{"id":4188,"date":"2019-01-21T13:06:20","date_gmt":"2019-01-21T12:06:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4188"},"modified":"2019-01-21T13:06:20","modified_gmt":"2019-01-21T12:06:20","slug":"auch-wer-zeit-schenkt-braucht-ressourcen-geld-und-liebe-im-ehrenamt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4188","title":{"rendered":"Auch wer Zeit schenkt, braucht Ressourcen. Geld und Liebe im Ehrenamt."},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Engagement hat Konjunktur<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIm Jahr 2014 sind 43,6 Prozent der Wohnbev\u00f6lkerung ab 14 Jahren freiwillig engagiert \u2013 das entspricht 30,9 Millionen Menschen. In den letzten f\u00fcnfzehn Jahren ist die Engagementquote um insgesamt knapp 10 Prozentpunkte angestiegen.\u201c<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die Kirchen, obwohl die Mitgliederzahlen sinken. 48,7% aller Evangelischen engagieren sich &#8211; gegen\u00fcber 43,6 % in der Gesamtgesellschaft- und sogar 66,7% der Hochverbundenen.<\/p>\n<p>Es geht darum, etwas zu finden, was Einsatz und Hingabe lohnt: <strong>Die eigene Berufung. Eine Aufgabe, die auch die Seele f\u00fcttert \u2013 und nicht nur das Konto f\u00fcllt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ehrenamt macht stark<\/strong>. Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt: Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln <strong>ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen und eine positive Grundeinstellung <\/strong>in der Begegnung mit anderen.<\/p>\n<p>Angesichts der leerer werdenden \u00f6ffentlichen Kassen ist der Einsatz von Ehrenamtlichen etwa in der Tafel-, Quartiers- und Fl\u00fcchtlingsarbeit <strong>gesellschaftlich hoch willkommen. Sind die Ehrenamtlichen der billige Jakob von Kirche und Sozialstaat? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Die Engagierten: Frauen im sozialen Ehrenamt<\/strong><\/p>\n<p>Bei einer Caritasuntersuchung 2007 waren <strong>70 Prozent der Ehrenamtlichen Frauen, 56 Prozent davon 60 Jahre oder \u00e4lter. Entsprechend gering war mit 31 Prozent der Anteil der Berufst\u00e4tigen. <\/strong><\/p>\n<p>Daran hat sich nichts ge\u00e4ndert: <strong>70 Prozent der Ehrenamtlichen in den Kirchen sind Frauen. Dabei ist das Geschlechterverh\u00e4ltnis im Blick auf Aufgaben wie Gemeindeleitung, Verwaltung oder Lektorendienste inzwischen ausgewogen<\/strong>.<\/p>\n<p>Trotz aller Bem\u00fchungen bleibt es schwer, Frauen f\u00fcr leitende Ehren\u00e4mter zu finden, <strong>weil die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt noch immer schwierig ist<\/strong>.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Fachkr\u00e4fte fehlen und ein berufliches Einkommen f\u00fcr jeden Erwachsenen notwendig ist, <strong>setzt die Gesellschaft bei sozialen Ehren\u00e4mtern noch immer auf das unentgeltliche Engagement der Familienfrauen.<\/strong><\/p>\n<p>Das bundesdeutsche Sozialsystem st\u00fctzt das soziale Ehrenamt mit Ehegattensplitting, Mitversicherung und Witwenrenten. Tats\u00e4chlich <strong>bringen Frauen ihre famili\u00e4ren Erfahrungen oft ins Ehrenamt ein<\/strong>. Aber <strong>gerade engagierte Frauen haben immer h\u00e4ufiger das Gef\u00fchl, um eine gerechte Alterssicherung betrogen zu werden. <\/strong><\/p>\n<p>Trotz Erwerbsbeteiligung \u00fcbernehmen Frauen weiterhin die Hauptverantwortung in der Haus- und Pflegearbeit. <strong>Auch bei den 40- bis 65-j\u00e4hrigen Frauen gibt es Vereinbarkeitsprobleme (Betreuung der Enkel\/ h\u00e4usliche Pflege) zwischen Beruf, Familie und Ehrenamt. Bei den 55-65-j\u00e4hrigen hat sich die Belastung seit 1996 vervierfacht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das soziale Engagement braucht eine \u00f6konomische Absicherung \u2013 zum Beispiel bei der Ber\u00fccksichtigung von Versicherungszeiten in Rente und Sozialversicherung. <\/strong>Frauenverb\u00e4nde pl\u00e4dieren auch f\u00fcr eine Lebensleistungsrente.