{"id":432,"date":"2015-02-19T18:08:51","date_gmt":"2015-02-19T18:08:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=432"},"modified":"2026-04-24T20:09:01","modified_gmt":"2026-04-24T18:09:01","slug":"morgenandachten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=432","title":{"rendered":"Morgenandachten und  Rundfunkbeitr\u00e4ge"},"content":{"rendered":"\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>100 Jahre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Die Queen und unsere Bilder vom Alter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sonntag, 28. April 2026, 6.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Zukunft haben will, muss die Alten ehren, sagt die Bibel. (2. Mose 20,12) Vater und Mutter, aber auch Lehrerinnen und Mentoren, unsere Vorbilder. Wir sollen sie nicht auf einen Sockel setzen. Sondern von ihnen lernen. Auch aus ihren Fehlern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine, die weltweit das Bild von einem ehrw\u00fcrdigen Alter gepr\u00e4gt hat, war die Queen. 100 Jahre w\u00e4re sie am vergangenen Dienstag geworden. Sie starb mit 96, aber ich h\u00e4tte ihr die 100 durchaus zugetraut. Sie strahlte so viel Stabilit\u00e4t aus, so viel Disziplin und Verantwortung. Bis zum Schluss hat sie anderen Halt gegeben \u2013 in einem Alter, in dem wir gemeinhin selbst als hilfebed\u00fcrftig gelten. Sie war wohltuend anders als andere Alte, die mit knapp 80 immer noch unreif sind und ihrer Verantwortung nicht gewachsen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin keine Spezialistin f\u00fcr K\u00f6nigsh\u00e4user. Aber Elizabeth hat mir imponiert. Sie war erst 26, als sie K\u00f6nigin wurde. Von Anfang an nahm sie ihre Aufgabe selbstbewusst wahr. &nbsp;In den 70 Jahren, in denen Elizabeth das Vereinigte K\u00f6nigreich repr\u00e4sentiert hat, war sie ein Anker in st\u00fcrmischen Zeiten. Dabei hat sie sich nie in den Vordergrund gedr\u00e4ngt. Ihr Platz war klar, sie musste nicht darum k\u00e4mpfen. Wenige Worte gen\u00fcgten, ein langes Schweigen, kleine Zeichen. Ich denke an ihren Hut in den Farben der EU, k\u00f6nigsblau mit gelben Bl\u00fcten. Den trug sie, als sie 2017 das Parlament er\u00f6ffnete &#8211; nach Brexit und Neuwahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich war sie keine Heilige. Ein langes Leben bietet viele Gelegenheiten, Fehler zu machen. Und manche Konflikte bleiben liegen. Es ist ihr nicht gelungen, die ungeliebte Schwiegertochter Diana und sp\u00e4ter ihren Enkel Harry mit seiner Frau Meghan in die Familie zu integrieren. Auch politisch tat sie sich schwer mit der Vielfalt im Commonwealth. Sie hielt das B\u00fcndnis noch weitgehend zusammen. Aber jeder konnte sehen, wie es zu br\u00f6ckeln begann. Seit sie fehlt, ordnen sich die Dinge neu. Das Vertrauen in die Monarchie ist auf einem Tiefstand \u2013 vor allem bei den Jungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 21. April w\u00e4re die Queen also 100 geworden. Zu ihrem Festtag hat das K\u00f6nigshaus viele eingeladen, die dieses Jahr ihren 100. feiern. Es ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass Menschen ein so langes Leben selbstbewusst gestalten k\u00f6nnen. In den letzten Wochen sind einige pr\u00e4gende Menschen in hohem Alter gestorben \u2013 ich denke an J\u00fcrgen Habermas und an Alexander Kluge, den Philosophen und den Filmemacher. Beide blieben bis zum Schluss interessiert an den Fragen der Gegenwart &#8211; und daran, die Zukunft zu gestalten.&nbsp; Auch Hochaltrige leben nicht nur in der Vergangenheit. Sie \u00fcbernehmen Verantwortung f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Altersbilder, die wir haben, werden dem nicht gerecht. 2022 erschien eine Studie \u00fcber Altersdiskriminierung in Deutschland. Da meinte rund ein Drittel der Befragten: Alte Menschen sollten \u201ePlatz machen\u201c f\u00fcr die j\u00fcngere Generation . 51 Prozent waren f\u00fcr eine Regelung, wonach \u201eMenschen nur bis zu einem bestimmten Alter, wie etwa bis 70 Jahre, politische \u00c4mter haben d\u00fcrfen\u201c. Denn \u00e4ltere Menschen tr\u00fcgen nicht entscheidend zum gesellschaftlichen Fortschritt bei. (\u201eAgeismus und Altersdiskrimierung in Deutschland\u201c\u2013 im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen Offenheit und Flexibilit\u00e4t. Das gilt f\u00fcr J\u00fcngere und \u00c4ltere. &nbsp;Viele sind auch im Alter noch flexibel, ziehen um, \u00fcbernehmen eine neue Aufgabe. Und wir brauchen Stabilit\u00e4t und Best\u00e4ndigkeit \u2013 das Bewusstsein, woher wir kommen und was uns tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die Jungen wird es keine Zukunft geben. Wir brauchen ihre Ideen. Wir m\u00fcssen sie f\u00f6rdern und ihre Kritik ernst nehmen. Reizt eure Jungen nicht zum Zorn, sagt die Bibel. (Epheser 6,4) Wie wichtig das ist, erleben wir gerade bei der Rentendebatte. Rente ist f\u00fcr Royals nat\u00fcrlich kein Thema. Aber ganz demokratisch gilt: Das Beste ist, wir kommen miteinander ins Gespr\u00e4ch. Mit Respekt vor dem Alter und vor der Jugend. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Hand und Fu\u00df und Herz und Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sonntag, 28. September 2025, 8.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Am-Sonntagmorgen-Hand-und-Fuss-und-Herz-und-Leben-280925-V2.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eDie Gesellschaft lebt davon, dass Menschen tagt\u00e4glich f\u00fcreinander da sind. Kinder und Jugendliche, Frauen und M\u00e4nner schenken etwas von ihren F\u00e4higkeiten, ihrem Wissen, ihrem K\u00f6nnen, ihrem Sachverstand, ihrer Herzlichkeit, ihrer Zeit. Sie tun dies freiwillig und leisten so einen wesentlichen Beitrag zu einer Kultur der Menschlichkeit in der Gesellschaft.\u201c &nbsp;Das sind die ersten S\u00e4tze aus den Leitlinien des Erzbistums K\u00f6ln zum Ehrenamt<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Aus meiner langen Erfahrung als evangelische Pfarrerin kann ich diese Beschreibung best\u00e4tigen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ehrenamtlich t\u00e4tig ist, bringt das ganze Leben mit. Hier geht es nicht nur darum zu funktionieren. Viele sind auf der Suche nach Sinn. Oder sie wollen anderen weitergeben, was sie selbst ausf\u00fcllt, was sie tr\u00e4gt. F\u00fcr andere da zu sein, tut der eigenen Seele gut. Was ich kann und habe, wovon ich begeistert und \u00fcberzeugt bin, das will ich teilen und weitergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In alten Worten dr\u00fcckt das eine Kantate von Johann Sebastian Bach so aus: \u201eHerz und Mund und Tat und Leben muss von Christus Zeugnis geben.\u201c Tats\u00e4chlich: Wovon ich \u00fcberzeugt bin, das hat Auswirkung auf mein Handeln. Mein Tun kann reden. Mein Glaube pr\u00e4gt die Art und Weise, wie ich die Gesellschaft mitgestalte. Darin soll Jesus sp\u00fcrbar werden. Er hat die Ausgesto\u00dfenen an den Tisch geholt und die Kinder gesegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine meiner Nachbarinnen engagiert sich in der Grundschule nebenan. Sie war selbst lange Lehrerin. Sie wei\u00df, wie es den Kindern geht, die sich mit dem Lesen und Schreiben schwertun. Weil sie zugewandert sind oder weil die Eltern keine Zeit haben, sie zu unterst\u00fctzen. Deshalb engagiert sie sich in ihrem Ruhestand sich f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. So wie andere beim Besuchsdienst in der Gemeinde oder beim Mittagstisch f\u00fcr Einsame.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Ich habe die Erfahrung gemacht als Lehrerin, dass es sehr schwer ist, mit einer gro\u00dfen Klasse auf unterschiedlichem Niveau voranzukommen. Und ich habe mir gesagt: Wenn ich im Ruhestand bin, m\u00f6chte ich gern ein bisschen helfen, aktiv sein \u2013 und was ist besser als eine Schule nebenan? Ich konnte dahin gehen und sagen: Braucht ihr Hilfe? Und so habe ich das gemacht und helfe an zwei Tagen voll im Unterricht mit \u2013 und nicht nur als Lesepatin. Man sieht auch, wie sch\u00f6n es ist, wenn die Kinder meine Hilfe annehmen. Ich sehe ja: Wenn ich reinkomme, gehen gleich die Finger hoch: Kannst du mir helfen, kannst du mir helfen? Das ist f\u00fcr die Lehrerin ein Geschenk und f\u00fcr mich eine wunderbare Gelegenheit \u2013 und au\u00dferdem macht es mir Spa\u00df. Und was auch sehr sch\u00f6n ist: Ich bin ja im Grunde genommen nur eine Zugereiste. Aber durch die Kinder habe ich neue Netzwerke im Ort.<\/strong>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas tollste Engagement ist, als Mentor:in einen kleinen Menschen \u00fcber mehrere Jahre zu begleiten\u201c, sagt der Migrations- und Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani. \u201eDas ist gar nicht so aufw\u00e4ndig und etwas, was sinnstiftend ist, Freude bereitet und gleichzeitig von enormem Wert f\u00fcr die Gesellschaft insgesamt ist.\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wir erleben jetzt den demographischen Wandel, der seit vielen Jahren angek\u00fcndigt wird. Die Babyboomer gehen in Rente; der Fachkr\u00e4ftemangel wird sp\u00fcrbar. Das macht Druck \u2013 nicht nur auf Arbeitslose und Gefl\u00fcchtete, sondern auch auf Frauen und Familien. Die Erwerbsquote soll steigen, um Wirtschaft und Sozialsystem fit zu halten. Nicht zuletzt im Blick auf die Renten. Die Generation \u201eSilver Ager\u201c, die jetzt in den Ruhestand geht, ist k\u00f6rperlich und mental die fitteste Rentnergeneration in unserer Geschichte. \u00c4ltere sind also keineswegs nur ein Problem, weil sie irgendwann Unterst\u00fctzung brauchen. Sie stehen auch f\u00fcr neue L\u00f6sungen. Der Soziologe El-Mafaalani meint sogar: \u201eWenn diese Generation jetzt einfach in den Ruhestand geht und sich nicht mehr engagiert f\u00fcr andere gesellschaftliche Bereiche, dann glaube ich nicht, dass es \u00fcberhaupt funktionieren kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber so ist es ja auch nicht. Ganz im Gegenteil. Viele engagieren sich weit \u00fcber das Ruhestandsalter hinaus als Mitarbeitende an der Tafel, in der Hospizarbeit oder als Lesepatin. Mit gro\u00dfer Verl\u00e4sslichkeit und oft jahrelang. Als w\u00e4hrend der Pandemie keine ehrenamtlichen Besuchsdienste in Krankenh\u00e4user oder Pflegeeinrichtungen mitarbeiten durften, als Tafeln schlie\u00dfen mussten, weil die meisten Mitarbeitenden \u00fcber 60 waren, da wurde deutlich, was ohne dieses Engagement fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den Schulen werden mehr Freiwillige gebraucht. Wenn sich nur jede zehnte Person aus den geburtenst\u00e4rksten Jahrg\u00e4ngen in Kita oder Grundschule engagieren w\u00fcrde, w\u00e4ren das mehr als alle Erzieher:innen und Grundschullehrkr\u00e4fte zusammen. Dem Soziologen El-Mafaalani schwebt eine Organisation vor, die m\u00f6glichst viele Schulen erreicht. Also Ansprechpartner in jedem Quartier, in jeder Stadt. Ehrenamtsvertr\u00e4ge mit den Schulen. Ganz sch\u00f6n viel B\u00fcrokratie. Andererseits: Ich kenne das Ehrenamt in Kirche und Diakonie. Ich wei\u00df: Vieles muss geregelt werden, wenn alle zufrieden sein sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfen Initiativen sind oft von Einzelnen inspiriert worden. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern gr\u00fcndete im Hamburg des 19. Jahrhunderts das \u201eRauhe Haus\u201c f\u00fcr verwahrloste Kinder. Er setzte damit gleichzeitig einen Anfang f\u00fcr die neuzeitliche Diakonie. Henry Dunant gr\u00fcndete das Rote Kreuz, und Cecily Saunders brachte die Hospizbewegung in Gang. Heute sind daraus gro\u00dfe Organisationen und Netzwerke geworden. Wer sich angesprochen f\u00fchlt, kann sich beteiligen &#8211; mit Spenden, aber auch mit Zeit. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Freiwilligenagenturen helfen Interessierten, den Ort zu finden, wo sie gebraucht werden. Es gibt so viele M\u00f6glichkeiten. Nicht zu vergessen das traditionelle Ehrenamt in Kirchen, in Diakonie und Caritas. Mehr als die H\u00e4lfte aller Kirchenmitglieder engagieren sich \u2013 in und au\u00dferhalb der Kirchen \u201eStarkes und vielf\u00e4ltiges Engagement ist Markenzeichen unserer Kirche\u201c, sagt Anna-Nicole Heinrich, die Pr\u00e4ses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens mit Corona haben auch die Kirchen gelernt: Das traditionelle Ehrenamt braucht neue Formen. \u00c4ltere Ehrenamtliche, deren Arbeit jahrelang selbstverst\u00e4ndlich schien, kamen nach der Pandemie nicht mehr zur\u00fcck. Sie waren ersch\u00f6pft und nicht wenige f\u00fchlten sich alleingelassen. Das neue Ehrenamt ist projektorientiert. Es hat also einen Anfang und ein Ende, braucht klare Zeitvorgaben, eine Ansprechpartnerin in der Leitung, Auslagenverg\u00fctung sowie Fortbildung und Supervision, wenn n\u00f6tig. Inzwischen wird das immer selbstverst\u00e4ndlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast die H\u00e4lfte der Gesellschaft engagiert sich. Wie kommt es dann, dass immer wieder Organisationen klagen, sie f\u00e4nden keine Ehrenamtlichen mehr? F\u00fcr die Arbeit in der Kommune, in der Kirche, im Sportverein. Offenbar haben viele das Gef\u00fchl, die Strukturen seien zu starr. Die Verwaltung schr\u00e4nke die Ehrenamtlichen &nbsp;ein, die B\u00fcrokratie sei \u00fcberbordend. Die gesellschaftliche Anerkennung aber reiche bei weitem nicht. Das sp\u00fcren vor allem die Ehrenamtlichen bei der Feuerwehr oder in den Rettungswagen. Sie retten Leben. Aber sie werden immer wieder t\u00e4tlich angegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfen Organisationen sind das eine. Aber die vielen kleinen Initiativen sind oft schneller. Bei der \u00dcberflutung an der Ahr nahmen manche ihren Jahresurlaub, stellten ihren Camper in der N\u00e4he auf und taten, was sie konnten: Stra\u00dfen freischaufeln, H\u00e4user entschlammen, neue Fenster einbauen. Sie brachten Kirchen und Friedh\u00f6fe wieder instand, sorgten f\u00fcr Beratungsr\u00e4ume und Seelsorge, wenn die Engagierten ausgebrannt waren. Sie organisierten mitten im Chaos einen Weihnachtsmarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kommt eine ganz andere Art von Ehrenamt ins Spiel: Das spontane Engagement, f\u00fcr das Menschen sehr viel Zeit und Energie geben. Nicht nur an der Ahr, auch an den Grenzen zur Ukraine. Viele fuhren mit dem eigenen Wagen dorthin, brachten Lebensmittel, Decken, Heizk\u00f6rper \u2013 und nahmen Gefl\u00fcchtete mit nach Hause. In M\u00fcnchen oder Berlin gab es sehr schnell Websites, auf denen man Ansprechpartner finden und sich eintragen konnte. Keine B\u00fcrokratie, aber ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das, was Menschen brauchen und was sie geben k\u00f6nnen. Lebendiger Sozialstaat. Mit Herz und Verstand und mit politischem Bewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Herz und Verstand und mit politischem Bewusstsein. Zum Beispiel \u201eOmas gegen rechts\u201c. Zun\u00e4chst eine Graswurzelbewegung. Die Initiative startete in \u00d6sterreich, aus dem spontanen Gef\u00fchl, etwas tun zu m\u00fcssen gegen den sich ausbreitenden Rechtsnationalismus. Die Gruppe wird sichtbar, wo immer es um die Zukunft der Demokratie geht. Inzwischen tragen sie Westen, an denen man sie erkennt. Blau auf Wei\u00df. So eine hat auch meine Nachbarin. Ich habe sie gefragt, wie sie zu den \u201eOmas gegen Rechts\u201c gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Eines Tages bekam ich eine Email von der Vorsitzende . Dann habe ich gesagt, ich gehe mal zur Mitgliederversammlung.) Das ist mein politischer Beitrag. Nicht gegen Rechts, sondern gegen rechtsradikal. (18.40) Alles, was wir so machen, bezahlen wir aus unserer eigenen Mitgliedskasse. Das ist f\u00fcr mich kein Ehrenamt, sondern eine politische Aktivit\u00e4t. Bei den Omas gegen Rechts, da m\u00fcssen wir uns positionieren. Da geht es darum, wie es in Deutschland weiter geht<\/strong>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Leider wurden auch die \u201eOmas gegen Rechts\u201c im Fr\u00fchjahr mit Fragebogen der Union an die damalige Bundesregierung konfrontiert. 551 Fragen, davon 24 zu den \u201eOmas gegen Rechts\u201c. Der Verdacht: Sie n\u00e4hmen Steuergeld aus dem Demokratieprogramm, seien aber nicht neutral. Wer sich an Demonstrationen gegen Rechtsextremismus beteilige &#8211; und das waren Anfang des Jahres viele, auch die Kirchen -, der sei m\u00f6glicherweise nicht loyal zum Staat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe das umgekehrt. Der Staat braucht eine lebendige und vielf\u00e4ltige Zivilgesellschaft. Demokratie muss gelebt werden. Gesetze allein gen\u00fcgen nicht. Darum sollten Politiker und Politikerinnen die zivilgesellschaftliche Arbeit ermutigen, statt Initiativen mit Misstrauen unter Druck zu setzen. Zumal die Omas gegen Rechts vor Ort alles aus eigener Tasche finanzieren: Sie geben nicht nur Zeit, sondern auch Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Der demokratische Staat lebt davon, dass B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung einstehen. In Parteien, Kommunen, Kirchen, Vereinen und Initiativen. &nbsp;Johann Hinrich Wichern, der evangelische Theologe, der sich im 19. Jahrhundert f\u00fcr Kinder in sozialer Not einsetzte, hat Diakonie so verstanden: Diakonie ist nicht nur eine Organisation, sondern eine b\u00fcrgerschaftliche Aufgabe. Engagement ist ein Lebensstil. Im Ehrenamt bringen Menschen sich selbst ein. Und das strahlt aus in Familie, Arbeit und Nachbarschaft, in die Gesellschaft. Da sind wir alle gefragt \u2013 nicht nur Christinnen und Christen. Mit Herz und Mund und Tat und Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Leitlinien zum Ehrenamt des Erzbistums K\u00f6ln https:\/\/www.erzbistum-koeln.de\/export\/sites\/ebkportal\/kultur_und_bildung\/erwachsenen_und_familienbildung\/.content\/.galleries\/downloads\/Leitlinien_Ehrenamt_Final<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a>B[2] BRIGITTE 15.5.25 <a href=\"https:\/\/www.brigitte.de\/aktuell\/gesellschaft\/aladin-el-mafaalani---das-tollste-engagement-ist--einen-kleinen-menschen-zu-begleiten--13945666.htmlhttps:\/www.brigitte.de\">https:\/\/www.brigitte.de\/aktuell\/gesellschaft\/aladin-el-mafaalani&#8212;das-tollste-engagement-ist&#8211;einen-kleinen-menschen-zu-begleiten&#8211;13945666.htmlhttps:\/\/www.brigitte.de<\/a> a.a.O-<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> &nbsp;https:\/\/kmu.ekd.de\/kmu-themen\/ehrenamt<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wenn das Sch\u00f6ne lebensgef\u00e4hrlich wird<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Samstag, 19. Juli 2025, 6.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Morgenandacht-am-19.07.2025-Wenn-das-Schoene-lebensgefaehrlich-wird.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich hatte ganz vergessen, wie schlimm ein Sonnenbrand sein kann. Aber neulich hat es meinen Mann eingeholt. Zweieinhalb Stunden Gartenarbeit in der Mittagssonne gen\u00fcgten, um ihn tagelang zu qu\u00e4len. Schmerzen, Bl\u00e4schen, Jucken und leichter Schwindel. Kaum zu glauben, wie schnell das geht und wie heftig es werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben, am Strand h\u00e4tten wir uns mit Sonnencreme eingerieben, uns gesch\u00fctzt. Vielleicht noch nicht in unserer Kindheit, aber sicher in den letzten Jahren, seit die Urlauber in Australien zur schwarzen Sonnenbrille weitkrempige H\u00fcte und lange \u00c4rmel tragen, weil die UV-Strahlung dort besonders hoch ist. Seitdem schauen auch hierzulande einige gleich am Morgen auf die Strahlung. An den niederl\u00e4ndischen Str\u00e4nden wurden Corona- Desinfektionsstationen zu Sonnencreme-Stationen umgebaut.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Und nicht nur wir haben die letzten Urlaube lieber im Norden verbracht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem es immer h\u00e4ufiger Hitzewellen und Waldbr\u00e4nde gibt, ist der Traum vom sonnigen Urlaub f\u00fcr einige ausgetr\u00e4umt. Aber wir reden immer noch, als sei alles wie fr\u00fcher. Wir w\u00fcnschen einander sonnige Tage und sind stolz auf ein bisschen Sonnenbr\u00e4une oder wir helfen mit Selbstbr\u00e4uner nach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNichts Sch\u00f6neres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein\u201c, hat Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht \u201eAn die Sonne\u201c geschrieben. Ich habe das immer f\u00fcr eine Beschreibung des puren Gl\u00fccks gehalten. Einfach da sein, Farben sehen und W\u00e4rme sp\u00fcren \u2013 da sein und nichts vermissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, dass viele V\u00f6lker in der Antike die Sonne f\u00fcr einen Gott hielten, oft f\u00fcr den h\u00f6chsten Gott. Kein Leben ohne Sonne, ohne Licht und W\u00e4rme. Auch in der Bibel zeigen sich Spuren dieses Sonnenzaubers. In einem Psalm steht: \u201eHerr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel.\u201c (Psalm 8)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Jesus wird mit der Sonne verglichen. Und immer wieder geht es darum, in seinem Licht zu leben. Ende Dezember, wenn wir Weihnachten feiern, war bei den R\u00f6mern das Fest des unbesiegbaren Sonnengottes. Unter Kaiser Konstantin wurde das Sonnenfest zum Weihnachtsfest. Alle sollten sehen, dass das Kind in der Krippe gr\u00f6\u00dfer ist als alle G\u00f6tter. Dass er unser Leben hell macht. Konstantin will das selbst erlebt haben. Als er an der milvischen Br\u00fccke mit seinen Rivalen Maxentius k\u00e4mpfte, da sah er im Licht der Sonne ein Kreuz mit der Schrift \u201eIn diesem Zeichen wirst du siegen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne hinter dem Kreuz steht allerdings urspr\u00fcnglich nicht f\u00fcr einen milit\u00e4rischen Sieg, sondern f\u00fcr die Auferstehung: den Sieg des Lebens \u00fcber den Tod. Dass die Sonne heute zur Gefahr wird, finde ich deshalb doppelt schwer zu ertragen. Denn eigentlich ist es ja nicht die Sonne. Es ist die Atmosph\u00e4re, die sich so ver\u00e4ndert hat \u2013 weil wir der Natur Gewalt antun. Weil wir sie nicht sch\u00fctzen, sondern ausbeuten. Es hat mit uns zu tun, wenn das Sch\u00f6ne lebensgef\u00e4hrlich wird. Das ist wohl nicht erst heute so. Aber ist das ein Trost?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mich tr\u00f6stet die Sch\u00f6pfungsgeschichte \u2013 die Geschichte vom Anfang, die die Bibel erz\u00e4hlt. Als alles noch grau und d\u00fcster war, da h\u00e4ngte Gott seine Lichter an den Himmel \u2013 Sonne, Mond und Sterne. Wie man Lampen anz\u00fcndet, so wurde es pl\u00f6tzlich hell: Tags unter der Sonne, nachts unter Mond und Sternen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist die Sonne eben keine Gottheit, auch nicht der Quell allen Lebens. Sie ist ein Teil der wunderbaren Sch\u00f6pfung wie das Wasser und das Gr\u00fcn an Land. In dieser biblischen Geschichte entsteht die Sonne erst am vierten Tag. (1. Mose 1,14 ff) Wasser und Erde gab es da schon. Dann erst kam die Sonne mit ihrer gro\u00dfen Energie, ein Gestirn, mit dessen Gefahren wir sorgsam und vern\u00fcnftig umgehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts\u201c, w\u00fcnscht ein Psalm in der Bibel. (Psalm 121) Beh\u00fctet sein. Ein breitkrempiger Hut kann wirklich ein Segenszeichen sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a><a href=\" https:\/\/www.merkur.de\/verbraucher\/deutschland-sollte-sich-an-heissen-tagen-dieses-vorbild-von-den-niederlanden-holen-93803798.html\"> https:\/\/www.merkur.de\/verbraucher\/deutschland-sollte-sich-an-heissen-tagen-dieses-vorbild-von-den-niederlanden-holen-93803798.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Star Wars am Sternenhimmel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Donnerstag, 17. Juli 2025, 6.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Morgenandacht-am-17.07.2025-Star-Wars.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Dieses Jahr bekam mein l\u00e4ngst erwachsener Neffe ein besonderes Geburtstagsgeschenk. Raoul Schrotts \u201eAtlas der Sternenhimmel\u201c. Er enth\u00e4lt Sternbilder aus 17 verschiedenen Kulturen. Von unserem Nordstern mit dem Gro\u00dfen Wagen bis zu den Sternbildern der Aborigines in Australien. Gro\u00dfartig, wie die Sterne Geschichten an den Himmel schreiben. Und wie unterschiedlich schon die Sternenkonstellationen aussehen zwischen der n\u00f6rdlichen und der s\u00fcdlichen Halbkugel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde nie den Sternenhimmel \u00fcber Brasilien vergessen, im S\u00fcden bei Porto Alegre, wo die B\u00e4ume tags\u00fcber in kr\u00e4ftigen Farben rot, gelb und blau bl\u00fchen. Und auch nicht den Himmel \u00fcber dem Berg Sinai, wo ich mit einer Gruppe in gro\u00dfen schwarzen Nomadenzelten \u00fcbernachtet habe. Unvergesslich das Leuchten der Sterne am dunklen Himmel, als ich nachts vor das Zelt trat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch, das ich meinem Neffen geschenkt habe, hat mich so beeindruckt, weil es an Kulturen und Geschichten erinnert, die drohen, dem Vergessen anheimzufallen. Mein Neffe ist ein junger Physiker. Ich denke, es ist ein Gewinn, wenn er nicht nur die physikalischen Ph\u00e4nomene studiert, sondern auch die Geschichten kennt, die die Menschen verschiedener Zeiten und Kulturen damit verbunden haben .<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die Sterne dienten schon immer der \u00e4u\u00dferen Orientierung beim Segeln auf dem n\u00e4chtlichen Meer oder beim Zug durch die W\u00fcste. Sie halfen auch der inneren Orientierung: Sie erinnern bis heute an alte, lebensrettende Geschichten und spirituelle Bilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke an die Kinderlieder und Kirchenlieder, in denen die Sterne eine Rolle spielen. So wie in \u201eWei\u00dft du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?\u201c. Viele kennen das alte Lied noch, manche haben es als Kita-Kind gelernt. \u201eGott der Herr hat sie gez\u00e4hlet, dass ihm auch nicht eines fehlet.\u201c Wenn die Erzieherin die Kinder z\u00e4hlt, dann macht sie es wie Gott. Sie achtet darauf, dass niemand verloren geht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die glitzernde F\u00fclle, die wir am Himmel sehen, hat eine Ordnung und einen Sinn. Und f\u00fcr einen Augenblick vergesse ich, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Und dass manche dieser Sterne viel gr\u00f6\u00dfer und \u00e4lter sind als unser blauer Planet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnis, dass sich die Welt nicht um die Erde dreht, sei eine gro\u00dfe Kr\u00e4nkung f\u00fcr den Menschen gewesen, hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud gesagt. Wir sind nicht der Mittelpunkt des Kosmos.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht deshalb versuchen wir umso mehr, nach den Sternen zu greifen. Elon Musk meint: Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis wir alle in den Weltraum fliegen k\u00f6nnen. Als Touristen auf den Mars &#8211; vorausgesetzt, wir k\u00f6nnen das bezahlen. In Starbase, wo Musks Weltraum-Raketen gebaut werden, steht eine riesige Musk-Statue<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Seine Parole: \u201eOccupy Mars!\u201c Den Mars besetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch wird hier ge\u00fcbt. Aber wenn wir die Erde ausgebeutet haben, wenn die Klimakatastrophe weite Teile unbewohnbar gemacht hat, dann ziehen die Superreichen auf den n\u00e4chsten Planeten. Die neue Weltordnung machen sie sich selbst. Die Stadt Star Base hat sie schon \u2013 sie ist unabh\u00e4ngig von den Regeln, die anderswo gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der reichste Mann der Welt schafft sich seine eigene Welt \u2013 eine Welt f\u00fcr die Starken. Einen Gott, der nach den Kindern sieht und nach den Schwachen, der Freude an M\u00fccken und Fischen hat und jede von uns mit Liebe anschaut, den Gott aus dem Kinderlied, den braucht da keiner.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr eine Zukunft. Es soll Menschen geben, die das bewundern. Ich geh\u00f6re nicht dazu. Ich verlasse mich lieber auf Gott, wie ihn die Bibel beschreibt und von dem das Lied singt: \u201eGott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen; kennt auch dich und hat dich lieb.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/politik-weltgeschehen\/weltspiegel\/sendung\/usa-starbase-eine-stadt-fuer-elon-musk-100.html\">https:\/\/www.daserste.de\/information\/politik-weltgeschehen\/weltspiegel\/sendung\/usa-starbase-eine-stadt-fuer-elon-musk-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Boden unter dem Beton<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mittwoch, 16. Juli 2025, 6.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Morgenandacht-am-16.07.2025-Boden-unter-dem-Beton.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Feierabend. Ich ziehe die Schuhe aus und genie\u00dfe es, den Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu sp\u00fcren. Und mich zu erden. In all den Ver\u00e4nderungsprozessen, die wir gerade erleben, wird das f\u00fcr viele immer wichtiger. Innehalten und sich erden. Ich lege mich auf die Yogamatte und beginne, bewusst zu atmen. Warte auf den Moment, wo ich im Rhythmus des Atems schwinge und den Tag loslassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAus Erde bist du gemacht, zu Erde sollst du wieder werden\u201c, hei\u00dft es in der Bibel. Wie wir aus Erde gemacht sind, davon erz\u00e4hlt die biblische Sch\u00f6pfungsgeschichte. Wie eine T\u00f6pferin nimmt Gott Ton in die H\u00e4nde, formt den Menschen und haucht ihm seinen Atem ein. (1. Mose 2,7) Gott atmet in uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo ist der Flecken Erde, an dem ich das besonders sp\u00fcre? Geerdet sein, Gottes Atem in mir. Andrea, meine Yogalehrerin, hat mir gezeigt, wie ich hier auf der Matte in Gedanken dorthin reise. &nbsp;Zu meinem Flecken Erde, der mich erdet. F\u00fcr mich ist das eine Holzbank in den Bergen, gleich neben einem alten Steinbrunnen. Das Pl\u00e4tschern des Wassers in meinen Ohren, dazu das Summen so vieler Insekten &#8211; wie gut das tut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal denke ich auch an Franz von Assisi, der unbedingt im Kontakt mit dem Boden bleiben wollte. Nicht abgehoben, nicht verkopft \u00fcber den Dingen schwebend, sondern nah dran an der Wirklichkeit, auch an Schmutz und Schmerz.<\/p>\n\n\n\n<p>Franziskus, der Papst, hat diese Haltung weitergetragen, wenn er zu den R\u00e4ndern der Welt gereist ist. Manchmal hat er den Boden gek\u00fcsst, wenn er ankam. Zum Beispiel im S\u00fcdsudan, auf dessen Boden so viel Krieg herrscht. Der Kuss f\u00fcr die Erde als ein Zeichen der Hoffnung auf Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei: Der Boden &#8211; das war meist eine Landebahn aus Asphalt. Versiegelt wie gro\u00dfe Teile unserer Erde, gerade hier in Europa. Im Sommer, in der gro\u00dfen Hitze sp\u00fcren wir, was das bedeutet, wenn der Boden kein Wasser mehr aufnimmt, wenn Gr\u00fcn fehlt, das k\u00fchlt. \u201eUnter dem Pflaster den Strand\u201c \u2013 der alte Hippiespruch erinnert daran, dass es einmal mehr gab als Beton und Asphalt. Etwas Wildes, Ungeformtes, etwas Lebendiges \u2013 Energie unter unseren F\u00fc\u00dfen. Die Kraft, die uns erdet.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch in die H\u00e4nde, das ich vor 15 Jahren in den USA gekauft habe. \u201eThreshold\u201c hei\u00dft es, Schwelle. Thom Hartmann, der Autor schreibt \u00fcber \u201edie Krise der westlichen Kultur\u201c. Er sah uns damals, 2009 am Beginn einer gro\u00dfen Transformation. Er zeigte das an vielen Beispielen, unter anderem am Verlust von fruchtbarem Boden. Der wird bedenkenlos plattgemacht, wenn es um einen Verkehrsknotenpunkt geht. Oder um ein Neubauprojekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rheinland, wo \u2013 wie in der Lausitz &#8211; viele D\u00f6rfer f\u00fcr den Braunkohletagebau geopfert wurden, k\u00e4mpfte Bauer Willi, der letzte Landwirt, bis zum Schluss um seinen Boden. Um 400 Jahre Kultur. Wer zwei Handvoll dunkle Erde aus dem Boden holt und die Nase hineinsteckt, der sieht und sp\u00fcrt, wie sie lebt. Kein Flugsand wie in der W\u00fcste, sondern all die kleinen Insekten, Larven, Pflanzenkeime.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Geburtstag hat mir Andrea, meine Yogalehrerin, eine Handvoll Erde in einem kleinen silbernen D\u00f6schen geschenkt. Das war im Fr\u00fchling. Die Erde duftete nach M\u00e4rzenbecher und Maigl\u00f6ckchen. Was bleibt \u00fcbrig, wenn der Boden in den Braunkohlegebieten ausgepl\u00fcndert ist? Die Gruben voll Wasser? Vielleicht bleibt die Erinnerung an alte D\u00f6rfer und die Sehnsucht, sich zu erden.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem alten Kirchengemeindehaus im Rheinland, in dem ich zehn Jahre lang gepredigt habe, war vorn neben dem Altar ein Glasfenster mit dem biblischen Bild vom S\u00e4mann. Das Haus ist l\u00e4ngst abgerissen, aber das Fenster f\u00e4llt mir noch manchmal ein. Es zeigte die dunkle Erde, auf die der S\u00e4mann die Weizenk\u00f6rner wirft. Nicht alles wird aufgehen. Trotzdem nimmt er das Korn aus der Sch\u00fcrze und wirft es mit Schwung weit \u00fcber das Feld. Das Glasfenster illustriert ein Gleichnis, das Jesus erz\u00e4hlt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in diesem Gemeindehaus Gottesdienst gefeiert haben, dann sprach das Fenster mit. Und warb um Vertrauen. Dass der Boden noch tr\u00e4gt, auf dem wir stehen. Und dass wieder Neues wachsen kann. Weil Gott uns Mut macht, etwas auszus\u00e4en, auszuprobieren, uns zu engagieren f\u00fcr unsere Erde.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Mein Dachfenster und der Regenwald<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dienstag, 15. Juli 2025, 6.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Morgenandacht-am-15.07.2025-Mein-Dachfenster-und-der-Regenwald.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Regnet es? Am Fensterrahmen r\u00fcttelt der Sturm. Eben hat es auch geblitzt und gedonnert. Oder habe ich das getr\u00e4umt? Jetzt pladdert der Regen oben auf das Dachfenster. Ich kuschle mich wieder in die Decke und h\u00f6re zu. Ein wunderbares Gef\u00fchl, gem\u00fctlich im Warmen zu liegen, w\u00e4hrend es drau\u00dfen prasselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zelt bei der Jugendfreizeit f\u00e4llt mir ein, das uns eine Weile trocken hielt, bis einer das Dach ber\u00fchrte und der Regen ins Innere lief. Kalt den R\u00fccken runter. Und das Gartenh\u00e4uschen, in dem mein Mann als Kind sa\u00df und spielte, wenn sein Vater im Sommer die Gartenarbeit unterbrechen musste, weil es regnete. Das waren die sch\u00f6nsten Stunden. Regentage allein mit dem Vater. Zeit f\u00fcr Geschichten. Oder zum Vorlesen. Vaters Stimme und der Regen &#8211; sie bleiben f\u00fcr immer verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRegen f\u00e4llt vom Himmel und kehrt nicht dahin zur\u00fcck, ohne die Erde zu befeuchten. So l\u00e4sst er die Pflanzen keimen und wachsen\u201c, steht in der Bibel im Prophetenbuch Jesaja. Gott spricht: \u201eSo ist es auch mit dem Wort, das von mir ausgeht: Es kehrt nicht wirkungslos zu mir zur\u00fcck, sondern bewirkt, was ich will.\u201c (Jesaja 55,10)<\/p>\n\n\n\n<p>Gottes Wort kann unser Leben ver\u00e4ndern und unsere Arbeit fruchtbar machen. Ich glaube: Die Energie, die wir dabei sp\u00fcren, kommt vom Himmel und kehrt im Gebet zu Gott zur\u00fcck. Wie im immerw\u00e4hrenden Kreislauf des Wassers, das unsere Erde feuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie entscheidend der Regen ist, merken wir von Jahr zu Jahr mehr. Das Fr\u00fchjahr war in Deutschland so trocken wie seit Jahren nicht.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Gerade erst haben wir eine fr\u00fche Sommer-Hitzewelle hinter uns. D\u00fcrre und Starkregen wechseln einander ab. In beiden F\u00e4llen w\u00e4chst und reift nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, dass in manchen Gegenden wieder Bitt-Prozessionen stattgefunden haben. Regen-Gebete. Das Wetter ber\u00fchrt unser Vertrauen in die Welt, ja auch unser Gottvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am brasilianischen Regenwald kann man beobachten, wie alles zusammenh\u00e4ngt. Ein gesunder Regenwald produziert selbst Regen. Damit k\u00fchlt er die Atmosph\u00e4re und beeinflusst die notwendigen Niederschl\u00e4ge in ganz S\u00fcdamerika. Aber durch den Klimawandel fehlt den B\u00e4umen jetzt das Wasser. Und im Regenwald entsteht weniger Regen. Der Kreislauf funktioniert nicht mehr. Wenn das so weitergeht, k\u00f6nnte der Regenwald sich in eine Savanne verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rodungen f\u00fcr Weideland und Tierfutter verst\u00e4rken den Klimawandel noch \u2013 genauso wie die Br\u00e4nde. Unsere Volkswirtschaften, unsere Kommunen, unsere Gesundheit &#8211; nichts davon kann ohne W\u00e4lder \u00fcberleben, sagt Elisabeth Cook, Vizechefin des Welt-Ressourcen-Institut. Sie spricht von Alarmstufe Rot. <\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt? Noch mehr Prozessionen \u2013 Regen-Gebete? Jedenfalls Innehalten und denen zuh\u00f6ren, die uns erkl\u00e4ren, was gerade geschieht. Die uns Mut machen, Neues auszuprobieren., wenn alles hoffnungslos scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kind liebte ich es, am Flussufer zu spielen. Und mit Gummistiefeln durch die nassen Wiesen zu stapfen. Wer Wasser und Regen liebt, kennt dieses Gl\u00fcck und sehnt sich danach. Vielleicht ist das der Grund, warum ich so gern zuh\u00f6re, wie der Regen auf Fensterscheiben tropft.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen gibt es immer mehr Engagierte, die den verlorenen Wasserstr\u00f6men nachgehen und schauen, wo alte Staumauern sie aufhalten, wo sie unter der Erde verschwinden. Sie testen die Wasserqualit\u00e4t, registrieren Insekten, Fische und V\u00f6gel. \u00dcber das Internet entsteht eine Karte der Wasserl\u00e4ufe, die vor D\u00fcrre und Starkregen sch\u00fctzen kann. Und auch andern Mut macht, sich zu engagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRegentropfen, die an dein Fenster klopfen\u201c sangen die Comedian Harmonists. \u201eDas merke dir: ist ein Gru\u00df von mir.\u201c K\u00f6nnte von Gott sein, wenn ich an die Worte des Propheten Jesaja denke: \u201eWie der Regen vom Himmel f\u00e4llt, so auch mein Wort\u2026\u201c Jeder Regentropfen ein Liebesgru\u00df. Mich motiviert das zu tun, was ich kann, den Kreislauf des Wassers zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wissen\/Fruehjahrsduerre-visualisiert-Diese-Grafiken-zeigen-wie-krass-der-aktuelle-Regenmangel-ist-article25772869.html\">https:\/\/www.n-tv.de\/wissen\/Fruehjahrsduerre-visualisiert-Diese-Grafiken-zeigen-wie-krass-der-aktuelle-Regenmangel-ist-article25772869.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wolken und Wind<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>V\u00f6llig losgel\u00f6st<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Montag, 14.07.2025, 6.35 Uhr, <span style=\"font-size: medium; white-space-collapse: collapse;\"><\/span><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Morgenandacht-am-14.07.2025-Wolken-und-Wind.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Kurz vorm Aufstehen. Ich sitze auf dem Bett und schaue in das kleine St\u00fcck Himmel, das die Jalousie frei gibt. Grau in Grau. \u00dcber den dunklen Himmel ziehen hellgraue Wolken. Es gibt sch\u00f6nere Tage, wenn die wei\u00dfen Federw\u00f6lkchen \u00fcber einen blauen Himmel tanzen. Und schlimmere, wenn Gewitterwolken \u00fcber den Horizont jagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber egal wie, ich mag es, den Wolken zuzusehen wie Luftschiffen. Ich denke dabei an das alte Lied von Paul Gerhardt: das Lied \u201eBefiehl du deine Wege\u201c. Da dichtet Paul Gerhardt von Gott, der den Himmel lenkt. \u201eDer Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fu\u00df gehen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lied ist ein bisschen melancholisch. Es dreht sich um die Frage, wie man mitten in \u00c4ngsten und Sorgen Gottvertrauen behalten kann. Es gab viele Gr\u00fcnde in Paul Gerhardts Leben, sich Sorgen zu machen. Er lebte in der Zeit des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, verlor seine Frau und vier Kinder. Er stand zwischenzeitlich mittellos da, weil er aus Protest gegen eine Kirchenreform seines Kurf\u00fcrsten seine Pfarrstelle in Berlin aufgegeben hatte. F\u00fcr ihn war es wichtig, nach seinen \u00dcberzeugungen zu leben. Es ging schlie\u00dflich um alles \u2013 um Politik und Kirche, um Familie und Glaubensfragen. \u201eMach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not\u201c hei\u00dft eine Strophe in dem Lied \u201eBefiehl du deine Wege\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich sitze hier auf meiner Bettkante, schaue den Wolken zu und denke an die Kriege heute. An die vielen, die an Post Covid erkrankt sind. Und an alle, die von der Kirche entt\u00e4uscht sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob der Trost, von dem Paul Gerhardt erz\u00e4hlt, auch heute noch hilft? \u201eDer Wolken, Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fu\u00df gehen kann.\u201c Und wenn nicht? Wie sonst gewinnen wir Vertrauen ins Leben?