{"id":3970,"date":"2018-09-25T12:14:33","date_gmt":"2018-09-25T10:14:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3970"},"modified":"2019-01-21T13:18:06","modified_gmt":"2019-01-21T12:18:06","slug":"sorgende-gemeinde-am-lebensende","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3970","title":{"rendered":"Sorgende Gemeinde am Lebensende"},"content":{"rendered":"<p><strong>1.Was am Ende z\u00e4hlt <\/strong><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr war ich auf einer Coaching-Fortbildung, bei der es auch darum ging, das eigene Leben zu reflektieren. Die eigenen Erfahrungen &#8211; die eigenen Erwartungen. F\u00fcnf M\u00e4nner, f\u00fcnf Frauen. Am letzten Tag bekam jeder Mann in der Runde einen Zollstock, den er unterhalb der 90 cm durchbrechen und dann mit einer Frau teilen sollte. <strong>Das St\u00fcck, das ich dann in der Hand hielt, war etwa 85 cm lang. 85 &#8211; da beginnt nach unserer offiziellen Rechnung die Hochaltrigkeit<\/strong>.<\/p>\n<p>Neugeborene M\u00e4dchen haben zurzeit eine Lebenserwartung von 83 Jahren. <strong>Noch nie in der Geschichte sind Menschen so gesund alt geworden, noch nie war die Breite der Bev\u00f6lkerung so gut ausgebildet, so kompetent und selbst\u00e4ndig wie heute, noch nie gab es auch so viele M\u00f6glichkeiten, sich zu vernetzen und gut zu organisieren<\/strong>. 60 ist die neue 50. Drei Viertel der Befragten ab 60 Jahren f\u00fchlen sich jedenfalls j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Und immerhin die H\u00e4lfte der 70- bis 85-j\u00e4hrigen f\u00fchlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund.<\/p>\n<p><strong>Und trotzdem muss ich mich damit auseinanderzusetzen, dass das verbleibende St\u00fcck Zollstock relativ kurz ist<\/strong>. Dass die Kr\u00e4fte nachlassen, auch wenn ich das lange hinausz\u00f6gern kann. Ich muss St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Abschied nehmen, wenn der Abschied dran ist. Von einer Rolle, die nicht mehr passt. In der Familie oder im Beruf. Von dem Haus, das wir nicht mehr wirklich bewohnen. Von Dingen, die wir nicht wirklich brauchen. Von einem Lebenstraum, der nicht realistisch war. Von der Illusion, ewig jung zu sein. Abschied nehmen und f\u00fcr gute Rahmenbedingungen zu sorgen.<\/p>\n<p>Atul Gawande ist Facharzt f\u00fcr Chirurgie an einer Klinik in Boston. Vor seiner medizinischen Ausbildung an der Harvard Medical School studierte der Sohn zweier \u00c4rzte Philosophie und Ethik. In seinem eindrucksvollen Buch \u201eSterblich sein\u201c geht es um die Grenzen der Medizin. Ungew\u00f6hnlich offen spricht er dar\u00fcber, was es bedeutet, alt zu werden, wie man mit Krankheiten und Gebrechen umgehen kann und was wir an unseren westlichen Gesundheitssystemen \u00e4ndern m\u00fcssen, um unser Leben w\u00fcrdevoll zu Ende zu bringen. Gawande erz\u00e4hlt von seinem Gro\u00dfvater, einem alten Inder, der es gewohnt war, jeden Morgen um die Felder zu reiten, die zu seinem Gut geh\u00f6rten \u2013 um sich zu versichern, dass alles seinen Gang ging. Als er dabei vom Pferd gefallen war und sich verletzt hatte, empfahl ihm niemand aus der Verwandtschaft, diese Gewohnheit zu \u00e4ndern, die doch so sehr zu seinem Selbstsein geh\u00f6rte. Sie kauften ihm stattdessen ein Pony. <strong>Gelingendes Altern, so die Psychologen Baltes und Baltes, l\u00e4sst sich nach dem Modell SOK beschreiben: Selektion, Optimierung, Kompensation: Wir machen uns unsere wichtigsten Ziele klar, wir passen unsere Strategien an und suchen nach Kompensation, wenn es auf dem alten Weg nicht mehr geht<\/strong>. Also: Pony statt Pferd. Wohnung mit Aufzug statt Haus. Bahnhofsn\u00e4he statt eigenes Auto.<\/p>\n<p>\u201eDa geht noch was\u201c, hei\u00dft das Buch von Christine Westermann, das sie zu Ihrem 65. Geburtstag geschrieben hat. Darin erz\u00e4hlt sie, wie sie sich aufregt, weil eine Reportage, die sie kurz vorher \u00fcber einen Klosteraufenthalt gedreht hat, folgenderma\u00dfen beworben wurde: Christine Westermann: \u201eWieviel Leben bleibt mir noch?\u201c F\u00fcr einen Augenblick denkt sie \u00fcber m\u00f6gliche Reaktionen der Leserinnen nach. M\u00f6glichkeit 1, meint sie: Sie hat eine todbringende Krankheit. M\u00f6glichkeit 2: Sie ist stark vergreist und verabschiedet sich mit dieser Dokumentation. Und dann: <strong>\u201eWie viel Leben bleibt mir noch?\u201c Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht mir nicht um das Wieviel. Das Wohin ist das Entscheidende, die Richtung, die ich meinem Leben noch geben will.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Alter neu gestalten <\/strong><\/p>\n<p><strong>Was f\u00fcllt mein Leben aus? Was suche ich? Was machen andere? Das sind Fragen aus dem Projekt \u201eAlter neu gestalten\u201c der Ev. Kirche in W\u00fcrttemberg. \u201eWas f\u00fcllt mein Leben aus? Was suche ich? Was machen andere? Geht da was zusammen? Und wie ist es mit dem Glauben?