{"id":4011,"date":"2018-10-02T13:23:33","date_gmt":"2018-10-02T11:23:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4011"},"modified":"2020-02-25T17:09:45","modified_gmt":"2020-02-25T16:09:45","slug":"blickpunkt-senioren-sorgende-gemeinde-werden-essen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4011","title":{"rendered":"Blickpunkt Senioren: Sorgende Gemeinde werden (Essen)"},"content":{"rendered":"<p><strong>281.\u00c4lter werden \u2013 neue Chancen und Herausforderungen<\/strong><\/p>\n<p>\u201e\u00c4lter werde ich sp\u00e4ter\u201c, hie\u00df das Buch von Iris Berben, das 2001 Jahren erschien. Da war Iris Berben 51 Jahre. Seitdem ist der Titel mehrfach aufgenommen worden \u2013 unter \u201e\u00c4lter werden wir sp\u00e4ter\u201c finden sich ganze Buchreihen im Netz. Iris Berben, heute 68, erz\u00e4hlt, was ihr hilft, jung zu bleiben \u2013 es geht um Mode, Sport, Entspannung und Ern\u00e4hrung, vor allem um die Haltung. \u201eIch halte mich an die Regeln, aber nur, wenn sie mir gefallen\u201c, sagte Berben k\u00fcrzlich in einem Interview mit \u201eBrigitte WIR\u201c. In Osterwald, wo ich wohne, kommt eine solche Frau gelegentlich zum Gottesdienst. Neulich erz\u00e4hlte sie mir, dass sie lange in Frankreich gelebt hatte. Als sie in unser Dorf gezogen sei, h\u00e4tten die Nachbarn sie alle einmal besucht; aber das sei es auch gewesen. Danach habe sich keiner mehr f\u00fcr sie interessiert. Sie passe eben nicht in den Seniorenclub, sei als Single viel unterwegs. Sie hat keine Enkel, aber sie hat noch Tr\u00e4ume und Fragen. Und wenn ich mir ihr ins Gespr\u00e4ch komme, sp\u00fcre ich ihre Neugier auf ein anderes Leben.<\/p>\n<p>Annegret Zander von der Fachstelle Zweite Lebensh\u00e4lfte der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck hat vor einiger Zeit dazu ermutigt, den Seniorenkreis abzuschaffen, wenn er nicht mehr gefragt ist. Nat\u00fcrlich nicht ohne den langj\u00e4hrigen Mitarbeitenden zu danken. Daf\u00fcr mit Mut zur Offenheit und zur L\u00fccke. Denn es ist klar: Vor allem die jungen Alten wollen sich nicht mehr betreuen lassen, sie haben vielmehr Lust auf einen neuen Aufbruch, wollen sich einbringen und einmischen, wollen gestalten. Und sie werden ja auch gebraucht und umworben. Sportvereine und Parteien, Schulen und Hospizvereine wissen: Mit den Angeh\u00f6rigen dieser so gesellschafts- und politikerfahrenen Generation l\u00e4sst sich einiges auf die Beine stellen. Und in den letzten Jahren haben sich auch die Kirchen aufgemacht.<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcllt mein Leben aus? Was suche ich? Und was machen andere?\u201c Das sind Fragen aus dem Modellprojekt \u201eAlter neugestalten\u201c der evangelischen Kirche in W\u00fcrttemberg. Da haben sich Gemeinden zusammengetan, die nicht einfach nur schrumpfen wollen auf den bekannten Kern. Gemeinden, die neugierig sind auf das, was die \u00c4lteren zu geben haben. \u201eGeht da was zusammen? Es geht darum, andere Menschen kennen zu lernen, die auch ihre Herausforderungen bestehen, ihre Chancen nutzen wollen.\u201c<\/p>\n<p>Noch vor 15 Jahren geh\u00f6rten 80 Prozent der \u00fcber 60-j\u00e4hrigen dem konservativen oder traditionellen Milieu an. Mit \u00fcber 65 wurde man zum Seniorenkreis eingeladen, mit 75 gab es Geburtstagsbesuche des Pfarrers. Inzwischen haben wir es mit mindestens zwei Altersgenerationen zu tun, dem dritten und vierten Lebensalter. Die heute 60- 69-j\u00e4hrigen haben durchweg bessere Bildungsabschl\u00fcsse und sind nach wir vor interessiert an Bildung und Reisen. Sie engagieren sich vielf\u00e4ltig, aber sie m\u00f6chten das Leben auch genie\u00dfen, Sport treiben, Musik h\u00f6ren &#8211; 75 Prozent der 50-59-j\u00e4hrigen h\u00f6ren am liebsten Rock- und Pop- Musik. Sender wie WDR4, die bis vor einigen Jahren vor allem deutsche Schlagermusik f\u00fcr diese Altersgruppe im Programm hatten, haben sich inzwischen darauf eingestellt.<\/p>\n<p>Legt man den Alterssurvey von 2014 zugrunde, sind Siebzigj\u00e4hrige kaum weniger leistungsf\u00e4hig als gesunde 55-J\u00e4hrige. Und 73 Prozent der Befragten ab sechzig Jahren f\u00fchlen sich j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Wir sind gesund. Aber das ist nicht das ganze Bild! Im Alterssurvey 2014 zeigen sich deutliche Gruppenunterschiede: Insbesondere Personen mit niedriger Bildung, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund sind bei allen Gesundheitsdimensionen benachteiligt. Nicht alle haben Zeit und Geld, nicht alle sind fit genug f\u00fcr ein Studium oder eine Kreuzfahrt.