{"id":4695,"date":"2019-10-22T12:36:36","date_gmt":"2019-10-22T10:36:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4695"},"modified":"2020-02-25T16:51:51","modified_gmt":"2020-02-25T15:51:51","slug":"kirche-und-ihre-kompetenzen-im-sozialraum-kirchengemeinden-sind-der-dreh-und-angelpunkt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4695","title":{"rendered":"Kirche und ihre Kompetenzen im Sozialraum- Kirchengemeinden sind der Dreh- und Angelpunkt!?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Vortrag\nFreiburg, 27.9.19<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. \u201eWo das Herz wohnt\u201c: Kirche als kulturelle      Heimat <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das\nVideo auf Facebook hat mich noch einmal hingebracht. Zum Immerather Dom.<\/strong> Und in das alte Krankenhaus, wo ich als\nGemeindepfarrerin die Kranken aus Keyenberg, Unterwestrich oder Oberwestrich\nbesuchte.&nbsp; Die D\u00f6rfer am Rand des\nBraunkohletagebaus sind inzwischen umgesiedelt, vor\u00fcbergehend leben Gefl\u00fcchtete\ndort. Die Initiative \u201eAlle D\u00f6rfer bleiben\u201c kommt zu sp\u00e4t f\u00fcr die Dorfbewohner.\nDie wissen l\u00e4ngst: Heimat ist mehr als eine Sammlung von Eigenheimen \u2013 und\nseien sie noch so sch\u00f6n. Heimat, das sind Schule, Kneipe und Arztpraxis,\nengagierte Gesch\u00e4ftsleute, ein reges Vereinsleben und nat\u00fcrlich die Kirche.\n\u201cGlaube, Sitte, Heimat\u201c- wie es auf der Sch\u00fctzenfahne steht. Traditionen,\n\u00dcberzeugungen, Menschen, die den Geist eines Ortes \u00fcber Jahrzehnte, ja \u00fcber\nJahrhunderte gepr\u00e4gt haben. Je mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und\nLebensstile, desto gr\u00f6sser wird die Sehnsucht nach diesem Ort, in dem wir uns\nselbstverst\u00e4ndlich bewegen , weil wir dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten wollen die Kirche im Dorf lassen- nicht\nnur den Immerather Dom. Auch die M\u00fcnchner Frauenkirche und den Hamburger Michel.\nAuch die, die die Kirche selbst kaum noch besuchen singen im Karneval: \u201eMr\nlasse der Dom in K\u00f6lle\u201c. Ob im Dorf oder in der Metropole \u2013 die Kirche ist nach\nwie vor markanter Punkt im Stadtbild. In Zeiten der Verunsicherung richten sich\nHoffnungen und Erwartungen, aber auch Wut und Verzweiflung darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste Erfahrung mit Wutb\u00fcrgern in der Kirche\nhabe ich gemacht, als ich vor f\u00fcnfundzwanzig Jahren mit einer kirchlichen\nReformgruppe den Osten Londons besucht habe \u2013 eine heruntergekommene\nHafengegend mit internationaler B\u00fcrgerschaft, wo der Bischof von London eine\nKirche aufgegeben hatte. Dort begegneten wir einer verzweifelten\nB\u00fcrgerinitiative. Menschen, die zum Teil nicht mehr dort wohnten. Aber sie\nwaren in dieser Kirche getauft oder getraut worden; sie hatten dort eine\nErfahrung von Zugeh\u00f6rigkeit und W\u00fcrde gemacht. So etwas gibt man nicht auf. Was damals in der Church of England f\u00fcr Aufregung\nsorgte und in den Niederlanden schon damals eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war,\nist l\u00e4ngst bei uns angekommen: Kirchen werden geschlossen, aufgegeben, verkauft\noder umgewidmet &#8211; zu Synagogen oder Moscheen und zu Restaurants. Und manchmal\nwerden daraus Nachbarschaftszentren oder Konzerthallen. Was das bedeutet, habe\nich schon in den 90er Jahren in Duisburg- Marxloh und Bruckhausen erlebt. Wie\nin London waren es auch bei uns zuerst die Kirchen in Armutsquartieren, in\ndenen kaum noch Kirchensteuer einkam und die Mehrheit in den Tageseinrichtungen\nmuslimisch war, die geschlossen wurden. Der lange Atem, der Kirche so\nauszeichnet, die Solidarit\u00e4t mit den Schwachen und Alleingelassenen fehlte.