{"id":4717,"date":"2019-11-06T12:01:01","date_gmt":"2019-11-06T11:01:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4717"},"modified":"2022-04-05T12:04:36","modified_gmt":"2022-04-05T10:04:36","slug":"ehrenamt-im-wandel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4717","title":{"rendered":"\u201eEhrenamt im Wandel\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>&nbsp;\u201eWann kann ich schon im Job sagen, was ich f\u00fcr richtig halte, ohne dabei ein Blatt vor dem Mund zu nehmen? Ist es nicht so, dass man sich als Angestellter oft nicht traut, die eigene Wahrheit zu \u00e4u\u00dfern? Schlie\u00dflich steht der Job auf dem Spiel. Dann lieber kuschen und nichts sagen. Brauchst Du alles nicht, wenn du ehrenamtlich arbeitest. Da kannst du Klartext reden, wenn sich etwas unstimmig anf\u00fchlt.<\/strong><a><strong> <\/strong><\/a>Das muss man allerdings auch erst einmal lernen. Selbst wenn nichts auf dem Spiel steht, ist es nicht so einfach, f\u00fcr sich selbst einzustehen. Erst mal wirken noch die Gewohnheiten von fr\u00fcher: Der Chef wird es schon wissen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Das schreibt B\u00e4rbel\nMohr in ihrem Buch \u201eArbeitslos und trotzdem gl\u00fccklich\u201c, das ich im Kontext\neiner Tagung zur Langzeitarbeitslosigkeit gelesen habe. <strong>Ehrenamtliche T\u00e4tigkeiten h\u00e4tten ihrem Selbstbewusstsein einen\nordentlichen Schub verliehen. Es war allerdings ein Weg mit Hindernissen. <\/strong>Sie\nerz\u00e4hlt von einem Einsatz als Lese-Oma in einer Tageseinrichtung, von einer\nVorleseausbildung \u00fcber die Freiwilligenagentur der AWO und auch vom Einlesen\nvon B\u00fcchern und Zeitschriften f\u00fcr Blinde und sehbehinderte Menschen.&nbsp; \u201eIrgendwann stellte man mir dann auch Mikro\nund Aufnahmeger\u00e4t zur Verf\u00fcgung, um zu Hause weiterzuarbeiten. Wenn ich nachts\nnicht schlafen konnte, setzte ich mich an meinen Computer und sprach mit gro\u00dfem\nSpa\u00df H\u00f6rb\u00fccher auf. Hier kam es zu einer herausfordernden Situation, in der ich\n\u00fcben durfte, zu mir zu stehen\u201c. Es ging um eine Kirchenzeitung f\u00fcr Blinde.<strong> Das Problem: Obwohl die Bl\u00e4tter nur\nmonatlich oder zweiw\u00f6chentlich erschienen, erhielt ich die Texte erst am Abend\nvorher. Das bedeutete unweigerliche Nachtschicht\u2026 <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso sprach ich\nmit dem Pfarrer, von dem ich die Texte erhielt. Ich bat ihn, sie ein bis zwei\nTage fr\u00fcher zu besorgen, so dass ich das Aufsprechen tags\u00fcber erledigen\nkonnte.&nbsp; Aber warum auch immer \u2013 ich\nbekam die Texte weiterhin genauso so sp\u00e4t. Als ich dem Pfarrer mitteilte, dass\nich das nun nicht mehr mitmachen w\u00fcrde, sagte er: Das k\u00f6nnen Sie doch gar nicht\nmit ihrem Gewissen vereinbaren, dass Sie die Blinden so im Stich lassen\u201c,\nschreibt Mohr. Und sie f\u00e4hrt fort: \u201eDeshalb habe ich dem Herrn Pfarrer\nfreundlich, aber klar Lebewohl gesagt. <strong>Du\nmusst nichts als ehrenamtliche Kraft. Das ist eines der gro\u00dfen Geschenke: Du\nkannst dich selbst erproben. Du kannst dich selbst neu kennenlernen. Du kannst\ndeine Berufung finden.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<strong>\u201eBerufung\u201c \u2013 ein alter kirchlicher Begriff ist pl\u00f6tzlich wieder aufgeploppt. Es geht darum, etwas zu finden, was Einsatz und Hingabe lohnt<\/strong>. Manche lassen sich auf einer Reise inspirieren und bewegen, andere durchleben eine Krankheit, landen in einer beruflichen Sackgasse und entdecken dann einen alten Traum, einen neuen Lebenssinn. Die Arbeit, sagen sie, sollte auch die eigene Seele f\u00fcttern. Wo der Brotberuf das nicht bringt, kann es auch ein Nebenjob sein. Oder eben ein Ehrenamt. Viele Menschen sehnen sich danach, etwas Sinnvolles zu tun, gebraucht zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201eDu musst nichts.\nDu kannst Dich selbst neu kennenlernen\u201c.<\/em><\/strong><strong> <\/strong>Freiwilliges Engagement ist Ausdruck\nder eigenen, aktiven Gestaltung des Lebens.Es lebt aus intrinsischer Motivation \u2013 \u00e4u\u00dferer Druck und monet\u00e4re Anreize\npassen nicht dazu. &nbsp;<strong>Ehrenamtliche entscheiden sich f\u00fcr die Arbeit und die Beziehung \u2013 und\nnicht f\u00fcr den Lohn (Bieg\/Wehner).&nbsp; <\/strong>Sie\nfolgen der \u00d6konomie der Aufmerksamkeit, nicht der des Geldes: \u201eW\u00fcrde<em> ich daf\u00fcr bezahlt, w\u00fcrde ich es nicht\nmachen\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei aller Selbstbestimmung ist ehrenamtliches Engagement\nmeist in Strukturen verankert und darin verbindlich und verantwortlich \u2013 <\/strong>sei es formal im\nSinne eines Wahlamtes, sei es in der festen \u00dcbernahme einer Aufgabe in einer\nOrganisation oder in pers\u00f6nlichen Absprachen in Gruppen und Netzwerken. &nbsp;<strong>Aber immerhin\n10 Prozent der beim FWS Befragten organisieren ihr Ehrenamt inzwischen unabh\u00e4ngig\nvon Tr\u00e4gern. <\/strong>Und auch die \u00dcberg\u00e4nge zwischen Familien- und Nachbarschaftshilfe,\nSelbstorganisation und Ehrenamt werden flie\u00dfender.