{"id":4280,"date":"2019-04-15T09:02:07","date_gmt":"2019-04-15T07:02:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4280"},"modified":"2020-02-25T17:51:39","modified_gmt":"2020-02-25T16:51:39","slug":"pflege-und-digitalisierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4280","title":{"rendered":"Pflege und Digitalisierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. K\u00fcmmerer und Sorgenetze <\/strong><\/p>\n<p>Pflegeroboter oder Pflegeheim? F\u00fcr was w\u00fcrden Sie sich entscheiden, wenn Sie die Wahl h\u00e4tten? Die Antwort ist eindeutig. In einer Befragung des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung zeigte sich: 83 Prozent von rund 1000 Befragten k\u00f6nnen sich vorstellen, einen Service-Roboter zu Hause zu nutzen, wenn sie dadurch im Alter l\u00e4nger zu Hause leben k\u00f6nnten. Klaus D\u00f6rners Satz \u201e Ich will leben und sterben, wo ich zu Hause bin\u201c, ist l\u00e4ngst allgemeine \u00dcberzeugung- schlie\u00dflich ist mein Zuhause der einzige Ort, wo ich meine Rhythmen und Zeiten, Einrichtung und Ordnung selbst in der Hand habe. Und Selbstbestimmung, auch im Alter, ist f\u00fcr uns alle wichtig. Immerhin 43 Prozent der \u00c4lteren leben heute allein.<\/p>\n<p>Smart homes und elektronische Haushaltshilfen k\u00f6nnen dabei helfen. Licht- und Heizungssteuerung, elektronischer Rollladen, Bewegungs- und Wassermelder k\u00f6nnen enorm hilfreich sein, wenn die Mobilit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt ist. Eine Elektronikfirma wirbt mit dem Slogan \u201e Das Zuhause, das sich k\u00fcmmert. Und der Roboterassistent Care-O-bot, der am Fraunhoferinstitut entwickelt wurde, kann hier wie eine Haushaltshilfe einzelne Alltagst\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen. Er kann sich selbstst\u00e4ndig im Haus bewegen, Gegenst\u00e4nde und Gesichter erkennen, die Gegenst\u00e4nde aufnehmen und weitergeben. oder erleichtern. Und Hausnotrufsysteme geh\u00f6ren nat\u00fcrlich auch dazu. Und Telefonketten, auch per Bildschirm und Skype werden an vielen Stellen erprobt. Vernetzte Kameras allerdings, mit denen man wie mit Babyphone beobachten kann, was im Haus vorgeht, erinnern mich an den \u201eCircle\u201c, den Roman aus dem Silicon Valley, in dem eine Mitarbeiterin ein System testet, das die Gesundheit ihrer Eltern kontrolliert \u2013 und ihnen damit jede Privatsph\u00e4re und jedes Geheimnis raubt. Wo ist der Umschlagpunkt, der den Wunsch nach Autonomie in Abh\u00e4ngigkeit verkehrt?<\/p>\n<p>\u201e Das Zuhause, das sich k\u00fcmmert\u201c trifft unsere Sehnsucht. In der Quartiers- und Nachbarschaftsarbeit hat der \u201eK\u00fcmmerer\u201c Konjunktur. Denn letztlich besteht das Zuhause eben nicht nur aus vier W\u00e4nden; wichtig sind auch die Menschen, die ich kenne, die mich kennen- Nachbarschaftsnetze und \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c. Menschen, die nach mir sehen, wenn ich frisch aus dem Krankenhaus entlassen bin. Die schauen, ob der Briefkasten geleert wird, die Rollladen hoch gezogen sind. Die fragen, ob sie etwas vom Discounter mitbringen oder mich zum Arzt fahren k\u00f6nnen. Im letzten Freiwilligensurvey wurden diese kleinen, informellen Nachbarschaftsdienste untersucht \u2013 immerhin 25 Prozent k\u00fcmmern sich auf diese Weise. Und alle Befragten gaben an, dass das der Lebensqualit\u00e4t im Viertel gut tut. Sorgende Gemeinschaften sind eben auch Netzwerke gegen die Einsamkeit.