\u201c Die jungen Alten haben Lust auf Leben und einen neuen Aufbruch<\/strong>. Sie gehen selbstbewusst, kritisch und noch immer voll Energie in die dritte Lebensphase. Sie werden gebraucht und umworben. Sportvereine und Parteien, Schulen und Hospizvereine wissen: Mit den Angeh\u00f6rigen dieser so gesellschafts- und politikerfahrenen Generation l\u00e4sst sich einiges auf die Beine stellen. Die Generation der 55- 69-j\u00e4hrigen engagiert sich besonders stark im sozialen Ehrenamt und im lokalen B\u00fcrgerengagement. <strong>Sie gr\u00fcnden Dorfl\u00e4den, Nachbarschaftscaf\u00e9s oder fahren B\u00fcrgerbusse. Sie werden Leihomas oder Demenzbegleiter, organisieren Stadtspazierg\u00e4nge oder engagieren sich kommunalpolitisch.<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<strong>Ich will alt werden und sterben, wo ich gelebt habe\u201c, schrieb vor 25 Jahren der <\/strong><strong>G\u00fctersloher Sozialpsychiater Klaus D\u00f6rner. Sein eing\u00e4ngiger Satz stand paradigmatisch f\u00fcr einen neuen Umgang mit Alter, Pflegebed\u00fcrftigkeit und Sterben<\/strong>. Schon damals wollte die Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu Hause sterben \u2013 w\u00e4hrend die meisten tats\u00e4chlich in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen oder in Hospizen sterben. Wir w\u00fcnschen uns Familienverh\u00e4ltnisse wie zuletzt in den 50er Jahren, als es selbstverst\u00e4ndlich schien, dass Pflegebed\u00fcrftige zu Hause von ihren Angeh\u00f6rigen versorgt wurden. Dass das Sterben professionalisiert, institutionalisiert und mediatisiert wurde, hat viele Gr\u00fcnde. Die medizinisch-technische Entwicklung ist nur einer davon. Nicht zu untersch\u00e4tzen sind dabei die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme von Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t und eben auch der demographische Wandel. Wir werden \u00e4lter, die Zahl der Pflegebed\u00fcrftigen w\u00e4chst, Familien werden vielf\u00e4ltiger und diejenigen, die Kinder erziehen, f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige und Sterbende da sein k\u00f6nnen, sind finanziell benachteiligt und zeitlich in Zerrei\u00dfproben. Die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hat in den letzten Jahren st\u00e4ndig zugenommen. Damit haben zugleich die M\u00f6glichkeiten abgenommen, einander praktisch zu helfen &#8211; sei es bei der Betreuung der Enkel, sei es bei kleinen Hilfen im Haushalt.<\/p>\n<p><strong>Trotzdem soll niemand in ein Heim gehen m\u00fcssen, nur weil er oder sie sich selbst nicht mehr versorgen kann. Weil die Wohnung keinen Aufzug hat oder weil wir mit Eink\u00e4ufen oder Abrechnungen nicht mehr klarkommen. Denn \u201eein Zuhause ist der einzige Ort, wo die eigenen Priorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben<\/strong>\u201c, schreibt Atul Gawande. \u201eZu Hause entscheidet man selbst, wie man seine Zeit verbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden Platz aufteilt und wie man den eigenen Besitzt verwaltet.\u201c Wie D\u00f6rner m\u00f6chte auch Gawande das Altenhilfe- und Pflegesystem ver\u00e4ndern. Und tats\u00e4chlich hat sich ja in den letzten Jahren viel ver\u00e4ndert: Es herrscht \u00dcbereinstimmung, dass die notwendigen Dienstleistungen m\u00f6glichst zu den Menschen kommen sollen \u2013 und nicht l\u00e4nger umgekehrt.<\/p>\n<p><strong>Wenn wir wollen, dass wir alle auch im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, dann braucht es eine neue Kombination von Modulen der ambulanten und der station\u00e4ren Versorgung. Es braucht gute Pflegeberatungsangebote. Au\u00dferdem Angebote mit Pools von Haushaltshilfen und anderen Dienstleistern, aber auch Ehrenamtliche in der Nachbarschaft<\/strong>. Notwendig ist zudem eine tragf\u00e4hige Infrastruktur vor Ort mit der notwendigen Versorgung, \u00f6ffentlichem Nahverkehr und R\u00e4umen der Begegnung, aber auch: eine aktive B\u00fcrgerschaft und die Beteiligung von Zugeh\u00f6rigen und Nachbarn. <strong>Es geht um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung. Wir reden von \u201eCaring Communities<\/strong>\u201c \u2013 auf Deutsch von \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c, von \u201eSorgenden Gemeinden\u201c oder auch von \u201elokalen Verantwortungsgemeinschaften\u201c. Nicht nur Kommunen, auch Kirchengemeinden, Schulen und Unternehmen sind gefragt. Dabei sind die Handlungs- und Themenfelder, in denen sich eine Sorgende Gemeinschaft entfalten kann, ganz verschieden: Es geht um Kinder, um Menschen mit Behinderung, um \u00c4ltere und Gefl\u00fcchtete, um Sterbende und Trauernde.