<strong> Laut einer Allensbach \u2013 Untersuchung zum Engagement in der\nFl\u00fcchtlingshilfe vom April 2017 arbeiteten 40 Prozent der Engagierten in\nGruppen, die sich ausschlie\u00dflich zu diesem Zweck gegr\u00fcndet haben- ohne\nRechtsform, mit flachen Hierarchien und einem hohen Ma\u00df an\nBeteiligungsm\u00f6glichkeiten, <\/strong>23 Prozent haben sich auf eigene Faust und\nau\u00dferhalb aller Institutionen engagiert. Es dominierten junge Leute zwischen 20\nund 30 &#8211; und sie organisierten sich nicht zuletzt \u00fcber die neuen Medien. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die digitale Nachbarschaftsplattform Nebenan.de \u2013 meist\nvon \u00c4lteren genutzt &#8211; hatte letztes Jahr bereits 850.000 Nutzer \u2013 monatlich\nkommen 40.000- 50.000 dazu. Und ganz real engagieren sich immerhin 25 Prozent\nder Bev\u00f6lkerung in der nachbarschaftlichen Hilfe. Es sind, bis auf die\nUnterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als\n\u00c4ltere. (FWS 2014) <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ehrenamt,\nFreiwilliges oder b\u00fcrgerschaftliches Engagement: Alle Versuche, zu einem\ngemeinsamen Begriff zu kommen, scheitern an der bunten Realit\u00e4t. <strong>Die Unterschiedlichkeit der Begriffe verweist\nauf eine unterschiedliche Fokussierung. So wird im Kontext der freien Wohlfahrtspflege,\ndie inzwischen in hohem Ma\u00dfe durch berufliche Mitarbeit bestimmt ist, lieber\nvon Freiwilligem Engagement gesprochen, <\/strong>um die Aspekte von\nSelbstbestimmung, Freiwilligkeit und Gemeinwohlorientierung in den Vordergrund\nzu r\u00fccken.<strong> Im politischen Kontext <\/strong>wird\nim Zusammenhang mit einem neuen Verst\u00e4ndnis eines aktiven Sozialstaats lieber\nvon zivilgesellschaftlichem oder b\u00fcrgerschaftlichem Engagement gesprochen<strong>. Und in den Kirchen dominiert der Begriff\nEhrenamt<\/strong>. Damit werden, neben den anderen Aspekten, die Verbindlichkeit,\nVerantwortlichkeit und Zusammenarbeit besonders betont.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ehren- \u201eAmt\u201c verweist immer auf eine \u00f6ffentliche\nOrganisation \u2013 Staat, Verein oder Kirche. Aber Ehrenamtliche \u201egeh\u00f6ren\u201c heute keiner\nOrganisation. <\/strong>Im Gegenteil: Sie sind es, die mit ihren Ideen nach den\npassenden Einsatzfeldern suchen und Innovationen vorantreiben.<strong>&nbsp;\nInzwischen sind vierzig Prozent der Engagierten in der evangelischen\nKirche auch an anderer Stelle aktiv<\/strong>. Engagementagenturen,\nFreiwilligenb\u00fcros, Ehrenamtsmessen zeigen: Ehrenamt ist\ninstitutions\u00fcbergreifend.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00e4rbel Mohr, von der wir am Anfang geh\u00f6rt haben, ist in mancher Hinsicht typisch- und zugleich auf erfrischende Art untypisch: <strong>Das soziale Engagement ist noch immer Frauensache<\/strong>. In den Kirchen sind nach wie vor 70 Prozent der ehrenamtlichen Frauen. Bei einer Caritasuntersuchung 2007 waren 56 Prozent davon 60 Jahre oder \u00e4lter. Entsprechend gering war mit 31 Prozent der Anteil der Berufst\u00e4tigen. <strong>Und Frauen finden die Mitbestimmungsm\u00f6glichkeiten in der Kirche nicht wirklich zufriedenstellend. <\/strong>Auf die Frage, ob sie ausreichende Mitgestaltungsm\u00f6glichkeiten h\u00e4tten, antworten 74% aller Befragten mit Ja &#8211; aber nur 61% der katholischen und 65% der evangelischen Frauen.&nbsp; Die Freiwilligen sch\u00e4tzen die Hilfe und Ansprechbarkeit der beruflich T\u00e4tigen<strong>. Aber nur 30 Prozent der Freiwilligen haben das Gef\u00fchl, dass sie f\u00fcr die Hauptamtlichen auch gleichberechtigte Partner sind.<\/strong> Nach ihrem Eindruck werden sie vor allem als Helfer(innen) gesehen, die die Hauptamtlichen entlasten, beziehungsweise deren T\u00e4tigkeit erg\u00e4nzen. <strong>Diese Einsch\u00e4tzungen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen einer erg\u00e4nzenden Befragung von Hauptamtlichen: Nur jeder Zweite sah die Ehrenamtlichen als gleichberechtigte Partner<\/strong>. Ein Befund des SI-Gemeindebarometers von 2014 zeigt: da ist noch ein St\u00fcck Weg zu gehen: <strong>Tats\u00e4chlich haben Ehrenamtliche in Leitungsfunktionen das Gef\u00fchl, gesch\u00e4tzt zu werden und ihre F\u00e4higkeiten einbringen zu k\u00f6nnen. Leider gilt das nur f\u00fcr eine Minderheit der ehrenamtlich Engagierten an der Basis. <\/strong>Die meisten sind sich der Anerkennung in der Gemeinde nicht sicher.