{"id":451,"date":"2015-02-19T18:54:54","date_gmt":"2015-02-19T18:54:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=451"},"modified":"2015-07-29T10:04:46","modified_gmt":"2015-07-29T10:04:46","slug":"werte-realisieren-was-uns-heilig-ist-muessen-wir-begreifen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=451","title":{"rendered":"Werte realisieren: Was uns heilig ist, m\u00fcssen wir begreifen."},"content":{"rendered":"<p>In diesem Fr\u00fchjahr war ich mit meinem Mann in Madrid, um die Schule \u201eEl Porvenir\u201c zu besuchen Der eindrucksvolle, klassizistische Bau steht an einer der gro\u00dfen Ausfallstra\u00dfen in einem kleinen Park. Hinter dem hohen Zaun singen die V\u00f6gel in den alten B\u00e4umen und das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich in der hei\u00dfen, lauten Stadt. Dieses kleine Paradies verdankt seine Gr\u00fcndung einem Deutschen: Fritz Fliedner, einem der S\u00f6hne des Gr\u00fcnders der Kaiserswerther Diakonie, wo ich arbeite. Mein Name ist Cornelia Coenen-Marx und ich w\u00fcnsche Ihnen einen hellen, offenen Tag. El Porvenir hei\u00dft \u00fcbrigens die Zukunft \u2013 und man k\u00f6nnte sich kaum einen besseren Namen f\u00fcr eine Schule vorstellen. Schon gar nicht f\u00fcr eine evangelische Schule im katholischen Spanien des 19.Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Denn als Fritz Fliedner seine Arbeit dort begann, da hatten die S\u00f6hne der evangelischen Familien praktisch keine Bildungschancen. Erst das Internat \u201eEl Porvenir\u201c holte sie aus den weit verstreuten D\u00f6rfern in die Stadt und sicherte ihnen den Zugang zu Ausbildung und Beruf &#8211; und der Kirche ihre Pfarrerausbildung. Nat\u00fcrlich gab es jede Menge Schwierigkeiten. Es war bereits ein Problem, einen Architekten zu finden, der trotz aller Schikanen eine evangelische Schule bauen wollte \u2013 er kam schlie\u00dflich aus Deutschland. Die Genehmigung f\u00fcr die Kapelle der Schule bekam Fliedner nur mit vielen Tricks. Und auch die Pr\u00fcfungen der Sch\u00fcler wurden nat\u00fcrlich vom Staat abgenommen \u2013 mit dem Ergebnis, da\u00df die evangelischen Sch\u00fcler sich ebenso gut im katholischen Katechismus auskannten wie in ihrem eigenen. Noch in der Zeit des B\u00fcrgerkriegs war die Schule oft wochenlang geschlossen, das Schulleben illegal. Und Fritz Fliedners Enkelin, die damals mit ihrem Mann die Schule leitete, lebte st\u00e4ndig in Angst, ausgewiesen zu werden. Kein Wunder, da\u00df die alte Dame bis heute ein Herz f\u00fcr Minderheiten hat. El Porvenir hat sich in besonderer Weise der Ausbildung und Integration von Fl\u00fcchtlingskindern verschrieben. Ein Drittel der Sch\u00fcler kommt aus Lateinamerika und wird aus Mitteln der Fritz- Fliedner -Stiftung gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Donna Elfriede, die Patronin, ist inzwischen weit \u00fcber \ud83d\ude2f Jahre alt. .Aber die Liebe zu ihren Kindern hat sie sich bewahrt. Im ersten Stock der Schule, wo sie ihre Wohnung hat, kann sie Abende lang Geschichten erz\u00e4hlen. Und ihre Bilder, die B\u00fccher und vor allem das G\u00e4stebuch lassen ahnen, was und wen dieses Haus schon alles gesehen hat. An unserem letzten Abend in Madrid zeigte uns die Patronin ihren kostbarsten Schatz: Eine kleine Zigarrenkiste. Eine alte Schachtel, in Zeitungspapier verpackt, damit sie keinen Schaden nahm. Von au\u00dfen sah man ihr nicht an, warum die Familie sie \u00fcber Jahrzehnte bewahrt hatte. Und als Elfriede sie \u00f6ffnet, begriff ich noch immer nicht. Die Schachtel enthielt nichts als Asche. Feine schwarze Asche wie aus dem Ofen. \u201eFassen Sie nur hinein\u201c, ermutigte mich die Patronin, und mit dem Finger entdeckte ich dann die winzigen Knochenst\u00fccke. \u201eM\u00e4rtyrerasche\u201c, sagte Elfriede, und ich zog die schwarze Fingerkuppe aus dem Staub &#8211; und h\u00f6rte die Geschichte .Als vor Jahrzehnten die U-Bahn in Madrid ausgebaut wurde, gruben sich die Bagger an San Bernardo ins Erdreich. Und aus dem Dunkel der Geschichte tauchte der alte Hinrichtungsplatz auf. Der Platz, an dem zur Zeit der Inquisition die Protestanten verbrannt worden waren. Diese schreckliche Geschichte lie\u00df sich gar nicht verleugnen \u2013 denn man fand Schicht um Schicht: eine Schicht Lehm, eine Schicht M\u00e4tyrerasche.