<\/p>\n<p>Insgesamt aber ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in der zweiten Lebensh\u00e4lfte kontinuierlich gestiegen. Wir stehen gut da. Das gilt vor allem f\u00fcr die 54- bis 65-J\u00e4hrigen. Dabei spielt die zunehmende Frauenerwerbst\u00e4tigkeit eine entscheidende Rolle. Das bedeutet aber auch, dass immer mehr B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Beruf und Haushalts- beziehungsweise Sorget\u00e4tigkeiten vereinbaren zu m\u00fcssen. Denken Sie an die Frauen, die die Betreuung der Enkelkinder und die Unterst\u00fctzung ihrer betagten Eltern \u00fcbernehmen. Ihr Anteil hat sich zwischen 1996 und 2014 vervierfacht. Viele von ihnen leben von relativ niedrigen Einkommen &#8211; vor allem alleinstehende oder geschiedene Frauen, die wegen der Kinder, die sie versorgt haben, nur eine kleine Rente haben.<\/p>\n<p>Inzwischen findet ein Drittel der \u00c4lteren, dass digitale Technik das Leben erleichtert. Neuzugezogenen zum Beispiel helfen Projekte der digitalen Nachbarschaft \u2013 wie z. B. das Portal <a href=\"http:\/\/www.nebenan.de\">www.nebenan.de<\/a> . Es ist auch nicht ehrenr\u00fchrig, sich Unterst\u00fctzung zu organisieren \u2013 vom Einkaufsservice bis zum W\u00e4schedienst. Das nutzen auch die mobilen Berufst\u00e4tigen. Und wir sind innovativ. Wer von Grundsicherung lebt, hat allerdings weit weniger M\u00f6glichkeiten, sich zus\u00e4tzliche Freiheit zu \u201ekaufen\u201c. Aber was ich nicht kaufen kann, kann ich vielleicht tauschen oder teilen \u2013 und manches l\u00e4sst sich auch gemeinsam mit Freunden und Nachbarn organisieren. Denn wir sind nachhaltig. \u00dcberall entstehen inzwischen Tauschb\u00f6rsen und Reparaturcaf\u00e9s. Dazu braucht es die Bereitschaft zum Engagement und Kompetenzen aus Handwerk oder Verkauf und ein tragf\u00e4higes soziales Netz. Allerdings: nicht nur das \u00f6konomische, auch das soziale Kapital ist ungleich verteilt &#8211; und wer \u00f6konomisch benachteiligt ist, dem fehlt oft auch das Vitamin B. Da ist es gut, wenn man Kontakte zu einer Organisation hat, die R\u00e4ume zur Verf\u00fcgung stellt \u2013 eine Kirchengemeinde zum Beispiel oder ein Mehrgenerationenhaus.<\/p>\n<p>Laut Alterssurvey hat die Mehrzahl der \u00c4lteren stabile Bezugsnetze. Zwar nehmen traditionelle Formen der Partnerschaft ab, dennoch teilen die meisten ihr Leben bis ins hohe Alter mit einer Partnerin oder einem Partner. Und schlie\u00dflich spielen Freundinnen, Freunde und Wahlverwandtschaften eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Wir sind gut eingebunden. Immerhin 40 Prozent der \u00c4lteren leben allerdings allein. Viele lieben ihre Unabh\u00e4ngigkeit und Einsamkeit ist f\u00fcr die Mehrheit kein Problem. Aber es gibt sie, die Singles ohne Freunde und Kontakte in der Nachbarschaft. Und nur noch ein Viertel der Befragten hat erwachsene Kinder am selben Ort. Und bei einem weiteren Viertel sind die Wohnungen mehr als zwei Stunden voneinander entfernt. So erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe; die Quote sank um 8 Prozentpunkte von 19,5 Prozent 1996 auf 11,7 Prozent 2014. Und gesch\u00e4tzte 300.000 Haushaltshilfen aus Osteuropa springen ein, wo famili\u00e4re Pflege nicht mehr leistbar ist.<\/p>\n<p>Alter ist vielgestaltig geworden. Generationen und Lebenslagen im Alter differenzieren sich weiter aus. Ressourcen, Bildung, Wohnbedingungen, soziale Netze und Gesundheit. Eine Auseinandersetzung mit Sorgearrangements f\u00fcr \u00e4ltere und mit \u00e4lteren Menschen muss die Verschiedenheit der Generationen, der Lebenslagen, M\u00f6glichkeiten und Bedarfe ber\u00fccksichtigen, so der 7. Altenbericht von 2016.<\/p>\n<p>Ein kleines Schaubild zeigt die gesellschaftspolitischen Pr\u00e4gungen der Alternsgenerationen. Da ist die Adenauer-Generation mit ihrem Pflichtbewusstsein und der Anpassungsbereitschaft. Und dann die 55- 69-j\u00e4hrigen \u201ejungen Alten\u201c, Generation Woodstock oder Willy Brandt, gepr\u00e4gt durch die sozialen Bewegungen der 60-er und 70-er Jahre. An Lebensqualit\u00e4t interessiert und an pers\u00f6nlicher Entwicklung. Sie leben oft l\u00e4nger am Ort, sind Kennerinnen des Quartiers und engagieren sich in Vereinen und Verb\u00e4nden genauso wie in der Kirchengemeinde. Sie st\u00e4rken die Eckpfeiler des nachbarschaftlichen Lebens, gr\u00fcnden Stadtteill\u00e4den und Nachbarschaftscaf\u00e9s oder B\u00fcrgerbuslinien. Und sie organisieren sich auch in Parteien. Bei der letzten