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inzwischen sind oder waren die meisten Frauen\njedenfalls in Teilzeit berufst\u00e4tig. Sie bringen ihre Kompetenzen aus der\nArbeitswelt selbstbewusst ein<\/strong>. Und nat\u00fcrlich erwarten sie\nWertsch\u00e4tzung, Zertifikate und Auslagenersatz, klare Vereinbarungen und\ngekl\u00e4rte Kompetenzen, Fortbildungsangebote und Mitsprachem\u00f6glichkeiten. &nbsp;Frauen f\u00fcr leitende Ehren\u00e4mter\nzu finden, bleibt trotz aller Bem\u00fchungen schwer, <strong>weil die Vereinbarkeit von\nFamilie, Beruf und Ehrenamt noch immer schwierig ist<\/strong>.\nVereinbarkeitsprobleme gibt es nicht nur bei den j\u00fcngeren Frauen, sondern&nbsp; auch bei den 40- bis 65-j\u00e4hrigen (Betreuung\nder Enkel\/ h\u00e4usliche Pflege). <strong>Bei den 55-65-j\u00e4hrigen hat sich die famili\u00e4re\nBelastung seit 1996 vervierfacht. Das sind die Frauen, die bisher den Kern des\nsozialen Ehrenamts bildeten. Und die zudem nach Jahrzehnten von Sorget\u00e4tigkeit\noft geringe Renten haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die wachsende\nErwerbst\u00e4tigkeit von Frauen,<\/strong> aber auch neue Familienmodelle\nmachen es n\u00f6tig, <strong>\u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt und eine gerechtere\nVerteilung nachzudenken.<\/strong> <strong>Das bundesdeutsche Sozialsystem st\u00fctzt das\nsoziale Ehrenamt mit Ehegattensplitting, Mitversicherung und Witwenrenten<\/strong>.\nAber gerade engagierte Frauen haben immer h\u00e4ufiger das Gef\u00fchl, um eine gerechte\nAlterssicherung betrogen zu werden. <strong>Das soziale Engagement braucht eine\n\u00f6konomische Absicherung \u2013 zum Beispiel bei der Ber\u00fccksichtigung von\nVersicherungszeiten in Rente und Sozialversicherung. <\/strong>Frauenverb\u00e4nde\npl\u00e4dieren auch f\u00fcr eine Lebensleistungsrente, Parteien f\u00fcr eine Grundrente.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ehrenamt in Deutschland ist an einen hohen Sozial- und\nBildungsstatus gekoppelt.&nbsp; Arbeitslose,\nprek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, Jugendliche in Arbeitsmarktpolitischen Ma\u00dfnahmen,\nHartz-IV-Empf\u00e4nger haben kaum Ressourcen f\u00fcr freiwilliges Engagement<\/strong>. B\u00e4rbel Mohr ist\neher die Ausnahme. Meist fehlt es nicht nur an Geld oder Bildung, sondern mehr\nnoch an sozialen Netzen. Sozialkapital, sagt man, verteilt sich nach dem\nM\u00e4tth\u00e4usprinzip: Wer hat, dem wird gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freiwilliges Engagement ist frei vereinbarte T\u00e4tigkeit\n&#8230;, beinhaltet ein hohes Ma\u00df an Selbstbestimmung &#8230;, ist nicht an Tarife und\nAusbildungsg\u00e4nge gebunden &#8230;, kurz oder mittelfristig ver\u00e4nderbar &#8230;, und\nohne Bezahlung<\/strong>.\u201c, hei\u00dft es in einer Definition. &nbsp;Gleichwohl sind die \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend. Das\ngilt unten wie oben: &nbsp;Die steuerfreie\n\u00dcbungspauschale von 2400 Euro j\u00e4hrlich, ($ 3 Nr. 26a EstG), die Ehrenamtspauschale\nvon 720 Euro j\u00e4hrlich oder auch Aufwandsentsch\u00e4digung f\u00fcr die Mitgliedschaft in\neinem Aufsichtsrat oder die Personal &#8211; und Bauaufsicht in einem\nKirchenvorstand. Im Einzelfall kann&nbsp; es\num Summen gehen &nbsp;die andere f\u00fcr eine\ngeringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa die H\u00e4lfte der Engagierten in Deutschland &nbsp;ist im Umfeld der gro\u00dfen Kirchen aktiv. In Kirchengemeinden und Diakonischen Einrichtungen, in Jugendverb\u00e4nden und Frauengruppen. Im Hospiz und in der Tafel, in Kindergartenr\u00e4ten oder bei Freizeiteins\u00e4tzen. <strong>Der letzte Freiwilligensurvey zeigt, dass die Zahl der ehrenamtlich Engagierten zwischen 1999 und 2014 nicht nur in der gesamten Gesellschaft, sondern auch in den Kirchen gestiegen ist, obwohl die Mitgliederzahlen zur\u00fcckgehen. 48,7% aller Evangelischen engagieren sich freiwillig- gegen\u00fcber 43,6 % in der gesamten Gesellschaft- und sogar 66,7% von denen, die sich stark mit der Kirche verbunden f\u00fchlen.<a> <\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem galten die Kirchen lange Zeit als verstaubte\nInstitutionen mit einem veralteten Ehrenamtsbegriff \u2013 die Engagementszene\nsetzte stattdessen auf neue Initiativen, attraktive Projekte und das\nselbstbestimmte, neue Ehrenamt. <strong>Mit der\nFl\u00fcchtlingskrise hat sich etwas gedreht<\/strong>: Da wurde sichtbar: <strong>Engagement braucht Andockpunkte, anregende\nund begleitende Strukturen, fachliche Impulse und Unterst\u00fctzung sowie einen\nf\u00f6rdernden Rahmen. Und die Kirchen sind stark und attraktiv, wo staatliche\nStrukturen noch fehlen, wenn es darum geht, mit neuen Herausforderungen\numzugehen, wenn Problemlagen zun\u00e4chst diffus erscheinen und alles darauf\nankommt, flexibel neue Konzepte zu entwickeln <\/strong>\u2013 ausgehend von der\nunmittelbaren Wahrnehmung und nicht von festgelegten Strategien und\nrefinanzierbaren Modulen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Ehrenamtsworkshop, in dem ich k\u00fcrzlich mit\nEngagierten und Interessierten aus ganz unterschiedlichen Engagementbereichen\ngearbeitet habe, lief die Frage nach der Bedeutung Hauptamtlicher nahezu ins\nLeere<strong>.