{"id":4183,"date":"2019-01-21T13:02:18","date_gmt":"2019-01-21T12:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4183"},"modified":"2019-01-21T13:02:18","modified_gmt":"2019-01-21T12:02:18","slug":"kwa-forum-andacht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4183","title":{"rendered":"KWA-Forum: Andacht"},"content":{"rendered":"<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">\u201eHeimat\u201c ist wieder im Trend. Nicht nur in Politik und Ministerien. Je mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto wichtiger wird Heimat. Die Zeitschrift Vital empfahl k\u00fcrzlich eine kleine Silberkette, auf der man die Koordinaten der Heimatstadt eingravieren lassen kann \u2013 die Heimat immer auf dem Herzen tragen. Die heimatliche Silhouette ist ohnehin tief in die Seele eingraviert: die M\u00fcnchner Frauenkirche, das Brandenburger Tor, der Hamburger Michel \u2013 nicht zuf\u00e4llig sind es h\u00e4ufig die Kirchen und Dome, die das Heimatgef\u00fchl st\u00e4rken. Hier im Ruhrgebiet sind es die Silhouetten der alten F\u00f6rdert\u00fcrme. Auch Kirche hatte den F\u00f6rderturm im Logo \u2013 in der Evangelischen Akademie in M\u00fclheim, die inzwischen verkauft wurde.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Hier ist alles etwas anders. Heimat hat hier nichts mit Lederhosen oder Landzeitschriften zu tun. \u201eEine traditionelle Ruhrgebietsk\u00fcche suchen Sie vergebens\u201c steht im Reisef\u00fchrer. \u201eDie Menschen, die von \u00fcberall her ins Land str\u00f6mten, haben einen kulinarischen Flickenteppich geschaffen. Dass Fremde zuziehen, als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge, geh\u00f6rt zur Region. Dass in der Kneipe die Speisekarte wechselt, dass Nachbarn eine andere Sprache sprechen \u2013 das kennt man hier. Es gibt D\u00f6ner wie Frikadellen zum Bier und immer Pommes rot-wei\u00df. Handfeste K\u00fcche und klare Ansagen. Anders k\u00e4me man auch nicht klar. \u201eH\u00f6mma! Das ist hier nich f\u00fcr zum Spa\u00df\u201c steht auf einer Karte, die ich neulich am Bahnhof gekauft habe.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Trotzdem kann auch diese Heimat fremd werden. Das \u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c kann zerbrechen, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause f\u00fchlen. So wie in Duisburg-Marxloh, wo schon vor 25 Jahren 80 Prozent der Kinder im evangelischen Kindergarten muslimisch waren. Mitte der 90er Jahre, im Zuge der ersten Sparwelle im Rheinland, wurde die Gemeinde dort aufgegeben, und auch anderswo im Duisburger Norden, in M\u00fclheim und Oberhausen wurden Kirchen geschlossen und verkauft, Gemeinden zusammengeschlossen, Kirchenkreise fusioniert. Ein schmerzhafter Prozess f\u00fcr die meist \u00e4lteren Gemeindemitglieder, die in den schrumpfenden Regionen zur\u00fcckgeblieben waren. Wo Thyssen-Krupp oder Mannesmann ihre Werke schlossen, waren die Mobilen l\u00e4ngst weggezogen. In Presbyterien und Gemeindeversammlungen war die Verunsicherung zu sp\u00fcren. Was bleibt, wenn Post und Sparkassen geschlossen sind, fragten sich die Leute. In Duisburg brach der Streit um den lautsprecherverst\u00e4rkten Gebetsruf los. 40 Moscheen hatte irgendwer gez\u00e4hlt. Hier war alles etwas fr\u00fcher.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Es g\u00e4be inzwischen eine Art \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c. der zum Treiber der rechtspopulistischen Bewegungen werde, sagt Heinz Bude. Dahinter steht die diffuse Erfahrung, dass die M\u00e4rkte nicht nur den Wettbewerb um Produkte, Dienstleistungen, Arbeitspl\u00e4tze antreiben, sondern inzwischen auch auf Lebensbereiche \u00fcbergreifen, die bislang \u00f6ffentlich und solidarisch organisiert waren. Wo Stadtteilbibliotheken und Schwimmb\u00e4der geschlossen, wo Brunnen abgestellt und B\u00e4nke abgebaut werden, verschwinden gerade jene Orte, die Raum gaben f\u00fcr ein Miteinander in der \u00d6ffentlichkeit.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">In dieser Region haben auch Fremde sich Heimat erarbeitet \u2013 Solidarit\u00e4t wird hier gro\u00df geschrieben, wenn tragende Strukturen brechen. Und wenn nun auch Kirchen geschlossen werden \u2013 welche Hoffnung kann der Glaube bieten? \u201eDas ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause\u201c, hat Friedrich von Bodelschwingh geschrieben. Die Antwort der Inneren Mission auf die Umbr\u00fcche der Industrialisierung waren die Herbergen f\u00fcr Heimatlose, die Arbeiterkolonien und Hospize f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige \u2013 Einrichtungen f\u00fcr die, die unter die R\u00e4der gekommen waren. Oft waren dabei die Wohnquartiere im Blick \u2013 mit Wicherns Utopie eines neuen St. Georg genauso wie mit Fliedners Gemeindeschwester. Heute wollen die offenen Stadtkirchen, die Diakoniel\u00e4den und Gemeinwesenzentren genau das sein: Herbergen am Weg. Wo Menschen ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen, solidarisch zusammenarbeiten und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Wie