<\/p>\n<p>Was \u00e4ndert sich, wenn die Rollladen elektronisch hochgefahren werden, die Post nur noch elektronisch ankommt und die Lebensmittel vom Supermarkt gebracht werden, so wie der intelligente K\u00fchlschrank sie bestellt? Schwindet die Aufmerksamkeit, wenn die Elektronik uns entlastet? Denn selbstverst\u00e4ndlich ver\u00e4ndert die Technikentwicklung auch unsere Sozialkultur; denken Sie nur daran, dass Kinder sich heute per Smartphone zum Spielen verabreden, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher einfach auf die Stra\u00dfe gingen. Und dass sie \u00fcber WhatsApp jederzeit Kontakt auch zu den Eltern haben. Die so genannten Helikoptereltern k\u00f6nnen ihre Kids l\u00e4ngst per GPS tracken.<\/p>\n<p>In der Telemedizin gibt es l\u00e4ngst Kontrollsysteme, die durch am K\u00f6rper angebrachte Sensoren \u00fcberwachen, ob es einem Patienten, der nach einer Operation aus der Klinik entlassen wird, auch tats\u00e4chlich gut geht; die Arzt und Patient oder Patientin per SMS informieren. Und auch im j\u00fcngeren Technologiefeld Assistend Living (AAL) wird bereits an der Entwicklung von Kleidung mit Kontrollsystemen gearbeitet. Entsprechende Sport-Shirts kann man l\u00e4ngst kaufen. Eingearbeitet Sensoren messen Blutdruck, Herzfrequenz und Atmung rund um die Uhr und k\u00f6nnen bei Gefahr zur Hilfe alarmieren. Der mobile Heimassistent Hobbit erinnert an die regelm\u00e4\u00dfige Medikamenteneinnahme, kann Sturzhindernisse beseitigen und im Notfall Hilfe verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>In schrumpfenden Regionen, wo die J\u00fcngeren ein \u2013 und auspendeln, die soziale Infrastruktur schwindet und kaum noch Haus\u00e4rzte zu finden sind, werden die technischen M\u00f6glichkeiten in der Medizin immer wichtiger. Hier kehren die alten Modelle der Gemeindeschwestern zur\u00fcck- technisch aufger\u00fcstete Diakonissen geben Arzt oder \u00c4rztin die wichtigsten Gesundheitsdaten elektronisch weiter und erm\u00f6glichen Patientengespr\u00e4che mit einer Art elektronisch gesichertem Skype-System. Die Akzeptanz dieser Technologien wird mit jeder Generation immer gr\u00f6\u00dfer- es ist nur ein kleiner Schritt von Skype zur Telemedizin, vom Fitnesstracker zum Smart Home. Vorausgesetzt, die elektronischen Netze funktionieren, ist heute vieles m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Aber so wie das Smart home im Notfall die Nachbarschaft braucht, braucht die Telemedizin die Gemeindeschwester, die Besuche macht- und dann auch die Sorgenetze aktiviert. Damit wird die Aufgabe der ambulanten Pflege immer anspruchsvoller \u2013 sie soll pflegefachlich, technisch, organisatorisch begleiten. Zugleich allerdings ist gerade dieser Bereich unterfinanziert und leidet unter Fachkr\u00e4ftemangel. In Hannover haben Diakonie und AWO gerade damit gedroht, diesen Dienst aufzugeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Herausforderungen und Chancen \u2013 n\u00fcchtern betrachtet<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland gibt es knapp drei Millionen pflegebed\u00fcrftige Menschen. Und schon jetzt einen eklatanten Mangel an Pflegekr\u00e4ften- vermutlich fehlen etwas 36.000 