Kommunalwahl wurde mir klar, dass es vor allem Freiberufler, Hausfrauen, Migranten und eben junge Alte sind, die sich f\u00fcr ihren Ortsteil engagieren &#8211; f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Nahverkehr oder die Schwimmb\u00e4der. Dabei geht es keinesfalls um selbstvergessenen Altruismus. Gerade die \u00c4lteren, die sich engagieren, tun das auch f\u00fcr sich selbst. Engagement ist Teilhabe und st\u00e4rkt Teilhabe. Wer sich engagiert, gewinnt zugleich neue Beziehungen und eigene Netzwerke, Lebensvertiefung und soziale Kompetenzen. \u201eIch f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich\u201c, schreibt Margret Schunk, die auch beim Projekt \u201eAlter neugestalten\u201c in Stuttgart beteiligt ist \u201eWeil wir uns vorgenommen haben, etwas gemeinsam zu tun, was uns allen n\u00fctzt, was uns allen hilft. Eine Gemeinschaft soll entstehen und wachsen k\u00f6nnen, dass uns allen etwas bringt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs ist einfach notwendig, als B\u00fcrger da zu sein\u201c, schreibt Annelie Keil, die sich mit Henning Scherf zusammen seit Jahren f\u00fcr neue Wohnprojekte und Nachbarschaftsarbeit \u00c4lterer engagiert. \u201eZivilgesellschaftliches Engagement ist kein Zuckerbrot, kein Nachtisch zu den Hauptmahlzeiten des Lebens nach dem Motto: Jetzt habe ich noch ein bisschen Zeit. Nein, die Notwendigkeit wird leibhaftig erlebt\u2026 Der Weg muss vom Einzelnen in die Gemeinschaft gehen. Und umgekehrt tue ich ja alles, was ich noch f\u00fcr die Gemeinschaft tue, im Wesentlichen f\u00fcr mich. Und dann durchbricht sie das Dogma vom aktiven Altern: \u201eWenn ich als alleinlebende Frau nicht mehr hinausgehe, in meine Suppenk\u00fcche oder zu einem Vortrag oder in die Schule, um mit den Kindern zu diskutieren, dann wird mein Leben \u00e4rmer. Aber m\u00fcssen m\u00fcssen wir nicht mehr. Wer krank ist und Gebrechen hat, oder einfach nichts mehr leisten m\u00f6chte, muss auch auf dem Sofa alt werden d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2.Unter den D\u00e4chern der Nachbarschaft \u2013 Sorgende Gemeinschaften <\/strong><\/p>\n<p>Je \u00e4lter wir werden, desto mehr sind wir auch selbst auf soziale Netze angewiesen. Das betrifft besonders die Hochaltrigen. \u201eDie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu bleiben\u201c, sagt Prof. Eckart Hammer aus dem Beirat des Projekts \u201eAlter neu gestalten.\u201c Dabei ist es keinesfalls so, als ob alt sein unbedingt Pflegebed\u00fcrftigkeit nach sich zieht. Tats\u00e4chlich braucht nur ein kleiner Teil der \u00c4lteren Pflege: Es sind zwischen 70 und 75: 5 Prozent, zwischen 75 und 80: 10, zwischen 80 und 85: 20 Prozent, erst zwischen 85 und 90: 40 Prozent. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Demenz. Und gerade hier wissen wir, dass ein gesunder Lebensstil und ein \u00fcberschaubares, vertrautes Umfeld viel dazu beitragen, dass die Erkrankung sich nicht verschlimmert.<\/p>\n<p>Vor gut 20 Jahren hat der G\u00fctersloher Sozialpsychiater Klaus D\u00f6rner die Einrichtungen und Verb\u00e4nde der Altenhilfe provoziert; er forderte die Aufl\u00f6sung der Heime \u2013 wie vorher schon durchaus erfolgreich f\u00fcr Psychiatrie und Behindertenhilfe. \u201eIch will alt werden und sterben, wo ich dazugeh\u00f6re habe\u201c &#8211; Klaus D\u00f6rners eing\u00e4ngiger Satz stand paradigmatisch f\u00fcr einen neuen Umgang mit Alter, Pflegebed\u00fcrftigkeit und Sterben. Seitdem haben sich die Einrichtungen der Altenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, mit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen immer mehr ins Quartier ge\u00f6ffnet. Klaus D\u00f6rner hat viel angesto\u00dfen: Auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen \u00f6fter ernst damit, dass in den neuen Wohnquartieren Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen m\u00fcssen. Dennoch: Seit Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung ist der Trend zur station\u00e4ren Pflege kaum abgemildert \u2013 trotz des Grundsatzes \u201eambulant vor station\u00e4r\u201c. Der prozentuale Anteil der Pflegebed\u00fcrftigen in Heimen ist nur geringf\u00fcgig gesunken; die absoluten Zahlen steigen angesichts des demographischen Wandels ohnehin.