{"id":4115,"date":"2018-12-29T13:45:29","date_gmt":"2018-12-29T12:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4115"},"modified":"2020-02-25T17:56:01","modified_gmt":"2020-02-25T16:56:01","slug":"was-soll-das-noch-werden-und-was-geht-es-mich-an","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4115","title":{"rendered":"Was soll das noch werden und was geht es mich an?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Schatz- und Spurensuche auf dem Weg ins neue Jahr<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Hab Mut, genau hinzusehen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAb 21.12. werden die Tage wieder l\u00e4nger\u201c; las ich, \u201edas ist gut f\u00fcr die Stimmung. Genau wie der Merkur-Jupiter-Rat, am Wunschzettel f\u00fcr 2019 zu basteln. Zudem ruft Mars \u201eSei mutig\u201c \u2013 und Saturn \u201caber mit Augenma\u00df\u201c: Ein idealer Mix\u201c. Ja, ich las es diese Woche in der \u201eBrigitte\u201c. Auch wer nicht an Horoskope glaubt, kommt in diesen Tagen nicht an den Jahreshoroskopen vorbei, die jetzt alle Illustrierten f\u00fcllen. Ich pers\u00f6nlich kann mir nicht vorstellen, dass die Sternkonstellationen so m\u00e4chtig sind, mein Schicksal zu beeinflussen- es sind, so denke ich, politische und wirtschaftliche und ganz pers\u00f6nliche Entscheidungen, die mein Leben pr\u00e4gen. Es sind meine Werte und Visionen, die mir die Richtung zeigen. Und es ist auch die Stimme, auf die ich h\u00f6re, nach der ich frage in den Stimmen der Zeit.<\/p>\n<p>Von Politik und Wirtschaft allerdings wollen immer mehr meiner Bekannten nichts mehr wissen. \u201eOft m\u00f6chte man einfach nur Augen und Ohren zu machen, um immer neue Schreckensmeldungen nicht mehr zu h\u00f6ren. Und ich ertappe mich manchmal bei einer Meldung dabei, dass ich denke: \u201eDas muss ich nicht mehr erleben\u201c, schrieb eine Freundin zu Weihnachten. \u201eDabei klagen wir wohl auf hohem Niveau\u201c, meinte sie, \u201emein Mann und ich blicken auf eine intakte Familie, die gesund und finanziell abgesichert ist und ein intern friedliches Weihnachtsfest\u201c. In einer Zeit, in der die politischen Grundkonstellationen sich verschieben, wo die globale Unsicherheit w\u00e4chst und jedem bewusst ist, dass berufliche Entscheidungen eine geringe Halbwertzeit haben, wo Menschen sich alle paar Jahre neu erfinden m\u00fcssen, da halten sich viele fest an Sternkonstellationen und Sternbildcharakteren. \u201eL\u00f6we eben- da kannst Du nichts machen\u2026\u201c Ich f\u00fcrchte, das ist eine tr\u00fcgerische Gewissheit.<\/p>\n<p>Also versuche ich auch weiter, genau hinzusehen, was auf der Welt geschieht, mir klar zu machen, was sich ver\u00e4ndert \u2013 versuche, den Wandel zu verstehen, der so viele beunruhigt. Was kommt auf uns zu im Jahr 2019? Der Brexit? Geordnet oder ungeordnet? Die Europawahl mit ihren Zerrei\u00dfproben- was wird sie bedeuten f\u00fcr die Gro\u00dfe Koalition, die Regierung im Land? Wie geht es weiter in Syrien und in Afghanistan nach dem Abzug der Amerikaner? Und in den USA mit Donald Trump? 2019 ist wieder ein Gedenkjahr. Ein Freund erinnerte mit seiner Weihnachtskarte daran: \u201eDrei Ereignisse j\u00e4hren sich, die das letzte Jahrhundert in besonderer Weise pr\u00e4gten: 1939 begann der Zweite Weltkrieg, im Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet und im November 1989 fiel die Berliner Mauer. Das kann Verpflichtung sein f\u00fcr die kommenden politischen Auseinandersetzungen.\u201c F\u00fcr das Ringen um eine lebendige Demokratie, um eine konstruktive Weiterentwicklung der Europ\u00e4ischen Union, um die Integration in unserm Land- von Gefl\u00fcchteten, Migranten, aber eben auch von Ost- und Westdeutschen. \u00dcbrigens wurde im Oktober 1949 auch die Verfassung der DDR verabschiedet. Wer sich deren erste Artikel anschaut, kann manchen hellsichtigen Kommentar zu den Ereignissen in Chemnitz finden. In den Bahnhofskiosken findet sich jetzt das Grundgesetz als Zeitschrift \u2013 vielleicht w\u00e4re es jetzt an der Zeit, auch die \u201eanderen\u201c, die vergessene Verfassung noch einmal zur Hand zu nehmen und zu verstehen, wo unser Land herkommt. Da steht zum Beispiel in Artikel 6: \u201eBoykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegendemokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, V\u00f6lkerha\u00df, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches\u201c. Da zeigen sich die Lektionen des 3. Reiches, die wir heute wieder brauchen k\u00f6nnen; eine Erinnerung daran lohnt.