{"id":473,"date":"2015-02-19T19:39:43","date_gmt":"2015-02-19T19:39:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=473"},"modified":"2015-07-29T10:08:48","modified_gmt":"2015-07-29T10:08:48","slug":"auf-dem-weg-in-eine-neue-sozialkultur","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=473","title":{"rendered":"Auf dem Weg in eine neue Sozialkultur"},"content":{"rendered":"<h2><strong>\u00dcberlegungen zur Transformation der Wohlfahrtsgesellschaft<\/strong><\/h2>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Auf der Suche nach dem \u00d6lzweig <\/strong><\/p>\n<p>Wann haben Sie zuletzt aus tiefster \u00dcberzeugung heraus geliebt, was Sie tun? Kompromisslos, begeistert, enthusiastisch? Wann haben Sie das letzte Mal dieses Funkeln in den Augen eines Kollegen gesehen? Das fragen Anja F\u00f6rster und Peter Kreuz in ihrem Buch: \u201e H\u00f6rt auf zu arbeiten!<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, eine Anstiftung zu tun, was wirklich z\u00e4hlt\u201c. Dabei geht es: nicht um die vielbeschworene Work-Life-Balance, sondern eine ausgeglichene Energiebilanz; eine Arbeit, die Freude und Sinn macht, die in sich lohnt und unserer Berufung entspricht. Vielleicht ist Ihnen ja auch aufgefallen, dass die Frage nach der eigenen Berufung wieder wichtig geworden ist. In einer Welt, in der wir die Jobs und Positionen, die Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, fragen sich viele, was der rote Faden ihres Lebens ist, welche unverwechselbaren St\u00e4rken sie mitbringen, wof\u00fcr sie gebraucht werden. Sich diesen Fragen hier in Kaiserswerth zu stellen, hat einen besonderen Reiz- schlie\u00dflich ist dies der Ort, an dem unz\u00e4hlige Diakonissen ihre Berufung entdecken &#8211; an dem aber vielleicht genauso viele an diesem Anspruch scheiterten. Kein Wunder also, dass die Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte &#8211; um S\u00e4kularisierung und Professionalisierung, um \u00d6konomisierung und die neoliberale Wende hier besonders sp\u00fcrbar waren.<\/p>\n<p>Denn es ist keine Frage: die gro\u00dfen gesellschaftlichen Trends schlagen sich auch in den sozialen Unternehmen nieder. Und genauso wie Unternehmen in schwankenden M\u00e4rkten passen auch die Einzelnen ihre Lebensplanung den Umst\u00e4nden an, schreibt Markus V\u00e4th in seinem Buch \u00fcber die Arbeitswelt der Zukunft. Wer nur einen Zeit- oder Werkvertrag bekommt, nicht mehr mit einem festen Einkommen rechnen kann, stellt alles auf den Pr\u00fcfstand was Menschen bindet: Haus, Wohnort und Familienplanung. Wo Zielerreichung und Abteilungsbudgets dauernd verglichen werden, z\u00e4hlt am Ende Konkurrenz mehr als Kooperation. Wo das zur Verf\u00fcgung stehende Fachwissen explosionsartig zunimmt, wird Erfahrung wird durch Innovation entwertet und angesichts der wachsenden Mobilit\u00e4t, der realen wie der virtuellen, bedroht die schiere Zahl der Lebens- und Arbeitsbeziehungen die Dauer der Bindungen. Unser Leben droht in einzelne, aneinander gereihte Projekte zu zerfallen: den Job, den Wohnort, den Lebensabschnittspartner. Vielleicht stehen Familie und Freundschaft gerade deshalb so hoch im Kurs, weil wir sp\u00fcren, wie viel Illusion in unserer Vorstellung von Autonomie und Machbarkeit steckt, wie viel K\u00e4lte in der Funktionalisierung, wie wenig Nachhaltigkeit in der blo\u00dfen Marktlogik.<\/p>\n<p>Seit vielen Jahren identifizieren wir diakonische Fachlichkeit mit professioneller Qualit\u00e4t und Distanz. Haltung war gefragt, \u00fcber Motivation und Ethik wurde reflektiert &#8211; aber so traditionsbeladene Begriffe wie Berufung oder diakonischer Auftrag waren tabu. Seit aber auf den Professionalisierungsschub der 60er-70er Jahre die \u00d6konomisierung der 80er und 90er folgte, seit der Taylorismus in Krankenhaus und Pflegeheime eingezogen ist und der Durchlauf der Patienten und Bewohner immer schneller wird, seit f\u00fcr Klienten wie Mitarbeitende die Zahl der Kontakte stetig zunimmt, die Teams sich laufend ver\u00e4ndern, die Personalplanung immer am Limit steht, wird sp\u00fcrbar: Professionalit\u00e4t allein sch\u00fctzt nicht vor Ausbrennen und Qualit\u00e4tsverlust. Es braucht eine neue Verst\u00e4ndigung \u00fcber Werte und politische Rahmenbedingungen. Eine Besinnung auf die Wurzeln der eigenen Arbeit und eine neue Suche nach Wegen in die Zukunft.<\/p>\n<p>Wer einen \u00e4rztlichen oder Pflegeberuf w\u00e4hlt, wer Psychologie oder P\u00e4dagogik studiert, will leben, wovon er \u00fcberzeugt ist, will bei sich selbst nicht vernachl\u00e4ssigen, was anderen nachweislich in ihrer Entwicklung hilft: Selbstf\u00fcrsorge und Achtsamkeit, Respekt und Zusammenarbeit sind wichtige Grundlagen dieser Berufe. Wo sie gef\u00e4hrdet sind, wo die Resonanz auf den eigenen Einsatz fehlt, w\u00e4chst die Unzufriedenheit. F\u00fcr eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts, unter dem Titel \u201eF\u00fchrung macht den Unterschied\u201c, wurden knapp 3000 Frageb\u00f6gen versandt, etwa ein Drittel kam zur\u00fcck und konnten ausgewertet werden. Dabei zeigte sich knapp die H\u00e4lfte der Befragten mit Entlohnung und Anerkennung ihrer Leistung unzufrieden; 80 Prozent klagten \u00fcber Zeitdruck \u2013 w\u00e4hrend umgekehrt f\u00fcr 69 Prozent die Zufriedenheit \u00fcber die vielf\u00e4ltigen Aufgaben und vor allem die