&nbsp;\nVerglichen mit anderen Engagementbereichen wie Sport, Feuerwehr oder\nanderen Vereinen, aber auch mit Parteien und Kulturinitiativen haben\nEhrenamtliche in der Kirche noch immer besonders viele hauptamtliche\nAnsprechpartner<\/strong>. Gute Steuereinnahmen, ein stark ausgepr\u00e4gter Sozialstaat,\ndie Refinanzierung von Jugendmitarbeiter- und Sozialarbeiterstellen lie\u00dfen die\nZahl der Hauptamtlichen seit Mitte der 60er Jahre stetig wachsen. Seit Mitte\nder 90er-Jahre kam es zu Stellenstreichungen. Unstrittig ist aber nach wie vor\ndie Rolle der Pfarrer und Pfarrerinnen als herausgehobene hauptamtliche\nKontaktperson. Pfarrerinnen und Pfarrer haben eine Schl\u00fcsselrolle bei der\nGewinnung von Ehrenamtlichen. In der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung\nhatten insgesamt 40 Prozent der Evangelischen im letzten Jahr einen direkten\nKontakt, unter den Engagierten 90 Prozent. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hauptamtliche\nverstehen sich zunehmend als Initiator, Assistenz und Gew\u00e4hrleister\nehrenamtlicher Arbeit. Soll nun die Personalentwicklung f\u00fcr Ehrenamtliche nach\ndem gleichen Muster wie die f\u00fcr berufliche Mitarbeitende verlaufen \u2013 vom\nKontrakt \u00fcber die Zielvereinbarung bis zum Jahresgespr\u00e4ch? F\u00fchrt eine zu starke\nR\u00fcckbindung des Ehrenamts an das Hauptamt nicht erst recht zu der Gefahr,\nfreiwillige Dienste als blo\u00dfe Hilfsdienste zu verstehen? Oder Menschen, die\nsich ehrenamtlich in der Kirche engagieren, zu verkirchlichen und zu\nvereinnahmen?<\/strong> Wenn die Zahl der\nHauptamtlichen zur\u00fcckgeht, m\u00fcssen sich die Strukturen ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sogenannte Amtskirche braucht Menschen, die die\nOrganisation von au\u00dfen sehen k\u00f6nnen, Menschen aus unterschiedlichen\nlebensweltlichen Hintergr\u00fcnden, die andere berufliche Erfahrungen und\nKompetenzen einbringen und die mit ihrer Kritik auch einmal \u201eden Betrieb\naufhalten\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Kirche lebt von der Vielfalt der Charismen. Die\nBeteiligung ehrenamtlich Engagierter an Verfahren und Entscheidungen, die\n\u00d6ffnung f\u00fcr alle gesellschaftlichen Schichten und Gruppen ist Voraussetzung f\u00fcr\nWachstum und Relevanz der Kirchen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<strong>Was bedeutet der Wandel f\u00fcr die\nRollenverteilung in den Kirchenvorst\u00e4nden, in denen die Ehrenamtlichen doch die\nMehrheit sind? Die Kirchen sind nicht per se davor gefeit, das Ehrenamt seiner \u201esch\u00f6pferischen\nEnergien zu berauben, es also zu institutionalisieren, zu p\u00e4dagogisieren und zu\nkanalisieren\u201c<\/strong>. (Ralf Hoburg)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kurzer Blick auf die Vielfalt der Haupt- und\nEhrenamtlichen, mit denen wir es in Kirche und Diakonie zu tun haben: &nbsp;Zuerst <strong>die\nEhrenamtlichen an der Basis- <\/strong>im sozialen oder kulturellen Ehrenamt: Frauen-\nund Jugendarbeit, im Chor und Kindergottesdienst oder auch im Besuchsdienst.\nDazu geh\u00f6ren auch die, die sich bei der Tafel oder im Elternrat einbringen, die\nbei der Diakonie Fl\u00fcchtlingsarbeit oder Hospizarbeit leisten. &nbsp;Sie sind oft nicht im Blick, dabei sind sie\ndie Br\u00fccken in die Zivilgesellschaft.&nbsp; Dann\n<strong>die Ehrenamtlichen in der Leitung<\/strong>.\nIm Kirchenvorstand, wo sie gemeinsam mit dem Pfarrer\/der Pfarrerin \u00fcber\nGemeindekonzepte, also auch \u00fcber Haupt- und Ehrenamt entscheiden. Und die in den\nAufsichtsr\u00e4ten Diakonischer Einrichtungen, deren Namen oft nicht einmal bekannt\nsind.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann <strong>die\nHauptamtlichen: die Pfarrpersonen, die angesichts des Abbaus anderer hauptamtlicher\nStellen wieder zu Generalisten werden<\/strong> und zunehmend nach Priorit\u00e4ten fragen.\n<strong>Und die verbleibenden Sozialp\u00e4dagoginnen\nund Diakone, die Gemeindesekret\u00e4rinnen, <\/strong>die ein neues Selbstverst\u00e4ndnis\nentwickeln sollen: Sie sollen Ehrenamtlichkeit st\u00e4rken, Dienstleister sein, auf\nAugenh\u00f6he kooperieren. Das Problem ist nur: sie haben selbst erhebliche\nExistenz\u00e4ngste. Und sie fragen: <strong>Haben\nPfarrer und Ehrenamtliche in der Leitung die Sorgen der beruflich Mitarbeitenden\nim Blick? K\u00f6nnten die Ehrenamtlichen in den Kirchenvorst\u00e4nden sich selbst auch\nals F\u00f6rdernde f\u00fcr Ehrenamtsentwicklung verstehen<\/strong> \u2013 z.B. so, dass einer die\nFamilienarbeit im Blick hat und einer die Pflege oder die Jugendarbeit, je nach\nInteresse und Herkommen? <strong>Brauchen wir\nnicht ein ganz neues Verst\u00e4ndnis von Kirchenvorstandsarbeit?&nbsp; Und \u2013 um es richtig kompliziert zu machen: Sind\nPfarrer und Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Engagierte in der Kirche\neigentlich das gleiche? &nbsp;Oder gibt es da\neben Amtstr\u00e4ger und andere? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer in Umbruchprozessen nimmt der Kampf um\nEinfluss, Mittel und Selbstverst\u00e4ndnisse wieder zu. &nbsp;<strong>Die\nBalance zwischen Haupt- und Ehrenamt ver\u00e4ndert sich \u2013 typisch f\u00fcr eine\n\u00dcbergangssituation. In den Gemeinden sind schmerzhafte Ver\u00e4nderungsprozesse im\nGang. <\/strong>K\u00fcster, Sekret\u00e4rinnen, Reinigungskr\u00e4fte werden entlassen, die\nAufgaben von Honorarkr\u00e4ften oder Ehrenamtlichen \u00fcbernommen. Die Zahlen und\nDaten der Berufsgenossenschaft zeigen einen wachsenden Trend der\nInanspruchnahme bei Unf\u00e4llen von Ehrenamtlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen Sie sich ein Balancebrett oder eine Wippe mit\nunterschiedlichen Personen vor. Sobald sich einer bewegt, ver\u00e4ndert sich die\nStatik des Bretts \u2013 wie bei einer Wippe auf dem Spielplatz oder einem Boot auf\nden Wellen. <strong>Lehnt sich einer rechts\nraus, muss der andere auf die andere Seite wechseln, wenn er nicht\nherunterfallen wil<\/strong>l. Ein sch\u00f6nes Spiel, solange die Wellen nicht zu hoch\nwerden. Wenn nun aber jemand einen Schatz auf das Boot wirft, um den alle zu\nrangeln beginnen. Powerplay -das gibt es auch in der Kirche, gerade jetzt, wo\ndie Ressourcen knapper werden. Zwischen Pfarrerin und Kirchenvorstand: Wer\nentscheidet, was noch m\u00f6glich ist? &nbsp;Zwischen Ehrenamtlichen im Kirchenvorstand und\ndenen in der Gruppe 50plus: Wieso bekommen die einen neue M\u00f6glichkeiten mit\neigenem Etat, w\u00e4hrend die anderen sich seit Jahren pflichtbewusst abrackern?\nZwischen Pfarrern und Ehrenamtlichen: Wieso lassen bringen Ehrenamtliche nicht\neinfach ihre Kompetenzen ein \u2013 in der Verwaltung zum Beispiel-sondern wollen\nstattdessen predigen<strong><em>`<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Interessanterweise\ngab es in der Fl\u00fcchtlingsarbeit kaum Spannungen zwischen Haupt- und\nEhrenamtlichen. Im Gegenteil.<\/strong> Ehrenamtliche\nhaben deutlich gemacht, wie sehr sie auf hauptamtliche Strukturen angewiesen\nsind. Und Hauptamtliche haben sich f\u00fcr Fortbildung und Supervision von\nEhrenamtlichen eingesetzt. Ob es eine Rolle spielt, dass es in diesem\nArbeitsfeld noch keine festgeschriebenen Rollen und Standards, keine\neingefahrenen Konflikte und auch keine \u00c4ngste vor Stellenstreichungen gab? Hier\nging es um \u00d6ffnung und Wachstum. Und auch um grundlegende \u00dcberzeugungen<strong>. Das geh\u00f6rt zu den Geheimnissen guter\nZusammenarbeit: dass es ein gemeinsames Ziel gibt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Da sein und mit\nsein \u2013 Ehrenamt als Diakonat <\/strong><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Zu den Dramen, die ich in der Diakonie erlebt habe,\ngeh\u00f6rte die Geschichte mit der Hafersuppe:<\/strong> In der Hauptrolle eine etwas \u00e4ltere\nGr\u00fcne Dame in unserem Krankenhaus. Unterst\u00fctzt von einer Stationsleitung. Im\nGegen\u00fcber: die Klinikleitung. Die Dame war es gewohnt, f\u00fcr schwer Kranke und Sterbende\nein S\u00fcppchen zu kochen und es mit Liebe zu reichen. Die Stationsleitung wusste\ndas zu sch\u00e4tzen. Manche anderen Pflegenden setzte das unter Druck. Und die\nKlinikleitung meinte: Wenn das jede Station wollte \u2013 wo k\u00e4men wir da hin?\nSchlie\u00dflich gab die Gr\u00fcne Dame auf und ging. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Ethos der F\u00fcrsorglichkeit droht zu schwinden. Unser\nGesundheitswesen rechnet und plant in DRGs und Modulen \u2013 es z\u00e4hlt nur, was\ngez\u00e4hlt werden kann,<\/strong> sagt Andreas Heller. Demgegen\u00fcber k\u00e4me es auf das an, was\nerz\u00e4hlt werden kann: individuelle Biographien, Lebensbr\u00fcche und Umbr\u00fcche, das\nUnverwechselbare. Je mehr sich die Prozesse der \u00f6konomischen und\norganisatorischen Rationalisierung beschleunigen, desto wichtiger wird eine\ninstitutionelle und gesellschaftliche Gegenbewegung: die \u00d6ffnung f\u00fcr Angeh\u00f6rige\nund Ehrenamtliche. Wer mit der Selbstsorge finanziell oder sozial \u00fcberfordert\nist, wird mehr denn je Menschen an seiner Seite brauchen, die ihm Anwalt und\nSt\u00fctze sind. Heute haben wir es mit einer wachsenden Zahl \u00e4lterer und assistenzbed\u00fcrftiger\nMenschen zu tun. Die Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von\nzunehmender Exklusion betroffen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Pflege wird deutlich: die Zusammenarbeit\nzwischen den immer noch zu schlecht bezahlten Professionellen und den\nEhrenamtlichen ist alles andere als reibungslos<\/strong>. Das liegt\nwesentlich daran, dass gerade die Aufgaben, die nah an die eigene Motivation\nr\u00fchren, nun von Ehrenamtlichen \u00fcbernommen werden: Kleine Alltagsdienste,\nGespr\u00e4che, Ausfl\u00fcge, Sterbebegleitung. <strong>Nicht\nnur in der Kirche, auch