<\/p>\n<p>Denn wir sind ja nicht nur Getriebene \u2013 wir k\u00f6nnen uns erinnern, uns auseinandersetzen. Etwas \u00e4ndern. Politisch k\u00e4mpfen. Gegen die schlechten Rahmenbedingungen und die Zeitknappheit in der Pflege zum Beispiel, den \u00f6konomischen Druck in den Krankenh\u00e4usern, die mangelnden Investitionen in den Schulen. Mir liegt viel an einer neuen Wertsch\u00e4tzung der Sorgearbeit; daf\u00fcr trete ich mit meiner Arbeit ein. Und was w\u00fcrden Sie gern \u00e4ndern, was m\u00f6chten Sie noch erleben? Die Verkehrswende vielleicht? Oder wirklich angemessene Ma\u00dfnahmen gegen den Klimawandel? Es geht darum, genau hinzusehen \u2013 auf den Wandel in der \u00e4u\u00dferen Welt, aber auch darauf, was uns selbst antreibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Bleib neugierig und engagiert<\/strong><\/p>\n<p>Zu Silvester 1895 schreibt Theodor Fontane ein Neujahrsgedicht; ein Altersgedicht zugleich. Denn am 30. Dezember feierte er Geburtstag; 1895 den 75.<\/p>\n<p>\u201eEigentlich ist mir alles gleich\u201c, schreibt er,<br \/>\n\u201eDer eine wird arm, der andre wird reich,<br \/>\nAber mit Bismarck &#8211; was wird das noch geben?<br \/>\nDas mit Bismarck, das m\u00f6cht&#8216; ich noch erleben\u201c.<\/p>\n<p>Bismarck war im Fr\u00fchjahr 80 Jahre alt geworden \u2013 und sein Geburtstag hatte das Land in Bewegung gesetzt. Eigentlich war er seit 5 Jahren aus dem Amt entlassen. \u201eEs ist ein Gl\u00fcck, dass wir ihn los sind [&#8230;]\u201c, hatte Fontane geschrieben und damit der allgemeinen Stimmung Ausdruck gegeben. &#8222;Seine Gr\u00f6\u00dfe lag hinter ihm\u201c, schreibt Fontane, aber noch aus der zweiten Reihe hatte der so genannte \u201eReichsgr\u00fcnder\u201c enormen Einfluss. Nicht zuletzt durch seine Biographie \u201eGedanken und Erinnerungen.\u201c Als der Reichstag im Winter 95 dar\u00fcber abgestimmt hatte, ob man eine offizielle Gru\u00dfadresse schicken sollte, waren die Anh\u00e4nger unterlegen- stattdessen aber hatten 370 deutsche St\u00e4dte den Altkanzler zum Ehrenb\u00fcrger ernannt. Mit Interesse beobachtet Fontane dieses Hin und Her \u2013 mit Neugier fragt er sich, wie es weiter gehen soll. Da kommt der Journalist zum Tragen, der er eben auch war \u2013 seit 1851 Mitarbeiter der Centralstelle f\u00fcr Pressangelegenheit, Auslandskorrespondent in England und Schottland und Journalist der Vosseschen Zeitung \u00fcber Jahrzehnte. Der gelernte Apotheker Fontane lebte vom Schreiben; mit dem Schreiben musste er Frau und vier Kinder ern\u00e4hren, aber mit Versen allein w\u00e4re das nicht m\u00f6glich gewesen. So lebte er an verschiedenen Schreibtischen- zu Hause, in Hotels unterwegs durch England und Schottland, in einer eigenen Kammer im Kloster am Stechlinsee. Die professionelle Neugier allerdings war mit dem Alter ged\u00e4mpft. Denn<\/p>\n<p>Eigentlich ist <strong>alles soso,<\/strong><br \/>\nHeute traurig, morgen froh,<br \/>\nFr\u00fchling, Sommer, Herbst und Winter,<br \/>\nAch, es ist nicht viel dahinter.<\/p>\n<p>Nicht viel dahinter. S\u00e4tze wie diese finden sich zu Hauf in Fontanes Briefen und Tageb\u00fcchern \u2013 oft mit einem resignativen Unterton. \u201eAn nichts nehme ich mein Alter so sehr wahr, schreibt er schon 1891 an Emilie, seine Frau, \u201eals an dieser Art Interesselosigkeit. Nichts verlohnt sich mehr \u2026\u201c \u201eDenn ich in nicht wie Bogumil Goltz\u201c- ein polnischer Schriftsteller und Zeitgenosse- \u201eder vor Wuth \u00fcber sein Alter auf den Tisch schlug. Resignieren k\u00f6nnen ist ein Gl\u00fcck und beinahe eine Tugend.\u201c Fontane aber schwankt \u2013 neben der Resignation steht Lebenslust, Neugier neben Interesselosigkeit \u2013 ja, und auch Engagement f\u00fcr das, was kommt. F\u00fcr seine Enkel jedenfalls.