sozialen Beziehungen zu den Kollegen ganz oben stand.. Das Wohl der Patientinnen und Patienten, ein gutes Team, ein sinnstiftende Tradition und Selbstverwirklichung \u2013 in dieser Reihenfolge \u2013 sind nach wie vor hohe Werte. Die Gefahr, dass Vorst\u00e4nde und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungen sich auf dieses spirituelle und gemeinschaftliche Selbstverst\u00e4ndnis verlassen, statt gemeinsam um bessere politische und \u00f6konomische Rahmenbedingungen zu k\u00e4mpfen, ist nicht von der Hand zu weisen. Aus diesem Grunde haben verschiedene Mitarbeitervertretungen in der Diakonie die Mitarbeit an der Studie verweigert. Es scheint, als s\u00e4\u00dfen wir mitten im Umbruch zwischen den St\u00fchlen: Hier die Berufungsfalle mit ihren Gefahren der Selbstausbeutung- sie wurde wohl nirgendwo so gr\u00fcndlich reflektiert wie gerade hier in Kaiserswerth- und dort die Dienstleistungsfalle &#8211; mit der Gefahr, die eigenen Werte an eine \u00f6konomische Logik zu verlieren, ohne jedoch angemessen zu verdienen. Wer Wege in die Zukunft sucht, darf die Schattenseiten und unerledigten Auftr\u00e4ge unserer diakonischen Geschichte nicht vergessen- aber das darf nicht daran hindern, die Energien nach vorn zu stellen, die wir ebenfalls einzubringen haben.<\/p>\n<p>\u201eAuf der Suche nach dem \u00d6lzweig! habe ich dieses Kapitel genannt- und ich dachte an die Taube, die Noah aus der Arche fliegen lie\u00df, um zu schauen, ob das Wasser zur\u00fcckging, ob irgendwo schon trockenes Land sichtbar w\u00fcrde. Diese Taube mit dem \u00d6lzweig war das alte Bild der Diakonisse \u2013 es ist das Bild einer Zukunftsagentin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Alles auf Anfang<\/strong><\/p>\n<p>Die neuzeitliche Diakonie beginnt mit einer Vielfalt von Vereinen und Initiativen aus Kirche und Gesellschaft. Mit b\u00fcrgerschaftlichem Engagement und Sponsoren aus den Unternehmen Die Gr\u00fcndergeneration suchte nach Antworten auf die Herausforderungen der ersten Globalisierungswelle: das wachsende Proletariat der Industriearbeiter in den St\u00e4dten, Armut und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, \u00fcberforderte Familien, Vernachl\u00e4ssigung von Kindern und Pflegebed\u00fcrftigen. Wichern und die Fliedners, Amalie Sieveking und Bodelschwingh, Kolping und Ketteler sahen genau hin, sie suchten nach den Ursachen, reisten in andere L\u00e4nder, um zu verstehen und neue Initiativen zu entdecken \u2013 denn f\u00fcr sie stand au\u00dfer Zweifel, dass das Elend, das sie sahen, eine Anfrage an ihr Christsein war. ja, dass Gott selbst ihnen in den Kindern, den Kranken und Gefangenen begegnete, so wie es im Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht erz\u00e4hlt wird. So entstanden die Hospitalkirchen wie in Kaiserswerth, neue Wohnquartiere und Ausbildungsst\u00e4tten wie in Hamburg-St. Georg, Kleinkinderschulen wie in D\u00fcsseldorf, Gefangenenf\u00fcrsorgevereine wie in Berlin und das Mutterhaus hier in Kaiserswerth.<\/p>\n<p>Als Theodor und Friederike Fliedner die Diakonissenanstalt gr\u00fcndeten, konnten sie nicht wissen, dass aus der kleinen Schwesterngruppe eine weltweite Bewegung werden w\u00fcrde. Ihr Konzept war genial, weil es eine L\u00f6sung f\u00fcr drei gro\u00dfe N\u00f6te der damaligen Zeit bot: Fliedner entwickelte professionelle Hilfen zur Erziehung und Pflege, er bot unverheirateten jungen Frauen die Chance einer Ausbildung und sinnvollen Bet\u00e4tigung, und er schuf eine Gemeinschaft, die f\u00fcr diese Frauen zur Ersatzfamilie auf Dauer oder jedenfalls auf Zeit werden konnte. Das Mutterhaus war Lebenshilfe f\u00fcr die Kranken, aber auch f\u00fcr die Schwestern, denen es berufliche Perspektiven bot. Es ging um die Erfahrung, gebraucht zu werden, einen Platz zu haben, eben berufen zu sein. Eine Erfahrung, nach der sich heute wieder viele Menschen sehnen- Berufstr\u00e4ger wie Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Fr\u00fchrentner wie Jugendliche ohne Schulabschluss und die vielen, die nicht mehr mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt &#8211; die M\u00fctter kleiner Kinder, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgeh\u00e4ngten, die das Gef\u00fchl haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an. Die schlecht bezahlten Tagel\u00f6hner. Die modernen Arbeitssklaven, von der Globalisierung \u00fcber die Kontinente gekarrt. Ja, tats\u00e4chlich gleichen die Herausforderungen der weltweiten Globalisierung denen des 19. Jahrhunderts und manche Probleme, die wir l\u00e4ngst \u00fcberwunden glaubten, kehren in neuen Gewand zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Gewiss, aus den diakonischen Aufbr\u00fcchen des letzten Jahrhunderts ist l\u00e4ngst ein Sozialstaat geworden. Erziehungs- und Pflegeleistungen werden aus Steuern und Sozialversicherungen finanziert, die Rechte der Einzelnen gegen\u00fcber Kranken- Renten- und Unfallversicherung sind weit ausgebaut und die professionellen Standards sind von den Weltanschauungen unabh\u00e4ngig. Ob aber die Struktur dieses Wohlfahrtsstaats krisenfest ist- angesichts der wachsenden Staatsverschuldung, des demographischen Wandels, ver\u00e4nderter Geschlechterrollen und Familienkonstellationen- das steht noch dahin. Viele haben jedenfalls das Gef\u00fchl, dass die unterschiedlichen Zweige der Sozialversicherungen zu Verschiebebahnh\u00f6fen geworden sind, bei denen es eher darum geht, die Auszahlungen zu begrenzen, w\u00e4hrend man gleichzeitig grundlegende Ver\u00e4nderungen scheut und betriebsblind alte Pfade ausbaut.