{"id":4721,"date":"2019-11-06T12:04:54","date_gmt":"2019-11-06T11:04:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4721"},"modified":"2021-02-26T11:30:39","modified_gmt":"2021-02-26T10:30:39","slug":"wer-sorgt-gewinnt-die-potenziale-sorgender-gemeinschaften-weiter-heben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4721","title":{"rendered":"Wer sorgt, gewinnt: Die Potenziale Sorgender Gemeinschaften weiter heben!"},"content":{"rendered":"\n<p>Potsdam, 28.10.19<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1<\/strong>.&nbsp;\u201e<strong>Wo das Herz wohnt\u201c: Die Sehnsucht nach Heimat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was\nda im Staub verschwindet, ist der Immerather Dom.<\/strong> Ein Video auf Facebook hat mich nochmal hingebracht,\nin meine erste Gemeinde. Nach Immerath, in das alte Krankenhaus, wo ich als Pfarrerin\ndie Kranken aus Keyenberg, Unterwestrich oder Oberwestrich besuchte.&nbsp; Die Garzweiler-D\u00f6rfer am Rand des\nBraunkohletagebaus sind inzwischen umgesiedelt, vor\u00fcbergehend leben Gefl\u00fcchtete\ndort. Die Initiative \u201eAlle D\u00f6rfer bleiben\u201c kommt zu sp\u00e4t f\u00fcr die Dorfbewohner.\nDie wissen l\u00e4ngst: <strong>Heimat ist mehr als\neine Sammlung von Eigenheimen \u2013 und seien sie noch so sch\u00f6n. Heimat, das sind Schule,\nKneipe und Arztpraxis, engagierte Gesch\u00e4ftsleute, ein reges Vereinsleben. Das\nsind Traditionen, \u00dcberzeugungen, Menschen, die den Geist eines Ortes \u00fcber\nJahrzehnte, ja \u00fcber Jahrhunderte gepr\u00e4gt haben<\/strong>. Je mobiler die\nGesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto gr\u00f6sser wird die\nSehnsucht nach diesem Ort, in dem wir uns selbstverst\u00e4ndlich bewegen , weil wir\ndazugeh\u00f6ren.<strong> Und die Kirche geh\u00f6rt auch\ndazu.<\/strong><strong>Sie\nbleibt ein markanter Orientierungspunkt, auf dem Land oft kilometerweit\nsichtbar. In Zeiten der Verunsicherung richten sich Hoffnungen und Erwartungen,\naber auch Wut und Verzweiflung darauf<\/strong>. &nbsp;Das erkl\u00e4rt auch die\nEmp\u00f6rung im Netz, als die Kirche von Immerath abgerissen wurde &#8211; eigentlich\nkein Dom, sondern eine neogotische Kirche wie es viele am Niederrhein gibt. Sie\nwurde zum Symbol wie die Kirche in der Lausitz, die \u00fcber Kilometer versetzt\nwurde, um sie zu retten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Meine\nerste Erfahrung mit Wutb\u00fcrgern habe ich gemacht, als ich vor f\u00fcnfundzwanzig\nJahren mit einer kirchlichen Reformgruppe den Osten Londons besucht habe<\/strong> \u2013 eine heruntergekommene Hafengegend mit internationaler\nB\u00fcrgerschaft<strong>, wo der Bischof von London\neine Kirche aufgegeben hatte. Dort begegneten wir einer verzweifelten\nB\u00fcrgerinitiative<\/strong>. Die meisten wohnten gar nicht mehr dort, aber sie waren\nin dieser Kirche getauft oder getraut worden; sie hatten dort eine Erfahrung\nvon Zugeh\u00f6rigkeit und W\u00fcrde gemacht. So\netwas gibt man nicht auf<strong>.<\/strong><strong>Wir kennen das von den Kirchenkuratorinnen und\nOrgelpaten, die bei uns daf\u00fcr sorgen, dass Dorfkirchen in Brandenburg, in\nMitteldeutschland oder auch am Rand des Ruhrgebiets saniert werden \u2013 die\nVeranstaltungen planen und Kirchen offen halten, auch wenn sie selbst gar nicht\nMitglied sind oder l\u00e4ngst anderswo wohnen<\/strong>. Aber auch bei uns\nwerden Kirchen &nbsp;geschlossen, aufgegeben, verkauft\noder umgewidmet &#8211; zu Synagogen oder Moscheen, zu Restaurants, Museen oder Kletterhallen.\nUnd manchmal, wenn es gut geht, werden daraus Nachbarschaftszentren, <strong>Begegnungsorte, die Heimat geben. F\u00fcr die,\ndie dort wohnen, f\u00fcr die, die neu dazu kommen und auch f\u00fcr die\nHeimatverbundenen, die l\u00e4ngst anderswo wohnen<\/strong>. Eine Gemeinde in Mecklenburg\nhat ehemalige B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus der ganzen Republik zur silbernen\nKonfirmation eingeladen. Frauen und M\u00e4nner, die l\u00e4ngst weggezogen waren &#8211; der Arbeit\nnach, in den Westen. Auf ein langes Wochenende mit Besuchen, Besichtigungen und\nBegegnungen, mit gemeinsamem Essen, Gespr\u00e4chsrunden und einem Gottesdienst. Und\nviele sind gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.