<\/p>\n<p><strong>Die wachsende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, aber auch neue Familienmodelle <\/strong>machen es auch n\u00f6tig, \u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt und <strong>eine gerechtere Verteilung nachzudenken.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Immerhin 25 Prozent der Bev\u00f6lkerung engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe. <\/strong>Es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. (FWS 2014)<\/p>\n<p><strong>Die Altersgruppe der \u00fcber 65j\u00e4hrigen ist im kirchlichen Ehrenamt besonders stark repr\u00e4sentiert <\/strong>(22%; alle Bereiche: 13%). Gerade im sozialen Ehrenamt (s. Caritasuntersuchung) sind geringe Renten ein Problem.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Die Engagierten: Recht auf Ehrenamt<\/strong><\/p>\n<p>Ehrenamt ist in Deutschland <strong>an einen hohen Sozial- und Bildungsstatus gekoppelt. <\/strong>Ehrenamtliche sind in der <strong>Regel gut ausgebildet, mit stabiler Familie, gut vernetzt und oft an vielen Stellen zugleich engagiert<\/strong>. (40 Prozent der kirchlich Engagierten sind auch anderswo ehrenamtlich t\u00e4tig).<\/p>\n<p><strong>Wer es sich nicht leisten kann, nur f\u00fcr die Ehre zu arbeiten, bleibt auch von den sozial und beruflich nutzbringenden Ehren\u00e4mtern ausgeschlossen<\/strong>. Es gilt das Matth\u00e4usprinzip: Wer hat, kann weitergeben.<\/p>\n<p>Arbeitslose, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte, Jugendliche in arbeitsmarktpolitischen Ma\u00dfnahmen, Rentnerinnen, Hartz-IV-Empf\u00e4nger haben kaum Ressourcen frei und finden oft den Einstieg nicht. <strong>Welche Angebote, Anerkennungs- und Finanzierungsformen k\u00f6nnen die Schwelle senken?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Ehrenamtlichen wollen nicht, dass ihre intrinsische Motivation einer extrinsischen Kontrolle unterzogen wird. <strong>Ehrenamtliche entscheiden sich f\u00fcr die Arbeit und die Beziehung \u2013 nicht f\u00fcr den Lohn: \u201eW\u00fcrde ich daf\u00fcr bezahlt, w\u00fcrde ich es nicht machen.\u201c<\/strong> Aber 44% der Freiwilligen fordern eine bessere steuerliche Absetzbarkeit.<\/p>\n<p>Durch engagementpolitische Initiativen und staatliche Gesetzgebung hat sich <strong>eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen <\/strong>entwickelt: <strong>Bundesfreiwilligendienst, 450-Euro-Jobs, die steuerfreie \u00dcbungsleiterpauschale (2.400 Euro j\u00e4hrlich), die Ehrenamtspauschale (720 Euro j\u00e4hrlich).<\/strong> Inzwischen sind sie unverzichtbar f\u00fcr Nachbarschaftsnetzwerke, Mehrgenerationenh\u00e4user und Pflegedienste.<\/p>\n<p>Die \u00dcberg\u00e4nge sind flie\u00dfend: <strong>Das gilt auch f\u00fcr Aufwandsentsch\u00e4digungen in Aufsichtsr\u00e4ten, Predigten von RuhestandspfarrerInnen, OrganistInnen usw. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Geld und Liebe in Ehrenamt und Beruf<\/strong><\/p>\n<p>\u201eFreiwilliges Engagement ist frei vereinbarte T\u00e4tigkeit &#8230;, beinhaltet ein hohes Ma\u00df an Selbstbestimmung &#8230;, ist nicht an Tarife und Ausbildungsg\u00e4nge gebunden &#8230;, kurz oder mittelfristig ver\u00e4nderbar &#8230;, und ohne Bezahlung.\u201c<\/p>\n<p>\u201e<strong>Du musst nichts als ehrenamtliche Kraft. Das ist eines der gro\u00dfen Geschenke: Du kannst dich selbst erproben. Du kannst dich selbst neu kennenlernen. Du kannst deine Berufung finden.