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSag deiner Angst, sie kann gehen\u201c hei\u00dft das Buch, das die Unternehmerin Christine Hildesheim geschrieben hat. Sie meint, wir sollten uns mehr mit unseren Tr\u00e4umen besch\u00e4ftigen. Starke Bilder f\u00fcr die Zukunft k\u00f6nnten den \u00c4ngsten ihre Macht nehmen. Stimmt, f\u00fcr die ersten Christen lie\u00df das Bild von der neuen Stadt Gottes die Angst vor dem kaiserlichen Regime klein werden. Christine Hildesheim r\u00e4t, sich ein Vision Board mit den eigenen Zukunftsbildern zu gestalten &#8211; digital oder auf einem gro\u00dfen Plakat an der Wand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue noch einmal in die Wolken, die sich immer in neuer Gestalt zeigen. Der Trost, den ich dabei empfinde, ist fragil. Fr\u00fcher dachte ich: Die Wolken sind zwar wandelbar. Aber es wird sie immer geben. Inzwischen wei\u00df ich: Das steht nicht fest. Wolken spielen eine entscheidende Rolle im Klimasystem der Erde. Sie fungieren wie ein Schirm, der das Sonnenlicht \u00fcber der Erde filtert. Sie haben damit auch einen Abk\u00fchlungseffekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mit dem Klimawandel k\u00f6nnten sich&nbsp; die H\u00f6he, die Dichte und Ausdehnung der Wolken ver\u00e4ndern. In einigen Klimamodellen verringert sich die Bew\u00f6lkung \u00fcber dem Ozean, je mehr sich die Erde erw\u00e4rmt. Die l\u00f6chrigere Wolkendecke, die dabei entsteht, k\u00f6nnte den Klimawandel weiter ankurbeln. Tats\u00e4chlich gibt es ja schon mehr Luftl\u00f6cher beim Fliegen. Die Freiheit \u00fcber den Wolken ist nicht mehr so grenzenlos wie in unseren Tr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wolken, die ich heute von unten anschaue, k\u00f6nnten in Zukunft ganz anders aussehen. Den Menschen von morgen wird Paul Gerhardts Lied vielleicht nicht mehr so einleuchten. Die alten Glaubensbilder, die uns Halt geben, sind stark mit der Sch\u00f6pfung verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an das Vision Board: positive Zukunftsbilder gestalten. Ich habe in meinem Zimmer eine Plakatwand. Vielleicht pinne ich heute ein Luftschiff daran. Eine Wolke und einen Hei\u00dfluftballon&nbsp; V\u00f6llig losgel\u00f6st will ich schweben mit den Wolken den Himmel entlang.&nbsp; Meine Sorgen loslassen wie Ballast im Ballon. Leicht werden und neues Vertrauen fassen, \u201eDer Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da mein Fu\u00df gehen kann.\u201c Und die F\u00fc\u00dfe derer, die nach uns kommen, auch.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/morgenandacht\/15233\/wolken-und-wind?fbclid=IwY2xjawLh0v9leHRuA2FlbQIxMAABHljch9KPO8tz5P8Z2_pVdmCcChr3Hlt02aYDnpHDZeXlV5jN-lPz2xiFGWe1_aem_EarwoV-0tsUIAN1D69UeTw\">https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/morgenandacht\/15233\/wolken-und-wind?fbclid=IwY2xjawLh0v9leHRuA2FlbQIxMAABHljch9KPO8tz5P8Z2_pVdmCcChr3Hlt02aYDnpHDZeXlV5jN-lPz2xiFGWe1_aem_EarwoV-0tsUIAN1D69UeTw<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Drei Zimmermannsn\u00e4gel und die Reden an die Deutschen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freitag 06.06.2025,&nbsp;06:35, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8222;Ein Mann, der die Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen.&#8220; Das l\u00e4sst Thomas Mann seine Romanfigur Joseph sagen. Ein hellsichtiger Satz damals wie heute.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Joseph trat hinaus unter Sterngeflimmer ins Weben des Mondes. Da waren sie und fielen nieder.&#8220; Das ist der Schluss der Geschichte von &#8222;Joseph und seinen Br\u00fcdern&#8220;, wie Thomas Mann sie erz\u00e4hlt. Den Stoff zu seinem Romanwerk hat er der Bibel entnommen. Josef ist der der Liebling des Vaters mit dem leuchtend-bunten Mantel. Seine \u00e4lteren Br\u00fcder k\u00f6nnen nicht vertragen, wie der Kleine gro\u00dftut. Sie werfen den Tr\u00e4umer in einen Brunnen. Dem Vater sagen sie, er sei tot. Jahre vergehen. Eine Hungersnot bricht aus. Die Br\u00fcder machen sich auf ins Nachbarland \u00c4gypten, um Getreide zu kaufen. Was sie nicht wissen: Josef hat dort Karriere gemacht. Der Tr\u00e4umer konnte Tr\u00e4ume deuten. Durch seine Begabung ist er Statthalter des Pharao geworden. Seine Br\u00fcder erkennen ihn nicht. Josef sorgt daf\u00fcr, &nbsp;dass sie begreifen, wer er wirklich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Da knieen sie vor ihm und sprechen: &#8222;Hier sind wir, Diener deines Vaters und deine Knechte. So vergib uns doch unsere Bosheit und vergilt uns nicht nach deiner Macht.&#8220; &nbsp;&#8222;Br\u00fcder&#8220;, antwortet Josef und umarmt sie, &#8222;was sagt ihr da auf? Als ob ihr euch f\u00fcrchtet, ganz so redet ihr und wollt, dass ich euch vergebe. Bin ich denn Gott?&#8230;Soll ich Pharaos Macht, nur weil sie mein ist, brauchen, um mich zu r\u00e4chen? \u2026 Ein Mann, der die Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So erz\u00e4hlt Thomas Mann die Geschichte. Heute vor 150 Jahren ist er geboren. Seine B\u00fccher wie &#8222;Die Buddenbrooks&#8220; oder &#8222;Der Zauberberg&#8220; sind bis heute Stoff f\u00fcr Filme.<\/p>\n\n\n\n<p>1933, als er mit dem Josephsroman begann, besch\u00e4ftigten ihn Themen wie Macht und Recht, Bosheit und Vers\u00f6hnung. Seinen Joseph l\u00e4sst er sagen: &#8222;Ein Mann, der die Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen.&#8220; Da hat man die M\u00f6chtegerngro\u00dfen damals wie heute vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schrecklicherweise sind solche M\u00e4nner nicht nur zum Lachen. Thomas Mann sah fr\u00fch, was Hitler anrichten wird. Bereits im Oktober 1930, nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen von vier auf 18 Prozent zugelegt hatte, hielt Thomas Mann eine Rede in Berlin. Sein Sohn Klaus schreibt, &#8222;er habe dort das deutsche B\u00fcrgertum mit dringlichem Ernst ermahnt,\u2026&nbsp; die Ideen der Demokratie endlich zu akzeptieren, auf dass die Schmach und (drohende) Katastrophe des Dritten Reiches verh\u00fctet werde&#8220;.&nbsp; Der ber\u00fchmte Dichter war vom Kaisertreuen zum Demokraten geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde schnell zu gef\u00e4hrlich f\u00fcr ihn in Deutschland. So zog Thomas Mann mit seiner Frau 1933 in die Schweiz, suchte 1938 Exil in den USA. Was in Deutschland geschah, lie\u00df er aber nicht aus den Augen. Sp\u00e4testens seit 1940 begann er wieder, sich \u00f6ffentlich einzumischen. Seine Reden an die deutschen H\u00f6rer wurden von der BBC ausgestrahlt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1943, als er von der Bombardierung seiner Heimatstadt L\u00fcbeck erf\u00e4hrt, ist seine Hoffnung gr\u00f6\u00dfer als der Schmerz. Er hofft auf den Zusammenbruch der Hitler-Tyrannei. Die Bomben auf Hamburg oder Dresden versteht er als britische Antwort auf die Zerst\u00f6rung von Coventry.<\/p>\n\n\n\n<p>Die deutsche Luftwaffe hatte die englische Stadt in Schutt und Asche gelegt. In den Tr\u00fcmmern der Kathedrale findet der damalige Dompropst drei Zimmermannsn\u00e4gel. Er setzt sie zu einem Kreuz zusammen und l\u00e4sst die Worte &#8222;Vater vergib&#8220; auf die Wand dahinter schreiben. Kopien dieses Nagelkreuzes h\u00e4ngen inzwischen in 63 Kirchen in Deutschland. Sie haben sich der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft angeschlossen. Freitag mittags um 12 wird dort die Vers\u00f6hnungslitanei gebetet:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: Vater, vergib.<br>Das Streben der Menschen und V\u00f6lker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist: Vater, vergib.<br>Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Fl\u00fcchtlinge: Vater, vergib.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wir sind es nicht, die vergeben k\u00f6nnen. &#8222;Bin ich denn Gott?&#8220;, fragt Joseph bei Thomas Mann. Vergebung ist Gottes Sache. Das gilt damals wie heute zwischen Coventry und Dresden, Moskau, Kiew und Washington, Berlin, Israel und Gaza.<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wir sehen schon die Lichter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Bilder von der Zukunft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Samstag, 14.09.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Morgenandacht-14.09.2024.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie viele Diakonissen haben Sie denn noch? Das wurde ich oft gefragt, als ich Vorstand in der Kaiserswerther Diakonie war. Diakonissen, das sind salopp gesagt evangelische Nonnen. Sie widmen ihr Leben ganz dem christlichen Glauben und dem Dienst f\u00fcr andere. Sie bleiben unverheiratet und leben in ihrer Diakonissengemeinschaft. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg sah man viele von ihnen in ihrer Tracht: blaues oder dunkles einfaches Kleid, wei\u00dfe Haube.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber vor 20 Jahren war schon klar: Es wird nicht mehr lange dauern, bis alle Diakonissen in Rente w\u00e4ren &#8211; im Feierabend, w\u00fcrden sie sagen. Bald w\u00fcrde man keine Schwestern mehr \u00fcber das Gel\u00e4nde laufen sehen. Inzwischen werden Frauen aller Lebensformen, auch verheiratete und verpartnerte, berufst\u00e4tige und ehrenamtliche, nach einem Diakoniekurs eingesegnet \u2013 nicht nur in Kaiserswerth. Von den 400 Schwestern zu meiner Zeit lebt kaum noch ein Viertel. Aber die neue Gemeinschaft ist schon zu erkennen. J\u00fcngere Frauen, die voller Zuversicht die Zukunft gestalten wollen und im Dialog mit den Alten bleiben. In der Schatzkiste der Tradition liegt vielleicht Wertvolles f\u00fcr die Zukunft. Damit geht man vorsichtig um.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit mit heftigen Auseinandersetzungen. Es ging um das Erbe. Um die Tracht und das Pflegeverst\u00e4ndnis, um die Art, wie die Frauen ihren Glauben verstehen und ihren Dienst in Zukunft tun wollen. Wof\u00fcr stehen wir? Was ist unser Ziel? Das zu kl\u00e4ren, ist wichtig in Umbruchsituationen, wenn das Bisherige noch da ist, aber die Zukunft schon aufblitzt und Ver\u00e4nderung fordert.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Kirchengemeinden ist es ja gerade nicht anders:&nbsp; Die Zahl der Pfarrer und Pfarrerinnen nimmt ab, die Einnahmen gehen zur\u00fcck, Kirchen werden geschlossen. Und l\u00e4ngst wird auch da gefragt; Wieviel Taufen haben Sie denn noch? Aber jetzt werden Tauffeste am See gefeiert, die beliebt sind. Auch da blitzt die Zukunft schon auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses NOCH und das SCHON. Das kenne ich auch ganz pers\u00f6nlich. Vielleicht reisen wir doch noch mal nach Lateinamerika? Vielleicht machen wir noch eine l\u00e4ngere Radtour, wenn mein R\u00fccken mitmacht. Was schaffen wir noch? Von welchen Tr\u00e4umen m\u00fcssen wir uns verabschieden? Welche neuen Tr\u00e4ume tr\u00e4umen wir schon?<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6sterreichische Autorin Barbara Pachl-Eberhart hat einen Text geschrieben \u00fcber das, was bleibt zwischen dem Noch und dem Schon: \u201eEgal, was kommt, ich kann immer noch summen, laut oder still. Ich kann immer noch gr\u00fc\u00dfen, jemandem zul\u00e4cheln, einen Atemzug nehmen, der tiefer ist als der vorher. Es gibt immer etwas, das immer noch geht. Immer ein Schlupfloch ins Freie.\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sehe ich es nur noch nicht? Das Schlupfloch ins Freie, das Neue, das kommt. Es wird Zeit, dass ich bewusst nach vorn schaue und die Zukunft gestalte. Dass ich Neues wage. Dazu brauche ich aber ein Bild von der Zukunft. Vielleicht ein Skizzenboard, auf dem ich den Roman entwerfen kann, den ich schon immer schreiben wollte, und sch\u00f6ne Orte, an denen ich ihn tats\u00e4chlich schreibe? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon wenn ich dar\u00fcber spreche, locken mich die Bilder. Ich wage es, noch weiter in die Zukunft zu schauen. \u00dcber das Ende hinaus &#8211; was kommt danach? Vielleicht ist es doch ein Problem, das ich mir alle Bilder vom Himmel abgew\u00f6hnt habe \u2013 weil wir letztlich nicht genau wissen, was kommt. Nur Licht und Liebe, Geborgenheit und Vers\u00f6hnung. Meine Gro\u00dfmutter hat sich den Himmel noch ausgemalt: Da sitzen wir an einem gro\u00dfen Tisch und erz\u00e4hlen. Jemand spielt Klavier, es wird getanzt. Und wir spiegeln unser Leben in den alten Fotos, die hier stehen. \u201eWir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und h\u00f6ren die Musik\u201c, singt der Priester und Dichter Ernesto Cardenal. Da ist es wieder &#8211; dieses Noch-Nicht und das Schon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie viele Diakonissen haben Sie denn noch?\u201c Ich w\u00fcnsche mir, dass in all den Fragen nach dem Noch das Schon bereits anklingt. Dass wir die leuchtende Aura schon sehen, in die sich einmal alles verwandeln wird. So weit ist es noch nicht. Aber wir k\u00f6nnen es schon ahnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Frauenkalender<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Hoffnungszeichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freitag, 13.09.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Morgenandacht-13.09.2024.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Regen war eine Erl\u00f6sung. Am Montagabend kam das Feuer am Brocken im Harz endlich zur Ruhe. 180 Feuerwehrleute waren im Einsatz. 500 Touristen, Wanderer und Einwohnerinnen mussten evakuiert werden. L\u00f6schflugzeuge lie\u00dfen ihre Ladung \u00fcber dem K\u00f6nigsberg, der Nebenkuppe des Brocken ab. Der Brand war schwer zu l\u00f6schen, die Flammenfront war rund einen Kilometer lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit das Klima sich erhitzt, haben wir jedes Jahr Waldbr\u00e4nde gesehen. Nicht nur in Brasilien, sondern auch bei uns. Es ist nicht das erste Mal, dass es am Brocken brennt. Aber diesmal hat es mich besonders angefasst. Noch immer steht der Verdacht im Raum, dass Brandstiftung dahintersteckt. Die Ermittlungen laufen. Falls sich der Verdacht bewahrheitet: Wer tut so was?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1990 haben wir ein paar Urlaubstage im nieders\u00e4chsischen Braunlage verbracht. Von dort kann man zu Fu\u00df zum Brocken in Th\u00fcringen gehen. Ich erinnere mich an unsere Wanderungen &#8211; das frische Gr\u00fcn, den Himmel \u00fcber den Kiefernkronen, an alte Baumst\u00e4mme und Steine, auf denen man Pause machen konnte. Und an das gro\u00dfartige Gef\u00fchl, dass wir dort im Freien laufen konnten, wo ein Jahr zuvor die deutsch-deutsche Grenze verlief, der Eiserne Vorhang. 1990 konnte man noch die Sperrzone mit den milit\u00e4rischen Anlagen sehen. Heute ist das Gebiet zwischen Braunlage, Weringerode und Schierke ein Touristenhotspot \u2013 mit Brockenbahn, Museum und Caf\u00e9. Wenn ich dort bin, sp\u00fcre ich noch heute dieses Gef\u00fchl aus dem Sommer 1990: Freiheit, Offenheit und Verbundenheit. Wohl deswegen tat es so weh, das Feuer zu sehen \u2013 die Glutfenster, die auch noch nachts brannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir kommt dieser Brand wie ein Zeichen vor. Was ich hier sehe, finde ich auch sonst in unserem Land. Verbrannte Erde, wo einmal Hoffnung aufbl\u00fchte. Entt\u00e4uschung \u00fcber nicht eingehaltene Versprechen. Und Spaltung statt tragf\u00e4higer Gemeinschaft. Wo finden wir neue Hoffnung?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Feuer am Wochenende loderten, ist einer der Hoffnungstr\u00e4ger der Friedlichen Revolution gestorben: Friedrich Schorlemmer. Der evangelische Pfarrer aus Wittenberg. B\u00fcrgerrechtler in der DDR und nach der Wende eine wichtige Stimme im wiedervereinigten Deutschland. Alle Medien haben \u00fcber ihn und seinen Tod mit 80 berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen Menschen, die glaubw\u00fcrdig sind, weil sie \u00fcber den Tag hinaussehen. Und Hoffnungszeichen, an denen wir uns festhalten k\u00f6nnen. Friedrich Schorlemmers Hoffnungszeichen war die Pflugschar. Das alte Ackerger\u00e4t, das den Boden umgr\u00e4bt und Furchen zieht, damit neues Leben w\u00e4chst. Damit es wieder gr\u00fcnt und bl\u00fcht, wo vorher verbrannte Erde war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1983 beim Kirchentag zu Luthers 500. Geburtstag lie\u00df Friedrich Schorlemmer eine Pflugschar schmieden. Mit anderen zusammen stand er in einem Innenhof in Wittenberg, wo ein Schmied aus einem Schwert eine Pflugschar gestaltete, noch ehe die Stasi begriff, was geschah. Das sei ein Wunder des Heiligen Geistes gewesen, hat Schorlemmer sp\u00e4ter gesagt. \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c war der Slogan der Friedensbewegung in der DDR. Viele junge Leute trugen den kleinen Aufn\u00e4her auf Hemd oder Jacke. Und selbst dann, wenn sie gezwungen waren, ihn abzuschneiden, erkannte man ihn noch an dem dunkleren, kreisf\u00f6rmigen Fleck auf dem Stoff.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein Bibelwort, aus dem Friedrich Schorlemmer Hoffnung sch\u00f6pfte. Ein Wort des Propheten Micha (Micha 4,3): In den letzten Tagen werden die V\u00f6lker und Nationen \u201eihre Schwerter zu Pflugscharen machen\u201c. Mehr als zweieinhalb tausend Jahre alt und immer noch ist sie da, die Sehnsucht nach Frieden zwischen den V\u00f6lkern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kann uns helfen, Frieden untereinander zu finden? Was hilft, offen und respektvoll miteinander umzugehen? Und nicht zu zerst\u00f6ren, wovon wir leben? Was l\u00e4sst im Harz nach dem Brand auf dem Brocken die jungen B\u00e4ume wieder wachsen? Tats\u00e4chlich kenne ich viele Gruppen &#8211; Umweltverb\u00e4nde, Schulen, Kirchengemeinden, die junge B\u00e4ume pflanzen \u2013 ganz praktisch, aber auch im \u00fcbertragenen Sinne. Da kommt eine neue Generation, die eines Tages \u00fcber den Baumkronen wieder den Himmel sieht. Eine Gie\u00dfkanne w\u00e4re gut dazu. F\u00fcr jeden von uns eine Gie\u00dfkanne. Damit die Hoffnung w\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Jungen ehren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Vielleicht ist jetzt die Zeit, wo wir mehr brauchen, als die Erfahrungen der Alten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Donnerstag, 12.09.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Morgenandacht-12.09.2024.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor zwei Jahren hat die Gleichstellungsbeauftragte des Bundes eine Studie zur Diskriminierung \u00e4lterer Menschen herausgegeben. \u201eAgeismus \u2013 Altersbilder und Altersdiskriminierung in Deutschland\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Naja, was kann das so sein?, dachte ich. So schlecht wie Menschen mit Behinderung oder People of Color geht es uns nun wirklich nicht. Aber was ich dann las, hat mich doch erschreckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund ein Drittel der Befragten stimmt der Aussage zu, dass alte Menschen \u201ePlatz machen\u201c sollten f\u00fcr die j\u00fcngere Generation. Es wird erwartet, dass sie wichtige berufliche und gesellschaftliche Rollen aufgeben. 51 Prozent der Befragten sind f\u00fcr eine Regelung, wonach \u201eMenschen nur bis zu einem bestimmten Alter, wie etwa bis 70 Jahre, politische \u00c4mter aus\u00fcben d\u00fcrfen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss zugeben: Je l\u00e4nger ich das sacken lie\u00df, desto mehr hat es mich gekr\u00e4nkt. J\u00fcngeren etwas zutrauen, von ihnen lernen, gemeinsam unterwegs sein und ihnen dann auch Platz machen \u2013 ja, das klingt gut. Aber in der Umfrage lese ich noch etwas anderes: 53 Prozent sagen, \u00e4ltere Menschen tr\u00fcgen nicht entscheidend zum gesellschaftlichen Fortschritt bei. Vor meinem inneren Auge entstand das Bild, wir \u00c4lteren seien eine verschlafene Generation, die mit den Rezepten von gestern die Zukunft gestalten will.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst habe ich gedacht, die schlechte Bewertung der \u00c4lteren h\u00e4tte mit der Pandemie zu tun. So viele meinen, vor allem Kinder und Jugendliche h\u00e4tten wegen der Sorge um die \u00c4lteren zur\u00fcckstecken mussten. Aber w\u00e4hrend der Lockdowns kamen Alte mit dem, was sie beitragen, auch kaum noch vor. Sie mussten sich zur\u00fcckziehen von ihrem Engagement als Gr\u00fcne Damen, im Besuchsdienst oder als Leihomas, als Hausaufgabenbetreuer, Lesehelferin und an den Tafeln. Das ist nicht so vielen aufgefallen. Es schien auch ohne sie zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Altenrepublik\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist mir klar geworden, dass noch mehr dahintersteckt. Der Soziologe und Podcaster Stefan Schulz hat ein Buch mit dem provokanten Titel \u201eDie Altenrepublik\u201c herausgegeben. Darin setzt er sich mit dem demographischen Wandel auseinander und zeigt anhand der Zahlen, dass \u00c4ltere l\u00e4ngst die Politik im Land bestimmen \u2013 und dass die wenigen J\u00fcngeren dauernd zur\u00fcckstecken m\u00fcssen, nicht nur w\u00e4hrend der Pandemie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das leuchtet mir ein. Ich denke an die Demonstrationen von Fridays for Future oder auch an die vielen, die gegen Rechtsextremismus auf die Stra\u00dfe gegangen sind. Meist waren es junge Leute \u2013 aber \u201eOmas gegen Rechts\u201c waren auch dabei. Es gibt Probleme, die den J\u00fcngeren mehr auf den N\u00e4geln brennen, die sie fr\u00fcher sehen. In dem rasanten Wandel, in dem wir leben, helfen die \u00dcberzeugungen und Rezepte der \u00c4lteren oft nicht mehr weiter. Wie gestaltet man ein Land um, wie eine Wirtschaft, wenn die Klimakatastrophe uns nur noch ein kleines Zeitfenster l\u00e4sst \u2013 zehn Jahre vielleicht?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu sollst Vater und Mutter ehren\u201c, hei\u00dft es in den Zehn Geboten, \u201edamit du lange lebst in dem Land, das dir Gott gegeben hat.\u201c Das klingt nach erhobenem Zeigefinger, ist aber sicher auch ganz praktisch gemeint. Wer gut und lange leben will, muss viel wissen \u00fcber das Miteinander, \u00fcber Gesundheit und Natur. Muss die Traditionen kennen \u2013 und auch die Fehler, die andere vorher schon gemacht haben. Das alles lernen wir von unseren Eltern. Was ist aber, wenn wir, die \u00c4lteren, selbst dazu beigetragen haben, dass nicht mehr sicher ist, wie lange wir gut leben k\u00f6nnen \u2013 in unserem Land und auf Gottes Erde? Was ist, wenn sich vieles in unserem Alltag \u00e4ndern muss \u2013 von der Art, wie wir Stra\u00dfen und H\u00e4user bauen, bis zu Ern\u00e4hrung, Kleidung und Urlaubsfahrten? Dann m\u00fcssen wir \u00c4lteren von den Jungen lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist jetzt die Zeit, das Gebot zu erweitern und auch die Jungen zu ehren \u2013 die mit dem klaren Blick. Du sollst Kinder und Jugendliche ehren, damit du lange lebest in dem Land, das Gott dir gibt. Das bedeutet f\u00fcr \u00c4ltere wie mich: Lernen und verlernen und noch einmal neu probieren. Wie viel Spa\u00df das machen kann, das wissen schon Kinder.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/www.antidiskriminierungsstelle.de\/SharedDocs\/forschungsprojekte\/DE\/Studie_Ageismus_Altersdiskr_Dtl.html<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Als fl\u00f6gen wir davon\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das unterschiedliche Zeitgef\u00fchl von Kindern und Erwachsenen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mittwoch, 11.09.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Morgenandacht-11.09.2024.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>In dieser Woche sind sogar in Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern die Sommerferien vorbei und die Schule hat begonnen.. Wie schnell der Urlaub vor\u00fcbergeht, wie die Tage verfliegen. Lange schlafen, drau\u00dfen fr\u00fchst\u00fccken, lesen und laufen. Ein Tag wie der andere. Wenn ich mich an die Sommerferien meiner Kindheit erinnere, sp\u00fcre ich, wie tief die Bilder in meiner Seele gespeichert sind. <strong>&nbsp;<\/strong>Es duftet nach frischem Gras, ich hocke an einem Bergbach in der Schweiz. Wir sammeln Steine, um einen kleinen Staudamm zu bauen. Sp\u00e4ter habe ich andere Urlaube geliebt. Es gab und gibt so viel zu sehen: die mittelalterliche Stadt, das Museum abseits der Stra\u00dfe, eine faszinierende Landschaft. Wenn ich heute daran denke, wundere ich mich. Wir waren nur eine Woche unterwegs, aber so viel Neues, so viel Verschiedenes steckte darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche sagen, unsere Zeitwahrnehmung ver\u00e4ndere sich mit den Jahren. Je \u00e4lter wir werden, desto weniger Neues erleben wir. Wir sch\u00f6pfen aus alten Erfahrungen. Dann l\u00e4uft das Leben langsamer. Aber im R\u00fcckblick rennt die Zeit nur so dahin. \u201eUnser Leben (\u2026) f\u00e4hret schnell dahin, als fl\u00f6gen wir davon\u201c, hei\u00dft es in der Bibel (Psalm 90). Davonfliegen, als h\u00e4tten wir keine Bodenhaftung mehr. \u00dcber den Dingen schweben \u2013 ob das vor allem im Alter sp\u00fcrbar ist?&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alles zum ersten Mal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kinder sind dem Boden noch ganz nah. Beim Krabbeln, beim Hinfallen und Aufstehen, bei jedem ersten Schritt ins Unbekannte. Zum ersten Mal Fahrrad fahren, zum ersten Mal am Wasser spielen, den ersten Tag in die Schule gehen. Gro\u00df werden. Ich bin schon sechs, sagen sie, und vor ihnen liegt ein ganzes, langes Leben. Ja, du bist schon gro\u00df, sage ich Erwachsene.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist ein Riese, Max\u201c, singt Reinhard Mey in einem Lied f\u00fcr seinen damals zehnj\u00e4hrigen Sohn. Er erz\u00e4hlt davon, dass die Kleinen nicht nur erdverbunden sind, sondern auch in den Himmel wachsen, w\u00e4hrend wir \u00c4lteren schrumpfen. \u201eKinder versetzen so lange Berge, bis der Teufelskreis beginnt, bis sie wie wir als erwachsne Zwerge endlich so klein wie wir Gro\u00dfen sind.\u201c &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Stimmt, wir machen uns oft genug selbst klein. Wir passen uns an, schweigen lieber, ehe wir unangenehm auffallen, halten uns an das Gewohnte. K\u00f6nnen wir als Erwachsene wieder zu Kindern werden \u2013 so voller Vertrauen und ganz im Jetzt? Jesus verspricht das ja: Wenn ihr werdet wie die Kinder, kommt ihr dem Himmel ganz nah.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Springbrunnen und langer, ruhiger Fluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Zeit lang habe ich zwei Armbanduhren mit verschiedenen Zeiten getragen. Mit blauem Armband D\u00fcsseldorf, mit rotem Philadelphia, weil meine Schwester dort wohnte. Deine Zeit und meine Zeit. Aber die Zeit von Kindern und Erwachsenen kann man so nicht bestimmen. Das Besondere ist ja nicht, dass wir in einer anderen Zeitzone leben, sondern dass wir verschieden ticken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist vielleicht eher wie beim Wasser: Ein Springbrunnen die Kindheit, ein langer, ruhiger Fluss das Erwachsensein \u2013 und zwischendrin ein Wasserfall, wenn das Leben immer wieder mal turbulent wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich gro\u00dfartig finde: Als Erwachsene kennen wir verschiedene Zeiten. Wir k\u00f6nnen uns in die Zeitwahrnehmung der Kinder zur\u00fcckversetzen. Wir m\u00fcssen uns nur Zeit nehmen f\u00fcr die Kleinen, dann k\u00f6nnen wir f\u00fcr eine kleine Ewigkeit werden wie sie. Mit ihren Augen sehen wir dann alles noch einmal zum ersten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit, die unendlich erscheint, hat doch ein Ende. \u201eLehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden\u201c, hei\u00dft es in der Bibel. Die Ferien meiner Kindheit sind lange her, und auch mein j\u00fcngster Sommerurlaub liegt hinter mir. Am Himmel sammeln sich schon die Schwalben zum Aufbruch. Sie rufen einander zu. Ihre Brustfedern glitzern silbern in der Sonne. Sie werden davonfliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in meiner Kindheit stelle ich mir vor, wie das wohl ist: fliegen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Versu)che, Dein Leben zu machen \u2013<\/strong> <strong>Was Margot Friedl\u00e4nder an die n\u00e4chste Generation weitergibt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dienstag, 10.09.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Morgenandacht-10.09.2024.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Eigentlich wollte ich es schon l\u00e4ngst kaufen, das Juli-\/August-Heft der Vogue. Jetzt hat es &nbsp;eine Freundin f\u00fcr mich mitgebracht. Am Bahnhofskiosk hat sie eines der letzten Exemplare bekommen. Nun liegt das Heft mit Margot Friedl\u00e4nder auf dem Cover auf meinem Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Da steht sie aufrecht und selbstbewusst in ihrem roten Mantel. Am Revers das Bundesverdienstkreuz&nbsp; Sie strahlt eine ruhige W\u00fcrde aus. Ein Mensch, wie er gemeint war, schreibt ein Kollege im Netz. Ein sch\u00f6ner Gedanke, dass wir erst noch werden, wer wir wirklich sind. Und das Beste kommt zum Schluss.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Margot Friedl\u00e4nder gilt das tats\u00e4chlich. Denn die sogenannten besten Jahre hielten vor allem Angst und Schrecken f\u00fcr sie bereit. Sie war 21, als ihre j\u00fcdische Mutter mit dem j\u00fcngeren Bruder ins KZ deportiert wurde. Margot konnte sich nicht einmal verabschieden. Die Nachbarin gab ihr die Kette ihrer Mutter, die sie bis heute tr\u00e4gt, und deren letzten Wunsch. Eine Ermutigung: \u201eVersuche, dein Leben zu machen!\u201c Das hat Margot getan. Sie ging in den Untergrund, dann mit einem Freund nach New York. Sie heiratete und wurde Amerikanerin.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihren 80ern erst, nach dem Tod ihres Mannes, zog ihre Sehnsucht sie zur\u00fcck nach Berlin. Sie bekam ihren deutschen Pass, ging in Schulklassen und erz\u00e4hlte ihre Geschichte, damit sich das Ganze nicht wiederholt. Sie spricht dar\u00fcber, was es hei\u00dft, ein Mensch zu sein und den anderen als Menschen zu sehen. Weil wir alle das gleiche Blut haben. Kein deutsches, christliches, j\u00fcdisches, muslimisches Blut, sondern menschliches Blut. Sie sieht ihren Auftrag darin, daran zu erinnern. Das ist ihr Verm\u00e4chtnis. Sie ist jetzt 102 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVersuche, dein Leben zu machen!\u201c Die Botschaft der Mutter an ihre Tochter Margot erinnert mich an eine Erz\u00e4hlung aus der Bibel.&nbsp; Es ist ebenfalls eine Geschichte von Flucht und R\u00fcckkehr, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden. Noomi, eine Frau aus Bethlehem, gibt ihre Lebenserfahrung an Rut, ihre Schwiegertochter aus dem Nachbarland, weiter. Noomi war mit ihrem Mann und den beiden S\u00f6hnen ins Nachbarland Moab gezogen, weil in ihrer Heimat Bethlehem Hunger herrschte. &nbsp;Das Nachbarland wurde zur neuen Heimat. Die S\u00f6hne heirateten Moabiterinnen. Die Familie war angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann beginnt das Elend von vorn. &nbsp;Kurz hintereinander sterben Noomis Mann und auch die S\u00f6hne. Noomi beschlie\u00dft, nach Bethlehem zur\u00fcckzukehren. Rut, &nbsp;eine der beiden Schwiegert\u00f6chter, geht mit ihr. Und jetzt hilft Noomi &nbsp;Rut, das neue Land zu verstehen und ihren Weg zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVersuche, dein Leben zu machen!\u201c Margot aus Berlin und Noomi aus Bethlehem. Ich lerne viel von den beiden Frauen. Sie waren Fl\u00fcchtlinge. Sie haben gehungert. Sie haben neue Anf\u00e4nge gewagt. Sie haben die R\u00fcckkehr riskiert. Sie haben ihr Leben gemacht \u2013 mit allen Schattenseiten. Und ihren Auftrag ernst genommen. Am Ende ging und geht es um ihr Erbe, um die Erfahrungen, die sie weitergeben. Es z\u00e4hlt nicht, wo jemand herkommt, sondern ob er und sie ein Mensch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Welchen Grund zu leben und zu hoffen gebe ich an die n\u00e4chste Generation weiter? Das sehe ich als eine zentrale Aufgabe des Alters. Welche entscheidenden Erfahrungen will ich weitergeben? Was macht mich stark, wenn es schwierig wird? Was gibt Hoffnung auf eine neue Zukunft?<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fcrsorge der \u00c4lteren f\u00fcr die kommenden Generationen ist wichtig, damit die ihr Leben machen k\u00f6nnen. Das gilt f\u00fcr uns alle. F\u00fcr die \u00c4lteren, die&nbsp; in ihrem bisherigen Leben erfolgreich waren. Es gilt aber besonders f\u00fcr die, die um ihre Zukunft k\u00e4mpfen mussten. Als Migranten wie Noomi &nbsp;oder als Verfolgte wie Margot Friedl\u00e4nder. F\u00fcr mich sind sie Vorbilder. Wo kann ich J\u00fcngere ermutigen: \u201eVersuche, dein Leben zu machen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Und wenn es hoch kommt, so sind es 80\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Von der Bedeutung der Arbeit f\u00fcr unser Leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Montag, 09.09.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Morgenandacht-09.09.2024.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eUnser Leben w\u00e4ret 70 Jahre, und wenn\u2019s hochkommt, so sind\u2019s 80\u201c, h\u00f6re ich mich sagen. Ich stehe am Rednerpult in der alten Friedhofskapelle. Gleich vor mir sitzt die Familie des Verstorbenen. Viele sind \u00fcber 60 oder in den 70ern. Da stehe ich, lese diesen Satz aus der Bibel und sp\u00fcre, wie jung ich bin mit meinen damals 30 Jahren. Nicht einmal halb so alt, wie der Psalm die Spanne eines Lebens beschreibt. 70 Jahre, 80 Jahre\u2026 Geht mich, die damals junge Frau, \u00fcberhaupt an, was ich vorlese? Wie der Beter dieses Psalms das Leben sieht von seinem Ende her? &nbsp;\u201eUnd was daran k\u00f6stlich war, ist M\u00fche und Arbeit gewesen\u201c, lese ich. Es geht um die Frage, was Leben ausmacht. Wof\u00fcr es sich gelohnt hat und was daran k\u00f6stlich ist. Ist das alles am Ende nur Arbeit und M\u00fche?<\/p>\n\n\n\n<p>70 Jahre \u2013 so alt bin ich inzwischen selbst. Wie sieht meine Bilanz aus? Ich denke an Gemeindefeste und Kirchentage, an den Quartierladen in meinem Stadtteil, an dem ich als Pastorin mitgewirkt habe, und die vielen Begegnungen dort, an die Zukunftsforen im Kaiserswerther Krankenhaus, an impulsreiche Ehrenamtskongresse. Ich freue mich \u00fcber das, was m\u00f6glich war. Lauter kleine Leuchtt\u00fcrme.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Psalm als mein biblischer Gespr\u00e4chspartner hat aber wohl einen anderen Blick. Ihm kommt es nicht auf die Leuchtt\u00fcrme an, nicht auf die Besonderheiten. Ihm geht es um das, was den Alltag leuchten l\u00e4sst, was jedem Tag seinen Geschmack gibt. Wie das kr\u00e4ftige St\u00fcck Brot, das ich heute Morgen zum Fr\u00fchst\u00fcck esse. Nur mit Butter bestrichen, schmeckt es einfach k\u00f6stlich. Die n\u00fcchterne Kraft von frischem Brot \u2013 ich genie\u00dfe sie jeden Morgen, bevor ich an den Schreibtisch gehe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen\u201c, soll Martin Luther gesagt haben. Wer schon einmal eine Stelle verloren oder einen gro\u00dfen Berufswechsel erlebt hat, wer in Rente gegangen ist, wei\u00df, wie sehr Arbeit unser Leben pr\u00e4gt. Sie gibt dem Alltag Struktur und Halt. Sie bindet uns ein in ein Beziehungsgeflecht. Und, ja, Arbeit macht uns satt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer nur Urlaub \u2013 das kann es nicht sein. Etwas Entscheidendes w\u00fcrde fehlen. Der Duft aus der Teek\u00fcche, die Kollegin, die schon den ersten Kaffee gekocht hat, ein kurzer Austausch und vor dir entfaltet sich der Tag. Du \u00f6ffnest den Laptop, die kleine Melodie ist zu h\u00f6ren und du bist bereit f\u00fcr neue Aufgaben. F\u00fcnf Tage die Woche \u2013 vielleicht auch nur ein Minijob.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade im Alter, mit 60 oder auch mit 70 m\u00f6chten wir selbst bestimmen, wieviel Zeit wir investieren und f\u00fcr was. Dieser Tage lud Gabriele, eine Freundin, zu ihrer Vernissage ein. Ihre Bilder und Skulpturen sind immer voller Geheimnisse. Ab und an leuchten sie golden. Gabriele hat Kunst unterrichtet. Aber damit sie vor ein paar Jahren aufgeh\u00f6rt. Fr\u00fcher hatte sie zwei Ateliers, eins in Berlin, eins in D\u00fcsseldorf. Nun konzentriert sie sich auf D\u00fcsseldorf, wo sie auch wohnt. Das sah nach R\u00fcckzug aus. Sie hat einiges aufgegeben. Aber: Sie l\u00e4dt ein zur Vernissage und zeigt ihre Kunstwerke. Die Lust am Gestalten h\u00f6rt nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFange nie an aufzuh\u00f6ren! H\u00f6re nie auf anzufangen!\u201c hei\u00dft ein Sprichwort. Gabriele ist ein gutes Beispiel. Sie verabschiedet sich von Dingen und gewinnt dadurch Raum f\u00fcr Neues: ein neuer Stil, neues Material, eine weitere Ausstellung. Dazu braucht man die innere Aufmerksamkeit f\u00fcr das, was dran ist. F\u00fcr die Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft, den Wandel im eigenen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 70, mit 80 f\u00fchlt man sich eben anders als mit 30 oder 40. Dann ist es richtig, manches loszulassen, sich zu konzentrieren auf das, was wirklich z\u00e4hlt. \u00dcberall begegnen mir Menschen, die in diese Richtung unterwegs sind. Mehr als 14 Prozent der Rentner und Rentnerinnen arbeiten \u2013 im alten Job oder in einem ganz neuen. Und fast die H\u00e4lfte der Boomer-Generation kann sich vorstellen, im Ruhestand weiter zu arbeiten. Und dabei geht es nicht nur um die Verg\u00fctung. Sie wissen, wie k\u00f6stlich Arbeit sein kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong><strong>Die letzte Instanz<\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freitag, 24.05.2024, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/24.05.2024-Die-letzte-Instanz.mp3\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wahrscheinlich lag es an den Hugenotten. Wegen der Hugenottengeschichte hat mich das Gedicht so beeindruckt. Als ich zur Schule ging, hatten wir eine Hugenottenfamilie in unserer Bekanntschaft. Ich meine die Protestanten in Frankreich, die dort fr\u00fcher als Minderheit blutig verfolgt wurden. Viele von ihnen flohen und fanden unter anderem in Preu\u00dfen eine neue Heimat. Sie haben nicht unerheblich zum Wohlstand hierzulande beigetragen, die de Maizieres und Charbries, die Dumonts und Fontanes. Als Bauern, Goldschmiede, Handschuhmacher. Um 1700 kam jeder vierte Berliner aus Frankreich.<br>Das Gedicht, das mich so beeindruckt hat, hat Conrad Ferdinand Meyer geschrieben. Es spielt im 16. Jahrhundert, drei Jahre nach der Bartholom\u00e4usnacht, bei der etwa 3000 Protestanten umgebracht wurden. In dem Landhaus einer Hugenottenfamilie klopft es an der T\u00fcr. Drau\u00dfen in Sturm und Regen steht ein Fremder in der Uniform des K\u00f6nigs. Er braucht Quartier f\u00fcr die Nacht und wird freundlich aufgenommen. Jetzt sitzt er am Kamin und w\u00e4rmt sich auf. Da blitzen Erinnerungen auf: War er schon einmal hier? War es dieser Raum &#8211; vor drei Jahren? Es kommt ihm vor, als h\u00f6rte er Kinder schreien. Im Feuer sieht er die F\u00fc\u00dfe einer Frau. Auch unter der Folter gibt sie nicht preis, wo ihr protestantischer Mann zu finden ist. Der Fremde versucht die Erinnerung absch\u00fctteln, setzt sich zum Essen an den Tisch \u2013 und sieht in die entsetzten Augen der Kinder, die ihn erkennen. Er sch\u00fcttet seinen Becher Wein runter und geht auf sein Zimmer.<br>Am Morgen weckt ihn der Hausherr. Er steht neben seinem Bett. Die braunen Haare des Hausherrn sind \u00fcber Nacht wei\u00df geworden. Er wei\u00df also Bescheid und hat ihn doch leben lassen, den M\u00f6rder seiner Frau. Nun begleitet er ihn noch ein St\u00fcck durch den Wald \u2013Angst und Hass zusammen unterwegs. Am Ende l\u00e4sst der Hugenotte den Fremden weiterziehen. Aus Furcht, weil der zu den k\u00f6niglichen Truppen geh\u00f6rt? \u201eDu siehst, ich diene dem h\u00f6chsten K\u00f6nig?\u201c Ja, ich auch, sagt der Hausherr, \u201eund in dieser Nacht ist mir der Dienst so schwergefallen wie nie\u201c. Denn der, mein Gott will keine Gewalt. Die Rache ist seine Sache.<br>Das hat mich beeindruckt: dass einer, der allen Grund zur Rache h\u00e4tte und zudem die Gelegenheit, ganz und gar auf Gewalt verzichtet. Dass er sich selbst diszipliniert. Ich denke jetzt manchmal daran &#8211; jetzt, wo die Gewalt in unserem Land zunimmt. Gegen Politikerinnen, Feuerwehrleute, Krankenwagenfahrer. Gegen J\u00fcdinnen und Juden. Was diszipliniert uns heute? Was h\u00e4lt uns zusammen? Das Vertrauen in Institutionen sinkt, auch in die Kirchen. Kein Wunder, auch die Kirchen haben ja eine Gewaltgeschichte.<br>Hohes Vertrauen genie\u00dft nach wie vor das Bundesverfassungsgericht. Wenn Menschen sich ungerecht behandelt f\u00fchlen, wenn die Freiheit bedroht ist, findet sich dort eine letzte Instanz. Eine Institution, die daf\u00fcr sorgt, dass die Grundrechte aller Menschen geachtet werden. Die das Grundgesetz sch\u00fctzt und weiterentwickelt.<br>Es ist ein Alarmsignal, wenn in einem Land das oberste Gericht nicht mehr sakrosankt ist. Regierungen auf dem Weg zu einem autorit\u00e4ren Staat greifen meistens zuerst die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte an.<br>In Deutschland ist das Bundesverfassungsgericht der H\u00fcter des Grundgesetzes. Aber wer sch\u00fctzt den H\u00fcter? Gestern vor 75 Jahren wurde das Grundgesetz verabschiedet. In Verantwortung vor Gott und den Menschen, wie es in der Pr\u00e4ambel hei\u00dft. Entstanden aus den furchtbaren Erfahrungen von Gewalt und Rache, von Pogromen, Unrecht und Unfreiheit.<br>In dem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer ist es nicht die Macht des K\u00f6nigs, die den Hugenotten davon abh\u00e4lt, Rache zu nehmen. Es ist sein Gottvertrauen. Er verl\u00e4sst sich darauf, dass Gott f\u00fcr Gerechtigkeit sorgt.<br>Auch wenn ich an eine solche letzte Gerechtigkeit glaube, so bin ich doch dankbar, dass es das Bundesverfassungsgericht gibt. Eine weltliche letzte Instanz f\u00fcr alle. Es sch\u00fctzt die Grundrechte jedes Einzelnen. Damit nicht eine aggressive Mehrheit Minderheiten bedroht. Damit nicht Angst und Hass, nicht Gewalt und Rache regieren, sondern Recht und Gerechtigkeit.