<\/strong> <strong>Schaut hin:&nbsp; Den Perspektivwechsel ein\u00fcben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das Motto des \u00f6kumenischen Kirchentages 2021- und es passt in unsere Zeit. Denn <strong>es braucht keine Braunkohlebagger, um Menschen den Heimatboden unter den F\u00fc\u00dfen weg zu ziehen; Globalisierung und sozialer Wandel gen\u00fcgen<\/strong>. Und die Idylle eines sch\u00f6n renovierten Marktplatzes kann tr\u00fcgen. Dass Familien, m\u00f6glicherweise sogar mit mehreren Generationen, an einem Ort wohnen, ist schon lange keine Normalit\u00e4t mehr. <strong>Junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger Beweglichen- h\u00e4ufig mit Wohneigentum, das sich in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen l\u00e4sst. <\/strong>Viele&nbsp; Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt wohnen. Wo bereits Kinder in der Familie leben, sind es dann h\u00e4ufig die M\u00fctter, die bleiben. Der Soziologe Eric Klinenberg spricht von der Versingelung der westlichen Gesellschaften. Er kommt zu dem Schluss, dass Alleinleben der beste Weg ist, die Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben<strong>: Freiheit und Selbstverwirklichung. Aber das hat eben auch eine Schattenseite: Menschen, die h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln, verlieren die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Und das ist nicht nur eine emotionale Herausforderung,<\/strong> obwohl viele Studien zeigen, dass die Einsamkeit zugenommen hat. Familien mit kleinen Kindern, auch alte oder kranke Menschen geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags besonders unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Aber nur noch ein Viertel der erwachsenen Kinder lebt am Wohnort der Eltern. Und in der Generation \u201eBabyboomer\u201c hat ein zu einem Drittel keine Kinder mehr. Zum ersten Mal in der Geschichte lebt die Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger nicht mehr in Familien. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber &nbsp;auch f\u00fcr\ndie, die ihre Heimat nicht verlassen, ver\u00e4ndert sich die Welt. Fremde ziehen zu\n&#8211; als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge<\/strong>. Gesch\u00e4fte\nverschwinden, in der Kneipe wechselt die Speisekarte \u2013 wenn sie nicht l\u00e4ngst geschlossen\nist. Nachbarn sprechen eine andere Sprache. <strong>So kann die alte Heimat fremd werden &#8211; und damit das\n\u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell\nzu Hause f\u00fchlen. Wo zudem die Arbeitslosigkeit hoch ist, wo viele leben, die\nvon Transfereinkommen abh\u00e4ngen, w\u00e4chst die Angst vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c<\/strong>\n\u2013 des eigenen Arbeitsplatzes, der eigenen Kultur, der gewohnten Nachbarschaft. Wo\nPost und <strong>Sparkassen verschwunden sind, finden\nsich oft noch Kirchen. Aber viele stehen &nbsp;halbleer\u2013 und die Nachbarn, die beobachten,\nwie Schulen und Krankenh\u00e4user geschlossen oder Nahverkehrsstrecken stillgelegt\nwerden, fragen sich, was daraus wird, wenn die Mitgliederzahlen weiter sinken<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einiger\nZeit hat Bertelsmann eine Karte der boomenden und schrumpfenden Regionen\nherausgegeben &#8211; sie zeigt <strong>das wachsende\nGef\u00e4lle, das inzwischen nicht nur zwischen gesellschaftlichen Gruppen, sondern\nauch zwischen Regionen, St\u00e4dten und Stadtteilen zu erkennen ist. <\/strong>Wo die\nWirtschaftskraft gering ist und viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger auf\nTransfereinkommen angewiesen ist der Bewegungsspielraum der Kommunen gering;<strong> Sozialausgaben belasten mit bis zu 58\nProzent des gesamten Haushalts. Viele sind kaum noch in der Lage, ihre\nPflichtaufgaben in ausreichendem Ma\u00dfe zu erf\u00fcllen \u2013 geschweige denn, den\nwachsenden Erwartungen nachzukommen. G\u00fcnstige Wohnungen werden gebraucht,\nGanztags-Kitas und Schulen, m\u00f6glichst angepasste Pflegeangebote und nat\u00fcrlich\neine alternsgerechte Infrastruktur<\/strong>: Busse, B\u00e4nke, \u00f6ffentliche Toiletten.\nDenn tats\u00e4chlich <strong>verschiebt sich&nbsp; die Bev\u00f6lkerungsentwicklung in Deutschland\nhin zu einer wachsenden Anzahl \u00e4lterer, assistenz- bzw. pflegebed\u00fcrftiger\nMenschen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nOrientierung an wettbewerblichen Strukturen in Kommunen und Wohlfahrtspflege\nver\u00e4ndert das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrgern und Staat. <strong>In der Dienstleistungsgesellschaft werden alle zu Kunden. Das klingt\nnach Service und Bedarfsorientierung. Aber vielleicht zeigt sich da auch, dass\ndie Angesprochenen nicht mehr als politische Subjekte wahrgenommen werden<\/strong>.\nInzwischen g\u00e4be es eine Art \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c, der der Treiber der\nrechtspopulistischen Bewegungen sei, sagt Heinz Bude: Jugendliche ohne\nAusbildung, Langzeitsarbeitslose, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, \u00c4ltere mit geringen\nRenten, Menschen in schrumpfenden Regionen.-&nbsp;\n\u201eGemeinsam ist ihnen, dass sie die \u00dcberzeugung gewonnen haben, dass es\nauf sie nicht mehr ankommt.