{"id":478,"date":"2015-02-19T19:51:39","date_gmt":"2015-02-19T19:51:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=478"},"modified":"2015-07-29T10:07:36","modified_gmt":"2015-07-29T10:07:36","slug":"uns-allen-blueht-das-leben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=478","title":{"rendered":"\u201eUns allen bl\u00fcht das Leben!\u201c"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Wie Menschen im Schatten des Todes die Sch\u00f6pferkraft Gottes erfahren.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Die Rosen bl\u00fchen wieder: \u00fcber die Grenzen des Lebens<\/strong><\/p>\n<p>Um diese Zeit bl\u00fchen in unserem Garten die Rosen \u2013 so wie \u00fcber Jahrzehnte vor dem Mutterhaus in der Kaiserswerther Diakonie. Dieses Rosenbeet war ein Zeichen des Lebens gegen Todesangst und Todesmacht. Als n\u00e4mlich die Schwesternschaft im Jahr 1841 gegen eine Typhusepidemie k\u00e4mpfte, erkrankte auch Auch Theodor Fliedner und drei seiner Kinder. Im November 1841 starben kurz die 9-j\u00e4hrige Simonette und die vierj\u00e4hrige Johanna kurz nacheinander. Als Simonette starb, war ihre Mutter Friederike auf einer Dienstreise \u2013 sie besuchte eine der Schwesternstationen in Saarbr\u00fccken. So fand sie bei ihrer R\u00fcckkehr die tote Tochter im Gartenhaus aufgebahrt. Die kleine Mina, damals sechs Jahre alt, erinnert sich an den Weg, den sie an der Hand ihrer Mutter durch den nebligen November-Garten ging. \u201eWo man zum Gartenhaus heraufgeht, waren Rosen gepflanzt, die im Sp\u00e4therbst grau und kahl dastanden. \u201eSo wird es sein bei der Auferstehung\u201c, sagte sie: \u201e Wer denkt denn jetzt, dass an diesen Str\u00e4uchern so herrlich sch\u00f6ne Blumen wachsen k\u00f6nnen. So lass uns getrost das Kind zum Gottesacker bringen.<\/p>\n<p>Solange ich denken kann, stand auf dem B\u00fccherregal meiner Mutter das sonnige Bild eines kleinen Jungen mit blondem Lockenkopf. Eine schwarze Schleife und ein gelbes Myrtenkr\u00e4nzchen erinnerten an eine tiefe Trauer und eine gro\u00dfe Liebe. Wilhelm Langenohl, ein kleiner Bruder meiner Mutter, starb 1934 mit 6 Jahren am Keuchhusten. Sein Bild und das Bl\u00fctenkr\u00e4nzchen, das meine Gro\u00dfmutter gesteckt hatte, haben die Familie begleitet, solange meine Mutter lebte. Bis in die n\u00e4chste Generation blieben Schmerz und Ohnmacht sp\u00fcrbar- als Schatten der Zerbrechlichkeit \u00fcber unserem Kinderleben. Unvorstellbar, wie die Fliedners und all die anderem Familien dieser Zeit es verkraftet haben, ihre Kinder zu verlieren- oft schon im Kindbett, vor dem dritten Lebensjahr, immer wieder an Epidemien. Was wir Penicillin und Antibiotika, vor allem einer immer besseren Hygiene zu verdanken haben, machen wir uns viel zu selten bewusst. Die ersten Diakonissen, die nicht viel mehr tun konnten, als f\u00fcr Sauberkeit und gute Pflege zu sorgen, standen in dieser Entwicklung ganz vorn \u2013 oft genug um den Preis der eigenen Gesundheit.<\/p>\n<p>Die Kinder- und M\u00fcttersterblichkeit ist seitdem radikal gesunken, die Gefahr von Epidemien zur\u00fcck gedr\u00e4ngt, die Lebenserwartung in den entwickelten L\u00e4ndern unvorstellbar gestiegen \u2013 der Tod ist aus unserem Alltag verschwunden, wir sehen ihn oft nur in den Medien in Kriegsberichten oder in Krimis. An seine Stelle ist die Angst vor dem Sterben getreten, die Angst vor Schmerzen und Leiden, vor Verletzlichkeit und Dahinsiechen. Nicht der b\u00f6se, schnelle Tod, sondern die langsam in unser Leben einsickernde Krankheit, das Vergessen im Alter machen uns zu schaffen. Was wir nicht in der Hand haben, was wir nicht kontrollieren k\u00f6nnen, das macht uns Angst. Uns fehlt Friederikes Zuversicht, dass uns das Leben bl\u00fcht- auch da, wo wir nur den Tod vor Augen haben. Wir richten den Blick lieber zur\u00fcck als nach vorn, wollen das Leben festhalten, wie es ist- getreu dem Motto \u201eCarpe diem\u201c, auf Deutsch \u201ePfl\u00fccke die Rose, eh sie verbl\u00fcht\u201c. In Krankheit, im Alter neue Lebensperspektiven zu entdecken, neues Vertrauen, neue Liebe und Gelassenheit, das m\u00fcssen wir wohl noch lernen.<\/p>\n<p>\u201e <em>Uns allen bl\u00fcht das Leben<\/em>\u201c. Den Titel f\u00fcr diesen Vortrag habe ich von Piet Janssen und Friedrich Karl Barth \u00fcbernommen. Vielleicht erinnern sich einige hier an die Lieder von Kirchentag 1979: \u201e F\u00fcrchte Dich nicht, Du gehst nicht verloren. Bleib bei den Traurigen, teile ihr Ungl\u00fcck. So gro\u00df die Liebe, so gro\u00df der Schmerz.\u201c \u201e <em>Uns allen bl\u00fcht der Tod- ein Fest f\u00fcr die Lebenden\u201c,<\/em> steht auf der Platte, die ich in diesen Tagen noch einmal geh\u00f6rt habe. Die Lieder erz\u00e4hlen vom Sterben, von jungen und alten Menschen, von Krankheiten, Unf\u00e4llen und Kriegen- sie erz\u00e4hlen von der Macht des Todes mitten in unserem Leben, in Abschieden und \u00c4ngsten, in unsinnigen K\u00e4mpfen und zerbrochenen Lieben. Es scheint , als k\u00f6nnten wir dem Tod nicht entkommen- vielleicht gerade dann nicht, wenn wir ihn mit aller Macht aus unserem Leben verbannen wollen.<\/p>\n<p>Die Diskussion um aktive Sterbehilfe und assistierten Suizid in Europa zeigt: Wir kennen nur noch ein Leben, das Leben in dieser Zeit. Leben mit der Uhr, leben, das sich messen, bewerten, gestalten l\u00e4sst. Dass Krankheit und Trauer produktiv sein k\u00f6nnen, dass Schlaf und Tr\u00e4ume, Vergessen und Ohnmacht neue Erkenntnisse bringen k\u00f6nnen, kommt uns nicht in den Sinn. Wie wir Medikamente f\u00fcr Krankheiten entwickeln, so versuchen wir, auch die Trauer schnell unter die F\u00fc\u00dfe zu bekommen und den Schlaf auf das Unausweichliche zu beschr\u00e4nken. Woher wir eigentlich das Recht n\u00e4hmen, dem Sterbenden die letzte Zeit zu nehmen, die er schlafend und tr\u00e4umend braucht, um sein Leben zu Ende zu bringen, fragte k\u00fcrzlich ein Psychoanalytiker \u00edn einer Sendung \u00fcber Sterbehilfe. Unsere Vorstellung von einem guten Leben ist eng geworden.<\/p>\n<p>Alain de Botton, ein Sohn nichtgl\u00e4ubiger Juden, erz\u00e4hlt in seinem Buch \u201e Religion f\u00fcr Atheisten\u201c, wie sein Atheismus in eine Krise geriet:\u201c Meine Zweifel hatten ihren Ursprung im H\u00f6ren von Bachs Kantaten und wuchsen bei der Betrachtung gewisser Madonnen von Bellini.