\nWohin das f\u00fchrt, das sehen wir vielleicht heute genauer als damals.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. In der Transformation: Kirche als Herberge <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dass Familien,\nm\u00f6glicherweise sogar mit mehreren Generationen, an einem Ort wohnen, ist l\u00e4ngst\nkeine Normalit\u00e4t mehr<\/strong>. Es braucht keine\nBraunkohlebagger, um die heimatlichen D\u00f6rfer durcheinander zu sch\u00fctteln.\nGlobalisierung und sozialer Wandel gen\u00fcgen. Nicht nur im Osten ziehen junge\nLeute &nbsp;in die prosperierenden Regionen;\nzur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger Beweglichen. V\u00e4ter pendeln in die St\u00e4dte \u2013\ndie Familien bleiben in der Region, wo die Mieten bezahlbar sind. Inzwischen\nleben 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung allein, bei den \u00c4lteren sogar 46 Prozent. Die\nmeisten genie\u00dfen ihre Freiheit; manche leider aber auch unter der Einsamkeit.\nMenschen, die h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln, verlieren die allt\u00e4gliche\nsoziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Das Zerbrechen der\nhergebrachten sozialen Bez\u00fcge ist nicht nur eine emotionale Herausforderung. Gerade\nalte oder kranke Menschen geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags oft enorm\nunter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen\noder engen Freunden zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich haben laut Alterssurvey\nnur noch ein Viertel der \u00c4lteren erwachsene Kinder am gleichen Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch f\u00fcr die, die ihre Heimat nicht verlassen, ver\u00e4ndert sich die Welt. Fremde ziehen zu \u2013 als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge. Gesch\u00e4fte verschwinden, in der Kneipe wechselt die Speisekarte, Nachbarn sprechen eine andere Sprache. So kann die alte Heimat fremd werden &#8211; und damit das \u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause f\u00fchlen. W\u00e4hrend Post und Sparkassen sich zur\u00fcckziehen, finden wir noch \u00fcberall Kirchen und Gemeindeh\u00e4user. Manchmal stehen sie halbleer\u2013 und die Nachbarn, die beobachten, wie Schulen und Krankenh\u00e4user geschlossen oder Nahverkehrsstrecken stillgelegt werden, fragen sich, was daraus wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an eine Kirche in der Innenstadt von St Louis in den\nUSA. Sie hatte eine Weile leer gestanden \u2013 das Viertel war heruntergekommen und\nwer es sich leisten konnte, war an den Stadtrand gezogen. Aber anders als den\nBischof von London war dieser amerikanischen Gemeinde nicht egal, was mit ihrer\nKirche passierte \u2013 und wie es den Leuten in ihrem alten Quartier ging. Sie\n\u00f6ffneten die Kirche f\u00fcr die neuen Nachbarn, meist Latinos und Farbige. Nun gab\nes Kinderbetreuung und Selbstverteidigungskurse, Drogenberatung und einen Mittagstisch\n\u2013 und immer noch Gottesdienste f\u00fcr alle, mit allen. So wie im Wiki, dem\nWichlinghauser Gemeindezentrum in Wuppertal. Dort hat die Diakonie eine alte\nKirche \u00fcbernommen \u2013 mit Stadtteilarbeit, Jugendarbeit, Pflegeangeboten