\u201c&nbsp; Und wie ist\nes bei uns, in der Kirche? Managen wir die Probleme nur noch strukturell,\nmachen wir marktg\u00e4ngige Angebote f\u00fcr bestimmte Zielgruppen \u2013 oder sehen wir\nGemeindemitglieder zuerst als Getaufte, Menschen eben, die l\u00e4ngst schon\ndazugeh\u00f6ren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hinsehen ist der erste Schritt zur Ver\u00e4nderung &#8211; und\ndas geht am besten, wenn wir die Nachbarschaft einmal aus der Perspektive der\nanderen sehen. Eine New Yorker Journalistin hat das getan<\/strong>. Ein ganzes\nJahr lang hat sie jede Woche einen Stadtspaziergang mit einer fremden Person\ngemacht. Sie war unterwegs mit einer \u00e4lteren Dame mit Rollator, mit einem\nArchitekten und mit einem zweij\u00e4hrigen Kind. Sie hat einen Blinden begleitet\nund einen Arzt, der ihren Blick f\u00fcr die Entgegenkommenden sch\u00e4rfte. Es geh\u00f6rt\nnicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie sie ihre Stadt neu entdeckt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eigentlich geht es um etwas ganz Einfaches: Den Blick\nf\u00fcr den Anderen zu entwickeln und angemessen auf das Gesehene reagieren<\/strong>.\nWahrnehmen, wenn der Nachbar tagelang nicht vor die T\u00fcr gekommen ist. Ist er\nverreist? Oder im Krankenhaus? Braucht er Hilfe? Hinsehen, wenn die Nachbarin\nmit dem Einkauf kaum die Treppe herauf kommt. Kann ich ihr etwas mitbringen? Es\ngeht um einen Perspektivwechsel. <strong>Die Ev.\nKirche in Baden regt dazu in ihrem Projekt \u201eSorgende Gemeinde\u201c zu diesem\nPerspektivwechsel an. Aber auch in N\u00fcrnberg hat sich eine Kirchengemeinde auf\nden Weg gemacht und einen Stadtplan f\u00fcr Familien herausgegeben<\/strong> \u2013 da findet\nman die Tageseinrichtungen und Spielpl\u00e4tze, die Kinder\u00e4rzte und die\nkinderfreundlichen Restaurants und auch die Gemeinden mit ihren Familiengottesdiensten\nund Winterspielpl\u00e4tzen. <strong>Und in meiner\nehemaligen Gemeinde in M\u00f6nchengladbach haben die \u00c4lteren einen Stadtplan f\u00fcr\n\u00c4ltere erarbeitet <\/strong>\u2013 auch mit Blick auf Rollatoren und Rollst\u00fchle. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Wenn wir wollen, dass Kirche in Gang kommt,\ndann m\u00fcssen wir selbst gehen\u201c, hei\u00dft es beim Kirchenentwicklungsprojekt \u201eKirche\ngeht\u201c in der Schweiz<\/strong>. Rausgehen. Den Blick \u00f6ffnen f\u00fcr die Menschen und ihre\nWohnr\u00e4ume vor Ort. Und das am besten gemeinsam. Immer wieder machen sich\nMenschen aus der Pfarrei auf den Weg, treffen andere im Viertel und schauen, was\nsie gemeinsam f\u00fcr ein gutes Leben vor Ort tun k\u00f6nnen. \u201e<strong>Es geht nicht um volle Kirchenb\u00e4nke. Es geht um das volle Leben. Und\ndas findet sich eben auch vor der Kirchent\u00fcr\u201c<\/strong>, sagen sie.&nbsp; Zusammenarbeit ist gefragt. F\u00fcr Asylsuchende\nim Quartier. F\u00fcr Menschen, die Gemeinschaft suchen. F\u00fcr Leute, die etwas\nbewegen wollen, die Unterst\u00fctzung brauchen, vielleicht auch nur einen Ansto\u00df,\nsich in ihrem Lebensumfeld heimisch zu f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Innenstadt von St Louis in den USA hatte eine\nKirche lange leer gestanden. Ein Abbruchviertel, eine Industriebrache- die\nWirtschaft war weiter gezogen und wer es sich leisten konnte, wohnte jetzt am\nStadtrand<\/strong>. Aber anders als dem Bischof von London war dieser\namerikanischen Gemeinde nicht egal, was mit ihrer Kirche passierte \u2013 und wie es\nden Leuten in ihrem alten Quartier ging. Sie \u00f6ffneten die Kirche f\u00fcr die neuen\nNachbarn, meist Latinos und Farbige. Nun gab es Kinderbetreuung und\nSelbstverteidigungskurse, Drogenberatung und einen Mittagstisch \u2013 und immer\nnoch Gottesdienste, &nbsp;mit allen. Und die Kirchenb\u00e4nke\nf\u00fcllten sich! &nbsp;<strong>So wie im Wiki, dem Wichlinghauser Gemeindezentrum in Wuppertal. Dort\nhat die Diakonie eine alte Kirche \u00fcbernommen \u2013 mit Stadtteilarbeit,\nJugendarbeit, Pflegeangeboten und Gemeindegruppen.<\/strong> Sie bilden hier einen\nFachbereich des Diakonischen Werkes \u2013und die Mitarbeitenden schauen hin und\nlesen das Viertel mit all ihrem Fachwissen. Und die Zusammenarbeit von Kirche\nund Diakonie macht das Wiki quicklebendig. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Besonders wichtig ist das Wohnviertel f\u00fcr Menschen,\ndie sich keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge leisten k\u00f6nnen, f\u00fcr Familien mit kleinen Kindern,\nMigranten, \u00c4ltere<\/strong>. Heute leben mehr an die 45 &nbsp;Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen allein \u2013 meist\nk\u00f6nnen sie in Alltagsproblemen nicht auf Familie und Freunde zur\u00fcckgreifen. \u201eDie\nHochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion\nbetroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu\nbleiben\u201c, sagt Prof. Eckart Hammer aus dem Beirat des Projekts \u201eAlter neu\ngestalten\u201c in W\u00fcrttemberg. Am anderen Ende der Generationenkette geht es\nkleinen Kindern und ihren Eltern ganz \u00e4hnlich. Deshalb brauchen wir R\u00e4ume, wo\nunterschiedliche Generationen einander begegnen. Die Marktpl\u00e4tze, von denen die\nPropheten tr\u00e4umen: Wo Kinder spielen und die Alten Zukunft sehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem\nHintergrund wurde in den letzten Jahren die Quartiersarbeit entdeckt. <strong>Wo Menschen einkaufen, ihre Kinder zur\nTageseinrichtung bringen, wo Schulen und Sportvereine ganz unterschiedliche\nGruppen zusammenf\u00fchren begegnen sich B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger noch immer ganz\nselbstverst\u00e4ndlich.