in der Wohlfahrtspflege m\u00fcssen die Rollen neu gekl\u00e4rt,\nmuss Zusammenarbeit neu beschrieben werden. Einrichtungen und Dienste sind in\nihren Abl\u00e4ufen mehr und mehr auf Funktionalit\u00e4t, nicht aber auf individuelle\nBed\u00fcrfnisse, Begegnung und Zuwendung eingerichtet<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer benachteiligte Zielgruppen unterst\u00fctzen will \u2013\nDemenzkranke, Menschen mit Behinderung, Pflegebed\u00fcrftige oder Familien in Armut\n\u2013 kann sich nicht allein auf professionelle Dienste verlassen<\/strong>. Ohne\nzivilgesellschaftliches Engagement, ohne Nachbarn und Ehrenamtliche geht es\nnicht. Sabine Pleschberger von der Universit\u00e4t Graz untersucht zurzeit\ninformelle au\u00dferfamili\u00e4re Hilfen in der Pflege. Auch dort zeigt sich: <strong>Der soziale Nahraum mit seinen sorgenden\nGemeinschaften, die sich durch individuelle Hilfen, durch&nbsp; N\u00e4he, Freiwilligkeit, Wechselseitigkeit\nauszeichnen, braucht die Erg\u00e4nzung durch bedarfsorientierte, qualifizierte und\norganisierte Hilfesystem<\/strong>e. \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c muss eingebettet sein\nin Sorgestrukturen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der\nVer\u00e4nderung von Familien und der zunehmenden Individualisierung geht es darum,\nganzheitlich, vernetzt und feldorientiert zu arbeiten.&nbsp; <strong>Dabei\nspielen die sogenannten \u201ejungen Alten\u201c eine besondere Rolle. Sie sind h\u00e4ufig\nlange am Ort, sozial und oft auch politisch engagiert und bringen breite\nLebenserfahrungen und soziale Netze ein<\/strong>. Sie fahren die B\u00fcrgerbusse,\narbeiten in den Dorfl\u00e4den mit und sind die Initiatoren der Sorgenden\nGemeinschaften. Bei \u201eRent a Grant\u201c arbeiten sie als Leihomas, in\nMehrgenerationenh\u00e4usern geben sie den Kindern ein St\u00fcck Kontinuit\u00e4t in\nwechselnden Alltagsmustern. Die Generation der 55- 69-j\u00e4hrigen engagiert sich\nim sozialen Ehrenamt und im lokalen B\u00fcrgerengagement. Und sie stellen den\ngr\u00f6\u00dften Teil der Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden. Sie sind es, die in\nvielen F\u00e4llen die kleinen Netze der Gemeinde aufrechterhalten und f\u00fcr die\nreligi\u00f6se Erziehung ihrer Enkel gerade stehen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freilich, nicht alle, die sich heute in Sorgenden\nGemeinschaften engagieren, sind Kirchenmitglieder. H\u00e4ufig hatten sie sich schon\nlange der Kirche entfremdet oder geh\u00f6rten ohnehin nie dazu. <\/strong>Aber Engagement\n\u00f6ffnet f\u00fcr spirituelle Erfahrungen. <strong>Immerhin\nzweiundzwanzig Prozent der ehrenamtlich Engagierten geben an, dass sie mit\nanderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen &#8211; bei den Nichtengagierten sind es\nweniger als 10 Prozent<\/strong>. Heinzpeter Hempelmann hat die letzte\nKirchenmitgliedschaftsuntersuchung und die Sinus -Studie f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg\nverglichen. Seine Bilanz: <strong>Es gibt eine\nhohe Verbundenheit mit der Kirche ohne aktive Praxis.&nbsp; Es gibt aber auch eine hohe Verbundenheit mit\ndem christlichen Glauben und einer entsprechenden ehrenamtlichen Praxis bei\ndeutlicher Distanz zur verfassten Kirche.<\/strong> Das kirchliche Ehrenamt ist nur\nein Ausschnitt des Engagements von Christinnen und Christen. Gerade im Blick\nauf den Diakonat stecken gro\u00dfe Chancen darin, wenn die Kirche als Organisation\nsich f\u00fcr die Engagierten in Vereinen, Schulen, Initiativen und damit auch f\u00fcr\nandere gesellschaftliche Wirklichkeiten \u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Wunsch nach Mitarbeit bedeutet grunds\u00e4tzlich nicht\nunbedingt, dass Menschen sich voll mit den Tr\u00e4gerorganisationen identifizieren\nwollen<\/strong>. Sie m\u00fcssen gewonnen werden- durch Mentoring, Fortbildung und\nSupervision, durch Ehrenamtstage und Auslagenersatz. Im sozialen Ehrenamt hat\nsich eine Grauzone entwickelt \u2013 vom Bundesfreiwilligendienst \u00fcber Honorarkr\u00e4fte\nbis zu geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigen. <strong>W\u00e4hrend\nin der Kirche die Gefahr der Funktionalisierung lauert, droht in der Diakonie\ndie Monetarisierung<\/strong>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Gemarker Pfarrer Paul Humburg sagte im Mai 1934 in\nder Barmer Stadthalle<\/strong>, die bekennende Gemeinde habe die Pflicht, darum zu ringen,\nals Gemeinde das Herz der Welt zu sein. Aber nicht der geographische Raum\nz\u00e4hle, Erweckungslust und Ver\u00e4nderungsbereitschaft m\u00fcssten Raum gewinnen. Denn\ndie Kirche sei nicht dazu da, nur die eigene Gemeinschaft zu pflegen oder ein\nunverbindliches Christentum als Gesellschaftsreligion zu st\u00fctzen.