{"id":4423,"date":"2019-06-21T16:26:24","date_gmt":"2019-06-21T14:26:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4423"},"modified":"2020-02-25T17:55:12","modified_gmt":"2020-02-25T16:55:12","slug":"liebe-schwestern-und-brueder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4423","title":{"rendered":"Liebe Schwestern und Br\u00fcder,"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Haben Sie schon mal\nvon Roseto geh\u00f6rt<\/strong>? Das ist ein kleines Dorf in Pennsylvania, das in den\n60er Jahren ber\u00fchmt wurde. Roseto war <strong>von\nitalienischen Auswanderer gegr\u00fcndet wurden und es hatte damals eine besonders\nniedrige Sterberate bei den unter 65-j\u00e4hrigen &#8211; 30 &#8211; 35 Prozent unter dem\nDurchschnitt<\/strong>. John Bruhn, Mitglied in einem Forscherteam, berichtete, man\nhabe dort <strong>keine Selbstmorde gefunden,\nkeinen Alkoholismus, keine Magengeschw\u00fcre; die meisten Leute seien einfach an Altersschw\u00e4che\ngestorben<\/strong>. In den n\u00e4chsten Jahren ging man <strong>verschiedenen Hypothesen nach<\/strong>: war es ein besonderes Oliven\u00f6l, das\nso gesund erhielt oder insgesamt eine ges\u00fcndere Kost? Tats\u00e4chlich aber nahmen\ndie Leute dort 41 Prozent Fett zu sich. Lag es an den Genen? Am Trinkwasser,\nder medizinischen Behandlung in der dortigen Klinik? Keine Hypothese hielt der\nForschung stand<strong>. Erst in den 70er Jahren\nkam das Forscherteam zu einem ganz anderen, \u00fcberraschenden Ergebnis. Damals\nstarb in Roseto der erste junge Mann am Herzinfarkt<\/strong>. Da hatte das Dorf\nseinen urspr\u00fcnglichen Charakter verloren; die jungen Leute zogen zur Arbeit\nraus, man ging nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig zur Kirche oder in den Club, a\u00df abends\nnicht zusammen auf der Piazza. Im R\u00fcckblick zeigte sich: <strong>Genau das war das Geheimnis.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Essen und Trinken\nh\u00e4lt Leib und Seele zusammen. Aber die Energie, die dabei entsteht, kommt nicht\nnur aus den N\u00e4hrstoffen, sie stammt auch aus dem Austausch mit anderen.\nGemeinschaft macht stark<\/strong>! Das ist der Grund, <strong>weshalb Tischgemeinschaften Konjunktur haben<\/strong>. In Gemeindeh\u00e4usern <strong>treffen sich \u00c4ltere einmal die Woche; da\nwird gemeinsam eingekauft, reihum gekocht, Rezepte werden ausgetauscht und\nGeschichten erz\u00e4hlt<\/strong>. Und wenn jemand fehlt, fragt bestimmt eine andere\nnach. <strong>Anderswo \u00f6ffnet die Cafeteria im\nAltenzentrum f\u00fcr die Kinder der nahegelegenen Tageseinrichtun<\/strong>g. Und in der\nSchweiz <strong>geh\u00f6ren 450 Gruppen zum\nTavolata-Netzwerk<\/strong>. Dort wird reihum in den H\u00e4usern gekocht und: \u201eIch wei\u00df\nnicht, was sch\u00f6ner ist\u201c, sagt Erna Pl\u00fcss: \u201eGemeinsam zu planen, zu kochen,\neinzukaufen und G\u00e4ste zu bewirten oder sich als Gast an einen einladenden Tisch\nzu setzen und das Essen zu genie\u00dfen.\u201c Drei S\u00e4tze sollte jeder im Leben einmal\nh\u00f6ren, sagte mir k\u00fcrzlich ein Freund<strong>:\nDer erste hei\u00dft: \u201eIch liebe Dich\u201c. Der zweite: \u201eIch vergebe Dir\u201c. Und der\ndritte: \u201eDas Essen ist fertig!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tischgemeinschaft,\ndas ist Geben und Nehmen, Austausch und Zugeh\u00f6rigkeit. Nur selbstverst\u00e4ndlich,\ndas ist sie eben nicht mehr. Wir sind alle B\u00fcrger von Roseto<\/strong>. Die\nfamili\u00e4ren Netze d\u00fcnnen aus; das Leben ver\u00e4ndert sich rasant. Und auch die\nNachbarschaften ver\u00e4ndern sich \u2013 angestammte Mieter m\u00fcssen ausziehen, andere\nziehen in die dann schick sanierten Viertel. Ladenzeilen verschwinden und auf\nden Stra\u00dfen h\u00f6rt man andere Sprachen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jeder zehnte Deutsche\ngibt an, dass er sich einsam f\u00fchlt. Und es sind nicht nur die \u00fcber 60-j\u00e4hrigen,\nsondern auch besonders viele junge Leute zwischen 20 und 30. <\/strong>In Gro\u00dfbritannien\nhat man schon ein Ministerium gegen Einsamkeit geschaffen. <strong>Und in Hildesheim, Fulda und Z\u00fcrich machen sich Menschen aus dem\nKirchenvorstand auf den Weg durch ihr Viertel<\/strong>, treffen andere und schauen,\nwas sie gemeinsam mit anderen tun k\u00f6nnen. <strong>F\u00fcr\nAsylsuchende im Quartier. F\u00fcr Menschen, die Gemeinschaft suchen. F\u00fcr Leute,<\/strong>\n<strong>die Unterst\u00fctzung brauchen, um sich in\nihrem Lebensumfeld heimisch zu f\u00fchlen.