<\/p>\n<p><strong>So wichtig es ist, Dienstleister f\u00fcr Hauswirtschaft, Pflege, Einkaufsdienste ins Quartier zu bringen, so sehr kommt es eben auch darauf an, dass wir f\u00fcreinander einstehen &#8211; auch \u00fcber die Generationen hinweg. Mehrgenerationenh\u00e4user, Seniorenwohngemeinschaften und Genossenschaften sind im Aufwind<\/strong>. Die Idee hinter den neuen Wohnformen: starke Nachbarschaften, in denen man einander unterhalb der Schwelle professioneller und bezahlter Dienstleistungen wechselseitig hilft. So wie in den neuen Modellen des Zusammenwohnens von \u00c4lteren und Studentinnen, in denen die einen mietfreies Wohnen genie\u00dfen und die anderen den einen oder anderen Dienst in ihrem Alltag; sie kaufen ein oder pflegen den Garten. <strong>Aber auch in den Stadtteilcaf\u00e9s, in Quartiersprojekten und bei Mittagstischen und Tafeln sind Sorgende Gemeinschaften entstanden. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch ganz normale Nachbarschaften und Vereine zu Sorgenden Gemeinschaften werden<\/strong>.<\/p>\n<p>Eine Studie zum Ehrenamtlichen Engagement in Deutschland zeigt: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. Und dabei zeigt sich: die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. <strong>Die Revitalisierung der Nachbarschaften lebt vom b\u00fcrgerschaftlichen Engagement. Es griffe aber zu kurz, b\u00fcrgerschaftliches Engagement vor allem nach seinem gesellschaftlichen, sozialen oder kirchlichen Nutzen zu beurteilen. <\/strong>Menschen schenken Zeit f\u00fcr eine Aufgabe, die ihnen selbst am Herzen liegt. Und gerade die jungen Alten engagieren sich, weil ihnen klar ist, wie sehr wir aufeinander und auf ein Netzwerk angewiesen sind. \u201e<strong>Ich f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich\u201c schreibt Margret Schunk aus dem Projekt \u201eAlter neu gestalten\u201c in W\u00fcrttemberg. \u201eWeil wir uns vorgenommen haben, etwas gemeinsam zu tun, was uns allen n\u00fctzt, was uns allen hilft.<\/strong>\u201c <strong>In den Nachbarschaften zeigen sich aber auch die Grenzen des Informellen. Die Sorgenden Gemeinschaften brauchen Sorgestrukturen<\/strong>: R\u00e4ume, Hauptamtliche, Schl\u00fcsselfiguren, die das Ehrenamt mit der hauptamtlichen Infrastruktur verkn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Die F\u00f6rderung \u201eSorgender Gemeinschaften\u201c muss eingebettet sein in ein breit angelegtes Kommunalentwicklungsprogramm. Und dabei ist auch die Kirche gefragt. Denn Kirchen finden sich in jedem Dorf \u2013 oft als letzter Platz, der f\u00fcr alle offen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Hochaltrige im Blick behalten<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Sorgenbarometer der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger steht die Frage nach der Versorgung im Alter oben. Der hohe Anteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die den assistierten Suizid bef\u00fcrworten, zeigt in aller Sch\u00e4rfe die Herausforderung<\/strong>: Die Befragten bezweifeln, dass f\u00fcr sie gesorgt sein wird, wenn sie selbst nicht mehr f\u00fcr sich sorgen k\u00f6nnen. \u201eDie mit einer Gesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach einer Auseinandersetzung mit Fragen des Menschseins, mit dem Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde und mit den Vorstellungen eines guten und sinnerf\u00fcllten Lebens unter Bedingungen der Vulnerabilit\u00e4t. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die den Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf andere nicht einbezieht, sind unvollst\u00e4ndig\u201c, schreiben Thomas Klie und Andreas Kruse. Es ist schon merkw\u00fcrdig, wie leicht wir diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit verdr\u00e4ngen \u2013 sie verschieben auf Alter und Pflegebed\u00fcrftigkeit, obwohl wir auch im Beruf, im \u00f6ffentlichen Verkehr, bei unseren Konsumg\u00fctern voneinander abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<p><strong>Ich erinnere mich an die Feierabendh\u00e4user der Diakonissen in Kaiserswerth. Das Konzept glich einer offenen Wohngemeinschaft mit der M\u00f6glichkeit, sich selbst zu versorgen und ambulante Pflege zu bekommen. Es war sch\u00f6n zu sehen, wie viele J\u00fcngere aus der Gemeinschaft sich dort Rat und Unterst\u00fctzung holten.<\/strong> \u201eWenn ich selbst nicht zum Einkaufen komme\u201c, sagte letztes Jahr eine j\u00fcngere, berufst\u00e4tige Schwester \u201edann kaufen meine Feierabendschwestern f\u00fcr mich ein.\u201c Am Leben der J\u00fcngeren Anteil zu nehmen, ist f\u00fcr die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ein zentraler Lebensinhalt. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-j\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen Menschen, 61 Prozent im Engagement f\u00fcr andere Menschen und 60 Prozent haben das Bed\u00fcrfnis, auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden. Unser Leben wird leer, wenn wir uns nicht mit anderen austauschen, uns nicht mehr ber\u00fchren lassen; an Kindern sehen wir das sehr deutlich.<\/p>\n<p><strong>Besonders auff\u00e4llig ist folgendes: Bei mehr als Dreivierteln der Heidelberger Befragten zwischen 80 und 99 steht die Todesn\u00e4he nicht im Vordergrund. Es ist auch nicht unbedingt die Angst vor Pflegebed\u00fcrftigkeit \u2013 es ist das Gef\u00fchl, isoliert zu sein, abh\u00e4ngig und dabei allein, das vielen Menschen so gro\u00dfe Angst macht<\/strong>. 85 Prozent der Befragten besch\u00e4ftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation \u2013 der Enkel und Urenkel. Der ehemalige Chefredakteur von Psychologie heute, Heiko Ernst, spricht in diesem Zusammenhang von Generativit\u00e4t. Dabei geht es nicht nur um die eigenen Kinder \u2013 es geht um die Zukunft der n\u00e4chsten Generationen, die Zukunft unserer St\u00e4dte und D\u00f6rfer, das Leben der Natur. \u201eGenerativit\u00e4t\u201c, sagt Heiko Ernst, \u201eist unser Zukunftssinn. Wir richten das Denken \u00fcber die eigene Existenz hinaus. Generativit\u00e4t ist die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen, f\u00fcr andere da zu sein, sein Wissen und seine Erfahrungen weiter zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Da ist so viel Potenzial. Und doch:<strong> \u201eDie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu bleiben\u201c schreibt Eckart Hammer vom Projekt \u201eAlter neu gestalten\u201c.<\/strong> Dabei bedeutet alt zu werden ja nicht unbedingt Pflegebed\u00fcrftigkeit und Demenz. Nur 15 Prozent der 80 -84-j\u00e4hrigen und 26 Prozent der 85 -89j\u00e4hrigen sind von Demenzerkrankungen betroffen. Und auch Pflegebed\u00fcrftigkeit nimmt zwar mit dem Alter zu &#8211; aber bei den 80 bis 86-j\u00e4hrigen sind es 20 Prozent und erst \u00fcber 85 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Nein, es geht nicht unbedingt um Demenz und Pflegebed\u00fcrftigkeit. Aber viele Menschen erleben, dass sie im Alter weniger mobil und weniger beweglich werden. Bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ist der Anteil der Frauen, die den F\u00fchrerschein besitzen, noch immer nicht so hoch wie in j\u00fcngeren Altersgruppen. 3,1 Mio. M\u00e4nner, 2,3 Mio. Frauen zwischen 70 und 79 haben eine Fahrerlaubnis. Wenn der Auto fahrende Partner pflegebed\u00fcrftig wird oder stirbt, gewinnt der Nahbereich zunehmende Bedeutung. Viele sehen jetzt mit Trauer und Sorge, wie die Wohnquartiere sich ver\u00e4ndern &#8211; das Schrumpfen der l\u00e4ndlichen R\u00e4ume, der demographische Wandel, aber auch Migration spielen dabei eine Rolle. So kann die alte Heimat fremd werden &#8211; und damit das \u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause f\u00fchlen, wo wir einen Referenzrahmen f\u00fcr Austausch und Teilhabe finden. Traditionell bietet Kirche einen solchen Referenzrahmen. <strong>Die Kirchen und Gemeindeh\u00e4user sind Kristallisationsort f\u00fcr Feste und Feiern, f\u00fcr herausgehobene Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte, aber auch f\u00fcr Traditionen, die Halt geben. Gemeindeh\u00e4user k\u00f6nnen Gemeinwesenh\u00e4user werden &#8211; Treffpunkte f\u00fcr die \u00c4lteren \u2013 genauso wie f\u00fcr junge Familien.<\/strong> Allerdings brauchen die H\u00e4user barrierefreie Zug\u00e4nge &#8211; im Blick auf die Architektur genauso wie auf Kommunikation, was Einschr\u00e4nkungen im Sehen oder H\u00f6ren betrifft. Die Gruppen brauche Abholdienste, kleine B\u00fcrgerbusse vielleicht.<\/p>\n<p>Die traditionellen Seniorenkreise l\u00f6sen sich an vielerorts auf. Das hat damit zu tun, dass \u00c4ltere heute nicht mehr betreut werden wollen. Auch Bildungsprogramme stehen nicht mehr im Vordergrund. <strong>Aber f\u00fcr Menschen im Alter von plus\/minus 80, Frauen und M\u00e4nner, die unter zunehmenden Einschr\u00e4nkungen leiden und kaum noch mobil sind, kann ein Seniorencaf\u00e9 der Ort sein, wo nach ihnen gefragt wird, wenn sie fehlen. Da gibt es vielleicht Menschen, die sie im Krankenhaus anrufen oder auch im Pflegeheim besuchen. Dar\u00fcber hinaus gibt es eine F\u00fclle von Ideen, das Alter neu zu gestalten. W\u00f6chentliche Mittagstische im Gemeindehaus, wo abwechselnd gekocht wird &#8211; manchmal einfach f\u00fcr eine Gruppe von \u00c4lteren, die nicht l\u00e4nger f\u00fcr sich allein kochen wollen<\/strong>. Oder auch im gr\u00f6\u00dferen Stil \u2013 vielleicht vernetzt mit einer Tafel, vielleicht mit einem Angebot f\u00fcr den nahegelegenen Kindergarten. Das kann allerdings nicht gelingen ohne ein gut organisiertes Ehrenamtsteam. Mir gefallen aber auch die Stadtspazierg\u00e4nge mit Rollstuhl