<\/p>\n<p>Allerdings werden nach wie vor zwei Drittel der Pflegebed\u00fcrftigen oder 1,5 Mio. Menschen in Deutschland von Angeh\u00f6rigen gepflegt &#8211; oft mit Unterst\u00fctzung eines ambulanten Pflegedienstes. Das sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege, die am schlechtesten bezahlt werden. Und die Schwiegert\u00f6chter, die die kranke Mutter \u00fcber Jahre pflegen, die M\u00e4nner, die ihre Frauen pflegen &#8211; sie verzichten auf eigenes Einkommen und Karriere und werden oft nicht einmal gesehen. Sie verschwinden einfach aus dem Kollegen- und Freundeskreis, haben keine Zeit und kein Geld mehr f\u00fcr Einkaufsbummel und Geburtstagsbesuche, f\u00fcr Urlaub oder den Friseur. Neun Jahre dauert die h\u00e4usliche Pflege im Durchschnitt. Und dabei steigt das Armutsrisiko erheblich.<\/p>\n<p>40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen k\u00f6nnen allerdings bei Alltagsproblemen oder im Pflegefall nicht auf Familie und Freunde zur\u00fcckgreifen &#8211; sie leben allein. Auch deshalb wird die h\u00e4usliche Pflege inzwischen von ca. 300.000 privaten Haushalthilfen und Pflegekr\u00e4ften aus Osteuropa gest\u00fctzt. Es kann nicht sein, dass Menschen nur deswegen in station\u00e4re Einrichtungen ziehen, weil die Wohnung nicht barrierearm ist oder die Versorgung zu Hause nicht gew\u00e4hrleistet. Weil sie mit einer chronischen Erkrankung oder ihren Finanzen nicht mehr zurechtkommen oder weil die Wege zum Einkaufen nicht mehr zu bew\u00e4ltigen sind. Station\u00e4re Einrichtungen sind die teuerste L\u00f6sung. Und \u201eein Zuhause ist der einzige Ort, wo die eigenen Priorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben\u201c, schreibt Atul Gawande in seinem Buch \u201eSterblich sein\u201c, in dem er sich mit der Altenhilfe in den USA auseinandersetzt. \u201eZu Hause entscheidet man selbst, wie man seine Zeit verbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden Platz aufteilt und wie man den eigenen Besitz verwaltet.\u201c<\/p>\n<p>Wenn wir wollen, dass wir auch im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, dann brauchen wir eine qualitativ gute und auch gut bezahlte ambulante Pflege, die Betroffene und Angeh\u00f6rige unterst\u00fctzt \u2013 auch mit Pools von Haushaltshilfen und anderen Dienstleistern vom Einkauf bis zur Gartenarbeit. Pr\u00e4ventive Hausbesuche geh\u00f6ren ebenfalls dazu. Gute Pflegeberatungsangebote sind n\u00f6tig und die selbstverst\u00e4ndliche Zusammenarbeit zwischen ambulanter Pflege, Servicewohnen, Tagespflege und Kurzzeitpflege bis hin zu station\u00e4ren Angeboten und Rehazentren im Sinne einer integrierten Versorgung. Aber auch: andere Wohnformen, wie sie jetzt schon erprobt werden. Eine gute Kombination von privatem R\u00fcckzug und gemeinschaftlichen Angeboten vom Bistro bis zu Bibliothek und G\u00e4stewohnung. Architekturausstellungen und Modelle zeigen: die neuen Wohnformen sind nicht nur f\u00fcr Senioren interessant, sondern auch f\u00fcr Studierende \u2013 und warum nicht f\u00fcr beide gemeinsam. Notwendig ist auch eine tragf\u00e4hige Infrastruktur mit L\u00e4den, \u00f6ffentlichem Nahverkehr, Caf\u00e9s. Vor allem aber eine aktive B\u00fcrgerschaft, die sich selbst um Dorfl\u00e4den und B\u00fcrgerbusse k\u00fcmmert, wo Markt und Kommunen versagen. Und nat\u00fcrlich starke Nachbarschaften, in denen man einander unterhalb der Schwelle professioneller und bezahlter Dienstleistungen wechselseitig hilft. Beim Einkaufen, bei kurzen Erkrankungen, beim Babysitten, bei einer Fahrt zum Arzt.<\/p>\n<p>Im letzten FWS wurde deshalb zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt. Es ging also nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege \u2013 auch wenn der \u00dcbergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. In der Befragung wird deutlich: die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Zu wissen, dass jemand da ist, der dich kennt, das nimmt die Einsamkeit. Und die Angst.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass das Thema \u201eWohnen\u201c so viel Gewicht bekommen hat \u2013 das gilt grunds\u00e4tzlich im Blick auf verf\u00fcgbaren Wohnraum und Mietpreisspiegel. Es gilt aber eben auch f\u00fcr die Wohnsituation von \u00c4lteren. Mehr noch als andere Gruppen sind sie auf gemischte Wohnquartiere und barrierearme Wohnungen angewiesen. Und auch ganz neue Wohnmodelle werden hier erprobt, Seniorenwohngemeinschaften und Mehrgenerationenh\u00e4user. Entscheidend ist, dass wir das hohe Alter nicht automatisch mit Hilfebed\u00fcrftigkeit und Betreuung verkn\u00fcpfen, sondern wechselseitige Hilfeleistungen und die Chancen des Zusammenlebens in den Mittelpunkt r\u00fccken. