{"id":445,"date":"2015-02-19T18:52:42","date_gmt":"2015-02-19T18:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=445"},"modified":"2015-07-29T10:05:29","modified_gmt":"2015-07-29T10:05:29","slug":"anders-wachsen-wie-jesus-coacht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=445","title":{"rendered":"Anders wachsen \u2013 wie Jesus coacht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt beim Handwerkergottesdienst am 18.3.12 in der St. Matthaeuskirche in M\u00fcnchen<\/strong><\/p>\n<p>Joh. 20,24<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die ersten Fr\u00fchlingstage \u2013 endlich! Zugleich der H\u00f6hepunkt der Fastenzeit. In diesen Wochen wurde in der Agrargesellschaft\u00a0 das Essen knapp- das Wintergetreide war fast aufgebraucht. Die letzten Vorr\u00e4te mussten geteilt werden- alles, was entbehrlich war, wurde ausges\u00e4t. Vom Munde abgespart. Nur, wer bereit ist, zu s\u00e4en, kann auch ernten.<\/p>\n<p>In diese Welt f\u00fchrt uns die Bibel zur\u00fcck. Die Welt, in der Wachstum und Ernte alles andere als selbstverst\u00e4ndlich waren. Als jeder wu\u00dfte, dass auf die sieben fetten Jahre oft genug sieben magere folgten. Als Vertrauen und Demut n\u00f6tig waren, um ein Feld zu bestellen. Weil von der aufgehenden Saat nicht viel \u00fcbrig blieb, wenn die V\u00f6gel einfielen oder wenn der Regen ausblieb und die Sonne die Halme verdorren lie\u00df. Die biblischen Geschichten erz\u00e4hlen vom Unkraut, das mit dem Weizen heranw\u00e4chst und von dem reichen Bauern, der den Erfolg seiner Ernte speichern m\u00f6chte und dabei vergi\u00dft, das sein Leben endlich ist.<\/p>\n<p>Die Wachstumsgeschichten der Bibel sind Schl\u00fcsselgeschichten f\u00fcr unser Leben. Nur wo gibt es noch Unkraut unter dem Weizen? Und wer bestellt noch ein Feld auf felsigem Grund? Neue Maschinen und\u00a0 hochentwickelte Technologie holen das Beste aus den B\u00f6den heraus und landwirtschaftliche Betriebe planen ihre Erfolgszahlen wie Produktionsunternehmen. Immer im Plus. Oder mindestens eine schwarze Null. Selbst im Abschwung sprechen wir noch von Minuswachstum. Die sieben mageren Jahre, von denen Josef einst tr\u00e4umte, mag man sich gar nicht mehr vorstellen. Wenn die Realwirtschaft nicht mehr w\u00e4chst, dann m\u00fcssen die Finanzm\u00e4rkte daf\u00fcr sorgen, dass es aufw\u00e4rts geht. Wachstum und Wohlstand sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Inzwischen aber werden die Fragen lauter. 40 Jahre nach dem Bericht des Club of Rome hat ein Tsunami unseren Technikglauben ersch\u00fcttert.\u00a0 Die weltweite Finanzkrise hat Zweifel am Wachstumsglauben geweckt. Und Armut und\u00a0 Ungleichheit lassen viele fragen, ob mehr Wohlstand wirklich gl\u00fccklicher macht. Da passt es gut, dass im Mittelpunkt des Evangeliums heute ein Gleichnis steht, in dem Jesus erz\u00e4hlt, wie Wachstum und Verzicht zusammen geh\u00f6ren:\u201e Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde f\u00e4llt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.\u201c<\/p>\n<p>Harte Worte. Jesus sagt sie zu Menschen, die auf der Suche Orientierung sind, nach einem sinnvollen Leben. Wie so viele hoffen sie das bei Jesus zu finden. Schlie\u00dflich hatte er Lazarus auferweckt, den Bruder von Maria und Martha, der viel zu fr\u00fch gestorben war. Als Jesus ihn angesprochen hatte: \u201e Lazarus, steh auf\u201c, da war er tats\u00e4chlich aus der Grabesh\u00f6hle hervor gekrochen und hatte die Totenbinden abgesch\u00fcttelt. Als sei der Tod nur ein Schlaf und nicht das Ende.