<\/p>\n<p>Wohlfahrt und Lebensqualit\u00e4t werden wir nur erhalten k\u00f6nnen, wenn wir eine neue Kultur der Achtsamkeit (aus \u00f6kologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratische Verantwortung) sowie mit einer Kultur der Verpflichtung gegen\u00fcber zuk\u00fcnftigen Generationen (Zukunftsverantwortung) kombinieren, hei\u00dft es im Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung bei der Bundesregierung. Von einem neuen Gesellschaftsvertrag ist in diesem Zusammenhang die Rede &#8211; als Antwort auf die gro\u00dfen Umbr\u00fcche, die wir erleben. Aber viele vertrauen den gro\u00dfen Gesellschaftsentw\u00fcrfen nicht mehr. Stabilit\u00e4t und Sicherheit scheinen den meisten wichtiger als Perspektiven f\u00fcr eine bedrohte Welt. Manche sprechen schon vom neuen Biedermeier, in dem nur noch das kleine Gl\u00fcck z\u00e4hlt. Vor lauter Individualisierung und Spezialisierung, vor lauter Effizienzdenken und Effizienzsteigerung habe man den roten Faden verloren, sowohl individuell als gesellschaftlich, sagt Stefan Gr\u00fcnewald vom Institut Rheingold., es fehle die Resonanz, die erst Sinn gebe, das gemeinsame Projekt, das Zukunft erschlie\u00dfe, Bindungskr\u00e4fte gingen verloren- und das wirke be\u00e4ngstigend.<\/p>\n<p>Keine Frage: die soziale Struktur unserer Gesellschaft ist im Umbruch- und viele sp\u00fcren das, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Dabei geht es um mehr als um die fiskalische Krise der sozialen Sicherungssysteme angesichts einer globalisierten Wirtschaft. Zwar wirken sich prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, unterbrochene Erwerbsbiografien und Teilzeitbesch\u00e4ftigungen auf die Stabilit\u00e4t der Sozialsysteme aus \u2013 aber der demographische Wandel und die Ver\u00e4nderung von Familien und Geschlechterrollen reichen tiefer: sie ver\u00e4ndern das Design unseres Zusammenlebens grundlegend. Die alte Rollenaufteilung, nach der die erwerbst\u00e4tigen M\u00e4nner das Geld f\u00fcr diesen Sozialstaat erarbeiten, w\u00e4hrend Frauen sich in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde unentgeltlich f\u00fcrs Soziale engagieren, tr\u00e4gt nicht mehr. Und die traditionelle Ordnung des Sozialstaats in Deutschland, nach der vor allem die Verb\u00e4nden und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, ausk\u00f6mmlich finanziert, daf\u00fcr zust\u00e4ndig waren, soziales Handeln professionell zu gestalten, ist auch l\u00e4ngst Geschichte. Auch das alte Rezept, durch mehr Wirtschaftswachstum zu mehr Verteilung zu kommen, greift kaum noch- auch wenn wir im Blick auf die Arbeitslosigkeit und die Lage der jungen Generation im S\u00fcden gerade einen neuen europ\u00e4ischen Sozial- und Wachstumspakt geschlossen haben. Es steht zu bef\u00fcrchten, dass die Staatsschuldenkrise in vielen L\u00e4ndern Europas die schleichende Sozialstaatskrise versch\u00e4rfen wird. Und auch hierzulande, im wohl stabilsten Land Europas, gelingt es kaum, die dr\u00e4ngendsten Fragen anzufassen, vor denen wir stehen: die Zukunft der Pflege, eine gerechte Entlohnung der Care-Berufe wie der Sorgeleistungen in Familien, eine Mindestsicherung im Alter, die ihren Namen verdient , Tageseinrichtungen und Ganztagsschulen mit durchg\u00e4ngiger p\u00e4dagogischer Qualit\u00e4t und eine Reform der Kommunalfinanzen, die den wachsenden Aufgaben gerecht wird. Nein, die eben erw\u00e4hnte WBGU-Kommission hat Recht und wir wissen es: Wir stehen auf der Schwelle zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel der Wohlfahrtsgesellschaft in Richtung auf einen neuen Begriff von Generationengerechtigkeit, Beteiligungsgerechtigkeit und Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Partnerschaft statt Wohltaten<\/strong><\/p>\n<p>Unser Selbstbewusstsein verbindet sich mit der Erfahrung, etwas beitragen zu k\u00f6nnen zum Ganzen. Die Philosophin Martha Nussbaum r\u00fcckt deshalb ihrem Konzept der Gerechtigkeit die F\u00e4higkeiten jedes einzelnen in den Mittelpunkt. Dazu geh\u00f6rt die F\u00e4higkeit, das eigene Denken, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln. Deshalb brauchen alle Menschen Angebote zur Bildung und Ausbildung. Genauso wichtig ist die F\u00e4higkeit, sich selbst zu versorgen, auf die eigene Gesundheit zu achten, sich die eigene Wohnung zum Heim zu machen- in einem Heim ist das schwer. Es geh\u00f6rt zum Menschsein, Bindungen aufzubauen, zu Menschen und zu Dingen- zu lieben, zu trauern, Dankbarkeit und Zorn zu empfinden, sich zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen und sich zu engagieren. Das alles brauchen wir, um Selbstachtung zu empfinden.