Pflegende. Die Pflege sei eine extreme Belastung, sagt der Gr\u00fcnder des Robotikherstellers Boston Dynamics Marc Raibert auf der Cebit. Er sei froh, dass das bald seine Roboter \u00fcbernehmen k\u00f6nnten. Was ist das: Arroganz oder Unkenntnis? Es sei ein \u00dcbersetzungsfehler, \u00fcberhaupt von Pflegerobotern, meint Christian Buhtz. Er arbeitet im Forschungsprojekt FORMAT an der Medizinischen Fakult\u00e4t in Halle-Wittenberg, in dem Bildungs- und Weiterbildungsangebote zur Erhaltung der Autonomie im Alter entwickelt werden. Der Gedanke, dass Roboter Pflege ersetzen k\u00f6nnten, k\u00e4me von einem beinahe diskriminierenden und sehr verk\u00fcrzten Verst\u00e4ndnis pflegerischen Handeln, meint Buhtz. Das werde der individuellen und komplexen Pflegebeziehung nicht gerecht. Ich denke, seitdem die Pflege so \u00f6konomisiert und funktionalisiert wurde, dass Pflegekr\u00e4fte sich wie selbst Roboter f\u00fchlen, meinen offenbar einige, sie gleich durch Technik ersetzen zu k\u00f6nnen. Inzwischen kann man schon T-Shirts mit der Aufschrift: \u201e Ich bin kein Pflegeroboter\u201c bestellen.<\/p>\n<p>\u201eAuch ohne Roboter gleichen die heutigen Abl\u00e4ufe \u2026einer Abfertigung, die den Menschen zum Sachgegenstand macht\u201c, schreibt Adelheid v. St\u00f6ssel, selbst Pflegende. Die technokratische Herangehensweise zeigt sich in der Sprache wie in den Strukturen: \u201eWie viele Bewohner hast du heute geschafft (gewaschen, gewindelt, angezogen)?\u201c. Das Fatale an dieser g\u00e4ngigen Praxis ist, dass sie den Menschen auf seine k\u00f6rperliche Existenz reduziert. Man erkennt die so versorgten (entsorgten) an ihren ausdrucksleeren Augen und ihrer apathischen Haltung\u201c. \u201e Leere H\u00fcllen\u201c sagen manche, seelenlose K\u00f6rper \u2013 das ist schon eine Ironie im Zeitalter humanoider Roboter, die ja genau das sind. Menschen brauchen Menschen, sie brauchen Seel-Sorge, um sich zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Wenn wir wollen, dass \u00e4ltere Menschen m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, selbst, wenn Unterst\u00fctzung und Pflege n\u00f6tig werden, dann muss Pflege besser wertgesch\u00e4tzt werden \u2013 bei den pflegenden Angeh\u00f6rigen wie bei den Profis, vom Pflegegeld bis zur Lebensleistungsrente. Dabei geht es auch darum, die Aspekte der traditionellen Diakonissen- und Gemeindeschwesternarbeit, die weniger Pflege als Sozialarbeit oder Seelsorge waren, wieder zu gewinnen. Aus der Sozialstation muss ein multiprofessionelles Team werden \u2013 verkn\u00fcpft auch mit den neuen Unterst\u00fctzungsdiensten und Pflegeassistenzsystemen. Zu einer guten Versorgung im Quartier geh\u00f6rt eine funktionierende Zusammenarbeit der Sozialstationen mit \u00c4rzten und Beratungsstellen, Betreutem Wohnen, Tagespflege und Kurzzeitpflege, mit der SAPV, aber auch mit Nachbarn und Netzwerken im Gemeinwesen und Kirchengemeinden. Dabei ist es auch wichtig, Familien und Nachbarschaften in die Nutzung von technischen Assistenzsystemen einzuf\u00fchren- zum Beispiel in leicht zug\u00e4nglichen Musterh\u00e4usern oder gut ausgestatteten Mehrgenerationenh\u00e4usern. Pflegende Angeh\u00f6rige kennen diese einfachen technologischen Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen oft nicht und sind deswegen im Alltag