\u00a0 Soviel Lebenskraft ist bei Jesus sp\u00fcrbar. Kein Wunder, das er t\u00e4glich neue Anh\u00e4nger gewinnt.\u00a0 Nicht nur bei den Juden in Israel, sondern sogar bei den griechischen Gottesverehrern. Viele m\u00f6chten ihn sehen,\u00a0 viele wollen mit ihm gehen- auf der Suche nach einem lohnenden Leben. Und jetzt das: Jesus spricht vom Tod, vom Verzicht. Er redet vom Abstieg, wo alle aufsteigen m\u00f6chten. Wo alle den Himmel suchen, spricht er von der Erde. Keiner bringt Frucht, der nicht durch das Dunkel gegangen ist. Und Jesus kennt das Dunkel wie kaum einer. W\u00e4hrend man ihm in Jerusalem zujubelt, ist sein Tod schon beschlossen. Denn seine Freiheit und Furchtlosigkeit macht den M\u00e4chtigen Angst. Seine Lebensenergie wird ihn ans Kreuz bringen. Aber das kann ihn nicht stoppen: Er setzt sich ein,\u00a0 er riskiert sich-\u00a0 wie man das Weizenkorn in die Erde wirft, um die Zukunft zu gewinnen.<\/p>\n<p>Kein Wachstum ohne Opfer. Das ist eine Wahrheit, die wir nicht gern h\u00f6ren. Wer aber die Augen offen h\u00e4lt, der kennt den Preis unserer Erfolge, den Schatten unserer\u00a0 Produktivit\u00e4t. Die Zahl der Aussortierten w\u00e4chst, \u00fcberall in Europa gehen die \u00dcberfl\u00fcssigen auf die Stra\u00dfe:\u00a0 junge Leute ohne Ausbildungschancen, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, \u00c4ltere, die vorzeitig ausscheiden. Und auch bei uns w\u00e4chst die Angst vor dem Abstieg. Karrieren werden br\u00fcchiger. Burnout- Erkrankungen nehmen zu.<\/p>\n<p>Mit dem Gleichnis vom Weizenkorn legt Jesus den Finger in die Wunde. Nicht um uns Angst zu machen, sondern um der Angst zu begegnen. \u201e Aus der Angst findet man nur durch die Angst\u201c, hei\u00dft es in einem fern\u00f6stlichen Koan. Ein Paradox, das wir kaum denken k\u00f6nnen. Solche Paradoxe laden uns ein, die Perspektive zu wechseln. Was wir f\u00fcr einen Widerspruch halten, kann vor Gott sinnvoll sein. \u201eGott will ein neues, unzerst\u00f6rbares Leben machen aus diesem zeitlichen\u00a0 Tod und Verwesen\u201c, hat Luther geschrieben. Danach sind wir auf der Suche, wir sehnen uns dieser Lebensenergie genau wie die Griechen in unserer Geschichte.<\/p>\n<p>In Krisenzeiten aber erleben wir Gott als\u00a0 r\u00e4tselhaft und widerspr\u00fcchlich. Dann\u00a0 verlieren wir nicht nur den Boden unter den F\u00fc\u00dfen, sondern oft genug auch die Orientierung, unsere Stabilit\u00e4t und unseren\u00a0 Glauben.\u00a0 Pl\u00f6tzlich sind wir nicht mehr die Macher, die w\u00e4hlen und gestalten, wir werden herausgefordert, uns wird etwas zugemutet, wir f\u00fchlen uns als Opfer.\u00a0 Wo gestern noch viele M\u00f6glichkeiten offen standen, gibt es pl\u00f6tzlich nur noch einen Weg \u2013 die enge Pforte. Wo wir gestern noch entscheiden konnten, sind wir pl\u00f6tzlich Getriebene. Hilflos wie auf dem Kreuzweg. Ohnm\u00e4chtig wie bei einer Geburt. Diesen Weg, \u201ekannst Du nicht finden, den muss ich dich f\u00fchren\u201c; beschreibt Luther, was Jesus sagen will. \u201eNicht das Werk, das Du Dir w\u00e4hlst, nicht das Leiden, das du Dir vorstellst,\u00a0 sondern das, was gegen Dein W\u00e4hlen, Denken, Begehren auf Dich zukommt-\u00a0 da folge, da rufe ich, da sei Sch\u00fcler, da ist es Zeit, da begegnest Du Deinem Meister.