\u201c In Bachs Musik und Bellinis Kunst begegneten ihm das Wissen um Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, aber auch Barmherzigkeit und Trost im Gebet. Die Weisheit der Religionen, meint de Botton, gerate allm\u00e4hlich die allm\u00e4hlich in Vergessenheit.<\/p>\n<p><em> \u201e Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir. Bleibe still neben mir in dem Raum, jag den Spuk, der mich schreckt, aus dem Raum. Z\u00fcnd ein Licht an, das \u00c4ngste verscheucht, mach die trockenen Lippen mir feucht. Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir<\/em>\u201c, hei\u00dft es auf meiner alten Platte. Auch dieses Lied erz\u00e4hlt vom Sterben, aber es erz\u00e4hlt auch vom Leben: von F\u00fcrsorge und Gemeinschaft und von der Gegenwart der Engel. Fast 35 Jahre ist die Platte alt- aber die Engel sind gegenw\u00e4rtiger als je. Wo die Medizin nicht mehr heilen kann, da gewinnen Pflege und Zuwendung wieder an Bedeutung. Das wissen wir aus der Hospizarbeit. Wer sich dort engagiert, der erlebt eine andere Zeit. Der erf\u00e4hrt, dass uns die n\u00f6tigen Kr\u00e4fte geschenkt werden, wenn es darauf ankommt. Der kann- wie damals Friederike \u2013 zuversichtlich in die Zukunft sehen und auf das Leben setzen. Die Rosen werden bl\u00fchen, auch wenn wir nichts davon sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Diakonie in der Gesundheitswirtschaft \u2013 ein Kreuzweg<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u201e <\/em><\/strong><em>Ihr kommt mir in den Sinn, Ihr Diakonissen, ihr Nonnen, Sozialarbeiter, Ihr tr\u00f6stenden H\u00e4nde f\u00fcr viele Schmerzen.- Ihr letzten Menschen, die ihr einfach und ehrlich Jesus nachzuleben versucht &#8211; fremd und verloren ( in unserer cleveren Welt<\/em>)\u201c, hei\u00dft es auf meiner alten Platte. In den 35 Jahren, seit dieses Lied geschrieben wurde, ist die Zahl der Diakonissen und Nonnen in den Krankenh\u00e4usern hierzulande rapide geschrumpft- im gleichen Ma\u00dfe wie der Wachstumswahn wuchs \u2013 nicht nur in der Finanzwirtschaft, auch in der Gesundheitsbranche. Aber noch immer vertrauen Menschen darauf, dass es in christlichen Krankenh\u00e4usern und Altenheimen anders zugeht als anderswo: Hier erhofft man sich Teams, die sensibel geblieben sind f\u00fcr das Leiden, und eine spirituelle Pr\u00e4senz, die das Leben in seinen Widerspr\u00fcchen aush\u00e4lt. Kein Wunder, dass Patienten und Angeh\u00f6rige entt\u00e4uscht sind, wenn sie erleben, was die Medien inzwischen die \u201e Helferindustrie\u201c nennen. Unternehmen, die auf Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet sind, weil sie im Wettbewerb stehen. \u00c4rzte, die auf Fallpauschalen und Zielvorgaben achten m\u00fcssen. Pflegende, die kaum Zeit haben, ein Bett zu richten, weil der knappe Stellenplan einfach zu eng kalkuliert ist. Es ist ein Kreuz. Denn nicht nur Patienten und Angeh\u00f6rige sind entt\u00e4uscht- auch \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte leiden.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren bin ich einen Kreuzweg gegangen. Dabei ist mir bewusst geworden, was es bedeutet, dass der Ursprung aller Diakonie in dieser Bewegung liegt- und was geschieht, wenn wir das vergessen. Immer hat es angefangen mit Menschen, die den Kreuzweg mitgehen wollten, die \u00fcberzeugt waren, dass sie in den Heruntergekommenen, den Verzweifelten und Sterbenden Jesus selbst begegnen konnten. Dass Gott selbst am Wegrand unter die R\u00e4uber gefallen ist- wie beim Barmherzigen Samariter. Dass in dem Bett, das sie dem Kranken bereiten, der Gekreuzigte liegt \u2013 wie bei der Heiligen Elisabeth.<\/p>\n<p>Meinen Kreuzweg habe ich in S\u00fcdtirol entdeckt. Am Ende der Einkaufsstra\u00dfe in der kleinen Stadt Klausen f\u00fchrt ein alter, steiniger Weg den Berg hinauf. Zun\u00e4chst noch angenehm flach, unter schattigen B\u00e4umen, dann Kehre um Kehre immer steiler nach oben. Schon bald sieht man hinunter \u00fcber die Weinberge ins weite Land. An dieser Stelle sp\u00fcrte ich zum ersten Mal meinen Atem- und genau da entdeckten wir die Station eines alten Kreuzwegs. Es war schon die dritte, die ersten beiden hatten wir gar nicht wahrgenommen. Von da an gaben uns die Kreuzwegstationen den Rhythmus vor \u2013 Laufen und Schauen, Schwitzen und zur Ruhe kommen. Immer wieder einmal Station machen und dar\u00fcber nachdenken, wie unser Weg mit dem Weg Jesu verbunden ist. Was geht uns dieser Mensch an\u2013\u2013- mit seinen K\u00e4mpfen und Qualen, mit den Lasten, die er tr\u00e4gt, den Schmerzen und Zusammenbr\u00fcchen?<\/p>\n<p>Auch der Atheist Alain de Botton, den ich eben zitiert habe, besch\u00e4ftigt sich mit dem Kreuzweg. Er schreibt: \u201eDie Faszination der christlichen Geschichte beruht entscheidend darauf, dass Jesus unter den gr\u00f6\u00dften Qualen starb, die man sich vorstellen kann. Dadurch ist er f\u00fcr alle Menschen, egal wie gezeichnet sie sind von Krankheit und Kummer, der Beweis, dass sie mit ihrem Elend nicht allein sind. Dieser Eindruck kann leicht entstehen, wenn man bedenkt, wie vehement die Gesellschaft unsere Probleme vom Tisch fegt und uns mit kitschigen Werbeversprechen \u00fcberschwemmt, die insofern gef\u00e4hrlich sind, als sie fernab unserer Lebensrealit\u00e4t liegen\u2026 Wir alle schleppen Verletzungen mit uns herum, die aus unserer Kindheit herr\u00fchren, und haben Probleme, die mit\u2026 Arbeit und Liebe, \u00c4lterwerden und Tod zusammen h\u00e4ngen. Das Christentum weist darauf hin, dass wir gef\u00fchllose Monster w\u00e4ren, wenn unser K\u00f6rper gegen Schmerzen und Verfall immun w\u00e4re.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Genau darum geht es auf dem Kreuzweg: dass wir uns nicht abh\u00e4rten, sondern durchl\u00e4ssig bleiben f\u00fcr den Schmerz des Lebens, dass wir menschlich bleiben. Denn wenn unsere Fr\u00f6mmigkeit auf dem Spiel steht, steht auch unsere Menschlichkeit auf dem Spiel.