<\/p>\n<p>Hilfesysteme m\u00fcssen die F\u00e4higkeiten unterst\u00fctzen, die jeder einzelne mitbringt. Sie d\u00fcrfen sie nicht schw\u00e4chen. Sie d\u00fcrfen nicht entm\u00fcndigen. Von diesem Impuls lebte Ende der 60-er Jahre die Aufl\u00f6sung der gro\u00dfen Heime der Jugendhilfe zu kleinen Familiengruppen, das trieb die Gemeindepsychiatriebewegung in den 70ern und die Hospizbewegung in den 80ern voran, und es f\u00fchrt seit mehr als 15 Jahren zur Ambulantisierung der Behindertenhilfe und zur Quartiersarbeit in der Altenhilfe. Gleich, ob es um Menschen mit Behinderung oder um Sterbende geht: immer kommt es darauf an, die Selbstbestimmung wie die tragenden Netzwerke zu st\u00e4rken. Es geht darum, Menschen aus den Einrichtungen zur\u00fcck zu holen in die Stadtteile und Gemeinden. Dahin, wo sie sich unter allen Generationen bewegen k\u00f6nnen. Im gesellschaftlichen Ringen um Inklusion zeigt sich der Wunsch nach einer neuen Partnerschaft auf Augenh\u00f6he, nach einer Gerechtigkeit, die keinen ausgrenzt. Aber es scheint, als sei dieses Ziel l\u00e4ngst nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Immer \u00f6fter ist inzwischen von sozialen \u201e Wohltaten\u201c die Rede, so, als lie\u00dfen sich die einen herab, um andere mitzunehmen.<\/p>\n<p>Im Sozialstaat bundesrepublikanischer Pr\u00e4gung hat jeder, der hilfebed\u00fcrftig ist, einen Rechtsanspruch auf Hilfe. Dieses hoch professionalisierte Sozialsystem hat wie die soziale Marktwirtschaft, Tarifpartnerschaft und Mitbestimmung in der gesamten Nachkriegszeit und bis weit in die 70er Jahre zur Stabilit\u00e4t unseres Landes beigetragen. Seit einiger Zeit aber zeigt sich: auch, wer einen Rechtsanspruch wahrnimmt, bleibt \u201eHilfeempf\u00e4nger\u201c. Daran \u00e4ndert auch die Tatsache nichts, dass inzwischen von \u201eKunden\u201c sozialer Dienste gesprochen wird. Da das Geld n\u00e4mlich in der Mehrzahl der F\u00e4lle von den Kostentrr\u00e4gern in Sozialversicherungen oderKommunen, nicht aber von den Betroffenen selbst kommt, richtet sich das Augenmerk der Leistungserbringer nicht selten zun\u00e4chst auf deren Anspr\u00fcche und die gesetzten Standards. Dabei ist f\u00fcr die Sozialversicherungen ist die Leistungskraft der Versicherten genauso zentral oder zentraler als die Bed\u00fcrftigkeit der Leistungsempf\u00e4nger.<\/p>\n<p>So geht mit unserem gut entwickelten Hilfesystem zugleich eine gesellschaftliche Spaltung einher: es ist die Spaltung zwischen Steuerzahlern und Versicherten auf der einen, Transfer- und Leistungsempf\u00e4ngern auf der anderen. Auf der einen Seite die erwerbst\u00e4tige Bev\u00f6lkerung, die f\u00fcr das Bruttoinlandsprodukt, f\u00fcr Steuern und die Stabilit\u00e4t der sozialen Sicherungssysteme sorgt und ein Interesse an niedrigen Beitr\u00e4gen hat, auf der anderen Seite diejenigen, die den Sozialetat beanspruchen, weil sie auf Unterst\u00fctzung der Gemeinschaft angewiesen sind. Hier die erwerbst\u00e4tigen M\u00e4nner, aus deren Erwerbsleistungen die Sozialversicherungen bezahlt werden, dort die Frauen, die unentgeltlich f\u00fcr das soziale Miteinander sorgten, Kinder erzogen und Kranke pflegen. Solange Familien in diesem Sinne als Erwerbs- und F\u00fcrsorgegemeinschaft funktionierten ganz offenbar ein Erfolgsmodell.<\/p>\n<p>Aber bereits in der ersten Phase der Industrialisierung zerbrachen Familien unter den neuen Erwartungen der Arbeitswelt und der wachsenden Armut. Damals entstanden die Br\u00fcder- und Schwesternschaften als Wahlfamilien und Bildungsorte, als Erfahrungsr\u00e4ume f\u00fcr neue Berufswege von Frauen wie f\u00fcr gesellschaftliche F\u00fcrsorge. Hier in der weiblichen Diakonie wurden Ausbildungen in Erziehung und Pflege entwickelt, in den Diakonengemeinschaften neue Berufe im Handwerk, in Armen- und Gef\u00e4ngnisf\u00fcrsorge. Die Mutter- und Bruderh\u00e4user, die Rettungsh\u00e4user und Vereine der Inneren Mission mit ihren starken ehrenamtlichen Vorst\u00e4nden und ihren Br\u00fccken in Politik und Wirtschaft bildeten bald schon eine Blaupause f\u00fcr viele andere Wohlfahrtstr\u00e4ger &#8211; von der AWO bis noch zum DPWV.<\/p>\n<p>Freilich \u2013 auch diese Erfolgsgeschichte hat ihre Schattenseiten. Eine davon ist die Geschlechterhierarchie, die Diakonie und Caritas bis heute pr\u00e4gt und dazu gef\u00fchrt hat, dass Pflege und Erziehung weit unter Wert bezahlt werden. Dazu geh\u00f6rt die zunehmende Abh\u00e4ngigkeit von \u00f6ffentlichen Mitteln und Zielvorgaben, die das eigene Profil oft vergessen lie\u00df und damit die Subsidiarit\u00e4t unterh\u00f6lte. Das hat sich auch nicht ver\u00e4ndert, seit der Sozialmarkt die traditionellen Mechanismen des Sozialstaats abgel\u00f6st und die alten Erstattungs- und Abstimmungsmuster der Freien Wohlfahrtspflege aufgebrochen hat. Jetzt z\u00e4hlt der Wettbewerb Dienstleistungen werden wie Produkte angeboten, verglichen und verkauft. Und Nutzer, Kassen und Kommunen arbeiten mit dem g\u00fcnstigsten, kompetentesten und effektivsten Anbieter im jeweiligen Sektor zusammen. Personalkosten, L\u00f6hne und Qualit\u00e4t sind immer mehr unter Druck geraten.