\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Engagementbiographien zeigen: <strong>Mal ist es die Familie, mal der Beruf, aus denen sich ehrenamtliches Engagement entwickelt<\/strong>. Und umgekehrt: <strong>Mal finden Teilnehmende ihren Beruf auf dem Hintergrund ehrenamtlicher Erfahrungen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eSeitenwechsel\u201c zwischen beruflicher und ehrenamtlicher T\u00e4tigkeit werden normaler. <\/strong>Viele, die in Kirche und Wohlfahrtspflege beruflich t\u00e4tig sind, arbeiten an anderer Stelle ehrenamtlich.<\/p>\n<p><strong>Selbstt\u00e4tigkeit und \u201eVertiefung des eigenen Weges\u201c sind der Gewinn im Ehrenamt. <\/strong>Dazu kommen neue Zugangsqualifikationen, neue Netze. Ehrenamtliches Engagement hilft, Lebens\u00fcberg\u00e4nge zu gestalten \u2013 von der Schule in den Beruf, von der Erwerbst\u00e4tigkeit in die dritte Lebensphase, von der Familienphase zur\u00fcck in den Beruf. <strong>Ehrenamt braucht aber eine grundlegende \u00f6konomische Absicherung (famili\u00e4r, staatlich oder durch den Tr\u00e4ger).<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00d6konomische Sicherheit und professionelle Verantwortung geh\u00f6ren zum Gewinn beruflicher Arbeit<\/strong>. <strong>Aber auch berufliche Zufriedenheit ist auf Motivationserhalt, Bildungsangebote, Teamentwicklung angewiesen<\/strong>. Diskontinuierliche Erwerbsbiographien f\u00fchren zu einem neuen Interesse an Sinn und sozialer Gestaltung der Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Das Spannungsfeld von Liebe und Geld kann zu Konflikten zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen f\u00fchren<\/strong>. Wo die Grenzen klar gezogen sind und Ehrenamt als freiwilliger Zusatz begriffen wird, entsteht Rollenklarheit. Aber auch <strong>jede Einzelne braucht eine gute Balance.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Hannover, 8.9.2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h5><strong>Literaturangaben<\/strong><\/h5>\n<h5>Coenen-Marx, Cornelia: Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen. Christsein und Kirche in der Transformation. G\u00f6ttingen, Edition Ruprecht 2016<\/h5>\n<h5>Coenen-Marx, Cornelia \/ Hofmann, Beate: Symphonie \u2013 Drama \u2013 Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. Stuttgart, Kohlhammer 2017<\/h5>\n<h5>Evangelische Kirche in Deutschland, Engagement und Indifferenz, Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung \u00fcber Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014.<\/h5>\n<h5>Heinzpeter Hempelmann\/ Karen Hinrichs\/ Ulrich Heckel\/ Dan Peter (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer milieusensiblen Kirche. Die SINUS-Studie \u201eEvangelisch in Baden und W\u00fcrttemberg\u201c und ihre Konsequenzen f\u00fcr kirchliche Handlungsfelder, Neukirchen 2015 (Kirche und Milieu Bd. 2)<\/h5>\n<h5>Julia Simonson, Claudia Vogel und Clemens Tesch-R\u00f6mer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland \u2013 Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254\">https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254<\/a><\/h5>\n<h5>Potenziale vor Ort, Erstes Kirchengemeindebarometer, Leipzig 2015<\/h5>\n<h5>Gerhard Hess, Paul-Stefan Ross: \u201eRahmenbedingungen systematischer Ehrenamtsf\u00f6rderung: Beobachtungen und Erkenntnisse aus der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg\u201c, in: Cornelia Coenen-Marx. Beate Hofmann (Hg). Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche, Stuttgart 2017<\/h5>\n<h5><a href=\"http:\/\/www.evangelisch-Ehrenamt.de\">www.evangelisch-Ehrenamt.de<\/a><\/h5>\n<h5>Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis, V. EKD-Erhebung \u00fcber Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2016<\/h5>\n<h5>Theologie des Ehrenamtes (Konsultationstag des Referats Sozial- und Gesellschaftspolitik des EKD-Kirchenamts), epd-Dokumentation 21\/13<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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