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Mut, der die Angstmacher auslacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Donnerstag, 23.05.2024, 6.35 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/23.05.2024-Mut-der-die-Angstmacher-auslacht.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Mut! Ich musste immer wieder hinschauen, wie bei Nawalnys Beerdigung Anfang M\u00e4rz die Menschenschlange l\u00e4nger und l\u00e4nger wurde. M\u00e4nner und Frauen, junge und alte Leute. Da standen sie mit ihren Blumen vor dem Friedhofstor. Trotz Verboten und \u00dcberwachungskameras. Lange war gar nicht klar, ob eine \u00f6ffentliche Trauerfeier \u00fcberhaupt stattfinden konnte. Die Beh\u00f6rden suchten das zu verhindern, und nur ein einziger Bestatter in Moskau war bereit, den Sarg aus der Strafkolonie zu \u00fcberf\u00fchren und die Beerdigung zu organisieren. Aber Nawalnys Mutter gab nicht auf. Und sie setzte sich am Ende durch. Schlie\u00dflich war diese kleine Gemeinde bereit zu einem kurzen Gottesdienst f\u00fcr den gl\u00e4ubigen Alexei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Sarg zur Kapelle gefahren wurde, war er mit den Blumen seiner Anh\u00e4nger fast eingedeckt. Und dann fanden sie auch ihre Stimme. Sprechch\u00f6re waren zu h\u00f6ren. \u201eWir haben keine Angst!\u201c Und: \u201eWir werden nicht vergeben.\u201c Bis zum Abend riss der Strom der Menschen nicht ab, die Blumen und Briefe an seinem Grab niederlegten &#8211; lange \u00fcber die abendliche Sperrstunde hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ein paar Tagen, an Pfingsten, musste ich wieder daran denken. Die Freunde Jesu, die sich nach seinem Tod und seiner Himmelfahrt tagelang verkrochen hatten \u2013 stumm und zitternd vor Angst, sp\u00fcrten pl\u00f6tzlich neue Energie, neue Lebendigkeit. Sie fanden ihre Sprache wieder, gingen raus auf die Stra\u00dfen Jerusalems und erz\u00e4hlten von Jesus, von seinen gro\u00dfen Taten und den kleinen Wundern. Begeistert, als h\u00e4tten sie es eben erst erlebt. Und dann hielt Petrus diese Rede. Eine mutige Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spricht von Jesu Tod. Von seiner Kreuzigung. Ja, er spricht sogar dar\u00fcber, wer Schuld hat. \u201eJesus von Nazareth von Gott unter euch ausgewiesen durch m\u00e4chtige Taten und Wunder, wie ihr selbst wisst \u2013\u2002diesen Mann habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht\u201c, steht in der Bibel. Wirklich? Das waren doch die R\u00f6mer, das war doch Pilatus, der dann seine H\u00e4nde in Unschuld wusch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, aber ihr habt sie machen lassen.\u201c Die schweigende Mehrheit \u2013 unschuldig ist sie nicht. Bis gestern h\u00e4tte Petrus nicht gewagt, so zu reden \u2013 viel zu gro\u00df war seine Angst. Aber jetzt ist alles anders. Er hat gerade Gottes Geistkraft wie einen Sturm erlebt, der alles mit sich riss, das Licht von oben \u00fcber den K\u00f6pfen von Jesu J\u00fcngern wie Flammen, die den dunklen Raum erleuchteten, die Kraft, die sie aufgerichtet hat. Die Todesangst war verschwunden &#8211; wovor sollten sie sich f\u00fcrchten?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke f\u00fcr alles, Alexei\u201c steht auf einem Brief an Nawalnys Grab. \u201eWir werden dich nicht vergessen und wir haben keine Angst.\u201c Darunter: \u201eOrthodoxe Christen gegen den Krieg\u201c. Der Brief liegt noch nicht lange dort. Ende M\u00e4rz sind sie noch einmal zum Friedhof gekommen &#8211; 40 Tage nach Nawalnys Tod, wenn sich die Seele nach orthodoxem Glauben endg\u00fcltig vom K\u00f6rper trennt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, mein Pr\u00e4sident, wir geben nicht auf\u201c, hat ein anderer geschrieben. Tats\u00e4chlich &#8211; mit Nawalnys Tod war die Bewegung nicht vorbei. Die Menschen folgten seinem Aufruf am Wahlsonntag Mitte M\u00e4rz. \u00dcberall in Russland gingen sie um 12 Uhr zu den Wahllokalen und bildeten dort immer neue Menschenschlangen. Papiere wurden kontrolliert. Videos ausgewertet, Verh\u00f6re fanden statt &#8211; aber von Angst war nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bewundere diese Menschen, die dem Diktator ins Gesicht lachen. Die der Wahrheit treu bleiben und daran glauben, dass die Solidarit\u00e4t am Ende den l\u00e4ngeren Atem hat. Ich bewundere sie f\u00fcr ihr Durchhalten, auch wenn wir sie schon l\u00e4ngst vergessen haben. Die dem Tod nicht das letzte Wort geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals in Jerusalem sagt Petrus in seiner mutigen Predigt: \u201eEs war unm\u00f6glich, dass der Mann, den ihr gekreuzigt habt, vom Tod festgehalten wurde. Gott hat ihn auferweckt.\u201c Die Kraft der Auferweckung macht Menschen mutig und frei. Als &nbsp;&nbsp;Petrus spricht, begreifen viele, was schiefgelaufen ist. Und sie sp\u00fcren: So kann es nicht weitergehen. Sie wollen in der Wahrheit leben, sie lassen sich taufen und fangen neu an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob das in Russland auch m\u00f6glich ist? Oder in Belarus? Ein Anfang ist gemacht. Jetzt braucht es einen langen Atem.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Steh auf und leuchte!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mittwoch, 22.05.2024, 6.35 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/22.05.2024-Steh-auf-und-leuchte.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eSteh auf und leuchte!\u201c Der Titel dieses Buchs springt mir gleich ins Auge. Es geh\u00f6rt zu einem P\u00e4ckchen, das man bei einer Frauenzeitschrift bestellen kann &#8211; mit dem Duft \u201eForever you\u201c und verschiedenen Sch\u00f6nheitsseren. Und diesem Buch: \u201eSteh auf und leuchte. Damit das Gl\u00fcck dich finden kann\u201c. Was bringt uns zum Leuchten?<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ja tats\u00e4chlich Menschen, die alles \u00fcberstrahlen. Sie kommen in einen Raum und es wird hell. Ist es das Gl\u00fcck, das sie so leuchten l\u00e4sst? Oder strahlen diese Menschen, weil sie ganz mit sich im Reinen sind? In der christlichen Tradition erz\u00e4hlen Heiligenscheine von dem Glanz, der manche Menschen umgibt. Aber diese Heiligen waren nicht unbedingt gl\u00fccklich, im Gegenteil \u2013 oft waren es M\u00e4nner und Frauen mit Verletzungen und Br\u00fcchen in ihrem Leben. Aber sie waren mit Gottes Energie erf\u00fcllt \u2013 und die sp\u00fcrte man sogar in ihrem Schmerz. Als leuchtete das Licht aus den Br\u00fcchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Neue Testament nennt alle Christinnen und Christen Heilige. Aber viele sehen sich selbst nicht so. Die meisten haben eher das Gef\u00fchl, ein kleines Licht zu sein. Nur ein kleines Licht. Eine kleine Flamme. Vielleicht wie die, von der die Pfingstgeschichte in der Bibel erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sitzen die Freundinnen und Freunde Jesu am Morgen in einem abgeschlossenen Raum \u2013 \u00e4ngstlich und traurig dar\u00fcber, dass Jesus nicht mehr bei ihnen ist. Der hatte dieses Leuchten, das so viele Menschen inspiriert hat. Und wie sie da sitzen im Halbdunkel des Morgens, da sehen sie pl\u00f6tzlich Feuerfl\u00e4mmchen \u00fcber den K\u00f6pfen. Von jedem und jeder. Kleine Lichter, die brennen, aber nicht verbrennen. Die flackern, aber nicht verl\u00f6schen. Die ganze Gruppe leuchtet, als w\u00e4re das Feuer von Jesus auf sie \u00fcbergesprungen. Als h\u00e4tte er sie angesteckt mit seiner Energie.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann halten sie es nicht mehr aus in dem Raum. Sie gehen raus auf die Stra\u00dfe, wo Menschen aus aller Welt unterwegs sind. Denn in Jerusalem feiert man Erntedank und Juden von \u00fcberall her sind gekommen. Denen erz\u00e4hlen sie von Jesus \u2013 und jetzt geschieht das wirklich Unglaubliche: Die anderen verstehen sie. Ganz ohne Dolmetscher und Sprachcomputer. \u00dcber alle Sprachgrenzen hinweg. Die Bibel spricht vom Pfingstwunder. Dem Wunder der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin dankbar f\u00fcr jede Stimme, die sich f\u00fcr unsere Gemeinschaft stark macht. F\u00fcr jede Flamme, die sich der aufziehenden Dunkelheit entgegenstellt\u201c, schrieb k\u00fcrzlich eine Bekannte in den sozialen Netzwerken. Sie nennt sich Demoguardian. Demokratiesch\u00fctzerin. \u201eWir sind die letzte Linie unserer Demokratie, der Zukunft unserer Kinder, unseres Friedensprojekts in der EU. Bitte werdet nicht leise, verdunkelt euer Feuer nicht. Geht voran mit gro\u00dfem Mitgef\u00fchl f\u00fcr unsere Nachbarn. \u00dcber alle Grenzen hinweg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerdunkelt euer Feuer nicht!\u201c Macht euch nicht klein, weil ihr denkt, ihr w\u00e4rt nur ein kleines Licht. \u201eWer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinrei\u00dfend, talentiert und fantastisch sein darf?\u201c, hat Marianne Williamson geschrieben \u2013 und sie antwortet sich gleich selbst. \u201eWer bist du denn, es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient der Welt nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nelson Mandela hat diese Worte bei seinem Amtsantritt zitiert. Auch einer mit Verletzungen und Br\u00fcchen, der gerade deshalb strahlte. Nach all den Jahrzehnten, in denen Menschen klein gemacht wurden nur wegen ihrer Hautfarbe, wollte er seine Leute aufrichten. Ihnen neues Selbstbewusstsein geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Marianne Williamson hat recht. Sie schreibt: \u201eUnsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzul\u00e4nglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind. Es ist unser Licht, das wir f\u00fcrchten, nicht unsere Dunkelheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich, es kann bequem sein, sich in der Dunkelheit einzurichten, in Jammern und Klagen. Uns selbst und die Welt verkommen zu lassen. Aber das kann es doch nicht sein. Da halte ich mich lieber an das Motto aus dem Buchpaket: Steh auf und leuchte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wie geht Ver\u00e4nderung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dienstag, 21.05.2024, 6.35 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/21.05.2024-Wie-geht-Vera\u0308nderung.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit einem Knall springt das Fenster auf und ein k\u00fchler, scharfer Wind weht ins Zimmer. Er klemmt die Gardine im Fensterrahmen ein und fegt die Papiere vom Schreibtisch. Ich b\u00fccke mich, um sie aufzuheben, aber noch ehe ich es recht begreife, f\u00e4ngt es drau\u00dfen an zu sch\u00fctten. Als ich zum Fenster zur\u00fcckkomme, ist schon alles durchn\u00e4sst, was auf der Fensterbank lag. Mein Notizbuch, das Handy. Beim Schlie\u00dfen des Fensters sehe ich, dass der Himmel, der eben noch blau war, fast schwarz ist. Alles von einem zum anderen Moment. Ich jedenfalls habe das nicht kommen sehen. Ich ziehe die Jacke \u00fcber, mir ist kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt diese St\u00fcrme, die alles durcheinanderwirbeln. Weil niemand mit ihnen gerechnet hat. Auch die Pfingstgeschichte in der Bibel erz\u00e4hlt davon. Da lese ich: \u201eEs geschah pl\u00f6tzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erf\u00fcllte das ganze Haus\u201c, in dem die Freunde Jesu sa\u00dfen. Das Brausen k\u00fcndigt eine Ver\u00e4nderung an, die alle Sinne und die ganze Wirklichkeit ergreift: das Wetter, die Menschen, das Miteinander. Wo eben noch Angst und Trauer waren, beginnt ein neuer Aufbruch. Wo Stillstand war, w\u00e4chst eine neue, weltumspannende Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche waren dabei, als 1989 die Mauer fiel und Menschen aus Ost und West einander in den Armen lagen. Und wenig sp\u00e4ter beim gro\u00dfen Konzert am Brandenburger Tor. Wenn ich daran denke, h\u00f6re ich die Scorpions mit dem \u201eWind of Change\u201c \u2013 obwohl sie den Song damals in Russland gespielt haben, nicht in Berlin. &nbsp;Heute scheint das alles weit weg. Die Euphorie von damals ist verflogen. Das Gef\u00fchl, ein Wunder zu erleben, l\u00e4ngst unter dem Schutt des Alltags begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich erleben wir einen neuen Sturm, der an unseren Gewissheiten r\u00fcttelt. Kriege und Krisen, die unsere Ordnung in Frage stellen. Die Mauer ist gefallen, aber es wurden neue errichtet. Gef\u00e4ngnistore haben sich ge\u00f6ffnet, aber l\u00e4ngst wurden neue Kerker f\u00fcr politische Gefangene gebaut. Verglichen mit dem, was wir gerade erleben, klingt \u201eWind of Change\u201c geradezu sanft und leise wie ein Wiegenlied, das unter Donner und Sturm verweht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Bibel von den gro\u00dfen, den umst\u00fcrzenden Ver\u00e4nderungen erz\u00e4hlt, spielt die Natur immer mit: Als die Israeliten aus \u00c4gypten befreit werden, bildet das rote Meer eine Gasse. Die Wellen bleiben stehen, damit das Volk trockenen Fu\u00dfes durchkommt. Als Jesus gekreuzigt wird, gibt es ein gro\u00dfes Erdbeben. Alles wird ersch\u00fcttert, bis in die Tiefe \u2013 und die Erde gibt ihre Toten frei. Was da geschieht, ver\u00e4ndert alles \u2013 auch die Vergangenheit. So kommt auch Pfingsten mit Sturm und Feuer und schafft eine neue Welt, ein neues Verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag vielen heute fremd erscheinen. Aber manche kennen die Erfahrung, dass alles, was geschieht, zum Zeichen wird. Der gebrochene Staudamm, die \u00dcberflutung des Tals, das Feuer in der Feriensiedlung &#8211; genauso wie die bl\u00fchenden Mandelzweige im Fr\u00fchling. Man muss nur richtig hinsehen. Meist tun wir das nicht. Der Sturm trifft uns so \u00fcberraschend, weil wir zu selten innehalten &#8211; weil wir nicht wirklich wahrnehmen, was ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freunde Jesu damals haben es wahrgenommen: das gro\u00dfe Brausen, den Sturm der Ver\u00e4nderung und die Feuerflammen, die jeden von ihnen erleuchteten. Sie haben gesp\u00fcrt, wie sie innerlich Mut fassten, sich aufrichteten. Wie sich auch in ihnen etwas \u00e4nderte. Vielleicht, weil sie so lange in der Stille gesessen, weil sie die Trauer ertragen hatten und weil sie auf Gottes Geist warteten, den Geist der Ver\u00e4nderung. In der Stille vor dem Sturm, wenn sich etwas Neues ank\u00fcndigt, muss man bereit sein zuzuh\u00f6ren \u2013 und dann Mut fassen zum Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, darum geht es gerade wieder. \u201eDa hat sich etwas verschoben\u201c, sagen manche. Oder \u201ewir sind an einem Kipppunkt\u201c. \u201eEtwas muss sich grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern.\u201c Aber statt genau hinzusehen, streitet man erbittert \u00fcber das Wie. Pfingsten ist keine Geschichte von gestern. Pfingsten geschieht immer wieder. Die Bibel erz\u00e4hlt davon, damit wir uns vorstellen k\u00f6nnen, wie Ver\u00e4nderung geht. Es geht darum, dem Geist Gottes Raum zu geben, damit wir einander verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Zeitenwenden im Deutschlandtempo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Wer kommt da noch mit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sonntag, 18.02.2024, 8.35 \u2013 8.50 Uhr, <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/18.02.24-Zeitenwenden-im-Deutschlandtempo.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein paar hundert Krankenliegen vor dem Kanzleramt. Auf jeder ein gro\u00dfes Foto \u2013 und davor ein paar Schuhe. Die Turnschuhe hier vorn geh\u00f6ren den Jogger, der so viel Freude daran hatte, morgens zuerst einmal loszulaufen, den Wind zu sp\u00fcren, tief durchzuatmen. Heute kann er nicht einmal mehr spazieren gehen. Die Highheels da geh\u00f6ren einer Businessfrau, die ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut hat. Jetzt ist sie kaum noch privat unterwegs \u2013 und wenn, dann in Mokassins. Und in den rosa Tanzschuhen hat die junge Frau mit den dunklen Locken einen Wettbewerb gewonnen. Heute sitzt sie im Rollstuhl. Ob sie je wieder tanzen wird, das steht in den Sternen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts geht mehr f\u00fcr diese Menschen. Post Covid hat sie ausgebremst. Ihr altes, bewegtes Leben ist uneinholbar vorbei. Darum haben ihre Familien und Freunde im vorigen Jahr die Liegen aufgestellt. Sie wollten der Politik zeigen, dass viel mehr Einsatz n\u00f6tig ist f\u00fcr die Finanzierung von Medizin und Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nutzlos gewordenen Schuhe erinnern aber auch an die vielen anderen, die nicht mehr mitkommen. Die \u00c4lteren, die sich nicht mehr zurecht finden in der digitalen Welt. Wie die Frau, deren Partner die Bank\u00fcberweisungen am PC gemacht hat. Der sich um die Fahrkarten gek\u00fcmmert hat und per WhatsApp mit den alten Kollegen Kontakt hielt. Jetzt, nach seinem Schlaganfall, f\u00fchlt sie sich hilflos und einsam \u2013 der Computer auf seinem Schreibtisch kommt aus einer anderen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler fallen mir ein, die es gewohnt sind zu chatten, zu zocken, zu zoomen. Nach all dem Homeschooling w\u00e4hrend Corona haben sie das Gef\u00fchl, nicht wirklich fertig zu sein mit der Schule. Sie haben vielleicht ein gutes Zeugnis, aber irgendwas fehlt und es ist nicht nur die Klassenfahrt und der Abiball. Viele sind noch immer traumatisiert, haben Essst\u00f6rungen, brauchen Unterst\u00fctzung &#8211; aber es mangelt an Therapiepl\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Paketbote, der dauernd \u00dcberstunden macht und doch zu wenig hat, um auszukommen. Seit die Energiekosten gestiegen sind, seit die Lebensmittel immer teurer wurden, geht auch bei ihm nichts mehr. Wenn er in die Stadt f\u00e4hrt, fallen ihm die leerger\u00e4umten Einkaufszentren auf, die Tankstellen, die l\u00e4ngt schon kleine Einkaufszentren sind &#8211; was wird aus denen, wenn es keine Verbrenner mehr gibt? In der Nacht tr\u00e4umt er von Drohnen, die die Pakete bringen. Es ist ein Alptraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zurzeit&nbsp; viel Grund f\u00fcr Verunsicherung und Zukunftsangst. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir miteinander reden! Aussprechen, was bedr\u00fcckt, hilft. Diese Erfahrung finde ich in der Bibel. Und in vielen ermutigenden Initiativen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr begann mit Stillstand. Trecker vor dem Reichstag, an Autobahnauffahrten, Br\u00fccken und Durchgangsstra\u00dfen. Aber still war es dabei nicht. Hinter dem Hupen der Traktoren sp\u00fcrte jeder die aufgestaute Energie. Wut, Angst und Ohnmacht. Nicht nur bei den Bauern, auch bei den Spediteuren, die sich angeschlossen hatten, den Gastronomen, den Fliesenlegern\u2026 So viel Angst, etwas zu verlieren. Angst, dass sich alles \u00e4ndert. Angst, dass sich doch nichts \u00e4ndert &#8211; trotz der Versprechen. Das Schlimmste, sagen sie, ist die Unsicherheit. Das Gef\u00fchl, keinen Einfluss zu haben, die eigene Zukunft nicht planen zu k\u00f6nnen. Da geht es dem Mittelstand wie den prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten. Die Regierung spricht vom Deutschlandtempo, aber die Z\u00fcge fallen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau des ersten Fl\u00fcssiggas-Terminals war ein gro\u00dfer Erfolg &#8211; ohne h\u00e4tten wir im letzten Winter im Kalten gesessen. So wurde er zum Vorbild f\u00fcr das Deutschlandtempo, von dem der Kanzler spricht. Jetzt soll es gelingen, auch die anderen Ver\u00e4nderungsprozesse zeitnah zu gestalten &#8211; den \u00f6kologischen Umbau der Wirtschaft, B\u00fcrokratieabbau und Digitalisierung, Bundeswehr-, Bildungs- und Bahnreform. &nbsp;Acht \u201eBaustellen der Nation\u201c stellen die Journalisten Philip Banse und Ulf Buermeyer in ihrem neuen Buch vor. Sie beschreiben, \u201ewas wir jetzt in Deutschland \u00e4ndern m\u00fcssen\u201c. Bis Ende des Jahrzehnts, bis 2035, 2045. Immer neue Zielzahlen. Meist bleibt ja die viel beschworene Zeitenwende diffus \u2013 aber hier wird sie konkret. Das verst\u00e4rkt den Druck, Hektik breitet sich aus. Ank\u00fcndigungen \u00fcberschlagen sich, Streichungen werden diskutiert. Am Ende wird gestrichen, was noch gar nicht beschlossen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Politik m\u00fcsse die Menschen mitnehmen, hei\u00dft es. Als werde die Politik nicht auch von Menschen gemacht. Menschen, die sich schlau machen und erkl\u00e4ren m\u00fcssen, Menschen, die sich irren.&nbsp; Aber das Vertrauen in die Entscheider ist auf dem Tiefpunkt. Die sogenannten Eliten werden gebasht, ja verachtet. &nbsp;Und w\u00e4hrend man sich im Netz in Gro\u00dfbuchstaben beschimpft, breitet sich Sprachlosigkeit aus. Braucht man denn einen Trecker, um endlich wahrgenommen zu werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den Hupkonzerten verschwinden die stillen Krisen. Angesichts des Stillstands von Bahnen und Bussen vergisst man leicht die Not derer, die kaum noch mobil sind. In Krankenh\u00e4usern werden ganze Abteilungen geschlossen, weil Pflegekr\u00e4fte fehlen. Mehr als jede zweite Rentnerin &nbsp;muss mit weniger als 1250 Euro auskommen. Kinder lernen in Containern, weil die Renovierung der Schulen nicht vorankommt. Pisa, Migration, der demographische Wandel \u2013 die aktuellen Krisen haben lange vernachl\u00e4ssigte Probleme offengelegt. Die gro\u00dfen Sozialreformen der letzten Jahrzehnte \u2013 Pflegeversicherung, Arbeitsmarktreform, Kita-Ausbau, Gesundheitsreform &#8211; sind l\u00e4ngst \u00fcberholungsbed\u00fcrftig. Und f\u00fcr die neuen wie die Kindergrundsicherung fehlt der Mut. Wer die n\u00f6tigen Investitionen zusammenrechnet, kommt auf mehrere hundert Milliarden f\u00fcr Bildung, Wohnungsbau, Pflege\u2026 Zur Zeitenwende geh\u00f6rt eine Sozialwende. Es reicht nicht, den alten Pfaden zu folgen. Es kann nicht alles bleiben, wie es ist \u2013 auch der Sozialstaat nicht. Mit Ausbessern ist es nicht getan. Und mit Aufschieben schon gar nicht. Die alten Sicherheiten sind zerbrochen \u2013 das gilt es anzuerkennen. Wir brauchen Mut, uns neu aufzustellen. Es wird Zeit, dass wir miteinander reden. Statt uns in Gro\u00dfbuchstaben anzuschreien wie auf X oder Telegramm.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es hat Konsequenzen, wenn wir uns gegenseitig nicht wahrnehmen und nicht zuh\u00f6ren. Sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Armut, Krankheit, Abstiegs\u00e4ngste &#8211; das alles wird bedrohlicher. Und die Gewalt nimmt zu. Gegen Polizei und Notfallsanit\u00e4ter, an Schulen und auf dem Sportplatz, gegen Synagogen und Moscheen. Oft stehen dahinter gesellschaftliche Mechanismen, die bestimmte Gruppen ausschlie\u00dfen &#8211; Migranten vor allem oder B\u00fcrgergeldempf\u00e4ngerinnen. Das f\u00e4ngt klein an: Wir sehen die anderen nicht, wir sehen sie nicht, wie sie wirklich sind. Wir halten ihre Sorgen nicht f\u00fcr legitim. Kein Wunder, wenn manche sich mit Gewalt Respekt verschaffen. Aber das f\u00fchrt nur zu weiterer Polarisierung. Und vertieft die Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an die beiden, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs waren. Es waren Freunde Jesu, erz\u00e4hlt die Bibel. Jesus war vor ein paar Tagen gekreuzigt worden. Seitdem hatten sie das Gef\u00fchl, ihnen w\u00e4re der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen. Sie waren wie erstarrt, hatten Angst vor dem Hass der anderen, Angst vor dem, was kommen w\u00fcrde. Und so hatten sie sich entschieden, zur\u00fcck nach Emmaus zu gehen &#8211; in das Dorf, aus dem sie kamen. Zur\u00fcck in die sichere Vergangenheit. Und sie waren nicht die einzigen. In diesen Tagen drohte die Jesusbewegung zu zerfallen. Jeder ging seinen eigenen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie diese beiden. Auf ihrem Weg nach Emmaus st\u00f6\u00dft ein Fremder zu ihnen. Er schlie\u00dft sich ihnen an. Sie erz\u00e4hlen ihm von ihrem Verlust und er h\u00f6rt zu &#8211; obwohl sie ihn nicht wirklich wahrnehmen; sie sind gefangen in ihrer Verzweiflung. \u201eIhre Augen waren gehalten\u201c, hei\u00dft es in der Bibel. Sie erkennen lange &nbsp;nicht, wer da mit ihnen geht. Bis die Sonne untergeht und sie zusammen einkehren. Am Tisch erst, beim Abendessen, als er das Brot bricht und teilt, da gehen ihnen die Augen auf &#8211; als \u00f6ffnete sich die T\u00fcr in eine andere Gegenwart. Pl\u00f6tzlich wissen sie, &nbsp;der Gekreuzigte lebt. Er ist bei ihnen- &nbsp;mit ihnen unterwegs in ein neues, ein anderes Leben. Diese Erfahrung hat alles ver\u00e4ndert &#8211; sie hat die Richtung ver\u00e4ndert. Sie laufen den ganzen Weg zur\u00fcck nach Jerusalem, zur\u00fcck zu den anderen. Diese Erfahrung hat ihnen Kraft gegeben, noch einmal neu anzufangen \u2013 gegen den Hass und die Angst. Auch, wenn sie nicht wussten, was kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzten Mittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Es sind noch sieben Wochen bis Ostern und viele haben sich gedanklich auf den Weg gemacht. \u201eSieben Woche ohne Alleing\u00e4nge\u201c sollen es sein, sagt die evangelische Kirche. Sieben Wochen mit offenen Augen und Ohren. \u201eKomm r\u00fcber\u201c hei\u00dft das Motto der Fastenaktion, die heute mit einem Gottesdienst in Osnabr\u00fcck er\u00f6ffnet wird. &nbsp;Sie l\u00e4dt ein, uns zu \u00f6ffnen &#8211; f\u00fcr die Hoffnung und f\u00fcreinander.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie in Stuttgart. Da haben Ehrenamtliche und G\u00e4ste aus der Vesperkirche ihre Wohnungst\u00fcren f\u00fcreinander ge\u00f6ffnet und ihre Lieblingsrezepte f\u00fcreinander gekocht. Himmel und Erde. Gulaschsuppe. Schlesischer Mohn. Sie haben sich die Geschichten erz\u00e4hlt, die dazu geh\u00f6ren, sich besser kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKleine Inseln der Koh\u00e4renz haben die Kraft, ein ganzes System in eine h\u00f6here Ordnung zu heben\u201c, schreibt der Organisationsentwickler Otto Scharmer. Da entsteht eine neue Energie, die uns zusammenschlie\u00dft und weiterbringt. Ja, es gibt sie, die Projekte und Initiativen, in denen das Neue im Keim schon sichtbar wird. Es f\u00e4ngt damit an, dass wir wahrnehmen, was ist und mit welchen Menschen wir leben \u2013 und wer an den Rand gedr\u00e4ngt oder vergessen wird. Und dass wir ins Gespr\u00e4ch kommen. So wie im Netzwerk \u201eFreiberg f\u00fcr alle\u201c, das die Kundgebung \u201eGesicht zeigen\u201c gegen Rechtsextremismus mit vorbereitet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn du schnell sein willst, geh alleine\u201c, hei\u00dft es in einem Sprichwort. \u201eAber wenn du weit kommen willst, geh mit anderen zusammen.\u201c Zukunft gewinnen wir nur miteinander. Wenn wir die Einsamkeit durchbrechen, rausgehen und einander zuh\u00f6ren. Auf den vielen Demos gegen Rechtsextremismus konnte man das sp\u00fcren. Da war eine Kraft, die nach vorn trug und den Stillstand \u00fcberwand. \u201eDie Demos laden unsere Akkus auf\u201c, sagt eine Aktivistin, \u201emich befl\u00fcgelt das richtig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei den M\u00e4nnern von Emmaus: Die Begegnung mit Jesus verwandelt ihre Trauer in Mut. Sie gehen zur\u00fcck nach Jerusalem. Und sp\u00e4ter gemeinsam mit den anderen auf die Stra\u00dfe. Die Menschen, die ihnen gestern noch so wichtig waren &#8211; die Randsiedler, die Kranken und die Kinder &#8211; die w\u00fcrden sie auch morgen brauchen. Jetzt ging die Arbeit erst richtig los. So wie bei uns \u2013 nach den Demos.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Gerechtigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Samstag, 16.09.2023 &#8211; 06:35, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Morgenandacht-16.09.23.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eFrau \u2013 Leben \u2013 Freiheit.\u201c Monatelang konnte man das Motto auf T-Shirts lesen in Berlin, Paris und Teheran. N\u00e4chste Woche ist es ein Jahr her, dass Jina Marsha Amini aus ungekl\u00e4rter Ursache in einer Teheraner Klinik starb. Zuvor hatte sie die Sittenpolizei festgenommen, weil sie angeblich das Kopftuch nicht richtig trug. Jina Marsha Amini, ihr Name ist unvergessen, nicht nur im Iran. Weil Frauen und M\u00e4dchen auf die Stra\u00dfen gingen und ihr Kopftuch auszogen und diesen Namen riefen. Seit ein kurzem hat die Sittenpolizei wieder neue Befugnisse. War alles umsonst?<br>Jina war doppelt benachteiligt. Sie war Frau und Kurdin &#8211; den iranischen Namen Marsha trug sie nur, weil der kurdische nicht registriert wurde. Im Iran, aber auch in Syrien und in der T\u00fcrkei werden Kurdinnen und Kurden diskriminiert. F\u00fcr sie fallen Strafen besonderes heftig aus \u2013 aber auch ihr Widerstand. Kurdinnen und Kurden k\u00e4mpfen um einen eigenen Staat. So wie die Sinti und Roma. Die Rohingya oder die Pal\u00e4stinenser. Und bis 1948 auch die Juden. Was es bedeutet, staatenlos zu sein, das habe ich bei meiner pal\u00e4stinensischen Freundin gelernt. Ohne Papiere bist du immer unter Verdacht. Beim Reisen, bei einem Auslandsstudium, bei der Eheschlie\u00dfung.<br>Wer Privilegien hat, kann sich nicht vorstellen, was es hei\u00dft, \u00fcbersehen zu werden. Oder in Verhandlungen keinen Status zu haben. Wie die Inselbewohner im Pazifik, die in K\u00fcrze umgesiedelt werden m\u00fcssen, weil ihr Land vom steigenden Meeresspiegel \u00fcberschwemmt wird. Mit den Inseln verlieren sie ihre Grundst\u00fccke, ihre Geschichte, ihre Erinnerungen, die Begr\u00e4bnisst\u00e4tten, die gemeinsame Kultur &#8211; alles, was sie zusammenh\u00e4lt. Werden die V\u00f6lker im Pazifik und werden die kleinen Leute bei uns die Zeche zahlen f\u00fcr die Katastrophe, die aus jahrzehntelangem fossilem Wirtschaften resultiert? Wer sorgt f\u00fcr Gerechtigkeit?<br>Die nach Gerechtigkeit hungern und d\u00fcrsten, die sollen satt werden, sagt die Bibel. Was f\u00fcr ein Versprechen! Gerade jetzt, wo der Hunger wieder zunimmt, weil Krieg und Klimawandel alle Hoffnungen f\u00fcr dieses Jahrhundert in Frage stellen. Gerade jetzt, wo auch hier viele ihren Einkaufskorb kaum noch f\u00fcllen k\u00f6nnen. Da klingt das Versprechen eher nach billigem Trost, gar nach Vertr\u00f6stung.<br>Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, die ganze Welt ist ein Schrei nach Gerechtigkeit. Ich sehe die D\u00fcrren, die sich ausbreiten, die unterern\u00e4hrten S\u00e4uglinge, die weinenden M\u00fctter, die Menschen, die sich auf die Flucht machen. Ich sehe die Kinder in der Arche, die dort ihr Mittagessen bekommen, weil ihre Eltern sie nicht versorgen k\u00f6nnen. \u201e I am not angry, I am hungry\u201c, steht auf einem T-Shirt. Ich bin nicht w\u00fctend, ich habe Hunger\u201c. Dass die einen schon im Alltag zu kurz kommen, w\u00e4hrend die anderen sich alles leisten k\u00f6nnen, ist zutiefst ungerecht. Gott sei Dank k\u00f6nnen sich die meisten Kinder bei uns darauf verlassen, dass sie bekommen, was sie zum Leben brauchen.<br>Die hungern und d\u00fcrsten nach Gerechtigkeit, die sollen satt werden, sagt Jesus. Es ist schwer darauf zu vertrauen, wenn der Magen leer ist. Gegen alle Erfahrung zu glauben, dass den Hungrigen der Tisch gedeckt wird. Aber hier und da kann man das sogar erleben.<br>Im K\u00f6lner Arbeitslosenzentrum KALZ in der N\u00e4he des Hauptbahnhofs gibt es das Lobbyrestaurant f\u00fcr Berber und Banker. Dort zahlt jeder, was er kann \u2013 Arbeits und Obdachlose ein oder zwei Euro, andere entsprechend mehr. Aber alle bekommen ein Gericht von gleicher Qualit\u00e4t. Und sitzen miteinander an gro\u00dfen Tischen. G\u00e4ste auf Augenh\u00f6he. So kann Gerechtigkeit anfangen. Wenn jeder gibt, was er hat. Und wenn die, die mehr haben, etwas abgeben. W\u00e4hrend der Pandemie wurden einige Konzerte so finanziert. Und nach einem \u00e4hnlichen Prinzip funktionieren die sogenannten Pending- Cafes. Davon gibt es 250 in Deutschland. Das Prinzip: zwei Kaffee bezahlen, einen trinken. So hilft man jemandem, der Durst auf Espresso hat. Und h\u00e4lt den eigenen Durst nach Gerechtigkeit wach.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die letzte Seligpreisung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freitag, 15.09.2023 &#8211; 06:35, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Gedanken-zur-Woche-15.09.2023-Die-letzte-Seeligpreisung.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Konfi-Unterricht vor mehr als 50 Jahren. Es geht um die Seligpreisungen, die wir lernen sollen. Von allem, was ich gelernt habe, sind sie mir besonders in Erinnerung: Beeindruckend und verwirrend zugleich. Was da steht, passt so gar nicht zu meinen Alltagserfahrungen: Hungernde Kinder in Afrika, Familien in Armut hierzulande, Klassenkameradinnen, die gemobbt werden\u2026 Aber es passt zu Jesus, der keine Angst hat, Leprakranke zu ber\u00fchren und die Kinder, die damals nichts gelten, auf den Schoss nimmt. Das l\u00e4sst seine Worte leuchten.<br>Von allen Seligpreisungen ist mir die letzte besonders in Erinnerung. \u201eSelig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschlie\u00dfen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.\u201c<br>Manche in der Konfi-Gruppe kannten das: Beschimpft werden, ausgeschlossen, gemobbt. Und mein Eindruck war: Der Pastor kannte es auch- gerade diese Seligpreisung schien ihm besonders wichtig. In der Nazi-Zeit war er ein junger Soldat gewesen. Er sprach nicht dar\u00fcber, aber er wollte uns offenbar etwas mitgeben von seiner Erfahrung. Eine Art Schutzmantel f\u00fcr schreckliche Augenblicke.<br>Diese Woche habe ich wieder daran gedacht. Am Montag j\u00e4hrte sich der Milit\u00e4rputsch in Chile zum 50. Mail. Am 11. September 1973 putschte General Augusto Pinochet mit Unterst\u00fctzung des CIA gegen die frei gew\u00e4hlte sozialistische Regierung von Salvador Allende. Jetzt zum Jubil\u00e4um kamen Tausende in Santiago de Chile zusammen. Sie legten Blumen vor dem Regierungsgeb\u00e4ude an der Statue von Salvador Allende nieder. Performance-K\u00fcnstlerinnen f\u00e4rbten das Wasser dutzender Brunnen mit roter Farbe. Die meisten aber sammelten sich im Stadion, das damals zum Gefangenlager wurde Und bei Sonnenuntergang wurden Kerzen angez\u00fcndet, um an die Toten zu erinnern. Nunca M\u00e1s \u2013 \u201eNie wieder\u201c war auf vielen Transparenten zu lesen.<br>17 Jahre Milit\u00e4rdiktatur folgten auf den Putsch- mit \u00fcber 40.000 Opfern von Folter und Verfolgung und mehr als 3.000 Toten. \u00dcber tausend Menschen sind bis heute verschwunden. Tausende flohen ins Ausland. Das Milit\u00e4r verfolgte Linke, Gewerkschaftsmitglieder, Studierende und auch Kirchenmitglieder. Das Beeindruckende f\u00fcr mich: Nicht nur Basisgemeinden und Befreiungstheologen \u2013 nein, Chiles ganze Kirche stand ohne Wenn und Aber auf der Seite der Opfer. Und die Frauen und M\u00e4nner vom kirchlichen Menschenrechtsb\u00fcro um Kardinal Henriques haben Tausenden das Leben gerettet.<br>Die Villa Grimaldi war seit 1974 Zentrale des Geheimdienstes. Eine zauberhafte Jugendstilvilla mitten in einem bl\u00fchenden Park. 4000 Menschen wurden hier mit verbundenen Augen gefangen gehalten und gequ\u00e4lt. Manche k\u00f6nnen noch erz\u00e4hlen von der Elektrofolter in den Zellen, dem Eisbad im Swimmingpool, der be\u00e4ngstigenden Informationspolitik des Geheimdienstes.<br>\u201eSelig seid Ihr, wenn Euch die Menschen schm\u00e4hen und verfolgen und reden allerlei \u00dcbles \u00fcber Euch \u2013 Euer Lohn im Himmel wird gro\u00df sein.\u201c Die letzte der Seligpreisungen Jesu. Bewahrheitet sich diese Zusage? Hat sie geholfen? Ich wei\u00df es nicht \u2013 ich kann es nur hoffen. Aber was ich wei\u00df: Die Gewissheit, nicht allein zu sein, hat Mut gemacht, gegen das Unrecht aufzustehen.<br>Und ich wei\u00df: Diese mutigen Menschen sind bis heute nicht vergessen. In der katholischen Kirche gibt es die Tradition der Seligsprechung. Unter deren Seligen sind leider viel zu wenig Frauen, zu wenig Laien und zu wenig Schwarze. Und die lateinamerikanischen Befreiungstheologen wurden in der Kirche lange zum Schweigen verurteilt. Aber ich glaube, sie stehen in Gott goldenem Buch. Die Gemeinschaft der Glaubenden hat sie ja l\u00e4ngst seliggesprochen Denn viele wissen, was sie denen zu verdanken haben, die ohne Wenn und Aber zu ihren \u00dcberzeugungen standen und daf\u00fcr einen hohen Preis bezahlten.<br>Man merkt es, wenn jemand mit seinem Glauben auf die Probe gestellt wurde. So war es wohl auch bei meinem Pastor im Konfi-Unterricht. Als er uns die letzte Seligpreisung nahebrachte, war da ein Leuchten. Die Stunde damals hat mir Mut gemacht, zu dem zu stehen, was mir wichtig ist &#8211; auch gegen Widerst\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Sanftmut<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Morganandacht-14.09.23.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Donnerstag, 14.09.2023 &#8211; 06:35, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<p>Es war zu teuer, um es zu kaufen. Trotzdem bin ich immer wieder in den Laden gegangen, um es mir anzusehen. Noch heute habe ich es genau vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Skulptur zeigt Franz von Assisi, genauer die Geschichte, wie Franz den Wolf von Gubbio bes\u00e4nftigt. Franz sitzt auf der Erde, den R\u00fccken an einen Wolf gelehnt. Er setzt sich furchtlos der Gefahr aus. Er greift nicht zur Waffe, sondern begegnet dem Raubtier mit Sanftmut. Und der hungrige Wolf, vor dem die ganze Gegend Angst hatte, bleibt auch ruhig. Ich h\u00e4tte diese Figur gern auf meinen Schreibtisch gesetzt. So leben, in dieser Sanftmut, das habe ich mir oft gew\u00fcnscht. Ein Bild des Friedens.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus nennt die Sanftm\u00fctigen selig. Seit Russland gegen die Ukraine Krieg f\u00fchrt, muss ich oft daran denken. Was hei\u00dft das, in den Wolfsschluchten des Krieges, zwischen Sch\u00fctzenpanzern und Kanonen, sanftm\u00fctig zu sein? Geht das \u00fcberhaupt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke an die ukrainische Autorin Victoria Amelina, Sie wurde bei dem russischen Raketenangriff auf ein Restaurant in Kramatorsk schwer verletzt und starb kurz darauf. Sie war mit anderen Schriftstellern dort, sie hatten Wein getrunken, \u00fcber Leben, Liebe und Krieg philosophiert. Es war ein leuchtender Abend. Vika, wie die Freunde sie nannten, hatte Kinderb\u00fccher und Romane geschrieben. Zuletzt dokumentierte sie Kriegsverbrechen. Und sie entdeckte die Lyrik, schrieb Gedichte und fand darin ihre ganz eigene Sprache. Sie habe in diesen Monaten die Geburt einer Dichterin gesehen, schreibt die ukrainisch-deutsche Autorin Katja Petrowskaja. Zwischen Schrei und Schweigen sei ihre Lyrik zur Welt gekommen. Und noch wochenlang sei ihr Vikas Madonnengesicht erschienen. Sanftm\u00fctig und entschieden zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der britische K\u00fcnstler Banksy f\u00e4llt mir ein. Die \u00d6ffentlichkeit kennt sein Gesicht nicht, auch nicht seinen wahren Namen. Aber seine Wandbilder und Graffitis sind unverkennbar. Menschen entdecken sie oft morgens in den Armutsvierteln der St\u00e4dte, auf Abrissh\u00e4usern, in Kriegsruinen. Im letzten November waren sieben neue Werke in der Ukraine zu sehen. Da sieht man, wie ein kleiner Junge Putin mit Karate zu Boden streckt. Und ein M\u00e4dchen, das auf den Tr\u00fcmmern einen Handstand macht. Banksy macht die Kleinen gro\u00df und die M\u00e4chtigen ganz klein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele wird er damit ermutigt haben! Man sp\u00fcrt das, wenn auf der Stra\u00dfe \u00fcber Putin gesprochen wird: W\u00fctend und witzig. Oder wenn das Video eines kleinen M\u00e4dchens viral geht, das im Keller in der Dunkelheit singt. Tr\u00f6stlich und liebevoll. Wenn \u00c4rztinnen und Pflegende in ihrer Freizeit an die Front fahren und oft noch unter Beschuss die Verletzten versorgen und die Toten nach Hause bringen. Voller Zuwendung, wie Eltern sich um ihre Kinder k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Selig sind die Sanftm\u00fctigen, sagt die Bibel. Seit eineinhalb Jahren reden wir vor allem von Waffen, wenn es um Russlands Krieg in der Ukraine geht. Keine Frage, die sind n\u00f6tig, damit das Land sich verteidigen kann. Aber \u00fcber die Sanftm\u00fctigen reden wir zu wenig. \u00dcber die. die das Land zusammenhalten. Die Sanftmut w\u00e4chst zwischen Schreien und Schweigen, zwischen Furcht und Wut. Mitten im L\u00e4rm von Hass und Gewalt. Es sind die Sanftm\u00fctigen, die anderen Mut machen mit ihrem Leuchten, die das Leben in seiner Verletzlichkeit lieben. Wehrlos, aber nicht lieblos.<\/p>\n\n\n\n<p>Denen wird das Erdreich geh\u00f6ren, hat Jesus gesagt. Manchmal bleibt mir fast die Luft weg, wenn ich das h\u00f6re und glauben soll bei all den schrecklichen Bildern und Nachrichten aus diesem Krieg. Und doch klammere ich mich daran und finde, dass man es sogar schon sehen kann. Wo die Sanftm\u00fctigen waren, leuchten Farben. Bilder erz\u00e4hlen Hoffnungsgeschichten. Auf Banksys Bildern werden Blumen geworfen, nicht Granaten. Freunde sitzen zusammen. Franziskus lehnt sich an den Wolf. Und f\u00fcr einen Augenblick leuchtet der Friede schon auf.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Trost<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mittwoch, 13.09.2023 &#8211; 06:35, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/a-mp3-2.mp3\"><\/audio><figcaption class=\"wp-element-caption\"><br>Eine Frauengruppe in der Ukraine. Junge Witwen, die sich einmal in der Woche in einer Trauergruppe treffen. Fotos anschauen, Geschichten erz\u00e4hlen, ohne Scham weinen und auch wieder lachen. In dem Fernsehbericht war sch\u00f6n zu sehen, wie offen die Frauen einander begegneten. Sie teilten das gleiche Schicksal. Das ganze Leben hatte sich ver\u00e4ndert &#8211; das private, aber auch das \u00f6ffentliche. Ich dachte: Diese Gruppe ist wie eine Oase f\u00fcr die Frauen. Hier tut keine so, als w\u00e4re nichts passiert. &nbsp;Alle wissen: Diese Wunde wird nie mehr ganz heilen.