<\/p>\n<p>Wir waren schon ein St\u00fcck auf dem Kreuzweg gegangen, als uns einer entgegen gerannt kam, der weder rechts noch links sah; vermutlich absolvierter er gerade ein Marathontraining. Es gibt eine Geschwindigkeit, die nur noch auf die eigenen Ziele ausgerichtet ist. Da haben andere keinen Platz. Das ist keine Zeit zum Innehalten. Ich kenne das. Wenn ich deadlines hinterher renne, kurzfristig neue Auftr\u00e4ge bekomme, immer schneller to-do-Listen abhake und dann au\u00dfer Atem komme und schlie\u00dflich aus dem Tritt. .Anrufe, Mails, Briefe, Meetings \u2013 so sch\u00f6n es ist, gut vernetzt zu sein, so schmerzhaft, wenn die Zeit gar reicht nicht, um wirklich in Beziehung zu kommen. Im Alltag von Krankenh\u00e4usern und Pflegestationen ist es nicht anders. Mit Zielen und Zeitmanagement versuchen wir, uns vor dem Ausbrennen zu bewahren. Mit Professionalit\u00e4t, Distanz zu schaffen zu den ungeheuren Erwartungen leidender Menschen. Aber dann passiert es doch, dass der Frust w\u00e4chst, dass die Motivation erkaltet. Die Leidenschaft auf der Strecke bleibt. Sie merke es an ihrer Wut und ihrer Traurigkeit, wenn es auf Station nicht mehr menschlich zugehe, sagte mir k\u00fcrzlich eine Krankenschwester. Wohl dem, der die Traurigkeit noch sp\u00fcrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als der Marathonl\u00e4ufer vor\u00fcber war, fiel mir die n\u00e4chste Kreuzwegstation ins Auge: es war die mit dem Schwei\u00dftuch der Veronika. Da steht eine Frau am Weg und reicht dem Todgeweihten ein Tuch, um Blut und Schwei\u00df abzuwischen. Bis heute, sagt man, soll sich auf diesem Tuch das Gesicht Christi zeigen. In dem katholischen Dorf meiner Kindheit gab es Kreuzwegprozessionen mit Ges\u00e4ngen, Gebeten und Andachten vor den einzelnen Stationen \u2013 das blieb mir immer fremd. Ich sah keine lebendigen Bilder, nur Reliefs aus Stein. Aber hier, an diesem Steinbild der heiligen Veronika, habe ich an die vielen haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden in den Hospizen gedacht. <em>\u201eWenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir. Wisch mir Tr\u00e4nen und Schwei\u00df vom Gesicht, der Geruch des Verfalls st\u00f6rt Dich nicht. Wenn es so weit sein wird mit mir, brauche ich den Engel in Dir.\u201c <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer unter Belastungen zusammenbricht, braucht jemanden, der mit tr\u00e4gt. Wer Blut und Wasser schwitzt, braucht eine, die ihm den Schwei\u00df abwischt. Die Erfahrungen, die auf dem Kreuzweg gezeigt werden, sind Spiegel unser eigenen Erfahrungen. Und wer sich f\u00fcr andere einsetzt, st\u00f6rt manchmal den ganzen Betrieb, der gnadenlos weitergeht. Es ist zum Aussteigen und Weglaufen \u2013 aber auch das geh\u00f6rt dazu. Viele der J\u00fcnger Jesu sind abgetaucht, als der Kreuzweg begann, weil sie sich selbst sch\u00fctzen wollten. So wie Petrus, der auf Abstand blieb, als Jesus verh\u00f6rt und gefoltert wurde. Die Bibel erz\u00e4hlt von den bitteren Tr\u00e4nen, die er sp\u00e4ter dar\u00fcber weint. Auch der Verrat an den eigenen \u00dcberzeugungen, an der eigenen Berufung, l\u00e4sst uns leer und ausgebrannt zur\u00fcck. Wie sch\u00f6pfen wir Kraft, wenn das geschieht? Ich denke an die J\u00fcnger, die nach der gr\u00f6\u00dften Entt\u00e4uschung ihres Lebens resigniert zur\u00fcck gehen in ihr Heimatdorf, weil sie das Gef\u00fchl haben, es sei alles umsonst gewesen. Bis ihnen einer begegnet, der deuten kann, was geschehen ist. Der sich Zeit f\u00fcr sie nimmt. Und pl\u00f6tzlich, beim gemeinsamen Essen, sp\u00fcren sie: da ist noch Feuer unter der Asche. Da ist Leben in allen Leiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kreuzwege mit ihren Bildern von Folter und Leid, von Liebe und Lebenswillen sind Spiegel unserer Seelen- wir k\u00f6nnen uns entdecken in den verschiedenen Personen, den unterschiedlichen Szenen. So wie sich viele Frauen finden in den Bildern von Frida Kahlo. Frida, die bei einem Stra\u00dfenbahnungl\u00fcck eine R\u00fcckgratverletzung erlitt, hat sich selbst immer wieder wie ein Gefolterte gemalt \u2013 mit Blut und Tr\u00e4nen, mit N\u00e4geln und im Streckbett. Aber auch im gebl\u00fcmten Kleid, mit offenen Haaren und einem Papagei auf der Schulter. Voller Leiden \u2013 voller Leben und Hoffnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende des Kreuzwegs in S\u00fcdtirol steht eine kleine Kapelle, oben auf dem Berg! Dort hat man einen herrlichen Rundblick \u00fcber das Tal, der den steinigen Weg vergessen l\u00e4sst. Mitten in der Kapelle ist ein steinernes Taufbecken, in das man hinabsteigen und untertauchen kann. Trotz allem Ja zum Leben sagen \u2013 trotz Krisen und Entt\u00e4uschungen- das ist das Ziel unserer Sehnsucht. Aber die Kreuzwege in unserem Alltag haben kein Gel\u00e4nder. Niemand sagt uns, wo unsere Menschlichkeit gefragt ist und wo wir Gott begegnen k\u00f6nnen. Die Stationen, an denen wir innehalten sollten, sind nicht markiert. Es liegt alles daran, dass wir die Augen offen halten, dass wir die Bilder hinter den Bildern sehen, die Tiefendimension unseres Alltags wahrnehmen. Was hilft mir, was hilft Ihnen weiterzugehen, wenn der Weg aussichtslos scheint? Wo finden wir Rat an Wegkreuzungen? Welche Lieder, welche Texte und Bilder helfen Ihnen, die Quellen Ihrer eigenen Berufung wieder zu entdecken?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Keine Angst vor Schw\u00e4che: \u00fcber Inklusion<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der gekreuzigte und mitleidende Gott ist das Zentrum unseres Glaubens, die einf\u00fchlende N\u00e4chstenliebe sein Markenzeichen. Auf diesem Hintergrund sind die diakonischen Dienste und Einrichtungen entstanden, denen es nicht nur um das Seelenheil, sondern auch um das k\u00f6rperliche und soziale Wohl der Menschen ging: Pflegedienste und Krankenh\u00e4user, Einrichtungen f\u00fcr Menschen mit Behinderung. Heute gehen viele Menschen davon aus, dass Gesundheit herstellbar und k\u00e4uflich ist- als Produkt einer guten und effektiven Medizin, als erfolgreiche Dienstleistung von Pflegenden, als Anspruch an die Sozialversicherung. \u201eHauptsache gesund\u201c, hei\u00dft es, gesund, fit und leistungsstark. Der Psychiater und katholische Theologe Manfred L\u00fctz spricht von einer neuen Gesundheitsreligion in unserer Gesellschaft \u2013 Gesundheit, so sagt er, sei f\u00fcr uns zum h\u00f6chsten Gut geworden. Diese Vorstellung habe aber eine gef\u00e4hrliche Kehrseite: die Unf\u00e4higkeit, mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit umzugehen und die Ausgrenzung der Kranken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht kennen Sie das so genannte \u201eHundert-Gulden-Blatt\u201c \u2013 Rembrandts ber\u00fchmte Radierung. Er zeigt, wie ein ganzer Strom von Kranken und Verzweifelten sich auf Jesus zubewegt. Einige humpeln, schleppen sich heran. Andere werden getragen, auf Karren gezogen. Sie strecken die Arme aus, sie rufen und schreien. Soviel Leid ist kaum auszuhalten. Man m\u00f6chte sich dagegen abgrenzen und wappnen- und wir lernen das auch, wenn wir professionell in Medizin und Pflege arbeiten. Und auch Jesus bleibt von dieser Not nicht unber\u00fchrt, es \u201e jammert ihn\u201c, er wird bis ins Innerste ersch\u00fcttert. Das Markusevangelium erz\u00e4hlt, wie er am See Genezareth auf ein Schiff ausweicht, um von den Hilfesuchenden nicht \u00fcberrannt zu werden. \u201eDenn er heilte ihrer vieler, also dass ihn \u00fcberfielen alle, die geplagt waren, auf dass sie ihn anr\u00fchrten.