{"id":4430,"date":"2019-06-27T12:25:42","date_gmt":"2019-06-27T10:25:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4430"},"modified":"2020-02-25T16:55:35","modified_gmt":"2020-02-25T15:55:35","slug":"erinnern-und-gedenken","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4430","title":{"rendered":"Erinnern und Gedenken"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Erinnern und Gedenken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bad Rappenau 25.3.19<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.Eure Toten werden leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEure Toten werden\nleben\u201c<\/strong> steht \u00fcber dem Friedhofseingang in M\u00f6nchengladbach-Rheydt. Ich habe\ndiese Inschrift letzte Woche wieder entdeckt, als ich das Grab meiner\nGro\u00dfeltern besuchte. Es liegt gleich an der Mauer in der N\u00e4he der\nFriedhofskapelle \u2013 da, wo die Kirchengemeinde schon im 19. Jahrhundert eine\nGrabst\u00e4tte f\u00fcr ihre Pfarrer und deren Frauen angelegt hat. Ich liebe diese\nGrabst\u00e4tte \u2013 die grauen Steine sind alle gleich. Sie unterscheiden sich\nlediglich durch die Bibelworte, die den Namen und Daten der Verstorbenen\nhinzugef\u00fcgt sind. Meist sind es die Konfirmationsspr\u00fcche, manchmal aber auch\nein Motto, ein Wahlwort. \u201eDeinen Zepter will ich k\u00fcssen\u201c zum Beispiel. Eine\nfast vergessene Liedstrophe. Wenn ich an den Gr\u00e4bern vorbeigehe, habe ich das\nGef\u00fchl, durch die Bibelworte hindurch etwas zu ahnen vom Leben, vom Charakter\nder Menschen, die dort liegen. Mir gef\u00e4llt der Gedanke, dass die ehemaligen\nKollegen, Vorg\u00e4nger und Nachfolger in einem intensiven Bibelgespr\u00e4ch sind &#8211;\n\u00fcber die Zeiten hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pfarrgrabst\u00e4tte ist schon eine besondere Ecke auf diesem\nFriedhof. <strong>Gr\u00e4ber mit<\/strong> B<strong>ibelspr\u00fcchen sieht man immer seltener. <\/strong>Stattdessen\nimmer mehr Engel, dazu Spiralen, Gingkobl\u00e4tter und Lotusblumen, aber auch selbstgew\u00e4hlte\nSpr\u00fcche von Rumi oder Hermann Hesse. <strong>Die\nkonfessionellen Bindungen l\u00f6sen sich auf, der Friedhof spiegelt die\nIndividualisierung und zunehmende Vielfalt unserer Gesellschaft.<\/strong> Es gab\neine Zeit, da liebte ich es, im Urlaub Friedh\u00f6fe zu besuchen: in \u00d6sterreich sah\nich die Fotos der Verstorbenen auf den Grabsteinen &#8211; und das Weihrauchgef\u00e4\u00df\ndavor Ich denke an die Buchsbaumhecken \u00fcber den Kiesgr\u00e4bern im Norden; auch bei\nuns in der Region Hannover-, an die irischen Kreuze und die Urnengr\u00e4ber in\nitalienischen Mauern. Friedh\u00f6fe eingebettet in die jeweilige Kultur. Manchmal\nauch als Widerspiegelung der gesellschaftlichen Schicht wie die Grabstellen bei\nuns. Inzwischen lassen wir uns von anderen inspirieren: auch bei uns sieht man\njetzt Bilder der Verstorbenen. Familiengrabst\u00e4tten und Gr\u00e4fte dagegen sind hierzulande\nselten geworden; aber noch findet man \u00fcberall die alten Namen aus der Region &#8211;\ndie Beckers und Bresges und St\u00fcmpges. Einst pr\u00e4gten sie die evangelische\nGemeinde, zu der heute nur noch eine Minderheit in der Stadt geh\u00f6rt,\nwahrscheinlich sind es nicht viel mehr als die Musliminnen und Muslime, die in\nden letzten 50 Jahren zugezogen sind. Aber wer, wie ich k\u00fcrzlich, einem\nTrauerzug \u00fcber den Friedhof folgt, taucht noch einmal ein in eine vergangene\nWelt. Ein Gef\u00fchl von Heimat ist sp\u00fcrbar, Geborgenheit in Verlust und Verunsicherung<strong>. Dabei ist es nicht nur das Heimatgef\u00fchl,\ndas Sicherheit gibt &#8211; es ist das Ritual selbst, der Trauerzug, zu dem Verwandte\nund Freunde gekommen sind. Man kann sich getragen f\u00fchlen in der Tradition. Den\nWeg mitgehen, den viele Generationen vorher gegangen sind. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in den 89er Jahren Gemeindepfarrerin in\nM\u00f6nchengladbach war, bin ich regelm\u00e4\u00dfig mit Konfirmandinnen und Konfirmanden\nauf den Friedhof gegangen. <strong>Der alte\nFriedhofsg\u00e4rtner f\u00fchrte uns an den Gr\u00e4bern entlang wie durch eine Totenstadt;\nerz\u00e4hlte die Geschichten der Verstorbenen als Geschichte der Kleinstadt. Vom\nreichen Bauern und dem armen Schlucker, aber auch von den S\u00e4uglingen, die da\nbegraben waren. <\/strong>Die Jugendlichen hatten Grablichter bemalt oder beklebt und\nstellten sie am Ende zu einem Menschen, der sie besonders beeindruckt hatte.