und\nGemeindegruppen. Die sind hier ein Fachbereich des Diakonischen Werkes \u2013 und\nanders als in anderen St\u00e4dten gibt es keine Reibung und keine Bitterkeit. Das\nWiki ist quicklebendig und die Gemeinde ist stolz darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Anf\u00e4ngen der neuzeitlichen Diakonie verstanden sich Herbergen f\u00fcr\nKranke, Fremde oder Obdachlose als Orte der Gastfreundschaft, wo Menschen auf\nihrem Lebensweg Station machen und auftanken konnten. Heute k\u00f6nnen auch\nKirchengemeinden Oase sein in den W\u00fcsten des mobilen Alltags. Wo Menschen ihre\nGeschichten teilen, wo sie sp\u00fcren, dass sie gemeinsame Probleme haben und sich\nf\u00fcreinander einsetzen, da k\u00f6nnen sie einander ein St\u00fcck Heimat geben. Gemeinde\nals Herberge. Der holl\u00e4ndische Theologe Jan Hendriks hat dieses Modell in den\n1980er Jahren entwickelt. Die offenen Stadtkirchen und Vesperkirchen, die\nDiakoniel\u00e4den in den Quartieren wollen genau das sein: Herbergen am Weg. Hier\nwachsen Verbundenheit und Zugeh\u00f6rigkeit \u00fcber Begegnungen, Beziehungen und\nEngagement.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Friederike Weltzien wird das in der Gemeindek\u00fcche sp\u00fcrbar. Die\nStuttgarter Pfarrerin hat lange im Libanon gelebt und spricht arabisch. Als im\nHerbst 2015 die Turnhalle mit hundert Fl\u00fcchtlingen belegt wurde, \u00f6ffnete die\nGemeinde die T\u00fcren. \u201eUnd es stellte sich heraus, dass das gr\u00f6\u00dfte Bed\u00fcrfnis der\nMenschen war, selber Essen zu kochen, etwas, was sie kennen und was ihnen\nschmeckt.\u201c, erz\u00e4hlt Friederike Weltzien. \u201eAlso wurde jeden Dienstag f\u00fcr achtzig\nbis neunzig Leute gekocht. Die Hilfsbereitschaft war gro\u00df, Gelder mussten\ngesammelt werden, die Lebensmittel eingekauft und die Tische gedeckt und dann\nauch wieder alles abger\u00e4umt, gesp\u00fclt und ges\u00e4ubert werden. In der K\u00fcche trafen\ndie Kulturen aufeinander. Dinge ver\u00e4nderten sich, zun\u00e4chst gab es viel\nAufregung in der Gemeinde und auch Sorgen und \u00c4ngste. Inzwischen finden im Ramadan\n&nbsp;gemeinsame Iftar-Feiern statt. Und auf\neinmal werden religi\u00f6se Themen ganz zwanglos miteinander diskutiert und\nbesprochen und erlebt. \u201eF\u00fcr mich ist die Gemeindek\u00fcche ein spiritueller Ort\u201c,\nsagt Friederike Weltzien.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in anderen Gemeinden ist die K\u00fcche zum heimlichen Zentrum geworden.\nMeine Nachbargemeinde geh\u00f6rt zu den vielen, wo alleinstehende Rentnerinnen\nzweimal die Woche einen gemeinsamen Mittagstisch haben. Auch da wird reihum\ngekocht. Und zwischendurch trifft man einander beim Einkaufen, hilft sich auch\nmal im Alltag, ruft sich an. Bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ist der Anteil der\nFrauen, die den F\u00fchrerschein besitzen, noch immer nicht so hoch wie in j\u00fcngeren\nAltersgruppen. Sie sind schnell in ihrem Bewegungsradius eingeschr\u00e4nkt, wenn\nder Auto fahrende Partner pflegebed\u00fcrftig wird oder stirbt. So gewinnt der\nNahbereich zunehmende Bedeutung. Und damit auch die Kirchengemeinde, die oft\nnoch fu\u00dfl\u00e4ufig erreichbar ist. Inzwischen gibt es dort&nbsp; Erz\u00e4hlcaf\u00e9s und Biografiewerkst\u00e4tten. In\nHamburg-Eilbeck gibt es eine S\u00fctterlinstube, wo \u00c4ltere f\u00fcr \u00dcbersetzungsdienste\nzur Verf\u00fcgung stehen, anderswo entstehen Schm\u00f6kerstuben bei Caf\u00e9 und