immer noch Belastungen ausgesetzt, die eigentlich inzwischen nicht mehr sein m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise sind aber nicht die Pflegeassistenzsysteme, sondern die sozialen Roboter von Typ Pepper oder Robby die Vorreiter der Bewegung. Die humanoiden Roboter, die auf Kommunikation, Unterhaltung und Information spezialisiert sind, sind am weitesten entwickelt. Das Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung hat in sozialen Robotern Helfer vor allem in der Seniorenbetreuung erkannt \u2013 und f\u00f6rdert Pilotprojekte in diesem Bereich momentan mit fast zehn Millionen Euro. Mittlerweile sind weltweit \u00fcber 4.000 Paro-Robben in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen im Einsatz. In mehr als 30 L\u00e4ndern wird die Robbe in der Palliativbetreuung von Krebspatienten oder bei Kindern mit Autismus eingesetzt \u2013 vor allem aber bei demenzkranken Menschen und Senioren .Die Kosten pro Robbe liegen bei zirka 5.000 Euro. In Deutschland nutzen \u00fcber 40 Pflegeeinrichtungen. \u201eIhre braunen Kulleraugen und das weiche wei\u00dfe Fell machen dieses Tier zu einem Wesen, dass keine Angst ausl\u00f6st und instinktiv gestreichelt werden will. Jedenfalls sind alle bisherigen Anwendergruppen total begeistert von der anregend positiven Wirkung dieser Robbe. Damit erkl\u00e4rt sich ihr Wert fast von selbst. Au\u00dferdem hat das Kunsttier gegen\u00fcber einem echten Tier den gro\u00dfen Vorteil, dass es jederzeit einsetzbar ist und nie unerw\u00fcnschte Reaktionen zeigt .Ausgebildete Hunde kosten einige tausend Euro. Daf\u00fcr besitzen sie jedoch F\u00e4higkeiten, die man keinem Kunsttier einbauen k\u00f6nnte. Sie ersp\u00fcren, wenn etwas nicht stimmt, und sprechen den Menschen auf der Beziehungsebene an<em>\u201c,<\/em> schreibt Adelheid von St\u00f6ssel. Das beschreibt Atul Gawande in seinem Buch \u201e Sterblich sein\u201c: er hat daf\u00fcr gesorgt, dass Vogelvolieren Leben, wechselseitige Verantwortung, G\u00e4ste und neue Debatten in ein amerikanisches Pflegeheim brachten. Zur Freude auch der Demenzkranken.<\/p>\n<p>Soziale Roboter k\u00f6nnen mit Menschen interagieren, sie sind au\u00dferdem in der Lage zu lernen: Sie schauen sich Verhaltensmuster ab und erkennen nach einiger Zeit Stimmen und nat\u00fcrlich auch Gesichter. Ein Team aus Wissenschaftlern der Universit\u00e4t Siegen und der Fachhochschule in Kiel hat den Pflegeroboter &#8222;Pepper&#8220; im letzten Jahr versuchsweise f\u00fcr die Betreuung von Senioren programmiert und in den ersten Altenheimen getestet. Per Knopfdruck faltet die Maschine ihre Arme auseinander, simuliert Tanzbewegungen und erz\u00e4hlt Witze. Ich kann allerdings nicht umhin mir vorzustellen, wie viel sch\u00f6ner und lebendiger der Besuch einer Schulklasse oder einer Tageseinrichtung w\u00e4re. Aber Emma, die regelm\u00e4\u00dfig mit Ged\u00e4chtnisspiele treibt, kann auch automatisch die Leistungen messen und aufzeichnen. Sie kann damit die Entwicklung einer Demenz exakt dokumentieren \u2013 eine Aufgabe, die bisher Pflegekr\u00e4fte wahrnehmen. Langfristig soll Emma ans Internet angeschlossen werden, um von dort Software-Updates zu bekommen und in Clouds ihre Daten aufzubewahren. Wird Emma irgendwann nicht nur Krankheitsverl\u00e4ufe nachzeichnen, sondern auch Diagnosen stellen?