&nbsp; <strong>Ankn\u00fcpfend\nan Barmen sah Gollwitzer sp\u00e4ter die Zukunft der Kirche in einer\nPersonengemeinschaft auf lokaler und regionaler Ebene, in sozialen Netzwerken,\ndie \u00fcber die Parochie hinausgehen, im Bekanntmachen des neuen Lebens- nicht nur\nin Worten, sondern auch in einem neuen Lebensstil<\/strong>. In der Volkskirche als\nhierarchischem Apparat mit ihrem Vorrang des kirchlichen Amtes vor den\nCharismen sah er Elemente der falschen Kirche. Gleichwohl blieb sie f\u00fcr ihn der\nOrt, an dem die wahre Kirche Ereignis werden kann.&nbsp; <strong>Dabei\nweisen Barmen III und IV die Richtung: von der Herrschaft zum Dienst, von der\neinsamen Spitze zur Anerkennung der Vielfalt, von der Verschlossenheit zur\nTeilhabe. <\/strong>Die Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern ist eine offene\nGemeinschaft, orientiert an der gemeinsamen Aufgabe, die \u00fcber die Grenzen von\nGeschlechtern und Altersgruppen, von Herkunft und Milieus hinaus geht und\ngerade auch die Leidenden und Benachteiligen einschlie\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr eine gelingende und produktive Kooperation ist\ndeshalb klare Grenzziehung zwischen beruflicher T\u00e4tigkeit und erg\u00e4nzenden oder\ninnovativen ehrenamtlichen Netzen unverzichtbar<\/strong>. Wo diese Grenze\nzu ziehen ist, was notwendige staatliche Leistungen sind und was freiwillige\nT\u00e4tigkeiten, wurde k\u00fcrzlich am Beispiel der Essener Tafel diskutiert. Dabei\nwurde wieder klar: <strong>Das pers\u00f6nliche\nEngagement darf nicht auf Nutzen und Leistung reduziert werden. Es geh\u00f6rt zur\nfreien Selbstentfaltung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger und kann staatliche\nLeistungen nicht ersetzen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Ehrenamtsworkshop, von dem ich eben erz\u00e4hlt habe, zeichneten alle Beteiligten ihre Engagementbiographie. Es waren bunte Bilder \u2013 B\u00e4ume mit Wurzeln, Zweigen und Bl\u00e4tterdach, Fl\u00fcsse mit Zufl\u00fcssen, Seen und Inseln, dynamische Str\u00f6me. Mal war es der Beruf oder Familie, aus denen sich ehrenamtliches Engagement entwickelte, mal hatten Teilnehmende ihren Beruf auf dem Hintergrund ehrenamtlicher Erfahrungen gefunden.&nbsp; <strong>Dabei konnte es durchaus das gleiche Arbeitsfeld sein, in dem jemand einmal beruflich, einmal ehrenamtlich t\u00e4tig war.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;Solche\n\u201eSeitenwechsel\u201c zwischen beruflicher und ehrenamtlicher T\u00e4tigkeiten werden\nnormaler. <\/strong>Nicht nur die Sozialwirtschaft, auch andere\nDienstleister wie auch gro\u00dfe Industrieunternehmen entdecken die F\u00f6rderung der\nFreiwilligent\u00e4tigkeit. Und viele, die in Kirche und Wohlfahrtspflege beruflich\nt\u00e4tig sind, arbeiten an anderer Stelle ehrenamtlich. <strong>In der Personalentwicklung spielt das kaum eine Rolle \u2013 obwohl es\nandererseits fast selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt wird. Zu selten werden\nRollenwechsel fruchtbar gemacht.<\/strong> Um die traditionelle Hierarchisierung von\n\u00c4mtern, Geschlechtern, von bezahlten und unbezahlten Kr\u00e4ften zu \u00fcberwinden,\nbraucht es bewusste Perspektivwechsel. Und Klarheit \u00fcber den Gewinn und die\nGrenzen beider Positionen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Gewinn im Ehrenamt besteht in Selbstt\u00e4tigkeit und \u201eVertiefung\ndes eigenen Weges\u201c. \u00dcber das Ehrenamt entstehen neue Zugangsqualifikationen,\nwerden neue Netze gekn\u00fcpft.<\/strong> Damit hilft ehrenamtliches\nEngagement auch, Lebens\u00fcberg\u00e4nge zu gestalten. \u2013 von der Schule in den Beruf,\nvon der Erwerbst\u00e4tigkeit in die dritte Lebensphase, von der Familienphase\nzur\u00fcck in den Beruf. Wenn man betrachtet, aus welchem relativ begrenzten\nReservoir sich kirchliches Engagement heute speist &#8211; bestimmte soziale\nSchichten, Altersgruppen und Lebensstilmilieus sind unterrepr\u00e4sentiert \u2013 dann\nkann man annehmen, dass hier ein hohes Engagementpotenzial ruht. Deutlich wird\naber auch: <strong>Ehrenamt braucht eine\ngrundlegende \u00f6konomische Absicherung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Darin besteht ein zentraler Gewinn beruflicher\nT\u00e4tigkeit: \u00d6konomische Sicherheit, professioneller Verantwortung,\nAufstiegsm\u00f6glichkeiten. Aber auch berufliche Zufriedenheit ist auf Motivationserhalt,\nBildungsangebote, Teamentwicklung angewiesen. &nbsp;Denn der \u00f6konomische Gewinn ist f\u00fcr viele\nnicht mehr das entscheidende Motiv f\u00fcr berufliche Arbeit<\/strong>. Die\nFlexibilisierung der Arbeitswelt, diskontinuierliche Erwerbsbiographien wie\nauch die Feminisierung der Arbeitswelt f\u00fchren zu einem neuen Interesse an Sinn\nund sozialer Gestaltung der Arbeit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und das gilt f\u00fcr Haupt- wie Ehrenamtliche. Menschen\nsuchen ihre \u201eBerufung\u201c; sie wolle finden, was den Einsatz lohnt<\/strong><strong>. <\/strong>Ehrenamtliches Engagement wird wie\nberufliche T\u00e4tigkeit kompetent, qualifiziert und in