\u201c ( Mk. 3,10)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4sst sich anr\u00fchren, er ber\u00fchrt und heilt Auss\u00e4tzige (Mk 1,41), eine Fiebernde (Mt. 8, 15), Blinde und Taubstumme, ja, er ber\u00fchrt den Sarg eines Toten. Er \u00fcberschreitet die Grenzen zwischen den Geschlechtern, die Grenzen zur Unreinheit, die Trennungen, die Menschen aus der Gemeinschaft ausgrenzen und ihnen den Zugang zum Tempel verwehren. Denn wer krank ist, ist abgeschnitten von Gott und den Menschen- gerade darum setzen Kranke ihre Hoffnung darauf, Jesus zu ber\u00fchren, vielleicht auch nur sein Gewand- so wie die Frau, die seit langen Jahren unter Blutungen leidet. ( Mk 3, 10 \/ Luk. 6, 19 u.a.).<\/p>\n<p>Dass Kranke bei Jesus Anteil bekommen an Gottes heilender Kraft und von ihr ber\u00fchrt werden, geh\u00f6rte in den Anf\u00e4ngen zu den wichtigsten Gr\u00fcnden f\u00fcr die Anziehungskraft und Ausbreitung des Christentums. Denn die antike Welt war \u00fcberzeugt, dass kranke und behinderte Menschen in die widerg\u00f6ttliche Sph\u00e4re des Todes geh\u00f6ren und deshalb aus der sozialen und kultischen Gemeinschaft ausgegrenzt werden m\u00fcssen. Dass sie von D\u00e4monen besessen sind oder dass eine Strafe auf ihnen liegt \u2013 und dass sie gerade damit das Miteinander bedrohen. Dass Kranke von Gott geschlagen sind. In Jesus aber leidet Gott selbst, auf dem Kreuzweg geht er in die Todessph\u00e4re hinein. Er stellt sich an die Seite der Ausgegrenzten. Damit kehrt er alle bisherigen Vorstellungen von Krankheit und Heilung um. \u201e Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mitleiden k\u00f6nnte an unseren Schwachheiten\u2026\u201c, hei\u00dft es im Brief an die Hebr\u00e4er. ( Hebr. 4,15) \u201e Darum lasst uns mit Freudigkeit zum Thron der Gnade treten, dass wir Gnade finden, wenn wir Hilfe brauchen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ein roter Faden zieht sich die F\u00fcrsorge f\u00fcr \u201edie Armen\u201c und Ausgegrenzten durch die Bibel, die Zuwendung f\u00fcr Schwache, Kranke, f\u00fcr Fremde, Witwen und Waisen. Jesus sieht sich berufen, \u201c zu predigen den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verk\u00fcnden das Gnadenjahr des Herrn\u201c (Lk 4, 18f). Gleich zu Beginn seines \u00f6ffentlichen Wirkens deutet er so seine Sendung unter Bezug auf den Propheten Jesaja. Auch seine Heilungen sind in diesem Zusammenhang zu verstehen: es geht darum, Menschen aus dem Dunkel zu holen und ins Licht zu stellen, ihnen ihre W\u00fcrde wieder zu geben, sie aufzurichten. Darum heilt Jesus immer wieder vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr uns allein sind wir nicht krank, und allein k\u00f6nnen wir nicht gesund werden. So oder so sind wir eingeflochten in das Netz der Gemeinschaft, in unsere Geschichte mit Gott. Wer krank ist, sp\u00fcrt: wir brauchen andere Menschen. Menschen, die uns Wege zur Heilung bahnen, wenn wir das nicht mehr schaffen. So wie die Freunde, die den Gel\u00e4hmten auf einer Trage zu Jesus bringen und sogar das Dach abdecken, um ihn gleich vor seinen F\u00fc\u00dfen herunter zu lassen. Er wird geheilt, weil seine Freunde auf Jesus vertrauen- und alles daran setzen, dass er gesund wird. (Mk. 2, 1- 12). Weil in diesem Jahr besonders an Albert Schweitzer erinnert wird, h\u00f6rte ich k\u00fcrzlich einen Bericht aus Lambarene, wo Schweitzer eine Klinik aufbaute. Noch immer besteht diese Klinik aus einem H\u00fcttendorf \u2013 in ihrer Architektur folgt sie der traditionellen Bauweise. Und bis heute ist es so, dass in den H\u00fctten auch die Familien und Freunde der Kranken Raum finden: sie sind es, die f\u00fcr Sauberkeit und Ordnung sorgen und auch das Essen f\u00fcr die Kranken organisieren. Man kann das als Zeichen von Armut und Einsamkeit deuten- ich aber verstehe es als Zeichen von Inklusion. So wie hier Kinderkrankenschwestern in den 70er Jahren darum gek\u00e4mpft haben, dass die M\u00fctter auf den Kinderstationen mit \u00fcbernachten konnten. So wie k\u00fcrzlich eine junge Schriftstellerin mit t\u00fcrkischen Wurzeln beschrieb, dass ihr schwer kranker Vater in der Klinik nicht gl\u00fccklich war ohne sein geliebtes t\u00fcrkisches Essen. Menschen brauchen ihre vertraute Kultur und Umgebung. Menschen brauchen Menschen. Exklusion macht krank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Theologe Ulrich Bach, der als junger Mann an Kinderl\u00e4hmung erkrankte und dann Zeit seines Lebens im Rollstuhl sa\u00df, hat beschrieben, was es hei\u00dft, nicht dazu zu geh\u00f6ren. Wochenlang, ja monatelang war er bestimmt von dem Gef\u00fchl, nicht mehr er selbst zu sein. Nie mehr tanzen oder Sport treiben zu k\u00f6nnen, nie mehr allein reisen zu k\u00f6nnen. Er hatte das Gef\u00fchl, der Boden w\u00e4re ihm unter den F\u00fc\u00dfen weggerissen worden und es brauchte lange Zeit und viel Unterst\u00fctzung von Freunden, bis er begriff: Boden unter den F\u00fc\u00dfen hat keiner. Wir brauchen alle immer wieder Freunde, die uns leben helfen. \u201eDie Frage, ob ich dazugeh\u00f6re\u201c, schreibt Ulrich Bach, \u201ewird oft zuerst von der anderen Seite beantwortet. Wenn sich (andere) &#8230; freiwillig zu mir bekennen, indem sie sagen: wir geh\u00f6ren zu dir, dann &#8230; bekomme ich die M\u00f6glichkeit, zu erleben: tats\u00e4chlich, ich geh\u00f6re zu Euch.