{"id":4185,"date":"2019-01-21T13:03:22","date_gmt":"2019-01-21T12:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4185"},"modified":"2019-01-21T13:03:22","modified_gmt":"2019-01-21T12:03:22","slug":"andacht-bei-der-40-sommertagung-der-wirtschaftsgilde-e-v-oberstorf-02-07-2018-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4185","title":{"rendered":"Andacht bei der 40. Sommertagung der Wirtschaftsgilde e.V., Oberstorf, 02.07.2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eJa, mach nur einen Plan! Sei nur ein gro\u00dfes Licht! Und mach dann noch \u2018nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht<\/strong>.\u201c Bert Brechts \u201eBallade von der Unzul\u00e4nglichkeit menschlichen Planens\u201c von 1928 ist gepr\u00e4gt von der Erfahrung, dass sich der Einzelne l\u00e4cherlich macht, wenn er versucht, sein Gl\u00fcck zu planen.\u00a0<strong>Denn f\u00fcr dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht genug. Doch sein h\u00f6hres Streben ist ein sch\u00f6ner Zug.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ja, renn nur nach dem Gl\u00fcck, doch renne nicht zu sehr. Denn alle rennen nach dem Gl\u00fcck, das Gl\u00fcck rennt hinterher.\u00a0<\/strong>Der Versuch, das eigene Leben wie ein Unternehmen zu planen, st\u00f6\u00dft schnell an Grenzen.\u00a0<strong>Woran das liegt, variiert Brecht \u00fcber vier Strophen: Der Mensch ist nicht anspruchslos genug, nicht schlau genug, nicht gut oder nicht schlecht genug. Er ist ganz einfach nicht Gott.<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir unglaublich viele M\u00f6glichkeiten haben. Wir haben uns befreit von Bindungen und Beziehungen, traditionelle Zusammenh\u00e4nge aufgel\u00f6st. \u201e<strong>Aber immer sch\u00e4rfer treibt die Moderne die Frage nach dem Sinn hervor. In der wachsenden Komplexit\u00e4t k\u00f6nnen wir das Leben nur noch unzusammenh\u00e4ngend und fragmentarisch wahrnehmen. Was bleibt, wird von vielen als sinnloses \u201eNichts\u201c empfunden.\u201c<\/strong>\u00a0sagt der Philosoph Wilhelm Schmidt.<\/p>\n<p>Alle Suche nach Sinn ist unbefriedigend \u2013 ein Haschen nach Nichts.\u00a0<strong>Das ist auch die Botschaft des Predigerbuches.<\/strong><\/p>\n<p>Am guten Tage sei guter Dinge, und den b\u00f6sen Tag nimm auch f\u00fcr gut; denn diesen schafft Gott neben jenem, dass der Mensch nicht wissen soll, was k\u00fcnftig ist. Allerlei habe ich gesehen in den Tagen meiner Eitelkeit.\u00a0<strong>Da ist ein Gerechter, und geht unter mit seiner Gerechtigkeit; und ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit.<\/strong><\/p>\n<p>Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, dass du dich nicht verderbest. Sei nicht allzu gottlos und narre nicht, dass du nicht sterbest zur Unzeit. Gott schafft Tage des Gl\u00fccks und des Unheils, damit der Mensch nichts findet hinter ihm. (Koh. 7, 15- 18)<\/p>\n<p>Die Zeit des Hellenismus in der dieser Text in Jerusalem geschrieben wurde, glich in manchem unserer globalen Moderne. So gro\u00dfartig die \u201esieben Weltwunder\u201c erschienen, so viel Individualit\u00e4t und Differenzierung der L\u00e4nder und Kulturen m\u00f6glich war \u2013\u00a0<strong>wo alles m\u00f6glich scheint, tr\u00e4gt nichts mehr. Die Ma\u00dfst\u00e4be verschieben sich. Das Streben nach Weisheit, ja selbst der Kampf um Gerechtigkeit sind zum Gesch\u00e4ft verkommen.<\/strong><\/p>\n<p>Das kennen wir auch. Nehmen wir das Beispiel Fl\u00fcchtlingsarbeit.\u00a0<strong>Viele engagieren sich, weil sie es nicht ertragen, auf einer Insel der Seligen zu leben, w\u00e4hrend andere unverschuldet leiden \u2013 unter Armut, Kriegen, Klimawandel. \u201c<\/strong>Unser Dorf ist gl\u00fccklicher, seit wir Fl\u00fcchtlinge haben. Weil es viele Menschen gibt, die vorher f\u00fcr sich allein lebten und jetzt pl\u00f6tzlich Menschen in Not helfen k\u00f6nnen\u201c, sagt der Psychiater und Theologe Manfred L\u00fctz. \u201e<strong>Gl\u00fcck ist eben kein Ego-Trip. Der Mensch ist ein soziales Wesen.\u201c Oder ist es ganz anders \u2013 werden dabei die Anderen zu einem subtilen Mittel f\u00fcr das eigene Gl\u00fcck?\u00a0<\/strong>Der Soziologe Heinz Bude meint, der Ausdruck \u201eGutmensch\u201c sei ein Versuch, diese Selbstbezogenheit in der Fremdbek\u00fcmmerung blo\u00dfzulegen. \u201eSobald wir die Bilder sehen, wie Menschen ertrinken bei dem Versuch, \u00fcbers Meer nach Europa zu gelangen, meldet sich der Gutmensch in seiner ganzen moralischen Hilflosigkeit\u201c sagt er. Und er spitzt zu:\u00a0<strong>Fl\u00fcchtlingsinitiativen seien moralische Gesch\u00e4fte\u00a0<\/strong>\u2013 sie verkaufen Moral an die Mittelschicht, die sich Moral leisten k\u00f6nnen. Was bleibt nach solchen Auseinandersetzungen um Gl\u00fcck und Moral, was bleibt nach all den engagierten, aber auch aggressiven politischen Debatten in Europa?