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 80 Prozent interessieren und engagieren sich gern f\u00fcr die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation, sie h\u00fcten Kinder, sind gern Leihoma, helfen bei Hausaufgaben oder stehen jungen Leuten mit Rat und Tat zu Seite. So wie in den neuen Modellen des Zusammenwohnens von \u00c4lteren und Studentinnen, in denen die einen mietfreies Wohnen genie\u00dfen und die anderen den einen oder anderen Dienst in ihrem Alltag &#8211; vom Einkauf bis zum Rasenm\u00e4hen.<\/p>\n<p>Wenn wir heute von \u201eCaring Communities\u201c, von Sorgenden Gemeinschaften oder auch von lokalen Verantwortungsgemeinschaften sprechen, dann geht es um solche wechselseitige Unterst\u00fctzung Dabei ist der Begriff \u201eSorge\u201c ein Versuch, das englische Care zu \u00fcbersetzen \u2013 es steht f\u00fcr alle Beziehungs- und Zuwendungsarbeit privater wie professioneller Natur. Die feministische Theorie hat den Begriff neu entdeckt und problematisiert damit die Dominanz einer \u00f6konomisierten Sichtweise im Sozial- und Gesundheitswesen, die den Menschen zum blo\u00dfen Kunden und Empf\u00e4nger von Dienstleistungen macht. \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c &#8211; das signalisiert Zugeh\u00f6rigkeit, gemeinsame Werte und Verantwortungsbeziehungen, wie wir sie aus Familien und Nachbarschaften oder Freundeskreisen kennen. Und aus Kirchengemeinden. Tats\u00e4chlich sind in den letzten Jahren in vielen Gemeinden Seniorennetzwerke und Demenznetzwerke entstanden. Entscheidend ist, dass die ehrenamtlichen Netze hauptamtliche Ansprechpartner finden und die privaten Initiativen \u00f6ffentliche R\u00e4ume und Unterst\u00fctzung bei Verwaltung und \u00d6ffentlichkeitsarbeit.<\/p>\n<p>Darum muss auch die Verantwortung der Kommunen im Blick sein. Denn wenn wir Kommunen nicht nur als Wirtschaftsstandorte, sondern als Ort des guten Lebens begreifen wollen \u2013 dann braucht es runde Tisch, soziale Investitionen in Wohnprojekte und Infrastruktur, Engagementf\u00f6rderung und \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Kurz: eine vernetzte und abgestimmte Planung, einen guten Wohlfahrtsmix. Das ist der Grund, warum der 7. Altenbericht die kommunale Verantwortung in den Mittelpunkt r\u00fcckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Gemeinsame Sorge \u2013 Gemeinde in der Zivilgesellschaft <\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem sind die Probleme noch nicht gel\u00f6st, wenn es gelingt, die Versorgung st\u00e4rker zu ambulantisieren und den St\u00e4dtebau zu ver\u00e4ndern. Es geht auch um die Frage, wie es der Wirtschaft gelingen kann, Arbeitsbiographien flexibler zu gestalten, den Druck in Zeiten Pflege heraus zu nehmen und Angeh\u00f6rige in Pflegesituationen zu unterst\u00fctzen. Sie brauchen wie Nachbarn und Ehrenamtliche mehr Unterst\u00fctzung in ihrer Sorgearbeit. Denn die Zeit der Pflege schlie\u00dft eben auch Sterbebegleitung, Abschiednehmen und Trauerarbeit ein. Es geht darum, sich neu einzurichten &#8211; auch in der Zusammenarbeit mit unterst\u00fctzenden Dienstleistern. Das verlangt in unserer vielf\u00e4ltigen, mobilen Gesellschaft ein hohes Ma\u00df an Kommunikation und Absprachen. Klaus D\u00f6rners Statement hei\u00dft: \u201eAlt werden und auch sterben, wo ich dazugeh\u00f6re.\u201c Alt werden in der Nachbarschaft holt also den Tod und auch die Trauer in die Nachbarschaft zur\u00fcck. Das verlangt ein gr\u00fcndliches Umdenken.<\/p>\n<p>Mein Mann erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, dass in seiner Kindheit schwarze Schleifen an den Haust\u00fcren im Viertel hingen, wenn jemand gestorben war. Oft l\u00e4uteten die Glocken, die Trauerz\u00fcge zogen von der Kirche zum Friedhof und die Autos hielten sehr selbstverst\u00e4ndlich an und die Jungs blieben stehen und zogen die M\u00fctze ab. Das alles ist aus unseren Nachbarschaften verschwunden. Nur die Notarztwagen sind jetzt h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren. Das Sterben wurde professionalisiert, institutionalisiert und medikalisiert. Das hat \u00e4u\u00dfere und innere Gr\u00fcnde. Neben dem medizinisch-technischen Fortschritt spielt die Ver\u00e4nderung in den Familien eine Rolle: die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme von Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t und eben auch der demographische Wandel haben die Situation grundlegend ver\u00e4ndert. Im Jahr 2013 starben in Deutschland 2- 3 Prozent der Patienten im Hospiz und 3- 4 Prozent auf einer Palliativstation, 48 Prozent starben m Krankenhaus, ca. 20 Prozent in Pflegeinrichtungen und etwa 25 Prozent zu Hause. Noch immer gilt das Paradox, dass die Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu Hause sterben will \u2013 w\u00e4hrend die meisten tats\u00e4chlich in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen sterben. Wir haben den Tod an Experten abgegeben. Jetzt geht es darum, die gemeinsame Sorge jenseits der erfolgreichen Medizin, jenseits von Staat, Kirchen und Wohlfahrtsverb\u00e4nden, zu einem zivilgesellschaftlichen Leben aller Menschen zu machen.