<\/p>\n<p><strong>Aber mein Enkel<\/strong>, so viel ist richtig,<br \/>\nWird mit n\u00e4chstem vorschulpflichtig,<br \/>\nUnd in etwa vierzehn Tagen<br \/>\nWird er eine Mappe tragen,<br \/>\nL\u00f6schbl\u00e4tter will ich ins Heft ihm kleben &#8211;<br \/>\nJa, das m\u00f6cht&#8216; ich noch erleben.<\/p>\n<p>L\u00f6schbl\u00e4tter, damit die Tinte sich nicht abdr\u00fcckt auf der gegen\u00fcberliegenden Seite. Oder um einen Tintenfleck zu vermeiden, wenn mal zu viel davon flie\u00dft. L\u00f6schbl\u00e4tter, um mit Fehlern umgehen, sich selbst korrigieren zu k\u00f6nnen- die will der Schriftsteller seinem Enkel ins Heft kleben. Das gef\u00e4llt mir: Ein kleines Verm\u00e4chtnis, eine liebevolle Begleitung. Trotz allem. Denn<\/p>\n<p>Eigentlich ist <strong>alles nichts,<\/strong><br \/>\nHeute h\u00e4lt&#8217;s, und morgen bricht&#8217;s,<br \/>\nHin stirbt alles, <strong>ganz geringe<br \/>\nWird der Wert der ird&#8217;schen Dinge;<\/strong><\/p>\n<p>Doch wie tief herabgestimmt<br \/>\n<strong>Auch das W\u00fcnschen Abschied nimmt,<br \/>\nImmer klingt es noch daneben:<br \/>\nJa, das m\u00f6cht&#8216; ich noch erleben.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Beschreibung des Alterns ist das \u2013 dieses Hin und Her. Das W\u00fcnschen nimmt Abschied, aber Sehnsucht und Hoffnung, Neugier und Lebenslust bleiben doch. Wie k\u00f6nnte es auch anders sein? Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagen wir. \u201eNur wer sich aktiv bem\u00fcht, Ver\u00e4nderungen in der Welt mitzukriegen, wird den Anschluss nicht verlieren\u201c, schreibt die Altersforscherin Ursula Staudinger. \u201eWir wissen aus der Forschung, dass es wichtig ist, im Leben mehrere Dinge zu haben, f\u00fcr die man sich interessiert\u201c. Dinge, an denen man sich reibt, mit denen man sich auseinandersetzt, gleich wie es einem selbst geht. Weil die Welt weitergeht- und weil wir sie lieben. Und die, die nach uns kommen, auch gut leben sollen. Ich erinnere mich an das letzte Buch, das auf dem Nachtisch meines sterbenden Gro\u00dfvaters im Krankenhaus lag \u2013 es war der katholische Holl\u00e4ndische Katechismus, der die Neuerungen des zweiten Vatikanums aufnahm. \u00d6kumene war keinesfalls sein Lebensthema, eher eine sp\u00e4te Einsicht. Dann aber mit umso mehr Ernst verfolgt. \u201eAuf das sie alles eins seien\u201c, steht auf seinem Grabstein- das Gebet Jesu aus dem Johannesevangelium war die Vision, das Versprechen, das sein Handeln und Nachdenken und Beten antrieb. Ein Verm\u00e4chtnis auch das.<\/p>\n<p>Fontane geh\u00f6rte zu den Menschen, die den Zyklus ihres Lebens vor Augen hatten. Sp\u00e4testens, seit er seinen Vater altersm\u00e4\u00dfig \u00fcberlebt hatte, taxierte seine Kraft regelm\u00e4\u00dfig. Seit er 60 war analysierte er Blutbild und Herzschlag \u2013 er nutzte das medizinische Wissen, das ihm als Apotheker zur Verf\u00fcgung stand, um seine Lebenszeit im Blick zu behalten. Denn Lebenszeit -das war f\u00fcr Fontane Schreibzeit. Die wichtigste Frage war also: Wieviel Zeit bleibt mir noch f\u00fcr mein Werk? 1895, als das kleine Gedicht entstand, hatte Fontane gro\u00dfe Erfolge mit seinem Roman \u201eEffi Briest\u201c \u2013 und arbeitete zugleich an seinem Alterswerk, dem \u201eStechlin\u201c. Am Weihnachtsabend 1895 war die erste Fassung geschafft. Mit seinem K\u00f6rper war er wohl eine Art B\u00fcndnis eingegangen, meint Hans-Dieter Rutsch, einer seiner Biographen, dass dieses Werk \u2013 nur dieses! \u2013 noch vollendet werden sollte. Dabei war er endlich auf dem H\u00f6hepunkt seiner Karriere angekommen- der F\u00fcnfundsiebzigj\u00e4hrige erhielt jetzt einen Ehrensold des Kaisers von 3000 Reichsmark. Eine gute Grundlage zum Leben nach all den Jahren schlecht bezahlter journalistischer Arbeit. Zugleich aber sp\u00fcrte er eine zunehmende Ersch\u00f6pfung- Grippeanf\u00e4lle, Phasen von schweren Depressionen wie noch im Fr\u00fchjahr 95. Aber das B\u00fcndnis mit seinem K\u00f6rper hielt. Als Fontane im Herbst 98 starb, war der Stechlin vollendet \u2013 und dar\u00fcber hinaus ein weiterer Roman und der zweite Teil seiner Biographie.