\nWenn die Lichter angez\u00fcndet waren, wurde sichtbar, wie die Toten in unseren\nGeschichten weiter leben und wie Tote und Lebende zusammengeh\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Davon ist 30 Jahre sp\u00e4ter immer weniger zu sp\u00fcren. <strong>Auf dem Friedhof gegen\u00fcber unserem Haus, wo\nmeine Eltern begraben sind, werden die Gr\u00e4ber kleiner \u2013 die Zahl der\nRasengr\u00e4ber und Urnengr\u00e4ber w\u00e4chst kontinuierlich. <\/strong>Wo die Familien nicht\nmehr an einem Ort wohnen \u2013 und das ist inzwischen der Normalfall &#8211; wollen\nSterbende die Angeh\u00f6rigen nicht mit Grabpflege belasten. Eine kleine Platte mit\nNamen und Daten, im Rasen eingelassen, gen\u00fcgt. Auf dem Friedhof wachsen die\nfreien Fl\u00e4chen, die Felder bekommen wieder Raum. In der N\u00e4he ist ein Waldfriedhof\nentstanden; auch Seebestattungen sind gefragt. <strong>Die Friedhofskultur \u00e4ndert sich rasant. Und sie spiegelt die\ngesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen: Individualisierung, Mobilit\u00e4t,\nS\u00e4kularisierung, religi\u00f6se Vielfalt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Land&nbsp; Bremen ist der so genannte Friedhofszwang\ninzwischen aufgehoben<\/strong>; was bislang unter der Hand geschah, ist nun auh\noffiziell erlaubt: Urnen k\u00f6nnen also auch im eigenen Garten bestattet oder auf\nden Kamin gestellt werden. Wir kennen das l\u00e4ngst aus Filmen und Fernsehserien. Der\nehemalige Bremer B\u00fcrgermeister Henning Scherf sieht darin einen Gewinn an\nFreiheit &#8211; einengende, b\u00fcrokratische Normen werden \u00fcberwunden. Andere dagegen \u2013\nich geh\u00f6re auch dazu &#8211; sehen vor allem einen Verlust an \u00d6ffentlichkeit. Wer\nnicht zu den engsten Angeh\u00f6rigen geh\u00f6rt, hat keinen Zugang mehr zum\nBestattungsort. <strong>Zugleich allerdings\nentstehen neue \u00d6ffentlichkeiten: Seit den 1990er Jahren gibt es virtuelle\nFriedh\u00f6fe im Netz, dazu digitale Traueranzeigen, wo man einen anteilnehmenden\nVers hinterlassen oder eine virtuelle Kerze anz\u00fcnden kann<\/strong>. Ein Beispiel ist\ndie Gedenkst\u00e4tte \u201eLichter der Ewigkeit\u201c des Volksbunds Deutscher\nKriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge. Und weil weit entfernt lebende Angeh\u00f6rige und Freude oft\nnicht mehr zur Bestattung kommen k\u00f6nnen, bieten viele Bestatter in Grossbritanien\nbereits einen Livestream von der Trauerfeier an. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kirchengemeinden und\nauch Landeskirchen machen sich Gedanken dar\u00fcber, wie Friedh\u00f6fe\nGemeinschaftsorte bleiben k\u00f6nnen, auch wenn sie nicht mehr Heimat und\nGemeindegeschichte spiegeln<\/strong>. Orte, die Trost geben und etwas erz\u00e4hlen von\nder Verbindung zwischen Tod und Leben. Wo in den Baumkronen die V\u00f6gel singen.\nWo Menschen auf einer Bank miteinander reden, Kinder ganz selbstverst\u00e4ndlich\nden Umgang mit dem Tod lernen<strong>. Ein Grab\npflegen, eine Kerze aufstellen oder auch einen Teddy mitbringen &#8211; die Br\u00e4uche\nver\u00e4ndern sich. In den ehemaligen Leichenhallen werden Gespr\u00e4chsorte\neingerichtet &#8211; Trauercaf\u00e9s, Begegnungsst\u00e4tten. Gemeindebusse oder B\u00fcrgerbusse\nfahren \u00c4ltere einmal die Woche zum Friedhof<\/strong>. B\u00e4nke, manchmal schon abgebaut\naus Angst vor Obdachlosen, werden wieder aufgestellt. In der Begegnungsst\u00e4tte\ngibt es Kaffee und Kuchen. Kinder d\u00fcrfen mitfahren und finden am Rand des\nFriedhofs einen herrlichen Wasserspielplatz. <strong>Ein Ort des Lebens, an dem auch die Toten ins Gespr\u00e4ch kommen. Wo auch\ndie ihren Platz haben, die in den Traditionskulturen keinen Platz auf dem\nFriedhof fanden: Fr\u00fchgeborene Sternenkinder, Menschen, die sich selbst das\nLeben genommen haben, Zugewanderte mit einer anderen Religion.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Gemeinschaft mit den Toten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die\nReligionswissenschaftlerin Birgit Heller hat sich mit der Solidarit\u00e4t zwischen\nLeben, Sterbenden und Toten in den unterschiedlichen Religionen besch\u00e4ftigt<\/strong>.\nHeute, wo auch das Sterben gemanagt wird, wo der Menschen die Sorge um die\ntoten K\u00f6rper normalerweise an Dienstleister delegieren, wo Billiganbieter\nEinfachs\u00e4rge und Krematorien im nahen Ausland anbieten, wo es anscheinend darum\ngeht, zu entsorgen, was war \u2013 heute denkt Birgit Heller \u00fcber die Traditionen\nder Totensorge nach. <strong>Wie der Leichnam in\nden unterschiedlichen Kulturen und Religionen gewaschen und gesalbt, gekleidet\nund bestattet wird &#8211; wie Verstorbene und Trauernde bei der Bestattung\nunterst\u00fctzt werden, wie die Lebenden mit den Toten Kontakt halten.