<\/strong> Und wo die Netzwerke funktionieren, da kann Neues\nentstehen: Unterst\u00fctzungsnetzwerke f\u00fcr Menschen mit Behinderung,\ndemenzfreundliche Kommunen und Fr\u00fchf\u00f6rdernetze f\u00fcr Familien entstehen. Im\nNachbarschaftsladen meiner M\u00f6nchengladbacher Gemeinde, wo die Tagesordnung der\nStadt an Caf\u00e9haus-Tischen verhandelt wurde, habe ich zum ersten Mal gesp\u00fcrt: <strong>In der Gemeinde vor Ort manifestieren sich\ndie aktuellen Probleme, aber genau dort finden sich auch Antworten auf die\ndr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnisse der Zeit. Das gelingt aber nur, wenn St\u00e4dte und soziale\nTr\u00e4ger nicht nur auf den Einzelfall schauen, sondern auf den Lebensraum. Das\nGanze ist mehr als die Summe seiner Teile<\/strong>. Wer bestimmte Zielgruppen\nunterst\u00fctzen will \u2013 Demenzkranke, Menschen mit Behinderung, Pflegebed\u00fcrftige\noder Familien in Armut &#8211; der muss alle Akteure an Bord holen und die Angebote\nverkn\u00fcpfen. <strong>Kommunen, soziale Dienste\nund die Wohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren,\n\u00c4rzte<\/strong>. <strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.<strong>\u201eIch will alt werden und sterben, wo ich\ngelebt habe\u201c. Das hat der Sozialpsychiater&nbsp;\nKlaus D\u00f6rners vor 25 Jahren gesagt. Und damit viele, vor allem die\nHeimtr\u00e4ger provoziert, aber auch viel angesto\u00dfen<\/strong>. Dennoch: <strong>Seit Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung ist\nder Trend zur station\u00e4ren Pflege kaum abgemildert. Der prozentuale Anteil der\nPflegebed\u00fcrftigen in Heimen ist nur geringf\u00fcgig gesunken;<\/strong> die absoluten\nZahlen steigen angesichts des demographischen Wandels ohnehin. Es kann nicht\nsein, dass Menschen nur deswegen in station\u00e4re Einrichtungen ziehen, weil die\nWohnung nicht barrierearm ist&nbsp; oder die\nVersorgung zu Hause nicht gew\u00e4hrleistet. Weil sie mit einer chronischen\nErkrankung oder ihren Finanzen nicht mehr zurechtkommen oder weil die Wege zum\nEinkaufen nicht mehr zu bew\u00e4ltigen sind<strong>.&nbsp; Station\u00e4re Einrichtungen sind die teuerste\nL\u00f6sung. Und gerade auf dem Land sind sie oft kilometerweit entfernt von der\nalten Nachbarschaft.<\/strong> \u201cEin Zuhause ist der einzige Ort, wo die eigenen\nPriorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben\u201c, schreibt Atul Gawande in seinem Buch\n\u201eSterblich sein\u201c. \u201eZu Hause entscheidet man selbst, wie man seine Zeit\nverbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden Platz aufteilt und wie man\nden eigenen Besitz verwaltet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir\nwollen, dass wir auch im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben\nk\u00f6nnen, <strong>dann brauchen wir eine\nqualitativ gute und auch gut bezahlte ambulante Pflege, die Betroffene und\nAngeh\u00f6rige unterst\u00fctzt \u2013 auch mit Pools von Haushaltshilfen und anderen\nDienstleistern vom Einkauf bis zur Gartenarbeit. Pr\u00e4ventive Hausbesuche geh\u00f6ren\nebenfalls dazu. Gute Pflegeberatungsangebote sind n\u00f6tig. <\/strong>Denn nach wie vor\nwerden zwei Drittel der Pflegebed\u00fcrftigen oder 1.5 Mio. Menschen in Deutschland\nvon Angeh\u00f6rigen gepflegt. Die Schwiegert\u00f6chter, die die kranke Mutter \u00fcber\nJahre pflegen, die M\u00e4nner, die ihre Frauen pflegen &#8211; sie verzichten auf eigenes\nEinkommen und Karriere und werden oft nicht gesehen. Neun Jahre dauert die\nh\u00e4usliche Pflege im Durchschnitt. Und dabei steigt das Armutsrisiko erheblich. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist kein Zufall, dass das Thema \u201eWohnen\u201c so viel\nGewicht bekommen hat \u2013 das gilt ja gesamtgesellschaftlich im Blick auf\nverf\u00fcgbaren Wohnraum und Mietpreisspiegel. Es gilt aber eben auch f\u00fcr die\nWohnsituation von \u00c4lteren<\/strong>. Mehr noch als andere Gruppen sind \u00e4ltere Menschen,\nFamilien und Menschen mit Behinderung auf gemischte Wohnquartiere und\nbarrierearme Wohnungen angewiesen. <strong>Inzwischen\nwerden&nbsp; ganz neue Wohnmodelle erprobt,\nSeniorenwohngemeinschaften, die vielleicht an studentische Erfahrungen\nerinnern, aber auch Mehrgenerationenh\u00e4user, Genossenschaften und Demenz-WGs.