<\/p>\n<p>2019 ist auch Fontane -Jahr. Das Jahr seines 200.Geburstags. Ich habe mich in den letzten Tagen gefragt, was uns mit diesem Dichter verbindet- und ich glaube, es ist dieses Gef\u00fchl der Zeitenwende, das auch sein Werk bestimmt. Das Neujahrsgedicht entstand 25 Jahre nach dem Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg und der Reichsgr\u00fcndung. Mehr als 28 Jahre nach der deutschen Einheit k\u00f6nnen wir diese Zeitspanne absch\u00e4tzen. In der Folge hatte sich Deutschland enorm ver\u00e4ndert. Innere Landesgrenzen waren weggefallen; Wanderungsbewegungen in die St\u00e4dte waren die Folge, Wanderarbeiter aus dem benachbarten Osteuropa str\u00f6mten ein \u2013 in Landwirtschaft und Industrie. Ist Preu\u00dfen untergegangen oder ist Deutschland preu\u00dfischer geworden, fragte man sich damals. Fontane spricht vom Wertewandel, von Werteverlusten. Manches daran kommt mir bekannt vor \u2013 nicht zuletzt das Gef\u00fchl der bleiernen Jahre in der letzten Bismarckzeit. Fontane ist ein wacher Zeitgenosse- er k\u00e4mpft gegen die Interesselosigkeit, die er gelegentlich sp\u00fcrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Erkenne, was wirklich wichtig ist<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWenn Sie einmal am Ende Ihres Lebens stehen &#8211; Was m\u00f6chten Sie dann erreicht haben? Das war vor einiger Zeit die letzte Frage in einem Interview\u201c. Ja, welche Tr\u00e4ume habe ich noch, welche W\u00fcnsche will ich mir erf\u00fcllen? Zwei B\u00fccher sind in Arbeit und ein Blog, ich m\u00f6chte meine Coaching-Fortbildung abschlie\u00dfen &#8211; vieles von dem, was mir noch am Herzen liegt, entspricht einfach dem Weg, den ich seit langem beschreite. \u201eHaben Sie einen Wunsch, den Sie sich noch erf\u00fcllen m\u00fcssen?\u201c, hat auch Iris Radisch den Schriftsteller Andrej Bitow gefragt. \u201eIch m\u00f6chte immer nur das n\u00e4chste tun, das n\u00e4chste von allem, was ich noch nicht getan habe. Ich m\u00f6chte, dass es eine Fortsetzung gibt\u201c, antwortet er. \u201eAber im Grunde denke ich, dem Wesentlichen kann man nichts hinzuf\u00fcgen. Das Wesentliche kann man nicht erreichen. Man kann darum herum schreiben, sch\u00f6ne Verse machen, guten Wein trinken, einen guten Stuhl bauen. Mehr schafft man nicht\u201c, so Bitow.<\/p>\n<p>Jetzt ist Zeit f\u00fcr Tr\u00e4ume, dachte ich, als eine Krankheit mich zum Innehalten zwang und dann zum Ausstieg aus der bisherigen Berufst\u00e4tigkeit. Wenn ich will, kann ich noch einmal etwas ganz Neues machen. Ein Lokal aufmachen vielleicht oder wenigstens einen literarischen Salon? Als wir vor Jahren das alte Diakonissen- Mutterhauses in Kaiserswerth zum Hotel umbauten, hatte ich mit der Architektin lange davon getr\u00e4umt. Oder sollte ich f\u00fcr eine Weile raus aus Deutschland und eine Aufgabe im Ausland \u00fcbernehmen? Als ich f\u00fcr die Nahostarbeit zust\u00e4ndig war, war ich mir sicher, dass es spannend sein w\u00fcrde, die letzten Berufsjahre im Ausland zu verbringen \u2013 in einer deutschen Gemeinde vielleicht, an einer deutschen Schule. Oder vielleicht auch eine lange Reise machen, Orte der Diakonie im In- und Ausland besuchen und \u00fcber die Inspirationen schreiben, die mir dort begegnen. Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Und dann war ich erstaunt, wie schnell die gewohnten Mechanismen greifen- ich filtere meine Tr\u00e4ume wie ein berufliches Projekt. Was k\u00f6nnen wir uns leisten, wo sind die gesundheitlichen Grenzen, was wird aus unserer Wohnung? Ach, \u00fcberhaupt die Wohnung: W\u00e4re es nicht sinnvoll, \u00fcber ein alternsgerechtes Wohnen, eine generationen\u00fcbergreifende Genossenschaft vielleicht? Ein Wohnprojekt, in dem ich auch einen Beratungsraum unterbringen k\u00f6nnte? Erstmal ins Ausland vielleicht, die M\u00f6bel solange unterstellen und dann ein Umzug? So viele M\u00f6glichkeiten wie lange nicht mehr.