\u00a0<strong>Am Ende bleiben nur Entt\u00e4uschung und Zynismus.\u00a0<\/strong>Man kann auch auf der Suche nach Gerechtigkeit zu Grunde gehen, sagt der Prediger.<\/p>\n<p><strong>Nur \u2013 wie sonst l\u00e4sst sich die Ungerechtigkeit der Welt aushalten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der j\u00fcdische Psychoanalytiker Victor Frankl<\/strong>\u00a0hat das KZ \u00fcberlebt. Er hat sich mit der Frage nach dem Sinn auseinandergesetzt und die Logo-Therapie entwickelt. \u201eTrotzdem Ja zum Leben sagen\u201c, hei\u00dft sein bekanntestes Buch. Er\u00a0<strong>beschreibt drei Hauptstra\u00dfen zum Sinn: Erstens: Sinnliche Erfahrung<\/strong>. Das unmittelbare Erleben von Gl\u00fcck in der Liebe, die Freude an einem guten Essen, einem Sonnenuntergang oder an sch\u00f6ner Musik.\u00a0<strong>Zweitens: Engagement<\/strong>. Das Eintreten f\u00fcr eine Sache und das Gef\u00fchl, mit dem eigenen Leben etwas bewirken zu k\u00f6nnen.\u00a0<strong>Und drittens eine bedingungslose Treue zum Leben \u2013 auch im Leiden<\/strong>. Es geht darum, offen zu bleiben, f\u00fcr das, was mit uns geschieht \u2013 und was wir eben nicht beeinflussen. \u201e<strong>Wer Gott f\u00fcrchtet, der entgeht dem allen\u201c, hei\u00dft es bei Kohelet.\u00a0<\/strong>Entgeht dem Zynismus und der Verzweiflung, dem politischen Extremismus und der Sucht nach purem Genuss.<strong>\u00a0Gottesfurcht w\u00e4chst aus der Einsicht, dass man den unbegreifbaren Gott letztlich nicht verstehen, sondern nur vertrauen kann. Dass da Sinn ist gegen alle Unsinnserfahrung.<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren wandeln sich die Gl\u00fccksratgeber. Neben das Planen ist das Vertrauen getreten. In dem Bestseller \u201eWiedersehen im Caf\u00e9 am Rande der Welt\u201c \u2013 wird ein gelungenes Leben mit dem Surfen verglichen<strong>. Wie beim Surfen kommt es darauf an, die Wellen des Lebens zu reiten, die wir selbst nicht steuern:<\/strong>\u00a0Die Traumwelle in den Blick zu nehmen, sich von ihrer machtvollen Energie nicht beirren zu lassen und die Angst zu besiegen. Keine Garantie, dass das gelingt \u2013 so manches Mal wird man unter der Welle hindurchtauchen m\u00fcssen. Dann gibt es nur eins: sich den Wellen zu \u00fcberlassen, statt dagegen anzuk\u00e4mpfen \u2013 einfach nur darauf zu achten, dass man gen\u00fcgend Luft bekommt und atmet. Und darauf zu vertrauen, dass das Wasser tr\u00e4gt, so Furcht einfl\u00f6\u00dfend es auch erscheinen mag. \u201eWei\u00df ich den Weg auch nicht, Du wei\u00dft ihn wohl\u201c, hei\u00dft es in einem alten Lied.\u00a0<strong>Dieses Vertrauen ist die entscheidende Dimension der Spiritualit\u00e4t. Respekt vor dem Leben, Gottesfurcht.<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Hemmerle, der ehemalige Bischof von Aachen, hat diesen Glauben gegen allen Unglauben so beschrieben: \u201e<strong>Der Spielraum des Menschen entsteht nicht aus vorgeplanten und vorgefertigten M\u00f6glichkeiten, sondern aus ausgehaltenen Unm\u00f6glichkeiten.<\/strong>\u00a0Spielraum ist, wo\u00a0<strong>ich in den Unm\u00f6glichkeiten und Ausweglosigkeiten da bin und IHM zutraue, dass ER da ist.\u00a0<\/strong>Wir haben ein ziemlich perfektes System entwickelt, um solche Ausweglosigkeiten m\u00f6glichst zu vermeiden, vor Katastrophen gesichert und auf Unvorhergesehenes vorbereitet zu sein.<strong>\u00a0Glaube geschieht aus dem Wunder, und das Wunder ist das Unm\u00f6gliche, und das Unm\u00f6gliche geschieht eben nur dort, wo wir am Ende sind: in der Aporie<\/strong>. Aporie: nicht billig aufl\u00f6sen, Aporie: nicht ausweichen, sondern da sein, wo ich am Ende bin. Dasein, wo die oder der andere am Ende ist. Dasein, wo unser Latein am Ende ist.\u00a0<strong>Dasein, so dass er wirken kann.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Damit ist zugleich das Thema Gerechtigkeit aufgenommen: Dasein, wo die oder der andere am Ende ist. Wo unser Latein am Ende ist.\u00a0<strong>Und so \u2013 in der schlichten Solidarit\u00e4t, die mehr ist als alles \u201eGutmenschentum\u201c \u2013 selbst erneut Sinn erfahren. Amen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJa, mach nur einen Plan! Sei nur ein gro\u00dfes Licht! 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