<\/strong> Sie\nerz\u00e4hlt von F\u00e4hrfrauen und Seelenschwestern, von Sitzwachen und Klageweibern\nund dem L\u00f6schen des Herdfeuers, dem Tragen der Totenfahne und dem Brauch, sich\ndas Gesicht zum Zeichen der Trauer mit Asche zu bestreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traditionell beginnt\nmit dem Leichenzug die Totenreise \u2013 nach alter Vorstellung hat der Verstorbene\ndabei viele Hindernisse zu \u00fcberwinden, f\u00fcr die er Unterst\u00fctzung braucht<\/strong>.\nDazu geh\u00f6rt das \u00dcberqueren des Totenstroms mit der M\u00fcnze unter der Zunge &#8211; die\nalten Griechen haben davon erz\u00e4hlt-, aber auch das Fegefeuer unserer mittelalterlichen\nTradition, das &nbsp;\u00fcbrigens j\u00fcngst aus der\nDogmatik der katholischen Kirche verschwunden ist. Amulette, Gebete f\u00fcr die\nVerstorbenen, Seelenmessen sollten auf diesem Weg helfen<strong>. Die Trauernden bringen Opfer, damit die Reise gelingt &#8211; durch Spenden\nund Fasten, im Verzicht auf bunte Kleidung, auf Feste und Feiern, Tanzen und\nlaute Musik<\/strong>. Es geht dabei nicht nur um die eigene Trauer, sondern auch um\neinen Liebesdienst an den Verstorbenen. Die Solidargemeinschaft zwischen\nLebenden und Toten zeigt sich ganz \u00e4u\u00dferlich. Die Lebenden verweilen eine Weile\nmit den Toten in einer Zwischenwelt; die Zeit steht still. <strong>Es ist eine Zeit der Verwandlung, in der auch die Lebenden eine neue\nRolle finden m\u00fcssen &#8211; einen neuen Ort in der Welt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Davon ist in unserer\ns\u00e4kularen Kultur auf den ersten Blick nicht viel \u00fcbrig geblieben<\/strong>. Die\nkatholischen Traditionen wie das Sechswochenamt oder die Seelenmessen sind uns\nProtestanten ohnehin eher fremd. Noch kommen Angeh\u00f6rige in die Gottesdienste,\nwenn die Verstorbenen am Folgesonntag oder am Totensonntag abgek\u00fcndigt werden.\nAber auch Trauerkleidung ist \u2013 abgesehen von der Bestattung &#8211; kaum noch zu\nsehen. Kaum jemand tr\u00e4gt noch das Jahr \u00fcber schwarz. Schaut man genauer hin,\nhat manches aber doch Kontinuit\u00e4t: So taucht das Bild der Reise in Anzeigen und\nauf Kranzschleifen auf. Filme erz\u00e4hlen von Begegnungen mit Verstorbenen oder\nvom Allerheiligenfest in Lateinamerika, vom Beschw\u00f6ren der Totengeister in der\nafrikanischen Community.<strong> Fremde Traditionen\nrufen Vergessenes in Erinnerung und weckt die Sehnsucht nach Bildern,\nGeschichten und Ritualen &#8211; vielleicht gerade, weil das Sterbemanagement so\nunertr\u00e4glich n\u00fcchtern ist. <\/strong>In Hospizen, Krankenh\u00e4usern und Altenheimen werden\nAussegnungsrituale wieder selbstverst\u00e4ndlicher. Und mehr und mehr Krankenh\u00e4user\nund Hospize feiern Gedenkgottesdienste, bei denen Kerzen angez\u00fcndet und die\nNamen verlesen werden. Mitarbeitende, Angeh\u00f6rige wie Trauerbegleiter sp\u00fcren\nnoch einmal der Gemeinschaft nach, die sie getragen hat \u2013 und viele f\u00fchlen sich\nhier weit mehr geborgen als in der Kirchengemeinde, in der Friedhofskapelle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brauchen wir die\nToten? Brauchen die Toten uns? Klar ist: Nur auf uns selbst zentriert k\u00f6nnen\nwir nicht leben. Die Verstorbenen stellen uns in eine Geschichte, erinnern an\nunsere Wurzeln \u2013 und umgekehrt: solange Menschen sich an uns erinnern, sind wir\nim Ged\u00e4chtnis lebendig <\/strong>&#8211; auch \u00fcber unseren Tod hinaus. Wer ganz werden\nwill, Koh\u00e4renz finden will, muss sich also fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit den\nVerstorbenen auseinandersetzen. <strong>Mich hat\nbesonders Nora Krugs Buch \u201eHeimat\u201c beeindruckt \u2013 die Grafic Novel einer\nDeutschen, die mit einem amerikanischen Juden verheiratet ist und in NY lebt<\/strong>.