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, dass die F\u00fclle der Optionen mich fast erschlug, als ich auf den Schulabschluss zuging. Ein Studium oder erst einmal ein Auslandsjahr? Weit wegziehen oder erst einmal zu Hause wohnen? Die Vorstellung, mich festzulegen, wenn ich den einen oder anderen Weg einschlug, machte mir Angst \u2013 ich kannte mich nicht genug, wusste nicht, wie es sich anf\u00fchlt, Journalistin, \u00c4rztin oder Architektin zu sein. Unbekanntes Gel\u00e4nde alles \u2013selbst die besten Reisebeschreibungen sorgten nur begrenzt f\u00fcr Anschaulichkeit. Jetzt geht es mir manchmal umgekehrt: ich kenne die Stra\u00dfen und Pfade, kann die Zeichen dechiffrieren. Sp\u00e4testens zur Lebensmitte wurden die Spielr\u00e4ume enger; die Wege, die hinter mir lagen, legten mich auch fest. Und jetzt? Was will ich noch fortf\u00fchren, was noch einmal anders machen? Gibt es vielleicht noch unerledigte Gesch\u00e4fte? Habe ich den Mut, noch einmal in unbekanntes Gel\u00e4nde aufzubrechen, wie damals, als ich erwachsen wurde? Die neue Freiheit des Alters macht stark<strong>. <\/strong>Aber sie zwingt auch zur Klarheit. Manche sprechen von einem zweiten &#8220; Coming of age\u201c. Wieder geht es um Entscheidungen.<\/p>\n<p>Das wurde dem franz\u00f6sischen Soziologen Roland Barthes klar, als seine Mutter gestorben war. Bei aller Trauer des Abschieds &#8211; in diesem Augenblick begann f\u00fcr ihn ein neues Leben. Er wollte endlich tun, was ihm l\u00e4ngst vorschwebte \u2013 er wollte einen Roman schreiben. Aber das neue Leben beginnt nicht einfach von selbst; es braucht einen bewussten Entschluss. Ich darf mich nicht festlegen lassen auf das, was ich war. Ich darf mich nicht irritieren lassen durch die Erwartungen anderer. Und ich muss bereit sein, f\u00fcr neue Perspektiven.<\/p>\n<p>Die Philosophin Margarete Mitscherlich, die 95 Jahre alt wurde und sich bis zuletzt gesellschaftlich einmischte, hat das in einem Rundfunkinterview so formuliert: \u201eViele Dinge, die einem fr\u00fcher sehr wichtig waren, die werden unwichtig. Man erkennt auch, was wirklich wichtig ist im Leben. Man erkennt das st\u00e4rker, genauer. Illusionen ben\u00f6tigt man irgendwie doch sehr viel weniger. Das Denken wird eindeutiger und vorurteilsfreier. In jedem Fall will ich lieber provozieren \u2013 zum Nachdenken anregen, was heute sinnvoll und was unsinnig ist \u2013 als eine weise Alte werden.\u201c Auch Fontane unterscheidet, was sinnvoll ist und was keine Bedeutung mehr hat.<\/p>\n<p>Eigentlich ist alles nichts, heute h\u00e4lt&#8217;s, und morgen bricht&#8217;s,<\/p>\n<p>Hin stirbt alles, <strong>ganz geringe wird der Wert der ird&#8217;schen Dinge;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aber mein Enkel<\/strong>, so viel ist richtig, wird mit n\u00e4chstem vorschulpflichtig,<\/p>\n<p>Und in etwa vierzehn Tagen wird er eine Mappe tragen,<\/p>\n<p>L\u00f6schbl\u00e4tter will ich ins Heft ihm kleben -Ja, das m\u00f6cht&#8216; ich noch erleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Werde, wer Du bist<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNoch bist du da. \/ Wirf deine Angst in die Luft. \/ Bald ist deine Zeit um\/ bald w\u00e4chst der Himmel\/ unter dem Gras\/ fallen deine Tr\u00e4ume ins Nirgends.<\/p>\n<p>Noch duftet die Nelke\/ singt die Drossel\/ noch darfst du lieben\/ Worte verschenken\/ noch bist du da\/ sei was du bist\/ gib, was du hast\u201c, schrieb die j\u00fcdische Dichterin Rose Ausl\u00e4nder gegen Ende ihres Lebens.<\/p>\n<p>1901 in Czernowitz geboren- eine B\u00fcrgerin des 20. Jahrhunderts mit all seinen Schrecken, die sich zu Fontanes Zeit erst ank\u00fcndigten- in wachsendem Nationalismus und Antisemitismus. Eine Vielfach\u00fcberlebende. Gefl\u00fcchtete, Migrantin, die am Ende in einem D\u00fcsseldorfer Altenheim starb. Was sie schreibt, gilt aber nicht nur den Alten- vielleicht gilt es gerade den Nachgeborenen; jedenfalls ist es einer Schulklasse gewidmet. \u201eNoch bist Du da-sei, was Du bist, gibt, was Du hast.\u201c Erkennen, was wirklich wichtig ist, das hei\u00dft eben, erkennen, was mir wirklich wichtig ist. Und: warum ich wirklich wichtig bin. Was einen Unterschied macht in meinem Leben- und womit ich einen Unterschied machen kann, w\u00fcrde man in Amerika sagen. In den Sternen steht das nicht geschrieben, vielleicht aber in meinen Tr\u00e4umen. Und da, wo meine Gaben auf unsere Aufgaben, die gemeinsamen Herausforderungen sto\u00dfen. Wo ich B\u00fcrgerin bin in meiner Zeit- Zeitgenossin eben.