\u201c<\/p>\n<p>In der Krise k\u00f6nnen wir Gott ins Gesicht sehen- in der Gestalt des leidenden Christus. \u201eWenn das Weizenkorn nicht in die Erde f\u00e4llt und stirbt, bleibt es allein\u201c, sagt er.\u201c Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht\u201c. Erst auf den zweiten Blick k\u00f6nnen wir sehen: Hier geht es um ein gro\u00dfes Versprechen. Es lohnt, sich zu riskieren. Sich zu vergessen, dem Leben zu trauen, statt der Angst die Macht zu geben. Wer liebt, bleibt nicht allein. Wer verzichtet, wird wachsen. Und wer sich einsetzt, bringt Frucht. Das Versprechen Jesu ist ein Paradox: Wer leben will, muss dem Tod ins Auge sehen. Nur wer losl\u00e4sst, kommt zum Ziel.<\/p>\n<p>\u201e Als Beraterin empfehle den Unternehmen, bevorzugt solche Managerinnen und Manager einzustellen, die schon einmal pers\u00f6nliche und berufliche Krisen erlebt und gemeistert haben\u201c, sagt die Unternehmensberaterin Dorothea Echter. Wer an die Spitze will, sollte damit rechnen, auch wieder entlassen zu werden oder zu gehen. Wer erfolgreich sein will, so Echter, muss die eigene Abh\u00e4ngigkeit kennen und akzeptieren: die Abh\u00e4ngigkeit von Anerkennung, von Geld und Zuwendung. Krisen sind eine Chance, uns besser kennen zu lernen. In Krisen m\u00fcssen wir den bequemen Platz auf der\u00a0 Zuschauertrib\u00fcne verlassen und uns selbst ins Spiel bringen. Dazu l\u00e4dt Jesus ein. Nur wer sich auf den Weg macht, kann Erfahrungen machen mit Gottes Lebenskraft. Das Geheimnis scheint zu sein, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen. \u201e Schafft die Heldenmythen ab\u201c, sagt die Unternehmensberaterin Verena Steiner.<\/p>\n<p>Jesus ist kein Held, kein gro\u00dfer spiritueller F\u00fchrer- selbst wenn manche ihn gern so sehen wollen. Er zieht auf dem Esel in Jerusalem ein. Und erz\u00e4hlt uns vom Weizenkorn, wenn er vom Wachstum spricht. Wenn wir Zukunft gewinnen\u00a0 wollen, m\u00fcssen wir begraben, was zerst\u00f6rt: Hass und\u00a0 Verachtung, Egoismus und Ellenbogenmentalit\u00e4t, Geiz und Gier. Es gen\u00fcgt nicht, das Wachstum\u00a0 am BIP zu messen. Gl\u00fcck hat mit Gemeinschaft zu tun, mit der Bereitschaft f\u00fcreinander zu sorgen, mit Liebe und Selbstvergessenheit.\u00a0 Wer mehr will, als den kurzfristigen Erfolg und die schnellen Gewinne an den B\u00f6rsen, kann von den\u00a0\u00a0 Wachstumsgleichnissen der Bibel lernen. Sie erz\u00e4hlen von Geduld und Demut, von Verzicht und Nachhaltigkeit. Und davon, dass in der Krise neue Kr\u00e4fte wachsen. Wir k\u00f6nnen das sp\u00fcren in diesen Fr\u00fchlingstagen. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt beim Handwerkergottesdienst am 18.3.12 in der St. Matthaeuskirche in M\u00fcnchen Joh. 20,24 Liebe Gemeinde, die ersten Fr\u00fchlingstage \u2013 endlich!&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=445\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":100,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-445","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/445"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=445"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/445\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":450,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/445\/revisions\/450"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}