<br>In den Niederlanden gibt es die Villa Tr\u00f6sT. Da kann hinkommen, wer mit seinem Schmerz nicht allein bleiben will. Es gibt eine Werkstatt zum T\u00f6pfern, ein Studio zum Malen, ein Caf\u00e9, um einfach zusammen zu sitzen. Die Ehrenamtlichen, die hier arbeiten, kennen den Schmerz. Sie h\u00f6ren einfach zu und geben Raum f\u00fcr Gespr\u00e4che, f\u00fcr Tr\u00e4nen, f\u00fcr Erinnerungen. Die Gr\u00fcnderin der Villa Tr\u00f6st, Anne Goossensen, sagt, das sei das Drama in unserer Gesellschaft: Wir g\u00e4ben einander zu wenig Raum f\u00fcr Trauer. Allzu schnell w\u00fcrden wir von uns selbst und anderen erwarten, dass wir wieder funktionieren. Diese Unf\u00e4higkeit zu trauern &#8211; vielleicht ist sie der Grund, warum die Gesellschaft so trostbed\u00fcrftig ist.<br>Es gibt kein Leben ohne Br\u00fcche, aber es gibt ein Gl\u00fcck in den Br\u00fcchen des Lebens. &nbsp;Ein Gl\u00fcck, das durch die Risse hindurchleuchtet. \u201eThere\u2018s a crack in every thing, that\u2018s how the light gets in\u201c, hat Leonhard Cohen gesungen. \u201eEs gibt einen Riss in allem. So kommt das Licht herein.\u201c&nbsp;&nbsp;Ich denke an die Seligpreisungen Jesu. Er nennt die Trauernden, die Kranken und die Armen selig. &nbsp;Menschen, die den Mangel und die Leere kennen und ihre Verletzlichkeit schmerzhaft sp\u00fcren.<br>Das deutsche Wort \u201eG- l\u00fcck\u201c verweist auf eine L\u00fccke. Manchmal rei\u00dft das Leben eine L\u00fccke, durch die ich hindurchsehen kann, durch die etwas Neues auf mich zukommt. Es kann eine Verletzung sein, die alles ver\u00e4ndert. Der Tod, eine Trennung, ein Krieg k\u00f6nnen dazu f\u00fchren, dass man ganz und gar neu anfangen muss. Und vielleicht sogar ein neues Gl\u00fcck erleben darf, wenn die L\u00fccke sich noch einmal schlie\u00dft. Selig sind die Leidtragenden, hat Jesus gesagt \u2013 sie sollen getr\u00f6stet werden.<br>Vielleicht klingt das wie ein leeres Versprechen. Dann liegt vielleicht der einzige Trost darin, mit der L\u00fccke zu leben -als w\u00e4re es eine T\u00fcr in eine andere Wirklichkeit. So wie Antoine Leris, der in der Terrornacht von Paris seine geliebte Frau verlor. Den gemeinsamen Sohn, der damals 17 Monate alt war, zieht er nun alleine auf. Mit ihm bleibt auch seine Liebe lebendig. \u201eMeinen Hass bekommt ihr nicht\u201c, nannte Leris sein Buch, das ein Bestseller wurde, programmatisch.<br>An jenem Abend im November 2015, als mehrere Terroranschl\u00e4ge hintereinander Paris ersch\u00fctterten, kamen viele nicht mehr nach Hause und irrten durch die Stra\u00dfen. Soziale Medien riefen dazu auf, anderen einen Schlafplatz anzubieten. # porte ouverte. Das war nicht ohne Risiko. Trotzdem \u00f6ffneten unz\u00e4hlige Menschen ihre T\u00fcren und nahmen Fremde auf. So \u00f6ffnete sich noch in der Nacht des Terrors ein Fenster zur Zukunft.<br>Gl\u00fcckseligkeit hat wohl damit zu tun, dass wir T\u00fcren \u00f6ffnen, dass wir nicht so tun, als lebten wir in einer heilen Welt, w\u00e4hrend anderswo Menschen leiden. Das Gl\u00fcck, von dem die Bibel spricht, hat offene Augen. Das wissen alle, die mit dem eigenen Auto in die Ukraine gefahren sind, um Gefl\u00fcchtete aus dem Krieg zu holen. Die ihre Wohnung \u00f6ffneten, um Ausgebombten Heimat zu bieten. Die w\u00e4hrend der Flutkatastrophe an die Ahr fuhren, um Wohnungen zu reparieren. Sie erlebten das angeschlagene Gl\u00fcck der Menschlichkeit, erfuhren Sinn und Gemeinschaft.<br>Ob sich im Tod eine T\u00fcr zum Leben \u00f6ffnet? So habe ich das bei einem \u00e4lteren Mann erlebt, den ich mit seiner Familie durch eine l\u00e4ngere Krankheit begleiten durfte. Als wir am letzten Abend gemeinsam um sein Bett standen, schaute er aus dem Fenster, winkte uns und sagte leise \u201eWir sehen uns wieder, ganz bestimmt\u201c.&nbsp; Was f\u00fcr ein Trost.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Barmherzigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dienstag, 12.09.2023 &#8211; 06:35, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/a-mp3-1.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eDas Absurde, das Erbarmungsw\u00fcrdige, das R\u00fchrende, das Furchterregende, das Komische, das Egoistische, das unmaskiert in mein Leben einbricht\u201c. Die preisgekr\u00f6nte Autorin Helga Schubert pflegt seit Jahren ihren Mann. In ihrem j\u00fcngsten Buch \u201eDer heutige Tag\u201c erz\u00e4hlt sie von seiner Demenz und ihrer \u00dcberforderung,\u2013 aber auch von Liebe und Barmherzigkeit im t\u00e4glichen Miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch gehe ins Badezimmer, f\u00fclle seinen Zahnputzbecher mit warmem Wasser, und ein paar Tropfen Zahnputzwasser ,sp\u00fcle sein Gebiss, gehe damit in sein Zimmer, setze mich auf seine Bettkante, er r\u00fcckt m\u00fchsam etwas zur Seite, damit ich es auf der Matratze weicher habe, ich gebe ihm den Zahnputzbecher, und zum Ausspucken der Mundsp\u00fclung einen leeren, gro\u00dfen Yoghurtbecher. Ich schlage sein Deckbett zur\u00fcck, leere den Restbeutel des Blasenkatheters, f\u00fchle, ob die Windel nass ist. Ich liebe ihn sehr\u201c, schreibt Helga Schubert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Theologin Hildegund Keul meint \u201eWunden verbinden, \u201eSie sind ein Ort der Kommunikation.\u201c Verletzungen erzeugen eine \u00d6ffnung, erm\u00f6glichen intensiven Austausch, ja Intimit\u00e4t. Ich denke an den barmherzigen Samariter, der den Verwundeten am Wegrand entdeckt und seine Reise unterbricht. Der dem Fremden die Wunden reinigt und desinfiziert, ihn auf sein Reittier setzt, ihn in ein Gasthaus zur Pflege bringt und daf\u00fcr auch noch zahlt. Hildegund Keul spricht vom Verletzungsparadox: Man setzt sich f\u00fcr das Wohl eines anderen ein und macht sich dabei selbst verletzlicher. Aber die Verletzlichkeit macht die Liebe nur gr\u00f6\u00dfer. Wie bei Helga Schubert, beim barmherzigen Samariter und bei der Unbekannten, die Jesus noch kurz vor seiner Hinrichtung die F\u00fc\u00dfe salbt \u2013 mit kostbarem Parf\u00fcm \u00d6l. Lebensverlust erzeugt Lebensgewinn, wenn man bereit ist, sich selbst zu verschwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das f\u00fchlt sich nicht immer so an. Helga Schubert schreibt: \u201eHeute lehnte ich mich ersch\u00f6pft nach wenigem Schlaf an die Wand unserer Haust\u00fcr\u201c, schreibt Helga Schubert,\u201c als die Pflegeschwester an den Abfalleimer ging, und sagte: \u201eWenn ich in dreizehn Jahren &#8211; denn so gro\u00df ist der Altersunterschied zwischen meinem Mann und mir &#8211; auch so schwach bin wie er jetzt , wer wird mir dann helfen, mich waschen, anziehen, mir Fr\u00fchst\u00fcck machen, wer wird den Abwasch und die W\u00e4sche waschen, wer wird mir die Medikamente einordnen, wer wird mich tr\u00f6sten und es mir geduldig erkl\u00e4ren, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, dem Gespr\u00e4ch zu folgen? Dann kann ich hier in dem gro\u00dfen Garten nicht mehr bleiben\u201c. \u201eWir sind doch da, sagte die Schwester. Und in dem Moment wurde mir klar, dass sie in 13 Jahren erst Mitte 40 sein wird und hier noch im Pflegedienst arbeiten kann und das auch vorhat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Situation der Pflege insgesamt ist ersch\u00fctternd. Auf Kante gen\u00e4ht. Und ungerecht. Viel wird auf dem R\u00fccken der Angeh\u00f6rigen ausgetragen. Das ganze Pflegesystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. Was die Angeh\u00f6rigen f\u00fcr einen Heimplatz zuzahlen, ist oft gar nicht mehr aufzubringen. Und der Zuschlag f\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige hat sich bei der letzten Reform nur um 5 Prozent erh\u00f6ht- das ist weniger als der Inflationsausgleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert unendlich lang, das zu \u00e4ndern. Man braucht Verb\u00fcndete, Experten, Engagierte in den Parteien, Durchsetzungskraft. Aber alte und kranke Menschen haben keine Zeit, auf Gerechtigkeit zu warten. Bleibt die Barmherzigkeit. Die kann ich allein \u00fcben. Jederzeit. Es geht nur darum, mich zu \u00f6ffnen. \u201eSelig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren\u201c hat Jesus gesagt. Doch die Pflegewirklichkeit sieht anders aus: Wir erleben eine gedankenlose Unbarmherzigkeit und eine unverh\u00fcllte Zweckrationalit\u00e4t, schrieb mir ein Freund. Da steht mehr auf dem Spiel als den meisten bewusst ist: Denn mit der Barmherzigkeit verschwindet auch das Gl\u00fcck. Und die Seligkeit. Nicht nur die der anderen, auch die eigene. Dabei braucht es nicht viel, um barmherzig zu sein. Es geht nur um eins: den anderen zu sehen wie mich selbst.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Gott schauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Montag, 11.09.2023 &#8211; 06:35, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DL<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/a-mp3.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Das fein geschliffene Glas auf der Fensterbank leuchtet in der Sonne und spiegelt das Licht. Wenn man es richtig anschl\u00e4gt, klingt es hell und vibriert lange nach. Wie kostbar das Glas ist \u2013 ich habe immer mal wieder Angst, es k\u00f6nnte zu Boden fallen. Ich glaube, jede kennt das von den Gl\u00e4sern und Schalen, bei denen Mutter immer darauf hingewiesen hat, wie zerbrechlich das kostbare St\u00fcck war. Eines Tages st\u00f6\u00dft Du dann doch mit dem Ellenbogen dagegen, rutschst beim Staubwischen mit der Hand aus \u2026 So sehe ich im heilen Glas schon die kommenden Scherben. Dem Glas wohne das \u201ezwangsl\u00e4ufige Zerbrechen\u201c inne, schreibt der Dichter Ajam Kham. \u201eWenn wir verstehen, dass dieses Glas bereits so gut wie zerbrochen ist, wird mir jede Minute, die ich damit verbringe, kostbar. In jeder Minute, die ich damit verbringe, bin ich gl\u00fccklich\u201c. Wie w\u00e4re es, wenn ich so auch meine Mitmenschen anschauen &#8211; oder wenn ich mich selbst so sehen w\u00fcrde. Zerbrechlich &#8211; sch\u00f6n. Endlich lebendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke an Axel, den Sohn von Vaters bestem Freund. Mit Anfang 20, als wir beide studierten, hatte er nur noch wenige Jahre zu leben- und er wusste das. Er hatte Muskelschwund, an dem auch schon sein Vater gestorben war. Aber Axel zog sich nicht zur\u00fcck in Gr\u00fcbeleien, er lie\u00df sich nicht klein kriegen von der Angst vor der Zukunft. Ganz im Gegenteil: Axel studierte mit Leidenschaft; er liebte das Theater und beteiligte sich an einer Filmproduktion. Und er nutzte die Zeit, um mit seinem Zivi im Rollstuhl durch die Welt zu reisen- von Griechenland bis nach Fernost. Oft habe ich ihn um seine Lebensfreude beneidet \u2013 denn mir selbst ging es damals nicht gut; ich war mir unsicher \u00fcber Studium und Zukunft. Von Axel habe ich gelernt, den Tag zu genie\u00dfen, und mich an der Sch\u00f6nheit zu freuen. Dabei war mir klar, dass seine radikale Liebe zum Leben wohl mit dem Bewusstsein der Grenze zu tun hatte, mit der er lernen musste umzugehen. Umso mehr kann ich sagen: Von Axel habe ich gelernt, mich frei zu machen von falschen \u00c4ngsten und Sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Haltung, die Jesus in der Bergpredigt vermitteln will &#8211; den Tag ernst nehmen, sich an den Lilien auf dem Felde freuen, statt in der Angst vor der Zukunft die Gegenwart zu verraten. Auch von Kindern k\u00f6nnen wir lernen, so zu leben. Die erste Seligpreisung in der Bergpredigt bringt es auf den Punkt. Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Gelingendes Leben, wie Jesus es versteht, hat damit zu tun, dass ich mein Herz f\u00fcr den Himmel offenhalte. F\u00fcr Gott, f\u00fcr die Seligkeit. Und dass Jesus dar\u00fcber hinaus auch die Leidenden, die Hungernden und D\u00fcrstenden seligpreist, verstehe ich so: Sie machen Erfahrungen, die jenseits unserer Leistungsmentalit\u00e4t liegen: satt werden, getr\u00f6stet werden, Gott schauen. Kurz: sie k\u00f6nnen sich als beschenkt erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Menschen mit Behinderung wissen wir, \u201ewas es bedeutet, dass sich das Leben unerwartet von Grund auf ver\u00e4ndern kann\u201c. Das schreibt eine Arbeitsgruppe von Menschen mit Behinderungen und ihren Angeh\u00f6rigen, die der Weltrat der Kirchen eingesetzt hat. \u201eVor allem geht es darum zu vertrauen\u201c sagen die Betroffenen. Wir sind Gott in jener leeren Dunkelheit begegnet, in der uns bewusst wurde, dass wir \u2018die Kontrolle\u2018 \u00fcber uns verloren haben, und wir haben gelernt, auf Gottes Gegenwart und F\u00fcrsorge zu vertrauen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich m\u00fcssen das alle irgendwann lernen. Manche von Geburt an, andere bei einem Unfall, wieder andere bei einer Krebserkrankung, einem Herzinfarkt: Das Leben ist zerbrechlich wie Glas. Aber es ist auch so sch\u00f6n und so kostbar wie ein klares Glas, das im Licht strahlt und in der Sonne glitzert. Mit dem Blick aufs Licht, will ich mein Leben aufstellen- das habe ich von Axel gelernt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Coenen-Marx, Cornelia | 03. September 2023, 08:35 Uhr<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Am-Sonntag-03.09.2023.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Gemeinsam stark<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freitag, 23.06.2023, 6.35 \u2013 6.40 Uhr, <strong>Morgenandacht \/<\/strong> \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), <em>Deutschlandfunk<\/em> DLF<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuch wenn ich keine Siegerin werde, das ist mir egal. Hauptsache, ich habe Spa\u00df und bin dabei\u201c, sagt Janet. Sie ist als Leichtathletin gerade achte geworden. Von acht Sportlerinnen ihrer Leistungsklasse, im Standweitsprung. Standweitsprung \u2013 das ist Weitsprung ohne Anlauf. Manche springen da 1,80 m. Und manche 30 cm. Aber das ist egal. Dabeisein ist alles. Darum geht es doch bei Olympia.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Woche weht die olympische Flagge am Brandenburger Tor. Denn seit &nbsp;Montag sind Special Olympics. Das ist die weltweit gr\u00f6\u00dfte Sportbewegung f\u00fcr Menschen mit geistiger Behinderung und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mehrfachbehinderung\">Mehrfachbehinderung<\/a>. Mehr als 7000 Athletinnen und Athleten aus der ganzen Welt sind nach Berlin gekommen. Sie machen bei 26 Sportarten mit. Und mehr noch:&nbsp; 40.000 Athlet*innen geh\u00f6ren allein zu Special Olympics Deutschland. Das Ziel dieser weltweiten Inklusionsbewegung ist, Menschen mit geistiger Behinderung zu mehr Selbstbewusstsein, Anerkennung und Teilhabe zu verhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles ist wie immer: das olympische Feuer, die Flaggen, der Eid. Aber manches ist auch besonders &#8211; und wie ich finde, besser. So wird zum Beispiel jede und jeder, der mitgemacht hat, im Rahmen der Siegerehrung geehrt. Alle bekommen eine Medaille. Auch wenn er oder sie nicht auf einen der ersten drei Pl\u00e4tze kommt &nbsp;\u2013 so wie Janet. Und wer in diesem Wettbewerb eine besondere Leistungssteigerung gezeigt hat, wird hervorgehoben &#8211; das h\u00e4tten sich doch manche im Sportunterricht gew\u00fcnscht. Auch der Eid ist besonders, den die Sportlerinnen und Sportler schw\u00f6ren. \u201eIch will gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben!\u201c Ganz konsequent wird auch von Wettbewerb gesprochen &#8211; und nicht von Wettkampf. Alle wissen \u2013 letztlich sind wir nur gemeinsam stark.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZusammen unschlagbar\u201c hei\u00dft das Motto der Special Olympics in Berlin. Dazu tragen auch die Unified Teams bei \u2013 bei denen Sportler mit Behinderung mit anderen zusammen antreten. Zum Beispiel Leute aus einer gesch\u00fctzten Werkstatt mit anderen aus einem Sportverein. Erfolgreiche Zusammenarbeit gelingt am besten, wenn die Sportlerinnen und Sportler sich auch als Menschen kennenlernen und respektieren. Und wenn sie Spa\u00df miteinander haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, Olympia, die Fu\u00dfballweltmeisterschaft, die gro\u00dfen Spiele \u2013 vielen ging es so wie mir \u2013 ich hatte schon keine Lust mehr, zuzuschauen. Viel zu oft ging es vor allem um Geld und Macht, Kommerz und Politik. Das hat niemandem mehr Spa\u00df gemacht. Aber hier, bei den Special Olympics, da sehe ich so viele strahlende Gesichter, h\u00f6re Jauchzen und Klatschen. F\u00fcr ein paar Tage wohnt hier das Gl\u00fcck \u2013 ja, die Seligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Selig sind die arm sind im Geist, hat Jesus mal gesagt- es ist nicht so ganz klar, wen er damit meinte. Leute mit geistigen Einschr\u00e4nkungen, mit Lernschwierigkeiten? Oder Menschen, die nicht sp\u00fcren, was wirklich z\u00e4hlt? Den Armen im Geist jedenfalls verspricht Jesus das Himmelreich! Und denen, die reinen Herzen sind, dass sie Gott schauen. Dem Himmel ganz nah sollen auch die sein, die sich nach Gerechtigkeit sehnen. In diesen Tagen habe ich das Gef\u00fchl: ich kann das sehen. Beim Blick auf die Bilder aus Berlin. Ich sehe das Gl\u00fcck der Sportlerinnen und Sportler,&nbsp; dabei zu sein und dazu zu geh\u00f6ren. Sehe die Begeisterung der Freiwilligen, den Teamgeist in den Unified Teams. Und den Stolz der Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Gott sei Dank lange her, da hie\u00df Aktion Mensch noch Aktion Sorgenkind. Sorgenkinder \u2013 so nannte man damals Menschen mit Behinderung. L\u00e4ngst hat sich gezeigt: Das sind die, von denen wir anderen lernen k\u00f6nnen, worauf es wirklich ankommt. Davon erz\u00e4hl<strong>t <\/strong>Wiebke Kr\u00f6ger, die 2016 zu den \u201eUnified Baskets\u201c stie\u00df, einem inklusiven Team in Essen. Neben ihrem Studium der Heilp\u00e4dagogik betreute die 28-J\u00e4hrige eine Wohngruppe und erfuhr so von einem inklusiven Basketballturnier. Sie fragte, ob sie zum Training kommen k\u00f6nnte, und blieb dabei. Trotz Ehrgeiz \u201egibt es bei uns nicht diesen krassen Konkurrenzkampf\u201c. Im Unified-Team k\u00f6nnen alle mitspielen: \u201eWir freuen uns \u00fcber jeden Korb, der f\u00e4llt\u201c. Das w\u00e4re doch auch was f\u00fcr den Alltag. Nicht nur beim Sport.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/kirche-im-radio\/am-sonntagmorgen\/wer-sein-kind-liebt-der-zuechtigt-es-12814?fbclid=IwAR0Vf_89nsRNRJ_yzoxIYYlSlbjXYIyOBzcJyA2Fxdh0Wrd_w_PVx5xw6y8\">https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/kirche-im-radio\/am-sonntagmorgen\/wer-sein-kind-liebt-der-zuechtigt-es-12814?fbclid=IwAR0Vf_89nsRNRJ_yzoxIYYlSlbjXYIyOBzcJyA2Fxdh0Wrd_w_PVx5xw6y8<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bildschirmfoto-2022-08-16-um-19.10.57.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"596\" src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bildschirmfoto-2022-08-16-um-19.10.57-1024x596.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6939\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bildschirmfoto-2022-08-16-um-19.10.57-1024x596.png 1024w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bildschirmfoto-2022-08-16-um-19.10.57-300x175.png 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bildschirmfoto-2022-08-16-um-19.10.57-768x447.png 768w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Bildschirmfoto-2022-08-16-um-19.10.57.png 1398w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wer sein Kind liebt, der z\u00fcchtigt es?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gewalt in der Geschichte diakonischer Hilfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/kirche-im-radio\/deutschlandfunk\">Deutschlandfunk<\/a>&nbsp;07.08.2022 &#8211; 08:35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Die Missionsschulen und Magdalenenheime sind geschlossen, an die Stelle der F\u00fcrsorgeheime sind Familien- und Wohngruppen getreten. Geblieben sind die Gr\u00e4ber, die verst\u00f6renden Akten &#8211; und die Erinnerungen. Pfarrerin Cornelia Coenen-Marx fragt: &#8222;Wie konnte es passieren, dass man Jesus zur Leitfigur f\u00fcr tausendfachen Machtmissbrauch gemacht hat, zur \u201eRute\u201c, mit der andere gedem\u00fctigt wurden?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/a-mp3.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine Pilgerreise der Bu\u00dfe, so nannte Papst Franziskus seine j\u00fcngste Reise nach Kanada. Mehr als 150.000 indigene Kinder zwischen 4 und 16 Jahren wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den 140 katholischen Internaten dort erzogen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprecher 1:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sie durften dort nur Englisch und Franz\u00f6sisch sprechen, sollten ihre Muttersprache, ihre Spiele, ihre Geschichte vergessen und sich an die christliche Zivilisation anpassen. Von einem kulturellen Genozid ist inzwischen die Rede. Die Kinder wurden ihren Familien entrissen, Geschwister durften keinen Kontakt untereinander haben. Regelverst\u00f6\u00dfe, erz\u00e4hlen die \u00dcberlebenden, wurden mit Schl\u00e4gen und Stockhieben bestraft, die Kinder wurden eingesperrt und misshandelt. Viele, die versuchten zu fliehen, starben auf der Flucht oder durch Suizid. Was lange schon erz\u00e4hlt wurde, war nicht mehr zu leugnen, als letztes Jahr Hunderte anonymer Kindergr\u00e4ber in der N\u00e4he der Internate gefunden wurden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Noch sind nicht alle Gr\u00e4ber ge\u00f6ffnet, noch sind Akten unter Verschluss. Erst 1997 schloss das letzte dieser Internate. Aber so viel ist klar:&nbsp; 4000-6000 Kinder sind an Unterern\u00e4hrung, Vernachl\u00e4ssigung und Krankheiten gestorben. 30.000 wurden sexuell missbraucht. Es kam zu Abtreibungen, S\u00e4uglinge wurden ihren M\u00fcttern entrissen und get\u00f6tet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eMit uns konnte man es ja machen\u201c, sagt eine der Zeitzeuginnen. \u201eWir waren minderwertig. Menschen zweiter Klasse.\u201c Dass Katholiken zu einer Politik der Assimilation und Entrechtung beigetragen haben, das verletze ihn, sagte der Papst. Er bat die indigenen V\u00f6lker um Vergebung f\u00fcr die Ausl\u00f6schung ihrer Kultur durch den europ\u00e4ischen Kolonialismus. Und besonders f\u00fcr den Anteil, den die katholische Kirche daran hatte. F\u00fcr das B\u00f6se, das so viele Christen indigenen Menschen angetan haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mich erinnert das an die Geschichte der Magdalenenheime in Irland. Einrichtungen, in denen sogenannte \u201egefallene\u201c M\u00e4dchen aufgenommen wurden. Maria Magdalena, eine der J\u00fcngerinnen Jesu, wurde lange mit der Frau identifiziert, die Jesus kurz vor seinem Tod die F\u00fc\u00dfe salbt. Man(n) hat sie als Urbild der gel\u00e4uterten S\u00fcnderin stilisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Magdalenenheimen sollten Frauen auf den Weg der Besserung gef\u00fchrt werden &#8211; viele hatten sich prostituiert, um Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit zu entgehen. Auch M\u00fctter mit unehelichen Kindern wurden aufgenommen, Schwangere, aber auch psychisch kranke Frauen. Manche suchten sogar selbst den Weg dorthin. Aber es ging hier nicht um Schutz und Zuflucht und schon gar nicht um ein besseres Leben \u2013 es ging um Macht, um Strafen f\u00fcr zugewiesene Schuld.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprecher 2:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn eine Frau in eines der Heime kam, verlor sie ihre Identit\u00e4t, ihren Namen, ihre Rechte. \u00dcberlebende haben berichtet, wie eine Nonne ihnen an der T\u00fcr ihre Kleidung und alle privaten Dinge abnahm. Stattdessen erhielten sie eine Uniform und einen neuen Namen &#8211; oft mit religi\u00f6ser Bedeutung. Die Vergangenheit sollte ausgel\u00f6scht werden &#8211; auch untereinander waren Gespr\u00e4che dar\u00fcber untersagt. Sie arbeiteten in der K\u00fcche und im Haushalt, vor allem aber in der W\u00e4scherei &#8211; ohne R\u00fccksicht auf Krankheiten oder Schwangerschaften. Kinder, die im Heim geboren wurden, wurden ihren M\u00fcttern sp\u00e4testens mit dem ersten Geburtstag weggenommen, im Kinderheim erzogen oder zur Adoption freigegeben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Sch\u00e4tzungsweise 60.000 Babys kamen \u00fcber die Jahrzehnte in den irischen Magdalenenheimen zur Welt. Das Schicksal der meisten dieser Kinder ist nach wie vor unbekannt. Viele starben fr\u00fch aufgrund von Mangelern\u00e4hrung, Vernachl\u00e4ssigung und Krankheiten. 2017 entdeckte man ein Massengrab auf dem Gel\u00e4nde eines Mutter-Kind-Heimes in der Grafschaft Galway. Dort fand man die \u00dcberreste von knapp 800 Babys und Kindern in ausgedienten Kl\u00e4rgruben und unterirdischen Kammern.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Erschreckend, wie sich die Geschichten gleichen. Wir sehen eine Orgie der Gewalt: psychische Gewalt, sexuelle Gewalt, strukturelle Gewalt.&nbsp; Die Menschen, die in den Heimen und Internaten erzogen und betreut wurden, galten als minderwertig.&nbsp; Mit ihnen konnte man es machen &#8211; wegen ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts oder der Gesellschaftsschicht, aus der sie kamen. Es ging um Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft &#8211; um jeden Preis. Es handelte sich auch nicht nur um die \u00dcbergriffe einzelner Priester oder Ordensleute, sondern um Strukturen von Macht und Menschenverachtung. Ganze Gruppen von Menschen werden ausgegrenzt. Weil sie anders waren. Weil sie zu anderen gemacht wurden. Es gibt inzwischen einen Begriff daf\u00fcr: \u201eOthering\u201c &#8211; Ver-Anderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Magdalenen-Heime gab es auch in Deutschland. Zum Beispiel in der Kaiserswerther Diakonie, wo ich selbst einige Jahre Vorst\u00e4ndin war.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprecher 3:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Seit der Aufnahme der ersten strafentlassenen jungen Frauen 1833 galten F\u00fcrsorgearbeit und Heimerziehung als zentrales Arbeitsfeld. \u201eDurch die Heimerziehung\u201c, hei\u00dft es in der Hausordnung von 1940, \u201esollen die M\u00e4dchen einem arbeitsamen Leben zugef\u00fchrt werden.\u201c Auch hier bekamen alle die gleiche Uniform, auch hier sollten sie \u00fcber ihre Vergangenheit schweigen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie schwer es den Schwestern fiel, mit ihren \u201eZ\u00f6glingen\u201c klar zu kommen, ist in einem der Sonntagsbriefe zu lesen, die Schwestern ihren Mitschwestern schrieben: \u201eIch wei\u00df nun, dass die Liebe nur dann bessert, wenn sie mir der n\u00f6tigen Festigkeit gepaart ist und auch das Strafamt zu f\u00fchren wei\u00df. Macht es denn die Liebe Gottes etwa anders mit uns?\u201c Da hatte ihre Vorsteherin ihr gerade den Kopf gewaschen, weil sie entt\u00e4uscht war, dass zwei Jungs sie bestohlen hatten &#8211; zwei, denen sie Vertrauen entgegengebracht hatte, von denen sie eigentlich Dankbarkeit erwartete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer seinen Sohn liebt, den z\u00fcchtigt er\u201c, lese ich in der Bibel. Und in einem Kirchenlied hei\u00dft es sogar: \u201e\u2026 des Vaters liebe Rut ist uns alle Wege gut.\u201c Die Strophe wird kaum noch gesungen, Gott sei Dank. Wer will sich Gott denn noch so vorstellen \u2013 als strafenden Vater, der uns mit Gewalt auf den rechten Weg bringt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprecher 4:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In Kaiserswerth wurde der Versuch, wegzulaufen, drastisch bestraft. \u201eWenn die M\u00e4dchen weggelaufen waren\u201c, erz\u00e4hlte Schwester Agnes, eine der alten Diakonissen, \u201edann kriegten sie Zimmerstrafe. Sp\u00e4ter war ja dann die Beruhigungszelle da.\u201c In diesem Arrestraum mit einer Eisent\u00fcre befand sich nur ein Stuhl, und nur abends wurde eine Liege dazugestellt. \u201eDer erste Tag der H\u00e4rte war Strafe durch Isolation. Dass sie dar\u00fcber nachdenken. Der zweite Tag, da war Essensentzug, da bekamen die trockenes Brot und Muckefuck. Am dritten Tag dann wieder normale Mahlzeiten und Arbeit.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Kolonialismus, auch im Faschismus haben die Kirchen mitgemacht. Die M\u00e4dchen und Frauen in den Kaiserswerther Heimen wurden zwangssterilisiert. Und als Schwersterziehbare wurden sie nur noch \u201ebewahrt\u201c. So nannte man die bestrafende Sonderf\u00fcrsorge f\u00fcr besonders widerspenstige junge Frauen. Die mussten dann im Krieg gut bewacht mit den Zwangsarbeitern auf den Feldern arbeiten. Als mir das erz\u00e4hlt wurde, wunderte es mich nicht: Zwangsarbeiterinnen waren sie ja schon immer \u2013 und immer schon die anderen, die fremden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor etwa 20 Jahren, als ich in der Kaiserswerther Diakonie arbeitete, kamen gerade die Briefe von M\u00e4dchen und jungen Frauen, die eine Arbeitsbescheinigung forderten. Und kurz darauf entstanden offene Foren von ehemaligen Heimkindern aus der Nachkriegs-Diakonie, Anlaufstellen wurden geschaffen, Briefe mit Forderungen nach Entsch\u00e4digung gingen ein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprecher 5:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIhr habt uns als Kinder wie menschlichen Abfall in eure F\u00fcrsorgeh\u00f6lle entsorgt und uns zum Wirtschaftsobjekt gemacht und damit sicher weit&nbsp; mehr verdient als 1 DM pro Monat und Kind\u201c, hat jemand ins Forum der Bergischen Diakonie geschrieben. \u201eIhr habt systematisch unsere Menschenrechte verletzt, psychische und physische K\u00f6rperverletzung sowie sexuellen Missbrauch an uns begangen! Ihr habt uns als Heimz\u00f6glinge auf die unterste Stufe der sozialen Leiter geworfen und uns die gesellschaftliche Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung versagt!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht nur um einzelne Christinnen und Christen. Es geht um das Selbstverst\u00e4ndnis der Diakonie. Wie konnte es soweit kommen? &#8211; Auf meiner Spurensuche gehe ich an die Anf\u00e4nge zur\u00fcck &#8211; an die 200 Jahre. In den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts begann die Internatsarbeit in Kanada, kurz darauf die Arbeit der F\u00fcrsorgerinnen in Kaiserswerth und die der Magdalenen-Asyle in Irland &#8211; und in diese Zeit fiel auch die Gr\u00fcndung des Rauhen Hauses in Hamburg. Johann Hinrich Wichern, dem Gr\u00fcnder des Rauhen Hauses, ging es um die Freiheit der Jungen,&nbsp; mit denen er arbeitete &#8211; aber er tat sich schwer mit Gemeinheit und P\u00f6belhaftigkeit, wie er sagte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sprecher 6:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Da prallten zwei Welten aufeinander: Einerseits der Vorsteher, seine Familie, die Diakone mit ihren b\u00fcrgerlichen Wertehimmel \u2013 andererseits die Jungen und M\u00e4dchen aus Hamburgs Unterschichten. Wichern sprach von Verwahrlosung und Verwilderung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Aber das Rauhe Haus sollte kein Zuchthaus und kein Gef\u00e4ngnis sein, kein Arbeitshaus und keine Armenschule. Wichern ging es um freie Liebest\u00e4tigkeit. Die Brechung des widerst\u00e4ndigen Willens durch \u00e4u\u00dfere Zwangsmittel, durch Wegsperren, Strafen, milit\u00e4rische Disziplin \u2013 das war nicht seine Sache. Aber auch er setzte auf klare Regeln, Strukturen und Kontrollen. Liebe ohne \u201eZucht\u201c war f\u00fcr ihn nicht denkbar &#8211; so wenig wie Zucht ohne Liebe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie er sich die Liebe vorstellte, zeigte sich im Aufnahmeritual. Wenn das neu aufgenommene Kind gebadet und eingekleidet war, sprach ihm der Vorsteher unter vier Augen das Vergebungswort zu: \u201eMein Kind, dir ist alles vergeben. Sieh um dich her, in was f\u00fcr ein Haus du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel &#8211; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht; du magst sie zerrei\u00dfen, wenn du kannst; diese hei\u00dft Liebe und ihr Ma\u00df ist Geduld.\u201c<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rauhen Haus wurde keiner eingesperrt. Aber wie passt es zur Freiheit, dass die Liebe als Kette beschrieben wird? Was gro\u00dfz\u00fcgig sein soll, kommt hier doch von oben herab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich muss noch weiter zur\u00fcck &#8211; zu dem, mit dem wirklich alles anfing. Zu Jesus. Um seinetwillen bin ich noch immer in meiner Kirche unterwegs. Er sei von ganz oben gekommen, schreibt Paulus einmal, und sei sich doch nicht zu schade gewesen, ganz menschlich zu sein.&nbsp; Ja, er hat sich ausdr\u00fccklich mit den Kleinsten und Verachteten identifiziert. Ich bin sicher, auch mit den Kindern aus den Internaten in Kanada und in Hamburg, mit den M\u00e4dchen aus den Magdalenenheimen \u2013 schlie\u00dflich wurde er am Ende selbst als Fremder aus der Stadt getrieben, als Verbrecher gekreuzigt. Wie konnte es passieren, dass man Jesus zur Leitfigur f\u00fcr tausendfachen Machtmissbrauch gemacht hat, zur \u201eRute\u201c, mit der andere gedem\u00fctigt wurden? Ich sch\u00e4me mich f\u00fcr meine Kirche, meine Diakonie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Missionsschulen und Magdalenenheime sind geschlossen, an die Stelle der F\u00fcrsorgeheime sind Familien- und Wohngruppen getreten. Geblieben sind die Gr\u00e4ber, die verst\u00f6renden Akten &#8211; und die Erinnerungen. Wer dabei war, kann ein Leben lang nicht vergessen, was geschehen ist. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Opfer. Ich denke dabei an die Rosenschwester in Kaiserswerth &#8211; so nannte man die alte Diakonisse, die immer die hellblaue Sommertracht trug. Sie hatte in einem der M\u00e4dchenheime gearbeitet und war zutiefst verst\u00f6rt. Wenn sie nicht in therapeutischer Behandlung war, n\u00e4hte sie kleine Puppen, sch\u00f6n wie die von K\u00e4the Kruse. Und sie verschenkte Rosen an jeden, der ihr begegnete. Vielleicht war das ihre Art um Vergebung zu bitten, habe ich manch-<br>mal gedacht. Oder einfach zur\u00fcck zu finden zur bedingungslosen Liebe?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es gilt das gesprochene Wort.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, Samstag, 9. Juli 2022, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Forever Young?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es sind die Augen. Die Augen wirken nicht lebendig, das tr\u00fcbt den Eindruck. Es liegt immer an den Augen, ob digitale Abbilder lebensecht erscheinen. Damit schl\u00e4gt sich ganz Hollywood herum, seit bald 20 Jahren. Und nun auch ABBA.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende Mai gab es nach 40 Jahren endlich ein Wiedersehen mit der schwedischen Kultband. Nach f\u00fcnf Jahren Produktionszeit feierte &#8222;Abba Voyage&#8220; Weltpremiere. Und schon in der ersten Woche r\u00fcckte das Album auf Platz 1 der Charts. In der Konzertshow standen allerdings nicht die leibhaftigen Bandmitglieder auf der B\u00fchne, sondern ihre &#8222;Abba-tare&#8220; \u2013 voll animierte, digital verj\u00fcngte Versionen im Siebzigerjahre-Look. Das Publikum war au\u00dfer sich vor Begeisterung, man tanzte und klatschte mit. Die Musik ist zeitlos \u2013 forever young. Frida singt \u201eFernando\u201c, sie sieht aus wie Frida, aber sie ist nicht Frida. Wer genau hinschaut, merkt: Ihren Augen fehlt der Glanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist auch Bennys virtuelle B\u00fchnenrede. Da spricht der Antreiber im \u201eVoyage\u201c-Projekt \u00fcber das digitale Ich: \u201eSein oder Nichtsein, das hat jetzt keine Bedeutung mehr\u201c, meint er. Wir k\u00f6nnten unser Leben ins Digitale verl\u00e4ngern \u2013 ich f\u00fcrchte, das ist eine Illusion. Frida ist inzwischen 74, aber ihr digitales Ich ist noch immer 29. Gefangen in einem alten, jungen K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus alten Fotos, Videos und Tonaufnahmen lassen sich inzwischen auch Verstorbene ins Leben zur\u00fcckrufen- ins digitale Leben. Wir k\u00f6nnen uns virtuell mit ihnen treffen, uns austauschen und beraten. Was w\u00fcrden unsere Eltern zu dieser oder jener Entscheidung sagen? Was w\u00fcrde mein Bruder dazu meinen? Aber wissen wir das nicht l\u00e4ngst? Hinter den Ratschl\u00e4gen stehen doch nur die Erfahrungen von gestern. Das digitale Gespr\u00e4ch mit unseren Verstorbenen ist am Ende ein Gespr\u00e4ch mit unserer Vergangenheit \u2013 ohne Entwicklung in der Gegenwart. Soll mein Leben stehenbleiben bei denen, die schon gegangen sind? Ich mag nicht in einem Museum leben. Trotz aller Trauer will ich doch weitergehen &#8211; in der Hoffnung, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben bei Gott. Ich m\u00f6chte nicht von der Jugend der 70er tr\u00e4umen, sondern mit den Jungen von heute ins Gespr\u00e4ch kommen. Ihre Musik entdecken, verstehen, welche Sorgen sie haben. Ich will mit anderen diskutieren, wie wir die aktuellen Herausforderungen bew\u00e4ltigen. Ich hoffe, ich bleibe neugierig auf das, was noch kommt. Gute Zeiten und schlechte Zeiten. Ich will darauf vertrauen, dass wir Menschen die Kraft haben, damit umzugehen. Dass wir uns ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, weil wir keine Avatare sind. Weil wir mehr sind als das, was wir aus uns selbst gemacht haben. Was war und was kommt, alle meine Zeiten stehen in Gottes H\u00e4nden, hei\u00dft es in einem Psalmgebet. ( Ps. 31).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlter ist nichts f\u00fcr Feiglinge\u201c, hat der Schauspieler Joachim Fuchsberger gesagt. Ob Frida ihre Tournee live durchhalten w\u00fcrde, wissen wir nicht. Die Rolling Stones m\u00fcssen jedenfalls viel trainieren, um ihre Konzerte noch durchzuhalten. Ihren faltigen Gesichtern sieht man an, wieviel Jahre Erfahrung sie mitbringen. Keith Richards ist nicht forever young, aber er ist ganz da, ganz lebendig. Und alles andere als feige. Der Tag wird kommen, wo er nicht mehr auf der B\u00fchne steht \u2013 ein Avatar wird ihn kaum ersetzen k\u00f6nnen. Und auch f\u00fcr mich kommt der Tag, an dem ich mich stellen muss. Meiner Verletzlichkeit, meiner Endlichkeit, meinen Grenzen. Immerhin: Frida, Benny, Agnetha und Bj\u00f6rn waren bei der Premiere auch leibhaftig da. Sie haben ihre Abba-tare selbst vorgestellt. Erstaunt, neugierig und ein bisschen skeptisch schauten sie in diesem Moment zur\u00fcck auf die, die sie mal waren. Ein vergangenes Ich, eine vergangene Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>So auf das Leben zu sehen, das Vergangene loszulassen, das ist eine Kunst. Die Psychologin Verena Kast sagt, wir m\u00fcssten lernen, abschiedlich zu leben. Uns nicht zu klammern an das, was wir waren oder was wir hatten, auch nicht an unsere Verstorbenen. Das Vergangene hinter uns lassen und aufbrechen zu neuen Ufern. Uns in die Augen schauen, so lange es eben geht. Genau darum geht es auch beim Altern. Auch, wenn wir erst 40 sind \u2013 oder 29.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, Freitag, 8. Juli 2022, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Dem Rad in die Speichen fallen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte ich nur kurz noch einmal nachgesehen, dann w\u00e4re das nicht passiert. Da steht sie, eine junge Frau, und klagt sich selbst an. Ein demenzkranker Mann ist gestorben, weil er unter der Bettdecke keine Luft mehr bekommen hat. W\u00e4re sie blo\u00df noch einmal ins Zimmer gegangen. Aber an diesem Abend leuchteten \u00fcberall auf dem Flur die roten L\u00e4mpchen. Die junge Frau ist Auszubildende im Krankenhaus. Eigentlich sollte sie nicht die Verantwortung tragen f\u00fcr das, was auf Station passiert. Aber sie waren eben knapp an Personal \u2013 wieder einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie steht in einer gro\u00dfen K\u00f6lner Kirche \u2013 vorn am Lesepult . Der richtige Platz, um von den Menschen zu reden, die in den Kliniken und Pflegeinrichtungen allein gelassen werden. Da kann man nur noch schreien, klagen oder um Erbarmen bitten. Vorn im Chor sehe ich den Gekreuzigten in seiner Not. Und im Kirchenschiff dicht an dicht Kolleginnen und Kollegen der jungen Frau. Sie alle haben das Gef\u00fchl, dass niemand sie h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit neun Wochen streiken sie nun, die Pflegenden an den sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen. Sie streiken f\u00fcr ihren Tarifabschluss, vor allem aber um bessere Arbeitsstrukturen. Diese Woche wurde wieder verhandelt. Der Gewerkschaft geht es nicht nur um h\u00f6heren Lohn; sie will eine Mindestbesetzung je Schicht und Station. Damit es nicht zu lebensgef\u00e4hrlichen Situationen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Einigung ist schwierig. Aber ein l\u00e4ngerer Streik sei den Patientinnen und Patienten nicht zuzumuten, meinen die Arbeitgeber. Ich verstehe das. Auch deshalb sieht das kirchliche Arbeitsrecht einen Streik gar nicht vor. Doch Personalmangel und Defizite in der Betreuung gibt es auch in den kirchlichen H\u00e4usern. Dar\u00fcber muss offen gesprochen werden. Seit vielen Jahren wird der Pflegenotstand beklagt, bessere Bezahlung gefordert und attraktivere Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Pflege ist systemrelevant &#8211; w\u00e4hrend der Pandemie war das jedem klar. Seitdem ist nicht viel passiert &#8211; au\u00dfer der Corona-Pr\u00e4mie. Es ist h\u00f6chste Zeit, dem Rad in die Speichen zu fallen, statt die Karre immer weiter in den Dreck fahren zu lassen. L\u00e4ngst haben <\/p>\n\n\n\n<p>viele Pflegende den Beruf verlassen, weil sie keine Hoffnung mehr hatten. Zu wenig Personal, Coronavirus und Urlaub &#8211; ganze Stationen m\u00fcssen jetzt geschlossen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sind wir mitten im demographischen Wandel und immer mehr auf Pflege angewiesen. Die Babyboomer gehen in Rente \u2013 auch in der Pflege. Der Arbeitskr\u00e4ftemangel ist un\u00fcbersehbar geworden &#8211; im Handwerk, am Flughafen, im Supermarkt \u2013 und auch bei Erzieherinnen und Pflegern. Und eine L\u00f6sung ist nicht in Sicht. Mehr Robotik, mehr Digitalisierung, bessere Bildung, mehr Migration? Und mehr Selbermachen? Das alles wird inzwischen diskutiert. Die Ahnung wird immer mehr zur Gewissheit: wir m\u00fcssen alle lernen, mit Mangel umzugehen &#8211; nicht nur bei Strom, Gas und Benzin. Mit dem \u00dcberfluss scheint es vorbei zu sein. Ich f\u00fcrchte, das gilt auch f\u00fcr das Gesundheitssystem. F\u00fcr die Leistungen der Kassen, f\u00fcr Medikamente, OPs. Wir werden unsere Anspr\u00fcche herunterschrauben und uns daran gew\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur an einen Mangel an Empathie will ich mich nicht gew\u00f6hnen. Schon gar nicht gegen\u00fcber Kranken und Sterbenden. Es ist gut, dass die Pflegenden das auch nicht wollen. Niemand darf das von ihnen verlangen. Doch immer mehr sprechen vom \u201emoral hazard\u201c \u2013 der Gefahr, dass Pflegende und \u00c4rztinnen ihren Arbeitsalltag mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren k\u00f6nnen. Weil ihre Arbeit der Berufsethik nicht mehr entspricht. Und es geh\u00f6rt zur Berufsethik der Pflege, keinen Menschen allein zu lassen. Nicht gleichg\u00fcltig bleiben, nicht weiter hetzen m\u00fcssen \u2013 sondern stehen bleiben, wo Not ist. Wie der barmherzige Samariter. Mehr noch: Die Werke der Barmherzigkeit sind eine entscheidende Grundlage f\u00fcr das Miteinander in unserer Gesellschaft. Wenn diese Grundlage bricht, geht mehr zu Grunde, als mit Geld wieder gut zu machen ist. Deshalb bin ich froh, dass diese Gewerkschaftsversammlung in einer Kirche stattfand.