<\/p>\n<p>Vielleicht haben Sie schon einmal von der L\u00f6ffelliste geh\u00f6rt. Gemeint ist eine gro\u00dfe oder kleine Liste auf der steht, was f\u00fcr Tr\u00e4ume wir uns noch erf\u00fcllen wollen. In Robert Reiners Film \u201eDas Beste kommt zum Schluss\u201c von 2007 wurde sie bekannt \u2013 die Bucketlist, \u00fcbersetzt die L\u00f6ffelliste. In dem Film mit Jack Nicholson liegen zwei krebskranke M\u00e4nner, die kaum gegens\u00e4tzlicher sein k\u00f6nnten, in einem Krankenzimmer. Und beide erfahren, dass sie nur noch sechs bis zw\u00f6lf Monate zu leben haben. Da beginnt einer der beiden eine Liste der Dinge zu erstellen, die er in seinem Leben noch tun will, bevor er den L\u00f6ffel abgibt. Die Idee dazu stammt aus der Zeit seines Philosophiestudiums, als er diese Aufgabe als \u00dcbung aufgetragen bekam. Er schreibt einige Punkte auf \u2013 dann landet die Liste zerkn\u00fcllt auf dem Boden. Sein Bettnachbar findet sie und schreibt weiter, was ihm am Herzen liegt. So entsteht die gemeinsame \u201eBucket List\u201c: Ein Fallschirmsprung, eine Reise zu den Pyramiden, der Wunsch einem fremden Menschen etwas Gutes tun oder so sehr zu lachen, bis man weint. Der Film erz\u00e4hlt, wie die beiden sich tats\u00e4chlich auf die Reise begeben und dabei zu Freunden werden. Und am Ende unterst\u00fctzen sie sich darin zu verstehen, dass es nicht um den Taj Mahall oder den schnellsten Wagen, sondern um Freundschaft und Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Ich hatte meine Liste schon begonnen, bevor der Begriff \u201eL\u00f6ffelliste\u201c durch die Blogs geisterte- und manchmal schon habe ich mit leisem Lachen festgestellt, dass einiges, was darauf steht, nicht mehr wichtig ist. Aber es ist sch\u00f6n, die liegengebliebenen Aufgaben, die losen Projekte noch einmal aufzunehmen, die man im Stress des beruflichen Alltags fast vergisst.<\/p>\n<p>Die Stern-Kolumnistin Maike Winnemuth, die damit bekannt wurde, dass sie ein Jahr lang um die Welt reiste und nur von ihren Reportagen lebte, entdeckte das an einem Totensonntag in der Kirche St. Petri in Hamburg. Bei einem Gottesdienst f\u00fcr die Verstorbenen, die einsam und ohne einen Angeh\u00f6rigen gegangen sind. \u201eSeit jenem Nachmittag habe ich begonnen, aufzur\u00e4umen in meinem Leben\u201c, schreibt sie. \u201eIch w\u00fchle mich gerade durch Dinge, die ich seit Jahren vor mir herschiebe- Patientenverf\u00fcgung, Vorsorgevollmacht, Testament-; ich ordne mein Zeug, ich hefte ab, ich werfe weg, ich k\u00fcndige dies und das. Sollte ich pl\u00f6tzlich umkippen, soll es zumindest in dieser Hinsicht einfach sein f\u00fcr meine Hinterbliebenen\u2026 Aber wichtiger noch sind die losen F\u00e4den, die abgebrochenen Konversationen, vernachl\u00e4ssigten Freundschaften, ungesagten S\u00e4tze, aus denen jedes Leben irgendwann besteht, die werden jetzt repariert. Jeden Morgen schreibe ich derzeit eine Stunde lang Mails. An Leute, die lange nichts von mir geh\u00f6rt haben\u2026 \u201eWie sch\u00f6n\u201c, h\u00f6re ich zur\u00fcck. \u201eEndlich mal wieder\u201c, und \u201eLass uns doch.\u201c. Es ist ganz leicht. Aber man muss es auch machen. Es ist so viel wichtiger als fast alles, womit wir unsere Zeit verbringen (Stern 8.12.16 \u2013 S. 136).<\/p>\n<p>\u201eWenn man sich gedanklich damit befasst, das Leben von hinten zu betrachten- mit dem letzten Tag als Startpunkt und dann dabei versucht, nach Geschichten zu suchen, die erz\u00e4hlenswert sind, dann wird es interessant. Wann kannst du sagen: jawohl, ich habe gelebt?\u201c fragt auch Evelyn Wenzel, die Autorin des \u201eLebensfreude-Blogs\u201c. Und sie kommt zu dem Schluss, dass die bewegendsten Momente nicht die sind, in denen wir in unserer Komfortzone vor uns hind\u00fcmpeln. \u201eMeine \u201eGeschichten des Lebens\u201c sind sehr emotional, mich bewegend, teilweise sehr belastend, aber am Ende immer extrem bereichernd. Doch was habe ich noch vor? Nun bin ich 37 und wenn alles gut l\u00e4uft, habe ich noch mehr als die H\u00e4lfte meines Lebens vor mir. Es steht also noch eine Menge an. Welche Geschichten will ich noch erleben?