Musik in\nder Gemeindeb\u00fccherei \u2013 ganz \u00e4hnlich, wie es jetzt auch Stadtteilbibliotheken\nanbieten. Und Stadtspazierg\u00e4nge mit Rollstuhl und Rollator wie den W\u00e4gelestreff\nin G\u00fcltlingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber, wenn die Wege zu weit sind? In der evangelischen Kirchengemeinde Lindlar im Rheinisch-Bergischen\nKreis entschied sich der Kirchenvorstand f\u00fcr einen radikalen Neuanfang. Viele\nGemeindemitglieder waren \u00e4lter geworden, sie brauchten Hilfe, um das Haus zu\nverlassen. Es fehlten alternsgerechte Wohnungen, Haushaltshilfen, aber auch ein\nOrt der Begegnung zwischen den Generationen. Die Kirche mit dem Gemeindehaus\nlag geradezu unerreichbar auf einem H\u00fcgel. So entschied sich der\nKirchenvorstand, das Pfarrhaus abzurei\u00dfen und einen Teil des Landes verkaufen.\nIn Zusammenarbeit mit einer kirchlichen Wohnungsbaugenossenschaft wurden barrierefreie\nWohnungen errichtet. Und von dem erzielten Gewinn wurde das Jubilate-Zentrum\nerrichtet \u2013 ein Treffpunkt der Generationen. In das Wohnprojekt zog ein\nPflegedienst ein und, das war der Clou des Ganzen, mit Hilfe des Kuratoriums\nDeutsche Altershilfe (KDA) wurde ein Aufzug hinunter in die Innenstadt gebaut,\ndamit auch \u00c4ltere wieder die Chance hatten, gut zum Einkaufen zu kommen. Das\nKonzept hat nicht nur die Gemeinde neu belebt, es hat auch ihren Einfluss in\nder Kommune gest\u00e4rkt, den sie nun f\u00fcr die Entwicklung zur alternsgerechten\nStadt nutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr und mehr denken Gemeindeleitungen wieder territorial. Sie nehmen\ndas Quartier als Raum f\u00fcr Gemeindearbeit wahr \u2013 und denken dabei von den\nkleinen und gro\u00dfen Netzwerken aus. Wenn die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bei der\nPlanung von Gemeindearbeit Ausgangspunkt sind, dann werden die Kirchen sich\nnicht aus Finanznot aus dem Quartier zur\u00fcckziehen, sondern mit Phantasie und\nfrischen Ideen Drittmittelfonds finden, um ihre Aufgaben wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Caring Communities:  Was Gemeinschaft schafft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem gro\u00dfen Brand in Hamburg, 1846, konzipierte Johann Hinrich\nWichern ein Wohnungsbauprogramm. Eine Art Geh\u00f6ft mit 150 und 200 Wohnungen &#8211; in\nder Mitte eine Schule. Wie wichtig Bildung als Schl\u00fcssel zur Teilhabe ist,&nbsp; das hatte er mit der Sonntagsschularbeit\nselbst erlebt. Genauso wesentlich war ihm aber eine funktionierende\nNachbarschaft und Zivilgesellschaft. Deshalb sollten sich die B\u00fcrgerinnen und\nB\u00fcrger in einem Kranken- und Begr\u00e4bnisverein organisieren. Alleinlebende\nsollten in ein das \u201eFamiliengemeinwesen\u201c integriert werden. Es ging darum, den\nBenachteiligten einen Platz in der Gesellschaft und eine Perspektive f\u00fcr die\nZukunft zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute haben wir es mit einer wachsenden Zahl \u00e4lterer und\nassistenzbed\u00fcrftiger Menschen zu tun. Wer bestimmte Zielgruppen unterst\u00fctzen\nwill \u2013 Demenzkranke, Menschen mit Behinderung, Pflegebed\u00fcrftige oder Familien\nin Armut &#8211; der muss alle Akteure an Bord holen, die Angebote verkn\u00fcpfen. Alternsgerechte\nund demenzfreundliche St\u00e4dte, Inklusionsquartiere, die soziale Stadt und\ncompassionate Cities leben von einem Ineinandergreifen unterschiedlicher\nHilfen. Wo die Kommunen zunehmend \u00fcberfordert