<\/p>\n<p>Wenn die sozialen Roboter intelligenter werden geht es auch um Haftung. Bis jetzt haften die Roboter-Hersteller sowie die Einrichtungen, die die Roboter nutzen, wenn etwas passiert. Jetzt werden auch die Kranken- und Pflegekassen aufmerksam. \u201eBis die Forschung so weit ist, dass Roboter in den Pflegealltag integriert werden k\u00f6nnen und Pflegende und pflegende Angeh\u00f6rige unterst\u00fctzen, braucht es ganz klare gesetzliche Regelungen der Politik in puncto Qualit\u00e4t, Haftung und Finanzierung\u201c; sagt Heiner Beckmann, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Barmer in NRW.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Vernetzt und verantwortlich <\/strong><\/p>\n<p>Mit all dem werden die Pflegekr\u00e4fte schon bald verantwortlich umgehen m\u00fcssen. Die FH Kiel will mittelfristig Pflegekr\u00e4fte ausbilden, die mit digitalen Technologien vertraut sind. Vielleicht kann es den Pflegeberuf f\u00fcr Nachwuchskr\u00e4fte sogar aufwerten, wenn er ein Hightech-Image bekommt. Doch viele, die jetzt schon in der Branche arbeiten, f\u00fchlen sich durch diese Entwicklung eher bedroht. Das zeigt eine Umfrage der Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, die auf dem Pflegetag im M\u00e4rz in Berlin pr\u00e4sentiert wurde. Ein F\u00fcnftel aller Befragten gab an, schon Erfahrungen mit Robotik zu haben. Meist wurden die neuen Techniken und Programme als \u00dcberforderung empfunden. Positiv wurden hingegen solche Ger\u00e4te bewertet, die belastende Arbeiten \u00fcbernehmen. Zum Beispiel der Lifter, ein Trageroboter, der Menschen aus dem Bett in den Rollstuhl heben kann. Viele Pfleger und Pflegerinnen klagen \u00fcber R\u00fcckenleiden und erleben hier eine Erleichterung.<\/p>\n<p>In Zukunft muss viel st\u00e4rker auf die Bed\u00fcrfnisse und Anspr\u00fcche derjenigen eingegangen werden, die direkt vom Einsatz der robotischen Systeme betroffen sind: der Pflegekr\u00e4fte und Pflegebed\u00fcrftigen also. Was m\u00fcssen sie im Vorfeld \u00fcber die Roboter wissen, was nicht? M\u00fcssen sich Ausbildungsinhalte ver\u00e4ndern, k\u00fcnftige Pflegerinnen wom\u00f6glich programmieren lernen? An welchen Stellen k\u00f6nnen Roboter entlasten? Wo gibt es m\u00f6gliche Reibungspunkte? Ein Assistenzsystem, das der Pflegekraft zum Beispiel sagt, zu welchem Patienten sie zuerst gehen soll, greift deutlich in deren Kompetenzbereich ein. In einer Einzelfallstudie in Japan schalteten Pflegekr\u00e4fte die Roboter aus: Die permanente Aufzeichnung durch die Systeme leicht zu einem Gef\u00fchl, \u00fcberwacht und entm\u00fcndigt zu werden. Dabei besteht die zentrale Erwartung von Mitarbeitenden darin, mit den eigenen Kompetenzen gesehen zu werden und Ver\u00e4nderungsprozesse aktiv mitzugestalten. Das niederl\u00e4ndische Pflegemodell der buurtzorg fasziniert auch deswegen so viele, weil es den Mitarbeitenden zutraut, \u00fcber die individuellen Zeittakte und den notwendigen Sorgeaufwand bei ihren Patientinnen und Patienten zu entscheiden; hier er\u00f6ffnet die digitale Unterst\u00fctzung Freir\u00e4ume. Die Entwicklung einer neuen Sozialkultur lebt von gemeinsamer Verantwortung und Kommunikation mit Patienten wie Zugeh\u00f6rigen. Digitalisierung kann dabei unterst\u00fctzend wirken. Aber sie kann die unmittelbare, existenzielle Kommunikation nicht ersetzen.