{"id":4233,"date":"2019-02-18T09:58:19","date_gmt":"2019-02-18T08:58:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4233"},"modified":"2020-02-25T17:54:02","modified_gmt":"2020-02-25T16:54:02","slug":"etty-hillesum-und-korinth-predigt-vom-3-2-2019-osterwald","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4233","title":{"rendered":"Etty Hillesum und Korinth &#8211; Predigt vom 3.2.2019, Osterwald"},"content":{"rendered":"<p>\u201eGestern Abend, kurz vor dem Zubettgehen, kniete ich pl\u00f6tzlich in diesem gro\u00dfen Zimmer zwischen den Stahlst\u00fchlen auf dem hellen L\u00e4ufer. Ganz spontan. Zu Boden gezwungen durch etwas, das st\u00e4rker war als ich selbst. Vor einiger Zeit hatte ich mir gesagt: Ich \u00fcbe mich im Knien. Ich genierte mich noch zu sehr wegen dieser Geb\u00e4rde, die ebenso intim ist wie die Geb\u00e4rden der Liebe, \u00fcber die man auch nicht sprechen kann, wenn man kein Dichter ist. \u201eManchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass ich Gott in mir trage, sagte einmal ein Patient zu meinem Freund, zum Beispiel, wenn ich die Matth\u00e4uspassion h\u00f6re. Und mein Freund S. erwiderte etwa folgendes: \u201eIn solchen Augenblicken sp\u00fcre er die absolute Verbundenheit mit dem in jedem Menschen wirksamen sch\u00f6pferischen Kr\u00e4ften. Und das Sch\u00f6pferische sei doch ein Teil von Gott. Man m\u00fcsse nur den Mut haben, das auszusprechen.\u201c<\/p>\n<p>Das sind Gedanken aus dem Tagebuch der holl\u00e4ndischen J\u00fcdin Etty Hillesum, die am 30. November 1943 in Ausschwitz ermordet wurde. Die Juristin und Slawistin arbeitete lange als Lehrerin, zuletzt als Nachhilfelehrerin. In den Tageb\u00fcchern aus den letzten beiden Jahren ihres Lebens begleiten wir sie in der Zeit der deutschen Besatzung, als Juden immer mehr Einschr\u00e4nkungen erleben und die Deportationen nach Westerbork beginnen. Viele kennen diese Jahre aus den Tageb\u00fcchern der Anne Frank. Etty Hillesum, die zuletzt auch im Amsterdamer Judenrat mitarbeitete, wusste genau, was geschah &#8211; je mehr sie sich engagierte, desto mehr sah sie in die Abgr\u00fcnde. Zugleich aber geht sie einen spirituellen Weg, der einem manchmal die Sprache verschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>\u201eDas Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen F\u00fc\u00dfen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgung, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist mir wie ein einziges starkes Ganzes und ich nehme alles als ein ganzes hin\u201c, schreibt sie. Diese Erfahrung des Ganzen, des Sch\u00f6pferischen, die Verbundenheit, die Etty Hillesum sp\u00fcrt, finde ich auch in dem Brief des Paulus, aus dem wir eben ein St\u00fcck gelesen haben. Paulus schreibt aus Ephesus an die Gemeinde in Korinth, wo er schon eine ganze Weile abgereist ist. Gut 400 km Luftlinie ist Korinth von Ephesus entfernt &#8211; und der tats\u00e4chliche Reiseweg ist viel l\u00e4nger. Trotzdem sind die Korinther und Korintherinnen jeden Tag in seinen Gedanken und Gebeten; er empfindet gro\u00dfe Dankbarkeit f\u00fcr die gemeinsame Arbeit, die Verbundenheit. Er denkt an die Begabungen, das Engagement, den Reichtum der Gemeinde- er freut sich an den Menschen, die er dort kennt. So sehr, dass die Konflikte in Korinth f\u00fcr einen Augenblick in den Hintergrund treten.<\/p>\n<p><em>1.Korinther 1, 4- 9 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen f\u00fcr die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, 5 dass ihr durch ihn in allen St\u00fccken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis. 6 Denn die Predigt von Christus ist unter euch kr\u00e4ftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. 