{"id":4581,"date":"2019-08-28T23:02:35","date_gmt":"2019-08-28T21:02:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4581"},"modified":"2020-02-25T16:53:19","modified_gmt":"2020-02-25T15:53:19","slug":"eine-ministry-gegen-die-einsamkeit-besuchsdienst-als-schluessel-fuer-sorgende-gemeinden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4581","title":{"rendered":"Eine Ministry gegen die Einsamkeit: Besuchsdienst als Schl\u00fcssel f\u00fcr Sorgende Gemeinden"},"content":{"rendered":"\n<p>Was w\u00e4rst Du lieber: arm mit vielen Freunden oder reich und\nallein? Das hat k\u00fcrzlich ein Elfj\u00e4hriger seinen Stiefvater gefragt. \u201eKeine\nFrage\u201c, sagte der \u2013 Freunde sind das Wichtigste; denn Einsamkeit ist schlimmer\nals Armut. Aber f\u00fcr den Elfj\u00e4hrigen war das durchaus eine Frage. Der\nJournalist, der die Geschichte mit seinem Stiefsohn im britischen \u201eObserver\u201c\nerz\u00e4hlt hat, war merklich irritiert. Sein Stiefsohn wollte n\u00e4mlich lieber reich\nsein. Freunde, meinte der, w\u00e4ren doch leicht zu finden: Auf youtube, facebook\nund Co. Der Artikel ging der Frage nach, wie die Mediengesellschaft unsere\nBeziehungen ver\u00e4ndert. Einerseits ist es jederzeit m\u00f6glich, sich mit anderen\nauszutauschen. Zugleich aber nimmt die Einsamkeit zu. Jeder zehnte Deutsche\ngibt an, dass er sich einsam f\u00fchlt. Das trifft die \u00fcber 60-j\u00e4hrigen, aber auch junge\nLeute zwischen 20 und 30. Einsamkeit wird zur neuen Volkskrankheit.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gro\u00dfbritannien wurde Anfang letzten Jahres ein\nMinisterium gegen Einsamkeit geschaffen. 75 Prozent der Landbev\u00f6lkerung sind\ndort \u00e4lter als 65 \u2013 sie leben in Gegenden, wo Post und Pub geschlossen sind und\nimmer weniger Busse fahren. Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen\nverschlechtern sich, wenn Menschen ihre Wohnung kaum noch verlassen. Deshalb\ngibt es dort inzwischen die M\u00f6glichkeit, soziale Angebote auf Rezept zu\nverschreiben. Ein Konzert, eine Wanderung mit anderen und nat\u00fcrlich auch eine\nSelbsthilfegruppe. Wissenschaftler haben berechnet, dass auf diese Weise 20\nProzent Gesundheitskosten eingespart werden k\u00f6nnen. Menschen brauchen Menschen,\num zu gesunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und je \u00e4lter wir werden, desto mehr sind wir auf das\nMiteinander angewiesen. Heute leben mehr als 40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen\nallein \u2013 meist k\u00f6nnen sie in Alltagsproblemen nicht auf Familie und Freunde\nzur\u00fcckgreifen. Denn die famili\u00e4ren Netze d\u00fcnnen aus: Die Wohnentfernung\nzwischen Eltern und erwachsenen Kindern nimmt st\u00e4ndig zu. Nur noch ein Viertel\nder Befragten \u00c4lteren lebt mit den eigenen Kindern am gleichen Ort. .Zwar haben\ndie allermeisten Familien w\u00f6chentlich Kontakt zueinander \u2013 aber im Vergleich\nder letzten Jahre erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe\nvon der Familie bei Fahrten, Eink\u00e4ufen, kleinen h\u00e4uslichen Diensten \u2013 und auch\nbei der Pflege. Ohne die 600.000 privaten Haushalthilfen aus Osteuropa st\u00fcnde\ndie ambulante Pflege vor einem noch gr\u00f6\u00dferen Desaster.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hohe Anteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die Sterbehilfe\noder einen assistierten Suizid bef\u00fcrworten, zeigt in aller Sch\u00e4rfe: Die\nBefragten bezweifeln, dass f\u00fcr sie gesorgt sein wird, wenn sie allein nicht\nmehr zurechtkommen. Der Wunsch nach Selbstbestimmung spielt sicher eine gro\u00dfe\nRolle, aber eben auch die Angst vor Ohnmacht und Einsamkeit. Auf diesem\nHintergrund ist sp\u00e4testens mit dem Siebten Altenbericht die Idee der \u201eSorgenden\nGemeinschaften\u201c popul\u00e4r geworden. Angesichts der Vermarktlichung des Sozial-\nund Gesundheitssystems geht es um ein Gegengewicht: Es geht um wechselseitige\nUnterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich\nselbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das niederl\u00e4ndische Modell der Buurtzorg l\u00e4sst ahnen, was\ngemeint ist. Der ambulante Pflegedienst, der 2006 gegr\u00fcndet wurde, setzt nicht\nnur auf Pflege, sondern organisiert auch Unterst\u00fctzung in der Nachbarschaft;\nBuurtzorg hei\u00dft Nachbarschaftshilfe. Die professionellen Teams bestehen nie aus\nmehr als 12 Menschen und organisieren sich eigenverantwortlich. Ohne\nausdifferenzierte Stellenbeschreibungen, ohne feste Rollen. Das Vertrauen in\ndie Selbstorganisation st\u00e4rkt die Eigeninitiative aller Beteiligten und die\nBeziehungen zueinander. Inzwischen arbeiten 14.000 Mitarbeitende bei Buurtzorg.