<\/p>\n<p>War es nun ein Schritt nach vorn, Menschen mit Behinderungen , Pflege- oder Eingliederungsanspr\u00fcchen als Vertragspartner zu verstehen, die gegebenenfalls mit eigenem Budget und mit Beratungsleistungen selbst in der Lage sind, sich die notwendigen Module f\u00fcr Wohnen und Arbeit, f\u00fcr Freizeit und Pflege zusammen zu stellen? Ja und Nein. Ja, weil wenigstens dem Anspruch nach das Gef\u00e4lle zwischen Helfer und Hilfebed\u00fcrftigen aufgehoben ist. Weil damit der Sozialpaternalismus, der auch die Diakonie gepr\u00e4gt hat, an sein Ende gekommen ist &#8211; jene F\u00fcrsorge, die immer schon wei\u00df, was der Hilfebed\u00fcrftige braucht. Nein, weil damit Individualismus und Wettbewerb in einen Lebensbereich eingedrungen sind, der von anderen Paradigmen gepr\u00e4gt war &#8211; von Zuwendung, Gemeinschaft und Engagement. Weil mit der \u00d6konomisierung nun auch Effektivit\u00e4t und Effizienz, und das hei\u00dft ein neues Verst\u00e4ndnis von Zeit und Erfolg in die Sozialbranche eingezogen sind. Die zunehmende Spaltung der Mitarbeiterschaften und hochqualifizierte und prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte und die Spaltung der Hilfeempf\u00e4nge in solche, in die der investive Sozialstaat investiert und solche, f\u00fcr die es nicht mehr lohnt, sind die logische Konsequenz dieser Situation.<\/p>\n<p>Wie kann es gelingen, die Freiheit und W\u00fcrde der Einzelnen zu st\u00e4rken, ohne die Lebenszusammenh\u00e4nge weiter zu zerst\u00f6ren, von denen wir alle abh\u00e4ngen? Wie kann es gelingen, Verschiedenheit zu akzeptieren, ohne dass am Ende nur Gleichg\u00fcltigkeit w\u00e4chst? Wie integrieren wir Menschen mit Behinderungen, Kinder und Jugendliche oder pflegebed\u00fcrftige \u00c4ltere in eine Gesellschaft, in der die Erwerbst\u00e4tigen bis an die Grenze ihrer Kr\u00e4fte belastet sind und flexibel sein m\u00fcssen? Angesichts des demographischen Wandels w\u00e4chst der Bedarf an sozialen, p\u00e4dagogischen, gesundheitlichen Dienstleistungen- von den Krippenpl\u00e4tzen bis zur Pflege, von den Ganztagsschulen bis zu den Hauswirtschaftsdiensten. Zugleich aber sto\u00dfen Professionalisierung und \u00d6konomisierung personell wie finanziell an ihre Grenzen. Ohne Ver\u00e4nderungen in den Stadtteilen, ohne ein neues Selbstverst\u00e4ndnis von Nachbarschaften und Vereinen, von Schulen und Kirchengemeinden, ohne das Engagement der Zivilgesellschaft wird der notwendige Wandel zu einer inklusiven Gesellschaft nicht m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Dabei kann Inklusion nur gelingen, wenn die sozialstaatlichen Anspr\u00fcche der Einzelnen gesichert sind. Und das bedeutet: vom bundesweiten Teilhabegesetz bis zur Quartiersbezogenheit der Leistungen f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige braucht es einen Paradigmenwechsel in der Gesetzgebung. Derzeit allerdings stehen den wachsenden Bedarfen gedeckelte Mittel gegen\u00fcber. Fast alle Gemeinwesenprojekte von Tafeln bis zu Amtslotsen, von Mentorinnen und Mentoren bis zur Nachbarschaftshilfe leben vom Engagement einzelner Initiativen. Ganz wie zu Beginn der diakonischen Bewegung sind es Sponsoren, die die Entwicklung voran treiben. B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger werden zu Anw\u00e4lten deren, die selbst keine Kraft mehr haben, ihre Stimme zu erheben. Kirche und Diakonie k\u00f6nnen dabei eine wichtige Rolle \u00fcbernehmen, wenn sie zusammenarbeiten; sie haben die Chance, Quartiersarbeit und professionelle Fachlichkeit, b\u00fcrgerschaftliches Engagement und soziale Beruflichkeit, Basisarbeit und politische Reflexion zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Schritte zu einer neuen Sozialkultur<\/strong><\/p>\n<p>Aber gibt es sie \u00fcberhaupt, die vielbeschworene \u201e diakonische Unternehmenskultur\u201c? Und unterscheiden sich unsere H\u00e4user von denen der Lebenshilfe oder des DRK? Manchmal bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich denke dabei an eine Pflegetradition, die ihre spirituellen Wurzeln wie ihre Ohnmachtserfahrungen kennt und reflektiert hat. Ich denke an Offenheit gegen\u00fcber anderen religi\u00f6sen Traditionen und an \u00f6kumenische Netzwerke. An eine spezifische Kultur der Gastfreundschaft und das Hochhalten der Dienstgemeinschaft. Was wird aus dieser Kultur, wenn die Gesellschaft sich weiter s\u00e4kularisiert und pluralisiert, wenn der Zeit- und Kostendruck w\u00e4chst und immer mehr H\u00e4user fusionieren?<\/p>\n<p>Im letzten Jahr entstand mit Fresenius\/R\u00f6hn einer der gr\u00f6\u00dften Gesundheitskonzerne Europas und es ist keine Frage, dass damit der Druck auf die kleinen Krankenh\u00e4user weiter wachsen wird. So ist es nur konsequent, wenn auch diakonische Tr\u00e4ger sich zusammenschlie\u00dfen wie die Diakonischen Dienste Hannover oder wenn sie wie Agaplesion gr\u00f6\u00dfere Ketten bilden. Und wer genau hinsieht, erkennt, dass traditionelle Gemeinschaftsidentit\u00e4ten wie die Kaiserswerther oder die Zehlendorfer oder Traditionslinien wie die Mutterhausdiakonie und die Kirchenkreisdiakonie dabei nicht mehr entscheidend und unterscheidend sind. Das muss man nicht beklagen, soweit es darum geht, die Hilfe, die die Bed\u00fcrftigen erwarten, so professionell wie m\u00f6glich zu leisten. Allerdings steht zu bef\u00fcrchten, dass nicht die Not der Hilfebed\u00fcrftigen, sondern das wirtschaftliche \u00dcberleben die Branche treibt. Als in den 90er Jahren aus Diakoniewerken Sozialunternehmen und aus Vorstehern Vorst\u00e4nde wurden, schwand der Einfluss der Theologen und Oberinnen, der Kaufleute und der \u00c4rzte wuchs. Inzwischen dominiert die wirtschaftliche Steuerung das gesamte Gesundheitswesen. Die Debatten um unn\u00f6tige Operationen und Transplantationen, um die hygienische Situation von Krankenh\u00e4usern, um DRGs und Pflegestandards zeigt: hier droht etwas aus der Balance zu geraten. Die Wachstumsfixierung unserer Gesellschaft f\u00fchre dazu, dass wir auch da, wo es um das Wohl des Menschen und den Erhalt der nat\u00fcrlichen Ressourcen geht, vor allem Ums\u00e4tze und Gewinne im Blick h\u00e4tten, schreibt Gerhard Scherhorn.