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind gefragt. Mit unserem Engagement und mit unserer F\u00fcrbitte. Und auch als gutes Beispiel in unseren diakonischen Einrichtungen. Diskutieren Sie mit, auf Facebook unter \u201eEvangelisch im Deutschlandradio\u201c.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/a-mp3-3.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Donnerstag, 7. Juli 2022, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die letzte Generation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Blockade an der Berliner Autobahn. Junge Leute haben den Verkehr lahmgelegt. In roten Warnwesten sitzen sie auf der Stra\u00dfe. Manche haben sich mit den H\u00e4nden auf dem Asphalt festgeklebt. Ich bekomme schon Panik bei der Vorstellung. Autofahrer f\u00fcrchten, zu sp\u00e4t zur Arbeit zu kommen \u2013 oder zu einem Arzttermin. Sie hupen, werden handgreiflich, einer tritt \u2013 bis endlich der Notarzt kommt und die H\u00e4nde von der Fahrbahn l\u00f6st, hat die Polizei viel zu tun. Warum macht man sowas?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der \u201eAufstand der letzten Generation\u201c. Das Netzwerk ist \u00fcberzeugt, dass wir die letzten sind, die verhindern k\u00f6nnen, dass die Erde unbewohnbar wird. Sie haben errechnet, dass wir die beschlossenen Klimaziele l\u00e4ngst nicht mehr rechtzeitig erreichen. Aber \u201edarauf zu vertrauen, dass Publikationen, Vortr\u00e4ge, Talkshow-Auftritte, Klimakonferenzen, Petitionen die Wende bringen \u2013 das ist str\u00e4flicher Leichtsinn\u201c, sagt mir ein Geologe. All die dramatischen Kurven, die Klimakarten mit den roten Hitzezonen erreichten die Menschen nicht. Nur ziviler Ungehorsam k\u00f6nne zum Umdenken f\u00fchren. Klar, das sei strafbar, auch schmerzhaft \u2013 aber es lohne. Das zeigten die Suffragetten, Martin Luther King, Mahatma Gandhi.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat denn niemand Angst, dass die Situation eskaliert? Wir stehen ohnehin vor einer Eskalation, sagt der Geologe. Wenn die Sommerhitze, die \u00dcberschwemmungen und die D\u00fcrre weiter zunehmen, kommen ganz neue Probleme auf uns zu. Die W\u00fcsten wachsen, der Hunger nimmt zu. Die Migrationskrisen der letzten Jahre werden nichts sein gegen die, die noch kommen. &nbsp;Der Wohnraum, die Nahrungsmittel w\u00fcrden nicht reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich habe ich apokalyptische Bilder vor Augen. Prallende Sonne \u00fcber ver\u00f6deten St\u00e4dten. Schiffe im Suez, die ihre Ladung nicht mehr loswerden. Die n\u00e4chste Flutkatastrophe, die ganze D\u00f6rfer unter sich begr\u00e4bt. Migrantenboote, die im Mittelmeer untergehen. Und junge Leute, die sich mit ihren Computerterminals in verlassene Bergd\u00f6rfer zur\u00fcckgezogen haben, um den Kapitalismus zu stoppen, wie die Autorin Sibille Berg erz\u00e4hlt. Auch in ihrem Roman geht es um das letzte Aufb\u00e4umen der Menschheit. Wir leben in einer apokalyptischen Epoche \u2013 jede Menge Filme und B\u00fccher erz\u00e4hlen vom kommenden Untergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der ersten schrieb Johannes, der auf der Insel Patmos im Exil lebte. Seine Bilder sind unvergessen. Das Buch mit den sieben Siegeln, die Posaunen des Gerichts und die apokalyptischen Reiter. &nbsp;Aber Johannes erz\u00e4hlt auch von der Stadt mit den zw\u00f6lf Toren, die Menschen von \u00fcberall her aufnimmt \u2013 aus Ost und West, von Nord und S\u00fcd. Die Stadtmauer leuchtet in allen Farben des Regenbogens. Und in der Mitte steht kein Palast und kein nationales Parlament, auch kein Tempel und keine Kirche \u2013 in der Mitte sitzt das verwundete Lamm auf dem Thron. Der Gefolterte, der Gekreuzigte. Von ihm geht alle Hoffnung aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal werden die W\u00fcsten wieder zu G\u00e4rten. Schwer zu glauben \u2013 ich wei\u00df. Darum stecken manche lieber den Kopf in den Sand und machen einfach weiter wie gehabt. Manche hoffen, dass neue Techniken uns retten, andere tr\u00e4umen sich zur\u00fcck in die vorindustrielle Welt. Und einige versuchen eben immer verzweifelter, die Politik zum entschiedenen Handeln zu bewegen \u2013 wie die letzte Generation.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo scheinbar alles auf den Abgrund zul\u00e4uft, erz\u00e4hlt Johannes vom Reich Gottes. Das ist keine virtuelle Welt wie das Metaversum. Hier werden die blutigen Kleider gewaschen, die Tr\u00e4nen getrocknet. Wenn alles chaotisch wird, stelle ich mir vor, was Johannes sieht: &nbsp;Das verletzte Tier, die geschundene Erde &#8211; und die H\u00fctte Gottes bei den Menschen. Die menschliche Stadt. Und dann wei\u00df ich: Wer Vertrauen hat, kann tun, was n\u00f6tig ist. Wie die jungen Leute, die den Plastikm\u00fcll aus den Meeren sammeln. Die Wissenschaftlerinnen, die Samenbanken f\u00fcr Pflanzen und Getreide anlegen. Die Mutigen, die mit Notarztteams in die Ukraine gehen. Und die Freiwilligen von der Seenotrettung, die Gefl\u00fcchtete aus dem Mittelmeer retten. Das sind die Aktivisten, die mir Hoffnung machen \u2013 sie lassen mich an die neue Erde glauben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Mittwoch, 6. Juli 2022, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Neue Kleider \u2013 Menschenw\u00fcrde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/a-mp3-2.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Gleich neben dem Caf\u00e9 im Kirchenladen gibt es eine Kleiderkammer. Vor Jahren, als ich dort arbeitete, war das ein richtig sch\u00f6ner Second-Hand-Laden, fast schon ein Vintage-Shop. Was es da f\u00fcr wenig Geld zu kaufen gab, war ganz moderne, hochwertige Kleidung. Gespendet meist von einem B\u00fcrgerclub aus der Nachbarstadt. Wie gro\u00df die Chance war, dort etwas Schickes zu finden &#8211; man sah es an den Gesichtern, wenn die Kunden ins Caf\u00e9 zur\u00fcckkamen. Aufrecht, mit geradem R\u00fccken. Auch den Ehrenamtlichen, die dort arbeiteten, machte es Spa\u00df. Ich erinnere mich an eine arbeitslose Schuhverk\u00e4uferin, die einfach wusste, was zu wem passte. Sie hatte einen Blick f\u00fcr die Menschen, zog die richtigen Blazer oder Shirts aus dem Regal und zauberte damit dieses L\u00e4cheln auf die Gesichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser Frau habe ich \u00fcber die Jahre gelernt, was es wirklich bedeutet, einen Menschen zu kleiden. Es geht um Sch\u00f6nheit und W\u00fcrde. Darum, dass ein Mensch sich selbst annehmen kann. \u00c4u\u00dferlich, aber eben auch innerlich. Mich hat das an die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn erinnert. Der hatte gro\u00dfe Tr\u00e4ume gehabt, war dann aber tief gesunken &#8211; am Ende lebte er auf der Stra\u00dfe. Schlie\u00dflich hat er nur noch eine einzige Hoffnung; er geht nach Hause zur\u00fcck \u2013 zu dem Vater, dessen Erbe er durchgebracht hat. Ich sehe ihn vor mir in seiner zerrissenen Kleidung, den R\u00fccken gebeugt. Aber der Vater erkennt ihn sofort, er l\u00e4uft ihm entgegen und umarmt ihm. Und dann l\u00e4sst er ihn neu einkleiden &#8211; ein teurer Anzug, neue Schuhe. Ich stelle mir vor, wie der Gebeugte, der verlorene Mensch sich aufrichtet, zu sich selber findet, sehe das L\u00e4cheln auf seinem Gesicht. F\u00fcr die Bibel symbolisiert die Kleidung den Menschen, der sie tr\u00e4gt. Zieht den neuen Menschen an, schreibt Paulus einmal, als es darum geht, als Christ, als Christin zu leben. Wir k\u00f6nnen einander dabei unterst\u00fctzen. Es f\u00e4ngt damit an, dass wir die anderen mit neuen Augen sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kassel auf der Documenta-Kunstausstellung findet sich \u2013 mitten im Gr\u00fcnen gleich an der Orangerie &#8211; eine riesige Wand aus alten Stoffballen. M\u00fcll, den das Nest-Collectiv aus Kenia nach Europa gebracht hat &#8211; unter dem Motto &#8222;Return to Sender&#8220;. Es ist nur ein winziger Bruchteil der Massen von Kleidern, Hosen, Jacken, die wir hier Tag f\u00fcr Tag aussortieren und in Container werfen. Nicht als Abfall, sondern einfach, weil sie nicht mehr passen, nicht mehr modisch sind. Wenn ich das selbst nicht mehr tragen kann oder will, sollen wenigstens andere etwas davon haben. Eigentlich ein guter Gedanke. Doch l\u00e4ngst ist ein riesiger industrieller Kreislauf entstanden: Allein in Deutschland werden j\u00e4hrlich 100 Millionen \u00fcberfl\u00fcssige Kleidungst\u00fccke produziert &#8211; f\u00fcnfmal im Jahr f\u00fcr eine neue Saison. Auf schnellen Verbrauch hin kalkuliert und meist schnell verschlissen. 40 Prozent der Container-Kleidung ist nicht mehr tragbar, wenn sie in den armen L\u00e4ndern ankommt. Der Rest zerst\u00f6rt Bekleidungsindustrie und Handwerksbetriebe dort. Mit den gebrauchten Jeans f\u00fcr einen Dollar kann dort niemand konkurrieren. Also tr\u00e4gt man im globalen S\u00fcden die abgelegten Kleider des Nordens. Fast Fashion, schon am Anfang der Lieferkette zu niedrigen L\u00f6hnen in Ostasien produziert, beherrscht den weltweiten Markt. Das Nest-Collectiv, das die Stoffballen zur documenta nach Kassel gebracht hat, f\u00fchrt allen die ganze Wahrheit vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es gibt auch eine Gegenbewegung und das Kollektiv ist Teil davon. Aktivistinnen, Designerinnen, Schneiderinnen in Kenia und hier haben selbst angefangen, alte Kleider zu recyclen \u2013 in Schneiderwerkst\u00e4tten, f\u00fcr die Wochenm\u00e4rkte, inzwischen auch mit neuen Modelabels. Aus alt und neu entstehen phantasievolle Patchworkkleider. Ganz individuelle Kleidungsst\u00fccke &#8211; wer sie tr\u00e4gt, erz\u00e4hlt etwas \u00fcber die eigene Herkunft und die eigenen Tr\u00e4ume. Solche Schneiderwerkst\u00e4tten gibt es inzwischen auch bei uns. Auch so k\u00f6nnen wir einander helfen, zu uns selbst zu finden \u2013 man braucht nur Sensibilit\u00e4t, handwerkliches Geschick, einen kritischen Blick auf unsere Zeit \u2013 und einen Glauben, der in dem anderen mehr sieht, als jetzt vor Augen ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/a-mp3-1.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Dienstag, 5. Juli 2022, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Lumbung \u2013 genug f\u00fcr Alle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Kassel auf der Documenta 15 steht eine nachgebaute Reisscheune. \u00dcber dem Flechtwerk des Dachs ist der blaue Himmel zu sehen. In solchen Scheunen lagert man die \u00fcbersch\u00fcssige Ernte, damit auch noch am Ende des Winters alle zu essen haben.&nbsp; Sorge f\u00fcr das Gemeinwohl &#8211; Lumbung ist der indonesische Begriff daf\u00fcr. Er geh\u00f6rt zu den Schl\u00fcsselworten der Kasseler Kunstausstellung. Die Documenta-Macher und Macherinnen sprechen von der \u201ealternativen \u00d6konomie der Kollektivit\u00e4t\u201c. Wo die Ressourcen gerecht verteilt werden hei\u00dft das, werden auch tragf\u00e4hige Netzwerke f\u00fcr die Menschen gekn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Was es bedeutet, wenn der Wohlstand ungleich verteilt ist, das sp\u00fcren wir gerade: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer. Die Sorge w\u00e4chst, dass am Ende eben nicht mehr alle auskommen. &nbsp;&nbsp;Besonders deutlich wird das an den Tafeln. Bei 960 Tafeln in Deutschland retten die Engagierten \u00fcbersch\u00fcssige, noch immer einwandfreie Lebensmittel und verteilen sie an Menschen, die in Not sind. Pro Jahr sind es rund 265.000 Tonnen Lebensmittel, die an \u00fcber 1,6 Millionen Menschen weitergegeben werden. Ehrenamtlich, mit viel Herz und Spa\u00df. Aber die \u00dcbersch\u00fcsse der Superm\u00e4rkte sind nicht mehr so gro\u00df wie gewohnt. Die Energiepreise steigen, es wird teurer, Waren zu transportieren \u2013 viele m\u00fcssen l\u00e4ngst sparen und so bleibt weniger \u00fcbrig f\u00fcr die Tafeln. Dabei steigt die Zahl der Bed\u00fcrftigen: Rentnerinnen, Familien mit kleinen Kindern, Hartz-4-Empf\u00e4nger und Gefl\u00fcchtete aus der Ukraine. Sie stehen schon fr\u00fchmorgens in der Warteschlange. Die Ehrenamtlichen an den Tafeln warnen: Sie k\u00f6nnen schon jetzt nicht mehr so viel geben, wie wirklich gebraucht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer schon mal im Nahen Osten war, wei\u00df, wie schnell es da dunkel wird. Es dauert oft nur eine halbe Stunde, bis \u00fcber dem sonnigen Nachmittag die Nacht hereinf\u00e4llt. So muss es auch an dem Abend gewesen sein, als Jesus mit ein paar Tausend Leuten in der W\u00fcste war. Er hatte sie mit seinen Vortr\u00e4gen begeistert; die Zeit war vergangen wie im Flug. Jetzt wurde es Abend an diesem unwirtlichen Ort. Die Leute brauchten Essen, Trinken, Schlafpl\u00e4tze. Es war h\u00f6chste Zeit.&nbsp; W\u00e4hrend sie noch diskutierten, was zu tun war, sagt Jesus pl\u00f6tzlich wie selbstverst\u00e4ndlich: \u201eGebt Ihr Ihnen zu essen\u201c. Fangt einfach an. Tut, was ihr k\u00f6nnt. &nbsp;Bringt mir, was Ihr habt \u2013 dann werden wir sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das Prinzip Lumbung. Erstaunlich &#8211; am Ende reichen die Vorr\u00e4te f\u00fcr alle. Von dem \u00dcberfluss der einen werden die anderen satt. Viele, die bei den Tafeln mitmachen, haben es genauso gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt aber reicht es nicht mehr \u2013 weder f\u00fcr die Armen hier noch in den Hungerregionen der Welt. Zeit, den Riss anzuschauen, der unsere Gesellschaft zerrei\u00dft, der unsere Welt zerrei\u00dft. Es kann nicht angehen, dass gerade jetzt in der Krise einige wenige immer reicher werden, w\u00e4hrend ein F\u00fcnftel der Gesellschaft vom eigenen Job nicht mehr leben kann. Es kann doch nicht sein, dass Russland den Weizen aus der Ukraine wegkarrt, w\u00e4hrend in Afrika ganze Regionen hungern. Es darf doch nicht sein, dass t\u00e4glich 17.000 Tonnen Raps- und Sonnenblumen\u00f6l in Europas Auto-Motoren verbrannt werden (1).<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand m\u00fcsste an Hunger sterben. Niemand m\u00fcsste wegen der Mangelern\u00e4hrung krank werden. Es ist genug f\u00fcr alle da. Tats\u00e4chlich haben aber nicht nur die Armen Angst, zu kurz zu kommen \u2013 auch die, denen es im Weltma\u00dfstab gut geht, f\u00fcrchten um Wachstum und Wohlstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu hat Jesus auch eine Scheunengeschichte erz\u00e4hlt. Die Geschichte vom reichen Kornbauern, dem seine Scheunen zu klein geworden waren. Er tr\u00e4umte davon, Vorrat zu lagern f\u00fcr viele Jahre \u2013 nicht nur f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter. Er tr\u00e4umte den Traum von \u201eWachstum bringt Wohlstand\u201c. So lie\u00df er die alte Scheune abrei\u00dfen und investierte in eine gr\u00f6\u00dfere. \u201eAber Gott sprach zu ihm: \u201aDu Narr\u2018!\u201c, hei\u00dft es in der Bibel. \u201eWenn du diese Nacht stirbst \u2013 wem geh\u00f6rt dann, was du angeh\u00e4uft hast?\u201c Ein Virus gen\u00fcgt oder ein Kriegsausbruch \u2013 und pl\u00f6tzlich ist sp\u00fcrbar, wie zerst\u00f6rerisch unsere Egomanie ist. Die Zukunft gewinnen wir nur gemeinsam. Und mit Lumbung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Weitere Informationen zum Thema:<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-documenta-fifteen wp-block-embed-documenta-fifteen\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"erF3e8CAVA\"><a href=\"https:\/\/documenta-fifteen.de\/lumbung\/\">lumbung<\/a><\/blockquote><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;lumbung&#8220; &#8211; documenta fifteen\" src=\"https:\/\/documenta-fifteen.de\/lumbung\/embed\/#?secret=DUTfMvpXzy#?secret=erF3e8CAVA\" data-secret=\"erF3e8CAVA\" width=\"600\" height=\"338\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Literaturangaben:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/auto\/biodiesel-und-nahrungsmittelkrise-19-millionen-flaschen-sonnenblumenoel-landen-in-autotanks-taeglich-a-2e83f5f8-0471-4db6-a072-5e9481bd3253\">https:\/\/www.spiegel.de\/auto\/biodiesel-und-nahrungsmittelkrise-19-millionen-flaschen-sonnenblumenoel-landen-in-autotanks-taeglich-a-2e83f5f8-0471-4db6-a072-5e9481bd3253<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/a-mp3.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Montag, 4. Juli 2022, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Brunnen der Ersch\u00f6pfung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war die H\u00f6lle, unter Raketenbeschuss aus meiner Heimatstadt zu fliehen.\u00bb Das sagt der ukrainische K\u00fcnstler Pavlo Makov \u00fcber seine Flucht aus Charkiw. Die zweitgr\u00f6sste Stadt der Ukraine war eine Kunstmetropole. Und Pavlo Makov war einer der bekanntesten K\u00fcnstler dort. Mit seinen Radierungen, Drucken und Zeichnungen, mit Skizzen und Skulpturen hat er der Stadt ein Gesicht gegeben. Nun vertritt er sein Land auf der Biennale in Venedig.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war schon lange eingeladen, seine Skulptur zu pr\u00e4sentieren &#8211; \u201eBrunnen der Ersch\u00f6pfung\u201c hei\u00dft sie. Aber als die ersten russischen Bomben in Charkiw einschlugen war nicht klar, ob nach dem K\u00fcnstler auch seine Kunst aus dem Kriegsgebiet herauskommt. Die 78 Trichter der Wasserinstallation vom \u201eBrunnen der Ersch\u00f6pfung\u201c lagen bei Kriegsausbruch noch in der Ukraine, erz\u00e4hlt Maria Lanko, die Kuratorin des ukrainischen Pavillons: &#8222;Wir haben begonnen, unser Lager zu r\u00e4umen, als der Krieg nahte&#8220;. Die Trichter konnten sie in drei Kisten unterbringen. Die passten in ein Auto. Maria Lanko war selbst so mutig, sich ans Steuer zu setzen. So brachte sie das Kunstwerk durch den Beschuss \u00fcber die Grenze nach Polen und von dort nach Venedig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Brunnen der Ersch\u00f6pfung ist eine Metapher f\u00fcr den Zustand der Ukraine. Durch die 78 Trichter der Installation flie\u00dft Wasser die Wand hinunter \u2013 oben noch reichlich, unten immer weniger, bis es am Schluss nur noch tr\u00f6pfelt. Es ist aber auch eine Metapher f\u00fcr den Zustand unserer Welt \u2013 ersch\u00f6pft von Social Media, Fake News und der Pandemie. Das Kunstwerk symbolisiere auch die Ersch\u00f6pfung demokratischer Gesellschaften, meint Pavlo Makov. Die Gesellschaften seien nicht darauf vorbereitet, sich zu sch\u00fctzen. Bis zum Kriegsbeginn sei die Skulptur eine Warnung gewesen. Jetzt aber sei es ein Statement. Kunst \u201eist keine Medizin gegen die Krankheiten der Gesellschaft\u201c, sagt Makov. \u201eAber eine Diagnose und ein Gegengift\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hilft bei Ersch\u00f6pfung, \u00dcberforderung und Leere? Ich denke an einen Brunnentrog in den Bergen: Wie gut es tut, das eiskalte Wasser mit den H\u00e4nden ins Gesicht zu sch\u00f6pfen. Oder die \u00fcberlaufenden Brunnenschalen auf dem sommerlichen Marktplatz &#8211; die spielenden Kinder, die darin plantschen. Mir f\u00e4llt auch ein Brunnenprojekt im Sudan ein \u2013 das Gl\u00fcck in den Augen der M\u00e4dchen, die das Wasser nun nicht mehr kilometerweit schleppen m\u00fcssen. Und dann die Bibel: Sie erz\u00e4hlt von dem Dorfbrunnen, an dem Isaak und Rebekka sich zum ersten Mal treffen. Und von dem Brunnen, den Isaaks Vater Jakob gebaut haben soll &#8211; bei Nablus im heutigen Pal\u00e4stina.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Brunnen soll Jesus einer samaritanischen Frau begegnet sein; sie kam mit ihrem Krug, um Wasser zu sch\u00f6pfen. Jesus hatte kein Gef\u00e4\u00df, mit dem er sch\u00f6pfen konnte, und der Brunnen war tief. Als er die Frau um Wasser bittet, weicht sie einen Schritt zur\u00fcck \u2013 es gibt keine Gemeinschaft zwischen Juden und Samaritanern. Aber Jesus l\u00e4sst sich nicht beirren, im Gegenteil: \u201eWenn du w\u00fcsstest, wer hier vor dir steht und dich um Wasser bittet &#8211; Du w\u00fcrdest ihn bitten. Er k\u00f6nnte dir lebendiges Wasser geben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Lebendiges Wasser. Ein Gegenmittel gegen die Leere unseres Lebens, denke ich. \u201eKeine Medizin gegen die Krankheiten der Gesellschaft\u201c, aber eine Diagnose und ein Gegengift.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Jesus da am Brunnen sagt, scheint zun\u00e4chst r\u00e4tselhaft, aber dann kommen die beiden auf das Leben der Frau zu sprechen. Ihre Sehnsucht, geliebt zu werden, ihre Erfahrung von Vergeblichkeit und Verlassenwerden. Viele Beziehungen &#8211; aber keine, die hielt. Sie muss sich f\u00fchlen wie der leere Krug, den sie tr\u00e4gt. \u201eWer aus diesem Brunnen trinkt, den wird immer wieder d\u00fcrsten\u201c, sagt Jesus. Und ich denke: Wir beuten die Energien der Erde aus, bis die Quellen leer sind. Wir zerst\u00f6ren unser Leben, weil das Streben nach immer mehr uns keine Ruhe l\u00e4sst. Mit unserer Gier treiben wir die Klimakatastrophe voran, bis das Wasser ausgeht. Wie beim Brunnen der Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u201elebendige Wasser\u201c, von dem Jesus spricht, \u201edas wird eine Quelle in dir selbst.\u201c Was f\u00fcr ein wunderbares Bild. Ein Gegenmittel gegen die Ersch\u00f6pfung, gegen die Leere unseres Lebens. \u201eKeine Medizin gegen die Krankheiten der Gesellschaft\u201c, aber eine Diagnose und ein Gegengift.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Weitere Informationen zum Thema:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/ttt\/sendung\/br\/biennale-venedig-2022-ukraine-100.html\">https:\/\/www.daserste.de\/information\/wissen-kultur\/ttt\/sendung\/br\/biennale-venedig-2022-ukraine-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Freitag, 12. November 2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Dem Schmerz Raum geben <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-normal-font-size\"><strong>Gedanken zur Woche am 12.11.2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jesus muss wirklich w\u00fctend gewesen sein. Wahrscheinlich hat er Schlimmes gesehen: Wie Kindern Gewalt angetan wird. Wie die Kleinen verachtet werden, die Schwachen mit F\u00fc\u00dfen getreten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da steht er im Kreis seiner J\u00fcnger, in ihrer Mitte ein Kind. Jesus hat es dahin gestellt, weil seine Anh\u00e4nger sich gerade gestritten haben: Wer denn der Gr\u00f6\u00dfte w\u00e4re, der Beliebteste bei Gott. Und Jesus zeigt auf das Kind: So muss man sein, um wirklich gro\u00df zu sein. So voll Vertrauen, voller Hoffnung auf das Leben. Aber wer dieses Vertrauen missbraucht, sagt Jesus jetzt \u2013 und er sagt es laut und heftig &#8211; wer ein solches Kind verf\u00fchrt und ihm Gewalt antut: Der tut mir selbst Gewalt an; der hat hier keinen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Woche hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland \u00f6ffentlich mit dem Schutz vor sexualisierter Gewalt besch\u00e4ftigt &#8211; &nbsp;auf der Synode in Bremen. Das Thema ist nicht neu \u2013 wahrhaftig nicht. Und es ist \u00fcberall virulent, wo Abh\u00e4ngigkeiten herrschen und Menschen eng miteinander zu tun haben. In Familien und Vereinen, in Theatern und Redaktionen. Und auch in den Kirchen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht mir besonders zu schaffen und es schmerzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange hat es so ausgesehen, als ginge es beim Thema Missbrauch vor allem um die katholische Kirche. Bei uns Protestanten gibt es ja keine Priester und kein Z\u00f6libat, keine Kl\u00f6ster und keinen Beichtstuhl. Bei uns, denkt man, ist alles weniger hierarchisch und mehr auf Augenh\u00f6he, solidarisch und oft freundschaftlich. Aber auch das kann gef\u00e4hrlich sein und zum Einfallstor der Verf\u00fchrung werden. Davon haben die Betroffenen bei der EKD-Synode anschaulich berichtet. Das hat wehgetan und viele besch\u00e4mt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der springende Punkt, meinte Prof. Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut, der springende Punkt ist, dass wir begreifen: Wir reden nicht nur \u00fcber die Vergangenheit der Kirche. Wir reden auch nicht \u00fcber die anderen. Wir reden \u00fcber uns selbst und unsere Gegenwart. Und wir sind nicht die Guten, wir sind nicht die Besseren \u2013 auch wenn wir das so gern w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2010 in Ahrensburg ein sogenannter Missbrauchsskandal aufgedeckt worden war &#8211; damals trat die Bisch\u00f6fin Maria Jepsen zur\u00fcck &#8211; wurden in den Landeskirchen Kommissionen eingerichtet und Beauftragte bestellt. An die tausend F\u00e4lle sexualisierter Gewalt wurden ermittelt und im Blick auf Entsch\u00e4digungen bearbeitet.&nbsp; Aber ein Gesamt\u00fcberblick \u00fcber Taten und T\u00e4terprofile fehlt bis heute. Nun will die Evangelische Kirche eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Strukturen des Missbrauchs in<strong>&nbsp;Gemeinden<\/strong>&nbsp;und Diakonie erforschen zu lassen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele Betroffene kommt das zu sp\u00e4t. Kein Wunder, dass sie bitter entt\u00e4uscht sind. Zumal der Betroffenenbeirat, den die EKD eingerichtet hatte, im Sommer nach verschiedenen Konflikten ausgesetzt worden war. Offenbar fehlte das Vertrauen. Mehr noch: Das klare Bekenntnis zur Betroffenenbeteiligung, wie Detlev Zander sagt, der selbst als Kind sexuelle Gewalt erlitten hat- in einem Heim der Br\u00fcdergemeinde. Unter diesen Umst\u00e4nden k\u00f6nnten sie niemandem zu einem kirchlichen Verfahren raten, sagen zwei andere. Letztlich fehle dem Beirat ein verantwortliches Gegen\u00fcber, das dem Schmerz und der Wahrheit standhielte. Und dass den Betroffenen Mitspracherechte fehlen, wo es doch um ihre Sache geht, das mussten auch Bisch\u00f6fe eingestehen. Viele waren ersch\u00fcttert. Es gab sehr pers\u00f6nliche Entschuldigungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mir ist klar geworden, wieviel sich \u00e4ndern muss. Im kirchlichen Recht, bei den Verfahren, bei der Unterst\u00fctzung der Betroffenen. Es geht um Geld, um Stellen, vor allem aber um unsere Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gemeindepfarrerin habe ich selbst erlebt, wie sehr sexuelle Gewalt noch immer ein Tabu ist. Aber Kinder und Jugendliche machen solche schlimmen Erfahrungen mitten unter uns. Und wer Macht hat, steht in der Gefahr, sie zu missbrauchen \u2013 auch in der Kirche. Um das zu begreifen und die notwendigen Schritte zu tun, brauchen wir die Stimme der Betroffenen. Es wird Zeit, sie \u00fcberall in die Mitte zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie mit mir dar\u00fcber sprechen m\u00f6chten: auf Facebook unter \u201eEvangelisch im Deutschlandradio\u201c. \/\/ \u2026<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Samstag, 30.10.2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Im Spiegel der Zeiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Morgenandacht-30.10.2021-1.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich fand es am B\u00fcchertisch eines Museums \u2013 als wir endlich wieder Museen besuchen konnten. Ausgehungert nach Kunst und neuen Perspektiven.&nbsp; Das kleine Buch trug den Titel \u201eBilder in der Pandemie\u201c. Unwillk\u00fcrlich griff ich zu: Welche Bilder machen sich K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen von dieser Zeit? Beim Bl\u00e4ttern entdecke ich: Das B\u00e4ndchen versammelt keine neuen Bilder. Es geht vielmehr um neue Blicke auf alte, bekannte Bilder. Es zeigt, wie Corona unseren Blick auf die Welt ver\u00e4ndert hat. Viel war ja in letzter Zeit von Corona als Brennglas die Rede, in dem man deutlicher sieht, wo die Br\u00fcche und Probleme liegen. Aber es geht um mehr:&nbsp; Wir deuten die Welt anders, sehen anders hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel auf den Judaskuss von Giotto \u2013 ein Gem\u00e4lde vom Beginn des 14. Jahrhunderts. Mit Farben und Linienf\u00fchrung lenkt der Maler den Blick in die Mitte des Bildes wie auf eine \u00fcberbelichtete Stelle \u2013 dahin, wo die Umarmung des Judas in einen \u00dcbergriff umschl\u00e4gt. \u201eDas Fresco zeigt den Augenblick vor dem toxischen Kuss. Wir werden zu Zeugen dieses Angriffs auf Jesu unterh\u00f6hlte Abwehrkraft\u201c, lese ich, &nbsp;und \u201ewir sehen die Folgen dieser verheerenden Infektion\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Seiten weiter eine Installation: zwei blaue Gummihandschuhe auf st\u00e4hlernen Attrappe. Sie rotieren, aber sie ber\u00fchren sich nicht. Eine Anspielung auf Michelangelos Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle. Der wei\u00dfhaarige Gottvater in seinem Himmel, der junge Adam auf der Erde \u2013 seine Hand reicht nicht hin\u00fcber. Social Distancing wie in der Pandemie. \u201eDie Hand kann den anderen nicht erreichen, nur von innen k\u00f6nnen wir uns dem anderen n\u00e4hern\u201c, schreibt der Philosoph Slavoj Zizek. Nur ein tiefer Blick in die Augen, meint er, k\u00f6nne eine intime Ann\u00e4herung offenbaren. Und so lenkt er meine Augen auf den Blickwechsel zwischen Adam und Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Faszinierend, wie eine neue Zeit alte Bilder neu deutet. So geht es ja nicht nur mit der Kunst. Auch unsere Geschichte interpretieren wir immer neu \u2013 wir erleben das gerade am Beispiel des Kolonialismus. Dabei entsteht dann die Frage, ob und wie weit wir die Vergangenheit mit heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben messen d\u00fcrfen \u2013 oder ob gerade dieser Blick etwa zu Tage f\u00f6rdert, was vorher den Blicken verborgen war.&nbsp; Die M\u00e4nner, deren Namen wir gerade von Stra\u00dfenschildern verbannen &#8211; handelten sie nicht nach den Ma\u00dfst\u00e4ben und Erwartungen ihrer Zeit? Ein entlastender \u2013 aber auch ein erschreckender Gedanke. Sind wir Gefangene unserer Zeit? Leben wir mit gehaltenem Blick, mit verstopften Ohren?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild\u201c, hat Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben. Und er wusste, wovon er sprach. Wie viele andere in seiner Zeit hatte er die Minderheit der Christinnen und Christen verfolgt, weil sie sich nicht unterordnen wollten. Er sei mit Blindheit geschlagen gewesen, hei\u00dft es in der Apostelgeschichte. Das wurde Paulus aber erst klar, als er Christus selbst begegnete &#8211; als er seine Stimme h\u00f6rte, warf es ihn um. Drei Tage lag er in tiefer Dunkelheit. \u201eWir sehen jetzt wie in einem Spiegel in einem dunklen Glas &#8211; dann aber von Angesicht zu Angesicht\u201c, schreibt er nach Korinth. Die unmittelbare Begegnung mit Jesus hat ihm die Augen ge\u00f6ffnet, hat alles ver\u00e4ndert.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders als wir, ist Jesus offenbar nicht in seiner Zeit gefangen.&nbsp; Das fasziniert mich. In einer Zeit, als Kinder nichts galten, stellt er die Kinder in die Mitte. Er nimmt sie auf den Scho\u00df, k\u00fcsst und segnet sie. In einer Zeit, als Frauen vollkommen abh\u00e4ngig von ihren V\u00e4tern, Br\u00fcdern, M\u00e4nnern waren, macht er sie zu seinen Sch\u00fclerinnen und wandert mit ihnen durchs Land. In einer Zeit, als Schuldsklaverei an der Tagesordnung war, erz\u00e4hlt er von dem Herrn, der seinen Knechten die F\u00fc\u00dfe w\u00e4scht. Das alles k\u00f6nnen wir bis heute nachlesen und es hat unsere Ma\u00dfst\u00e4be ver\u00e4ndert, ja, es hat die Zeiten ver\u00e4ndert. So ist er nicht jenseits der Zeit, aber f\u00fcr Christinnen und Christen ihr Grund und ihr Ziel. Jesu Geist lebt in den Momenten, die uns die Augen \u00f6ffnen und in den Prozessen, die unsere Welt ver\u00e4ndern. Das hilft mir, wenn ich versuche, mir ein Bild von meiner Zeit zu machen. Und dann auch zu handeln. Nicht nur in Zeiten der Pandemie.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, <meta charset=\"utf-8\">Freitag, 29. Oktober 2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Botschafter sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/a-mp3.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Das war schon ein beeindruckender Aufmarsch letzten Samstag in Istanbul. Zehn schwarze Limousinen fahren vor, am Spiegel kleine Wimpel. Ich sehe die Landesfarben Deutschlands, Frankreichs, der USA und sieben anderer L\u00e4nder. T\u00fcren klappen, die Botschafter steigen aus.&nbsp; In einer Eingabe an den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten fordern sie Gerechtigkeit f\u00fcr den seit vier Jahren inhaftierten Osman Kavala. Dem t\u00fcrkischen Kulturmanager und M\u00e4zen wird vorgeworfen, er habe die Gezi-Park-Proteste 2013 organisiert und am Putsch-Versuch von 2016 teilgenommen. Eine Verurteilung hat es bis heute nicht gegeben. Der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte forderte deshalb 2019 einstimmig seine Freilassung. Der Europarat schloss sich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Protest der Botschafter war kaum eine Nachricht wert. Wohl aber die Reaktion darauf: Der t\u00fcrkische Staatschef Erdogan wies das Au\u00dfenministerium an, die Diplomaten zu unerw\u00fcnschten Personen zu erkl\u00e4ren. Der n\u00e4chste Schritt w\u00e4re die Ausweisung gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das ist, Persona non grata zu sein, das habe ich einmal erlebt. Damals hatten alle etwas ganz Wichtiges zu besprechen, wenn ich den Raum betrat. Manche schauten minutenlang interessiert in ein Schaufenster, wenn ich vorbeiging. Und Freunde fragten, ob ich mir das denn unbedingt antun m\u00fcsste \u2013 jetzt hier zu sein. Dabei bin ich gar keine Botschafterin. Aber man kann auch als Vertreterin der Kirche oder einer anderen Organisation provozieren oder st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Apostel Paulus meinte allerdings, dass alle Christen Botschafterinnen und Botschafter w\u00e4ren. Im zweiten Brief nach Korinth schreibt er:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch vers\u00f6hnen mit Gott.\u201c (2. Kor 5,20)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Konflikt um die Botschafter in der T\u00fcrkei ist mir noch einmal klar geworden, was das hei\u00dft. F\u00fcr Paulus repr\u00e4sentieren Christinnen und Christen Gottes Reich mitten in der Welt. Sie mischen sich ein: \u201eMit ihrer Botschaft und mit ihrer Ordnung\u201c soll die Kirche \u201ean Gottes Reich und an seine Gerechtigkeit erinnern\u201c, hei\u00dft es in der Theologischen Erkl\u00e4rung von Barmen aus dem Jahr 1934. Im nationalsozialistischen Deutschland brauchte es Mut, sich dazu zu bekennen. Und heute manchmal auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einmal l\u00e4ngere Zeit im Ausland gelebt hat wei\u00df, wie erleichternd es sein kann, eine deutsche Botschaft zu betreten. Das ist wie nach Hause kommen &#8211; ein St\u00fcck Heimat in der Fremde. Da kann man den Mund ohne Furcht aufmachen. Und wenn man in Schwierigkeiten steckt, wird einem geholfen. Ich habe das erlebt, als mein Mann auf einer Nahostreise ohne Grund festgehalten wurde. Und denke: das w\u00e4re doch etwas, wenn Christinnen und Christen f\u00fcr andere so ein Halt sein k\u00f6nnten. Und wenn die, die mit Kirche nichts am Hut haben, erkennen, wof\u00fcr sie einsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: <a>darf ich mich <\/a><a href=\"#_msocom_1\">[FT1]<\/a>&nbsp;einmischen? Ich finde, manchmal ist es einfach n\u00f6tig, klarzumachen, wo Grenzen \u00fcberschritten sind. So wie die Botschafter in Istanbul das getan haben. Da ging es nicht um die Kirche, sondern um Europa und die Nato, um Rechtsstaatlichkeit und um Gerechtigkeit f\u00fcr Osman Kavala. Um die Werte, die Menschen zusammenhalten. Die haben allerdings in Europa durchaus mit der Bibel zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen sind die Diplomaten zur\u00fcckgerudert. Sie wollen sich weiter an das Wiener \u00dcbereinkommen halten, das eine Einmischung in innere Angelegenheiten ausschlie\u00dft.&nbsp; Erdogan bucht das als Erfolg. Kavala sitzt weiter in Einzelhaft, seit vier Jahren ohne Urteil. Dabei tritt der Kulturm\u00e4zen konsequent f\u00fcr Vers\u00f6hnung ein. Mit seiner Stiftung \u201eAnadolu Kult\u00fcr\u201c f\u00f6rderte Kavala Projekte zur Zusammenarbeit zwischen T\u00fcrken und Kurden, zwischen T\u00fcrken und Armeniern. (Er unterst\u00fctzt auch den Austausch von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zwischen der T\u00fcrkei und Europa). Kavala handelt ganz im Sinne europ\u00e4ischer Werte \u2013 er steht daf\u00fcr ein, dass auch die T\u00fcrkei die Vielfalt sch\u00e4tzt und den Zusammenhalt f\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcrkei ist Mitglied im Europarat. Ich hoffe, dass der im November Kavalas Freilassung durchsetzt. Und ich finde: Vielfalt und Gerechtigkeit brauchen viele und mutige Botschafter. Damit der Prozess der Vers\u00f6hnung weiter geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diskutieren Sie mit, auf Facebook unter \u201eEvangelisch im Deutschlandradio\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<a href=\"#_msoanchor_1\">[FT1]<\/a>alternativ: D\u00fcrfen Christen sich einmischen?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, Donnerstag, 28.10.2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Im Rhythmus der Zeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Morgenandacht-28.10.2021.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Melancholie liegt in der Luft. Das bunte Laub ist gefallen, \u00c4ste ragen kahl in den Himmel. Allm\u00e4hlich ziehen die Nebel auf, die goldenen Herbstfarben verschwinden, es hei\u00dft Abschied nehmen von Licht und W\u00e4rme. Fr\u00fcher begann der Winter f\u00fcr die b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung im Oktober, am Gallustag, dem 16. Oktober. Zwei Wochen sp\u00e4ter, wenn die Ernte&nbsp; eingefahren ist, folgt das Totengedenken. Die Grenze zwischen Himmel und Erde sei in diesen Tagen besonders durchl\u00e4ssig, meinten die Kelten. Und feierten All hallows eve. Allerheiligen und Allerseelen erinnern bis heute an die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Das spirituelle Jahr und der Rhythmus der Natur sind seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden. Zu meinen kleinen Sch\u00e4tzen geh\u00f6rt ein Buch \u00fcber den Jahreskreis, das davon erz\u00e4hlt \u2013 vom Umgang mit dem Wachsen, Bl\u00fchen und Fr\u00fcchte tragen, von alten Br\u00e4uchen und Bauernregeln und auch von religi\u00f6sen Traditionen. Schlie\u00dflich lehnt sich das christliche Kirchenjahr eng an die Jahreszeiten an und fu\u00dft oft genug in antiken oder keltischen Festen \u2013 von Ostern angefangen bis Weihnachten, von Michaelis bis Mari\u00e4 Lichtmess.&nbsp; Mein Buch erz\u00e4hlt auch von den Fr\u00fcchten der jeweiligen Jahreszeit. Die Natur h\u00e4lt die passenden Heilmittel bereit gegen Schw\u00e4che und Antriebslosigkeit, aber auch gegen die Melancholie dieser Zeit, meint die Autorin, Martina Kaiser. So kann man im Oktober Hagebutten finden \u2013 mit ihren Vitaminen ein gutes Mittel gegen Erk\u00e4ltungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wird aus all dem, wenn sich die Natur mit dem Klimawandel ver\u00e4ndert?&nbsp; Wie werden unsere Weihnachtsb\u00e4ume aussehen, wenn die Nadelw\u00e4lder absterben? Werden wir die Lieder vom Schnee noch lange singen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00e4lt der Oktober das Laub, wirbelt zu Weihnachten Staub\u201c, hie\u00df es in einer alten Bauernregel, aber: \u201eSchneits im Oktober gleich, dann wird der Winter weich.