<\/strong>\nEntscheidend ist, dass wir das hohe Alter nicht automatisch mit\nHilfebed\u00fcrftigkeit und Betreuung verkn\u00fcpfen, sondern wechselseitige\nHilfeleistungen und die Chancen des Zusammenlebens in den Mittelpunkt r\u00fccken. <\/p>\n\n\n\n<p>In unserer\nGesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach Selbstbestimmung und\nSelbstoptierung, geht es um ein Gegengewicht: <strong>Um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu\n\u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche\nEntwicklung. Im letzten FWS wurde deshalb zum ersten Mal die informelle,\nau\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt,<\/strong>\nsoweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt.\nDabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen\nHilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis\nauf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher\nJ\u00fcngere als \u00c4ltere. In der Befragung wird deutlich: <strong>Die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die\nLebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Dabei ist entscheidend, dass wir die \u00c4lteren\nnicht nur als Hilfebed\u00fcrftige Objekte betrachten, sondern als soziale Subjekte\nwie alle anderen. <\/strong>Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013\nzeigt: 80 Prozent interessieren und engagieren sich gern f\u00fcr die n\u00e4chste und\n\u00fcbern\u00e4chste Generation, sie h\u00fcten Kinder, sind gern Leihoma, helfen bei\nHausaufgaben oder stehen jungen Leuten mit Rat und Tat zu Seite<strong>. Die Entwicklung von Kommunen wie Marbach\noder Neuisendorf zeigen: Wo Menschen wissen, dass die Gro\u00dfelterngeneration gut\nversorgt ist, ziehen auch J\u00fcngere wieder zu. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf dem Marktplatz vor der Kirche in Rotenburg an der\nFulda steht ein Bronzedenkmal, ein Frau in der Tracht der alten\nGemeindeschwestern \u2013 Schwester Margarete aus dem Mutterhaus in Kassel<\/strong>. Mir f\u00e4llt\nauf, dass sich noch immer Menschen nach der alten Gemeindeschwester\nzur\u00fccksehnen. Das Wittener Mutterhaus hat ein neues Modell entwickelt und \u00c4rzte\nstellen digitale Gemeindeschwestern ein <strong>Ganz\noffenbar hat das damit zu tun, dass die Herausforderungen, vor denen wir\nstehen, in manchem denen des 19. Jahrhunderts \u00e4hneln- auch wenn die Menschen im\nDurchschnitt deutlich wohlhabender sind<\/strong>. In der Zeit der Industrialisierung\nbrachen f\u00fcr viele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten,\nzusammen. <strong>Die Schattenseite der neuen\nProduktivit\u00e4t waren Arbeitslosigkeit und Armut, Wohnungsnot, \u00fcberforderte\nFamilien und schlie\u00dflich unversorgte Kranke und Sterbende. Hohe\nMobilit\u00e4tsanforderungen und das Gef\u00fchl der Beschleunigung&nbsp; geh\u00f6ren auch heute zum Design unserer\nGesellschaft<\/strong> genauso wie die Schattenseiten: mangelnde Vereinbarkeit,\nFamilien, deren Mitglieder immer weiter entfernt voneinander leben,\nPflegeprobleme. Wer \u00fcber ein ausreichendes Einkommen und ein gut gekn\u00fcpftes\nsoziales Netz verf\u00fcgt, wird den neuen Herausforderungen mit Gelassenheit\nbegegnen. Viele allerdings f\u00fchlen sich allein gelassen und \u00fcberfordert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In den Nachbarschaften und Gemeinden&nbsp; werden also Menschen gebraucht, die zupacken,\nNetzwerke kn\u00fcpfen, Plattformen gr\u00fcnden und R\u00e4ume \u00f6ffnen, damit B\u00fcrgerinnen und\nB\u00fcrger einander gegenseitig helfen k\u00f6nnen<\/strong>. Diese\u201e Caring\nCommunities\u201c, die sorgenden Gemeinschaften, erinnern ein wenig an die Mutter-\nund Br\u00fcderh\u00e4user des 19. Jahrhunderts, die gro\u00dfe diakonische Gemeinschaftsbewegung.\nAn die Gemeindeschwestern mit ihren Suppenk\u00fcchen, Kinderg\u00e4rten, Strickstuben,\ndie wir heute als Tafeln und Kleiderb\u00f6rsen wiederfinden. Heute ist vieles sogar\ndigital m\u00f6glich: Das zeigt der Erfolg von Netzwerken wie nebenan.de. <strong>Aber es gen\u00fcgt nicht, eine Plattform zu\ninstallieren \u2013 weder digital noch analog. Untersuchungen von Martina Wegner aus\nM\u00fcnchen lassen erkennen, dass sich auf diese Weise immer nur die gleichen\nbeteiligen<\/strong>: die hochengagierte Mittelschicht mit ihren eigenen Interessen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn wir die erreichen wollen, die ihre Rechte nicht selbstverst\u00e4ndlich wahrnehmen, sind intermedi\u00e4re Organisationen n\u00f6tig: Schulen, Kirchen, Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Parteien. Die meisten sind heute auf dem R\u00fcckzug. Und auch die Kommune ist gefragt. Am besten als B\u00fcrgeramt vor Ort.