\u201c, schreiben Annelie Keil und Hennig Scherf in ihrem Buch: \u201eDas letzte Tabu &#8211; \u00dcber das Sterben reden und den Abschied leben lernen.\u201c<\/p>\n<p>Offenbar trauen die beiden der Kirche in diesem Prozess nicht mehr so viel zu. Ich meine aber: gerade in den Gemeinden bringen wir hervorragende Voraussetzungen mit. Wo die Sparkassen sich zur\u00fcckziehen, wo es kaum noch \u00c4rzte oder Einzelhandelsgesch\u00e4fte gibt, hat die Kirche ein gro\u00dfes Pfund einzubringen. Kirchliche H\u00e4user gibt es noch in fast jeder Nachbarschaft. Und manche Gemeinde hat sogar noch einen kirchlichen Friedhof. Wer nicht mehr mobil ist, erlebt mit Trauer und Sorge, wie die Wohnquartiere sich ver\u00e4ndern &#8211; das Schrumpfen der l\u00e4ndlichen R\u00e4ume, der demographische Wandel, aber auch Migration spielen dabei eine Rolle. So kann die alte Heimat fremd werden &#8211; und damit das \u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause f\u00fchlen und einen Referenzrahmen f\u00fcr Austausch und Teilhabe finden. Traditionell bietet Kirche einen solchen Referenzrahmen. Die Kirchen und Gemeindeh\u00e4user sind Kristallisationsort f\u00fcr Feste und Feiern, aber auch f\u00fcr Traditionen, die Halt geben. Hier gibt es Ansprechpartner auch f\u00fcr Tabuthemen wie Krankheit und Tod. Und noch immer viele, die sich ehrenamtlich engagieren. Kirchenvorsteher und Gruppenleiter, die ihre Nachbarschaft kennen, den Hausarzt oder die Vereine. Menschen, die Netzwerke kn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Solche Netzwerke m\u00fcssen nicht von Hauptamtlichen organisiert und getragen werden &#8211; aber die Ehrenamtlichen brauchen hauptamtliche Ansprechpartner, R\u00e4ume, Infrastruktur und \u00d6ffentlichkeitsarbeit.<\/p>\n<p>Die Traditionen unserer Seniorenarbeit stammen allerdings aus den 60er und 70er Jahren. Und die Entwicklung von Alternativen zum Seniorenkreis gleicht einer Zeitreise direkt ins Jahr 2020. F\u00fcr diese Zielgruppe braucht es heute neue Angebote \u2013 denn im Blick auf Bildung oder Unterhaltung gibt es Konkurrenz vom Fernsehen bis zu Reiseanbietern. Die Richtung hei\u00dft: Von der Betreuung zur Selbstorganisation, von der Bildung zur Begegnung. F\u00fcr Menschen im Alter von plus\/minus 80, die unter zunehmenden Einschr\u00e4nkungen leiden und kaum noch mobil sind, kann das Gemeindehaus ein wichtiger Bezugspunkt sein. Schon deswegen, weil sie weniger mobil sind. Bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ist der Anteil der Frauen, die den F\u00fchrerschein besitzen, noch immer nicht so hoch wie in j\u00fcngeren Altersgruppen. 3,1 Mio. M\u00e4nner, 2,3 Mio. Frauen zwischen 70 und 79 haben eine Fahrerlaubnis. Sie sind schnell in ihrem Bewegungsradius eingeschr\u00e4nkt, wenn der Auto fahrende Partner pflegebed\u00fcrftig wird oder stirbt. So gewinnt der Nahbereich zunehmend an Bedeutung. Und damit auch die Kirchengemeinde, die oft noch fu\u00dfl\u00e4ufig erreichbar ist. Susanne Fetzer, die ein Buch \u00fcber Seniorenarbeit 80 plus geschrieben hat, betont mit Recht, dass die H\u00e4user barrierefreie Zug\u00e4nge brauchen &#8211; im Blick auf die Architektur genauso wie auf Kommunikation, was Einschr\u00e4nkungen im Sehen oder H\u00f6ren betrifft. Und die Gruppen brauchen Abholdienste, kleine B\u00fcrgerbusse vielleicht.