und Rollator wie der W\u00e4gelestreff in G\u00fcltlingen, Erz\u00e4hlcaf\u00e9s und Biografiewerkst\u00e4tten. In Hamburg-Eilbeck gibt es eine S\u00fctterlinstube, wo \u00c4ltere f\u00fcr \u00dcbersetzungsdienste zur Verf\u00fcgung stehen, anderswo entstehen Schm\u00f6kerstuben bei Caf\u00e9 und Musik in der Gemeindeb\u00fccherei \u2013 ganz \u00e4hnlich, wie es jetzt auch Stadtteilbibliotheken anbieten. Spannend finde ich auch das Begegnungscaf\u00e9 auf dem Friedhof in Kornwestheim. Denn tats\u00e4chlich ist ja der Friedhof, oft noch Gemeindefriedhof, ein gemeindlicher Anlaufpunkt, den wir als Kirche, aber auch als Gesellschaft vielleicht zu lange aus den Augen verloren hatten. Erst die Hospizbewegung mit ihren Trauergruppen und mit neuen Ritualen hat die Friedh\u00f6fe und die Friedhofskapellen in eine neues Licht ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Abschied nehmen <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Fotoreporterin Maggie Steber hat ihre Mutter in den letzten Lebensjahren mit der Kamera begleitet. In einer Altenwohnung in Miami dokumentierte sie deren langsamen Abschied vom eigenen Ich<\/strong>. Madje, die Mutter, war an Demenz erkrankt. Maggie hatte immer ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zu ihr gehabt. Das \u00e4nderte sich. W\u00e4hrend sie fotografierte, wuchs ein neues Verstehen. Man sieht es auf den Bildern: Wie k\u00f6niglich die Mutter, in eine blaue Decke geh\u00fcllt, auf der Matratze sitzt \u2013 zwischen ihren Katzen.<\/p>\n<p><strong>Es ist wunderbar, auf diese Weise Abschied nehmen zu d\u00fcrfen. Wenn die Beziehung zueinander noch einmal vertieft wird, bevor sie endet. Wenn Vers\u00f6hnung m\u00f6glich wird, wo vorher Distanz und Unverst\u00e4ndnis waren. <\/strong>Wunderbar, den eigenen Eltern noch einmal neu als erwachsene Menschen begegnen zu k\u00f6nnen, auch in Verletzungen, Hilflosigkeit und Angewiesenheit \u2013 und damit selbst endg\u00fcltig erwachsen zu werden. So ging es mir auch und ich m\u00f6chte die Tage und Wochen am Sterbebett meiner eigenen Mutter nicht missen. Sie starb in ihrem kleinen Appartement in einem der nieders\u00e4chsischen Frauenkl\u00f6ster. Es war eine Zeit des Wandels und der Konzentration: Noch einmal leuchtete das Vergangene auf, noch einmal kamen Freunde und Verwandte \u2013 das Netzwerk, das ihr Leben trug, wurde noch einmal sichtbar. <strong>Liebe und Leben werden noch einmal ganz dicht, wenn es hei\u00dft Abschied zu nehmen. Was da geschieht, betrifft nicht nur den, der geht, sondern auch die, die bleiben. Der Sterbeprozess ver\u00e4ndert auch das Leben der Angeh\u00f6rigen und Freunde. Es geht um eine gro\u00dfe Verwandlung.<\/strong><\/p>\n<p><strong>In ihrem Buch \u201eJeder Tag ist kostbar\u201c beschreibt auch Daniela Tausch-Flammer, wie die Begegnung mit dem Sterben ihrer Mutter sie ver\u00e4ndert hat<\/strong>. \u201eIch war vorher jemand, der mit viel Angst im Leben stand. Angst vor der Dunkelheit. Angst, keinen Beruf zu bekommen. Angst keinen Ort zum Leben zu finden. Angst vor Begegnung. &#8230; Durch die Lupe des Todes weitete sich der Angstring, &#8230; hielt mich nicht l\u00e4nger gefangen. Durch das Bewusstwerden der Endlichkeit \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr zur Spiritualit\u00e4t. In mir wuchs das Vertrauen: Das, was dir passiert, wird stimmen. Ich begann zu vertrauen, dass ich in meinem Leben gef\u00fchrt werde, von Gott begleitet bin. &#8230; Dass angesichts des Todes vor allem die Momente z\u00e4hlen, in denen ich gewagt habe, mich offen zu zeigen.\u201c<\/p>\n<p>Wir wachsen und wandeln uns mit den Menschen, die uns am n\u00e4chsten sind. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wenn ein anderer geboren wird oder ein Mensch in unser Leben tritt, den wir lieben lernen. Mit und durch die anderen werden wir selbst ein anderer: bei einem Tod zur Waise, bei einer Geburt zu Mutter oder Vater, so werden wir Br\u00e4utigam oder Witwe, aber auch Freund oder Nachbarin \u2013 was an anderen geschieht, verwandelt auch uns. Denn wir werden am Du zum Ich, wir sind auf ein Gegen\u00fcber hin geschaffen, wie Emanuel Levinas und Martin Buber deutlich gemacht haben. Wenn unsere Beziehungen sich ver\u00e4ndern, bleiben auch wir nicht, die wir waren. Wo diese Ver\u00e4nderungen in Liebe geschehen, vers\u00f6hnt uns das mit den Wandlungsprozessen des Lebens<strong>. Der Segen, den wir einander im Abschied schenken, l\u00e4sst uns zu unserer Mitte kommen, und neue Bilder vom Leben gewinnen, so wie sie die Fotografin Maggie Steber festgehalten hat. Von ihrer Mutter und von sich selbst.