\u201c Ulrich Bach war \u00fcbrigens \u00fcberzeugt, dass er auch im Himmel in seinem Rollstuhl fahren w\u00fcrde. Behindert f\u00fchlte er sich nur, wenn er nicht dazu geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Sind die D\u00e4monen gebannt? \u00dcber Angst und Verachtung<\/strong><\/p>\n<p>In meiner ersten Gemeinde in M\u00f6nchengladbach feierten wir einmal im Jahr Gottesdienst mit einer Gruppe aus Hephata. Hephata, M\u00f6nchengladbach, ist ein diakonisches Unternehmen mit Hilfsangeboten f\u00fcr Menschen mit geistigen Behinderungen. Es war jedes Mal ein Fest, wenn der Chor aus Hephata sang \u2013 20 oder 25 Jungen und M\u00e4nner, manche davon spielten Mundharmonika, sangen ganz einfache, eing\u00e4ngige Lieder. Gospels, Kindergottesdienstlieder. Mit Klatschen und Stampfen und einer unb\u00e4ndigen Freude, die die Gemeinde mitriss. Am Ende standen die Menschen im ganzen Kirchenschiff und sangen begeistert mit. Alles Trennende, alle Vorurteile waren \u00fcberwunden, wenn wir gemeinsam Halleluja sangen. Ein Fest war das, es waren Augenblicke, in denen Gottes grenz\u00fcberschreitende Gemeinde sichtbar wurde. Inzwischen leben kaum noch behinderte Menschen auf dem alten Anstaltsgel\u00e4nde. Die allermeisten sind ausgezogen und wohnen jetzt in kleinen, betreuten Wohngruppen- auch in meiner alten Gemeinde. Sie wollen nicht l\u00e4nger ausgegrenzt sein- sondern in der Gemeinde leben. Ich hoffe, die neuen Nachbarn haben auch weiterhin einen Platz in der Kirche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hephata, \u201e\u00d6ffne Dich\u201c, ist das Schl\u00fcsselwort in einer der Heilungsgeschichten Jesu. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein taubstummer Mann. Ich denke an Onkel Friedrich, meinen Urgro\u00dfonkel, der in unserer Familie lebte, als ich ein Kind war \u2013 er war schwerh\u00f6rig und sp\u00e4ter taub und er hatte noch kein H\u00f6rger\u00e4t, nur ein so genanntes H\u00f6rrohr, ein Kuhhorn. Man musste hinein schreien, wenn man mit ihm sprach. Und weil das m\u00fchsam war, blieb er oft au\u00dfen vor. So war er misstrauisch geworden und missmutig \u2013und ich hatte Angst vor ihm. Dabei war er selbst voller \u00c4ngste, in sich verschlossen, von der Welt abgeriegelt. Nur Tante Hulda, seine Schwester, konnte ihn bes\u00e4nftigen- sie sah ihren kleinen Bruder, lebenslang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Zeit Jesu war man \u00fcberzeugt, dass in dieser Krankheit D\u00e4monen am Werk waren. Es waren doch keine menschlichen Stimmen, die sich da artikulierten. Schon deshalb ist es ein kleines Wunder, dass der Mann, von dem das Evangelium erz\u00e4hlt, Freunde hat, Menschen, die ihn zu Jesus bringen, die stellvertretend f\u00fcr ihn um Heilung bitten. Und Jesus hat keine Angst vor D\u00e4monen; er l\u00e4sst sich ganz und gar auf diesen Menschen ein. Er kommt ihm k\u00f6rperlich nah, so wie wir es tun, wenn wir Taubblinden etwas in die Hand diktieren. Er legt dem Kranken die Finger in die Ohren, er ber\u00fchrt seine Zunge, dann erst spricht er- er betet: Hephata, tu Dich auf. Das Evangelium erz\u00e4hlt ganz anschaulich ( Mk 7, 31ff), wie ein Mensch frei wird, wie sich seine Fesseln l\u00f6sen, seine Zunge sich l\u00f6st, wie die Welt sich \u00f6ffnet. Und pl\u00f6tzlich spricht auch der Stumme, mit einer menschlichen Stimme. Und der Funke springt \u00fcber, so wie damals in meiner Gemeinde, wenn der Chor aus Hephata sang. \u201e Jesus hat alles gut gemacht\u201c, sagen die Leute, \u201e die Tauben macht er h\u00f6rend und die Sprachlosen reden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer das liest, der sp\u00fcrt: Auch hier geht es nicht nur um den Taubstummen, es geht um alle, die das miterleben, und um uns, die diese Geschichte h\u00f6ren. Die Menschen, die im 19. Jahrhundert diakonische Anstalten gegr\u00fcndet haben, sahen den Menschen und nicht die b\u00f6sen Geister in den Kranken und Behinderten. Und war es nicht auch eine Wunder- und Lebensgeschichte, dass Hephata und Bethel und all die anderen Segensorte gegr\u00fcndet wurden? So wie es eine H\u00f6llen- und Todesgeschichte ist, dass viele der Bewohner aus Hephata w\u00e4hrend des 3.Reiches in Hadamar ums Leben kamen? Bleibt es nicht ein Wunder, dass wir gelernt haben, diese Schuld zu erkennen und dass wir heute Verschiedenheit zulassen k\u00f6nnen? Dass Geb\u00e4rdendolmetscher inzwischen auf vielen Veranstaltungen selbstverst\u00e4ndlich sind und W\u00f6rterb\u00fccher f\u00fcr Geb\u00e4rdensprache und ihre Dialekte entstehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Luther fand \u00fcbrigens, die biblische Hephata&#8211; Geschichte helfe uns, eine tiefere Wahrheit ganz unmittelbar zu verstehen; Jeder Mensch sei isoliert und in sich verschlossen, bis er von Gott anger\u00fchrt werde. Ein \u201ehomo in se incurvatus\u201c \u2013 verkr\u00fcmmt in die eigene Gedankenwelt. Besessen von den eigenen Ideen und \u00c4ngsten. Unfrei und voller Sehnsucht nach Erl\u00f6sung. Die Geschichte stelle uns ganz leiblich vor Augen, was das hei\u00dft. Wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass Gott uns die Ohren \u00f6ffnet. Jesus sagt das ja wenig sp\u00e4ter zu seinen J\u00fcngern: \u201e Versteht Ihr noch nicht? Und begreift Ihr noch nicht? Habt ihr noch ein verh\u00e4rtetes Herz in Euch? Habt Augen und seht nicht und Ohren und h\u00f6rt nicht?\u201c Wie so oft in der Bibel werden hier Blindheit und Taubheit, Krankheit und Behinderung zum Spiegel f\u00fcr alle anderen. Ist es nicht immer noch so, das wir andere ausgrenzen, weil wir Angst haben, uns selbst in ihnen zu begegnen? Nicht die Behinderten sind behindert, sondern die, die sich f\u00fcr gesund halten. Die D\u00e4monen, die wir bei anderen entdecken, sitzen im eigenen Herzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das bedeutet nun nicht, dass wir diese Geschichte nur symbolisch verstehen k\u00f6nnen. Jesus war Heiler und Wundert\u00e4ter wie viele in seiner Zeit. Die Methoden, mit denen er heilt, gleichen denen, die heute noch angewandt werden \u2013 jenseits der westlichen, wissenschaftlichen, wohlhabenden Welt. Ganz urspr\u00fcnglich und doch zu unserem Erstaunen oft sehr wirksam und erfolgreich. Und doch ist dieser Erfolg f\u00fcr Jesus nicht das Wesentliche; er will nicht, dass Menschen damit werben. Wichtiger ist ihm, dass jeder Mensch z\u00e4hlt und Teil der Gemeinschaft ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Im Augenblick ist Ewigkeit: \u00fcber die Bedeutung von Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele der Krankheiten, f\u00fcr die die Bibel D\u00e4monen verantwortlich macht, k\u00f6nnen wir heute erkl\u00e4ren. Wenn einer immer wieder st\u00fcrzt und mit Schaum vor dem Mund zitternd auf dem Boden liegt, dann wissen wir: er ist Epileptiker. Wenn einer bei schrecklichen Kopfschmerzen Lichtreflexionen sieht, kann das eine Migr\u00e4ne sein. Wenn jemand religi\u00f6se Visionen hat oder wenn er sich von Gott verworfen sieht, dann hat er m\u00f6glicherweise eine Schizophrenie. Wir haben Namen f\u00fcr das Unbegreifliche und Fremde. Und wir wissen, auch die psychischen Erkrankungen haben ihre Ursachen im Gehirn. Und was das Wichtigste ist: f\u00fcr viele Erkrankungen, die Menschen fr\u00fcher zugrunde gerichtet und ins Irrenhaus gebracht haben, haben wir Medikamente. Damals aber sprach man vom b\u00f6sen Geist. Von dem Unerkl\u00e4rlichen, das Menschen niederwirft und niederdr\u00fcckt. Und ganze Familien krank machen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben kaum noch Zugang zu diesem Denken. Wir gehen rational mit Krankheiten um. Das ist aber nicht die ganze Wirklichkeit. Denn wer eine schwere Krankheit erlebt, der findet sich noch immer in einer anderen Welt wieder \u2013 verzweifelt und allein. Ganz wie die Frau aus dem kanaan\u00e4ischen Bergland, die Jesus nachl\u00e4uft ( Matth. 15, 21ff) -die schreit und st\u00f6rt, auf die Knie geht und sich vor Jesus niederwirft \u2013 ohne Scham, ohne Angst. Sie w\u00fcrde alles tun, damit ihre Tochter gesund wird. Denn das M\u00e4dchen ist, so hei\u00dft es im Evangelium, \u201evon einem b\u00f6sen Geist\u201c geplagt \u2013 und man sp\u00fcrt, welche Macht der hat: die Mutter ist selbst ganz au\u00dfer sich.<\/p>\n<p>Diese Verzweiflung sp\u00fcren wir nicht nur bei der kanaan\u00e4ischen Frau, sondern auch bei dem r\u00f6mischen Hauptmann, der um die Gesundheit seines Knechts bangt. ( Luk. 7,1- 10). Eine Kanaan\u00e4erin, ein R\u00f6mer- beide sind keine Juden \u2013 und f\u00fcr einen Augenblick steht die Frage im Raum, ob Jesus ihnen \u00fcberhaupt helfen kann. Segen nur f\u00fcr die frommen Juden? Nein, Segen und Heil f\u00fcr die Welt, wie es im Motto dieser Tagung hei\u00dft. Der r\u00f6mische Hauptmann hatte ganz sicher Zugang zu den besten \u00c4rzten am Hof, er wird sie konsultiert haben, alle medizinischen M\u00f6glichkeiten ausprobiert \u2013 aber nichts hat geholfen. So macht er sich auf den Weg von Kapernaum hinauf nach Kana, eine Tagereise weit auch zu Pferde, weil er von Jesus geh\u00f6rt hat. Von dem Wundert\u00e4ter, der sogar Wasser in Wein verwandelt hat. Wenn einer helfen kann, dann der. Die Bibel erz\u00e4hlt, wie der Hauptmann Jesus bedr\u00e4ngt \u2013 er will ihn mitnehmen in sein Haus. Er fleht ihn an. Aber Jesus scheint das alles nicht zu ber\u00fchren. Im Evangelium steht ein irritierender Satz \u2013 wohl eher zu seinen Anh\u00e4ngern gesprochen, vielleicht auch zu uns: \u201e Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht\u201c: Da h\u00e4ngt das Leben eines Menschen am seidenen Faden, alles dr\u00e4ngt zur schnellen Hilfe- und das Evangelium h\u00e4lt uns auf- mit dieser einen Frage: H\u00e4ngt Euer Glaube davon ab, dass der Mann wieder gesund wird? Was wird aus Eurem Glauben, wenn Gott Eure Gebete nicht erh\u00f6rt? Keine einfache Frage \u2013 es lohnt, sich damit aufzuhalten. Denn auf die Antwort wird am Ende alles ankommen in unserem Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, wie der Hauptmann vor Jesus steht. Tausend Gedanken schie\u00dfen ihm durch den Kopf: Was nutzen Karriere, Ansehen, Einfluss angesichts des Todes? Hier ist nichts zu befehlen, nichts zu zwingen, nichts zu managen \u2013 hier bleibt nur noch bitten. Und auf den zu setzen, der unser Leben wirklich in der Hand h\u00e4lt. Und der Hauptmann bittet ganz ohne Scheu. Und da geschieht das Wunder: Jesus wendet sich ihm zu. \u201e Geh, dein Knecht lebt\u201c, sagt er \u2013 und der Hauptmann vertraut ihm und geht. Erst sp\u00e4ter erfahren wir: das ist der Augenblick, in dem den Knecht das Fieber verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist geschehen zwischen den beiden &#8211; und was zwischen Jesus und dem Knecht des Hauptmanns? Was sind das f\u00fcr Heilkr\u00e4fte, die hier wirksam werden? Es scheint, als seien alle Entfernungen aufgehoben in diesem Hier und Jetzt, in dem das Wunder geschieht. Das Wunder des Glaubens, das Wunder der Heilung. In diesem Moment treten alle \u00c4ngste zur\u00fcck, die Zeit steht still. In diesem Augenblick ist Ewigkeit. Unsere Vorstellungen von Krankheit und Heilung sind durch die westliche, wissenschaftliche Medizin gepr\u00e4gt. Spontanheilungen und Fernheilungen haben wir ins Feld der Esoterik verbannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Klaus-Dieter Platsch, ein Mediziner, den diese Fragen interessieren, hat ein ganzes Buch \u00fcber die tieferen Dimensionen im Heilungsprozess geschrieben. Heilung erw\u00fcchse aus einem Raum jenseits der Methoden und Medizinsysteme, in einem heilenden Feld der Liebe. Offenheit sei dabei eine wesentliche Voraussetzung. \u201e Je bewusster der Arzt oder die \u00c4rztin ist\u201c; schreibt Platsch,\u201c je mehr sie erkennen, dass wir nicht nur die Handelnden sind, sondern auch Raum geben m\u00fcssen, in dem Dinge geschehen k\u00f6nnen, desto st\u00e4rker kann sich ein Heilungsprozess entwickeln.\u201c Es gehe darum, meint er, das Ich zur\u00fccktreten zu lassen \u2013 das Ich des Arztes, das Ich des Patienten \u2013 und gemeinsam auf das Wesentliche zu schauen. Heilung sei ein spiritueller Prozess, in dem es letztlich um das Licht eines neuen Lebens gehe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Heilung ist auch der Hauptmann einen Glaubensweg gegangen. Er wei\u00df jetzt: Entscheidend ist, was Leben und Sterben tr\u00e4gt \u2013 jenseits von Raum und Zeit, von Gesundheit und Krankheit. Die Psychotherapeutin Anne-Marie Tausch hat ihrer Glaubensweg w\u00e4hrend ihrer Krebserkrankung so beschreiben \u201e In den letzten Monaten ist mir klar geworden, dass die wirklichen Entscheidungen nicht in meiner Hand liegen. Wenn ich annehme, was ist, das ist eine gro\u00dfe Hilfe. Sich diesem Fluss des Geschehens anvertrauen zu k\u00f6nnen und zu denken: Du brauchst das Ruder nicht in der Hand zu halten, wenn Du Dich dem Strom anvertraust. Das ist noch schwer, das m\u00f6chte ich noch st\u00e4rker hinbekommen- aber in diesem Glauben brauche ich vor nichts mehr Angst zu haben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seinen Anf\u00e4ngen war das Christentum eine Heilungsbewegung. Der Heilungsauftrag Jesu war so wichtig wie der Verk\u00fcndigungsauftrag. Das ist vielen heute nicht mehr bewusst. Denn die Trennung zwischen christlichem Glauben und Heilkunst reicht zur\u00fcck bis in die Zeit der Auseinandersetzung mit den heilenden Frauen und wurde mit Beginn der wissenschaftlichen Medizin noch einmal versch\u00e4rft. Nach unserem Verst\u00e4ndnis sind Religion und Kirche f\u00fcr die Seele zust\u00e4ndig, Medizin und Pflege f\u00fcr den Leib. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde klar, dass diese Trennung von Leib und Seele auch dem Stand der wissenschaftlichen Forschung nicht mehr entspricht- zun\u00e4chst dank der Psychosomatik, sp\u00e4ter auf dem Hintergrund der modernen Hirnforschung. Vielen ist bewusst, dass es jenseits der naturwissenschaftlich anerkannten Medizin Heil-Wissen und Heil-Weisheit aus alten Kulturen gibt, das noch nicht ausreichend erforscht und offenbar doch wirksam sind. Nicht mehr nur Patienten, auch \u00c4rzte und Pflegende interessieren sich f\u00fcr Traditionelle chinesische Medizin. Die Frage nach dem Zusammenhang von Heilung und Heil wird heute neu gestellt. In Kirchen und Gemeinden wird wieder entdeckt, dass Jesus wesentlich als \u201eHeiland\u201c verstanden wurde. Und endlich verstehen wir wieder, dass Gesundheit nicht nur und nicht einmal \u201ein erster Linie ein medizinisches Problem ist.\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> \u201e<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und auch Psychologen entdecken die Religion als einen lange Zeit untersch\u00e4tzten und \u00fcbersehenen Heilfaktor\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>., schreibt der Chefredakteur der Zeitschrift \u201ePsychologie heute\u201c: Zun\u00e4chst in den USA, jetzt auch in Europa<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, wurden und werden in den letzten Jahren mehr als 1000 Studien durchgef\u00fchrt &#8211; zum Teil mit sehr gro\u00dfen Fallzahlen und langen Untersuchungszeitr\u00e4umen. Es geht um den Einfluss von Spiritualit\u00e4t auf die Lebenserwartung, auf das Auftreten von Herz-Kreislauferkrankungen, auf die \u00dcberlebenszeit von Tumorkranken oder auf die H\u00e4ufigkeit des Auftretens von Depressionen. Diese Studien kommen in \u00fcber 80 Prozent zu dem Ergebnis, dass sich Spiritualit\u00e4t positiv auf die k\u00f6rperliche und seelische Gesundheit auswirkt.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Gebet, Meditation und religi\u00f6se Rituale haben einen messbaren Einfluss auf den Blutdruck und auf Stresshormonen im K\u00f6rper. Gl\u00e4ubige k\u00f6nnen innere und \u00e4u\u00dfere Kraftquellen zum Umgang mit Krankheiten und Schicksalsschl\u00e4gen mobilisieren. Sie leben oft in einem tragenden sozialen Netz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSollen wir nun an die Kirchent\u00fcren schreiben: Wer w\u00f6chentlich hier herein kommt, dessen Lebenserwartung steigt um einige Prozente;\u201c fragte neulich Peter Bartmann vom Diakonie Bundesverband. Besteht nicht die Gefahr, dass wir den Glauben damit erneut instrumentalisieren, den Kranken gar die Schuld geben, weil sie zu wenig gebetet haben? Das passt nicht zu dem Gott der Bibel, der auch das Leiden umf\u00e4ngt und ihm einen Sinn geben kann. Heilung ist und bleibt uns unverf\u00fcgbar, sie ist Gottes Geschenk. Die \u00dcbersetzung \u201e Dein Glaube hat Dich gesund gemacht\u201c, die man oft findet, trifft nicht, was im griechischen Text steht: \u201eDein Glaube hat Dich gerettet\u201c. Nicht die Gesundheit steht im Mittelpunkt der Heilungsgeschichten, sondern die Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen. Heilung \u00f6ffnet die T\u00fcr zum einem neuen, zu einem anderen Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Uns allen bl\u00fcht das Leben \u2013 unser eigener Kreuzweg<\/strong><\/p>\n<p>Die Heilungen Jesu sind Zeichenhandlungen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Sie verweisen auf das neue Leben, das uns im Reich Gottes erwartet. Zwischen Heilung und Heil besteht ein bleibender Unterschied. Selbst die Wunder Jesu, die den Tod in Frage stellen \u2013 die Auferweckung der Tochter des Jairus oder des jungen Mannes in Nain, die Auferweckung des Lazarus \u2013 bleiben Auferweckungen in ein sterbliches Leben. Nicht jede Krankheit ist heilbar, aber jedem Menschen, auch dem Todkranken und bleibend behinderten, gilt das Angebot, \u201eheil\u201c zu werden und von der heilenden Liebe Gottes ber\u00fchrt zu werden. Paulus behielt trotz vieler Gebete eine schwere physische Erkrankung, den \u201eStachel im Fleisch\u201c, den er deutet als einen dunklen Engel, der ihn schlug \u2013 und trotzdem erfuhr er sich als geliebt und gerechtfertigt,\u00a0 grenzenlos angenommen durch Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus hat sein Damaskuserlebnis, bei dem er geblendet vom Pferd st\u00fcrzte und dann einige Tage blind und wie gel\u00e4hmt lag, als Wendepunkt begriffen. Er musste sich selbst zugeben, dass er auf dem falschen Weg war \u2013 ein gut ausgebildeter j\u00fcdischer Mann, der um des wahren Glaubens willen die kleine, christliche Sekte bek\u00e4mpfte. Jetzt musste er sich mit seinen Feinden vers\u00f6hnen, sich von seinen Gegnern helfen lassen. Er musste seine Ohnmacht anerkennen, um zu einem neuen Leben zu finden. Richard Rohr spricht in diesem Zusammenhang von der \u00d6konomie der Gnade. Menschen, die mit ihrer eigenen Version vom Erfolg scheitern, sagt er, gelingt oft der Durchbruch zu Erleuchtung und Mitgef\u00fchl.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u201e Wir erfahren die Wahrheit nur dann, wenn wir h\u00f6chstpers\u00f6nlich hindurchgehen und auf der anderen Seite wieder heraus kommen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das schreibt Rohr in seinem Buch \u201e Zw\u00f6lf Schritte der Heilung\u201c \u00fcber Gesundheit und Spiritualit\u00e4t, in dem er anhand der 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker \u00fcber unseren pers\u00f6nlichen Kreuzweg als Weg zum Leben spricht. Am Ende hei\u00dft es \u201e Leidende Menschen k\u00f6nnen einen leidenden Gott lieben und ihm vertrauen. Und nur ein leidender Gott kann leidende Menschen retten.