\u201c Nein, in Deutschland gab es nicht immer Schnee im Winter \u2013 aber es war keine verr\u00fcckte Idee, darauf zu warten. Es gab einen Fr\u00fchling, in dem die Pflanzen nach und nach zu bl\u00fchen begannen und die Frostn\u00e4chte seltener wurden \u2013 und nicht so ein pl\u00f6tzliches Kippen in den Sommer. \u201eDie Bauernregeln \u00fcber das Wetter haben nie ganz gestimmt. Aber &nbsp;heute sind sie au\u00dfer Kraft gesetzt, weil das Klima aufgeh\u00f6rt hat, verl\u00e4sslich zu sein\u201c, stellt die Philosophin Eva von Redecker fest. Die Sommer sind zu trocken, die Winter zu warm. Der Rahmen unserer Erfahrung ist gesprengt, die alten Kreisl\u00e4ufe kommen ins Schlingern wie der Jetstream, der unser Wetter beeinflusst. Die Orientierung an den Rhythmen der Zeit geht verloren. Das wird unser Weltbild ver\u00e4ndern. Was h\u00e4lt uns jetzt, woran halten wir uns?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einigen Jahren war ich kurz vor Weihnachten in Rio Grande du Sul, in Brasilien. Dort gab es \u00fcberall Weihnachtsb\u00e4ume zu kaufen \u2013 aber auch Elche und Weihnachtsm\u00e4nner im dicken roten Mantel mit Schnee an der M\u00fctze. Nur ist in Brasilien in dieser Zeit Sommer und es war hei\u00df. Die Art, wie dort Weihnachten gefeiert wird, war importiert. Alte Br\u00e4uche &nbsp;aus Europa. Mit der Geburt Jesu im Nahen Osten hatte das nichts zu tun. Damals habe ich meinen Gro\u00dfvater verstanden. Ich komme n\u00e4mlich aus einer Tradition, in der die Br\u00e4uche des Kirchenjahrs &nbsp;keine gro\u00dfe Rolle spielten. In der Gemeinde meines Gro\u00dfvaters gab es keinen Weihnachtsbaum, &nbsp;keine schwarzen T\u00fccher am Karfreitag und keine R\u00fcckkehr der Glocken in der Osternacht. Er selbst war ein n\u00fcchterner Mann mit einem vern\u00fcnftigen Glauben. F\u00fcr ihn stand die Bibel im Mittelpunkt. &nbsp;Sein Leitvers ging \u00fcber die Zeiten hinaus: \u201eJesus Christus bleibt derselbe&nbsp; &#8211; gestern und heute und in Ewigkeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt &nbsp;denke ich an diesen Jesus, wie er seinen Freunden die Lilien auf dem Feld und die V\u00f6gel unter dem Himmel zeigt und vom Vertrauen spricht. Er erz\u00e4hlt von dem Bauern, der seine Ertr\u00e4ge immer weiter steigern wollte und immer gr\u00f6\u00dfere Scheunen baute \u2013 nur mit dem eigenen Tod hatte er nicht gerechnet. Wie die Gier den Menschen und die Erde zerst\u00f6rt; das erfahren wir gerade &nbsp;in gro\u00dfem Ma\u00dfstab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht die Welt aus, wenn wir sie pflegen, statt zu herrschen? Und teilen, statt zu verwerten? Regenerieren, statt zu ersch\u00f6pfen und retten, statt zu zerst\u00f6ren? Alles, was wir brauchen, ist ja l\u00e4ngst da.&nbsp; Das kann ich entdecken, wenn ich von Jesus lese. Auch ohne die sch\u00f6nen alten Rituale \u2013 einfach pur.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, Mittwoch, 27.10.2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wieviel Zeit bleibt uns noch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Morgenandacht-27.10.2021.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste Jahrzehnt wird \u00fcber unsere Zukunft entscheiden. Ob es gelingt, die menschengemachte Erderw\u00e4rmung zu beschr\u00e4nken \u2013 auf 1,5 Grad gegen\u00fcber der vorindustriellen Zeit?&nbsp; Das w\u00e4re das Pariser Klimaziel, das 2015 von 196 Staaten und der EU beschlossen wurde. Um das bis 2050 zu erreichen, m\u00fcssten die Ma\u00dfnahmen sofort und konsequent umgesetzt werden. Mit dem, was bis heute beschlossen wurde, sind kaum 2 Grad zu schaffen. Laut UN k\u00f6nnten die CO2-Emissionen sogar bis 2030 um 16 Prozent steigen, statt sich um die H\u00e4lfte zu verringern, wie es notwendig w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Jahre nach Paris beginnt n\u00e4chsten Montag in Glasgow die n\u00e4chste Weltklimakonferenz. Und die Aktivistin Vanessa Nakate aus Uganda sagt: &nbsp;&#8222;F\u00fcr viele von uns reicht es nicht mehr, zu reduzieren und zu vermeiden. Man kann sich nicht an eine Kultur des Verlustes anpassen. Man kann sich nicht an verlorene Traditionen anpassen. Man kann sich nicht an eine verlorene Geschichte anpassen. Man kann sich nicht an Hunger anpassen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ernst. Und dabei geht es auch um globale Gerechtigkeit. Auch in Sibirien, wo der Permafrostboden taut oder in Australien, wo die Waldbr\u00e4nde vor zwei Jahren schon zwei Drittel der j\u00e4hrlichen Emissionen verbraucht haben. Theoretisch ist mir das klar. &nbsp;Aber erst die Flutkatastrophe diesen Sommer hat mich sp\u00fcren lassen, was da auf uns zukommt. Das fordert zum Handeln heraus \u2013 und es macht mir Angst. Es ist, als ob die Zukunft vor meinen Augen schrumpft. Die Erde hat ein Verfallsdatum und das Ende kommt vielleicht schneller, als wir uns vorstellen k\u00f6nnen. Das n\u00e4chste Jahrzehnt wird \u00fcber unsere Zukunft entscheiden. Wie k\u00f6nnen wir damit leben?<\/p>\n\n\n\n<p>Frank Sch\u00e4tzing hat einen Thriller daraus gemacht \u2013 voller Schreckensszenarien, mit motivierenden Ideen und praktischen Tipps. &nbsp;Weltrettung, meint Sch\u00e4tzing \u2013 das ist keine \u00dcberforderung. Sondern ein ganz reales und lohnenswertes Ziel&nbsp; \u201eWas, wenn wir einfach die Welt retten?\u201c hei\u00dft sein spannende Buch. Ich gebe zu &#8211; erst einmal bin ich zur\u00fcck gezuckt. Wie soll ich die Welt retten- ich bin doch nicht Gott&#8230; Und wer dieses Wir sein soll, wei\u00df ich auch nicht recht.&nbsp; \u2013 Aber dann spricht mich etwas an: Es geht ja gar nicht um uns \u2013 es geht um die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein Abend im M\u00e4rz 2003. Ich war gerade aus den USA zur\u00fcckgekommen; meine Freunde hatten mich gewarnt, jetzt nach Europa zu fliegen. An diesem Abend begann der zweite Irakkrieg. Bagdad wurde bombardiert. Und ich stand zuhause auf dem Balkon. Es d\u00e4mmerte und die V\u00f6gel zwitscherten der untergehenden Sonne entgegen. Ein wunderbarer vielstimmiger Gesang, fremd und seltsam zum Bombenl\u00e4rm in den Nachrichten. Noch immer ganz aufgew\u00fchlt von der hysterischen Stimmung in den USA stellte ich mir vor, wie es w\u00e4re, wenn ein Krieg diesem Wunder ein Ende machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lage war bedrohlich \u2013aber noch sangen die V\u00f6gel in meinem Garten. Ich geh\u00f6re zu der Generation, die mit der atomaren Bedrohung aufgewachsen und mit dem Nato-Doppelbeschluss erwachsen geworden ist. Und die beim GAU von Tschnernobyl den Kindern verboten hat, in den Garten zu gehen. Das waren die &nbsp;Katastrophen, an denen ich gelernt habe, die Dinge radikal zu Ende zu denken. Aber an diesem Abend auf dem Balkon zeigte sich eine Welt, weit \u00fcber meinen eigenen Horizont hinaus &#8211; Sch\u00f6nheit, Trost und Weite hinter der Angst.<\/p>\n\n\n\n<p>Da war mir ganz klar: Was auch immer geschieht, ich will nicht, dass die V\u00f6gel aufh\u00f6ren zu singen. Dass die B\u00e4ume nicht mehr ausschlagen und die Bienen sterben. Ich w\u00fcnsche mir, dass diese wunderbare Welt weiter besteht. Es geht nicht um mich, vielleicht nicht mal um uns. Es geht darum, die Sch\u00f6pfung zu bewahren. Die Welt soll gerettet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenn wir wissen ja, dass die ganze Sch\u00f6pfung zusammen seufzt und in Wehen liegt\u201c, schreibt Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom. Es ist nicht mehr viel Zeit und die Leiden werden immer sichtbarer. Es geht um das Leben, um die Zukunft. Aber die Angst, die ist ein schlechter Ratgeber. Ich vertraue lieber auf den kommenden Gott \u2013 und h\u00f6re den V\u00f6geln zu. Die singen schon vom neuen Tag. Ich will die Zeit nutzen, die mir noch bleibt, und einfach tun, was ich kann. Jetzt und in den n\u00e4chsten Jahren. Es ist noch nicht zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, Dienstag, 26.10.2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Keine Zeit zum Sterben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Morgenandacht-26.10.2021.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Manchmal geschieht es, dass gesellschaftliche Prozesse unmittelbar in pers\u00f6nliche Erfahrung umschlagen. So ging es mir in der Corona-Krise mit dem Thema \u201eAltern\u201c.&nbsp; Mit 62 war ich aus dem alten Job ausgestiegen; seitdem bin ich mit Vortr\u00e4gen und Workshops unterwegs. Lange Zugreisen, unterschiedliche Menschen und Gruppen, inspirierende Tagungsh\u00e4user und neue Projekte &#8211; f\u00fcnf Jahre lang standen die T\u00fcren offen. Dann kam der Corona-Shutdow. Ich hatte gelernt zu zoomen, die Arbeit neu sortiert, Kurzarbeit mit meiner Mitarbeiterin vereinbart\u2013 als sich mein Alter dazwischendr\u00e4ngte. Ich war fast 67, wie lange w\u00fcrde ich noch arbeiten? Lohnte es sich \u00fcberhaupt, mich neu zu organisieren? Oder war es&nbsp; Zeit, mich ganz zur\u00fcckzuziehen? Fragen, die sich viele gestellt haben &#8211; im Beruf und auch im Ehrenamt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer \u00e4lter als sechzig war, geh\u00f6rte pl\u00f6tzlich zur Risikogruppe. Dabei ging es nicht nur um Arbeit und Ehrenamt. Gro\u00dfeltern, bis eben noch als Unterst\u00fctzung gefragt, durften nicht mehr auf ihre Enkel aufpassen. Bring Corona nicht zu Oma. Viele \u00c4ltere, die allein leben \u2013&nbsp; das sind fast die H\u00e4lfte \u2013 f\u00fchlten sich pl\u00f6tzlich einsam. Und in den Pflegeeinrichtungen f\u00fchrte der Schutz zur Isolation<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin noch immer erschrocken, wie sich in dieser Krise die Altersbilder ge\u00e4ndert haben. Pl\u00f6tzlich dominierte wieder ein fast vergessenes Bild: Das Alter als Zeit der Verletzlichkeit und Gebrechlichkeit. Die Alten als Risikof\u00e4lle, Versorgungsf\u00e4lle, auf die alle anderen R\u00fccksicht nehmen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen bin ich&nbsp; beruflich wieder unterwegs, ich skype und zoome, aber&nbsp; deutlicher als fr\u00fcher sp\u00fcre ich: Meine Zeit ist begrenzt. Manchmal kommt mir der Begriff \u201eRestlaufzeit\u201c in den Sinn. Tats\u00e4chlich verschiebt sich im Altern der Zeithorizont, die Frage wird dr\u00e4ngender, wie wir die Jahre nutzen, die noch vor uns liegen. Corona hat diese Erfahrung versch\u00e4rft. Ein Experiment aus einem Workshop fiel mir wieder ein. Nehmen Sie ein Zentimeterma\u00df, schneiden Sie es oben bei 90 cm ab und unten bei Ihrem jetzigen Lebensalter. Was ich jetzt&nbsp; noch in der Hand halte, ist&nbsp; ein kleines St\u00fcck. Was geht jetzt noch?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa geht noch was\u201c, hei\u00dft ein Buch von Christine Westermann &#8211; sie hat es sich zu ihrem 65. Geburtstag geschenkt. Darin erz\u00e4hlt sie von ihrer letzten Fernsehreportage beim WDR. Gedreht wurde ein Klosteraufenthalt. Zur\u00fcck im B\u00fcro sah sie, wie die Sendung beworben werden sollte. \u201eChristine Westermann: \u201eWieviel Leben bleibt mir noch?\u201c, stand da. Geht gar nicht! \u201eDie Leute denken, die hat eine todbringende Krankheit\u201c, dachte Westermann. Oder \u201edie ist stark vergreist und verabschiedet sich mit dieser Doku.\u201c Und dann schrieb sie an die Redaktion: \u201eWie viel Leben bleibt mir noch? Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht nicht um das Wieviel. Das Wohin ist entscheidend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Sekret\u00e4r meiner Mutter klebte viele Jahre lang ein kleiner Zettel. Als sie starb, habe ich ihn in mein Tagebuch geklebt. Da stand in der kleinen Handschrift meines Gro\u00dfvaters ein Zitat von S\u00f6ren Kierkegaard.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eNoch eine kleine Zeit, dann ist`s gewonnen, dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen, dann werd&#8216; ich laben mich an Lebensb\u00e4chen und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen kitschig f\u00fcr meine Ohren, aber die Bilder, die ich dabei im Kopf habe, gefallen mir. Eine Holzbank in den Bergen, eine bunte Wiese, daneben ein sch\u00e4umender Gebirgsbach. Wir trinken frische Schorle, reden, h\u00f6ren zu. Endlich Zeit, sich wirklich kennen zu lernen. Verstehen und verstanden werden &#8211; hier bin ich angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wohin ist entscheidend, Christine Westermann hat Recht. Es h\u00e4ngt viel davon ab, ob ich mich auf eine solche Begegnung freue &#8211; oder ob da nur noch Abschied ist, R\u00fcckzug und Einsamkeit. \u201eEine kurze Zeit\u201c \u2013 das kann bedrohlich klingen oder erwartungsvoll. Je nachdem, ob ich eine Katastrophe erwarte oder ein Fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Der neue James Bond will es noch einmal krachen lassen &#8211; er w\u00fcnscht sich einen letzten wunderbaren Abend, bevor die Welt untergeht. Zum Sterben hat er keine Zeit. S\u00f6ren Kierkegard hofft auf etwas Anderes, eine neue Welt, die wir noch nicht kennen. Er kann gelassen bleiben, weil er sich auf Gott verl\u00e4sst. In dieser Haltung \u201ageht noch was\u2018. Das Beste kommt noch. Ich bin gespannt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><meta charset=\"utf-8\"><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, Montag, 25.10.2021, 6.35 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Zeitenwende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Morgenandacht-25.10.2021.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein 50. Geburtstag in der Familie. Sch\u00f6n, sich endlich wiederzusehen &#8211; Face to Face und ohne Maske! Wir sto\u00dfen an auf das Neue, das kommt \u2013 und \u00fcberlegen, wann wir uns zuletzt gesehen haben. Es war bei der Beerdigung einer Tante \u2013 ist das zwei oder drei Jahre her? Klar ist nur: Es war vor Corona.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor oder nach Corona &#8211; das ist die neue Zeitachse, auf der wir uns verorten. Was vorher war, verschwimmt im Nebel. Die Welt hat sich mit der Pandemie ver\u00e4ndert. Und ich &nbsp;mich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das nicht nur wegen des Virus . Im R\u00fcckblick auf 16 Jahre Angela Merkel ist mir noch einmal klar geworden, wie viele Krisen wir in dieser Zeit erlebt haben. Fl\u00fcchtlingsbewegungen, Klimawandel, D\u00fcrren und \u00dcberflutungen, schlie\u00dflich das Debakel in Afghanistan &#8211; all das stellt meinen Lebensstil grundlegend in Frage. Von einer gro\u00dfen Transformation ist die Rede, einer Zeitenwende.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor und nach Corona. Vor und nach dem Krieg. Vor und nach der Wende. Was eine Zeitenwende wirklich bedeutet, l\u00e4sst sich oft erst r\u00fcckblickend erkennen. Wir sp\u00fcren den historischen Einschnitt und sind doch dem alten Denken noch lange verhaftet. Es dauert, bis der Nebel sich lichtet und die Konturen des Neuen erkennbar werden. Klar ist nur: Es ist etwas geschehen, das unser Leben grundlegend ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>V.d.Z. schrieb man im Nationalsozialismus. Vor der Zeitrechnung. Meine Mutter zeigte mir das, als ich klein war \u2013 das gro\u00dfe Z, das sie schrieb, hatte eine Schleife nach unten. \u201eDie Lehrer, die uns das beibrachten, wollten nichts von Jesus wissen\u201c, sagte sie. Tats\u00e4chlich teilen wir in den meisten L\u00e4ndern der Welt den Zeitstrahl noch immer in die Jahre vor Christus und die nach Christus. Dass Gott in Christus zur Welt kam, hat alles ver\u00e4ndert, hei\u00dft das. Seitdem rechnen wir anders, wir verorten uns anders, wir denken anders\u2026 Wirklich? Die Nazis waren nicht die einzigen, die den Bezug zu Christus vermieden &#8211; seit der franz\u00f6sischen Revolution sagt man in Frankreich&nbsp;<em>avant notre \u00e8re<\/em>. Und in der DDR hie\u00df die Standardformulierung v.u.Z.- vor unserer Zeitrechnung. Vielleicht ist das nur ehrlich? Allerdings geht auch diese Zeitrechnung von der Geburt Christi aus \u2013 auch wenn die nicht im Jahr 0 war, sondern wahrscheinlich im Jahr 7. .<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auf das Datum kommt es gar nicht an &#8211; entscheidend ist, ob die Welt mit Christus ein neues Gesicht bekommen hat. Ob sich seitdem wirklich alles ver\u00e4ndert hat. \u201eBlinde sehen, Lahme gehen, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verk\u00fcndigt\u201c \u2013 so hat Jesus selbst diese Ver\u00e4nderung angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss zugeben, der Tod hat noch immer gro\u00dfe Macht. Aber ich sehe einen barmherzigen Umgang mit Kranken und Sterbenden. Nach schrecklichen Jahren des Kolonialismus wurde die Sklaverei endlich abgeschafft. Frauen, Kinder, Minderheiten und auch die Armen bekamen eigene Rechte und das Gl\u00fcck ist kein Privileg der Reichen &#8211; oder? Sind nicht viele &nbsp;Super-Reiche noch reicher geworden in den Pandemiejahren? Wie viele Menschen starben, weil wir unseren Impfstoff nicht teilen wollten? Und wie viele werden als Arbeitssklaven rechtlos \u00fcber die Grenzen geschleust, auch in Europa?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Welt liegt im Nebel \u2013 viel kommt darauf an, ob ich in den Ver\u00e4nderungsprozessen das Neue erkenne. Ob es einen Paradigmenwechsel in meinem Leben gibt. Und ob das Evangelium dabei eine Rolle spielt. Ich kann das testen, wenn ich auf die Tage schaue, an denen sich bei mir Entscheidendes ver\u00e4ndert hat. Der Tag, als ich meinem Mann begegnet bin. Als mein Vater starb. Als ich in den Slums von Rio stand. Als ich von den einst\u00fcrzenden Twin Towers in NY h\u00f6rte. Als Corona begann und die Schulen geschlossen wurden. Der amerikanische Theologe Sam Keen empfiehlt, sich an solche Tage zu erinnern. An die Erfahrungen, die uns ersch\u00fcttert oder begl\u00fcckt haben. An denen mein Leben einen anderen Klang bekam.&nbsp; Wie an einem runden Geburtstag oder an Weihnachten. Meine Erfahrung ist: Wenn ich tats\u00e4chlich mit Christus lebe \u2013 und nicht nur nach Christi Geburt &#8211; dann wird mein Glaube ein Schl\u00fcssel zu den offenen Fragen meines Lebens, dem &nbsp;Gl\u00fcck und&nbsp; den Zumutungen. Dann kann das Neue sichtbar werden &#8211; wenigstens ab und an. Es ist wunderbar, wenn der Nebel sich lichtet. Heilige Tage sind das, die gilt es zu feiern. Sto\u00dfen wir darauf an<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p><em>Deutschlandfunk <\/em>DLF, 26.9.2021 8:35- 8:50 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Waren wir blind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/26.09.21-Waren-wir-blind.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Missbrauchserfahrungen in der Kirche zur Sprache bringen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir kennen uns schon mehr als 40 Jahre \u2013 seit dem Konfirmationsunterricht. Nennen wir sie Katrin. 1982 habe ich sie konfirmiert, sie war schon 15 und kam ganz bewusst zu mir. Sie wollte von einer Frau konfirmiert werden. Sp\u00e4ter haben wir uns aus den Augen verloren \u2013 wir wohnen beide nicht mehr in der alten Gemeinde. Vor acht Jahren dann schickte sie mir eine Nachricht \u00fcber Facebook. Sie sollte an der H\u00fcfte operiert werden und hatte panische Angst. Ich wusste noch, dass sie von Geburt an eine H\u00fcftluxation hatte \u2013 und erfuhr, dass sie schon zwei OPs hinter sich hatte. Aber diesmal war es anders: Sie hatte Angst vor der Narkose, Angst nicht wieder aufzuwachen, Todesangst.<\/p>\n\n\n\n<p>So kamen Katrin und ich nach Jahren wieder ins Gespr\u00e4ch. Es wurde immer deutlicher: da musste noch etwas anderes sein. Katrin ging zur Pfarrerin in ihrer Gemeinde, \u00fcbernachtete dort auch mal im Pfarrhaus. Und als die Symptome immer schlimmer wurden, als sie auch nachts um Hilfe bat, war Katrin mit einer Traumatherapeutin einverstanden. Es stellte sich heraus: Sie hatte \u00fcber lange Zeit sexuelle Gewalt erfahren. Und jede Narkose erinnerte sie an die Ohnmacht, die Hilflosigkeit und die Todesangst, die sie damals erlebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Katrin erlebt hat, ist hart. Schwer zu ertragen, was sie erz\u00e4hlt. Aber es tut ihr gut, endlich dar\u00fcber sprechen zu k\u00f6nnen \u2013 nach den langen Jahren des Schweigens. Und wir m\u00fcssen dar\u00fcber sprechen, innerhalb und au\u00dferhalb der Kirche. Manchmal ist das eine Zumutung, das gilt auch f\u00fcr diese Sendung. Entscheiden Sie als H\u00f6rerin und H\u00f6rer bitte, ob Sie zuh\u00f6ren k\u00f6nnen und wollen. Katrin und ich hoffen darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind \u00fcber Social-Media im Kontakt, \u00fcber die letzten Jahre immer wieder und vor dieser Sendung noch einmal sehr intensiv. Nach einer Kehlkopf-OP braucht Katrin eine Stimmprothese. Das ist auch ein Grund, warum jetzt eine Sprecherin ihre Worte spricht. Manchmal schickt Katrin mir eine Sprachnachricht, manchmal schreibt sie einfach. Wir sind vertraut miteinander. Und deshalb kann ich sie fragen nach ihren Erfahrungen mit Gewalt und Missbrauch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4llt mir schwer, davon zu erz\u00e4hlen, aber ich versuche es. Mein Vater war herrschs\u00fcchtig. Was er sagte, musste getan werde. Meine Mutter hatte nichts zu sagen, sonst bekam sie Schl\u00e4ge. Er war auch st\u00e4ndig besoffen. Mein Bruder und ich waren lieber friedlich und gehorchten, bevor wir auch Schl\u00e4ge bekamen. Wir durften nichts au\u00dfer zur Schule und zum Konfirmandenunterricht. Durften nichts nach au\u00dfen tragen. Sonst w\u00e4ren wir des Lebens nicht mehr sicher gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann erz\u00e4hlte mir Katrin auch, was sie schon fr\u00fch an sexueller Gewalt erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Kindheit bis weit hinein ins Jugendalter wurde ich st\u00e4ndig missbraucht. Meine Mutter sagte nichts, weil sie Angst hatte. Oftmals wurde sie in der Zeit eingesperrt. Manchmal gab mein Vater ihr was, dass sie schl\u00e4ft. Mein Vater sagte immer, so wird geliebt. Mein Bruder musste sogar mit mir schlafen. Auch andere M\u00e4nner. Da kassierte mein Vater dann Geld ein von den anderen M\u00e4nnern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessiert, ob Katrin mit ihrer Mutter dar\u00fcber gesprochen hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, habe ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach der Konfirmation war ich schwanger von meinem Vater oder Onkel. Da wurde mir der F\u00f6tus aus dem Leib getreten. Ich verlor den F\u00f6tus dann alleine auf der Toilette. Zum Arzt durfte ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter tat nichts, weil die Angst gr\u00f6\u00dfer war vor Schl\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute wei\u00df Katrin nicht so richtig, was ihr geholfen hat, das durchzustehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht, dass es irgendwann ja mal vorbei ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann half mir der Glaube.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Konfirmationsspruch hat Katrin damals Psalm 23 gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich ihn einfach sch\u00f6n fand. Er gab mir Zuversicht und Hoffnung. Fr\u00fcher nach der Konfirmation habe ich den Psalm oft innerlich gebetet, wenn mein Vater mich mal wieder missbraucht hatte. Heute bete ich ihn bei unangenehmen Eingriffen. Manchmal habe ich aber auch gezweifelt, brachte den Psalm nicht \u00fcber meine Lippen. Hatte das Gef\u00fchl, Gott verl\u00e4sst mich. Gelernt habe ich, dass Gott aber immer da ist, selbst wenn ich nur Dunkel um mich habe. Das gibt mir Ruhe. Das habe ich immer gesp\u00fcrt, wenn ich den Psalm im Gospelchor sang.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als mir klar wurde, was damals mitten in meiner Pfarrgemeinde geschah, bin ich zutiefst erschrocken. Denn Kathrin war ein richtiges Gemeindekind. Sie kam nicht nur zum Konfirmationsunterricht; bald schon arbeitete sie in einer Kindergruppe mit, sie half beim Kindergottesdienst und auch im Quartierscafe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gemeinde war f\u00fcr mich ein Zufluchtsort. Da f\u00fchlte ich mich wohl und angenommen. Mir wurde etwas zugetraut. Ich f\u00fchlte mich einfach mehr zu Hause dort als bei meinen Eltern. Zu Hause war ich nur \u00c4ngsten ausgesetzt. Kam mir wie eingesperrt vor. In der Gemeinde f\u00fchlte ich mich frei. Da fand ich auch den Weg, mit Kindern zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich merkte schnell, dass ich Kindern was geben kann, was ich zu Hause nie bekommen habe &#8211; zum Beispiel Geborgenheit. Nach einem Jahr entschied ich mich dann, ein Praktikum zu machen im Kindergarten und es macht mir riesigen Spa\u00df. Danach begann ich den Beruf als Erzieherin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage Katrin, woher sie die Kraft nahm, Geborgenheit zu geben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder haben mir die Kraft gegeben, auch Mitarbeiter, die mich gefordert haben. Aber ich merkte auch, dass mir der Glaube half. Mir wurde etwas zugetraut und \u00f6fters auch gesagt: \u201eDu schaffst das, Du kannst das!\u201c Es war befreiend, anderen helfen zu k\u00f6nnen, dass diesen nicht das Gleiche passiert wie mir. Ich dachte aber auch, w\u00e4re das anders gelaufen bei mir, wenn ich was gesagt h\u00e4tte? Man war mir damals so nah in der Gemeinde. Trotzdem habe ich aus Angst nichts gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warum hat blo\u00df niemand etwas gemerkt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht weil sich keiner vorstellen konnte, das was nicht in Ordnung ist. Oder weil ich es so gut verbergen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist (f\u00fcr mich) schwer zu verstehen: Katrin hat in der Gemeinde einen Schutzraum gefunden \u2013 und auch einen Kraftraum. Der Glaube hat ihr Kraft gegeben, sie hat ihre Gaben entdeckt, konnte sich weiterentwickeln. Und trotzdem blieb der Missbrauch verborgen. Ein Tabu \u2013&nbsp; sie selbst hat nicht gewagt, dar\u00fcber zu sprechen. Und wir, ich selbst \u2013 wir waren offenbar blind. Und w\u00e4hrenddessen ging die Gewalt zu Hause weiter, bis sie mit 22 endlich auszog.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er war mal nicht da und dann ging ich. Nahm nur das N\u00f6tigste mit. Ich bin zum Sozialamt gegangen. Und w\u00e4hrend der Erzieherausbildung bekam ich noch Baf\u00f6g dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauchte Abstand. Meine Eltern wussten auch nicht, wo ich wohne. Irgendwann meine Mutter, aber nur kurz. Hatte sich von meinem Vater getrennt und zog nach Wismar. Sp\u00e4ter beging sie dann Suizid.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war der Moment, in dem Katrins Mutter Gro\u00dfmutter h\u00e4tte werden sollen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Und was macht sie? Ergreift die Flucht auf andere Art, indem sie sich umbringt. F\u00fchlte mich zum zweiten Mal im Stich gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denkst du, sie kam mit ihrer Schuld nicht klar?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das denke ich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kannst Du ihr verzeihen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, mittlerweile. Nur meinem verstorbenen Vater kann ich nicht verzeihen. Manchmal kommt mir alles hoch. Auch wenn ich heute dar\u00fcber schreibe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Katrins Bruder hat sich das Leben genommen. &nbsp;Katrins Vater hat fast die ganze Familie zerst\u00f6rt. Sie schreibt mir, was sie empfindet\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abscheu. Ich verabscheue ihn. Ich hasse ihn. Manchmal w\u00fcrde ich das am liebsten aus mir rausschreien. Aber es tut schon gut, einfach mit jemand dar\u00fcber zu reden. Dann kann ich zur Ruhe kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung mit dem Suizid von Mutter und Bruder war furchtbar. Ihr ganzes Gl\u00fcck, ihre Hoffnung und ihre Freude ist ihre Tochter, wir nennen sie hier Johanna.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johanna interessiert sich f\u00fcrs Tanzen. Sie malt gern und kann auch gut zeichnen. Sie verbringt gerne Zeit mit Freunden. Liest gern und ist sehr wissbegierig. Hilft bei der Kinderbibelwoche und auch bei Familiengottesdiensten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin gl\u00fccklich, dass es sie gibt. Bin stolz darauf, dass sie trotz meiner Krankheit so stark ist. Bin aber auch stolz, dass sie ihre Schw\u00e4chen zeigt. Ich bin stolz darauf, dass sie ihre Schule so gut meistert. Sie wei\u00df, was sie will. Ich bin dankbar, dass Gott mir so ein wunderbares Kind geschenkt hat. Ich bin auch dankbar, dass f\u00fcr sie gut gesorgt mit und dass Menschen f\u00fcr sie da sind und sie liebhaben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und zur Konfirmation hat Katrin ihr eigenes kleines Konfirmationskreuz geschenkt. Sie wollte ihr mitgeben:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Glaube was Sch\u00f6nes und Wertvolles ist. Dass der Glaube an Gott was Wunderbares ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Katrin anfing, \u00fcber ihre Missbrauchserfahrungen zu sprechen, \u00fcber Gewalt und Tod in der Familie, kam viel in Bewegung. Sie studierte Heilp\u00e4dagogik und setzte sich mit dem Thema Behinderung auseinander. Ihr Vater, sagt sie, hat sie verachtet und auf allen Ebenen degradiert \u201eDu bist nichts, du kannst nichts, Dir h\u00f6rt sowieso keiner zu\u201c, war die Devise. Jetzt schloss sie ihr Studium ab und arbeitete als Inklusionslehrerin an der Schule. Und sie liebte die Arbeit; sie konnte zeigen, welches Potenzial in ihr steckt und sie bl\u00fchte auf.<\/p>\n\n\n\n<p>2017 wurde dann bei Katrin eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert. Sie bekommt immer wieder schwere Entz\u00fcndungen. Das Kortison dagegen verschlechtert ihre Osteoporose, das f\u00fchrt zu Knochenbr\u00fcchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sprecherin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal denke ich, was mir noch alles passiert. Wurde mir nicht schon genug angetan? Das Kortison ist f\u00fcr mich wichtig, um zu \u00fcberleben, aber manchmal f\u00fchle ich mich einfach Schei\u00dfe damit. Denke dann, was kommt noch alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher wurde mir wehgetan. Ich habe manchmal gedacht, dass mich das alles krank gemacht hat \u2013 und so sagen es auch die \u00c4rzte. Mein K\u00f6rper hat im Angst-Alarm alle Ressourcen verbraucht: Adrenalin, Serotonin, Kortisol. Dann denke ich wieder: h\u00e4tte ich mal was gesagt, dann w\u00e4re ich heute nicht so krank. Denke dann wieder, dass ich selbst schuld bin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal scheint mir, Kathrins Krankheit ist die Fortsetzung der alten Geschichte. Ein Kampf mit ihrem Vater und mit den Schuldgef\u00fchlen, die er ihr eingeredet hat. Ich bitte sie, sich selbst zu verzeihen, dass sie aus Angst geschwiegen hat. Vielleicht auch uns, weil wir so blind waren. Und ich hoffe mit ihr, dass sie gut zu sich sein kann, trotz Krankheit. Mit der Krankheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprecherin:<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das sollte ich. Und leben will ich, nicht nur \u00fcberleben. F\u00fcr meine Tochter und f\u00fcr mich. Und alle, die mich lieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Kathrin das ins Smartphone spricht, liegt sie seit sechs Monaten im Krankenhaus. Die Corona-Impfung hat sie nicht gut verkraftet. Entz\u00fcndungen und Knochenbr\u00fcche haben zu Amputationen gef\u00fchrt. Das waren Situationen gro\u00dfer Ohnmacht. Retraumatisierungs-Erfahrungen. Sie war wie erstarrt, konnte kaum Entscheidungen treffen. Dass sie heute ihre Geschichte erz\u00e4hlten kann, das ist f\u00fcr Katrin zentral.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal denke ich wie Katrin: H\u00e4tte sie eher dar\u00fcber sprechen k\u00f6nnen, w\u00e4re die Krankheit nicht so zerst\u00f6rerisch geworden. \u201eEs ist, als ob du mit einer offenen Wunde ruml\u00e4ufst, und keiner sieht es\u201c, hat eine Betroffene gesagt. Aber die Gemeinde sollte doch ein Schutzraum sein, wo wir uns zeigen k\u00f6nnen, wie wir sind und wo alles zur Sprache kommen kann. Auch das B\u00f6se, das uns widerfahren ist. Warum war Missbrauch dann ein Tabu damals, vor 40 Jahren? Bei wie vielen anderen habe ich nichts gesehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Seit einigen Jahren schauen wir endlich auf den Missbrauch, der in Institutionen passiert \u2013 in Schulen, in Sportvereinen und auch bei uns in den Kirchen haben Haupt- und Ehrenamtliche Kinder und Jugendliche missbraucht. Seit etwa f\u00fcnfzehn Jahren verlangen wir F\u00fchrungszeugnisse, schulen Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche, aufmerksam zu sein und die Dinge ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Und versuchen Orte zu schaffen, wo Kinder und Jugendliche sich sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen. Es geht um stabile, sch\u00fctzende Beziehungen \u2013 wenigstens die hat Katrin bei uns gefunden. Davon erz\u00e4hlen auch die Lieder, die sie f\u00fcr heute ausgesucht hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF, K\u00f6ln<\/strong><br><strong>Morgenandacht, (evangelisch), 21.03.2021<\/strong>,<strong> 8:35<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>\u201eSterben in der Nachbarschaft<br>Noch immer ein Tabu?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/a-mp3.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Mein Buch der Stunde kommt von Thea Dorn. \u201eTrost\u201c hei\u00dft es \u2013 ein Buch f\u00fcr alle Untr\u00f6stlichen. Ein Corona-Buch. Es erz\u00e4hlt die Geschichte von Johanna und ihrer Mutter, die nach einer Italienreise einsam im Krankenhaus stirbt. Johanna verzweifelt, sie w\u00fctet, schreibt an ihren alten Philosophielehrer: \u201eDer Tod ist ein Inbegriff von roher, absoluter Macht\u201c. Dass sie sich nicht verabschieden konnte, nicht noch einmal mit der Mutter sprechen, das war f\u00fcr Johanna eine unertr\u00e4gliche Ungerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele haben das so empfunden in diesem Jahr. 70.000 Menschen sind gestorben \u2013 die allermeisten im Krankenhaus, auf der Intensivstation, im Pflegeheim. Angeh\u00f6rige f\u00fchlten sich \u201eausgesperrt\u201c. Und die Pflegenden waren kaum zu erkennen, wenn sie das Zimmer mit Schutzkleidung und Maske betraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles h\u00e4tte ich mir bis vor einem Jahr nicht vorstellen k\u00f6nnen. 40 Jahre nach Beginn der Hospizbewegung geht es vor allem um die Auslastung des Gesundheitssystems, um Intensivbetten und Beatmungsger\u00e4te, Medikamente und Hochleistungsmedizin, wenn \u00fcber das Sterben gesprochen wird. Angst und Einsamkeit haben wenig Platz, auch Trauer nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTrost\u201c finde ich in diesen Wochen in der Passionsgeschichte. Da findet der Tod nicht hinter verschlossenen T\u00fcren statt, sondern \u00f6ffentlich, auf Golgatha. Da hat der Schmerz seinen Platz, die Schreie und die Tr\u00e4nen. Aber auch die z\u00e4rtlichen Gesten der Liebe. Die Freundin, die Jesu F\u00fc\u00dfe salbt. Das letzte gemeinsame Essen mit Brot und Wein. Die heimlichen Gespr\u00e4che in der Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich erinnert das an die Anf\u00e4nge der Hospizarbeit, der Sterbebegleitung. Damals, vor mehr als 50 Jahren, erschien ein Fotobuch von Elisabeth K\u00fcbler-Ross; es hie\u00df \u201eLeben, bis wir Abschied nehmen\u201c. Die Bilder zeigen eine krebskranke Frau \u2013 von der Krankheit gezeichnet, aber sch\u00f6n geschm\u00fcckt. Ein Krankenbett im Wohnzimmer mitten im Kreis der Freundinnen und Freunde, die gemeinsam alte Fotos ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>So m\u00f6chte ich sterben &#8211; bewusst, in W\u00fcrde, umgeben von Menschen, die ich liebe. Und das geht nicht nur mir so: 80 Prozent der Menschen m\u00f6chten so sterben. Aber auch ohne Corona sterben 75 Prozent in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen und nur 2-3 Prozent in Hospizen. Wie kann das sein? Dar\u00fcber habe ich gesprochen mit Anke Reichwald, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin bei Diakovere in Hannover mit dem Aufgabenbereich \u201eAmbulante und station\u00e4re Hospiz- und Palliativarbeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Menschen versterben, trotz anderer W\u00fcnsche, nicht in ihrem Zuhause. So m\u00fcssen wir die Frage stellen, ob \u201eSterben zu Hause\u201c ein erf\u00fcllbarer Wunsch ist bzw. welche Voraussetzungen er erfordert. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Gr\u00fcnde, warum Menschen zu Hause sterben wollen \u2013 so wie wir Menschen eben unterschiedlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Diejenigen, die in einem guten famili\u00e4ren Umfeld leben, m\u00f6chten die engen Beziehungen nicht aufgeben. Das hat sicherlich auch viel mit Selbstbestimmung zu tun. Wann m\u00f6chte ich schlafen gehen, wie lange m\u00f6chte ich schlafen, ich darf meine Lieblingsspeisen w\u00fcnschen\u2026 vieles, was zumindest in Krankenhaus- und Pflegeheimstrukturen nicht umsetzbar ist. Es ist aber auch die Angst vor Neuem \u2013 was erwartet mich dort? Hier wei\u00df ich was ich habe, hier kenne ich mich aus\u2026 Nicht zuletzt spielen auch wirtschaftliche \u00dcberlegungen eine Rolle: Meine Rente ist f\u00fcr eine Pflegeeinrichtung nicht ausreichend \u2013 ich m\u00f6chte meine Kinder aber finanziell nicht belasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sterben m\u00f6chte ich als Teil meines Lebens ansehen und, soweit m\u00f6glich, auch bewusst gestalten. Wie unterschiedlich die Vorstellungen von Lebensqualit\u00e4t am Ende &nbsp;sein k\u00f6nnen, hat mir Anke Reichwald erz\u00e4hlt:<\/p>\n\n\n\n<p>Mir fallen zwei Patienten ein. Der erste, ein 65-j\u00e4hriger Mann mit Bauchspeicheldr\u00fcsenkrebs, bekam von seinem Facharzt die Mitteilung, er solle jetzt ins Hospiz gehen, es sei nichts mehr zu machen. Der Schock sa\u00df tief \u2013 als ausgepr\u00e4gter Familienmensch konnte er sich \u00fcberhaupt nicht vorstellen, von Frau, Tochter und dem kleinen Enkelsohn fortzugehen. Wir haben nach einem ausf\u00fchrlichen Gespr\u00e4ch einen Plan f\u00fcr die h\u00e4usliche Versorgung erstellt, der den ambulanten Pflegedienst, den Hausarzt und das Palliativteam eng vernetzte. Acht Wochen lebte er noch \u2013 man wei\u00df nicht, wie viel Zeit ihm allein dadurch gegeben wurde, dass der kleine Enkel st\u00e4ndig um ihn war \u2013 aber man ahnt es! Bei diesem Patienten bestand die \u201eLebensqualit\u00e4t\u201c also in der Beziehung zu nahestehenden Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der andere Patient, an den ich denken muss, ebenfalls an Bauchspeicheldr\u00fcsenkrebs erkrankt, ist noch recht beschwerdefrei, setzt sich sehr bewusst mit seinem Sterben auseinander. Er plant genau die Zeit, wenn er mehr Sicherheit und Hilfe in der der Versorgung ben\u00f6tigt und hat sich derweil ein Hospiz angeschaut. Er m\u00f6chte, wenn es soweit ist, selbst entscheiden k\u00f6nnen, wohin er geht. F\u00fcr diesen Patienten ist die \u201eWahrung der eigenen Entscheidungskompetenz\u201c also seine Lebensqualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ebenso unterschiedlich wie die Vorstellung von Lebensqualit\u00e4t sind die die Bedarfe der Betroffenen: Eine Frau, die zu Hause kleine Kinder hat und selbst unter einem metastasierenden Brustkrebs leidet, wird vor anderen Herausforderungen stehen als ein Mann, der im Alter von 76 Jahren an einem Bauchspeicheldr\u00fcsenkrebs erkrankt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wunsch nach Lebensqualit\u00e4t am Ende des Lebens \u2013 das ist nicht nur eine pers\u00f6nliche Frage. Es geht auch um organisatorische und um politische Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen, dass Klinikaufenthalte oft die Folge mangelhafter Versorgung zu Hause oder in Alten- und Pflegeheimen sind. Ein Abbau von Krankenhauseinweisungen geht aus meiner Sicht nur mit einem Ausbau und der Re- Organisation ambulanter Versorgung. Die umf\u00e4nglichen Finanzierungsmodelle ambulanter Versorgung, die nach Bundesl\u00e4ndern v\u00f6llig unterschiedlich aussehen, sind keinesfalls kostendeckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ambulante Pflege ist aufgegliedert in einzelne Leistungen der Pflegeversicherung und der Krankenversicherung. Nur lassen sich schwerkranke und sterbende Menschen nicht in Einzelleistungen zerteilen! H\u00e4ufig notwendige Ma\u00dfnahmen der Schmerz- und Symptomkontrolle, wie das Anlegen und Bef\u00fcllen von Schmerzpumpen, komplement\u00e4re Pflegema\u00dfnahmen, das Legen von Nadeln zur Infusionstherapie \u2013 all diese h\u00e4ufig zwingend erforderlichen Ma\u00dfnahmen finden wir nicht in den Leistungskatalogen.