sind, verbindet sich mit der Quartiersarbeit\ndie Hoffnung auf eine neue Kooperation zwischen dem ausblutenden \u00f6ffentlichen\nund dem privaten Bereich, zwischen Wirtschaft, zivilgesellschaftlichen\nInitiativen und Tr\u00e4gern sozialer Dienste. Daf\u00fcr braucht es vor allem ein neues\nDenken. In unserer individualisierten Gesellschaft mit all ihren funktionalen\nDiensten geht es darum, ganzheitlich, vernetzt und feldorientiert zu arbeiten. Dabei\nl\u00e4sst sich an den Netzwerken der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ankn\u00fcpfen- den\nBegegnungen in Schulen und Wartezimmern, beim Einkaufen oder im Sportverein, in\nKitas und Konfirmandenarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Marktplatz vor der Kirche in Rotenburg steht ein Bronzedenkmal,\nein Frau in der Tracht der alten Gemeindeschwestern. Mir f\u00e4llt auf, dass sich\nnoch immer Menschen nach der alten Gemeindeschwester zur\u00fccksehnen. Ganz\noffenbar hat das damit zu tun, dass die Herausforderungen, vor denen wir\nstehen, in manchem denen des 19. Jahrhunderts \u00e4hneln- auch wenn die Menschen im\nDurchschnitt deutlich wohlhabender sind. In der Zeit der Industrialisierung\nbrachen f\u00fcr viele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten,\nzusammen. Die Schattenseite der neuen Produktivit\u00e4t, des Anwachsens der St\u00e4dte\nund des steigenden Wohlstandes waren Arbeitslosigkeit und Armut, Wohnungsnot,\n\u00fcberforderte Familien und schlie\u00dflich unversorgte Kranke und Sterbende. Hohe\nMobilit\u00e4tsanforderungen und Erwartungen an Flexibilit\u00e4t, das Gef\u00fchl der Beschleunigung&nbsp; geh\u00f6ren auch heute zum Design unserer\nGesellschaft genauso wie die Schattenseiten: mangelnde Vereinbarkeit, Familien,\nderen Mitglieder immer weiter entfernt voneinander leben, Pflegeprobleme. Wer\n\u00fcber ein ausreichendes Einkommen und ein gut gekn\u00fcpftes soziales Netz verf\u00fcgt,\nwird den neuen Herausforderungen mit Gelassenheit begegnen. Viele allerdings\nf\u00fchlen sich allein gelassen und \u00fcberfordert.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Nachbarschaften und Gemeinden&nbsp;\nwerden also Menschen gebraucht, die zupacken, Netzwerke kn\u00fcpfen,\nPlattformen gr\u00fcnden und R\u00e4ume \u00f6ffnen, damit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einander\ngegenseitig helfen k\u00f6nnen. Der Erfolg von Netzwerken wie nebenan.de zeigt: das\ngeht auch digital. Aber es gen\u00fcgt nicht, eine Plattform zu installieren \u2013 weder\ndigital noch analog. Untersuchungen von Martina Wegner aus M\u00fcnchen zeigen, dass\nsich auf diese Weise immer nur die gleichen beteiligen: die hochengagierte\nMittelschicht mit ihren eigenen Interessen. Wenn wir die erreichen wollen, die\nihre Rechte nicht selbstverst\u00e4ndlich wahrnehmen, sind intermedi\u00e4re\nOrganisationen n\u00f6tig: Schulen, Kirchen, Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Parteien. Genau die\nsind aber in den letzten Jahren auf dem R\u00fcckzug. <\/p>\n\n\n\n<p>Es kann (aber) nicht als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden, dass\ndie Selbstorganisation von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen, etwa in der organisierten\nNachbarschaftshilfe, aber auch in Seniorengenossenschaften und in\nB\u00fcrgervereinen ohne Hilfe \u201evon au\u00dfen\u201c auskommt. Vielmehr ben\u00f6tigen solche\nFormen der Selbstorganisation in der Regel Anst\u00f6\u00dfe, F\u00f6rderung und Unterst\u00fctzung\nauch durch die Kommune\u201c, hei\u00dft es im 7.Altenbericht. Als \u201eSparmodell\u201c ist die\naktive B\u00fcrgergesellschaft nicht geeignet, auch wenn sich immer mehr Menschen\nengagieren und der Einsatz Ehrenamtlicher gesellschaftlich hoch willkommen ist.