\u201c<\/p>\n<p>Mein Leben muss nicht aufregend und beeindruckend werden \u2013 aber es soll wahrhaftig sein. Es soll mein Leben sein, in dem ich meine Tr\u00e4ume und Visionen lebe, anstatt auf einen optimalen Moment zu warten (\u2026, wenn die Kinder gr\u00f6\u00dfer sind, dann\u2026, wenn ich mehr Zeit habe, dann\u2026).\u201cObwohl ich mich beruflich sehr intensiv mit Zielen und Visionen besch\u00e4ftige und auch verschiedenste Lebenspl\u00e4ne begleite, habe ich doch tats\u00e4chlich noch nie meine eigene L\u00f6ffelliste erstellt\u201c, schreibt Evelyn Wenzel. \u201eDann tue ich es eben genau jetzt \u2013 denn es ist ja bekanntlich nie zu sp\u00e4t f\u00fcr eine gute Idee.<\/p>\n<p>Und dann notiert Evelyn Wenzel die <strong>Fragen, die ihr geholfen haben, die eigene L\u00f6ffelliste zu erstellen- sie k\u00f6nnen auch anderen helfen auf dem Weg dahin:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Was w\u00fcrdest du tun wollen, wenn du unbegrenzt Zeit und Geld zur Verf\u00fcgung h\u00e4ttest?<\/li>\n<li>Was w\u00fcrdest du noch tun wollen, wenn du nur noch zwei Wochen zu leben h\u00e4ttest?<\/li>\n<li>Wovon hast du fr\u00fcher immer wieder getr\u00e4umt?<\/li>\n<li>Was m\u00f6chtest du auf diesem Planeten noch unbedingt sehen oder erleben?<\/li>\n<li>Welche Ziele willst du noch erreichen?<\/li>\n<li>Welche Erfahrung m\u00f6chtest du noch machen?<\/li>\n<li>Gibt es etwas, das du noch lernen m\u00f6chtest?<\/li>\n<li>Mit welchen Menschen m\u00f6chtest du zusammentreffen?<\/li>\n<li>Gibt es schwebende Konflikte, die du noch l\u00f6sen m\u00f6chtest?<\/li>\n<li>Gibt es Dinge, die du bestimmten Menschen noch sagen m\u00f6chtest?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und hier ein Auszug aus Evelyns L\u00f6ffelliste:<\/strong><\/p>\n<p>1. Spanisch lernen. (begonnen im April 2014!)<\/p>\n<p>2. Menschen, die in einem Hospiz im Sterben liegen, begleiten und ihnen Mut machen auf ihrem letzten Weg. (Zwar nicht im Hospiz, aber begleitet)<\/p>\n<p>3. Ein Gemeinschaftswohnprojekt verwirklichen mit mehreren Familien und einem Gemeinschaftsgarten.<\/p>\n<p>4. Reisen: Australien, Peru, Kolumbien und Kuba.<\/p>\n<p>5. Polarlichter live sehen.<\/p>\n<p>6. Mit einer Frauenband auftreten und singen.<\/p>\n<p>7. Eine Schule gr\u00fcnden, in der Lernen Spa\u00df macht und die Kinder Begeisterung erleben. (Dieses Projekt habe ich 2014begonnen, aber mittlerweile aufgegeben, da sich zwischenzeitlich mehrere Angebote in dieser Richtung entfaltet haben \u2013 was ganz wunderbar ist)<\/p>\n<p>8. Noch ein Buch schreiben.<\/p>\n<p>9. Mit meinem Blog 5000 Besucher pro Tag erreichen.<\/p>\n<p>10. Ein wahrhaftig herzliches Verh\u00e4ltnis zu meinem kleinen Bruder.<\/p>\n<p>11. Meinen Kindern immer eine Freundin sein k\u00f6nnen. (geschafft)<\/p>\n<p>Evelyn Wenzels L\u00f6ffelliste bleibt in Bewegung- so wie meine. Das muss so sein, wenn wir in unserer Zeit leben- und unsere Tr\u00e4ume erden. Mit all den Entt\u00e4uschungen, die dann eben auch dazu geh\u00f6ren. \u00dcbrigens stelle ich mir vor, was Fontane ohne seine Tr\u00e4ume gewesen w\u00e4re. Er war einer der ersten, der versucht hat, vom Schreiben eine Familie zu ern\u00e4hren. 1891 schreibt er an Emilie, seine Frau: \u201eDas Endresultat ist immer eine Art dankbares Staunen dar\u00fcber, dass man, von so schwachen wirtschaftlichen Fundamenten aus, \u00fcberhaupt hat leben, 4 Kinder gro\u00dfziehen, in der Welt umherkutschieren und stellenweis eine kleine Rolle spielen k\u00f6nnen. Alles auf nichts andres hin, als auf die F\u00e4higkeit, ein mittleres lyrisches Gedicht und eine etwas bessere Ballade schreiben zu k\u00f6nnen\u2026Zur\u00fcckblickend komme ich mir doch vor wie der Reiter \u00fcber den Bodensee in der gleichnamigen Ballade von Gustav Schwab.\u201c Vielleicht entsteht dieses Erstaunen, entsteht diese Dankbarkeit genau dann, wenn wir unseren Tr\u00e4umen wirklich gefolgt sind und das Leben, nein, unser Leben, gewagt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Dem Vergangenen Dank<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDem Vergangenen: Dank, dem kommenden: Ja!