<a> <\/a><a href=\"#_msocom_1\">[FMT1]<\/a>&nbsp;Wenn wir schwerkranke Menschen in ihrem Zuhause versorgen m\u00f6chten, ben\u00f6tigen wir viel mehr Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen in solchen Krisensituationen und Angeh\u00f6rige brauchen aber vor allem Sicherheit, Gespr\u00e4che und die Vorbereitung auf m\u00f6glicherweise eintretende Situationen. In den letzten Tagen und Stunden tritt zum Beispiel h\u00e4ufig die sogenannte terminale Unruhe auf &#8211; eine Situation, die gro\u00dfe Angst verursacht und ohne eine Vorbereitung meist dazu f\u00fchrt, dass Angeh\u00f6rige den Notarzt rufen. So kommt es dann zu vermeidbaren Krankenhauseinweisungen. Die Angeh\u00f6rigen brauchen die Gewissheit, dass sie 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche verbindlich jemanden erreichen zu k\u00f6nnen \u2013 die Gewissheit, dass bei Bedarf jemand zur Unterst\u00fctzung kommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es fehlt also an Geld, vor allem aber an Flexibilit\u00e4t und an Zeit. Die Corona-Pandemie zeigt das wie in einem Brennglas: In den Medien ging es meist um die Pflegeheime, aber die meisten Pflegebed\u00fcrftigen leben zu Hause. Und gerade jetzt f\u00fchlten sie sich regelrecht vergessen. Zuletzt wusste keiner so recht, wie die Hochaltrigen zu Hause geimpft werden sollen &#8211; und ihre Angeh\u00f6rigen wurden zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht bedacht. Dabei sind viele l\u00e4ngst total ersch\u00f6pft. Im Lockdown kam der Pflegedienst oft seltener. Kinder und Enkel durften nicht mehr kommen, Nachbarn nicht mehr aushelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch ohne Corona kommt in Zerrei\u00dfproben, wer f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige und Sterbende da sein will &#8211; zeitlich und auch finanziell. Viele Familien leben l\u00e4ngst nicht mehr an einem Ort. Die zunehmende Mobilit\u00e4t, die selbstverst\u00e4ndliche Berufst\u00e4tigkeit von Frauen und der demographische Wandel haben dazu gef\u00fchrt, dass Menschen in station\u00e4re Einrichtungen gehen, weil sie allein nicht mehr zurechtkommen. So oder so &#8211; die Hochbetagten und Pflegebed\u00fcrftigen sind immer mehr von Exklusion betroffen. Und die Debatten um Corona und Pflegenotstand lassen die \u00c4ngste wachsen, dass wir nicht gut versorgt sind, wen wir nicht mehr selbst f\u00fcr uns sorgen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Grund, warum sich immer mehr \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c zusammenfinden. Es geht um wechselseitige Unterst\u00fctzung, und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung. In Seniorenwohngemeinschaften zum Beispiel oder in der Nachbarschaftshilfe. Einander aushelfen mit Eink\u00e4ufen, bei Arztbesuchen oder einfach da sein, damit die Angeh\u00f6rigen einmal rauskommen. Der ehemalige Bremer B\u00fcrgermeister Henning Scherf gr\u00fcndete mit seiner Frau Luise und mit Freunden eine Wohngenossenschaft, eine Wahlfamilie aus mehreren Generationen. Scherf wirbt daf\u00fcr, dass die Pflege endlich besser finanziert wird. Es m\u00fcsse Schluss sein mit \u201esparen, sparen, sparen\u201c. Und wir m\u00fcssten das Tabu brechen und \u00fcber das Sterben reden, sagt Scherf. \u201eDas letzte Tabu\u201c hei\u00dft denn auch das Buch, das er zusammen mit Annelie Keil geschrieben hat. \u201eDer Tod verlangt inmitten der jeweils besonderen Situation die Bereitschaft, sich dem Geschehen offen zu stellen\u201c, hei\u00dft es da. \u201eNichts ist versprochen, aber vieles ist m\u00f6glich. So merkw\u00fcrdig es klingt: Kreativit\u00e4t ist gefragt.\u201c &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sterben darf kein Tabuthema sein. Das meint auch Anke Reichwald von der Diakonie:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod wird verdr\u00e4ngt \u2013 selbst in Zeiten von Covid-19. Patientenverf\u00fcgung, Vorsorgevollmacht \u2013 das sind wichtige Instrumente. Viel wichtiger erscheint mir jedoch, \u00fcber die damit zusammenh\u00e4ngenden Fragen mit den Menschen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, die uns nahestehen \u2013 und zwar am besten schon fr\u00fchzeitig, in gesunden Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lernen wir wieder mit dem Tod umzugehen? Wie f\u00fchlt sich das Sterben an und was passiert danach? Das sind Themen, die wir selten bei einem gemeinsamen Abend mit Freunden besprechen. Aber warum eigentlich nicht? Es geht nicht nur um die Dinge, die wir nicht m\u00f6chten, die unterlassen werden sollen \u2013 es geht vor allem darum, was wir uns w\u00fcnschen. Gerade wenn wir nicht mehr sprachf\u00e4hig sind, ist es f\u00fcr die Pflegenden und Behandelnden \u2013 egal ob Angeh\u00f6rige oder Professionelle \u2013 sehr hilfreich, wenn sie um Vorlieben und W\u00fcnsche wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte hier Mut machen. Mit einem offenen Umgang, mit fachkundiger Symptomkontrolle, mit Zuwendung, Sicherheit und respektvoller Pflege erleben wir, dass Angst, Schrecken und der Wunsch nach Sterbehilfe oder Suizid kein Thema mehr sind! Oft formulieren es die sterbenden Menschen und auch ihre Angeh\u00f6rigen so: \u201eDiese Wochen waren die intensivsten in unserem gemeinsamen Leben \u2013 es war eine gute und wertvolle Zeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen wollen zu Hause sterben k\u00f6nnen. Und die Zeit der Sterbebegleitung kann f\u00fcr alle intensiv und wertvoll sein. &nbsp;Daf\u00fcr braucht es mehr als eine bessere Bezahlung der ambulanten Pflege. Es geht auch um die Frage, wie Arbeitsbiographien flexibler gestaltet werden k\u00f6nnen, um den Druck in Zeiten der Pflege zu nehmen. Es geht darum Nachbarschaften zu st\u00e4rken. Und darum Menschen Mut zu machen, \u00fcber \u00c4ngste und Unwissenheit zu sprechen. Was fr\u00fcheren Generationen selbstverst\u00e4ndlich war, m\u00fcssen wir heute unter ganz anderen Bedingungen neu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Sterbegl\u00fcck ist, dass ich die Beziehungen zu mir nahestehenden Menschen noch einmal ganz neu und wunderbar erlebe\u201c, sagte die Theologin Luise Schottroff kurz vor ihrem Tod. \u201cNie h\u00e4tte ich es f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass in unserer durchgetakteten Welt so viel Zuwendung m\u00f6glich ist.\u201c In der Zeit ihrer Krankheit war ihr Freundesnetzwerk so zusammen gewachsen, dass sie sich auch gegenseitig unterst\u00fctzen konnten. Und die \u201ewenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute H\u00e4nde geben kann.\u201c sagt die Sterbebegleiterin Monika Renz.\u201c<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Und davon erz\u00e4hlen die biblischen Passionsgeschichten auch: Von dem Gl\u00fcck, in guten H\u00e4nden zu sein. Von einem Leben, das wir uns nicht vorstellen k\u00f6nnen. Der letzte Weg Jesu ist voll intensiver Begegnungen. Wenige wissen, dass die Passionsgeschichten der Kern des Evangeliums sind. Nicht Weihnachten, sondern Ostern ist das gro\u00dfe Fest. Das tr\u00f6stet mich \u2013 selbst in Corona-Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Renz, Monika, Hin\u00fcbergehen. Was beim Sterben geschieht. Ann\u00e4herungen an letzte Wahrheiten unseres Lebens, Freiburg i.B.: Kreuz-Verlag, 2013. 1. Aufl. 2011<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<a href=\"#_msoanchor_1\">[FMT1]<\/a>K\u00fcrzungsoption<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/kirche-im-radio\/am-sonntagmorgen\/sterben-der-nachbarschaft-11731?fbclid=IwAR3Fu63EqtndBHiwOdcEuU3wwpsJYZhkcyYA-XeqwRcc8oDVhtRdbHMKQKw\">https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/kirche-im-radio\/am-sonntagmorgen\/sterben-der-nachbarschaft-11731?fbclid=IwAR3Fu63EqtndBHiwOdcEuU3wwpsJYZhkcyYA-XeqwRcc8oDVhtRdbHMKQKw<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n<p><strong><em>Deutschlandfunk<\/em> DLF, K\u00f6ln<\/strong><br \/><strong>Morgenandacht \u201eGedanken zur Woche\u201c (evangelisch), 27.11.2020<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer Tod ist das letzte Tabu in unserer Gesellschaft\u201c. Das wissen die, die sich mit dem Altwerden besch\u00e4ftigen. Und mit der Frage, wie Menschen einander am Ende des Lebens gut unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. In Familien, in der Pflege, in der Nachbarschaft. Schlie\u00dflich wollen fast alle zu Hause sterben &#8211; und trotzdem sterben die allermeisten in Krankenh\u00e4usern und in Pflegeeinrichtungen und gerade jetzt auf Intensivstationen. Unter medizinischer Aufsicht, an technischen Ger\u00e4ten, oft ziemlich allein. Wir haben den Tod an Experten abgegeben.<\/p>\n<p>Am vergangenen Montag waren wir selbst gefragt. Mit dem Film \u201eGott\u201c brachten ARD und Ferdinand von Schirach die Frage nach einem guten Lebensende in unsere Wohnzimmer. Ich finde das richtig. Vielleicht haben Sie auch mit abgestimmt, ob der 78j\u00e4hrige Herr G\u00e4rtner, der \u00fcber den Tod seiner geliebten Frau nicht hinwegkommt, das ersehnte Pentobarbital bekommen soll. Ich habe dagegen gestimmt \u2013 aber es bleibt eine tiefe Verunsicherung. Und ich wei\u00df, es ist diese Verunsicherung, die dazu f\u00fchrt, das Thema den \u00c4rzten, den Politikerinnen und Juristen und auch den Pflegekr\u00e4ften zu \u00fcberlassen. Denen, die wissen, wie man mit dem Tod umgeht.<\/p>\n<p>Herr G\u00e4rtner aus dem Film war nicht krank. Er wollte einfach nicht mehr leben. Da m\u00f6chte doch jeder, der selbst schon schwere Krisen oder Trauerzeiten \u00fcberstanden hat, Mut machen. Er hat Kinder und Enkel. Er k\u00f6nnte noch tun, was er mochte. Und Wunden schlie\u00dfen sich, mit Narben kann man leben. Aber wozu, w\u00fcrde Herr G\u00e4rtner jetzt sagen. Und: Es gibt keine Pflicht zu leben, sagt eine Juristin in dem Film. Wer schon einmal versucht hat, einen Menschen vom Suizid abzuhalten, wei\u00df: Wenn der andere die ausgestreckte Hand nicht nimmt, kann das nicht gelingen.<\/p>\n<p>Am Ende muss ich die Freiheit des anderen respektieren. Das meint wohl auch das Verfassungsgericht mit seinem sehr liberalen Urteil vom Februar, wenn es vom hohen Wert der Selbstbestimmung spricht. Wenn ich Herrn G\u00e4rtner aus dem Film vor mir sehe, macht mich das traurig. Und ohnm\u00e4chtig. Ich kann nicht <em>einfach<\/em> Ja sagen zu seinem Sterbewunsch.<\/p>\n<p>Zu den Profis in Sachen Tod und Sterben geh\u00f6re ich auch. Ich war lange Gemeindepfarrerin und erinnere mich: Das Leben so zu nehmen, wie es ist &#8211; auch mit Trauer und Verletzungen \u2013 das war f\u00fcr viele selbstverst\u00e4ndlich. In dem Vertrauen, dass all das einen verborgenen Sinn hat. &nbsp;In dem Vertrauen, in der Gemeinschaft und bei Gott aufgehoben zu sein. &nbsp;Genauso habe ich immer wieder Menschen hoffen und beten h\u00f6ren, dass Gott sie endlich zu sich holt. Dieser Wunsch nach Erl\u00f6sung richtet sich heute an \u00c4rztinnen und \u00c4rzte. Leid geduldig auszuhalten, darin sehen viele \u2013 genau wie Herr G\u00e4rtner &#8211; keinen Sinn mehr.<\/p>\n<p>\u201eGott\u201c \u2013 so hie\u00df der Film am Montag. &nbsp;Will Gott, dass wir das alles aushalten? Oder spielen wir selbst Gott, wenn wir Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen? Bin ich frei \u2013 oder bin ich angewiesen, auf andere, auf das, was kommt? Das sind keine Fragen, die sich mit einem Mausklick entscheiden lassen. Denn zur Freiheit geh\u00f6rt Verantwortung. Und Angewiesensein ertrage ich nur, wenn ich gehalten bin. Aber dazu brauche ich Menschen, die mich respektieren und unterst\u00fctzen. Das einsame Leiden, der Mangel an Pflegekr\u00e4ften und Palliativmedizinern, das Sterben hinter verschlossenen T\u00fcren sind der eigentliche Skandal.<\/p>\n<p>Seit mehr als 20 Jahren sprechen Kirche, Politik und Fachleute \u00fcber die St\u00e4rkung von Hospizangeboten. Aber geschehen ist nicht viel. &nbsp;Und Sterbehilfe l\u00f6st das Problem nicht. Ich f\u00fcrchte, die neue Rechtslage erh\u00f6ht die Sorge, anderen zur Last zu fallen. Vielleicht gibt es keine Pflicht zu leben, aber ganz sicher eine Pflicht zu Schutz und Beistand.<\/p>\n<p>Es wird h\u00f6chste Zeit, die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein gutes Lebensende auszuhandeln. Politisch und pers\u00f6nlich. Sterben und Tod d\u00fcrfen kein Tabu mehr sein. Kirchengemeinden, Seelsorger und Seelsorgerinnen k\u00f6nnen viel dazu beitragen. Mit Besuchsdiensten und Letzte-Hilfe-Kursen, mit Nachbarschaftsnetzen und Gebeten. Wenn es darauf ankommt, brauchen wir das Gef\u00fchl, dass wir uns verlassen k\u00f6nnen \u2013 auf andere und auch auf Gott.<\/p>\n<p>Diskutieren Sie mit, auf Facebook unter \u201eEvangelisch im Deutschlandradio\u201c.<\/p>\n<hr>\n<p><strong>Deutschlandfunk DLF, 14.9.2020 \u2013 19.09.2020, 6.35 \u2013 6.40 Uhr<\/strong><\/p>\n<p><strong>Montag 14.9.2020<\/strong><\/p>\n<p>Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook ein Altarbild gepostet. Ein schlichter Holzaltar im Betsaal der Zehlendorfer Diakonie. Darauf dieses Altarbild, aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Abendmahlstisch darunter und die Kerzenhalter. Ich mag die einfachen Bilder. In der Mitte der barmherzige Samariter, rechts und links \u2013 eingraviert wie in M\u00fcnzen &#8211; die \u201eWerke der Barmherzigkeit\u201c.<\/p>\n<p>\u201eBarmherzigkeit &#8211; was ist das? Das fragen sich momentan viele Menschen.\u201c So kommentierte eine Freundin das Bild. Und jemand &nbsp;anders wollte gleich einen bestimmten deutschen Politiker gegen 13.000 Menschen aus Moria tauschen. Der barmherzige Samariter spricht mitten hinein in unsere Wirklichkeit: Wer l\u00e4sst sich anr\u00fchren und aufhalten, wer greift in die Tasche und holt den Verletzten aus dem Dreck? Und wer geht vor\u00fcber, weil er andere Gesch\u00e4fte hat?<\/p>\n<p>So ist es wohl: Politik und Kalk\u00fcl bestimmen den Blick auf die Menschen, denen wir begegnen. Es geht um Push- und Pullfaktoren, um die \u00c4ngste und Hilfsbereitschaft der Kommunen und Bundesl\u00e4nder, um Deutschland und Europa,&nbsp; Schuldige und Opfer. Parteilinien werden gezogen, Kompromisse gesucht, Gewinner gek\u00fcrt. Anfang der Woche endlich wurde beschlossen, noch einmal 1550 weitere Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen, 400 schutzberechtigte Familien aus Griechenland. Welche Partei da der Gewinner ist? Ein Kommentar r\u00fcckt die Frage zurecht: \u201e Die Gewinner \u2013 sind erst einmal diese Familien\u201c.<\/p>\n<p>Ob einer dich sieht oder ob Du verloren bist \u2013 ist das am Ende eine Lotterie? Oder eine Frage des Status? Jedenfalls scheint das alles furchtbar kompliziert. Aber die Werke der Barmherzigkeit sind ganz schlicht und einfach. Durstigen zu trinken geben. Hungrige speisen. Obdachlosen ein Dach \u00fcber dem Kopf geben. Gefangene besuchen. Davon erz\u00e4hlt der Altar im Zehlendorfer Betsaal. Der K\u00fcnstler hat sich darauf beschr\u00e4nkt, H\u00e4nde zu zeichnen. H\u00e4nde, die sich \u00f6ffnen, helfen und schenken. Trotzdem denke ich sofort an die Bilder aus den Nachrichten, die Familien, die in Moria auf der Stra\u00dfe sa\u00dfen und kaum etwas zu essen hatten. Weil die Hilfsorganisationen nicht durchkamen, um wenigstens Lebensmittel zu verteilen. Und Wasser. Dabei wei\u00df doch jeder, wie es ist, Durst zu haben nach langen Tagen in der Hitze.<\/p>\n<p>Und trotzdem ist es nicht einfach, sich einzuf\u00fchlen \u2013 hier im wirtschaftlich st\u00e4rksten Land Europas. In relativer Sicherheit. Wer will sich schon vorstellen, mit der ganzen Familie auf dem nackten Boden zu schlafen \u2013 ohne Hoffnung, ohne Perspektive?<\/p>\n<p>Ich denke an eine Frau, die eigentlich &nbsp;gar nichts mit dem Elend&nbsp; zu tun hatte. Elisabeth von Th\u00fcringen \u2013 sie war F\u00fcrstin. Hoch \u00fcber den Stra\u00dfen der Armen lebte sie in Eisenach auf ihrer Burg. &nbsp;Trotzdem gilt sie bis heute als die Heilige der Barmherzigkeit. Von ihr werden viele wunderbare Geschichten erz\u00e4hlt. Eine handelt von einem leprakranken Mann; die F\u00fcrstin nahm ihn auf, um ihn zu pflegen. Sie legte ihn sogar ins Bett ihres Ehemanns &#8211; Ber\u00fchrungs\u00e4ngste kannte sie nicht.<\/p>\n<p>Als der F\u00fcrst nach Hause kam, wurde er misstrauisch, sogar zornig. Ging hin, schlug die Bettdecke zur\u00fcck und \u2013 der, den er da sah in seinem eigenen Bett, mit blutenden Wunden und Verletzungen, war Christus selbst. Da wich er zur\u00fcck und lie\u00df die Barmherzigkeit geschehen, die seine Frau begonnen hatte.<\/p>\n<p>Eine unglaubliche Geschichte, ich wei\u00df. Was der F\u00fcrst da mit eigenen Augen sah, war ein Wunder. Nicht einmal uns selbst erkennen wir in denen, denen es schlechter geht als uns. Nicht einmal das Gesicht eines Menschen sehen wir in den Gefl\u00fcchteten. Dabei &nbsp;w\u00fcrde es gen\u00fcgen, sagt die Geschichte, wenn wir in den Leidenden Christus sehen, den gekreuzigten Christus.<\/p>\n<p>Der Abstand bliebe, aber aus Abwehr und Kalk\u00fcl w\u00fcrde Barmherzigkeit. Was Barmherzigkeit ist? Der einfache Altar l\u00e4sst Christus selbst darauf antworten: \u201eWas Ihr getan habt einem von diesen geringsten, meinen Geschwistern, das habt Ihr mir getan.\u201c (Mt 25,40)<\/p>\n<p>Was ist Barmherzigkeit? Diskutieren Sie mit auf Facebook unter \u201eEvangelisch im Deutschlandradio\u201c.<\/p>\n<p><strong>Dienstag 15.9.2020<\/strong><\/p>\n<p>Als in England die Krankenh\u00e4user \u00fcbervoll waren, haben Stewards, Stewardessen und Piloten von vier Fluggesellschaften, die im Shutdown arbeitslos geworden waren, eine neue Firma gegr\u00fcndet:&nbsp; die \u201eFirst Care Class\u201c. In den Krankenh\u00e4usern des National Health Service haben sie Clubr\u00e4ume mit bequemen Sesseln eingerichtet, um \u00c4rzte, Pflegende und Physiotherapeuten im Krankenhaus zu verw\u00f6hnen. Eine Stunde freundliche Rundumversorgung mit Kaffee, kalten Getr\u00e4nken und Wellnessmassage. \u201eWir tun, was wir gelernt haben\u201c, sagte eine Stewardess im Interview. \u201eWir haben ja trainiert, Menschen zu verw\u00f6hnen und zu beruhigen und ihnen das Gef\u00fchl zu geben, dass sie wirklich etwas Besonderes sind. Ein strahlendes L\u00e4cheln bewirkt eine Menge.\u201c Wingman hie\u00df das Projekt. Fl\u00fcgelmensch \u2013 man denkt sofort an Engel.<\/p>\n<p>Der Shutdown war eine gro\u00dfe Unterbrechung. Pl\u00f6tzlich war alles anders. Auch beruflich. Autobauer wurden zu Maskenproduzenten und Studierende zu Spargelstechern. Paare mit zwei Vollzeitjobs haben entdeckt, dass es gut war, mehr Zeit f\u00fcr die Familie zu haben. Andere haben sich noch einmal auf den Weg gemacht \u2013 auf der&nbsp; Suche nach einem Job mit Sinn. \u201eIch f\u00fchlte mich bis dahin, als w\u00fcrde ich ein Spiel spielen, (\u2026) mit gro\u00dfem Ehrgeiz und Einsatz\u2026\u201c, sagt Nina Hille, die Verlagsgesch\u00e4ftsf\u00fchrerin war. Sie wollte aber einen Unterschied machen, die Welt ein bisschen besser machen, ihre Leidenschaft einbringen. So landete sie einem sozialen Tr\u00e4ger.&nbsp; Wer sich jetzt Stellenausschreibungen ansieht, der merkt den Umschwung: Portale wie greenjobs.de oder goodjobs.de und Personalvermittlungen wie Talents4Good haben Konjunktur.<\/p>\n<p>Die Bibel erz\u00e4hlt von einem Fischer, der die Leidenschaft verloren hatte. Er kannte sich aus mit seinem Job, wusste, wo die Fischschw\u00e4rme vorbei zogen. Wann es sich lohnte rauszufahren \u2013 und wann nicht. Es w\u00e4re immer so weiter gegangen \u2013 schlie\u00dflich stammte er schon aus einer Familie von Fischern, er lebte in einem Fischerdorf \u2013 auch seine besten Freunde waren Fischer. Es w\u00e4re immer so weitergegangen, wenn nicht pl\u00f6tzlich einer gekommen w\u00e4re, der alles in Frage stellte. Irgendwie auch so ein Mann mit Fl\u00fcgeln. Er kam am Abend, setzte sich zum Predigen in sein Boot und bat ihn am Ende, noch einmal zu den Fischgr\u00fcnden zu fahren \u2013 und obwohl da eigentlich nichts mehr zu erwarten war, w\u00e4re das Netz fast zerrissen, weil es so voll wurde.<\/p>\n<p>Das warf den Fischer fast um. Pl\u00f6tzlich war alles wieder aufregend und neu. Ein neuer Anfang. So war der Boden bereitet, als Jesus ihn einlud, mit ihm zu gehen. Die Spur zu wechseln. \u201eVon nun an wirst Du Menschen fischen.\u201c Etwas tun, was wirklich lohnt, was alles ver\u00e4ndert. Petrus z\u00f6gerte nicht lange; er sp\u00fcrte den Wind im R\u00fccken und ging mit. Und seine Freunde auch.<\/p>\n<p>Dass Arbeit mehr ist als routiniertes Erledigen von Aufgaben \u2013 das hat sich in den letzten Monaten deutlich gezeigt. Es geht auch um mehr als Leistung und Einkommen \u2013 so schmerzhaft die Einkommensverluste f\u00fcr viele sind. Aber pl\u00f6tzlich haben Gastwirte wieder entdeckt, wie sch\u00f6n es ist, andere zu bewirten. Pflegende und Kassiererinnen bekamen endlich Anerkennung \u2013 leider nur kurz. B\u00fcrokr\u00e4fte im Homeoffice haben gesp\u00fcrt, wie wichtig der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ist. Fast alle erz\u00e4hlen von langen, pers\u00f6nlichen Telefonaten. Webkonferenzen gen\u00fcgen nicht. Genau hinh\u00f6ren schien die Herausforderung der Stunde zu sein.<\/p>\n<p>Petrus, der Fischer, hat an jenem Abend genau hingeh\u00f6rt, er hat sich eingelassen auf eine verr\u00fcckte Idee und wieder gemerkt, wo sein Herz schl\u00e4gt. Er hat die Stimme geh\u00f6rt, die ihn befl\u00fcgelte und herausrief \u2013 auf einen neuen Weg.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wer in England auf die verr\u00fcckte die Idee mit der \u201eFirst Care Class\u201c kam \u2013 aber ich wei\u00df: diese Corona-Initiative hat vielen wieder auf die Beine geholfen. Manchmal ist es gut, wenn die Routine unterbrochen wird. Dann sp\u00fcre ich, was wirklich z\u00e4hlt. Und wenn andere da sind, die mit mir gehen, kann etwas Neues entstehen. Auch bei mir selbst.<\/p>\n<p><strong>Mittwoch 16.9.2020<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcchen sind der Renner der Saison. Zwischen Homeoffice und Homeschooling hatten Familien pl\u00f6tzlich Zeit zum gemeinsamen Kochen und Essen. Und das war schon etwas Besonderes. Denn f\u00fcr gemeinsame Mahlzeiten ist sonst oft nur am Wochenende Zeit. Es ist eben nicht einfach, die engen Rhythmen von Jobs, Kita, Schule und Freizeit aufeinander abzustimmen \u2013 da knirscht es oft genug. Und weil der Alltag normalerweise so eng getaktet ist, m\u00fcssen auch Familienbesuche und Feste langfristig geplant werden. Jetzt war pl\u00f6tzlich alles anders. Die m\u00fchsam gefundenen Termine \u2013 alle gestrichen. Hochzeiten und Konfirmationen verschoben. Und im Alltag fehlten die Gro\u00dfeltern, die sonst einspringen, wenn alles aus dem Tritt ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war es manchmal chaotisch und eng. Und im Zentrum: der K\u00fcchentisch. Beim Fr\u00fchst\u00fcck und beim Homeschooling. Beim Spieleabend und bei der Familienkonferenz mit den Gro\u00dfeltern \u2013 zum ersten Mal per Zoom. An das gemeinsame Essen kann man sich schnell gew\u00f6hnen. Als Zeit, sich auszutauschen, zu planen, Probleme zu kl\u00e4ren. \u201eWir teilen und verteilen nicht nur die Lebensmittel, sondern wir teilen uns unser Leben mit\u201c, hat Birgit Wagner-Esser einmal geschrieben. \u201eJedem in der Familie ist wichtig, wie es den anderen geht. Es ist ihm oder ihr nicht egal. Hier ist der zentrale Ort, an dem sich Gemeinschaft konstituiert\u201c.<\/p>\n<p>Auch Ostern haben wir als Familie am K\u00fcchentisch gefeiert &#8211; mit Osterglocken und Osterkerze, mit rot gef\u00e4rbten Eiern und selbstgebackenen Brot. Zum gestreamten Gottesdienst.&nbsp; Halb digital, halb analog \u2013 wie bei der Familienkonferenz.&nbsp; Kann&nbsp; man so auch Abendmahl feiern? Muss unbedingt eine Pfarrerin dabei sein und die Einsetzungsworte sprechen? Dar\u00fcber wird in unserer Kirche gestritten. Mir ist vor allem die Gemeinschaft wichtig. Schlie\u00dflich hat Jesus alle eingeladen, die Frauen, die Au\u00dfenseiter, die Kranken. Der gro\u00dfe Tisch ist sein Markenzeichen \u2013&nbsp; und noch vor seinem Tod feiert er auch mit Judas, der ihn ans Messer liefert. Diese Erinnerung ist mir wichtig: Dass er sein Leben gab, damit es uns gut geht.<\/p>\n<p>Dass die Gemeinschaft der Kirche von diesem Tisch ausgeht, das wurde vielen erst wieder klar, als die Abendmahlsfeiern ausfallen mussten, auch zu Karfreitag und zu Ostern. Wenn Christen das Brot nicht teilen, fehlt etwas ganz Wesentliches. Das gilt ja auch im Alltag. Im Supermarkt ging die Hefe aus, weil pl\u00f6tzlich alle Brot backen wollten. Im M\u00f6belhaus waren K\u00fcchen der Renner. Und vor dem Fernseher diskutierten wir \u00fcber Fleischproduktion und Werkvertr\u00e4ge bei T\u00f6nnies und \u00fcber die Spargelstecher aus Bulgarien und Rum\u00e4nien. Was andere auf sich nehmen, damit es uns gut geht \u2013 dar\u00fcber hatten wir lange nicht nachgedacht. Egal kann es uns nicht sein. Und was k\u00f6nnen wir tun, damit es anderen gut geht? Im Corona-Lockdown starteten an vielen Orten Einkaufshilfen f\u00fcr die, die nicht vor die T\u00fcr kamen. \u201eDich schickt der Himmel\u201c hie\u00df die Aktion in Witzenhausen.<\/p>\n<p>F\u00fcreinander einkaufen, gemeinsam kochen, zusammen essen &#8211; das hat tats\u00e4chlich mit dem Himmel zu tun. Neben den Einkaufshilfen gibt es in vielen Gemeinden seit langem Mittagstische f\u00fcr \u00c4ltere,&nbsp; die sonst allein essen m\u00fcssten. Da kann man erz\u00e4hlen, was einen besch\u00e4ftigt \u2013 egal, ob Krankheit oder Familiengeschichten-, da h\u00f6rt man einander zu und das allein tut gut. Das Leben aus einer anderen Perspektive sehen, \u00fcber den eigenen Tellerrand, den eigenen Kirchturm hinaussehen \u2013 darauf kommt es an. Pfarrer Kossen aus G\u00fctersloh hat gezeigt, was das hei\u00dft: Er hat sich seit Jahren f\u00fcr die Werksarbeiter bei T\u00f6nnies eingesetzt. Jetzt hat er den Verdienstorden von Nordrhein-Westfalen bekommen. Ob ich das ohne Corona wahrgenommen h\u00e4tte? Ich wei\u00df es nicht. Aber ich wei\u00df: Es gibt einiges zu \u00e4ndern nach dieser Krise. In der Fleischindustrie, bei den Werkvertr\u00e4gen, aber auch in unserem Alltag. Und die Tischgemeinschaft ist ein Schl\u00fcssel dazu \u2013 in der Kirche und auch am K\u00fcchentisch.<\/p>\n<p><strong>Donnerstag 17.09.2020<\/strong><\/p>\n<p>Was ein Hausstand ist, dar\u00fcber hatte ich mir lange keine Gedanken gemacht. Aber in den letzten Monaten wurde das pl\u00f6tzlich ganz wichtig. Gemeint ist nicht unbedingt eine Familie oder Lebensgemeinschaft im rechtlichen Sinne. Ein Hausstand kann auch eine Wohngemeinschaft sein. Von Studenten, Studentinnen oder Senioren. Weil es besser ist, nicht allein zu sein, hat sich da w\u00e4hrend der Corona-Krise viel bewegt. Studierende sind zur\u00fcckgezogen ins&nbsp; Elternhaus. Alleinstehende zu einer befreundeten Familie. Zwei M\u00fctter mit ihren Kindern haben sich zusammen getan. Zusammen kann man einander aushelfen und entlasten. Miteinander essen, zusammen spielen&nbsp; \u2013 auch mal spazieren gehen.<\/p>\n<p>Wohngemeinschaften haben ja ohnehin Konjunktur, nicht nur wegen der Corona-Krise. Mehrgenerationenh\u00e4user und Seniorenwohngemeinschaften versprechen den richtigen Mix aus Selbstbestimmung und wechselseitiger Hilfe. Die einen m\u00e4hen den Rasen, die anderen helfen bei den Hausaufgaben oder lesen den J\u00fcngsten vor.&nbsp; Es gibt immer mehr phantasievolle Projekte. \u201eWohnen gegen Bildung\u201c zum Beispiel \u2013 in Ruhrgebietsst\u00e4dten geben Studierende benachteiligten Kids Nachhilfe und k\u00f6nnen daf\u00fcr kostenlos wohnen. Anderswo bieten \u00c4ltere kostenloses Wohnen gegen kleine Dienstleistungen an \u2013 Einkaufen oder Gartenarbeit. So bleiben sie nicht allein in ihrem zu gro\u00df gewordenen Haus.<\/p>\n<p>Es ist schon merkw\u00fcrdig: Einerseits leben viel mehr Menschen allein als noch vor 20 oder 30 Jahren \u2013 \u00fcber 40 Prozent der \u00c4lteren sind Singles. Und tats\u00e4chlich wird heute auch sehr viel mehr Wohnraum pro Person beansprucht. Andererseits ist da diese wachsende Sehnsucht nach Gemeinschaft. Nach Austausch und wechselseitiger Unterst\u00fctzung. Allerdings scheitern viele&nbsp; Wohngenossenschaften auf dem langen Weg vom Projekt bis zum Einzug. Wenn es konkret wird, ist es eben nicht so einfach, sich zu einigen. Wie gro\u00df sollen die Gemeinschaftsr\u00e4ume sein? Und wie viele brauchen wir?&nbsp; Treffpunkt, G\u00e4stezimmer, Bibliothek und K\u00fcche? Wieviel Raum braucht jeder f\u00fcr sich privat \u2013 ein Zimmer oder doch lieber ein kleines Appartement? Da werden Erinnerungen wach \u2013 an die Studenten-WG und die Putzpl\u00e4ne, an das \u00fcberf\u00fcllte Mehrfamilienhaus aus der Nachkriegszeit oder die Platte irgendwo in Berlin.&nbsp; Immer&nbsp; zwischen Wahlverwandtschaft mit Grillabenden und Sozialkontrolle. \u201eFeind h\u00f6rt mit\u201c, sagte meine Schwiegermutter manchmal.<\/p>\n<p>Kann man lernen, einen guten gemeinsamen Weg zu finden? Eine Akademie hat k\u00fcrzlich eine Wohnschule angeboten \u2013 f\u00fcr Leute, die sich auf das Abenteuer einer Genossenschaft einlassen wollen. Ein Vertrag reicht da nicht. Mir fallen die alten Schwestern aus dem Diakonissenhaus ein, die \u00fcber Jahrzehnte gemeinsam im Mutterhaus wohnten. Sie erinnerten sich sp\u00e4ter an die Farbe und die gef\u00fchlte Temperatur der R\u00e4ume \u2013 wo es licht war und wo d\u00fcster, wo Weite herrschte oder beklemmende Enge. Auf den Spirit kommt es an in so einer Gemeinschaft.<\/p>\n<p>\u201eIn meines Vaters Haus sind viele Wohnungen\u201c, sagt Jesus, als er sich von seinen J\u00fcngern verabschiedet. \u201eUnd ich gehe hin, Euch die Wohnung zu bereiten\u201c. Das klingt wie ein gro\u00dfes Versprechen. Ich sehe ein helles, offenes Haus. Wo Unterschiede Platz haben. Wo niemand sich kleiner oder gr\u00f6\u00dfer machen muss als er ist. Jesus redet vom Himmel, ich wei\u00df \u2013 aber es gibt solche Erfahrungen auch hier und jetzt. Der umgebaute Hof, in dem die Gro\u00dffamilie Platz hat \u2013 mit allen Generationen. Die Wohngruppe von Menschen mit Behinderung gleich nebenan.<\/p>\n<p>Manchen haben w\u00e4hrend der Corona-Krise Erfahrungen aus dem Kloster geholfen: Da gibt es den gemeinsamen Speisesaal, das Refektorium, die Bibliothek \u2013 aber daneben hat jeder eine eigene Zelle, den eigenen Freiraum. Man muss sich klar machen, was man selbst braucht, um sich wohl zu f\u00fchlen. Und miteinander sprechen \u2013 nicht nur \u00fcber den K\u00fchlschrank oder das Putzen, sondern \u00fcber W\u00fcnsche, Ziele und Tr\u00e4ume. Und ganz bewusst zuh\u00f6ren. Und Rituale sind wichtig: gemeinsame Mahlzeiten oder feste Verabredung zum Spielen, Musizieren, Lesen. Es kommt darauf an, aufeinander so zu achten wie auf sich selbst. Und nicht erst in der Krise.<\/p>\n<p><strong>Samstag 19.09.2020<\/strong><\/p>\n<p>Er hoffte, dass im Himmel kein Mozart gespielt w\u00fcrde. Und bitte auch nicht Johann Sebastian Bach. Bitte keine Musik im Himmel, hat mein Onkel gesagt. Er kannte den Chor von Annette Frier nicht \u2013 den Chor f\u00fcr Menschen mit Demenz. Ich habe im ZDF zugeschaut wie er aufgebaut wurde. Wie gl\u00fccklich die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger waren, als sie in die alten Lieder und Schlager einstimmen konnten und ihnen sogar der Text wieder einfiel.<\/p>\n<p>\u201eUnvergesslich\u201c \u2013 der Chor hatte den richtigen Namen. Es war so sch\u00f6n zu sehen, wie froh auch die Angeh\u00f6rigen waren, wieder etwas gemeinsam zu unternehmen. \u201eSingen macht gute Laune und lindert Schmerzen. Es ist unm\u00f6glich, ein Lied zu schmettern und gleichzeitig in Gr\u00fcbeleien zu versinken\u201c, sagt Annette Frier. Die Schauspielerin hat das bei ihrer Oma beobachten d\u00fcrfen. \u201eLeute, probiert es bitte aus\u201c, sagt sie. Singt! Laut! Es hilft gegen alle Arten von Sorgen.\u201c&nbsp; Das Chor-Projekt wurde von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen begleitet; es ging darum, wie Musik das Ged\u00e4chtnis st\u00e4rkt, wach h\u00e4lt und resilient macht. Und da war im MRT durchaus einiges zu sehen- vor allem bei denen, die immer gesungen hatten.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte das meinen Onkel \u00fcberzeugt \u2013 immerhin war er Arzt. In jedem Fall: ich fand den Chor durchaus himmlisch. Leider musste die letzte Folge der Sendereihe abgesagt werden, das gro\u00dfe Konzert fand wegen Corona nicht statt. Da ging es dem Demenzchor nicht anders als vielen anderen.<\/p>\n<p>Noch immer kann man ja h\u00f6chstens drau\u00dfen, in gro\u00dfen offenen R\u00e4umen und mit Abstand gemeinsam proben. Diese wunderbare Erfahrung, zusammen zu atmen und zu schwingen und am Ende mit den vielen unterschiedlichen Stimmen zu einem Ganzen zu werden \u2013 die fehlt. Im Konzert und auch in einem ganz normalen Gottesdienst. Was ist ein Gottesdienst ohne Gemeindegesang, fragen viele. Dieses Gef\u00fchl, eine Gemeinschaft zu sein und nicht nur Publikum, das ist doch vor allem beim Singen zu sp\u00fcren. Bei einem bekannten Lied, wenn der Gesang den Raum wirklich f\u00fcllt, dann ahnt man, was der Apostel Paulus meinte: Wir viele sind ein Leib. Eine Gemeinschaft, die mehr ist als die Summe der Teile. Ein Orchester, dessen verschiedene Stimmen sich verbinden.<\/p>\n<p>Die Journalistin Elisabeth von Thadden hat letztes Jahr ein Buch \u00fcber die ber\u00fchrungslose Gesellschaft geschrieben. Schon vor Corona hatte sie beobachtet, dass Ber\u00fchrung f\u00fcr viele gar nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich ist. Wer ohne Partner lebt und keine kleinen Kinder hat, wer im Alter allein ist, bekommt die n\u00f6tigen Streicheleinheiten vielleicht nur noch in der Wellnessmassage. Oder bei einem Haustier. Jetzt \u2013 mit social distancing \u2013 geht das noch viel mehr Menschen so. Was helfen kann, damit&nbsp; zurecht zu kommen, ist Musik, sagt Elisabeth von Thadden. Musik ber\u00fchrt mit allen Sinnen.&nbsp; Nicht nur Trommeln, Orgel oder Glocken gehen durch und durch &#8211;&nbsp; auch eine Harfe belebt den ganzen K\u00f6rper. In der Hospizarbeit wurde die Harfe entdeckt \u2013 weil das leise Instrument hilft, in einen ruhigen Atem zu kommen.<\/p>\n<p>Der biblische David soll Harfe gespielt haben, um den verstimmten Saul zu beruhigen. Unter den Kl\u00e4ngen l\u00f6ste sich Sauls Depression und seine Wut verlor sich. \u201eSooft der b\u00f6se Geist \u00fcber Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der b\u00f6se Geist wich von ihm\u201c.<\/p>\n<p>Annette Frier hat Recht: Musik hilft gegen alle Art von Sorgen. Und das haben ja viele versucht in den Wochen des Lockdowns: mit Musik Distanz zu \u00fcberwinden. \u00dcber Kontinente hinweg haben sich Menschen zusammen getan und gesungen \u2013 Chormusik im Internet. Das hat ganz offenbar Spa\u00df gemacht \u2013 und war doch nicht dasselbe. Deswegen warten alle sehnlich darauf, wieder gemeinsam zu singen.<\/p>\n<p>Ich bin da anderer Meinung als mein Onkel. Ich finde, Musik und Gesang sind schon ein Vorschein des Himmels.<\/p>\n<hr>\n<p><strong>Deutschlandfunk DLF, 17.05.2020, 8.35 \u2013 8.50 Uhr<\/strong><\/p>\n<p>Hier noch einmal zu anh\u00f6ren:<\/p>\n<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-432-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/wav\" src=\"https:\/\/basement.de\/downloads\/Florence_Nightingale.wav?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/basement.de\/downloads\/Florence_Nightingale.wav\">https:\/\/basement.de\/downloads\/Florence_Nightingale.wav<\/a><\/audio>\n<hr>\n<p><strong>Deutschlandfunk DLF, 02.09.2019 bis 05.09.2019, 8.35 \u2013 8.50 Uhr<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Gefunden werden<\/strong><\/h2>\n<p>Morgenandacht im DLF am 2.9.19 Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<p>Bruchlandung in der W\u00fcste. Das kleine zweimotorige Flugzeug ist vollst\u00e4ndig ausgebrannt. Pilot und Kopilot sind ums Leben gekommen. Da stehen sie nun, die \u00dcberlebenden, in der Sonora-W\u00fcste, in Anzug und Kost\u00fcm bei 50 Grad ohne jeden Schatten. Ein paar Dinge konnten sie noch retten. Eine Taschenlampe, ein Klappmesser, eine Flugkarte und Sonnenbrillen f\u00fcr alle. Eine Kompass ist da und eine geladene Pistole, ein rot-wei\u00dfer Fallschirm, eine Flasche mit 1000 Salztabletten, 1 Liter Wasser pro Person und ein Taschenspiegel. Und von den Piloten wissen sie, dass etwa 70 km entfernt ein Bergwerk liegen muss.<\/p>\n<p>\u201eSonora\u201c ist ein Spiel, ein gruppendynamisches Training. Das Team soll entscheiden: Was ist das Wichtigste um zu \u00fcberleben? Da r\u00fcckt manches schnell auf einen hinteren Platz \u2013 \u00fcber anderes wird lange diskutiert. Der Taschenspiegel \u2013 vielleicht kann man damit Feuer machen? Oder die Salztabletten \u2013 werden die nicht gebraucht, um den Salzverlust durch Schwitzen zu kompensieren? Aber so oder so \u2013 mit einem Liter Wasser kann man nicht lange \u00fcberleben. So spitzt sich alles auf die Frage zu: Ist es richtig, sich auf den Weg zu diesem Bergwerk zu machen? Oder doch besser die eigenen Kr\u00e4fte schonen, den Fallschirm nutzen, um Signale zu geben&#8230; Am Ende ist klar: Das Wichtigste ist, gefunden zu werden. Und die Chancen stehen nicht schlecht. Wenn sie sich nicht verausgaben, werden die Wasservorr\u00e4te reichen. So werden schlie\u00dflich auch die \u00fcberzeugt, die das Warten schlecht aushalten.<\/p>\n<p>Einfach warten. Und auf die Hilfe anderer setzen. Wie schwer das ist, das hat auch Melanie erlebt. Eine Macherin, eine Leistungssportlerin, die es gewohnt war, \u00fcber die eigenen Grenzen zu gehen. Auch im Berufsleben war alles durchgeplant. Mit 30 kam ihre ganz pers\u00f6nliche Bruchlandung. V\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet sp\u00fcrte sie auf einer Autofahrt eine Ohnmacht kommen und schaffte es gerade noch auf den Seitenstreifen. \u201eRuf die Polizei, lass Dir helfen\u201c, sagte ihr Mann am Handy. Aber dann fuhr sie doch bis zum n\u00e4chsten Gasthof. Blieb die Nacht vor Panik wach und setzte sich dann in den Zug nach Hause. \u201eAls ich endlich da war, habe ich mich hingelegt\u201c, sagt sie. \u201eAb diesem Moment konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich konnte nicht mehr gehen, nicht mehr reden, musste st\u00e4ndig heulen.\u201c Ihre Freundin brachte sie in eine psychosomatische Klinik. Drei Monate blieb sie dort. Heute verdient sie nur noch die H\u00e4lfte, aber sie hat mehr \u00fcbrig als je zuvor. Und sie sp\u00fcrt wieder, wenn sie sich \u00fcberfordert, kann sich freuen an dem, was sie macht. . Das ist das Wichtigste f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>\u201eWas mir vorher Gewinn war, das habe ich um Christi willen f\u00fcr Verlust gehalten\u201c, schreibt der Apostel Paulus. Eine Gewinn- und Verlustrechnung ganz eigener Art. Was vorher wertvoll erschien, hat komplett seinen Wert verloren. Paulus nennt es Dreck. Es geht um einen radikalen Perspektivwechsel. Entscheidend ist nicht, was ich leiste &#8211; sondern dass ich von Christus gefunden werde. Paulus denkt an Damaskus, wo sein Leben auf den Kopf gestellt wurde. Als er vom Pferd fiel, weil er geblendet war von einem Licht am Himmel. Als er die Stimme h\u00f6rte, die Stimme Jesu: \u201eSaul, warum verfolgst Du mich?\u201c Ja, er hatte Christen verfolgt \u2013 mit ungeheurem Eifer. Und dass ausgerechnet ein Christ ihn dann aufnahm in sein Haus, das war eigentlich ein Wunder. Blind und wie im Koma lag Saulus bei Ananias. Drei Tage sah Ananias nach ihm, pflegte ihn und legte ihm schlie\u00dflich die H\u00e4nde auf. So wurde aus Saulus Paulus. \u201eI once was lost, but now I\u2019m found\u201d, hei\u00dft es im Gospel \u201eAmazing Grace\u201c. Das Wichtigste ist, gefunden zu werden.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Beschirmt werden<\/strong><\/h2>\n<p>Morgenandacht am 3.9.19 im DLF Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<p>Eigentlich liebe ich den Regen. Vor allem in diesem Sommer ging es mir so. Nach den vielen Hitzetagen habe ich den Urlaub im Norden so richtig genossen. In der Sommerfrische. Wo Sonne und Regen schnell wechseln, da ist es herrlich, die Tropfen auf der Haut zu sp\u00fcren. Und ich finde es nicht so schlimm, wenn es von oben mal flie\u00dft wie unter der Regendusche. Ich bin ja nicht aus Zucker. Erst wenn auch keine Kapuze mehr nutzt, spanne ich den Regenschirm auf; am liebsten den gro\u00dfen schwarzen von meinem Mann. Der beschirmt mich auch in der Stadt, wenn ich mir nasse Kleidung nicht leisten kann.<\/p>\n<p>Eines meiner sch\u00f6nsten Urlaubsfotos zeigt Regenschirme. Gelb, orange, rot, blau und gr\u00fcn \u2013 in allen Farben des Regenbogens sind sie \u00fcber eine Stra\u00dfe gespannt. Wenn die Sonne scheint, werfen sie Schatten. Und wenn es regnet, trotzen sie dem Wetter. In der kleinen Einkaufsstra\u00dfe in Wales sitzt jeder gern in einem Stra\u00dfenkaffee, schaut nach oben und tr\u00e4umt. Mit dem Foto von den Regenschirmen habe ich einen echten Erfolg erzielt &#8211; auf Facebook wurde es besonders oft geliked und geteilt. Und als Antwort bekam ich Fotos aus aller Welt mit dem gleichen Motiv. Stra\u00dfen mit Schirmd\u00e4chern aus ganz Europa, aus Griechenland, Malta und Kleve, aus Trondheim und Ravenna. Gut beschirmt zu sein \u2013 nicht nur bei Regen. Das w\u00fcnschen sich alle.<\/p>\n<p>\u201eUnter deinen Schirmen bin ich vor den St\u00fcrmen aller Feinde frei\u201c, hei\u00dft es in einem Choral. \u201eLass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei\u201c. In dem Lied \u2013 eins meiner Lieblingslieder &#8211; geht es um ein Gewitter; es kracht und blitzt, dass man sich f\u00fcrchtet wie ein Kind. Wenn ich Angst habe, wenn ich mich unter Druck f\u00fchle, sing ich es gern. Am liebsten laut unter der Dusche: \u201eTobe, Welt, und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.\u201c Die Melodie nehme ich dann mit den Tag \u2013 und sie klingt in mir nach, wenn es schwierig wird. Wenn es blitzt und kracht oder wenn ich eine kalte Dusche bekomme.