\nDie beruflich Mitarbeitenden sind dabei so etwas wie Knoten im Netz, die\nzwischen Betroffenen, Angeh\u00f6rigen und Nachbarn, aber auch zu b\u00fcrgerschaftlich\nEngagierten, Initiativen und \u00c4rzten hin vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland erinnern sich viele mit Wehmut an den Dienst\nder Gemeindeschwestern. Auch sie waren Generalistinnen &#8211; Pflegende, Seelsorgerinnen\nund Quartiersmanagerinnen in einer Person. Viele Gemeindeschwestern hatten sich\n\u00fcber die Frauenhilfen ein Netz von ehrenamtlichen \u201eBezirksfrauen\u201c aufgebaut, die\nregelm\u00e4\u00dfig \u00c4ltere und Familien in ihren Stra\u00dfen besuchten &#8211; bei Festen und\nFeiern, aber auch bei Krankheiten. Nicht nur in den Kirchengemeinden w\u00fcnschen\nsich viele diese Netzwerke zur\u00fcck. Und nicht wenige machen sich auf, wieder\n\u201eSorgende Gemeinde\u201c zu werden. Vieles weist in diese Richtung und schafft gute\nRahmenbedingungen: Immerhin werden inzwischen auch ehrenamtliche Begleiter und\nBegleiterinnen aus der Pflegeversicherung bezahlt &#8211; f\u00fcr Demenzbegleitung oder\nh\u00e4usliche Hilfen. Das Mutterhaus in Witten bildet \u201eneue Gemeindeschwestern\u201c\naus: Pflegende mit Zusatzausbildung, die mit vielf\u00e4ltigen Initiativen vor allem\njunge Familien und \u00c4ltere besuchen \u2013 zum Geburtstag, nach dem\nKrankenhausaufenthalt, zu pr\u00e4ventiven Hausbesuchen oder zur Trauerbegleitung.\nUnd im Weilrod in Hessen st\u00fctzt die Diakonie ihre Quartiersarbeit wesentlich\nauf das Angebot von Besuchen bei \u00c4lteren. Die DRIN-Initiative (Dabeisein, R\u00e4ume\nentdecken, Initiativ werden) hat dieses Angebot unter das Motto \u201eDamit der\nHerbst sch\u00f6ne Tage hat\u201c gestellt. Letztlich l\u00e4uft alles auf die Frage hinaus,\nob wir Orte schaffen k\u00f6nnen, an denen Menschen f\u00fcr einander das sind, Zeit\nf\u00fcreinander haben, f\u00fcreinander sorgen. \u201eEs kann (aber) nicht als\nselbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden, dass die Selbstorganisation von\nB\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen, etwa in der organisierten Nachbarschaftshilfe\u2026ohne\nHilfe \u201evon au\u00dfen\u201c auskommt\u201c, hei\u00dft es im 7. Altenbericht. Das ist der\nHintergrund, vor dem die Diakonissen wieder ins Spiel kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als zur Zeit der Gemeindeschwestern geh\u00f6ren l\u00e4ngst\nmehr alle \u00c4lteren zur Kirche. Eine gute Verkn\u00fcpfung von Kirchengemeinde und\nSozialstation ist mit der Zusammenarbeit von Pfarrer und Gemeindeschwestern\nnicht vergleichbar. Und auch Ehrenamtliche verstehen sich nicht mehr als\n\u201eHilfen\u201c, sondern sind oft selbst Initiatorinnen. Heute bewegen sich alle Beteiligten\nauf Augenh\u00f6he, &nbsp;in Vielfalt und manchmal\nin Konkurrenz. Sorgende Gemeinschaften brauchen deshalb eine gute Abstimmung\nzwischen Kommune, Wohlfahrtsverb\u00e4nden, Nachbarschaftsinitiativen und\nKirchengemeinden &#8211; am runden Tisch und auch im Netz. Eine Website mit einem \u00dcberblick\n\u00fcber die Angebote er\u00f6ffnet Zug\u00e4nge f\u00fcr alle Interessierten. &nbsp;F\u00fcr Engagierte aus Zivilgesellschaft, Kirche\nund Diakonie, die andere besuchen wollen \u2013 sei es mit pr\u00e4ventiven Hausbesuchen,\nzur Demenzbegleitung, als Seelsorgende oder mit Projekten wie \u201eUrlaub aus dem\nKoffer\u201c- &nbsp;ist die Sichtbarkeit der\neigenen Arbeit genauso wichtig wie die Unterst\u00fctzung durch Hauptamtliche und\neine finanzielle Entsch\u00e4digung f\u00fcr eigene Kosten, Supervision und Fortbildung.\nSie brauchen Wertsch\u00e4tzung und Erm\u00e4chtigung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls Kirchengemeinde sind wir zugleich Teil der Gemeinschaft\nvor Ort, sind in Vereinen, auf dem Markt, in Gesch\u00e4ften unterwegs, stolpern\n\u00fcber dieselben Schwellen, beobachten wunderlich gewordene Nachbarn\u201c, sagt Annegret\nZander. \u00c4hnlich wie in der Krankenhausseelsorge ist das Angebot von Besuchen nicht\nzuerst missionarisch oder an Mitgliedschaft gebunden. Im Mittelpunkt stehen die\nBetroffenen, es geht darum, Gemeinschaft zu stiften und Menschen Lebensmut zu\ngeben. Wo das Evangelium so gelebt wird, kann sp\u00fcrbar werden, dass Kirche einen\npastoralen wie einen \u00f6ffentlichen Auftrag in der Kommune hat. Auch Gemeinden\nsind eine \u201eMinistry\u201c gegen Einsamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was w\u00e4rst Du lieber: arm mit vielen Freunden oder reich und allein? 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