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nicht immer allerdings sind Abschieds- und Sterbeprozesse so vers\u00f6hnlich. Wie einverst\u00e4ndig sie verlaufen k\u00f6nnen, wie gut es gelingt, dass die Sterbenden ruhig gehen und die Angeh\u00f6rigen sie in Frieden gehen lassen, und ob es m\u00f6glich wird, durch den Schmerz zu einem neuen Leben zu finden,<\/strong> <strong>das h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab<\/strong>. Wie alle Beteiligten die letzte Lebensphase eines Menschen erleben, das hat mit den individuellen Beziehungen zu tun, aber auch mit den Strukturen der Organisationen. Mit dem Gesundheitszustand der Sterbenden genauso wie mit dem der Angeh\u00f6rigen. Mit deren zeitlichen Ressourcen und ihren Verpflichtungen f\u00fcr die eigene Familie oder im beruflichen Bereich. Und nicht zuletzt auch mit finanziellen und rechtlichen Fragen.<\/p>\n<p><strong>Noch immer werden zwei Drittel der Pflegebed\u00fcrftigen in Deutschland von Angeh\u00f6rigen gepflegt &#8211; in der Gemeinde also. Die Schwiegert\u00f6chter, die die kranke Mutter \u00fcber Jahre pflegen, die M\u00e4nner, die ihre Frauen pflegen &#8211; sie verzichten auf eigenes Einkommen und Karriere und werden oft nicht einmal gesehen.<\/strong> Neun Jahre dauert die h\u00e4usliche Pflege im Durchschnitt. Viele geben ihr \u00c4u\u00dferstes an Zeit und Energie. \u201eMutter, wann stirbst Du endlich?\u201c, das Buch von Martina Rosenberg, ein Tabubruch, zeigt un\u00fcbersehbar die Problematik. Die meisten Pflegenden verschwinden einfach aus dem Kollegen- und Freundeskreis, haben keine Zeit und kein Geld mehr f\u00fcr Einkaufsbummel und Geburtstagsbesuche, f\u00fcr Urlaub oder den Friseur.<\/p>\n<p><strong>Mit dem l\u00e4ngeren Verbleib im Erwerbsleben und der steigenden Zahl pflegebed\u00fcrftiger Hochaltriger stehen immer mehr Menschen vor der Herausforderung, Berufs- und Sorget\u00e4tigkeiten vereinbaren zu m\u00fcssen.<\/strong> Das Vereinbarkeitsproblem, das wir meist im Kontext von Erziehungsaufgaben der 20-40-j\u00e4hrigen Eltern denken, gilt inzwischen f\u00fcr die Altersgruppe der 40- bis 65-j\u00e4hrigen Frauen, wenn es um die Betreuung der Enkel, die Unterst\u00fctzung der betagten Eltern oder um h\u00e4usliche Pflege geht. Ohne eine gute Infrastruktur und bezahlbare Dienstleistungen, ohne \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung wie Vereinbarkeitsregeln in der Wirtschaft ist die Pflege Angeh\u00f6riger auf Dauer nicht zu leisten. Pflegende Angeh\u00f6rige sind wie die Pflegebed\u00fcrftigen selbst von Exklusion betroffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Gemeinde als Caring Community<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<strong>Mein Traum vom \u00c4lterwerden w\u00e4re, dass Menschen jeden Alters zusammenkommen und zusammenwachsen, so selbstverst\u00e4ndlich wie dies in vielen Familien geschieht. Und dabei sollte weder Alter noch Krankheit Tabu sein\u201c, sagt Erika Haffner aus W\u00fcrttemberg<\/strong>. Auf Schloss Blumenthal in Bayern haben sich Menschen zusammengetan, um miteinander anders zu leben. Eine bunte Mischung von Individualisten vom Parkettpfleger \u00fcber den Mediziner, von der Hotelkauffrau bis zur Steuerfachangestellten und zur Yogalehrerin. Ihre Zukunftsvision ist ein Grundeinkommen f\u00fcr jedes Mitglied aus den Gewinnen der Betriebe und eine gemeinsame Altersversorgung. Auch f\u00fcr Menschen, die alleinerziehend mit Kindern leben, die in die dritte Lebensphase eintreten und damit rechnen, mehr Hilfe zu brauchen, f\u00fcr Menschen mit einer Behinderung oder f\u00fcr Singles, die einen Ort der Zugeh\u00f6rigkeit suchen, wird es heute wichtiger, dar\u00fcber nachzudenken, wie sie leben und mit wem sie wohnen. \u201e<strong>Wir stehen hier immer vor der Frage, wie sieht unsere Balance zwischen \u00d6konomie und Gemeinschaft aus\u201c, sagt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des kleinen Dorfes, Martin Horack, der hier einst mit 8 Familien begann. Er trifft damit eine Grundfrage unserer Gesellschaften: \u00d6konomie und Sorge sind aus der Balance geraten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Darin liegt auch eine Herausforderung f\u00fcr die Gemeinden. Denn die Pflegesituationen, von denen ich eben sprach, finden ja in den H\u00e4usern der Gemeinde statt. Zwischen den \u00c4rzten vor Ort, den Pflegestationen und den H\u00e4usern sind unsichtbare F\u00e4den gezogen. F\u00fchren sie auch zu den Nachbarn, in die Pfarr-und Gemeindeh\u00e4user?<\/strong> Manchmal m\u00fcssen wir uns selbst in Erinnerung rufen, welches Kapital Gemeinden mitbringen \u2013 an R\u00e4umen, aber auch an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Schlie\u00dflich wohnen die Kirchenvorstandsmitglieder in der Nachbarschaft und manche arbeiten sogar noch in der N\u00e4he. Und auch in den Elternr\u00e4ten der Schulen, in den Vorst\u00e4nden der Vereine sitzen Kirchenmitglieder. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen. Daf\u00fcr gibt es gute Beispiele: die \u201eInklusive Solidarische Gemeinde in Reute\u201c zum Beispiel mit ganz unterschiedlichen Angeboten und \u00fcber 80 Ehrenamtlichen aus allen Generationen. Ein B\u00fcrgerverein mit \u00fcber 500 Mitgliedern unter dem Dach der katholischen Gemeinde, der vom Fahrdienst bis zum Besuchsdienst oder zu Oma-Opa-Enkel-Wanderungen immer neues organisiert &#8211; getragen von Beitr\u00e4gen und Drittmitteln.<\/p>\n<p><strong>Gemeindeh\u00e4user, auch Kirchen k\u00f6nnen zu Stadtteilzentren werden, in denen Beratungsangebote, Caf\u00e9s und Mittagstische oder Freiwilligenzentren Platz haben. Hier k\u00f6nnen Zukunftswerkst\u00e4tten und Fortbildungen stattfinden, um Angeh\u00f6rige, Nachbarn und Ehrenamtliche zu st\u00e4rken. Community Organising zeigt, wie es geht: Zuh\u00f6ren und Raum f\u00fcr Selbstorganisation geben, tats\u00e4chlichen und ideellen Raum: Ehrenamtliche f\u00f6rdern, Projekte professionell unterst\u00fctzen \u2013 <\/strong>auch solche, deren Ort nicht die Kirche ist, sondern vielleicht ein Familienzentrum oder eine Schule. Aber auch ein kirchlicher Nachbarschaftsladen mitten im Wohnquartier kann Menschen anziehen. Wer eintritt, muss nicht schon bekannt sein, aber er kann andere kennenlernen &#8211; im Caf\u00e9, in einem Kurs, kann Hilfe bekommen oder mithelfen von der Kleiderkammer bis zum Familiennachmittag. Dabei k\u00f6nnen sich Kirchengemeinden auch mit Wohnungsbaugesellschaften oder Wohlfahrtsverb\u00e4nden zusammentun. Wo Arbeit f\u00fcr alle Generationen geleistet wird, muss niemand das Gef\u00fchl haben, nur Hilfeempf\u00e4nger zu sein. Kirchengemeinden k\u00f6nnen Caring Communities werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Frieden machen \u2013 worauf warten wir?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eHaben Sie schon einmal getr\u00e4umt, sie m\u00fcssten sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen\u201c, hei\u00dft es in Max Frischs ber\u00fchmten Fragebogen. \u201eWas Sie hinterlassen? Die Weltlage? Eine Landschaft? Dass alles eitel war? Was ohne Sie nie zustande gekommen w\u00e4re? Die Unordnung in den Schubladen?\u201c Vielleicht kennen Sie diesen Fragebogen aus Frischs Tageb\u00fcchern &#8211; zu Freundschaft und Liebe, zum Geld und zum Tod.<\/strong> Wer ihn schon \u00f6fter gelesen hat, hat vielleicht entdeckt, wie sich die eigenen Antworten im Laufe des Lebens ver\u00e4ndern. So wie sich die eigene \u201eL\u00f6ffelliste\u201c ver\u00e4ndert &#8211; die Liste auf der Menschen notieren, was sie vor dem Tod noch sehen, erleben oder erreichen wollen, bevor sie den L\u00f6ffel abgeben. Die \u201eBucket-List\u201c der beiden alten M\u00e4nner aus dem Film \u201eDas Beste kommt noch\u201c: Klavierspielen lernen, nach Indien reisen, Vers\u00f6hnung suchen: Manches stellt sich als unwichtig heraus \u2013 anderes wird immer dr\u00e4ngender<strong>. Mit den Jahren verschieben sich auch die Priorit\u00e4ten \u2013 es trennt sich die Spreu vom Weizen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eIm Alter erz\u00e4hlt man sich sein Leben neu\u201c, sagt die Autorin Ruth Kl\u00fcger \u2013 \u201eich beurteile die Menschen anders, als ich sie vorher beurteilt habe.<\/strong> Das Alter gibt die Chance, auf das Ganze zu sehen, offener zu werden und gro\u00dfz\u00fcgiger. Ich muss keine Angst um mein Ego mehr haben \u2013 ich kann einen Schritt zur\u00fccktreten und mich freuen, an dem was wird und geworden ist. Durch mich und auch durch andere.\u201c Die letzte Lebenszeit kann noch einmal ein ganz besonderer Entwicklungsschub sein. Dazu geh\u00f6rt auch, dass wir Vers\u00e4umtes verabschieden und Verlorenes betrauern &#8211; Kinderlosigkeit oder der Verlust eines Lebenstraums sind eben nicht einfach \u201ereparierbar\u201c. <strong>\u201eEs geht darum, zu reifen und zu vergeben\u201c, sagt der Jesuit Piet von Bremen: \u201eVom Zustand des passiven Opfers ohne Kontrolle \u00fcber die Gef\u00fchle hin zur Einsicht, dass wir selbst die Quelle unserer Gef\u00fchle sind. Vergebung ist die langsam wachsende Einsicht, dass wir den anderen Menschen nicht unter Kontrolle haben k\u00f6nnen.\u201c<\/strong> Das Leben nicht. Und den Tod auch nicht. Der Jesuit und Seelsorger wei\u00df wohl, was f\u00fcr eine Herausforderung in dieser erneuten Konfrontation steckt &#8211; und ermutigt zugleich, \u00fcber den eigenen Schatten zu springen, damit wir uns nicht endlos im Kreis drehen und die erlittene Kr\u00e4nkung beklagen. Es wird nicht gelingen, alles auszur\u00e4umen, was uns oder andere belastet \u2013 mancher Schmerz, mancher \u00c4rger begleitet uns lebenslang wie ein alter Bruch, eine tiefe Narbe. Es gen\u00fcgt, zu akzeptieren, dass auch das zu uns geh\u00f6rt. Und damit Frieden zu machen.