<\/p>\n<p>Eine Handvoll von dieser Asche hatte Elfriedes Vater damals aufgehoben und in das kleine Kistchen getan. F\u00fcr Elfriede ist es ein Heiligtum. Denn die Geschichte des Widerstands in Spanien reicht bis in ihre Lebenszeit. Noch bis vor kurzem k\u00e4mpften die Protestanten in Spanien f\u00fcr Gleichberechtigung, Pluralismus und Toleranz \u2013 auch unter den Regierungen nach Franco. Und wie hoch der Preis f\u00fcr Gewissensfreiheit und Unabh\u00e4ngigkeit ist, das hat man in El Porvenir nicht vergessen. Auch wenn kein Schild an der U-Bahnstation San Bernardo daran erinnert &#8211; oder auf dem wunderbaren Plaza Mayor, dem Gerichtsplatz der Inquisition.<\/p>\n<p>Offenbar brauchen wir sichtbare Zeichen f\u00fcr das, was unser Leben pr\u00e4gt und tr\u00e4gt. Pers\u00f6nliche Symbole, Erinnerungsst\u00fccke, ja auch die Sakramente der Kirche wollen Geschichten erz\u00e4hlen. Geschichten, von dem, was Leben ausmacht, von Freiheit und Menschenw\u00fcrde. Aber es mu\u00df auch einer da sein, der sie erz\u00e4hlen kann wie die Patronin Elfriede. Die Zigarrenkiste mit der Asche w\u00e4re sonst l\u00e4ngst im Abfall verschwunden. Unerkannt und mi\u00dfachtet. So zerbrechlich sind unsere Werte, wenn wir sie nicht realisieren.<\/p>\n<p>Die Zeitschrift \u201eChrismon\u201c zeigte vor kurzem in Fotos und Interviews, was Jugendliche stark macht. \u201eMagische Momente\u201c, hie\u00df der Titel der Fotoserie \u201eJugendliche erz\u00e4hlen von Kraft und Gl\u00fcck.\u201c Da steht der 16 \u2013 j\u00e4hrige Arno mit seinem Feuerwehrhelm und erz\u00e4hlt, da\u00df er letztes Jahr mit der Jugendfeuerwehrguppe den dritten Platz im Kreisvergleich gewonnen hatte. \u201eDa f\u00fchlt man sich schon ein bi\u00dfchen gro\u00df&#8230;\u201c, sagt er. Und Sebastian mit dem gr\u00fcn-wei\u00dfen Schal f\u00fchlt sich immer stark, wenn \u201eWerder\u201c gewinnt. Die 14-j\u00e4hrige Lea hat sich von der Mutter losgerissen und sich entschlossen, zu ihrem Vater zu ziehen. Und Yasemin f\u00fchlt sich stark, wenn sie am Flughafen in Istanbul landet und heimatlichen Boden unter den F\u00fc\u00dfen hat. Sportliche Erfolge, Einsatz f\u00fcr Schw\u00e4chere \u2013 aber auch Verwurzelung im eigenen Wertsystem und die Kraft, im richtigen Moment \u201enein\u201c zu sagen, das macht stark. Auch wenn jetzt jedem sofort die Gegengeschichten einfallen &#8211; Geschichten von Ausl\u00e4nderfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft, Bilder vermeintlicher St\u00e4rke auf Kosten anderer \u2013 die Interviews schildern. die gl\u00fccklichen Augenblicke, in denen Werte wie Zivilcourage oder Hilfsbereitschaft konkret werden.<\/p>\n<p>Was St\u00e4rke ist, versteht sich eben nicht von selbst. Es bedarf einer Verst\u00e4ndigung \u00fcber Werte. Wie schwer das ist, erz\u00e4hlt eine Geschichte von Philipp Roth. Sie spielt in einer nordamerikanischen Kleinstadt zur Zeit des dritten Reiches. Dorthin hatte es siebzehn j\u00fcdische Waisenkinder verschlagen, die vor dem Holocaust gerettet worden waren. Siebzehn Kinder und einen Lehrer. Sie hatten ein Haus am Stadtrand bezogen und lebten dort abgeschlossen und f\u00fcr sich. Die Leute sahen nur einen Gehilfen, der die Eink\u00e4ufe t\u00e4tigte- im langen Kaftan, mit schwarzem Hut und