\nWeil sie immer wieder auf ihr Deutschsein angesprochen wurde, machte sie sich\nschlie\u00dflich auf den Weg in die Heimat ihrer Vorfahren und recherchierte die\nGeschichte ihres Gro\u00dfvaters &#8211; eine ganz normale Mitl\u00e4ufergeschichte aus dem Dritten\nReich. Das Buch schildert ihr Aktenstudium, die Familienbesuche, die \u00e4u\u00dferen\nund inneren Auseinandersetzungen. Am Ende hat sie neue Verwandte gefunden, sie\nhat Zugeh\u00f6rigkeit entdeckt, ihre Gro\u00dfeltern in deren Geschichten kennengelernt und\nschlie\u00dflich um sie trauern k\u00f6nnen. <strong>So\nhat sie die Geschichte der Vorfahren in ihre eigene integriert und den beiden\nmit ihrem Buch ein Denkmal gesetzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt\ndas jedem Trauerprozess: Wir m\u00fcssen mit Verlusten umgehen, die Bilder unserer\nVerstorbenen kl\u00e4ren und bearbeiten. So gewinnen wir am Ende ein neues Bild \u2013\nvon ihnen, aber auch von uns selbst<\/strong>. Seit Beginn der Hospizbewegung vor 50\nJahren haben Psychologen und Psychoanalytiker neu \u00fcber Trauern nachgedacht.\nNicht mehr in religi\u00f6sen Symbolen, sondern in wissenschaftlicher Expertise, mit\nempirischer Forschung und Tiefeninterviews. Damals publizierte Elisabeth\nK\u00fcbler-Ross ihr Phasenmodell: Sie hatte erforscht, dass die Menschen, mit denen\nsie arbeitete, f\u00fcnf Trauerphasen durchlitten: Nicht-wahrhaben-wollen, Zorn,\nVerhandeln, Depression, Zustimmung &#8211; freilich nicht immer in der gleichen\nReihenfolge, manchmal pendelnd oder wie in einer Spirale. Vor 20 Jahren sprach\ndann Verena Kast von vier grundlegenden Phasen: Nicht-wahrhaben wollen &#8211;\naufbrechende Emotionen &#8211; Suchen und sich trennen &#8211; Neuer Selbst- und Weltbezug.\n<strong>Heute geht der Streit um die Frage,\nwelche Bedeutung Loslassen und Bindung im Abschiednehmen haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>William J. Worden\nsieht n\u00e4mlich die Aufgabe nicht mehr darin, sich zu trennen, sondern, eine\ndauerhafte innere Verbindung zu der verstorbenen Person inmitten des Aufbruchs\nin ein neues Leben zu finden. <\/strong>Auch f\u00fcr ihn geht es um vier grundlegende\nAufgaben der Trauer: Den Verlust anzuerkennen, den Schmerz zu durchleben, sich\nan die neue Lebenssituation anzupassen und eben inmitten der neuen Realit\u00e4t\neine dauerhafte innere Verbindung zu der verstorbenen Person herzustellen. Ziel\nist also nicht mehr die grundlegende Abl\u00f6sung, schon gar nicht das Vergessen\nund Entsorgen. <strong>Es geht vielmehr darum,\ndas Vergangene in die eigene Biographie und in die Gemeinschaft der Lebenden zu\nintegrieren. Ganz so wie in den religi\u00f6sen Traditionen<\/strong>. Die R\u00f6mer lebten\nmit ihren Ahnen &#8211; genauso wie die Menschen in Thailand, die an den\nGeisterh\u00e4usern der Verstorbenen Opfer bringen. Und wer schon einmal in einem\ngriechisch- oder russisch-orthodoxen Gottesdienst war, hat die Ikonostase\ngesehen. Man feiert dort Gottesdienst unter den Bildern der Heiligen, mit der\nh\u00f6heren Schar, h\u00e4tte man fr\u00fcher in evangelischen Gemeinden gesagt. Wo man\nhierzulande \u00fcber den Friedhof zur Kirche geht, ist das noch immer r\u00e4umlich\nerfahrbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Verstorbenen in\ndie Gemeinschaft der Lebenden integrieren<\/strong>: Wie kann das heute gelingen in\neiner Gesellschaft, die sich dauernde Abl\u00f6sung und Neuanf\u00e4nge auf die Fahnen\ngeschrieben hat? <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Den Abschied leben lernen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tats\u00e4chlich beginnt\ndas Abschiednehmen lange vor dem biologischen Tod, in der Regel mit der\nDiagnose einer unheilbaren Krankheit. Und es reicht noch weit in die Zeit der\nLebenden hinein.<\/strong> Denken Sie nur an die Rede vom sozialen Tod oder vom\nBeziehungstod, vom Ichverlust oder dem Tod durch Vergessen. <strong>Ruthmarijke Smeding spricht vom Triptychon\nder Trauer, im Bild des Fl\u00fcgelaltars also, der in der Passionszeig zugeklappt\nwerden kann und dann zu Ostern wieder zwei Seiten und die Mitte zeigt. Links\nein Bild der Trauer vor dem Tod, in der Mitte die Trauer w\u00e4hrend des Sterbens\nund rechts die nach dem Tod, die wir normalerweise im Blick haben. Und dabei\ngeht es jedesmal um die Trauer der Sterbenden wie die der Zugeh\u00f6rigen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trauern hei\u00dft\nAbschied nehmen von Rollen und Funktionen, von W\u00fcnschen und Pl\u00e4nen, von\nBeziehungen und Lebensfeldern, von F\u00e4higkeiten und dem Gef\u00fchl der\nUnversehrtheit<\/strong>. Das beginnt mit dem \u00c4lterwerden und es stellt unsere\nIdentit\u00e4t radikal in Frage. Und denen, die mit uns zusammenleben, geht es\ngenauso.Besonders deutlich wird dasbei einer Demenzerkrankung. <strong>Im Abschiednehmen geht es darum, loszulassen,\nwas nicht mehr passt &#8211; aber auch, sich bewusst zu machen, was wir in Erinnerung\nhalten wollen. Von uns selbst und von anderen. Noch vor dem Tod geht es darum, Vers\u00e4umtes\nzu verabschieden und Verlorenes zu betrauern<\/strong> \u2013 Kinderlosigkeit, eine Scheidung,\nberufliches Scheitern oder der Verlust eines Lebenstraums sind eben nicht\neinfach \u201ereparierbar\u201c.