\u201c \u201e Jesus ist mehr als alles andere ein Gott der Leidenden&#8230;, er steht nicht im Wettstreit mit irgendeiner Weltreligion, sondern ausschlie\u00dflich in st\u00e4ndigem Wettstreit mit Tod, Leiden und Tragik des Lebens selbst. Das ist der einzige Kampf, den er gewinnen will. Und er gewinnt ihn.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich denke an die K\u00e4mpfe in unserem Leben, an Krankheiten und Krisen, an Erfahrungen von Sinnlosigkeit, Ohnmacht und \u00dcberforderung. Oft genug markieren Krankheiten Wendepunkte und umgekehrt; an Wendepunkten oder in Krisen zeigen wir auch k\u00f6rperlich Schw\u00e4che. Darum ist es so wichtig, dass wir ein Krankenhaus wirklich als Gesundheitszentrum begreifen, ein Hospiz als Gasthaus des Lebens. Dass wir nicht nur eine Dienstleistung bringen, sondern einander als Geschwister begegnen. Dass wir in Medizin und Pflege nicht nur den K\u00f6rper im Blick haben, sondern auch Herz und Kopf- es geht ja um Menschen, die Sinn suchen, vielleicht auch Gott in ihren Erfahrungen, Leiden und Schmerzen. Darum ist es schlie\u00dflich so wichtig, dass die Kirche nicht nur Kopf und Herz anspricht, sondern eben auch den Leib sieht. Der wird in der Kirche oft genug vergessen und vernachl\u00e4ssigt, w\u00e4hrend alle Welt immer mehr auf den K\u00f6rper setzt. Auf Fitness, Gesundheit und Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer baut Br\u00fccken f\u00fcr die, die drau\u00dfen stehen, weil sie chronisch krank, an Leib und Seele verletzt oder dement sind? Br\u00fccken zwischen Kirche und Gesundheitswirtschaft ? Wer setzt sich ein f\u00fcr St\u00e4dte und Gemeinden, in denen auch \u00e4ltere und behinderte Menschen gut leben k\u00f6nnen? Woher kommt die Erneuerung, wo w\u00e4chst Zukunft? Oft sind es ehrenamtlich Engagierte, B\u00fcrgerinitiativen, Selbsthilfegruppen. Manchmal auch Gemeinden. Menschen, die Erfahrungen mit Tod und Leben gemacht haben, Erfahrungen, die eine neue Perspektive geben. Ich erinnere mich an die letzten Monate meiner Mutter im Altenzentrum- an ihr Sterben. Ich werde nicht vergessen, welche intensive Zeit ich selbst dort in den letzten vierzehn Tagen erleben konnte und wie sich mein Blick auf die Altenhilfe ver\u00e4ndert hat. Oder an meinen Krankenhausaufenthalt vor wenigen Wochen, der mir wieder einmal neue Einblicke ins Gesundheitswesen gegeben hat. Immer wenn ich solche Erfahrungen mache, w\u00fcnsche ich mir, daraus lernen zu k\u00f6nnen. Dass ich durchl\u00e4ssig bleibe in Glauben und Handeln, in Arbeit und Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und damit sind wir wieder am Anfang, in Kaiserswerth und bei den Fliedners. Sie k\u00e4mpften damals mit der Schwesternschaft gegen den Typhus \u2013 und erlitten die Seuche in der eigenen Familie. Sie erfuhren Krankheit und Tod wie viele ihrer Patientinnen und Patienten. Die Grenze zwischen Arbeit und Leben war schmerzhaft durchl\u00e4ssig. Wie hielt man das aus? Vielleicht nur mit dieser Zuversicht, dass die Rosenst\u00f6cke im Juni wieder bl\u00fchen. \u201eNur leidende Menschen k\u00f6nnen einen leidenden Gott lieben und ihm vertrauen. Und nur ein leidender Gott kann leidende Menschen retten\u201c, sagt Richard Rohr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch immer gibt es Frauen, die sich viel zu fr\u00fch von ihren Kindern trennen m\u00fcssen. Junge Frauen, die keine gute Gesundheitsversorgung haben und an einer Epidemie sterben. In B\u00fcrgerkriegen, in Fl\u00fcchtlingslagern, in Armutsquartieren. Henning Mankel hat aidskranken M\u00fcttern in Uganda geholfen, Erinnerungsb\u00fccher zu schreiben. Eine von ihnen, Aguga Christine, schrieb ihrer kleinen Tochter, was ihr Leben tr\u00e4gt: \u201e Je mehr du gibst, desto mehr wirst du von Gott gesegnet.\u201c Was f\u00fcr eine Hoffnung in all den Leiden. Und was f\u00fcr ein Engel, de uns diese Hoffnung aufschreibt. Ich w\u00fcnsche Ihnen die Zuversicht, dass unter dem Schnee die Rosen bl\u00fchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> De Botton, S. 220f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Deutsches Institut f\u00fcr \u00c4rztliche Mission (Hrsg.), Das christliche Verst\u00e4ndnis von Gesundheit, Heilung und Ganzheit. Studie der Christlich-Medizinischen Kommission in Genf, T\u00fcbingen 1990, 6<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Heiko Ernst, Macht Glaube gesund?, in: Psychologie heute compact, Heft 8 (2004)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> In den USA wurde Ende der 1970er Jahre mit diesen Untersuchungen begonnen. Seit etwa zehn Jahren gibt es epidemiologische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Spiritualit\u00e4t und Gesundheit auch in Europa: In Deutschland an den medizinischen bzw. psychologischen Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4ten Trier, Heidelberg, Witten\/Herdecke; in \u00d6sterreich an den Universit\u00e4ten Wien und Innsbruck sowie in der Schweiz an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Umfassende \u00dcberblicke \u00fcber diese Studien bis zum Jahr 2000 sind zu finden bei: Harold K\u00f6nig, Michael McCullough, David Larson, Handbook of Religion and Health, New York 2001; Dale A. Matthews, Glaube macht gesund. Spiritualit\u00e4t und Medizin, Erfahrungen aus der medizinischen Praxis, Freiburg 2000<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> S. 29<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> S. 173<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Menschen im Schatten des Todes die Sch\u00f6pferkraft Gottes erfahren. &nbsp; &nbsp; 1. Die Rosen bl\u00fchen wieder: \u00fcber die Grenzen&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=478\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":466,"menu_order":99,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-478","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/478"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=478"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/478\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1410,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/478\/revisions\/1410"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}