<\/p>\n<p><strong>In Seelsorge, Besuchsdienst und Hospizarbeit d\u00fcrfen wir Menschen in diesem Prozess begleiten &#8211; hin zu der \u201eAltersweisheit\u201c, die die westlichen Gesellschaften lange aus dem Blick verloren hatten. <\/strong>Es geht um mehr als um Besuchsdienste in Einrichtungen der Altenhilfe &#8211; es geht um R\u00e4ume, in denen die \u00c4lteren zum Subjekt werden und geben k\u00f6nnen. Das kann ein Samstagnachmittag sein, an dem Konfirmanden und ihre Gro\u00dfeltern \u00fcber ihre Konfirmationsspr\u00fcche ins Gespr\u00e4ch kommen. Jubil\u00e4um, bei denen das Leben der \u00c4lteren im Mittelpunkt steht<strong>. Kirchengemeinden haben viele M\u00f6glichkeiten, Angebote zu schaffen, in denen Menschen sich austauschen &#8211; auf Augenh\u00f6he im Geben und Nehmen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Jeder, der das letzte Kapitel des eigenen Lebens bewusst gestalten will, sollte die notwendige Unterst\u00fctzung bekommen, um Beziehungen abzuschlie\u00dfen, das eigene Erbe zu regeln, mit Gottvertrauen ins Offene zu gehen und denen, die bleiben, Segen zu hinterlassen. Dabei denke ich nicht nur an professionelle Seelsorge. Auch Freiwillige k\u00f6nnen eine wichtige Rolle spielen. Solche mit einer seelsorglichen Ausbildung<\/strong>. Aber auch Musikerinnen und Musiker, die Harfe oder Fl\u00f6te spielen, alte Lieder zum Klingen bringen. Oder Autorinnen, die anderen bei der Biographie-Arbeit helfen. Oder eine Malerin wie Kathrin Fester, die die blinde 106-j\u00e4hrige Frieda Mayer\u2013Melikowa in einem Seniorenheim gezeichnet hat. \u201eIch empfinde meine Bilder als meine pers\u00f6nliche W\u00fcrdigung des Lebens von Frau Mayer-Melikowa\u201c, sagt Kathrin Feser, \u201eeine W\u00fcrdigung, die ihr in den langen Jahren ihres Lebens nicht zugekommen ist. (\u2026) Vielleicht wird ja eines Tages eine ganz besondere Zeichnung entstehen und man wird sagen: Das war Frau Mayer-Melikowa. Sie ist sehr alt geworden und sie hat sehr viel in ihrem Leben durchgemacht. Aber sie hat an ihrem Glauben festgehalten. Und sie war ein liebenswerter Mensch.\u201c Es lohnt sich dar\u00fcber nachzudenken, was wir f\u00fcr uns und f\u00fcr andere tun k\u00f6nnen, um das Leben noch einmal in ein neues Licht zu setzen. Reden und Zuh\u00f6ren, Musik machen, malen und schreiben. Ein Fest zusammen feiern oder auch eine Reise machen. Vielleicht schauen Sie selbst noch mal auf ihre L\u00f6ffelliste. Und fragen die Menschen, die Ihnen anvertraut sind, danach.<\/p>\n<p><strong>\u201eManchmal ist es federleicht\u201c, hei\u00dft das letzte Buch von Christine Westermann, von der ich am Anfang gesprochen habe. <\/strong>Da geht es um freiwillige und unvermeidliche Abschiede. Um den Abschied von ihrer Sendung \u201eZimmer frei\u201c, den Abschied von Kollegen und Freundinnen. Christine Westermann erz\u00e4hlt, wie befreiend es sein kann, einen Wohnort oder eine Aufgabe hinter sich zu lassen, wie schmerzhaft, Freunde zu verlieren. <strong>Schlie\u00dflich geht es um den eigenen Abschied. Den Abschied vom Leben. Was w\u00e4re, wenn sie um ihren Sterbetag, ihr Sterbejahr w\u00fcsste? \u201eDas, was unter das Stichwort Erbe f\u00e4llt, w\u00fcrde ich zu Lebzeiten unter die Leute bringen. Und wenn noch was \u00fcbrigbleibt, ein Haus mit Blick aufs Meer mieten. Ach, mutiger w\u00fcrde ich sein, mir selbst vertrauen. W\u00e4hrend ich das formuliere, frage ich mich, worauf warte ich noch<\/strong>? Ich habe doch nur noch ein paar tausend Tage. Erreiche ich das rein statistische Durchschnittsalter f\u00fcr Frauen, sind es von jetzt an gerechnet noch 13 Jahre \u2013 4745 Tage.\u201c Sie hat Recht &#8211; ich denke noch einmal an mein St\u00fcck Zollstock. Wir sollten dar\u00fcber reden, wie wir achtsam mit unserer Zeit umgehen.<\/p>\n<p>\u201eNichts ist versprochen, aber vieles ist m\u00f6glich\u201c; schreiben Henning Scherf und Annelie Keil in ihrem Buch \u201eDas letzte Tabu\u201c.<strong> So merkw\u00fcrdig es klingt: Kreativit\u00e4t ist gefragt\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Z\u00fcrich, 12.9.18<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.Was am Ende z\u00e4hlt Im Fr\u00fchjahr war ich auf einer Coaching-Fortbildung, bei der es auch darum ging, das eigene Leben&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3970\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3518,"menu_order":88,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3970","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3970"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3970"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3970\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3971,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3970\/revisions\/3971"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}