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Er spricht von einem Wirtschaftswachstum ohne R\u00fccksicht auf Kollateralsch\u00e4den; denn die Zerst\u00f6rung der Gemeing\u00fcter<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> und \u00f6ffentlichen G\u00fcter habe bedrohlich zugenommen. In den alten Mutterh\u00e4usern l\u00e4sst sich besichtigen, was das bedeutet: wo nur noch einzelne Dienstleistungen und Produkte refinanziert werden, lassen sich die hohen Flure und denkmalgesch\u00fctzten Geb\u00e4ude kaum noch erhalten; da braucht es Spender und Sponsoren, um die Parks und Brunnen zu pflegen. Der Wert einer heilsamen Umgebung droht genauso in Vergessenheit zu geraten wie die Bedeutung eines stabilen Teams oder die eines guten, frisch gekochten Essens, das der Jahreszeit entspricht. Regionale Versorgung hat es in Zeiten der Globalisierung auch im Krankenhaus schwer und Ganzheitlichkeit ist trotz all unseres psychosomatischen Wissens zu einer geradezu religi\u00f6sen Kategorie geworden. Trotz gesunder St\u00e4dte und Betriebe droht ausgerechnet in der Gesundheitsbranche vor lauter Detailabrechnung das Wissen verloren zu gehen, dass Gesundheit mit sozialen Zusammenh\u00e4ngen zu tun hat.<\/p>\n<p>In dieser Situation lohnt sich zu reformulieren, was den Markenkern von Diakonie ausmacht. Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n<ul>\n<li>der <strong>Respekt vor dem Einzelnen<\/strong> und seiner voraussetzungslosen W\u00fcrde, die Wertsch\u00e4tzung unwiederbringlichen Individualit\u00e4t.<\/li>\n<li>ein klarer <strong>Blick f\u00fcr gesellschaftliche und ethische Herausforderungen<\/strong> und die Bereitschaft, sich in der Organisation wie politisch f\u00fcr Teilhabe und lebensdienliche Rahmenbedingungen einzusetzen.<\/li>\n<li><strong> die Solidarit\u00e4t mit den Leidenden und ihren Angeh\u00f6rigen<\/strong> als Ausgangspunkt des Dienstes und die Offenheit f\u00fcr vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Schutz der Verletzten und Verletzlichen<\/li>\n<li>das <strong>Angebot einer ganzheitlichen Bildung<\/strong> ,die religi\u00f6se und ethische Fragen einschlie\u00dft<\/li>\n<li>und last, but not least eine <strong>spirituelle Pr\u00e4senz,<\/strong> die \u00fcber den Tag hinaussieht und den Wert des Einzelnen h\u00f6her einsch\u00e4tzt als den Fall. Die deshalb auch mit Widerspr\u00fcche umgehen kann, weil sie Worte und Symbole, Zeichen, Bilder und Ritualen zur Verf\u00fcgung hat, die tiefer und weiter reichen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aus diesen Motiven entstanden die pr\u00e4genden Linien unserer Sozialkultur: Personalit\u00e4t, Solidarit\u00e4t und Subsidiarit\u00e4t, um die Begrifflichkeiten der katholischen Soziallehre aufzunehmen. Das Wunsch- und Wahlrecht der Hilfeempf\u00e4nger wie der Leistungstr\u00e4ger, Subsidiarit\u00e4t als Respekt vor der Vielfalt und Solidarit\u00e4t als Kraft gesellschaftlichen Zusammenhalts sind heute bedroht von einer alles standardisierenden Modularisierung und Funktionalisierung. Und auch die personale Verantwortung der Professionellen in ihrer Beruflichkeit hat es schwer angesichts der realen Macht von Qualit\u00e4tskontrollen der Kostentr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Dabei ist die personale Zuwendung eine entscheidende Voraussetzung sozialer Koproduktion\u201c. Zu der spezifisch diakonischen Kultur, aus der wir kommen, geh\u00f6rt deshalb auch die Wertsch\u00e4tzung und Entwicklung von Gemeinschaft- als Gemeinschaft im Team und als \u201eWeggemeinschaft\u201c auf Zeit sowie Quartiersbezogenheit, Lebenswelt- und Angeh\u00f6rigenorientierung, bei der das Angewiesensein des Einzelnen auf andere genauso ernst genommen wird wie seine Freiheit und Autonomie. Diese G\u00fcter sind bedroht- durch kurzfristige Vertr\u00e4ge, einen schnellen Umschlag von Personal, die mangelnde Refinanzierung von Quartiersarbeit, den Fachkr\u00e4ftemangel, der Erwerbst\u00e4tigkeit aller fordert.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, Kirche und Diakonie, die an der Wiege dieser Kultur standen, sind l\u00e4ngst nicht mehr wachsam genug, wenn gesellschaftliche und wirtschaftliche Ver\u00e4nderungen Leben gef\u00e4hrden: so wie Armut und Ausgrenzung und mangelnde Teilhabe &#8211; auf dem Arbeitsmarkt und in den Familien. Es ist der Sozialverband Deutschland, der gegen die Zust\u00e4nde in den Pflegeheimen klagt, w\u00e4hrend diakonische Tr\u00e4ger in der Regel um Kompromiss und Kooperation bem\u00fcht sind und damit dann eben doch den alten Pfaden folgen- wie die gesamte Gesellschaft.<\/p>\n<p>\u201e Moderne Politik kennzeichnet sich durch den Ethosverzicht zugunsten taktischer Klugheit und h\u00f6chst flexibler Grunds\u00e4tze, schrieb der Philosoph Richard David Precht vor einiger Zeit im \u201e Spiegel\u201c:<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Dass Politik aber nicht dauerhaft erfolgreich sein kann, wenn sie auf Ethos und darauf gegr\u00fcndeten Ziele verzichtet, wissen wir alle. Es w\u00e4re naiv, darauf zu setzen, dass die rein fiskalischen und kaufm\u00e4nnischen Strategien der Kassen uns die Zukunft der Wohlfahrtsentwickung zeigen. Es wird vielmehr h\u00f6chste Zeit, das Kirche und Diakonie mit ihren Erfahrungen an dieser Debatte beteiligen. Mit denen, die wir gern ins Schaufenster stellen wie mit den tabuisierten. Denn Johannes Degen hat Recht, wenn er schreibt: \u201eDas herk\u00f6mmliche Hilfeethos der Diakonie ist ans Ende gekommen. Die herk\u00f6mmliche F\u00fcr-Kultur muss abgel\u00f6st werden durch eine Mit-Kultur.