\nVon der Demenzbegleitung bis zu den Alltagshilfen rechnen Hospizarbeit,\nAltenhilfe und ambulante Pflege mit diesen Diensten. <\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4ngst gibt es eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und\nprek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen mit \u00dcbungsleiterpauschale, Freiwilligendiensten\nund Minijobs. Auch in der Nachbarschaftshilfe arbeiten Rentnerinnen und Rentner\nauf dieser Basis mit. Viele von ihnen k\u00f6nnten es sich nicht leisten, nur f\u00fcr\nEhre und Anerkennung zu arbeiten. Andererseits steckt eine gro\u00dfe Chance darin,\nwenn Menschen sich \u00fcber ein Ehrenamt eigene Netzwerke aufbauen, neue\nKompetenzen entwickeln und letztlich an Selbstachtung gewinnen. Gemeinden\nm\u00fcssen sich fragen: Was ist n\u00f6tig an finanziellem Einsatz, aber auch an\nhauptamtlicher Unterst\u00fctzung, um Menschen zum Engagement zu ermutigen? Und wie\nverkn\u00fcpfen wie berufliche und freiwillige Dienste so, dass die Dignit\u00e4t beider\nDienste gewahrt bleibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Sabine Pleschberger von der Universit\u00e4t Graz untersucht zurzeit\ninformelle au\u00dferfamili\u00e4re Hilfen in der Pflege. Auch dort zeigt sich: Der\nsoziale Nahraum, der sich durch individuelle Hilfen, durch&nbsp; N\u00e4he, Freiwilligkeit, Wechselseitigkeit\nauszeichnet, braucht die Erg\u00e4nzung durch bedarfsorientierte, qualifizierte und\norganisierte Hilfesysteme. Die F\u00f6rderung \u201eSorgender Gemeinschaften\u201c muss\neingebettet sein in Sorgestrukturen. Dabei l\u00e4sst sich von der Gemeindeschwester\nlernen. Einfach \u00fcbertragen l\u00e4sst sich das Modell allerdings nicht mehr \u2013 es fu\u00dfte\nauf der freiwilligen kostenlosen Wohlfahrtst\u00e4tigkeit von Frauen und entstand in\neiner Zeit, als alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zugleich Gemeindemitglieder waren\nund die Zahl der Institutionen und Vereine l\u00e4ngst nicht die Pluralit\u00e4t hatten,\ndie wir heute vorfinden. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Qualifiziert f\u00fcr Quartier \u2013 Kirche als dritter Ort <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>.Die diakonischen Aufbr\u00fcche im 19. Jahrhundert gingen vom Quartier aus\nund f\u00fchrten ins Quartier zur\u00fcck \u2013 mit Wicherns Utopie eines neuen Wohnquartiers\nin Hamburg-St. Georg genauso wie mit Fliedners Gemeindeschwestern. Dann aber\nf\u00fchrt die Entwicklung des Sozialstaats \u00fcber die Anstaltsdiakonie zur\nfallbezogenen Dienstleistung. Damit verbunden war ein Blick auf die Defizite,\nder zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern unterschied und zur Exklusion f\u00fchrte.