<\/strong> \u201eEs kann nicht als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden, dass die Selbstorganisation von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen, etwa in der organisierten Nachbarschaftshilfe, aber auch in Seniorengenossenschaften und in B\u00fcrgervereinen ohne Hilfe \u201evon au\u00dfen\u201c auskommt. Vielmehr ben\u00f6tigen solche Formen der Selbstorganisation in der Regel Anst\u00f6\u00dfe, F\u00f6rderung und Unterst\u00fctzung auch durch die Kommune\u201c, hei\u00dft es im 7. Altenbericht, der das Thema Sorgende Gemeinschaften aufnimmt. <strong>Als \u201eSparmodell\u201c ist die aktive B\u00fcrgergesellschaft nicht geeignet, <\/strong>auch wenn der Einsatz Ehrenamtlicher gesellschaftlich hoch willkommen ist. Inzwischen rechnen Hospizarbeit, Altenhilfe und ambulante Pflege mit diesen Diensten- von der Sterbebegleitung bis zu den Alltagsdiensten. <strong>Es gibt inzwischen eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen <\/strong>mit \u00dcbungsleiterpauschale, Freiwilligendiensten und Minijobs. <strong>In der Nachbarschaftshilfe engagieren sich viele, die es sich nicht leisten k\u00f6nnten, nur f\u00fcr Ehre und Anerkennung zu arbeiten. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sabine\nPleschberger von der Universit\u00e4t Graz untersucht zurzeit informelle au\u00dferfamili\u00e4re\nHilfen in der Pflege. Dort zeigt sich: Es geht darum, berufliche und\nfreiwillige Dienste so zu verkn\u00fcpfen, dass die Dignit\u00e4t beider Dienste gewahrt\nbleibt.&nbsp; <strong>Der soziale Nahraum, der sich durch individuelle Hilfen, durch&nbsp; N\u00e4he, Freiwilligkeit, Wechselseitigkeit\nauszeichnet, braucht die Erg\u00e4nzung durch bedarfsorientierte, qualifizierte und\norganisierte Hilfesysteme und umgekehrt.<\/strong><strong>Wenn wir Kommunen\nnicht nur als Wirtschaftsstandorte, sondern als Orte des guten Lebens begreifen\nwollen, dann braucht es soziale Investitionen in Wohnprojekte, Infrastruktur,\nEngagementf\u00f6rderung<\/strong>. Und eine vernetzte und abgestimmte Planung am\nrunden Tisch der Kommune. Das ist der Grund, warum der 7.Altenbericht die kommunale\nVerantwortung in den Mittelpunkt r\u00fcckt. <\/p>\n\n\n\n<p>Und\ngleichzeitig gilt: Gute Orte, lebendige Nachbarschaften haben wesentlich mit\nzivilgesellschaftliches Engagement zu tun. Bei den \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c geht\nes um Zugeh\u00f6rigkeit, gemeinsame Werte und Verantwortungsbeziehungen, wie wir\nsie aus Familien und Nachbarschaften oder Freundeskreisen und Gemeinden kennen <strong>Dabei spielen die sogenannten \u201ejungen\nAlten\u201c eine besondere Rolle. Sie sind h\u00e4ufig lange am Ort, sozial und oft auch\npolitisch engagiert und bringen breite Lebenserfahrungen und soziale Netze ein.\nSie fahren B\u00fcrgerbusse, arbeiten in den Dorfl\u00e4den mit und sind die Initiatoren\nder Sorgenden Gemeinschaften.<\/strong> Die Generation der 55- 69-j\u00e4hrigen engagiert\nsich im sozialen Ehrenamt und im lokalen B\u00fcrgerengagement. In Vereinen und\nVerb\u00e4nden, aber zunehmend auch in B\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dabei geht es keinesfalls um selbstvergessenen\nAltruismus. Gerade die \u00c4lteren, die sich engagieren, tun das auch f\u00fcr sich\nselbst.&nbsp;&nbsp; <\/strong>Wer sich\nengagiert, gewinnt zugleich neue Beziehungen und eigene Netzwerke,\nLebensvertiefung und soziale Kompetenzen. \u201eEs ist einfach notwendig, als B\u00fcrger\nda zu sein\u201c, sagt Annelie Keil, die sich mit Henning Scherf zusammen seit\nJahren f\u00fcr neue Wohnprojekte und Nachbarschaftsarbeit \u00c4lterer engagiert. \u201e<strong>Zivilgesellschaftliches Engagement ist kein\nNachtisch zu den Hauptmahlzeiten des Lebens nach dem Motto: Jetzt habe ich noch\nein bisschen Zeit. Nein, die Notwendigkeit wird leibhaftig erlebt\u2026 Der Weg muss\nvom Einzelnen in die Gemeinschaft gehen. Und umgekehrt tue ich ja alles, was\nich noch f\u00fcr die Gemeinschaft tue, im Wesentlichen f\u00fcr mich<\/strong>. Wenn ich als\nalleinlebende Frau nicht mehr hinausgehe, in meine Suppenk\u00fcche oder zu einem\nVortrag oder in die Schule, um mit den Kindern zu diskutieren, dann wird mein\nLeben \u00e4rmer\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer allerdings\nvon der Grundsicherung lebt und gesundheitlich eingeschr\u00e4nkt ist, hat meist\nviel fragilere Netze. <strong>Nicht nur das\n\u00f6konomische, auch das Sozialkapital ist ungleich verteilt \u2013 Gesundheit, Bildung\nund Beziehungen haben auch mit den \u00f6konomischen Ressourcen zu tun.<\/strong> \u201eEine\nAuseinandersetzung mit Sorgearrangements f\u00fcr \u00e4ltere und mit \u00e4lteren Menschen\nmuss die Verschiedenheit der Lebenslagen und Bedarf ber\u00fccksichtigen\u201c, hei\u00dft es\nim letzten Altenbericht. Der geht davon aus, dass der Anteil derer, die\n\u00f6konomisch, sozial und in der Folge h\u00e4ufig auch gesundheitlich benachteiligt\nsind, zuk\u00fcnftig \u201ein erheblichem Ma\u00dfe\u201c ansteigen wird \u2013 dass also das Alter\ndeutlich ungleicher wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tischgemeinschaften haben Konjunktur. In vielen\nKirchengemeinden treffen sich \u00c4ltere einmal die Woche; da wird gemeinsam\neingekauft, reihum gekocht, Rezepte werden ausgetauscht und Geschichten erz\u00e4hlt<\/strong>. Und wenn\njemand fehlt, fragt bestimmt eine andere nach. Anderswo \u00f6ffnet die Cafeteria im\nAltenzentrum f\u00fcr die Kinder der nahegelegenen Tageseinrichtung. In Neuk\u00f6lln\nkochen Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr Obdachlose. In den interkulturellen G\u00e4rten bei uns in\nGarbsen&nbsp; werden Gerichte aus fremden\nHeimaten serviert. Und in der Schweiz geh\u00f6ren 450 Gruppen zum Tavolata-Netzwerk\nder Migros- Stiftung. \u201eIch wei\u00df nicht, was sch\u00f6ner ist\u201c, sagt Erna Pl\u00fcss vom\nNetzwerk, \u201egemeinsam zu planen, zu kochen, einzukaufen und G\u00e4ste zu bewirten\noder sich als Gast an einen einladenden Tisch zu setzen und das Essen zu genie\u00dfen.