<\/p>\n<p>Manchmal sp\u00fcre ich dann, dass Gottes Gnade Schutz und Schirm vor allem B\u00f6sen ist. Und ich denke an das Segenswort bei Taufe oder Konfirmation, an die aufgelegten H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Aber ich wei\u00df auch, was es bedeutet, ungewollt im Regen zu stehen. Alleingelassen, w\u00e4hrend andere schnell noch ihre Sch\u00e4fchen ins Trocken bringen. Weil ich meine eigene Meinung habe. Oder nicht mehr mithalten kann. Weil niemand mehr da ist, der die Hand \u00fcber mich h\u00e4lt. Oder einfach, weil ich empfindlicher geworden bin. Es gibt ja Zeiten im Leben, wo ich mir bei jedem L\u00fcftchen etwas einfange. Wenn ich \u00fcberlastet bin oder verletzt. Keiner mag das. Niemand will schwach sein, auf Schutz und Hilfe angewiesen. Es ist aus der Mode gekommen, sich beschirmen zu lassen &#8211; auch als Frau. Wir haben gelernt, uns selbst zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Aber ist das nicht eine Illusion? In der Finanzkrise 2009 wurde ein Rettungsschirm f\u00fcr die Banken entwickelt. Viele h\u00e4tten sich auch einen Rettungsschirm f\u00fcr die Arbeitslosen gew\u00fcnscht. F\u00fcr die jungen Leute in Italien, Spanien, Griechenland, die keine Anstellung fanden. Niemand kann sich alleine sch\u00fctzen. Niemand ist f\u00fcr sich alleine stark. Wir Menschen bleiben auf andere angewiesen. Wer \u00fcberfordert oder verletzt ist, darf nicht im Regen stehen bleiben: Wir alle brauchen Solidarit\u00e4t. Pers\u00f6nlich und auch politisch. Die bunten Schirme erinnern mich daran:<\/p>\n<h2><strong>Getragen werden<\/strong><\/h2>\n<p>Morgenandacht im DLF am 4.9.19 Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<p>Eine Trageschule? Das Start-up meiner Freundin hat mich erst einmal irritiert. Muss man Tragen lernen? Kann das so schwierig sein? Inzwischen wei\u00df ich: die Trageschule l\u00e4uft gut; sie inspiriert viele. Auf der Website sieht man M\u00fctter und V\u00e4ter aus Afrika, Europa und Australien, die ihre Kinder in bunten T\u00fcchern auf dem R\u00fccken tragen oder auch vor der Brust. Und in den Kursen lernt man nicht nur das Binden von Traget\u00fcchern, man erf\u00e4hrt auch viel \u00fcber Bindung. Denn Bindung hat viel mit Ber\u00fchrung und k\u00f6rperlichem Kontakt zu tun. Getragene Babys weinen weniger. Und nichts ist ber\u00fchrender, als Menschen ins Leben zu tragen &#8211; in der Schwangerschaft und dar\u00fcber hinaus. In manchen Kirchen ist es \u00fcblich, die eben getauften Kinder einmal durch die Kirche zu tragen &#8211; damit die ganze Gemeinde sie begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ist es nicht mehr so einfach, sich tragen, heben oder schieben zu lassen. Nicht nur, weil wir an Pfunden zulegen und die anderen ganz sch\u00f6n schleppen m\u00fcssen. Es wird auch schwerer, auf andere angewiesen zu sein. Auch mit den Ber\u00fchrungen ist es nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich. \u201eIch will Euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet\u201c, hei\u00dft es in der Bibel (Jes 46,4). Eine gro\u00dfartige, eine g\u00f6ttliche Zusage, aber ich kann nicht verhehlen, dass mich etwas st\u00f6rt. Alter muss doch nicht mit Schw\u00e4che einhergehen, denke ich. Und grau sind manche schon mit 30. Es klingt ein bisschen, als w\u00fcrden wir alle fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Pflegefall. In unserer Gesellschaft hei\u00dft das: abgeschrieben. Wer nicht auf eigenen Beinen stehen kann, wird schnell abgeh\u00e4ngt. Worte wie Pflegefall oder H\u00e4ngematte sagen alles: Wer Hilfe braucht, wer getragen werden muss, geh\u00f6rt nicht mehr richtig dazu.<\/p>\n<p>\u201eSingt, singt dem Herren neue Lieder\u201c, hei\u00dft es in einem Psalm. Eine neue Sprache ist gefragt, wenn es um Hilfe geht, um Angewiesenheit. Als ich 10 war, habe ich erlebt, wie gut es sein kann, getragen zu werden. Damals hatte ich ein Problem mit meiner H\u00fcfte und starke Schmerzen. Ein ganzes Jahr lang konnte ich nicht zur Schule gehen, musste liegen und getragen werden. Mit dem Stuhl zum Tisch, die Treppe hinauf in mein Zimmer. Das war l\u00e4stig \u2013 und doch gro\u00dfartig, wie meine Eltern das schafften. So toll, wie als Drei-oder Vierj\u00e4hrige beim Vater auf der Schulter zu sitzen. Und die Welt von oben zu betrachten. Wer so getragen wird, muss sich nicht klein f\u00fchlen. Und Eltern, die ihre Kinder so tragen, tun das mit Stolz und Dankbarkeit. Wir leben von diesem Prinzip der starken Schultern. Wenn wir meinen, wir m\u00fcssten alles allein durchstehen: das tr\u00e4gt nicht. Aber Gott tr\u00e4gt. Greift uns unter die Arme, nimmt uns auf seine Schultern und tr\u00e4gt uns durch. Ein Psalm erz\u00e4hlt davon, wie der gro\u00dfe Gott die Kleinen tr\u00e4gt. Die Menschen, die er liebt &#8211; sein ganzes Volk. Eigentlich unvorstellbar. Aber meine Kindererfahrung ruft warme Erinnerungen wach:<\/p>\n<p><strong>Musikakzent: \u201eDer Herr gedenkt an sein Erbarmen und seine Wahrheit stehet fest. Gott tr\u00e4gt sein Volk auf seinen Armen und hilft, wenn alles uns verl\u00e4sst\u201c <\/strong>(Psalm 98, EG 286, 2)<\/p>\n<p>Vielleicht ist deshalb die Geschichte von den Spuren im Sand so beliebt. Am Strand, beim Nachdenken \u00fcber den eigenen Weg, kommt jemand ins Gespr\u00e4ch mit Gott. \u201eZwei Spuren sehe ich da auf dem Weg\u201c, sagt er. \u201eIch wei\u00df, Du warst immer an meiner Seite. Aber gerade da, wo es mir besonders schlecht ging, da sehe ich nur eine Spur. Da f\u00fchlte ich mich so verlassen.\u201c Die Antwort ist verbl\u00fcffend und Anlass zum Weiterdenken: \u201eDa habe ich Dich getragen.\u201c<\/p>\n<p>Gott dem\u00fctigt uns nicht, wenn wir Hilfe brauchen, er macht uns nicht klein und abh\u00e4ngig. Gott l\u00e4sst uns unseren eigenen Weg finden, auch wenn das nicht immer einfach ist. Dass wir so auch f\u00fcreinander da sein k\u00f6nnten, dass wir einander so tragen, das w\u00fcnsche ich mir.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Erinnert werden<\/strong><\/h2>\n<p>Morgenandacht im DLF am 5.9.19 Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<p>Von Mary Jones hatte ich nie geh\u00f6rt. Vor drei Wochen entdeckte ich sie in Bala, einer kleinen Stadt in Wales. Zuerst sah ich nur ihren Namen an einer Hauswand. Da hing eine Plakette, die an sie erinnerte. An Mary Jones und an Thomas Charles, den Gr\u00fcnder der Bibelgesellschaft. Darunter ein Datum: 1804. Im Reisef\u00fchrer fand ich dann mehr: 1804 lief Mary Jones, gerade 20 geworden, aus ihrem Heimatdorf zu Fu\u00df nach Bala. Um eine Bibel zu kaufen! 42 km barfu\u00df \u00fcber Land, wie es damals \u00fcblich war. Sie hatte lange gespart und w\u00fcnschte sich nichts sehnlicher als eine Bibel in walisischer Sprache. Das beeindruckte Thomas Charles, damals Pfarrer in Bala, so sehr, dass er eine Bibelgesellschaft gr\u00fcndete \u2013 damit jeder, der sich das w\u00fcnschte, eine eigene Bibel bekam. In Zukunft werde ich an Mary Jones denken, wenn ich im Hotel eine Bibel finde \u2013 im Nachttisch oder im Kleiderschrank. Denn auch die Idee, Bibeln in Hotels verteilen, geht auf diese Anf\u00e4nge zur\u00fcck. Auf die Sehnsucht und die Ausdauer von Mary Jones.<\/p>\n<p>Solche Entdeckungen liebe ich. Eine Plakette in einer fremden Stadt, ein Gedenktag, das \u201eKalenderblatt\u201c hier im Deutschlandfunk \u2013 das alles erinnert an v\u00f6llig unbekannte oder l\u00e4ngst vergessene Pers\u00f6nlichkeiten. Manche haben Gro\u00dfes geleistet und sind dann doch in der Versenkung verschwunden. Manche bringen nichts als ihre Sehnsucht, so wie Mary Jones. Ich finde es gro\u00dfartig, dass Bala sich nicht nur an den Theologen Thomas Charles erinnert, sondern auch an diese junge Frau, die alles in Gang setzte. Ohne die Gedenktafel h\u00e4tte ich nichts von ihr gewusst.<\/p>\n<p>Das Ged\u00e4chtnis h\u00e4ngt von so vielen Zuf\u00e4llen ab. Und Erinnerung vergeht \u2013 sie ist endlich und br\u00fcchig wie unser Leben. Manchmal finde ich das schwer zu ertragen. Wir versuchen dagegen anzuk\u00e4mpfen, lehnen uns auf gegen die Zeit und den Tod &#8211; mit Gedenksteinen auf dem Friedhof, mit Denkm\u00e4lern und Plaketten, Reisef\u00fchrern und Geschichtsb\u00fcchern. Im \u201eKalenderblatt\u201c wurde k\u00fcrzlich an Victor Ullmann erinnert, einen Komponisten, der in Ausschwitz ermordet wurde. Wie so viele j\u00fcdische Deutsche war er lange vergessen. An wen man sich erinnert und wer in Vergessenheit ger\u00e4t, das hat immer auch mit den Lebenden zu tun. Mit denen, die Macht haben \u00fcber die Geschichtsschreibung \u2013 im Gro\u00dfen wie im Kleinen.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter ich werde, desto mehr \u00fcberlege ich, was ich von meinen Erfahrungen weitergeben m\u00f6chte. Was hat mich gepr\u00e4gt? Was ist mir wichtig? Was soll einmal auf meinem Grabstein stehen? Vielleicht wei\u00df ich das irgendwann selbst nicht mehr \u2013 das Vergessen beginnt ja oft schon zu Lebzeiten. Da ist es gut, etwas aufzuschreiben oder anderen zu erz\u00e4hlen \u2013 Kindern und Enkeln, aber auch Freunden und Fremden. Solange die Erinnerung lebt, sind wir nicht ganz tot. \u201eWas noch erz\u00e4hlt werden muss\u201c, hei\u00dft das j\u00fcngste Buch von Hans Bartosch. Er ist Krankenhausseelsorger, und die Menschen, die er zu Wort kommen l\u00e4sst: sie haben es gesch\u00e4tzt, dass einer ihre Geschichte h\u00f6ren wollte, dass er sie aufschrieb.<\/p>\n<p>Als w\u00e4re unser Leben aufgezeichnet in Gottes Buch. Die Bibel gibt mir die Hoffnung, dass in Gottes Geschichte niemand vergessen ist \u2013 gerade die Kleinen nicht, die Unbekannten, Illegalen und Anonymen. Und dass nichts vergessen ist, auch die Grausamkeiten nicht und die Leiden.<\/p>\n<p>\u201eEr will stets seines Bunds gedenken\u201c, hei\u00dft es in einem Psalm. Weil Gott sich an uns gebunden hat, vergisst er uns nicht. Darin bleibt er sich selber treu.<\/p>\n<p>Gott erinnert sich \u2013 nicht wie eine Datenkrake, nicht wie ein Superhirn. Sondern wie junge Leute sich die Namen der Geliebten aufs Handgelenk t\u00e4towieren lassen, so erinnert sich Gott an uns. Wie Nachkommen vom Leben der Vorfahren erz\u00e4hlen. Noch wenn wir uns selbst vergessen, bleiben wir lebendig in ihm.<\/p>\n<hr>\n<p><strong>SR2 Kulturradio \u201eLebenszeichen\u201c, <\/strong><strong>31.08.2019<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Pfrin. Cornelia Coenen-Marx<\/strong><\/h2>\n<p>Was w\u00e4rst Du lieber: arm mit vielen Freunden oder reich und allein? Das hat k\u00fcrzlich ein Elfj\u00e4hriger seinen Stiefvater gefragt. \u201eKeine Frage\u201c, sagte der \u2013 Freunde sind das Wichtigste; denn Einsamkeit ist schlimmer als Armut. Aber f\u00fcr den Elfj\u00e4hrigen war das durchaus eine Frage. Und der Journalist, der die Geschichte mit seinem Stiefsohn im britischen Observer erz\u00e4hlt hat, war merklich irritiert. Sein Stiefsohn wollte n\u00e4mlich lieber reich sein. Freunde, meinte der, w\u00e4ren doch leicht zu finden: Auf youtube, facebook und Co.<br \/>Der Elfj\u00e4hrige geh\u00f6rt zur Generation der Digital Natives \u2013immer im Netz unterwegs, auch wenn er sich mit seinen Freunden trifft. Dann wird gespielt oder gechattet. Jeder f\u00fcr sich auf seinem Smartphone.<\/p>\n<p>Der Artikel im Observer ging der Frage nach, ob unsere Mediengesellschaft uns grundlegend ver\u00e4ndert. Klar, wir werden mit Informationen \u00fcbersch\u00fcttet, wir sind dauernd vernetzt \u2013 aber es scheint sich noch mehr zu ver\u00e4ndern: unser Zeitgef\u00fchl, unsere Beziehungen, der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Einerseits ist es jederzeit m\u00f6glich, sich mit anderen auszutauschen. Zugleich aber nimmt die Einsamkeit zu. Jeder zehnte Deutsche gibt an, dass er sich einsam f\u00fchlt. Und es sind nicht nur die \u00fcber 60-j\u00e4hrigen, sondern besonders viele junge Leute zwischen 20 und 30, die sich einsam f\u00fchlen. Einsamkeit wird zur neuen Volkskrankheit.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien wurde Anfang letzten Jahres ein Ministerium gegen Einsamkeit geschaffen. 75 Prozent der Landbev\u00f6lkerung sind dort \u00e4lter als 65 \u2013 sie leben in Gegenden, wo Post und Pub geschlossen sind und immer weniger Busse fahren. Herz-Kreislauf-Probleme oder Depressionen verschlechtern sich, wenn Menschen ihre Wohnung kaum noch verlassen. Deshalb gibt es in Gro\u00dfbritannien inzwischen sogar die M\u00f6glichkeit, soziale Angebote auf Rezept zu verschreiben. Ein Konzert, eine Wanderung mit anderen zusammen oder nat\u00fcrlich auch eine Selbsthilfegruppe. Menschen brauchen Menschen, um zu gesunden. Wissenschaftler haben berechnet, dass auf diese Weise 20 Prozent Gesundheitskosten eingespart werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch bei uns gibt es mehr und mehr Initiativen, um Gemeinschaft zu erm\u00f6glichen und Netzwerke zu st\u00e4rken. In Hamburg wurde KulturistenHoch2 gegr\u00fcndet \u2013 eine Art Dating Portal f\u00fcr Konzert-und Museumsbesuche, auf dem junge und alte Menschen zusammenfinden, um gemeinsam Kultur zu genie\u00dfen. Das genie\u00dfen beide Seiten- die einen, weil sich ihnen neue Welten erschlie\u00dfen, die anderen, weil sie oft nach Jahren wieder unter Menschen kommen.<\/p>\n<p>Jesus wusste, dass die N\u00e4he eines Menschen gesund machen kann. Er war ein K\u00fcnstler darin, Menschen zusammen zu bringen. Und ganz verschiedene Menschen zu Freunden zu machen. Ich sehe ihn an einem Tisch mit Zollbeamten und Prostituierten. Mit Kindern auf dem Schoss und einem Kranken im Arm. Er hatte keine Angst vor Ber\u00fchrung \u2013 bei Leprakranken nicht, nicht bei der Frau mit jahrelangen Blutungen, auch nicht bei Menschen mit Behinderung. Die meisten von ihnen waren aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Als ich den Artikel im \u201eObserver\u201c gelesen habe, ist mir Zach\u00e4us eingefallen, der Zolleinnehmer. Das war ja so einer, der viel Geld hatte, aber keine Freunde. Z\u00f6llner waren im alten Israel nicht beliebt, weil sie mit den R\u00f6mern zusammenarbeiteten. Sie galten als korrupt \u2013 gerade wegen ihres Reichtums. Eigentlich wollte niemand etwas mit Zach\u00e4us zu tun haben. Nur Jesus hat die Einsamkeit dieses Mannes in seinen feinen Kleidern gesp\u00fcrt \u2013 und seine Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Als Jesus in die Stadt gekommen ist, sa\u00df Zach\u00e4us oben auf einem Baum, um ihn zu sehen. So ist er Jesus ins Auge gefallen und der hat sich kurzerhand zu ihm ein. Sich und seine Freunde. Was konnte es Besseres geben?<\/p>\n<hr>\n<p><strong>Deutschlandfunk DLF, Sonntag, 09.06.2019, 8.35 \u2013 8.50 Uhr<\/strong><\/p>\n<h2 class=\"p1\"><b>\u201eGeburtstag der Kirche \u2013 nicht hinter Mauern im Tempel!\u201c<\/b><\/h2>\n<p><strong>\u201eZu Tisch, Deutschland!\u201c steht auf dem Plakat. \u201eEin Toast auf die offene Gesellschaft!\u201c <\/strong>Es ist eine Einladung f\u00fcr n\u00e4chsten Samstag, den 15. Juni. Weiter hei\u00dft es: Tische und St\u00fchle raus und sch\u00f6n eindecken! Freundinnen, Freunde, Nachbarn und Fremde einladen, essen, debattieren und gemeinsam die Demokratie feiern &#8211; an hunderten Tafeln gleichzeitig, bis sp\u00e4t in die Nacht.<\/p>\n<p>Dahinter steht die Initiative \u201eDie Offene Gesellschaft\u201c mit Harald Welzer und der Diakonie Deutschland, in den letzten Jahren hat sie weit \u00fcber 1.000 Veranstaltungen im ganzen Land organisiert. Die Initiative versteht sich als Teil einer verantwortungsbereiten Zivilgesellschaft. Und der \u201eTag der offenen Gesellschaft\u201c soll eine gute neue Tradition werden. Die Anmeldung ist freigeschaltet; jeder kann mitmachen. Egal ob als Privatperson, Firma, Verein oder Kirchengemeinde.<\/p>\n<p><strong>Tischgemeinschaften haben Konjunktur. Zum Beispiel<\/strong> die Kaffeetafel neulich beim Bundespr\u00e4sidenten. Dabei muss es gar nicht immer so gro\u00df sein. In vielen Kirchengemeinden treffen sich \u00c4ltere einmal die Woche; da wird gemeinsam eingekauft, reihum gekocht, Rezepte werden ausgetauscht und Geschichten erz\u00e4hlt. Und wenn jemand fehlt, fragt bestimmt eine andere nach. Anderswo \u00f6ffnet die Cafeteria im Altenzentrum f\u00fcr die Kinder der nahegelegenen Tageseinrichtung. In Neuk\u00f6lln kochen Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr Obdachlose. In den interkulturellen G\u00e4rten bei uns in Garbsen werden Gerichte aus fremden Heimaten serviert. Und in der Schweiz geh\u00f6ren 450 Gruppen zum Tavolata-Netzwerk. \u201eIch wei\u00df nicht, was sch\u00f6ner ist\u201c, sagt Erna Pl\u00fcss vom Netzwerk, \u201egemeinsam zu planen, zu kochen, einzukaufen und G\u00e4ste zu bewirten oder sich als Gast an einen einladenden Tisch zu setzen und das Essen zu genie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Tischgemeinschaft, das ist Geben und Nehmen, Austausch und Zugeh\u00f6rigkeit. Nur selbstverst\u00e4ndlich, das ist sie nicht, oder nicht mehr. Zum Beispiel hat die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern in den letzten Jahren st\u00e4ndig zugenommen. Nur noch ein Viertel gibt an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen. Im Vergleich der letzten Jahre erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe. Die famili\u00e4ren Netze d\u00fcnnen aus; das Leben ver\u00e4ndert sich rasant. Und auch die Nachbarschaften ver\u00e4ndern sich \u2013 angestammte Mieter m\u00fcssen ausziehen, andere ziehen in die dann schick sanierten Viertel. Ladenzeilen verschwinden und auf den Stra\u00dfen h\u00f6rt man andere Sprachen. Da ist gute Nachbarschaft Gold wert.<\/p>\n<p><strong>Vor drei Wochen war der Europ\u00e4ische Tag der Nachbar<\/strong>n. Da stellten bei uns in der N\u00e4he 20 Leute ein Stra\u00dfenfest auf die Beine &#8211; um das gute Zusammenleben zu feiern. 20 Leute zwischen 1 und 98. Eine Gro\u00dffamilie, zwei alleinstehende Rentnerinnen, zwei \u00e4ltere Paare und ein Witwer, einige mit russischem Akzent und einige aus Jordanien &#8211; und dann das Ehepaar Class. Als G\u00fcnter nach einer Herz-OP Hilfe brauchte, da waren sie da. Ganz ungefragt. F\u00fcr Fahrten zum Arzt oder auch um Getr\u00e4nkekisten aus dem Supermarkt mitzubringen. Das galt es jetzt zu feiern. Die M\u00e4nner bauten Zelt und Biertische auf, eine Nachbarin machte Zaziki, eine andere Nudelsalat. Solche Feste entstehen neuerdings auch \u00fcber das Internet. Man kann sich anmelden bei <a href=\"http:\/\/www.nebenan.de\">www.nebenan.de<\/a> und die eigenen Ideen einbringen. Oder auch nachfragen, wer zuf\u00e4llig zum Supermarkt f\u00e4hrt oder einen Bohrer verleihen kann.<\/p>\n<p><strong>Die Unterst\u00fctzung in der Nachbarschaft<\/strong> wurde im letzten Freiwilligensurvey der Bundesregierung abgefragt. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. Und noch etwas wurde klar. Die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Es tut gut, zu wissen, dass man nicht allein ist.<\/p>\n<p>Das ist auch der Grund, weshalb das gemeinsame Wohnen wieder so viel Bedeutung bekommt &#8211; in Genossenschaften, Seniorenwohngemeinschaften und Mehrgenerationenh\u00e4usern, aber auch in Stadtteilzentren entwickelt sich eine neue Gestalt des Sozialen: die Caring Communities. Manchmal ganz klein und fast privat: Wenn junge Studierende mietfrei bei \u00c4lteren wohnen und im Gegenzug einkaufen oder den Garten pflegen. Und manchmal in organisierten Nachbarschaftsnetzen von Sozialstationen, Kommunen und Gemeinden: Mit Telefonketten, Begleitung bei Arztbesuchen und Eink\u00e4ufen oder in der Demenzbegleitung.<\/p>\n<p>Es gibt unglaublich viele spannende Projekte. Die Leihomas und Lesepaten. Die Pflegebegleiter, die in Abstimmung mit einer Sozialstation f\u00fcr nachbarschaftliche Dienste sorgen, die Stadtteilm\u00fctter und Ausbildungsmentoren. Oder die Jobpaten, die schwer vermittelbare Jugendliche durch ein Praktikum bis in ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis begleiten. Das Herz der neuen, gemeinwohlorientierten Bewegung, schl\u00e4gt bei den \u201ejungen Alten\u201c. Sie verf\u00fcgen st\u00e4rker als J\u00fcngere \u00fcber ihre eigene Zeit, sie bringen vielf\u00e4ltige Kompetenzen aus Beruf und Familie ein und sie sind meist Kennerinnen und Kenner ihres Lebensumfelds am Wohnort.<\/p>\n<p><strong>\u201eMut zu mehr WIR<\/strong>\u201c steht auf dem Flyer. Drei Kirchengemeinden in Hannover laden zu einem Werkstattgespr\u00e4ch ein. \u201eWelches Miteinander w\u00fcnschen wir uns f\u00fcr das Zusammenleben in unserem Stadtteil?\u201c fragten sie. \u201eWelche Werte und Grundlagen sind uns dabei wichtig? \u00dcber welche Fragen m\u00fcssen wir uns neu verst\u00e4ndigen?\u201c Grundlage f\u00fcr diesen Austausch sind die unterschiedlichen Erfahrungen der Gemeinden in der Fl\u00fcchtlings- und Gemeinwesenarbeit. Es geht also auch um die Frage, welchen Beitrag Kirche und Religionsgemeinschaften in einem multireligi\u00f6sen und kulturell vielf\u00e4ltigen Stadtteil leisten k\u00f6nnen, um das \u201eWIR\u201c zu st\u00e4rken. Die drei Gemeinden setzen sich seit 2015 f\u00fcr die Integration der Gefl\u00fcchteten ein. Sie vermittelten zuerst Praktika, inzwischen auch Ausbildungs- und Arbeitspl\u00e4tze und haben sogar den Integrationspreis der Stadt Hannover bekommen<strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eWenn Kirchengemeinden das WIR auch wirklich als WIR sehen \u2013 <\/strong>wenn sie ihr Dorf oder ihren Stadtteil meinen &#8211; dann ist ein erster Schritt getan\u201c sagt Peter Mei\u00dfner von der Initiative Gemeinwesendiakonie. \u201eWenn Gemeinden andere Akteure einladen und mit ihnen in den Austausch gehen, wenn sie fragen, was braucht dieser Ort und wie sind unsere Wahrnehmungen, dann kommt etwas in Bewegung. Wenn Kirchengemeinden sich auf die Haltung \u201eNicht f\u00fcr sondern mit den Menschen\u201c einlassen, dann zeigen sie, dass sie wirklich an den Lebenslagen vor Ort interessiert sind\u201c.<\/p>\n<p><strong>So wie in Filsum in Ostfriesland<\/strong>. Da betreibt die Gemeinde seit kurzem eine Fahrradpumpstation mit einem Fahrradflickzeugautomaten. Hintergrund ist die Tatsache, dass es in Filsum \u00fcberhaupt keine Orte der Begegnung mehr gibt. Aber Filsum liegt an der Fehnroute, eine gro\u00dfe Zahl von Fahrradtouristen f\u00e4hrt durch den Ort. Die Pumpstation, verbunden mit einer Kl\u00f6nsnackbank, ist ein erster Anlaufpunkt f\u00fcr Einheimische und Touristen, um ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n<p><strong> \u201eNicht f\u00fcr, sondern mit den Menschen<\/strong>\u201c \u2013 das ist eine gro\u00dfe Herausforderung. Das bedeutet, Menschen zu befragen und sie zu beteiligen. Und das hat auch Auswirkungen auf das Verst\u00e4ndnis und das Leitbild einer Kirchengemeinde. Manche f\u00fcrchten, dass sich das Profil der Gemeinde verw\u00e4ssert, dass nicht mehr erkennbar ist, f\u00fcr was die Gemeinde eigentlich steht. Zugleich sind immer mehr Menschen auf der Suche nach Spiritualit\u00e4t \u2013 \u201eaber vielleicht ist unsere Spiritualit\u00e4t nicht mehr die der Menschen?\u201c, fragt Peter Mei\u00dfner.<\/p>\n<p><strong>Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche, hei\u00dft es<\/strong>. Ich sehe eine kleine Backsteinkirche vor mir \u2013 vom Kirchturm h\u00e4ngt ein gro\u00dfes Herz und durch die offenen T\u00fcren wird ein Blumenstrau\u00df gereicht. Aber das ist nur ein Logo f\u00fcr den Gemeindebrief. So niedlich fing es gar nicht an. Ganz im Gegenteil: Alles begann mit einem Brausen vom Himmel, mit einem Sturm, der die Freunde Jesu aus dem Haus trieb, in das sie sich nach Jesu Tod aus Angst verkrochen hatten. Es trieb sie raus auf die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze der Stadt, wo sie mit wildfremden Menschen ins Gespr\u00e4ch kamen. \u00dcber Jesus, \u00fcber ihre \u00c4ngste und ihre Hoffnung und \u00fcber das neue Jerusalem. Die Bibel z\u00e4hlt die Volksgruppen auf, die damals in der Stadt waren. Fremde Namen sind das, an denen man sich leicht verschluckt: Parther und Meder und Elamiter, Menschen aus Mesopotamien, Jud\u00e4a und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien, \u00c4gypten und der Gegend von Kyrene\u2026 &#8211; und viele mehr.<\/p>\n<p>Und dann beschreibt die Bibel, wie viele sich begeistern lie\u00dfen und Feuer fingen und wie die Kirche wuchs, weil sie alles teilten, f\u00fcreinander sorgten. Und weil sie regelm\u00e4\u00dfig zusammen a\u00dfen. Die erste christliche Gemeinde war eine Caring Community. Streit gab es auch damals, dar\u00fcber, wof\u00fcr die Gemeinde wirklich stand&#8230; Doch der Geburtstag der Kirche fand auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen und in den H\u00e4usern Jerusalems statt &#8211; nicht hinter Mauern im Tempel. Sie sa\u00dfen alle an einem Tisch &#8211; M\u00e4nner und Frauen, Juden und Griechen \u2013 auch die Witwen und Waisen. Eine bunte Schar, wie eine gro\u00dfe Familie.<\/p>\n<p><strong>\u201eWenn wir wollen, dass Kirche in Gang kommt, dann m\u00fcssen wir selbst gehen\u201c, <\/strong>hei\u00dft es beim Kirchenentwicklungsprojekt \u201eKirche geht\u201c in der Schweiz. Rausgehen. Neues entdecken, den Blick \u00f6ffnen f\u00fcr die Menschen und ihre Wohnr\u00e4ume vor Ort. Und das am besten gemeinsam. Im Austausch \u00fcber das, was wir wahrnehmen. Pfarrer Martin Piller aus St. Maria Lourdes in Z\u00fcrich nimmt seine Besucher mit \u2013 zu einem Erkundungsgang durch das Viertel. Ganz unterschiedliche Wohngebiete. Einzelne H\u00e4user mit G\u00e4rtchen. Reihenh\u00e4user. Wohnblocks verschiedenster Art \u2013 hoch modern oder schon etwas in die Jahre gekommen. Wie k\u00f6nnte eine Form von Kirche passen, f\u00fcr all die unterschiedlichen Menschen, die dort leben?<\/p>\n<p>Immer wieder machen sich Menschen aus der Pfarrei auf den Weg, treffen andere im Viertel und schauen gemeinsam, wie Gemeinschaft entstehen kann, was sie gemeinsam f\u00fcr ein gutes Leben vor Ort tun k\u00f6nnen. \u201eEs geht nicht um volle Kirchenb\u00e4nke. Es geht um das volle Leben. Und das findet sich eben auch vor der Kirchent\u00fcr\u201c, sagen sie. Zusammenarbeit ist gefragt. F\u00fcr Asylsuchende im Quartier. F\u00fcr Menschen, die Gemeinschaft suchen. F\u00fcr Leute, die etwas bewegen wollen, die Unterst\u00fctzung brauchen, vielleicht auch nur einen Ansto\u00df, sich in ihrem Lebensumfeld heimisch zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p><strong>In Z\u00fcrich f\u00e4ngt man klein an<\/strong>. Dort entstehen kleine christliche Gemeinschaften, 12- 20 Leute pro Nachbarschaft, von 1 \u2013 98. Sie treffen sich wie die Tavolata-Kreise in den H\u00e4usern, manchmal in den G\u00e4rten \u2013 zum Bibelteilen und zum Austausch \u00fcber ihren Alltag und ihre Sorgen. Kleine \u201aSorgende Gemeinschaften\u2018, die sich jedes Mal fragen: Wie wird dieser Bibeltext mein Handeln in den n\u00e4chsten Wochen bestimmen? Welche ganz praktische Anregung nehme ich f\u00fcr mich mit? Aus diesem Austausch erw\u00e4chst manchmal sehr viel \u2013 die kleinen Alltagsdienste oder sogar eine Sterbebegleitung. So ist es bei Tavolata auch. Aus den Tischgemeinschaften entsteht ganz oft mehr: gemeinsame Wanderungen, Spielenachmittage, sogar Reisen.<\/p>\n<p><strong>Das neue Jerusalem, die neue Stadt, von der die Bibel schreibt, ist ein Versprechen. E<\/strong>ine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das Leben in der himmlischen Welt. Barmherzigkeit leben, der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen &#8211; und so daf\u00fcr sorgen, dass unsere irdischen St\u00e4dte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. Auch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten &#8211; lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit.\u00b9<\/p>\n<h5><strong>(1) <\/strong>Anthony Pilla, katholischer Bischof von Cleveland, 1993.<strong>&nbsp;<\/strong><\/h5>\n<hr>\n<p><strong>Deutschlandfunk DLF, 2. Advent, 9.12.2018, 8.35 \u2013 8.50 Uhr<br \/>Link zur Sendung&nbsp;<a href=\"https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/node\/9875\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/rundfunk.evangelisch.de\/node\/9875\/<\/a><\/strong><\/p>\n<h2 class=\"p1\"><b>Wohlfahrt, Wohlstand, Wohlgefallen.<\/b><\/h2>\n<p class=\"p1\"><b>Weihnachtsw\u00fcnsche ernst genommen<\/b><b><\/b><\/p>\n<p>Ein alter Mann \u2013 im Weihnachtszimmer \u2013 gedeckter Tisch und Tannenbaum, alles festlich geschm\u00fcckt. Er steht am Fenster, allein, und wartet auf seine Kinder. Aus ihnen ist etwas geworden &#8211; einer ist Klinikarzt, die Tochter verdient gut und hat eine eigene Familie. Der andere Sohn ist weltweit unterwegs, im Management. Alle in der Rushhour des Lebens &#8211; da wird die Zeit knapp. Eine Karte, eine Nachricht auf den Anrufbeantworter \u2013 sie denken an den Vater, aber er bleibt allein. Alle Jahre wieder. Aber diesmal ist alles anders, da kommen sie tats\u00e4chlich nach Hause, die drei. Der alte Mann hat zu einem Trick gegriffen und seinen Kindern die eigene Todesanzeige geschickt. Und da kommen sie. Mit dem Auto, dem Flieger \u2013 aus aller Welt. Die Familie versammelt sich um den Tisch, sie essen, erz\u00e4hlen und lachen zusammen.<\/p>\n<p>Mit einem Schlag ist klar, worauf es wirklich ankommt. Der kurze Clip war die Weihnachtswerbung, von Edeka, vor drei Jahren. Klar, die Speisen und Getr\u00e4nke gibt es im Supermarkt um die Ecke \u2013 aber erst die Tischgemeinschaft macht den Weihnachtstisch so sch\u00f6n. Das wei\u00df auch Edeka; beim aktuellen Spot geht es dann auch wieder um die Gans, die gef\u00fcllte. Ich sehe den vollen Einkaufswagen, \u00fcberlege, was ich selbst noch besorgen muss &#8211; und schon steht mir vor Augen, was sonst noch alles geplant, verabredet, gemanagt werden muss in den n\u00e4chsten zwei Wochen. Die Feiern in Familie, Gemeinde und Betrieb, die letzten Gr\u00fc\u00dfe und Geschenke. Viele haben schon im November mit den Eink\u00e4ufen angefangen, weil die To-do-Listen immer l\u00e4nger werden. Da kamen die Rabatte am Black Friday sehr gelegen. Die Einkaufszentren waren schwarz vor Menschen. Ob das hilft, entspannter auf Weihnachten zuzugehen?<\/p>\n<p>\u201cMehr Raum f\u00fcr mich\u201c, benennt eine Frauenzeitschrift das Problem<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und schl\u00e4gt Yoga zur Entspannung vor. Das mag der Einzelnen helfen. Aber viele haben das Gef\u00fchl, selbst gar nicht mehr vorzukommen vor lauter Angst, nicht alles zu schaffen. Und bald jeder zweite schafft\u2019s nur noch, weil er die Weihnachtseink\u00e4ufe im Internet abarbeitet. Susanne Ackstaller macht\u2019s anders. Sie will lieber \u201eFeste feiern statt feste einkaufen\u201c. Sie ist angewidert vom Kaufrausch und schreibt auf ihrem Blog<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>:<\/p>\n<p>\u201eEhrlich gesagt, war ich noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten. Kaufenkaufenkaufen als ginge es um unser Leben \u2013 und nur der \u00fcberlebt, der m\u00f6glichst viele Rabatte einl\u00f6st. Absto\u00dfend ist das. Ich habe auf jeden Fall beschlossen, diesen Advent lieber mit lieben Freunden zu verbringen, mit leckerem Essen und guten Gespr\u00e4chen. Collect moments. Not things.\u201c<\/p>\n<p>Momente sammeln, nicht Sachen. L\u00e4ngst haben sich sogar Adventskalender in Probep\u00e4ckchen verwandelt &#8211; f\u00fcr Kosmetikartikel oder Tee. Vorfreude als Konsumanreiz. Und wenn dann endlich alles geschafft und die Deadline erreicht ist &#8211; Heiligabend unterm Tannenbaum &#8211; hat so mancher einen Kater. Aus Anspannung wird \u00dcberdruss.<\/p>\n<p>Als meine Schwester in den USA lebte, hatte sie oft Sehnsucht nach dem deutschen Advent. Lebkuchen und Stollen kann man ja schicken, \u201eMacht hoch die T\u00fcr\u201c und Bachs \u201eWeihnachtsoratorium\u201c gibt es auf CD, aber die in unseren St\u00e4dten gibt\u2019s nicht im Netz. Einmal, als das Heimweh besonders stark war, hat sie sich freitags abends in den Flieger gesetzt und ist nach N\u00fcrnberg geflogen. Christkindlesmarkt mit Posaunen, Tannengr\u00fcn und Lichterschmuck und der Duft von gebrannten Mandeln \u2013 Weihnachten verzaubert alle Sinne und verwandelt die ganze Stadt.<\/p>\n<p>Die alten Feste lassen keinen au\u00dfen vor. Das habe ich vor Jahren so erlebt \u2013 in Kairo, im Ramadan. Abends, wenn Familien, Freunde und G\u00e4ste sich zum Iftaressen treffen, leuchten bunte Glaslaternen \u00fcber allen Hauseing\u00e4ngen \u2013 und sie laden jeden ein. Auch die M\u00fcllsammler an den Stra\u00dfenecken. Mich hat das so begeistert, dass ich eine Ramadanlampe mitgebracht habe \u2013 im Handgep\u00e4ck. Jetzt im Advent leuchtet sie blau, rot und golden in unserem Flur. Was f\u00fcr wunderbare Rituale die gro\u00dfen Religionen haben!<\/p>\n<p>Das wei\u00df l\u00e4ngst auch die Wirtschaft.<\/p>\n<p>Der Sozialphilosoph Christoph Deutschmann spricht vom Kapitalismus als Religion. <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>Die allermeisten kaufen mehr, als n\u00f6tig &#8211; als k\u00f6nnten wir uns mit Dingen den eigenen Wert best\u00e4tigen. Im Konsumieren und Produzieren suchen viele nach Sinn. Wirtschaftswachstum wird zum Wert an sich. Und die Globalisierung hat die M\u00e4rkte entgrenzt: Die Produktionsketten von Autos oder Kleidung sind weltweit verbunden. Und Internetfirmen wie Amazon haben daf\u00fcr gesorgt, dass es jetzt auch bei uns Black-Friday- Rabatte gibt. Die Entgrenzung der M\u00e4rkte ver\u00e4ndert auch unsere Zeitrhythmen, unseren Arbeitsalltag, unser Leben. Wer es sich leisten kann, kann Dienstleister beauftragen, das Fest vorzubereiten und Geschenke zu organisieren \u2013 auch f\u00fcr die eigene Familie. Es gibt kaum noch etwas, was man f\u00fcr Geld nicht kaufen kann<\/p>\n<p>In der globalisierten Welt ist alles m\u00f6glich, zu jeder Zeit und \u00fcberall. Black Friday in Deutschland. Ein Weihnachtsbasar in Kairo. Und Lebkuchen im Oktober. Alles l\u00e4sst sich ordern, mindestens im Netz. <em>\u201e<\/em>Was man f\u00fcr Geld <em>nicht<\/em> kaufen kann\u201c, dar\u00fcber schreibt der Harvard-Philosoph Michael Sandel<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Er fragt in seinem Buch nach den moralischen Grenzen des Marktes: Darf ein Unternehmen Brunnen absch\u00f6pfen und das Wasser eines ganzen Dorfes privatisieren? Darf man eine Leihmutter bezahlen, um den eigenen Kinderwunsch zu erf\u00fcllen? D\u00fcrfen wir die Luft so verschmutzen, dass Kinder und Alte daran krank werden?<\/p>\n<p>Dass Wohlfahrt mehr ist als Wohlstand, ist den meisten klar. Wir zerst\u00f6ren, was uns lieb ist, wenn wir alles dem Markt \u00fcberlassen. Der Kaufrausch tr\u00fcbt den Blick auf den andern. Und Geschenke stiften noch keine Gemeinschaft \u2013 wohl aber ein gedeckter Tisch und Zeit f\u00fcreinander.<\/p>\n<p>Johann Volkmann<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> hat so einen Tisch um die Welt geschickt. Er steht auf den Pl\u00e4tzen von Akko, von Bochum, Galway und Barcelona. Es ist immer ein anderer, aber er sieht immer gleich aus. Darauf Teller mit wei\u00dfem Packpapier. Passanten sind eingeladen, darauf zu schreiben. Die Frage lautet \u00fcberall gleich: Was ist unbezahlbar? Viele Teller werden dicht beschrieben, auf anderen steht nur ein Wort. Volkmann hat die Frage umgetrieben, wie wir Menschen auf dieser Welt zusammenleben wollen. Vier Jahre lang ist er mit seinem Kunstprojekt um die Welt gezogen. Was unbezahlbar ist, l\u00e4sst sich mit Geld nicht kaufen. Aber tr\u00e4umen l\u00e4sst sich davon. Mitgetr\u00e4umt haben auch Menschen in Bethlehem: sie tr\u00e4umen von Freiheit, Frieden und Freundschaft.<\/p>\n<p>Bethlehem. Ich kann nicht daran denken, ohne den Schuppen mit dem S\u00e4ugling zu sehen. Maria, seine Mutter, und Joseph, der sich gegen alle Zweifel entschieden hat, hier zu bleiben &#8211; bei Frau und Kind. Die Erb\u00e4rmlichkeit der Unterkunft, die Zerbrechlichkeit der Familie. Auch die Sterndeuter sind da &#8211; durch die halbe Welt sind sie gereist auf der Suche nach dem neugeborenen K\u00f6nig. Sinnsucher auch sie. Jetzt glauben sie, dass dieses Kind in der zugigen Unterkunft die Zukunft bringt &#8211; und sie legen ihm ihre Geschenke zu F\u00fcssen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nichts davon passt wirklich hierher. Die Hirten, die danebenstehen, wundern sich \u2013 es sind einfache Leute, sie haben nicht viel zu geben. Aber das spielt keine Rolle. Hier geht es nicht um Leistung und Gegenleistung, um Gabe und Gegengabe. Es ist nicht das Gold, von dem der Glanz ausgeht. Es ist das Kind. Dieser kleine Mensch verk\u00f6rpert die Hoffnung &#8211; auf ein neues Miteinander aller Menschen<\/p>\n<p>Der amerikanische Anthropologe Alan Fiskel hat Tauschbeziehungen und Nahbeziehungen unterschieden.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Nahbeziehungen mit Verwandten und Freunden leben vom Vertrauen. Da geben alle Beteiligten, was sie k\u00f6nnen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es geht nicht um Dinge oder Waren, es geht um geteilte Erlebnisse. Tauschbeziehungen funktionieren anders \u2013 sie sind interessengeleitet. Da schauen wir auf den Marktwert, den Geldwert der Gabe.<\/p>\n<p>Das ist das Problem: Wenn aus Nahbeziehungen Tauschbeziehungen werden, sind wir entt\u00e4uscht. Oder vielleicht auch w\u00fctend. Gerade an Weihnachten. \u201eIch war noch selten so angewidert von unserem Konsumverhalten\u201c, schreibt Susanne Ackstaller. \u201eCollect Moments. Not things.\u201c<\/p>\n<p>Das ist das Besondere an Weihnachten: An der Krippe werden Fremde zu Freunden. Da gibt tats\u00e4chlich jeder, was er kann &#8211; die einen legen Gold an die Krippe, die anderen fallen auf die Knie. Die einen bringen ihre Gaben, die anderen ihre Hingabe. Das darf man nicht verrechnen. Weil es um Gl\u00fcck geht, und nicht um Geld oder Gold. \u201eEhre sei Gott in der H\u00f6he und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen\u201c sollen die Engel gesungen haben. Legenden und Bilder erz\u00e4hlen, dass das Kind gel\u00e4chelt hat \u2013 ich glaube, es ist Gott selbst, der hier gel\u00e4chelt hat. Weil er einverstanden ist mit seinen Menschen. Was f\u00fcr eine Vision &#8211; eigentlich zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Die Weihnachtslieder halten sie fest, die Erinnerung, dass ein anderes Leben m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Manchmal denke ich an den Advent, den ich im Krankenhaus verbracht habe. Wirbel gebrochen und Arm in Gips. Da war nichts mit Einkaufen und Briefe schreiben. Echte Kerzen durfte man nicht anz\u00fcnden; ich war heilfroh, dass wenigstens drau\u00dfen ein Weihnachtsbaum leuchtete. Und sonntags spielte ein Posaunenchor Weihnachtslieder. Zum Heulen sch\u00f6n \u2013 mehr war nicht n\u00f6tig f\u00fcr das Fest.<\/p>\n<p>Ich glaube, die sch\u00f6nsten Feiern sind die, wo wir einfach beschenkt werden. Wohnungslose bei der Bahnhofsmission, Einsame im Quartiersladen \u2013 bei Kartoffelsalat und W\u00fcrstchen wie fr\u00fcher zu Hause. Da, am Tisch, werden nicht nur die Lebensmittel geteilt \u2013 da teilen Menschen ihre Zeit und ihre Geschichten. An diesem Abend k\u00f6nnen auch Fremde einander zuh\u00f6ren und f\u00fcreinander sorgen. Wer so etwas erlebt, der sp\u00fcrt: da wird das Leben gut, da breitet sich Wohlgefallen aus.<\/p>\n<p>Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Das Weihnachtsgesch\u00e4ft l\u00e4uft. Gut f\u00fcr Wohlstand und Wachstum. Aber Weihnachten ist mehr: das Fest will alle einbeziehen \u2013 die Wohnungslosen genauso wie die Einsamen.<\/p>\n<p>Wohlfahrt l\u00e4sst keinen au\u00dfen vor. Die Philosophin Hanna Arendt nennt das \u201eSorge f\u00fcr die Welt\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. \u201eWelt\u201c \u2013 das ist f\u00fcr sie dieser unersetzliche \u201eZwischenraum, der zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen\u201c zu gestalten ist. Die Atmosph\u00e4re, die uns umgibt und verbindet \u2013 in der wir die ungeweinten Tr\u00e4nen sehen, die Sehnsucht sp\u00fcren und die Engel singen h\u00f6ren. Wo jeder seinen Platz hat \u2013 und keine vergessen wird. Wie an der Krippe in Bethlehem.<\/p>\n<p>Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Ich will mir Zeit schenken, damit ich die Tage nicht abhake wie eine To-do-Liste. Damit ich mein Dasein nicht verbringe wie ein Gesch\u00e4ft. Will Raum haben, f\u00fcr mich und andere. Und lieber Feste feiern als feste einkaufen \u2013 vielleicht auch mal mit Fremden? Vor zwei Jahren wurde die Kampagne #keinerbleibtallein ins Leben gerufen. Ziel ist, Menschen, die Gesellschaft suchen, Einladungen aus der N\u00e4he zu vermitteln, eben: #keinerbleibtallein. Da f\u00e4llt mir der alte Mann wieder ein. Vielleicht l\u00e4sst er sich dieses Jahr einladen? Die Aktion geht noch bis zum 20. Dezember. Das k\u00f6nnte mir wohl gefallen. Wohlgefallen \u2013 das ist mehr als Wohlstand. Das ist Erz\u00e4hlen und Lachen und die Engel singen h\u00f6ren. Weihnachten eben, wie es gemeint ist.<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Emotion, 12 \/18<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Texterella<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Kapitalistische Dynamik. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive. VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15945-4<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Was man f\u00fcr Geld nicht kaufen kann, Berlin 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>[5][5] www.kubis.org<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Philosophie Magazin Dez 2008, Tausch und T\u00e4uschung<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Martina Holme, Die Sorge um sich- die Sorge um die Welt. Martin Heidegger, Michel Foucault und Hanna Arendt, Frankfurt 2018<\/h5>\n<hr>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>100 Jahre Die Queen und unsere Bilder vom Alter Sonntag, 28. April 2026, 6.35 Uhr, Deutschlandfunk DLF Wer Zukunft haben&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=432\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":210,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-432","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/432"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=432"}],"version-history":[{"count":104,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8399,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/432\/revisions\/8399"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}