\nBis heute spiegelt sich die Trennung von Kirche und Diakonie in der Trennung\nder Klientel \u2013 auch dann, wenn alle Betroffenen Kirchenmitglieder sind. Die\nKlienten diakonischer Dienstleistungen fehlen meist in der Gruppengemeinde vor\nOrt \u2013das gilt f\u00fcr Hartz-4-Empf\u00e4nger genauso wie f\u00fcr Alleinerziehende, f\u00fcr\nMenschen mit Behinderung wie f\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige. \u201eDie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender\nExklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der\nGemeinde zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Anspruch \u201eIch will leben und sterben, wo ich dazu geh\u00f6re\u201c, hat\nKlaus D\u00f6rner seit den 70er Jahren gegen diese Exklusion gek\u00e4mpft. Und damit\neinen Aufbruch ansto\u00dfen, der den Quartiersinitiativen des 19. Jahrhunderts\ngleicht. Angeh\u00f6rige, Nachbarn, Ehrenamtliche bringen ihre Perspektiven auf\ngelingendes und selbstbestimmtes Altern ein und ver\u00e4ndern die Hilfesysteme. So\nentstanden die Mehrgenerationenh\u00e4user und Demenz-Wohngemeinschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Dabei spielen die sogenannten \u201ejungen Alten\u201c\neine besondere Rolle. Sie sind h\u00e4ufig lange am Ort, sozial und oft auch\npolitisch engagiert und bringen breite Lebenserfahrungen und soziale Netze ein.\nSie sind damit Teil einer neuen, generationen\u00fcbergreifenden und\ngemeinwohlorientierten Bewegung. Sie fahren die B\u00fcrgerbusse, arbeiten in den\nDorfl\u00e4den mit und sind die Initiatoren der Sorgenden Gemeinschaften. Die\nGeneration der 55- 69-j\u00e4hrigen engagiert sich im sozialen Ehrenamt und im\nlokalen B\u00fcrgerengagement. In Vereinen und Verb\u00e4nden, aber zunehmend auch in\nB\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften. Bei \u201eRent a Grant\u201c arbeiten sie als Leihomas,\nin Mehrgenerationenh\u00e4usern geben sie den Kindern ein St\u00fcck Kontinuit\u00e4t in\nwechselnden Alltagsmustern. Sie sind es auch, die in vielen F\u00e4llen die kleinen\nNetze der Gemeinde aufrechterhalten und f\u00fcr die religi\u00f6se Erziehung ihrer Enkel\ngerade stehen. In unserer auf Wirtschaft, Erwerbsarbeit und Konsum fixierten\nGesellschaft k\u00f6nnen&nbsp; \u00c4ltere deutlich\nmachen: Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit; sie ist eben auch freiwilliges\nEngagement, b\u00fcrgerschaftliche und politische Arbeit. \u00c4ltere bringen ein, was im\nGl\u00fcck-Index zur wichtigsten W\u00e4hrung wird: Zeit. Sie haben die F\u00e4higkeit, von\nsich selbst abzusehen- f\u00fcr andere da zu sein und ihre Erfahrungen in die\nGesellschaft einzubringen. Damit w\u00e4chst den Gemeinden eine\ngesamtgesellschaftliche Aufgabe zu. Sie gewinnen an Bedeutung, wo sie diese\nBewegung st\u00fctzen- mit Hauptamtlichen wie mit R\u00e4umen. Es geht um ein anderes\nLeben, ein neues Miteinander, um Zusammenhalt und die W\u00fcrdigung des Alters.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich, nicht alle, die sich\nheute in Sorgenden Gemeinschaften engagieren, sind Kirchenmitglieder. H\u00e4ufig\nhatten sie sich schon lange der Kirche entfremdet oder geh\u00f6rten ohnehin nie\ndazu. Das unterscheidet unsere Gesellschaft von der des 19. Jahrhunderts. Aber\nEngagement \u00f6ffnet auch heute f\u00fcr spirituelle Erfahrungen \u2013 das Beispiel von\nFriederike Weltzien zeigt das genauso wie das der Gemeinde in St. Louis.\nImmerhin zweiundzwanzig Prozent der ehrenamtlich Engagierten geben an, dass sie\nmit anderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen- bei den Nichtengagierten sind es\nweniger als 10 Prozent. Engagement \u00f6ffnet T\u00fcren\u2013 unter einer Voraussetzung: Es\nsind Menschen n\u00f6tig, die die Suche der anderen wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit das gelingt,\nbrauchen wir Begegnungsorte. Am besten solche, die keiner Gruppe eindeutig\nzuzuschreiben sind, wo sich die Verschiedenen ohne Hierarchisierung