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nAustausch, der die Einsamkeit durchbricht, h\u00e4lt gesund; das hat k\u00fcrzlich das\nEinsamkeitsministerium in Gro\u00dfbritannien nachgewiesen. 20 Prozent Gesundheitskosten\nk\u00f6nnen eingespart werden, wenn Menschen mit Menschen zusammen kommen. Gut, wenn\ndie Kirchengemeinde R\u00e4ume zur Verf\u00fcgung stellen kann. <strong>Denn bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ist der Anteil der Frauen, die den\nF\u00fchrerschein besitzen, noch immer nicht so hoch wie in j\u00fcngeren Altersgruppen.\nSie sind schnell in ihrem Bewegungsradius eingeschr\u00e4nkt, wenn der Auto fahrende\nPartner pflegebed\u00fcrftig wird oder stirbt<\/strong>. Wenn wir \u00e4lter werden und der\nK\u00f6rper gebrechlicher, gewinnt auch der Raum an Bedeutung, der Nahbereich wird\nwichtiger. Inzwischen haben viele Kirchengemeinden erkannt, welchen Schatz ihre\nR\u00e4ume darstellen: An vielen Orten gibt es&nbsp;\nErz\u00e4hlcaf\u00e9s und Biografiewerkst\u00e4tten. In Hamburg-Eilbeck gibt es eine\nS\u00fctterlinstube, wo \u00c4ltere f\u00fcr \u00dcbersetzungsdienste zur Verf\u00fcgung stehen, anderswo\nentstehen Schm\u00f6kerstuben bei Caf\u00e9 und Musik in der Gemeindeb\u00fccherei. Und in\nG\u00fcltlingen macht man mobil: Stadtspazierg\u00e4nge mit Rollstuhl und Rollator beim\nW\u00e4gelestreff. In Kornwestheim ist sogar ein Begegnungscaf\u00e9 auf dem Friedhof\nentstanden- der Gemeindebus f\u00e4hrt zweimal die Woche hin. &nbsp;<strong>Gemeinschaft,\nAustausch, Mobilit\u00e4t \u2013 das sind die wichtigsten Themen. Und dazu haben Gemeinden\nein besonders Plus: Besuchsdienste. <\/strong>St\u00e4dte haben inzwischen Besuchsdienste\nf\u00fcr dissozial Lebende, Pflegeeinrichtungen machen pr\u00e4ventive&nbsp; Hausbesuche. Hier k\u00f6nnte sich die Kirche mit\nihren gro\u00dfen Traditionen einbringen ins Netzwerk:&nbsp; <strong>Kirche\nkann die Geselligen und die Zur\u00fcckgezogenen zusammen bringen. Und sie wei\u00df, wie\nman Sterbende und Trauernde begleitet. <\/strong>Denn mit den Silver-Agern kommt nun\nauch die Hospizbewegung wieder ins Quartier \u2013 und oft genug sind Nachbarn und\nAngeh\u00f6rige \u00fcberfordert. Da gilt es, die seelsorgliche Kompetenz wieder\neinzubringen &#8211; nicht nur in spezialisierte ambulante Palliativversorgung &#8211; und\nsich zu vernetzen mit Pflegeeinrichtungen und Hospizen. Den eigenen Platz zu\nfinden im Miteinander der Organisationen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Manchmal muss man dazu Neues wagen. In der\nevangelischen Kirchengemeinde Lindlar im Rheinisch-Bergischen Kreis entschied\nsich der Kirchenvorstand f\u00fcr einen radikalen Neuanfang. Viele\nGemeindemitglieder waren \u00e4lter geworden, sie brauchten Hilfe, um das Haus zu\nverlassen.<\/strong> Es fehlten alternsgerechte Wohnungen,\nHaushaltshilfen, aber auch ein Ort der Begegnung zwischen den Generationen. Die\nKirche mit dem Gemeindehaus lag geradezu unerreichbar auf einem H\u00fcgel. So\nentschied sich der Kirchenvorstand, das Pfarrhaus abzurei\u00dfen und einen Teil des\nLandes zu verkaufen. In Zusammenarbeit mit einer kirchlichen Wohnungsbaugenossenschaft\nwurden barrierefreie Wohnungen errichtet. Und von dem erzielten Gewinn wurde\ndas Jubilate-Zentrum gebaut \u2013 ein Treffpunkt der Generationen. In das\nWohnprojekt zog ein Pflegedienst ein und, das war der Clou des Ganzen, mit\nHilfe des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) wurde ein Aufzug hinunter in\ndie Innenstadt gebaut, damit auch \u00c4ltere wieder die Chance hatten, gut zum\nEinkaufen zu kommen. <strong>Das Konzept hat\nnicht nur die Gemeinde neu belebt, es hat auch ihren Einfluss in der Kommune\ngest\u00e4rkt, den sie nun f\u00fcr die Entwicklung zur alternsgerechten Stadt nutzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWenn wir nicht allein bleiben und nicht nur\nprivatisieren wollen\u201c, schreibt Lisa Frohn, in ihrem Twitter-Buch \u201eRan ans\nAlter\u201c, dann brauchen wir R\u00e4ume, wo wir hingehen k\u00f6nnen. <\/strong>Um andere zu\ntreffen. Um uns auszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als\ngesellschaftliche Wesen zu erleben.