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen erst mal in der Politik ganz klar darstellen, wenn wir \u00fcber Digitalisierung und Robotik in der Pflege reden, was meinen wir damit? Unterst\u00fctzung: Werkzeuge, die die Arbeit f\u00fcr pflegende Angeh\u00f6rige und f\u00fcr Pflegende denn dann erleichtern, aber niemals ersetzen. Denn Pflege ist Kommunikation, soziale Kommunikation und kann nur von Mensch zu Mensch dann auch umgesetzt werden\u201c, sagt Andreas Westerfellhaus, der Bevollm\u00e4chtigte der Bundesregierung f\u00fcr Pflege. Pflege lebt von Emotionen. Von Menschen also, die selbst leidensf\u00e4hig und liebesf\u00e4hig sind, die ein Bewusstsein der eigenen Endlichkeit haben und empathisch mitf\u00fchlen. Dazu geh\u00f6rt eben auch die F\u00e4higkeit, W\u00fcnsche, Bed\u00fcrfnisse zu erkennen, ohne dass diese ge\u00e4u\u00dfert werden. Katharina Schenk, die Leiterin der \u201eTagesgestaltung\u201c eines Seniorenheims, glaubt, gerade dementiell ver\u00e4nderte Bewohner, die Pepper oder Robby, die Puppen, vielleicht wirklich als lebendes Wesen sehen, w\u00e4ren v\u00f6llig \u00fcberfordert, wenn wir sie damit alleine lassen.<\/p>\n<p>Die Autorin Siri Hustvedt beschreibt, wie sie als kleines M\u00e4dchen ihre Puppen geliebt hat:\u201c Sie litten, liebten, stritten, weinten, lachten und f\u00fchren lange liebevolle und auch mal geh\u00e4ssige Gespr\u00e4che miteinander. Eine dieser Puppen aus meiner Kindheit konnte sprechen. Wenn ich an einer Schnur in ihrem Nacken zog und dann loslie\u00df, begann sie zu wimmern: \u201e Mama\u201c oder \u201e Spiel mit mir\u201c. Bei meinen ausget\u00fcftelten Spielen waren diese \u00c4u\u00dferungen nicht nur v\u00f6llig unn\u00f6tig, schlimmer noch, sie schienen die Tatsache, dass die Puppe nur ein hohles, lebloses Ding aus Plastik war, noch deutlicher zu betonen, anstatt sie zu kaschieren, und ich fand ihre Stimme verst\u00f6rend. \u2026\u201c Wie ist das bei Menschen mit Demenzerkrankung? Kurze Augenblicke der Erkenntnis k\u00f6nnen zu Augenblicken der Verst\u00f6rung werden. Die Begleitung von Fachkr\u00e4ften gerade dann besonders wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Werte st\u00fctzen, Daten sch\u00fctzen <\/strong><\/p>\n<p>Nach einer repr\u00e4sentativen Umfrage f\u00fcr den Digitalverband Bitkom ist eine Mehrheit der Bundesb\u00fcrger von einem k\u00fcnftigen Einsatz von Robotertechnik in der Pflege \u00fcberzeugt. 57 Prozent der 1004 Befragten \u00fcber 18 Jahre rechnen in zehn Jahren mit Roboter-Unterst\u00fctzung f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte bei schweren Arbeiten, etwa in Form von Roboterarmen und Exoskeletten. Etwas skeptischer bewerten die Befragten Service-Roboter, die etwa Essen zubereiten und servieren \u2013 aber noch 45 Prozent der Befragten halten dies f\u00fcr wahrscheinlich. Vom Einsatz von &#8222;Kuschel-Robotern&#8220;, die sich mit den Pflegebed\u00fcrftigen unterhalten k\u00f6nnen und Emotionen zeigen, sind dagegen nur 28 Prozent der Befragten \u00fcberzeugt. Das zeigt eindr\u00fccklich, wie wichtig eine Diskussion \u00fcber ethische Werte ist \u2013 schlie\u00dflich kommt eine derartige Technologie dem Menschen besonders nahe und betrifft ihn in seinem Intimbereich. Offenbar versuchen manche schon jetzt, sich mit einer speziellen Patientenverf\u00fcgung gegen den Einsatz von pflegenden Robotern zu wehren.