\u201c Auch das ist ein Neujahrsvers \u2013 ein ganz kurzer. Dag Hammerskj\u00f6ld, der sp\u00e4tere Uno-Generalsekret\u00e4r, schrieb diese Worte an der Jahreswende 1953 in sein Tagebuch. Kurz vor seinem gewaltsamen Tod im Jahr 1961 schrieb er dazu: \u201eIch wei\u00df nicht, wer- oder was- die Frage stellte. Ich wei\u00df nicht, wann sie gestellt wurde. Ich wei\u00df nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich Ja zu jemanden- oder zu etwas. Von dieser Stunde her r\u00fchrt die Gewissheit, dass das Dasein sinnvoll ist und dass darum mein Leben, in Unterwerfung, ein Ziel hat. Seither hat das Wort Mut seinen Sinn verloren, da ja nicht mehr genommen werden konnte.\u201c Das ist nun eine innere Gewissheit, die ich so bei Fontane nicht gefunden habe- dort lese ich eher Fragen und Staunen, dass der Ritt \u00fcber den Bodensee gelingt.<\/p>\n<p>Gotthard Fuchs, ein katholischer Theologe, spricht- mit einem Begriff von Robert Musil- \u00fcber Hammerskj\u00f6lds \u201eM\u00f6glichkeitssinn\u201c. Dieser M\u00f6glichkeitssinn habe nichts zu tun mit blau\u00e4ugiger Tr\u00e4umerei, aber auch nichts mit einem resignierten Realismus. Dieser M\u00f6glichkeitssinn setze darauf, dass f\u00fcr Gott nichts unm\u00f6glich ist, dass er alles neu machen kann \u2013 auf diesem Grund kann er sich engagieren f\u00fcr Ver\u00e4nderbarkeit der Welt. Gotthard Fuchs zitiert Bonhoeffer, einen Zeitgenossen Hammerskj\u00f6lds und Rose Ausl\u00e4nders: \u201eNur aus dem Unm\u00f6glichen kann die Welt erneuert werden: dies Unm\u00f6gliche ist der Segen Gottes.\u201c Vom Unm\u00f6glichen her die Welt erneuern- das ist, wie die L\u00f6ffelliste vom letzten Tag aus schreiben und die Tage vom Ende her z\u00e4hlen. Leider wagen wir ja kaum noch, das Unm\u00f6gliche zu denken. Manche tr\u00e4umen trotzdem von einer Post-Wachstumsgesellschaft, von der Republik Europa oder vom Bedingungslosen Grundeinkommen. Ob das Wege weist? Ich wei\u00df es nicht. Aber ich wei\u00df, wie notwendig es ist, immer wieder \u00fcber das scheinbar selbstverst\u00e4ndlich Gegebene hinaus zu denken. Den Rahmen zu sprengen und wirklich Neues zu erwarten. Manchmal f\u00e4ngt es \u00fcbrigens ganz unspektakul\u00e4r an \u2013 so wie Weihnachten.<\/p>\n<p>Auch den Segen erkennt man oft nicht gleich. Man sieht ihn man am besten im R\u00fcckblick. Auch Dankbarkeit w\u00e4chst im R\u00fcckblick. Deshalb finde ich es wunderbar, dass dem neuen Jahr Weihnachten voraus geht \u2013 und die Tage zwischen den Jahren als eine Verm\u00e4hlung von R\u00fcckblick und Ausblick. Das Weihnachtsgedicht von Theodor Fontane, mit dem ich schlie\u00dfen m\u00f6chte, ist nur wenige Jahre j\u00fcnger \u2013 es stammt von 1890 \u2013 und es ist in vieler Hinsicht ein dankbarer R\u00fcckblick:<\/p>\n<p>Noch einmal ein Weihnachtsfest,<\/p>\n<p>Immer kleiner wird der Rest,<\/p>\n<p>Aber nehm ich so die Summe,<\/p>\n<p>Alles Grade, alles Krumme,<\/p>\n<p>Alles Falsche, alles Rechte,<\/p>\n<p>Alles Gute, alles Schlechte &#8211;<\/p>\n<p>Rechnet sich aus all dem Braus<\/p>\n<p>Doch ein richtig Leben heraus.<\/p>\n<p>Und dies k\u00f6nnen ist das Beste<\/p>\n<p>Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein richtiges Leben \u2013 da sagt einer Ja zu dem, was war \u2013 zu seinen Tr\u00e4umen wie zu seiner Realit\u00e4t. Und nimmt daraus Kraft f\u00fcr die weitere Arbeit. Das w\u00fcnsche ich mir und Ihnen auch an diesem Jahreswechsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Pastorin und Autorin, Texte, Blog und Newsletter bei: <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hofgeismar, 29.12.18<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h5><strong>Literatur<\/strong><\/h5>\n<h5>Hans- Dieter Rutsch: Der Wanderer, Das Leben des Theodor Fontane, Berlin 2018<\/h5>\n<h5>Christine von Br\u00fchl: Gerade dadurch sind sie mir lieb \u2013 Theodor Fontanes Frauen, 2018<\/h5>\n<h5>\u201eDie Zuneigung ist etwas R\u00e4tselvolles\u201c &#8211; Emilie und Theodor Fontane, Eine Ehe in Briefen, 2018<\/h5>\n<h5>Cornelia Coenen-Marx, Noch einmal ist alles offen- Vom Geschenk des \u00c4lterwerdens, M\u00fcnchen 2016,<\/h5>\n<h5>Cornelia Coenen-Marx, Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen, G\u00f6ttingen 2015<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Schatz- und Spurensuche auf dem Weg ins neue Jahr 1. 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