begegnen\nund ihre Anliegen aushandeln k\u00f6nnen. Orte, an denen wir nicht mehr \u201e G\u00e4ste und\nFremdlinge\u201c, sondern zu Hause sind. \u201eDritte Orte\u201c \u2013 offen, niedrigschwellig und\nkostenlos. Der indische Theoretiker Homi Bhabha hat das Konzept des \u201edritten\nOrtes\u201c entwickelt: Solche Orte sind leicht zug\u00e4nglich und offen; eine\nReservierung ist nicht n\u00f6tig, die Teilnahme kostet nichts. Mit mit ihren\nPfarrg\u00e4rten, Gemeindeh\u00e4usern, Nachbarschaftsl\u00e4den kann die Kirche auch heute\nnoch diese Rolle spielen- und Herberge sein f\u00fcr viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die 60er Jahre\nwaren Gemeindeh\u00e4user Versammlungsr\u00e4ume und Vereinsh\u00e4user f\u00fcr alle.&nbsp; Heute werden sie oft als halb leerstehende\nClubh\u00e4user f\u00fcr Hochverbundene wahrgenommen. Das entt\u00e4uscht. Denn Beispiele aus\nOstdeutschland von Kirchenkuratoren oder Orgelpaten, zeigen ganz \u00e4hnlich wie\ndas aus S\u00fcdlondon: Kirchen sind Orte der Zugeh\u00f6rigkeit. Deshalb geht es darum,\ndie T\u00fcren zu \u00f6ffnen\u2013 gerade da, wo andere Tr\u00e4ger sich zur\u00fcckziehen- und den\nfrei gewordenen Raum mit anderen zu teilen. Vom Sportverein bis zur\nMusikschule, vom Mieterbund bis zur Beratungsstelle. In Gelsenkirchen-Hasselt\nzum Beispiel hat die Kirchengemeinde einen B\u00fcrgerverein gegr\u00fcndet und das\nGemeindehaus zum B\u00fcrgerzentrum ausgebaut. Das Bonni, wie die Konfirmanden das\nDietrich-Bonhoeffer-Haus nannten. Die Geb\u00e4ude und Liegenschaften, die oft nur\nnoch als \u00fcberdimensioniert wahrgenommen werden, sind tats\u00e4chlich ein Asset f\u00fcr\ndie Neugestaltung der Quartiere.\n\nDie Kirche geh\u00f6rt zum Quartier: mit ihren Geb\u00e4uden,\nmit ihren Kl\u00e4ngen, aber eben auch mit ihren Menschen und mit deren Hoffnungen\nund Tr\u00e4umen und ihrem Einsatz f\u00fcr eine gerechte Welt. \u201e[j]e nach Situation,\nnach Ressourcen und Begabungen, nach Kr\u00e4ften und gesellschaftlichen\nM\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen Kirche und Diakonie verschiedene Rollen einnehmen. Um es\nmit dem Bild einer Filmproduktion zu sagen: Sie k\u00f6nnen Produzent, Regisseur,\nHaupt \u2013 oder Nebendarsteller, manchmal vielleicht auch nur Komparse sein.\nWichtig ist, dass sie in ihrer Motivation und ihrem Profil erkennbar\nbleiben.\u201c&nbsp; In der Herberge sind wir\nmanchmal &nbsp;Wirt oder Gastgeber und\nmanchmal nur die Bedienung \u2013 aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist, dass\nMenschen in unserer N\u00e4he zu sich selbst kommen und einen Ort finden, an dem sie\nzu Hause sind. Dass wir einander Heimat geben. \n\n\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag Freiburg, 27.9.19 1. \u201eWo das Herz wohnt\u201c: Kirche als kulturelle Heimat Das Video auf Facebook hat mich noch einmal&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4695\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3518,"menu_order":86,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4695","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4695"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4695"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4695\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4696,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4695\/revisions\/4696"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4695"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}