<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re eine menschliche Kapitulationserkl\u00e4rung, wenn wir eines Tages tats\u00e4chlich versuchen w\u00fcrden, Zuneigung und Empathie \u00fcber Roboter zu transportieren\u201c, sagt Axel Walz vom Max-Planck-Institut f\u00fcr Innovation und Wettbewerb. Er sieht grunds\u00e4tzlich keine Rechtfertigung f\u00fcr androide Roboter, das hei\u00dft solche Roboter, die m\u00f6glichst menschliche Z\u00fcge aufweisen. Zwar beziehe sich das Klonierungsverbot prim\u00e4r auf die biologische Reproduktion. \u201cSinn und Zweck des Verbots ist es aber, die Singularit\u00e4t menschlichen Lebens zu sch\u00fctzen\u201c, seine Gott geschaffene Unverwechselbarkeit also. Die sieht er nun genauso bedroht, wenn jemand eine biomechanische Kopie erstellt. Die damit einhergehende Objektivierung des Menschen w\u00fcrde, so meint er, klar gegen Artikel 1 des Grundgesetzes versto\u00dfen.<\/p>\n<p>Im Pflegebereich gibt es eigentlich keinen Grund f\u00fcr den Einsatz androider Roboter, Pflegeroboter sollen menschliche Arbeitskr\u00e4fte nicht ersetzen, sondern bestenfalls unterst\u00fctzen \u2013 vor allem im Rahmen wiederkehrender, mechanischer T\u00e4tigkeiten. Ich hoffe darauf, dass wir Roboter in Pflegeheimen so einzusetzen k\u00f6nnen, dass das Personal tats\u00e4chlich mehr Zeit f\u00fcr pers\u00f6nliche Zuwendung und Begleitung hat. In ihrem neuen Buch \u201eBer\u00fchrungslose Gesellschaft\u201c beschreibt die Journalistin Elisabeth von Thadden, wie sehr wir uns nach menschlicher Ber\u00fchrung sehnen &#8211; und wie gro\u00df die Angst davor ist. Pflege ist Ber\u00fchrung: Vom Waschen bis zum Essen reichen, vom Toilettengang bis zum Rollstuhlschieben. Bei manchem l\u00f6st das Angst und Ekel aus \u2013 bei anderen Bewunderung. So stark unsere Sehnsucht nach N\u00e4he ist, so gro\u00df ist unsere Angst vor Abh\u00e4ngigkeit. Es spricht deshalb nichts dagegen, dass Assistenzsysteme uns darin unterst\u00fctzen, m\u00f6glichst lange autonom zu bleiben.<\/p>\n<p>Je hilfeabh\u00e4ngiger ein Mensch ist, desto wichtiger ist aber auch der Wunsch, verstanden und geliebt zu werden. Gerade die K\u00f6rperpflege bietet eine Gelegenheit, \u00fcber die Ber\u00fchrung in Kontakt mit dem Menschen zu treten. Selbst Bewusstlose entspannen oder verkrampfen, je nachdem, wie sie ber\u00fchrt werden- was sich an Herzfrequenz und Atmung unmittelbar erkennen l\u00e4sst. \u201eWer erlebt hat, wie positiv alte Menschen mit Demenz auf eine ihnen angenehme Ber\u00fchrung reagieren, kommt im Traum nicht auf die Idee, f\u00fcr die K\u00f6rperpflege von Kranken Roboter einsetzen zu wollen\u201c, schreibt Adelheid v. St\u00f6ssel. Und Siri Hustvedt, die sich intensiv mit der Bedeutung unseres K\u00f6rpers f\u00fcr Denken und Kommunikation besch\u00e4ftigt hat, befasst sich mit der Synchronisierung des Blicks, der Stimme, der Affekte und Gef\u00fchle zwischen Eltern und ihren hilflosen Babys. Selbst ohne Ber\u00fchrung, nur bei face-to-face-Kommunikation passt sich ihre Herzfrequenz an. Das ist bei einem k\u00f6rperlosen Gegen\u00fcber nicht m\u00f6glich, auch wenn die Maschine die menschliche Mimik und Emotion nachahmen kann. Hustvedts Buch hei\u00dft bezeichnenderweise: \u201e Die Illusion der Gewissheit\u201c.