<\/strong> <strong>\u201e<\/strong><strong>Es geht nicht um volle Kirchenb\u00e4nke. Es geht um das volle Leben. Und\ndas findet sich auch vor der Kirchent\u00fcr\u201c<\/strong>, sagt Martin Piller. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>So f\u00e4ngt es immer an<\/strong>.\nSo war es ja auch in Jerusalem. <strong>Am\nAnfang steht der pfingstliche Sturm, der die Gemeinde aus den festen Mauern auf\ndie Pl\u00e4tze der Stadt treibt. Und das Sprachenwunder, das nicht nur\nSprachgrenzen \u00fcberschreitet.<\/strong> Die Bibel z\u00e4hlt die Volksgruppen auf, die\ndamals in der Stadt waren. All die fremden Namen: <strong>Parther und Meder und Elamiter, Menschen aus Mesopotamien, Jud\u00e4a und\nKappadozien, Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien, \u00c4gypten\nund der Gegend von Kyrene\u2026 &#8211; und viele mehr. Von \u00fcberall her sind sie in die\nStadt gekommen, um das Wochenfest zu feiern.<\/strong> Aber jetzt <strong>spricht Petrus von Jesus, von seiner\nAuferstehung und von Gottes Geist, der alles neu macht. Die Stadt und ihre\nMenschen<\/strong>. Die Bibel, wie Menschen sich begeistern lie\u00dfen und Feuer fingen. <strong>Und es blieb nicht bei diesem einen Event.\nDas Fest ging weiter \u2013 im Alltag.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Apg 2 &nbsp;42 <strong>Sie\nblieben aber best\u00e4ndig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im\nBrotbrechen und im Gebet<\/strong>\u201c, hei\u00dft es. \u201eUnd alle, die gl\u00e4ubig geworden waren,\nwaren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften G\u00fcter und\nHabe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer n\u00f6tig hatte. 46 <strong>Und sie waren t\u00e4glich einm\u00fctig beieinander\nim Tempel und brachen das Brot hier und dort in den H\u00e4usern, hielten die\nMahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden\nWohlwollen beim ganzen Volk.\u201c<\/strong> <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das st\u00e4rkste Symbol der Jerusalemer Gemeinde ist die\nTischgemeinschaft. <strong>Jeder sollte satt\nwerden \u2013 egal, wo er herkam, egal, ob er ein eigenes Einkommen hatte oder\nnicht. Die Gemeinde war bunt zusammengew\u00fcrfelt \u2013 Juden aus Pal\u00e4stina, aus\nKleinasien und Griechenland, Wohlhabende wie Tagel\u00f6hner und auch die Witwen,\ndie vollkommen abh\u00e4ngig von Hilfe waren<\/strong>. Heute w\u00fcrde man von einer sorgenden\nGemeinschaft sprechen \u2013 <strong>man sorgte\nf\u00fcreinander als w\u00e4re die Gemeinde eine Gro\u00dffamilie. Normalerweise gingen Witwen\nn\u00e4mlich in ihre Herkunftsfamilien zur\u00fcck<\/strong>, schlie\u00dflich konnten sich Frauen\nnicht selbst versorgen. Der neue Glaube aber hatte sie aus ihren Familien\nherausgel\u00f6st \u2013 und so wurde die Gemeinde ihre Wahlfamilie.<strong>\nVon Schwestern und Br\u00fcdern war jetzt die Rede. Von V\u00e4tern und M\u00fcttern im\nGlauben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dass der Jerusalemer\nJude aus der Rabbinerfamilie und die griechische Witwe jetzt Geschwister sein\nsollten \u2013 das ging nicht von heute auf morgen in die K\u00f6pfe. Herkunft, Milieu\nund Sprache spielen eben doch eine gro\u00dfe Rolle in den Gemeinde<\/strong>n. Damals wie\nheute. Die griechischen Witwen sa\u00dfen also ganz unten am Tisch \u2013 und kamen oft\nzu kurz. <strong>Frauen, Alte, Fremde\u2026. sie\nwurden schlicht \u00fcbersehen. Und wer sind die Unsichtbaren in unseren Gemeinden?