diesem Sinne professionell\ngeleistet. Dazu bedarf es entsprechender Qualifizierungsangebote, die sich auf\nArbeitsfeld, Methodik oder auch auf die spezifischen Aspekte der Organisation\nbeziehen k\u00f6nnen. F\u00fcr die Kirche bedeutet das: Spiritualit\u00e4t und Ethik. Eine\nEinf\u00fchrung in ehrenamtliche T\u00e4tigkeiten muss gew\u00e4hrleistet werden, je nach\nEngagementfeld bis hin zur standardisierten Aus- und Weiterbildungen. Dazu\ngeh\u00f6ren auch Kenntnisse zur Zusammenarbeit mit Hauptberuflichen in den\nOrganisationen, hier in der Kirche. Hauptberufliche Mitarbeiter m\u00fcssen f\u00fcr die\nZusammenarbeit mit ehrenamtlich Engagierten sowie f\u00fcr deren Unterst\u00fctzung und\nBegleitung qualifiziert werden. Wo es ein gemeinsames Ziel, ein Projekt gibt,\nwird sie erlebt, die Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum Schluss deshalb 10 Tipps f\u00fcr das Miteinander im\nHaupt- und Ehrenamt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Bleib im Gespr\u00e4ch mit Deinem Gegen\u00fcber und rede Klartext,\nwenn sich etwas unstimmig anf\u00fchlt! &nbsp;<\/li><li>Vergiss nicht: Wer von au\u00dfen kommt, sieht mehr! Niemand hat\nnichts zu geben! <\/li><li>Reduziere den anderen nicht auf seine\/ihre Funktion in der\nZusammenarbeit. Bleib neugierig auf das, was der\/die andere einbringen kann:\nberufliche, ehrenamtliche, famili\u00e4re, politische Kompetenzen und Erfahrungen. <\/li><li>Nimm Deine Berufs- und Engagement-Geschichte wahr und nutze\nDeine eigenen Perspektiv- und Seitenwechsel als Ressource. &nbsp;<\/li><li>Nimm Deine Verpflichtungen ernst, aber versprich nicht mehr,\nals Du einhalten kannst. Achte auf Deine Grenzen und respektiere die der\nanderen. <\/li><li>Lass Dich von der Gr\u00f6\u00dfe der Aufgabe nicht erpressen \u2013 Kirche\nhat immer gro\u00dfe Aufgaben, aber sie soll auch Raum zum Auftanken sein! <\/li><li>Schaff Dir Klarheit \u00fcber Motivation und Gewinn Deiner\nArbeit. Achte darauf, dass Lust und Pflicht immer neu in Balance kommen.<\/li><li>Geld darf kein Tabu sein \u2013 weder beim Thema\nAufwandsentsch\u00e4digung noch beim Budget.<\/li><li>Wenn Du etwas bewegen willst, such Dir Verb\u00fcndete. Nur keine\nAngst vor Kritik, Ver\u00e4nderungen und offenem Streit.<\/li><li>Macht die gemeinsamen Ziele stark. Feiert die Etappen auf\ndem Weg. Und wenn sich nichts bewegt, geh weiter!<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Cornelia\nCoenen-Marx, Frenswegen 26.10.2019<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Coenen-Marx,\nCornelia: Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen. Christsein und Kirche in der Transformation.\nG\u00f6ttingen, Edition Ruprecht 2016<\/p>\n\n\n\n<p>Coenen-Marx,\nCornelia \/ Hofmann, Beate: Symphonie \u2013 Drama \u2013 Powerplay. Zum Zusammenspiel von\nHaupt- und Ehrenamt in der Kirche. Stuttgart, Kohlhammer 2017<\/p>\n\n\n\n<p>Coenen-Marx,\nCornelia: Noch einmal ist alles offen- Das Geschenk des \u00c4lterwerdens. M\u00fcnchen\n2016<\/p>\n\n\n\n<p>Julia Simonson,\nClaudia Vogel und Clemens Tesch-R\u00f6mer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in\nDeutschland \u2013 Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium f\u00fcr\nFamilie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet:\nhttps:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254\n<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"www.evangelisch-Ehrenamt.de (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/www.evangelisch-Ehrenamt.de\" target=\"_blank\">www.evangelisch-Ehrenamt.de<\/a> Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Der Siebte Altenbericht der Bundesregierung. Sorge und Mitverantwortung in der Kommune Aufbau und Sicherung zukunftsf\u00e4higer Gemeinschaften, Berlin 2016. Brosch\u00fcre zu Themen und Zielen des Siebten Altenberichts im Internet: <a href=\"https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf \">https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?zID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf <\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Deutsches Zentrum f\u00fcr Altersfragen: Deutscher Alterssurvey 2014. Zentrale Befunde, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf \">https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;\u201eWann kann ich schon im Job sagen, was ich f\u00fcr richtig halte, ohne dabei ein Blatt vor dem Mund zu&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4717\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":538,"menu_order":94,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4717","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4717"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4717"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4717\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4936,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4717\/revisions\/4936"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}