<\/p>\n<p>Robby kann nicht wirklich Gegen\u00fcber sein und Geborgenheit geben. Wird er den Patienten entm\u00fcndigen oder haben doch die individuellen Vorstellungen des Menschen Vorrang? Wie kann sichergestellt sein, dass Pflegeroboter nicht gehackt werden? Schlie\u00dflich verf\u00fcgen sie \u00fcber die sensibelsten aller personenbezogenen Daten, wissen \u00fcber Gesundheit und Gewohnheiten eines Pflegebed\u00fcrftigen Bescheid. \u201eMit Hilfe von Robotern l\u00e4sst sich der heute oft beklagte B\u00fcrokratismus nicht nur abbauen, sondern eine viel genauere und umfassendere Datensammlung und -verarbeitung erreichen\u201c, schreibt v. Stoessel ironisch. Die Roboter im Jahre X w\u00fcrden personenbezogen alles registrieren, was sich messen und zuordnen l\u00e4sst. Trinkprotokolle, Menge und Zusammensetzung der Nahrung, der Ausscheidung, s\u00e4mtliche Ma\u00dfnahmen. Alles w\u00fcrde mit genauem Datum\/Uhrzeit zentral abrufbar festgehalten. Was h\u00e4tte das f\u00fcr Vorteile: Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) br\u00e4uchte gar nicht mehr ins Heim zu kommen\u201c, schreibt v.St\u00f6ssel<\/p>\n<p>Hinter diesem Sarkasmus zeigt sich die Entt\u00e4uschung \u00fcber eine Qualit\u00e4tskontrolle, die sich h\u00e4ufig an blo\u00dfen Daten und Kennzahlen festmacht, eine Pflege, die nur noch funktionieren soll. Da melden sich Pflegende zu Wort, die sich selbst schon wie Roboter f\u00fchlen. Deshalb ist aus meiner Sicht die wichtigste Konsequenz: Die Entwicklung von Pflegerobotern darf die soziale und kulturelle Qualit\u00e4tsentwicklung in den H\u00e4usern nicht aus dem Blick lassen. Dabei \u2013 wie bei der technischen Weiterentwicklung der Assistenzsysteme m\u00fcssen Pflegende von Anfang an einbezogen werden. Zugleich m\u00fcssen deshalb rechtliche und ethische Aspekte ber\u00fccksichtigt werden, um den Bed\u00fcrfnissen von Patienten und von Pflegekr\u00e4ften gerecht zu werden.<\/p>\n<p>N\u00e4he und Sinn, die wichtigsten Bed\u00fcrfnisse vor allem sterbender Patienten m\u00fcssen im Focus aller Arbeit bleiben. Wir k\u00f6nnen unsere existenzielle Kommunikation und unsere menschlichen Beziehungen nicht an technische Systeme externalisieren wie die Ortskenntnis an den Navi oder den Kalender ans Smartphone, ohne selbst zu verarmen. Pflegebed\u00fcrftige m\u00fcssen sicher sein, dass nicht mehr Daten als unbedingt n\u00f6tig erfasst werden und diese gesch\u00fctzt sind. Zudem d\u00fcrfen Roboter die Patienten nicht bevormunden. Schlie\u00dflich m\u00fcssen auch die Pflegenden vor \u00dcberwachung gesch\u00fctzt werden; der Einsatz robotischer Systeme sollte sich auf wiederkehrende mechanische T\u00e4tigkeiten beschr\u00e4nken. Ein rechtlicher Rahmen kann die Akzeptanz f\u00fcr den Einsatz von Pflegerobotern st\u00e4rken. Dazu braucht es interdisziplin\u00e4re, praxisorientierte Konsultationen. Wir sind keine Roboter, aber wir sollten sie nutzen, wo es das Miteinander erleichtert.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Darmstadt, 6.4.19<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. K\u00fcmmerer und Sorgenetze Pflegeroboter oder Pflegeheim? F\u00fcr was w\u00fcrden Sie sich entscheiden, wenn Sie die Wahl h\u00e4tten? 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