\nDie Demenzkranken<\/strong> vielleicht und ihre Angeh\u00f6rigen? <strong>Die vielen Pflegenden<\/strong>, die seit Jahren zu Hause gebunden sind? <strong>Alleinerziehende? Eine Untersuchung zeigt,\ndass die Taufquote in dieser Gruppe besonders gering ist \u2013 sie haben das\nGef\u00fchl, nicht wirklich dazu zu geh\u00f6ren<\/strong>. Nehmen wir das hin? <\/p>\n\n\n\n<p><em>Apg. 6: <strong>Damals erhob sich ein Murren unter den\ngriechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebr\u00e4ischen, weil ihre Witwen\n\u00fcbersehen wurden bei der t\u00e4glichen Versorgung<\/strong>. 2 Da riefen die Zw\u00f6lf die\nMenge der J\u00fcnger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort\nGottes vernachl\u00e4ssigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Br\u00fcder, seht euch\num nach sieben M\u00e4nnern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll\nGeistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir\naber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 <strong>Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut;\nund sie w\u00e4hlten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und\nPhilippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den\nProselyten aus Antiochia<\/strong>. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten\nund legten ihnen die H\u00e4nde auf.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diese Geschichte gilt\nals Ursprungslegende der Diakonie<\/strong>. Endlich sind Leute da, die sich um die\n\u00dcbersehenen k\u00fcmmern k\u00f6nnen \u2013 <strong>das Problem\nist delegiert. Und darin steckt eine gro\u00dfe Gefahr<\/strong>. <strong>Am Ende sitzen die Armen dann nicht mehr am gemeinsamen Tisch, sondern\nan der Tafel.<\/strong> Und die es sich leisten k\u00f6nnen, teilen nicht wirklich,\nsondern geben vom \u00dcberfluss. Aber so war es damals nicht. <strong>Denn die Namen der Diakone, die hier ausdr\u00fccklich genannt werden,\nzeigen: ausnahmslos alle sind Griechen<\/strong>. Und <strong>bei Stephanus, dem ersten in der Reihe, wird ausdr\u00fccklich sein Glaube\nbetont \u2013 nicht sein Organisationstalent oder seine Dienstbereitschaft<\/strong>.\nStephanus, das ist ja derjenige, der kurz darauf wegen seiner begeisternden\nPredigten zum M\u00e4rtyrer wird!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nein, Diakonie und\nKirche werden hier gerade nicht getrennt \u2013 die ganze Gemeinde ver\u00e4ndert ihre\nPerspektive<\/strong>. <strong>Die \u00dcbersehenen treten\nins Rampenlicht und die Schweigenden bekommen eine Stimme.<\/strong> Die Caring\nCommunity wird zugleich eine enabling Community, eine, die auch die Gaben der\n\u00dcbersehenen entdeckt. <strong>So ist es bis\nheute: die Diakonie kann den Kirchengemeinden helfen, wieder wahrzunehmen und\nzu verstehen, was in ihrer Nachbarschaft geschieht<\/strong> &#8211; in den von Armut\nbetroffenen Familien, in den H\u00e4usern, in denen gepflegt wird oder wo Menschen\nvon Obdachlosigkeit bedroht sind. <strong>Diakonie\nkann Wege aufzeigen, mit diesen N\u00f6ten umzugehen, sich zu engagieren und\nLobbyarbeit zu leisten<\/strong>. <strong>Aber\nletztlich kommt es darauf an, dass die Gemeinde sich \u00f6ffnet<\/strong>. F\u00fcr die\nNotlagen anderer, f\u00fcr einen ehrlichen Umgang mit den eigenen N\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGemeinden sind\nheilige Orte, an denen sich Menschen frei und offen begegnen und austauschen\nk\u00f6nnen, anstatt eine Rolle spielen zu m\u00fcssen<\/strong>\u201c, sagt Beate Jakob. <strong>Wo Menschen sich nicht als stark und als\n\u201eSieger\u201c pr\u00e4sentieren m\u00fcssen, sondern auch einmal ihre Schwachheit und\nHilfsbed\u00fcrftigkeit benennen d\u00fcrfen<\/strong>. <strong>Dadurch\nw\u00e4chst das Bewusstsein, nicht eine Gemeinschaft von Starken zu sein, sondern\nvon Un-Perfekten, die alle auf Gottes Gnade angewiesen sind<\/strong>.\u201c Wenn wir\ngleich miteinander zum Tisch des Herrn gehen und Abendmahl feiern, dann lassen\nwir uns daran erinnern. <strong>Wir leben von\nGottes Gnade wie vom t\u00e4glichen Brot. Und wir haben genug davon, andere\ngl\u00fccklich zu machen. Amen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Predigt 14.06.2019, Christuskirche Velbert<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie schon mal von Roseto geh\u00f6rt? 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