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Blick zur\u00fcck nach vorn: Mut und Wahrhaftigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Aufbr\u00fcche der neuzeitlichen Diakonie, auf die wir uns mit unsren Werten beziehen, wurden in den dann folgenden restaurativen Jahrzehnten versch\u00fcttet: In dem Ma\u00dfe, wie aus Bewegungen Institutionen, aus Vereinen Anstalten wurden, ging der Ansto\u00df zur Hilfe nicht mehr von der Not des Hilfebed\u00fcrftigen aus, sondern von den Hilfsorganisationen- heute sagen manche von der Hilfeindustrie. Damit wurden die Hilfesuchenden zum Objekt der Hilfe: zu Patienten, Z\u00f6glingen, Insassen, Klienten. Sie waren Adressaten, nicht Teil der Dienstgemeinschaft. Auf diesem Hintergrund konnte auch die Dienstgemeinschaft selbst funktionalisiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die F\u00fcrsorgetradition von Kirchen und Wohlfahrtspflege in Deutschland hatte eben auch eine furchtbare Schattenseite. Zwar wurde der Sozialstaat \u00fcber die Jahrzehnte immer weiter ausgebaut \u2013 mit staatlichen Hilfen f\u00fcr Versehrte, Hinterbliebene, Arbeitslose, Kranke und Rentner. Zugleich aber wuchs auf dem Hintergrund der n\u00f6tigen Umverteilung auch der Wunsch nach staatlicher Kontrolle. Im Dritten Reich gewannen dann diejenigen die Oberhand, die schon lange fragten, ob es denn lohne, ja, ob es der gesunden Volksgemeinschaft nicht schade, wenn staatliche Mittel an Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen, an so genannte Randgruppen und Asoziale gegeben w\u00fcrden. Als dann Vereine und Verb\u00e4nde gleichgeschaltet wurden, haben die Schwesternschaften ihre Mitarbeiterinnen gesch\u00fctzt- sie wurden Teil der diakonischen Gemeinschaften. Zugleich aber haben auch Mutterh\u00e4user versagt, als es darum ging, Patienten und Bewohner mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen oder auch getaufte j\u00fcdische Mitschwestern als Teil ihrer Gemeinschaft zu verteidigen.<\/p>\n<p>Neben dem Gef\u00e4lle, das mit dem F\u00fcrsorgegedanken einhergeht, spielte dabei auch die Abh\u00e4ngigkeit von staatlichen Mitteln eine Rolle- sie machte ja die b\u00fcrokratisch gest\u00fctzte Gleichschaltung \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich. Die Idee des Subsidiarit\u00e4tsprinzips, dass n\u00e4mlich jeder Verband, jede Organisation aus der je eigenen inneren Motivation heraus hilft \u2013 aus christlicher oder aus j\u00fcdischer, aus sozialistischer oder humanit\u00e4rer Tradition- ist im totalit\u00e4ren Staat untergepfl\u00fcgt worden. Damit wurde die Identit\u00e4t der H\u00e4user in ihrem Kern und nachhaltig ausgeh\u00f6hlt. Schwestern, die Demut und Gehorsam gelernt hatten, statt Eigenst\u00e4ndigkeit und Widerstandskraft zu entwickeln, f\u00fchrten unter Tr\u00e4nen Sterilisationen durch und sahen zu, wie ihre Z\u00f6glinge und Mitschwestern abtransportiert wurden.<\/p>\n<p>Wer sich heute auf diakonische Traditionen beruft, darf diese kritische Erinnerung nicht ausblenden. Die Seele des Sozialen ist verletzt. Der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft lebt von dem Gedanken, dass Gemeinschaft mehr ist als eine Gemeinschaft der Starken und der Gleichen, der Gesunden und Fitten &#8211; eine inklusive Gemeinschaft auf Augenh\u00f6he. Ich will nicht vergessen, dass es Augenblicke gibt, in denen aus dem Glauben Widerstand geboten ist \u2013 wenn ein behindertes Kind zum Risiko wird, wenn die Zeit zum Abschied nehmen nicht reicht, wenn Menschen aus dem Krankenhaus entlassen werden, ohne h\u00e4usliche Hilfe zu haben. Nat\u00fcrlich sind da nicht nur Christen gefragt- aber christliche H\u00e4user m\u00fcssen besonders achtsam sein m\u00fcssen, in Kontinuit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t zu ihrer Geschichte.<\/p>\n<p>Denn unter den Bedingungen des Sozial- und Gesundheitsmarkts ist unsere Sozialkultur neu herausgefordert: Dabei ist der Umgang mit Zeit ein wesentlicher Faktor f\u00fcr Beziehung und Spiritualit\u00e4t \u2013 und zugleich die wichtigste Kategorie f\u00fcr Rationalisierung. Seit Anfang der 90er Jahre wird versucht, vor allem im Gesundheitssystem \u00f6konomische Reserven zu heben und Luft aus den Zeitbudgets zu pressen. Mit der Einf\u00fchrung von Budgets, Modulen und Fallbauschalen werden die Arbeitsabl\u00e4ufe auf die Einzelleistung hin organisiert und entsprechend rationalisiert. Mit dem Wegfall des Kostendeckungsprinzips und des bedingten Vorrangs der Freien Wohlfahrtspflege werden \u00f6konomischen Reserven verzehrt, die bis dahin dem \u201eGemeinsamen\u201c, der Beziehungsorientierung und der geistlichen Pr\u00e4gung zu Gute kamen. Selbst Weihnachtsfeiern und Fortbildungstage werden jetzt unter \u00f6konomischer Perspektive als wettbewerbsverzerrend und als geldwerter Vorteil wahrgenommen.