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren gibt es vielerorts w\u00f6chentliche Mittagstische im Gemeindehaus, wo oft abwechselnd gekocht wird &#8211; manchmal einfach f\u00fcr eine Gruppe von \u00c4lteren, die nicht l\u00e4nger f\u00fcr sich allein kochen wollen. Oder auch im gr\u00f6\u00dferen Stil \u2013 vielleicht vernetzt mit einer Tafel, vielleicht mit einem Angebot f\u00fcr den nahegelegenen Kindergarten. Mir gefallen aber auch ganz einfache neue Ideen \u2013 Stadtspazierg\u00e4nge mit Rollstuhl und Rollator wie der W\u00e4gelestreff in G\u00fcltlingen, Erz\u00e4hlcaf\u00e9s und Biografiewerkst\u00e4tten. In Hamburg-Eilbeck gibt es eine S\u00fctterlinstube, wo \u00c4ltere f\u00fcr \u00dcbersetzungsdienste zur Verf\u00fcgung stehen, anderswo entstehen Schm\u00f6kerstuben bei Caf\u00e9 und Musik in der Gemeindeb\u00fccherei \u2013 ganz \u00e4hnlich, wie es jetzt auch Stadtteilbibliotheken anbieten. Spannend finde ich auch die Entwicklung von Begegnungscaf\u00e9s auf dem Friedhof wie in Kornwestheim. Denn tats\u00e4chlich ist ja der Friedhof ein weiterer Anlaufpunkt im Quartier, den wir als Kirche, aber auch als Gesellschaft vielleicht zu lange aus den Augen verloren hatten. Erst die Hospizbewegung mit ihren Trauergruppen und mit neuen Ritualen, nicht zuletzt mit den Trauercaf\u00e9s, hat die Friedh\u00f6fe und die Friedhofskapellen in ein neues Licht ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Mit diesen neuen Formen der Gemeinschaft und des Engagements ist die Kirche bei ihrer eigenen Sache. Die EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c formuliert es so: Es geht um \u201edie Re-Sozialisierung und Revitalisierung von Kirchengemeinden, damit sie eben nicht erst auf soziale Notlagen reagieren, sondern aktiv daran mitarbeitet, funktionierende Sozialr\u00e4ume zu gestalten und Notlagen pr\u00e4ventiv zu verhindern.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Gemeinde als Caring Community <\/strong><\/p>\n<p>Es geht um nicht weniger als unser Selbstverst\u00e4ndnis, um einen Mentalit\u00e4tswandel. Mit ihren Angeboten in Gemeinden, Diakonie und Erwachsenenbildung hat die Kirche ganz besondere Chancen, wenn sie Ortsn\u00e4he, Professionalit\u00e4t und Beteiligungschancen verkn\u00fcpft. Noch allerdings gibt es jede Menge \u00fcberkommener Bruchlinien &#8211; zwischen beruflicher und ehrenamtlicher Arbeit, zwischen Gemeinde und Diakonie, zwischen \u201eAltenhilfe\u201c und emanzipativer Seniorenbewegung, zwischen Betreuung, Versorgung und einem neuen Verst\u00e4ndnis von B\u00fcrgerengagement, zwischen Ehrenamt in der Leitung und Engagement in Projekten.<\/p>\n<p>Aber die Richtung ist klar: Kirchengemeinden k\u00f6nnen Caring Communities werden. Daf\u00fcr ist es wichtig, die traditionelle Trennung zwischen Kirche und Diakonie zu \u00fcberwinden \u2013 und Br\u00fccken zu schlagen im Sinne der Gemeinwesendiakonie. Kirche hat R\u00e4ume, hat hauptamtliche Ansprechpartner und sie ist vielf\u00e4ltig mit den Stadtteilen verwoben. Gemeindeh\u00e4user sind nach wie vor Referenzpunkte und zentrale Anlaufstelle am Ort, fu\u00dfl\u00e4ufig im Quartier erreichbar. Aber auch diakonische Einrichtungen, Altenzentren oder Tageseinrichtungen bieten soziale Professionalit\u00e4t und politische Erfahrung. Sie erreichen Zielgruppen jenseits der traditionellen und b\u00fcrgerlichen Milieus. Wo beides zusammen kommt mit der Offenheit f\u00fcr b\u00fcrgerschaftliches Engagement und mit modernen Bildungsangeboten, da kann wirklich Neues entstehen. Demenzbegleiter k\u00f6nnen Entlastung schaffen, damit pflegende Angeh\u00f6rige nicht ausbrennen. Pflegeberatung kann in schwierigen Entscheidungssituationen helfen \u2013 vorurteilsfrei und nah am Miteinander. Erwachsenenbildungseinrichtungen k\u00f6nnen Ehrenamtliche und Begleiter ausbilden und coachen. An der Fachhochschule in Freiburg entsteht gerade ein neues Projekt, das Menschen, die Erfahrung als pflegende Angeh\u00f6rige haben, zu ehrenamtlichen Pflegebegleitern ausbildet \u2013 mit einem genauen Blick auf die positiven Erfahrungen und Ressourcen, die in dieser Zeit geweckt werden k\u00f6nnen. Und in den Pfeifferschen Stiftungen in Halle, wo ich ehrenamtlich mitarbeite, boomt das Projekt \u201eLetzte Hilfe\u201c \u2013 ein kurzer Kurs, der ganz normalen Menschen, Nachbarn, Gemeindemitgliedern hilft, mit dem Sterben zurecht zu kommen.<\/p>\n<p>Gemeindeh\u00e4user eignen sich hervorragend als Plattformen f\u00fcr solche Angebote \u2013 als Knoten im Netz sozusagen. Das zeigt z.B. die \u201eInklusive Solidarische Gemeinde in Reute\u201c mit ganz unterschiedlichen Angeboten und \u00fcber 80 Ehrenamtlichen aus allen Generationen. Ein B\u00fcrgerverein mit \u00fcber 500 Mitgliedern unter dem Dach der katholischen Gemeinde, der vom Fahrdienst bis zum Besuchsdienst oder zu Oma-Opa-Enkel-Wanderungen immer neues organisiert &#8211; getragen von Beitr\u00e4gen und Drittmitteln. In dem Projekt \u201eQualifiziert f\u00fcrs Quartier\u201c des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld f\u00e4ngt alles mit Recherche von Sozialraumdaten, mit Experteninterview und einer Stadtteilerkundung