8 Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. 9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.<\/em><\/p>\n<p>Die Gemeinde in Korinth ist vor allem f\u00fcr ihre Streitf\u00e4lle bekannt: schlie\u00dflich mischten sich dort ganz unterschiedliche Kulturen und Gesellschaftsschichten. Zum Beispiel Sklaven und freie B\u00fcrger: Wenn die Sklaven zu sp\u00e4t zum gemeinsamen Abendmahl kamen \u2013 abends, am Sabath, weil ihre Herren sie nicht hatten gehen lassen-, dann konnte es passieren, dass alle anderen schon satt waren. Oder auch Judenchristen und Griechen, die vorher die antiken G\u00f6tter verehrt hatten. Die einen fanden nichts dabei, das Fleisch zu essen, das den G\u00f6ttern im Tempel geweiht war, die anderen sahen darin Gottesl\u00e4sterung. Uneinigkeit gab es nat\u00fcrlich auch \u00fcber die Frage, ob Frauen im Gottesdienst das Wort ergreifen durften, ob man sich von einem ungl\u00e4ubigen Ehepartner scheiden lassen sollte &#8211; ach, einfach alles, was f\u00fcr das Zusammenleben wichtig war, musste erstritten und erk\u00e4mpft werden. Und leider ging es dabei hart zur Sache &#8211; auch Paulus gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Deshalb ist es schon erstaunlich, dass Paulus seinen Brief mit der Dankbarkeit beginnt. \u201eIch denke Gott allezeit f\u00fcr die Gnade, die Euch gegeben ist. Durch die Gnade Gottes seid ihr in allem reich: in allem Wort, in aller Erkenntnis. Ihr habt keinen Mangel.\u201c Hat er vergessen, wie er dort attackiert wurde? Oder will er seinen Lesern und Leserinnen schmeicheln, damit sie offen sind f\u00fcr die Kritik, die dann folgt? Ich glaube nicht \u2013 vielmehr denke ich, dass es ihm geht, wie Etty Hillesum: \u201eDas Leid und die Verfolgung, die wundgelaufenen F\u00fc\u00dfe und der Jasmin hinterm Haus \u2013 all das ist ein einziges, starkes Ganzes.\u201c Der Streit und die Verbundenheit, die Begabungen und die Br\u00fcchigkeit in der Gemeinde geh\u00f6ren zusammen. So lese ich den Beginn dieses Briefes wie eine gro\u00dfe Umarmung. F\u00fcr die Gemeinde in Korinth und f\u00fcr das Leben, das Gott schenkt.<\/p>\n<p>Noch einmal Etty Hillesum: \u201eIch war fr\u00fch zu Bett gegangen und schaute durch das offene Fenster hinaus. Und mir war wieder, als w\u00e4re das Leben mit all seinen Geheimnissen mir nahe, als h\u00f6rte ich seinen leisen, regelm\u00e4\u00dfigen Herzschlag. Ich f\u00fchlte mich sicher und besch\u00fctzt und dachte: Es ist Krieg. Es gibt Konzentrationslager. Wenn ich die Stra\u00dfen entlang gehe, wei\u00df ich von vielen H\u00e4usern: Dort ist der Sohn im Gef\u00e4ngnis, dort wird der Vater als Geisel gehalten, dort ist das Todesurteil eines 18-j\u00e4hrigen zu beklagen. Ich wei\u00df von Verfolgung und Unterdr\u00fcckung, von Ohnmacht und Hass und dennoch: Ich liege an der nackten Brust des Lebens und seine Arme legen sich besch\u00fctzend um mich und sein Herzklopfen ist so regelm\u00e4\u00dfig und leise, ach auch treu, als wollte es nie aufh\u00f6ren. Und auch so gut und so barmherzig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDenn Gott ist treu, der Euch berufen hat\u201c, schreibt Paulus \u2013 \u201eund er wird Euch fest machen bis ans Ende.