<strong> E<\/strong>s geht darum\nzu vergeben. Uns selbst und auch anderen. <strong>Beziehungen\nnoch einmal anzuschauen und durchzuarbeiten &#8211; damit wir in Liebe loslassen\nk\u00f6nnen<\/strong>. Und schlie\u00dflich den roten Faden zu entdecken, den verborgene Sinn,\neine neue Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abschied nehmen f\u00e4ngt\nlange vor dem Sterben an. Mit einer Krankheit, einem Unfall, mit dem Alter,\nbeim Umzug in eine kleinere Wohnung<\/strong>. Vielleicht auch, wenn wir einen Teil\ndes Hauses vermieten. Es beginnt ganz \u00e4u\u00dferlich mit <strong>Aufr\u00e4umen und Ausmisten. Wir m\u00fcssen entscheiden, was wir nicht mehr\nbrauchen, nicht mehr k\u00f6nnen. Abschied nehmen von B\u00fcchern und Aufgaben, von\nSport und Reisen, von M\u00f6beln und Bildern. Sortieren, was wirklich wichtig ist \u2013\nund was unserer Seele gut tut<\/strong>. Dinge, mit denen wir gelebt haben, werdn zu\nErinnerungsst\u00fccken: Fotos, Briefe und Lieblingsb\u00fccher. Ein alter Sekret\u00e4r, ein\nkleiner Teppich. <strong>Nur, was sie wirklich\nausmachte, ging mit in das Stift, in dem meine Mutter zuletzt lebte. Und gab\nreichlich Anlass zum Gespr\u00e4ch mit Fremden und Freunden, die zu Besuch kamen<\/strong>.\nWieviel Lebensgeschichten, auch von Eltern und Gro\u00dfeltern, steckten in diesen\nM\u00f6beln! <strong>Erinnern \u2013 das hei\u00dft eben auch,\nsich des eigenen Erbes bewu\u00dft werden, das Erbe weiter geben. Wir k\u00f6nnen unsere\nAngeh\u00f6rigen dabei unterst\u00fctzen, gute Hinterbliebene zu werden, wenn wir dar\u00fcber\nsprechen und ins Licht r\u00fccken, was f\u00fcr uns wirklich z\u00e4hl<\/strong>t. Noch immer\nstehen auf unserem Kamin die Bilder der Gro\u00dfeltern, wie meine Mutter sie\ngerahmt hatte. In amerikanischen H\u00e4usern ersetzt so eine Bildergalerie die oft\nweit entfernten Gr\u00e4ber. Und wenn ich in meinem Arbeitszimmer an den\nB\u00fccherregalen meines Vaters sitze, habe ich das Gef\u00fchl, im lebendigen Gespr\u00e4ch mit\nihm zu sein. Der Friedhof erscheint mir dagegen wie ein toter Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit vielen Jahren finden wir in Hospizen Steinh\u00fcgel, Sterne\noder und Rosenbeete mit den Namen <strong>der\nVerstorbenen. Die Aussegnungsfeiern dort sind Angeh\u00f6rigen oft vertrauter als\ndie in der Friedhofshalle<\/strong>. In dem Stift, wo meine Mutter starb, wurden\nFotos mit einem Trauerkranz an deren Platz im Speiseraum gestellt. Ein Brauch,\nder inzwischen auch in Berdigungsgottesdienste \u00fcbernommen wurde. <strong>Andere Altenzentren h\u00e4ngen schwarze\nRosetten an den T\u00fcren. In meiner Kindheit hingen solche Rosetten noch an den\nHaust\u00fcren mancher Wohnviertel. Es war zu sehen, zu h\u00f6ren, zu sp\u00fcren, wenn in\nder Nachbarschaft jemand gestorben war<\/strong>. Die Glocken l\u00e4uteten, die\nTrauerz\u00fcge zogen von der Kirche zum Friedhof und die Autos hielten\nselbstverst\u00e4ndlich an. <strong>F\u00fcr einen\nAugenblick stand die Zeit still: Die M\u00e4nner zogen die H\u00fcte und die Jungen die\nM\u00fctze ab. Das alles ist aus unseren Stadtvierteln verschwunden. <\/strong>Stattdessen\nsind die Notarztwagen h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tod und Sterben wurden\nprofessionalisiert, institutionalisiert und medikalisiert. Das hat \u00e4u\u00dfere und\ninnere Gr\u00fcnde. Neben dem medizinisch-technischen Fortschritt spielt die\nVer\u00e4nderung in den Familien eine Rolle<\/strong>: Die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme\nvon Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t und der\ndemographische Wandel haben die Situation grundlegend ver\u00e4ndert. Nur noch ein\nViertel der erwachsenen Kinder lebt am selben Ort. Es ist schwerer geworden,\nBeruf und Pflege zu vereinbaren. Familien f\u00fchlen sich \u00fcberfordert, sie brauchen\nUnterst\u00fctzung. Die Zahl der Patchworkfamilien ist gewachsen. Was in fr\u00fcheren\nGenerationen festgelegt war, muss heute neu ausgehandelt werden<strong>: Traditionen brechen. In unserer zunehmend\nfragmentierten Gesellschaft verlangt die Zeit der Sterbebegleitung, des\nAbschiednehmens und Neuordnens ein hohes Ma\u00df an Kommunikation und Absprachen.