Schl\u00e4fenlocken. Fremd und st\u00f6rend. So schickten sie einen angesehenen Rechtsanwalt dorthin, der mit den Fl\u00fcchtlingen reden sollte: Schule konnten sie ja privat halten, aber dieser schwarze Mann sollte so nicht mehr auftreten. \u201eAber das ist alles, was er hat\u201c, sagte der j\u00fcdische Lehrer. Der amerikanische Rechtsanwalt war ein anst\u00e4ndiger Mann, er stand f\u00fcr das ein, was er sagte. Er ging nach Hause, packte zwei Anz\u00fcge ein und brachte sie dorthin. Aber die erwartete Dankbarkeit blieb aus. \u201eSie haben mich nicht verstanden\u201c, sagte der Lehrer.\u201c Er hat sonst nichts. Gar nichts. Er hat keinen Vater und keine Mutter &#8211; die haben sie get\u00f6tet. Er hat kein Kind \u2013 das haben sie ihm genommen. Er hat keine Freunde \u2013 die haben sie vertrieben. Er hat nicht einmal eine Torahrolle, die haben sie verbrannt. Nichts ist mehr \u00fcbrig als dieser Kaftan. Das ist alles, was er hat. Das ist sein Leben.<\/p>\n<p>Der amerikanische Anwalt im mittleren Westen ahnte nicht, da\u00df an diesem alten Kaftan die Heimat hing. Der Wurzelboden. Ein ganzes Wertesystem. H\u00e4tte er wissen k\u00f6nnen, wieviel davon in den Feuern des Holocaust untergegangen war ? Konnte er ahnen, wie lebenswichtig diese Tradition ist ? Er brauchte diese Begegnung mit dem Lehrer und auch die Geschichte \u00fcber das alte Kleidungsst\u00fcck, um das zu begreifen. So wie ich Elfriede Fliedner mit ihrer Geschichte von der M\u00e4rtyrerasche brauchte, um zu begreifen, was protestantische Freiheit ist. Toleranz und Achtung vor den Werten anderer, verstehen sich offenbar nicht von selbst. Was es bedeutet, wenn sie fehlen, wird erst greifbar an solchen Geschichten, an solchen Zeichen. Ein Kaftan, ein Kopftuch, ein Schal, ein Feuerwehrhelm, ein K\u00e4stchen Asche erz\u00e4hlen von dem, was Menschen wirklich etwas wert ist. So wie das St\u00fcckchen Brot beim Abendmahl vom Leben und Sterben Jesu erz\u00e4hlt. Da\u00df wir es mit H\u00e4nden greifen, brechen und auch schmecken k\u00f6nnen, ist lebenswichtig. Auf diese Weise realisieren wir, was unser Leben tr\u00e4gt und pr\u00e4gt. Die meisten Menschen bewahren die handgreifliche Erinnerung daran ihr Leben lang auf. Bei vielen Besuchen, nicht nur bei Donna Elfriede, habe ich schon wunderbare Geschichten geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die j\u00fcdische Philosophin Hanna Arendt, die selbst aus Deutschland fliehen mu\u00dfte, war das Ziel aller Wertebildung, da\u00df wir nicht weltlos umherirren, sondern f\u00fcr die Dauer unserer Anwesenheit einen verl\u00e4\u00dflichen Ort in der Welt finden. Gelingen kann das nur, wenn wir sp\u00fcren, was uns heilig ist, und achten, was anderen heilig ist. Das gibt uns Boden unter den F\u00fc\u00dfen, das macht uns stark. Ich w\u00fcnsche Ihnen, da\u00df Sie heute Zeit finden, die Dinge, die Ihnen heilig sind, wieder einmal in die Hand zu nehmen. Vielleicht erz\u00e4hlen Sie einem anderen von den magischen Momenten in ihrem Leben. In diesem Sinne w\u00fcnscht Ihnen einen sch\u00f6nen Sonntag Ihre Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Fr\u00fchjahr war ich mit meinem Mann in Madrid, um die Schule \u201eEl Porvenir\u201c zu besuchen Der eindrucksvolle, klassizistische&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=451\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":99,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-451","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/451"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=451"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/451\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":452,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/451\/revisions\/452"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}