\u201c Im r\u00f6mischen Reich waren die Christen eine verfolgte Minderheit. Sie erlebten Diskriminierung, Folter und Gef\u00e4ngnis bis hin zur Todesstrafe. All das hat ja auch Paulus erlebt. Sie warteten sehns\u00fcchtig auf die Wiederkunft Jesu &#8211; darauf, dass das alles ein Ende h\u00e4tte. Aber dass die Gemeinde unter diesem Druck zusammenblieb, dass die Einzelnen ihren Glauben bewahren, war keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich. Darum erinnert Paulus sie an ihre Begabungen, ihren Glauben und vor allem an die Gnade Gottes, die er in dieser Gemeinde gesp\u00fcrt hat. Wenn sie am Sabbat zusammen Abendmahl feierten, so verschieden sie auch waren. Wenn M\u00e4nner und Frauen gemeinsame die Bibel auslegten. Es gab Leute, die schreiben konnten und lesen. Andere brachten gute Speisen mit. Wieder andere konnten kochen oder n\u00e4hen. Man half, wenn jemand in Not war. Da war so viel Verbundenheit, so viel Aufbruch \u2013 und immer wieder war dieser Geist des Friedens zu sp\u00fcren. Der Geist Christi. Wie ein warme Dusche, die den ganzen K\u00f6rper durchstr\u00f6mt und alle Verkrampfungen l\u00f6st. Eine Quelle, die die Sehnsucht nach Leben l\u00f6scht. Paulus hat das nicht vergessen &#8211; wie k\u00f6nnte er auch.<\/p>\n<p>\u201eIch danke Gott um Euretwillen f\u00fcr die Gnade, die Euch gegeben ist\u201c, schreibt er gleich zu Beginn. Und auch seine Worte sind wie eine warme Dusche. \u201eGottes Gnade umstr\u00f6mt Euch, sie lebt in Euch &#8211; in Euren Gaben.\u201c Im griechischen Originaltext ist das der gleiche Wortstamm: Gnade\/ Charis und Gabe\/ Charisma. Vielleicht kennen Sie das, dass Sie sich einfach freuen k\u00f6nnen an dem, was Sie selbst oder andere Menschen k\u00f6nnen. So wie Matthias Claudius schreibt: \u201eIch danke Gott und freue mich wie\u2019s Kind zur Weihnachtsgabe \u2013 dass ich bin, bin und dass ich Dich, sch\u00f6n menschlich Antlitz habe.\u201c Das ist eine andere Art Dank als der bewusste Dank f\u00fcr ein Geschenk. Hier geht es um diese Momente, in denen wir einfach gl\u00fccklich sind f\u00fcr das, was ist \u2013 in denen wir Ja sagen zum Leben, so wie es jetzt gerade ist. So sch\u00f6n und so unvollkommen. Voller Widerspr\u00fcche und voller Verbundenheit.<\/p>\n<p>Solche Momente beschreibt auch Etty Hillesum. Augenblicke, in denen sie sich unendlich beschenkt f\u00fchlt \u2013 obwohl sie Mangel genug erlebt. Wer ihren spirituellen Weg in den Tageb\u00fcchern mitgeht, der sp\u00fcrt: diese Augenblicke \u00e4ndern etwas. Sie machen Etty ruhiger und gelassener in ihrem Glauben. Dankbarkeit ist eine Antwort auf Gottes Gnade, auf die Umarmung, die sie sp\u00fcrt &#8211; und sie ist auch selbst eine gro\u00dfe Umarmung. Da ist pl\u00f6tzlich lauter G\u00fcte und Barmherzigkeit \u2013 auch noch in Westerbork kann sie das sp\u00fcren und leben. Gottes G\u00fcte und Barmherzigkeit ist gr\u00f6\u00dfer als alles. Darauf will ich vertrauen.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGestern Abend, kurz vor dem Zubettgehen, kniete ich pl\u00f6tzlich in diesem gro\u00dfen Zimmer zwischen den Stahlst\u00fchlen auf dem hellen L\u00e4ufer&#8230;. <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4233\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":81,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4233","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4233"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4233"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4233\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4234,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4233\/revisions\/4234"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}