<\/strong>\nWann und wo soll die Bestattung sein, wer kann teilnehmen? Welche Art der\nBestattung ist gew\u00fcnscht? Todesanzeigen m\u00fcssen ausgehandelt werden, manchmal\nerscheinen einfach mehrere aus einer Familie<strong>. Was wird aus der Wohnung, den Erbst\u00fccken? Zugleich hat die Dynamik\ndes Alltags zugenommen. Nicht immer gelingt es den Betroffenen, gemeinsame Wege\nzu finden<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kein Wunder, dass Dienstleister\nauch beim Sterben eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen &#8211; wie bei der Hochzeit, wo\nes inzwischen Hochzeitsmanager gibt, hat sich auch hier ein freier Markt von\nRednern und Begleitern entwickelt. Hinzu kommt ein ausgekl\u00fcgeltes\nSterbemanagement &#8211; von der Patientenverf\u00fcgung bis zu den Dienstleistungen des\nBestatters. Aber das kann uns nicht vor der Wucht des Todes sch\u00fctzen<\/strong>. Er\nbleibt die ungeheure Zumutung, die unsere Existenz in Frage stellt. \u201eDas\nnat\u00fcrliche Ende des Lebens ist in jeder Hinsicht unberechenbar und\nunvorhersehbar. Er verlangt inmitten der jeweils besonderen Situation die\nBereitschaft, sich dem Geschehen offen zu stellen. <strong>So merkw\u00fcrdig es klingt: Kreativit\u00e4t ist gefragt\u201c, schreiben Annelie\nKeil und Hennig Scherf in ihrem Buch: \u201eDas letzte Tabu &#8211; \u00dcber das Sterben reden\nund den Abschied leben lernen.\u201c <\/strong>Wie\nKlaus D\u00f6rner geh\u00f6ren sie zur Bewegung der jungen Alten; sie stehen f\u00fcr neue Nachbarschaftsmodelle,\nSeniorenwohngemeinschaften, Mehrgenerationenh\u00e4user<strong>. Sie haben erfahren, wie Wahlfamilien und Sorgende Gemeinschaften beim\nAbschiednehmen helfen. Aber sie wissen auch: Pers\u00f6nliche Auseinandersetzung ist\nn\u00f6tig, Kreativit\u00e4t ist gefragt. Weil immer weniger vorgegeben ist und weil man\nTrauer nicht delegieren kann. <\/strong>Wir m\u00fcssen unseren Abschied selbst gestalten.\n<strong>Abschiednehmen braucht biographische und\nhistorische Bewusstheit, sagt Annelie Keil. Und Trauer braucht Zeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Was noch erz\u00e4hlt werden muss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWas noch erz\u00e4hlt\nwerden muss\u201c,<\/strong> hei\u00dft das j\u00fcngst erschienen Buch des Magdeburger\nKrankenhausseelsorgers Hans Bartosch. Die Lebensgeschichten, die darin\naufgeschrieben sind, sind Beitr\u00e4ge zur Zeitgeschichte, entstanden aus\nGespr\u00e4chen am Krankenbett. Erz\u00e4hlungen aus den letzten Kriegstagen, von Flucht\nund Vertreibung, von Nachbarschaft und Verrat. <strong>In den Begegnungen wird deutlich, wie kostbar jeder einzelne Beitrag\nist, welche Bedeutung die Einzelnen haben. Die meisten, die hier zur Sprache\nkommen, sind Atheisten oder jedenfalls Agnostiker \u2013 aber sie sch\u00e4tzen, dass da\neiner ist, der genau ihre Geschichte h\u00f6ren will. Als werde sie noch einmal\naufgezeichnet in Gottes Buch.<\/strong> Viele Menschen ahnen vielleicht, dass\nChristinnen und Christen einen Deutungshorizont haben, der \u00fcber das eigene\nLeben hinausgeht. Der helfen kann, auch dem einen Ort zu geben, was droht,\nverloren zu gehen<strong>. Ich glaube, wir\nk\u00f6nnen darauf vertrauen, dass Gott unserer gedenkt, wie es oft in der Bibel\nbeschrieben ist. Dass Gott unser Leben in seine H\u00e4nde geschrieben hat und die\nPuzzleteile zusammenf\u00fcgt. \u201eGedenke, Herr\u201c, hei\u00dft es in vielen biblischen\nGebeten. Dass Gott unserer gedenkt und unsere Identit\u00e4t zusammenh\u00e4lt, davon\nleben wir.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Henning Scherf erz\u00e4hlt in dem schon zitierten Buch, wie er\nals junger Zivi eine ganze Nacht an einem Sterbebett sa\u00df und eine Lebensbeichte\nh\u00f6rte. Es ging \u00fcber seine Kraft, aber er sp\u00fcrte, dass Zuh\u00f6ren das Beste war,\nwas er tun konnte<strong>. Jeder, der das letzte\nKapitel des eigenen Lebens bewusst gestalten will, sollte die notwendige\nUnterst\u00fctzung bekommen, um die eigene Geschichte zu erz\u00e4hlen<\/strong>, Beziehungen\nabzuschlie\u00dfen, das eigene Verm\u00e4chtnis weiter zu geben, und denen, die bleiben,\nSegen zu hinterlassen<strong>. Ich erinnere mich\nan die alt gewordene Nachbarin, deren Sterben ich als Kind miterlebte<\/strong>. Sie\nhatte mir noch lange aus den geliebten Pixib\u00fcchern vorgelesen und bestrickte\nmeine Puppen. Meine Mutter versorgte sie zusammen mit der Gemeindeschwester.