\u201c<strong>\nWenn Kirche zivilgesellschaftliche Bewegungen unterst\u00fctzen will, dann ist es\nentscheidend, offen zu bleiben und auch die eigenen R\u00e4ume zu \u00f6ffnen. F\u00fcr\nEngagierte wie f\u00fcr Suchende. <\/strong>In Gelsenkirchen-Hasselt hat die\nKirchengemeinde einen B\u00fcrgerverein gegr\u00fcndet und das Gemeindehaus zum\nB\u00fcrgerzentrum ausgebaut. Das Bonni, wie die Konfirmanden das\nDietrich-Bonhoeffer-Haus nannten. Die Geb\u00e4ude und Liegenschaften, die oft nur\nnoch als \u00fcberdimensioniert wahrgenommen werden, sind tats\u00e4chlich ein Schatz f\u00fcr\ndie Neugestaltung der Quartiere.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele, die sich heute in Sorgenden Gemeinschaften\nengagieren, sind keine Kirchenmitglieder.<\/strong> Das\nunterscheidet unsere Gesellschaft von der des 19. Jahrhunderts, als Fliedner\ndie ersten Gemeindeschwestern losschickte. <strong>Aber\nehrliche Begegnungen mit anderen Menschen und ein offenere Blick f\u00fcr N\u00f6te\n\u00f6ffnen auch heute f\u00fcr spirituelle Erfahrungen<\/strong>. Engagement \u00f6ffnet T\u00fcren &#8211;\nzum N\u00e4chsten, zu den eigenen Verletzungen und Tr\u00e4umen, zur Frage nach dem Sinn.\n<strong>Der Dritte Sozialraum braucht\nBegegnungsorte. Am besten solche, die keiner Gruppe eindeutig zuzuschreiben sind,\nwo sich die Verschiedenen ohne Hierarchisierung begegnen und ihre Anliegen\naushandeln k\u00f6nnen<\/strong>. Die Sozialwissenschaft redet von \u201eDritten Orten\u201c \u2013\nsie sind leicht zug\u00e4nglich und offen; die Teilnahme kostet nichts. Mit ihren\nPfarrg\u00e4rten und den aufgegebenen Pfarrh\u00e4usern, mit Kirchen und Nachbarschaftsl\u00e4den\nk\u00f6nnen Gemeinde solche Orte bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinden\nschauen wieder auf den Raum \u2013 auf die H\u00e4user und Nachbarschaften, die\nBauvorhaben und die Kommunen. <strong>Wenn die B\u00fcrgerinnen\nund B\u00fcrger bei der Planung Ausgangspunkt sind, dann werden Gemeinden sich nicht\nnur an Finanzstrategien orientieren, sondern an Aufgaben. Und ich kenne viele,\ndie mit ihren frischen Ideen auch Drittmittelfonds entdeckt haben<\/strong>. \u201eWir\nhandeln bedarfsorientiert\u201c, sagt Peggy Mihan; sie hat sich in Cottbus f\u00fcr die\nHaltestelle der Herrnhuter Br\u00fcdergemeinde engagiert. <strong>Ihr geht es darum, den Blick von unten einzu\u00fcben, an der Seite der\nNachbarn mit ihren Verletzungen und Lebensbr\u00fcchen.<\/strong> Erst einmal nur da sein\nund versuchen, heraus zu finden, was n\u00f6tig sein k\u00f6nnte. <strong>In unserer fragmentierten Gesellschaft verlangt das vor allem die Bereitschaft,\nsich f\u00fcr Menschen aus ganz anderen Lebenswelten zu \u00f6ffnen. <\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und \u201eje nach Situation, nach Ressourcen und\nBegabungen, nach Kr\u00e4ften und gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen Kirche und\nDiakonie verschiedene Rollen einnehmen. Um es mit dem Bild einer Filmproduktion\nzu sagen: Sie k\u00f6nnen Produzent, Regisseur, Haupt \u2013 oder Nebendarsteller,\nmanchmal vielleicht auch nur Komparse sein. Wichtig ist, dass sie in ihrer\nMotivation und ihrem Profil erkennbar bleiben.\u201c<\/strong>&nbsp; Entscheidend ist, dass Menschen in unserer N\u00e4he\nzu sich selbst kommen und einen Ort finden, an dem sie zu Hause sind. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>So wie in Filsum in Ostfriesland. Da betreibt die\nGemeinde seit kurzem eine Fahrradpumpstation mit einem\nFahrradflickzeugautomaten. Hintergrund ist die Tatsache, dass es in Filsum\n\u00fcberhaupt keine Orte der Begegnung mehr&nbsp;\ngibt<\/strong>. Aber Filsum liegt an der Fehnroute, eine gro\u00dfe Zahl\nvon Fahrradtouristen f\u00e4hrt durch den Ort. Die Pumpstation, verbunden mit einer\nKl\u00f6nsnackbank, ist ein erster Anlaufpunkt f\u00fcr Einheimische und Touristen, um\nins Gespr\u00e4ch zu kommen. Ein kleines Biotop mitten auf dem Land &#8211; aber es <strong>geht nicht um den eigenen, den kirchlichen\nZiergarten, sondern um das gemeinsame WIR, wie Stephan Haas sagt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWenn Kirchengemeinden das WIR auch wirklich als WIR\nsehen \u2013 wenn sie ihr Dorf oder ihren Stadtteil meinen &#8211; dann&nbsp; ist ein erster Schritt getan\u201c&nbsp; <\/strong>sagt Peter Mei\u00dfner von der\nInitiative Gemeinwesendiakonie<strong>. \u201eWenn\nGemeinden andere Akteure einladen und mit ihnen in den Austausch gehen, wenn\nsie fragen, was braucht dieser Ort und wie sind unsere Wahrnehmungen, dann\nkommt etwas in Bewegung.<\/strong><strong>Wenn Kirchengemeinden sich auf die Haltung \u201eNicht f\u00fcr\nsondern mit den Menschen\u201c einlassen, dann zeigen sie, dass sie wirklich an den\nLebenslagen vor Ort interessiert sind\u201c.&nbsp; <\/strong>Und dass sie\nsich als Teil der Gemeinschaft am Ort begreifen. 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