\nohne Selbstsorge kann die F\u00fcrsorge nicht gelingen, ohne Selbstmitgef\u00fchl keine\nEmpathie<\/strong>. Denn sich wirklich auf andere Menschen einzulassen, ihre Sorgen\nwahrzunehmen, mit ihnen nach dem zu suchen, was gut tut und Hoffnung gibt,\nbedeutet immer ein Risiko. Aber ohne die eigene Person einzubringen, wird man\nauf Dauer weder pflegen noch heilen oder beraten k\u00f6nnen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, wie Care heute organisiert\nwerden kann, <strong>dann geht es darum, Energie\nflie\u00dfen zu lassen, Barrieren und B\u00fcrokratie abzubauen. Aus der individuellen\nAbwanderungsbewegung muss ein solidarisches Miteinander werden. Aus dem Gef\u00fchl,\ndas eigene Berufsethos im Alltag zu verraten, ein gemeinsamer Kampf um die\nWerte.<\/strong> Dabei besteht die zentrale Erwartung von Mitarbeitenden darin, mit\nden eigenen Kompetenzen gesehen zu werden und Ver\u00e4nderungsprozesse aktiv\nmitzugestalten. <strong>Das niederl\u00e4ndische\nPflegemodell der buurtzorg fasziniert auch deswegen so viele, weil es den\nMitarbeitenden zutraut, \u00fcber die individuellen Zeittakte und den notwendigen\nSorgeaufwand bei ihren Patientinnen und Patienten zu entscheiden.<\/strong> Angeh\u00f6rige\nund Zugeh\u00f6rige m\u00fcssen als wesentlicher Teil des Versorgungssettings anerkannt\nund ber\u00fccksichtigt werden. Sie k\u00f6nnen entlasten, aber auch die Selbstsorge von\nKranken st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Weg von der\n\u201eSorglosigkeit des Kapitalismus\u201c zu einer \u201esorgsamen Gesellschaft\u201c ist noch\nweit. Bis dahin gilt es, in den Sorgek\u00e4mpfen, die in Unternehmen und\nGesellschaft stattfinden, gemeinsam f\u00fcr die eigenen Werte einzutreten. <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag Wildbad Rothenburg, 22.11.19 1. 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