an. Wer lebt eigentlich in unserem Stadtbezirk, wie hoch ist das Durchschnittalter, wie ist das Verh\u00e4ltnis von Alleinlebenden und Familien? Was wissen \u00c4rzte und Pflegedienste dar\u00fcber, wie hier gepflegt wird? Dann geht es darum, Gemeindemitglieder und andere B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einzuladen, denen das Thema auf den N\u00e4geln brennt. Pflegende Angeh\u00f6rige, Nachbarn und \u00c4rztinnen zum Beispiel. Bei einem Open-Space oder in einem World-Caf\u00e9 k\u00f6nnen gemeinsame Schritte \u00fcberlegt werden. Experten werden eingebunden, neue Allianzen geschmiedet. Besuchsdienste der Gemeinden k\u00f6nnen mit Pflegediensten zusammenarbeiten. Ehrenamtsagenturen bringen Hilfesuchende und Hilfeanbietende zusammen.<\/p>\n<p>Die evangelische Kirchengemeinde Lindlar nahm nicht nur die Situation ihrer Mitglieder, sondern auch die der Immobilien in der Gemeinde unter die Lupe und zog Konsequenzen. Die Kirche auf dem H\u00fcgel, die erst nach dem Krieg f\u00fcr die Heimatvertriebenen gebaut worden war, f\u00fcllte sich nicht mehr wie fr\u00fcher. Viele Gemeindemitglieder waren \u00e4lter geworden, sie brauchten Hilfe, um das Haus zu verlassen. Es fehlten alternsgerechte Wohnungen, Haushaltshilfen, aber auch ein Ort der Begegnung zwischen den Generationen. So entschied sich der Kirchenvorstand f\u00fcr einen radikalen Neuanfang: Das Pfarrhaus wurde abgerissen und ein Teil des Landes verkauft. In Zusammenarbeit mit einer kirchlichen Wohnungsbaugenossenschaft wurden barrierefreie Wohnungen errichtet. Von dem erzielten Gewinn wurde das Jubilate-Zentrum errichtet \u2013 ein Treffpunkt der Generationen. In das Wohnprojekt zog ein Pflegedienst ein und, das war der Clou des Ganzen, mit Landesmitteln f\u00fcr das Modellprojekt wurde ein Aufzug hinunter in die Innenstadt gebaut, damit auch \u00c4ltere wieder die Chance hatten, gut zum Einkaufen zu kommen. Das Konzept hat nicht nur die Gemeinde neu belebt, es hat auch ihren Einfluss in der Kommune gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Aber es kann auch ganz klein anfangen. Der Schl\u00fcssel liegt darin, dass Engagierte die oft engen Mauern und die leerer gewordenen H\u00e4user verlassen und raus gehen, um wahrzunehmen, wo es brennt &#8211; und andere einzuladen. In der Gemeinde Seeberg bei Z\u00fcrich ist das auf sehr unspektakul\u00e4re Weise geschehen. Dort entwickelten sich in den Nachbarschaften kleine christliche Gemeinschaften von je 15 \u2013 20 Personen. Menschen aller Generationen mit zwei Leitungspers\u00f6nlichkeiten. Nicht alle geh\u00f6rten vorher schon zur Gemeinde. Sie kommen einmal die Woche zusammen, lesen ein St\u00fcck aus der Bibel, erz\u00e4hlen sich wechselseitig, was sie wahrnehmen und wo es brennt, teilen ihren Tag. Und nach und nach w\u00e4chst ein sehr selbstverst\u00e4ndliches miteinander Die Geschichten, die ich dort geh\u00f6rt habe, waren eindr\u00fccklich. Wenn dort Feste gefeiert werden, f\u00fcllt sich das Gemeindehaus mit seinem Garten &#8211; und es gibt Potlakdinner. Jeder bringt, was er hat. Und wenn einer ins Krankenhaus muss oder jemand stirbt, sind die Nachbarn da.<\/p>\n<p>\u201eMein Traum vom \u00c4lterwerden gestalten w\u00e4re, dass Menschen jeden Alters zusammenkommen und zusammenwachsen, so selbstverst\u00e4ndlich wie dies in vielen Familien geschieht. Vor Ort w\u00e4re mein Wunsch, dass Alter weder Krankheit noch Tabu ist.\u201c (Erika Haffner) Wir k\u00f6nnen dazu beitragen, dass das gelingt.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, 27.09.2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Power-Point-Essen-27-09-2018finalccm.pdf\">Power Point Essen 27-09-2018 zum download<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>281.\u00c4lter werden \u2013 neue Chancen und Herausforderungen \u201e\u00c4lter werde ich sp\u00e4ter\u201c, hie\u00df das Buch von Iris Berben, das 2001 Jahren&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=4011\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":482,"menu_order":87,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4011","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4011"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4011"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4011\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4199,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4011\/revisions\/4199"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4011"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}