\nIch sehe die Girlande aus Wiesenblumen vor mir, die wir kn\u00fcpften und um ihren\nSarg legten \u2013 so wie sie mir oft Blumenkr\u00e4nze in die Z\u00f6pfe geflochten hatte.\nDie Sammeltasse, die sie noch im Herbst als Weihnachtsgeschenk f\u00fcr mich kaufen\nlie\u00df, blieb eine greifbare Erinnerung, als sie schon gegangen war. <strong>Am Ende war es ganz selbstverst\u00e4ndlich,\ndass sie zu Hause aufgebahrt war<\/strong>. Damals, in den 50-ern, lebte der Tod noch\nnebenan. Inzwischen aber scheint es, als kehrte etwas von diesen Kr\u00e4ften\nzur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heute wagen es manche\nwieder, ihre Lieben zu Hause aufzubahren. Der Prozess des Abschiednehmens\nver\u00e4ndert sich, Traditionen erodieren &#8211; zugleich aber werden die Rituale wieder\npers\u00f6nlicher, individueller und phantasievoller<\/strong>. Immer mehr Menschen\ngestalten S\u00e4rge f\u00fcr ihre Lieben, Kinder bemalen das Holz. Manche m\u00f6chten die\nAsche an einem geliebten Ort verstreuen. Und andere halten ein Festmahl auf dem\nFriedhof \u2013 unter B\u00e4umen, wo die V\u00f6gel singen. Damit das gelingt, m\u00fcssen \u00c4ngste\n\u00fcberwunden und Tabus abgebaut werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Autorin Petra Schuseil hat mit ihrer Freundin Annegret\nZander einen Totenhemd-Blog ins Netz gestellt. Da sieht man bunte Hemden an\neiner Leine h\u00e4ngen und Promis werden interviewt, wie sie sterben m\u00f6chten. <strong>Annegret Zander hat sich eine bunte\nPatchwork-Totendecke n\u00e4hen lassen <\/strong>mit all den Symbolen des Lebens, die ihr\nwichtig waren. Nicht wei\u00df und anonym wie die Hemden der Bestatter, sondern in\nallen Farben des Regenbogens. Sie hat dabei an ihre kleine Tochter gedacht, die\nvor dem Tod nicht erschrecken soll. <strong>Andere\nhatten die Idee, aus den T-Shirts, Pullis oder Schlafanz\u00fcgen verstorbener\nEltern eine Puppe zu n\u00e4hen \u2013 etwas Weiches und Vertrautes, an dem das Kind sich\nfesthalten kann. Die Mapapus sind Seelentr\u00f6ster zum Weinen und Ankuscheln. <\/strong>Wer\nm\u00f6chte nicht etwas Greifbares mitnehmen von dem Verstorbenen \u2013 eine Erinnerung,\ndie ihm heilig ist. <strong>So wie einst\nSchillers Locke aufbewahrt wurde, kann man sich heute eine Haarstr\u00e4hne in Glas verschlie\u00dfen\nlassen und als Schmuck tragen. Als Kette oder als Ring. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schon vor Jahren\nschickte der Bestatter Fritz Roth seinen Koffer zu Prominenten, damit sie\nhineinlegten, was sie mitnehmen wollten auf die letzte Reise<\/strong> \u2013 und\nkonzipierte damit eine Ausstellung f\u00fcr Gemeindeh\u00e4user und Museen. Immer mehr\nMenschen denken nicht nur \u00fcber ihr Sterben, sondern auch \u00fcber ihre Beerdigung\nnach, gestalten die Todesanzeige und das Fest im Voraus. \u201eWenn ich die Chance\ndazu bekomme, m\u00f6chte ich gern auf meiner eigenen Trauerfeier etwas sagen &#8211; per\nVideo, wie das ja l\u00e4ngst m\u00f6glich ist\u201c, schrieb die Journalistin Christine\nWestermann, die dieses Jahr 70 wird. \u201eChance hei\u00dft, wenn ich bewusst sterben\nkann. Wenn abzusehen ist, dass mein Leben zu Ende geht. Ich m\u00f6chte etwas dazu\nsagen, wie es war, mein Leben zu leben. Meine Pl\u00e4ne f\u00fcr mein Begr\u00e4bnis sind\nweit gediehen. Die Musik ist noch ein unsicherer Faktor, sie wechselt von der\nFledermausouvert\u00fcre \u00fcber das Trinklied aus La Traviata bis hin zu Eric Claptons\n\u201eAutumn leaves\u201c \u2013 ein Lied, das mich zu Lebzeiten zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt. Und wenn\nalle Tr\u00e4nen geweint sind, soll es fr\u00f6hlich und ausgelassen zu gehen bei meinem\nLeichenschmaus.\u201c Heute schreiben auch Eltern Tageb\u00fccher, sprechen Videos f\u00fcr\nihre Kinder. Gestalten, was sie weitergeben wollen \u2013 Fotoalben, Musik, ein\nKleidungsst\u00fcck. Auch darin kehren Traditionen wieder; fr\u00fcher hat man Bibeln\noder Gesangb\u00fccher mit Widmung weitergegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer sich in\nSeelsorge, Besuchsdienst oder Hospizarbeit engagiert, hat das Privileg, andere\nMenschen in diesem Prozess zu begleiten. Denn wer einen Sterbenden begleitet,\ntut auch etwas f\u00fcr sein eigenes Leben<\/strong>. <strong>So\nwie umgekehrt jeder, der seinem Begleiter, der Begleiterin das eigene Leben\nanvertraut, ihn beschenkt<\/strong> \u2013 mit anderen Zeiterfahrungen, ungeahnten\nM\u00f6glichkeiten, ehrlichen Aussagen \u00fcber Scheitern und Sackgassen. <strong>Die letzte Lebensphase bringt einen\nunsch\u00e4tzbaren Gewinn: ein Reservoir an Erfahrungen und die M\u00f6glichkeit, mit\nDistanz darauf zu schauen. Wenn mich jemand daran teilhaben l\u00e4sst, kann ich\nentdecken, was f\u00fcr mich selbst wesentlich ist<\/strong>. Der Liedermacher Martin\nBuchholz hat die Besucher seiner Konzerte gebeten, Augenblicke des Gl\u00fccks auf\neiner Postkarte aufzuschreiben und ihm zu schicken. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kirchengemeinden\nk\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass diese Erfahrungen Raum bekommen &#8211; im doppelten Sinne\ndes Wortes. Pfarrerinnen und Pfarrer k\u00f6nnen daran arbeiten, dass andere\nGemeindemitglieder ermutigt werden<\/strong>. Sie k\u00f6nnen ihr Expertenwissen\nweitergeben \u2013 ganz im Sinne des Priestertums aller Getauften. Dabei helfen ganz\npraktische Angebote: Erz\u00e4hlcaf\u00e9s zum Beispiel, biographisches Schreiben oder\nFeste, bei denen das Leben der \u00c4lteren im Mittelpunkt steht. <strong>Es geht um R\u00e4ume, in denen Erinnerungen\nResonanz erfahren. Ich denke an einen Wochenendworkshop, bei dem Konfirmanden\nund ihre Gro\u00dfeltern \u00fcber ihre Konfirmationsspr\u00fcche ins Gespr\u00e4ch kommen<\/strong>.\nOder an ein Jubil\u00e4um, bei dem Menschen aus unterschiedlichen Jahrzehnten der\nGemeindearbeit berichten Kirchengemeinden haben viele M\u00f6glichkeiten, Menschen\nund ihre Geschichten zu w\u00fcrdigen. Sie sind Erz\u00e4hlgemeinschaften und k\u00f6nnen sich\nhochsch\u00e4tzen, Erz\u00e4hlorte in ihrer Mitte zu haben &#8211; bis hin zu den Friedh\u00f6fen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inzwischen entstehen\naber auch neue Orte \u2013 Gedenkorte an Synagogen, Erinnerungsorte an der Stelle,\nwo jemand mit dem Motorrad ums Leben kam. Wo Terroristen einen Club \u00fcberfielen,\nwerden Blumen niedergelegt, <\/strong>Gedenktafeln aufgeh\u00e4ngt. <strong>Angesichts von Flugzeugunf\u00e4llen str\u00f6men die Menschen zu \u00fcberf\u00fcllten\nGottesdiensten. Die \u00f6ffentliche Trauer hat sich gewandelt; sie bleibt nicht\nhinter Friedhofsmauern. Das politische Gedenken ist zur\u00fcck gekehrt<\/strong>. Wir\nsp\u00fcren das auch an den Gedenktagen \u2013 vom Holocaustgedenken bis zu Martin Luther\nKing.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber nicht nur der \u00f6ffentliche\nKalender h\u00e4lt Erinnerungstage bereit \u2013 an Heilige, Dichter, historische\nGestalten. Auch unsere pers\u00f6nlichen Kalender halten diese Momente des Gedenkens\nbereit.<\/strong> Die Geburts- und Sterbedaten unserer Eltern, von Freunden und\nNachbarn m\u00fcssen wir kaum eintragen &#8211; sie bleiben eingeschrieben in unsere\neigene Geschichte. Aber wir k\u00f6nnen sie sichtbar machen: mit einer Kerze am\nFoto, einem Eintrag im Internet, mit Blumen auf dem Friedhof<strong>. Und auch bei Familienfesten, bei\nHochzeiten, Taufen oder Konfirmationen, bleiben die Verstorbenen pr\u00e4sent &#8211; in\nden Reden, den Geschichten oder einfach als schmerzhafte L\u00fccke. Wir bleiben\nverbunden \u00fcber den Tod hinaus \u2013 eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten<\/strong>,\ndie gemeinsam auf die neue Welt warten. Erz\u00e4hlgemeinschaften,\nTischgemeinschaften &#8211; Musik geh\u00f6rt genauso dazu wie ein gutes Essen, die Spiele\nder Kinder wie die Blumen der Nachbarin und die Seelsorge. Aus all dem bildet\nsich ein gemeinsamer Geist, der uns auch in den Umbr\u00fcchen, die wir erleben, Mut\nmachen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnern und Gedenken Bad Rappenau 25.3.19 1.Eure Toten werden leben \u201eEure Toten werden leben\u201c steht \u00fcber dem Friedhofseingang in M\u00f6nchengladbach-Rheydt&#8230;. <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4430\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":466,"menu_order":83,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4430","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4430"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4430"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4430\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4431,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4430\/revisions\/4431"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4430"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}