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass in der Reaktion die \u00f6konomische Steuerung die geistliche Leitung verdr\u00e4ngt hat und inzwischen auch die professionelle Steuerung in Medizin und Pflege unter die Fittiche nehmen. Die Selbstbehauptungskr\u00e4fte der Cure- und Care-Berufe sind schwach. Das immer noch bestehende Gender-Gap, der lange Schatten der weiblichen Pflege-Diakonie, wirkt sich zus\u00e4tzlich aus. Soziale Frauenberufe werden nach wie vor schlecht bezahlt; die \u00f6konomische Anreize sind gering, die fachlichen werden durch wachsenden Arbeitsdruck geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Zugleich w\u00e4chst mit den pers\u00f6nlichen Budgets wie mit den Zugriffsm\u00f6glichkeiten aufs Netz und den offenen Grenzen in Europa die Autonomie der \u201eVerbraucher\u201c, ihre Eigenverantwortung und Selbststeuerung, w\u00e4hrend ihre Angewiesenheit und Hilfebed\u00fcrftigkeit in den Hintergrund tritt. Dienstleistungen treten an die Stelle von Einrichtungen. Der Zuwachs der Nutzer an Autonomie fordert die alten, patriarchal und hierarchisch gepr\u00e4gten F\u00fcrsorgestrukturen heraus. Station\u00e4re Anbieterstrukturen und Komplexeinrichtungen mit der gewohnte Vernetzung zwischen Gesch\u00e4ftsbereichen (\u201e Von der Wiege bis zur Bahre\u201c) erodieren.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnen die gestiegenen Erwartungen an Eigenverantwortung von Teilen der Gesellschaft gar nicht erf\u00fcllt werden- Anwaltschaft und tragende Netze sind notwendig, wo die gesellschaftliche Ungleichheit w\u00e4chst. Sie w\u00e4chst allerdings auch zwischen den diakonischen Unternehmen und innerhalb der einzelnen Unternehmen; ausgebaute private Dienstleistungen stehen neben abnehmenden \u201e Kassenleistungen\u201c; Unternehmensdiakonie steht neben\u201e anwaltschaflticher Diakonie\u201c und erneut zwischen Unternehmen und Kirche im Quartier. Diese Spaltung stellt die traditionelle Vorstellung von Dienstgemeinschaft in Frage. Kaum noch vorstellbar, dass in der Tradition der Mutterhausdiakonie Hauswirtschaft und Zimmerpflege, Gastlichkeit und Pflege der G\u00e4rten zum geistlich begr\u00fcndeten Kerngesch\u00e4ft geh\u00f6rten. Je mehr sich aber solche Dienste als durchkalkulierte Dienstleistungssektor formieren, desto mehr ist darauf zu achten, dass Eigenst\u00e4ndigkeit, Verantwortung und Interessenvertretung der Mitarbeitenden nicht aus dem Blick geraten- und auch nicht die Zusammenarbeit miteinander und mit den informellen Netzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Erweckung \u2013 nicht nur von gestern<\/strong><\/p>\n<p>Keith Campbell, Sozialpsychologe an der Universit\u00e4t von Georgia, hat sich mit dem Ph\u00e4nomen des \u201e Ich &#8211; Schocks\u201c besch\u00e4ftigt, mit tiefgreifenden Ersch\u00fctterungen, die unser Lebensgef\u00fchl ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Es geht um jene Augenblicke, in denen der Schutzfilter, der uns normalerweise von der Wirklichkeit trennt, weggerissen wird. Das kann eine schwere Krankheit sein, eine berufliche Katastrophe, ein Todesfall oder eine unerwartete, harte Entscheidung &#8211; wir reagieren zun\u00e4chst wie bet\u00e4ubt. Unser Kopf ist leer und das Vertraute erscheint pl\u00f6tzlich fremd. Wenn wir sp\u00fcren, dass wir nicht so sicher sind, dass die Welt nicht so stabil ist, wie wir glaubten, platzen Illusionen. Vielleicht kennen Sie solche Erfahrungen: Wenn im Schicksal eines einzelnen Jugendlichen pl\u00f6tzlich erkennbar wird, wie verfahren die Situation f\u00fcr eine ganze Generation ist. Wenn Eltern sich gegen ein Kind mit Trisomie 21 entscheiden, obwohl andere damit gl\u00fccklich leben. Wenn jemand, f\u00fcr den wir uns verantwortlich f\u00fchlen, sich das Leben genommen hat. Pl\u00f6tzlich zerrei\u00dft ein Schleier und wir nehmen unsere Umgebung ganz anders wahr: brutaler, direkter, bunter. Campbell vergleicht diese Situation mit einem Meditationszustand, einem spirituellen Erweckungserlebnis. Es ist, als \u00f6ffne sich ein anderer Horizont- wir h\u00f6ren auf, uns um uns selbst zu drehen, lassen uns ein, lassen uns vielleicht auch verst\u00f6ren.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Wir werden weitsichtig und mutig &#8211; und sammeln Kraft f\u00fcr einen neuen Aufbruch. In manchem gleicht er vielleicht \u00b4dem, der zu Beginn unserer Sozialstaatsentwicklung stattfand. Dass wir uns davor nicht f\u00fcrchten, sondern ihn mitgestalten und dabei die Seele des Sozialen sch\u00fctzen, das w\u00fcnsche ich uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Informationen finden Sie auch: <a title=\"\u201eIn der Ferne h\u00f6rte ich eine Trompete\u2026\u201c\" href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=399\" target=\"_blank\">Link zum neuen Buchprojekt<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Anja F\u00f6rster, Peter Kreuz, H\u00f6rt auf zu arbeiten, Hamburg 2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Silke Helferich und Heinrich B\u00f6ll-Stiftung 2009.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Heft 37\/2013, S. 139<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Die lebensver\u00e4ndernde Kraft von Krisen, Kathleen Mc Gowan, Psychologie heute-<\/p>\n<p>Kompakt &#8211; ziemlich stark. S. 18 ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen zur Transformation der Wohlfahrtsgesellschaft \u00a0 1. 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