im Bonni in Gelsenkirchen-Haspel. Da hat die B\u00fcrgerstiftung \u201eWir in Hassel\u201c ein Gemeindehaus \u00fcbernommen und zum Gemeinwesenzentrum weiterentwickelt: mit Fahrradwerkstatt und Kantine f\u00fcr die Schule, mit kleinem Theater und Generationentreffs. Und auch mit Gottesdiensten \u2013 im Zentrum und auf dem nahen gelegenen Markt. Zum Tr\u00e4gerverein geh\u00f6ren auch BP und die DITIB. Das blieb nicht ohne Kritik \u2013 aber hier brummt das Leben. Kirche hat sich neu entdeckt \u2013 als Plattform f\u00fcr Teilhabeprozesse, als Lebensmittelpunkt, als Erm\u00f6glicherin und als Herberge auf dem Weg. Das Restaurant im Bonni, wo es lecker Mittagessen gibt, hei\u00dft \u00fcbrigens \u201eDietrichs\u201c \u2013 denn das Haus ist noch immer nach Dietrich Bonhoeffer benannt, dem Kirche f\u00fcr und mit anderen so wichtig war. \u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen T\u00fcren gerade f\u00fcr die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen\u201c, hat auch Dorothee S\u00f6lle gesagt. \u201eHeimat, die wir nur f\u00fcr uns selbst besitzen, macht uns eng und muffig.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Beheimatung braucht Beteiligung. Das wei\u00df man nicht nur in Gelsenkirchen. Daf\u00fcr braucht es runde Tische und R\u00e4ume der Begegnung, vor allem aber ein neues Denken. Manchmal m\u00fcssen wir uns selbst in Erinnerung rufen, was wir als Kirche dazu beitragen k\u00f6nnen \u2013 und welches Kapital Gemeinden noch immer haben \u2013 an R\u00e4umen, aber auch an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Kirchen k\u00f6nnen k\u00f6nnen Raum geben f\u00fcr Initiativen oder spontane Hilfe, f\u00fcr Mittagstische, Tafeln, oder Deutschkurse. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erz\u00e4hlen davon, wie die Gemeinde Schranken \u00fcberwindet. \u201eSie verkauften G\u00fcter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer n\u00f6tig hatte. Und sie waren t\u00e4glich einm\u00fctig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den H\u00e4usern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.\u201c Die Gemeinde teilt und organisiert Teilhabe. Armut ist kein Hindernis am Tisch des Herrn und Menschen mit Behinderung werden genauso einbezogen wie Migrantinnen und Migranten. Das geht auch damals nicht ohne Konflikte ab. Die Apostelgeschichte erz\u00e4hlt von den griechischen Witwen. Frauen, Migrantinnen \u2013 sie sitzen ganz unten an der Tafel und m\u00fcssen von dem leben, was da ankommt. Die Bibel erz\u00e4hlt, welche Kr\u00e4fte frei werden, wenn Menschen bereit sind, sich nach unten zu b\u00fccken, statt zu treten \u2013 wenn Menschen, die am Rande stehen, integriert werden. Die griechischen M\u00e4nner, die sich f\u00fcr die Witwen einsetzen, werden Teil der Gemeindeleitung und beginnen, das Evangelium in einer Sprache zu predigen, die ihre Leute verstehen. Die Gemeinde \u00f6ffnet sich und sie w\u00e4chst.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">\u201eDenn euch und euren Kindern gilt die Verhei\u00dfung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird\u201c, hat Petrus gesagt. \u201eEine Stadt ist dann gut, wenn sie Menschen miteinander verbindet\u201c, sagt der Psychiater Mazla Adli von der Fliedner-Klinik in Berlin. Wenn man auch mal B\u00e4nke zusammenschieben und zusammensitzen kann. Das entscheidende geschieht am gemeinsamen Tisch, wo sich M\u00e4nner und Frauen, Juden und Griechen finden \u2013 alle auf der Suche nach einem neuen Miteinander. Alle verbunden in der gro\u00dfen Hoffnung auf die neue Stadt, das neue Jerusalem. Da werden Tr\u00e4nen abgewischt, blutige Kleider ausgewaschen, das besch\u00e4digte Leben wird gew\u00fcrdigt. In der Mitte stehen keine Geldt\u00fcrme, keine F\u00f6rdert\u00fcrme, aber auch keine Kircht\u00fcrme; in der Mitte steht das Lamm mit seinen Verwundungen. Der Gekreuzigte. Der Mensch.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Hier in den Ruhrgebietskirchenkreisen wurde immer wieder dar\u00fcber gestritten, was eigentlich in der Mitte stehen muss, wenn unsere St\u00e4dte Heimat werden sollen. Was zeichnet eine menschliche Stadt aus? 1994 entschloss sich der Kirchenkreis Oberhausen, ein \u00f6kumenisches Kirchenzentrum hier im Centro einzurichten, in der neuen Mitte. Darf man das, fragten viele? In diesem Tempel des Konsumismus, der die alte Innenstadt entleert? Oder muss das sein, um zu zeigen, wo wir Heimat finden? Und worauf es dabei ankommt? \u201eAuch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten \u2013 lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit\u201c, sagt, Anthony Pilla, Bischof von Cleveland, in einer Rede \u00fcber die Kirche in der Stadt. Daran arbeiten wir, daf\u00fcr setzen wir uns ein. Amen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Cornelia Coenen-Marx, Oberhausen 16.6.18<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHeimat\u201c ist wieder im Trend. Nicht nur in Politik und Ministerien. 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