{"id":3967,"date":"2018-09-21T09:39:51","date_gmt":"2018-09-21T07:39:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3967"},"modified":"2019-01-21T13:20:27","modified_gmt":"2019-01-21T12:20:27","slug":"keiner-stirbt-fuer-sich-allein-sorgende-gemeinde-im-quartier","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3967","title":{"rendered":"Keiner stirbt f\u00fcr sich allein \u2013 Sorgende Gemeinde im Quartier"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Das letzte Tabu<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<strong>Der Tod hat keinen festen Ort und viele Gesichter. Wie ein Nomade zieht er durchs Land, kommt an jede T\u00fcr und macht, was er will. Das nat\u00fcrliche Ende des Lebens ist in jeder Hinsicht unberechenbar und unvorhersehbar. Er verlangt inmitten der jeweils besonderen Situation die Bereitschaft, sich dem Geschehen offen zu stellen. Nichts ist versprochen, aber vieles ist m\u00f6glich. So merkw\u00fcrdig es klingt: Kreativit\u00e4t ist gefragt<\/strong>. Tun, was m\u00f6glich ist und lassen, was nicht n\u00f6tig ist\u2026 <strong>Es geht darum, die gemeinsame Sorge jenseits der erfolgreichen Medizin, jenseits von Staat, Kirchen und Wohlfahrtsverb\u00e4nden, zu einem zivilgesellschaftlichen Leben aller Menschen zu machen<\/strong>.\u201c Das schreiben <strong>Annelie Keil und Hennig Scherf<\/strong> in ihrem Buch: \u201e<strong>Das letzte Tabu <\/strong>&#8211; \u00dcber das Sterben reden und den Abschied leben lernen.\u201c<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es Ihnen ging, als Sie die S\u00e4tze gerade h\u00f6rten und lasen &#8211; ich sp\u00fcre etwas Ungez\u00e4hmtes und darum wohl Unheimliches, das mich ber\u00fchrt. Der Tod macht, was er will \u2013 keine Planung und Routine, keine Verwaltung und Professionalit\u00e4t kann ihn bannen oder in den Griff bekommen. Er bleibt so wild wie das Leben; darum eben gibt es nur eine Ebene, auf der wir ihm begegnen k\u00f6nnen: Sch\u00f6pferische Kreativit\u00e4t. Mut zum Entscheiden. Gemeinsames Handeln und Miteinanderreden. \u201eDass wir miteinander reden k\u00f6nnen, macht uns zu Menschen\u201c, zitiert Amelie Keil den Philosophen Karl Jaspers.<\/p>\n<p>Ich muss bekennen, dass ich zun\u00e4chst gez\u00f6gert habe, das \u201eLetzte Tabu\u201c zu kaufen. Kann man denn nach 35 Jahren Hospizbewegung noch ernsthaft von einem Tabu reden? Was mich gelockt hat, war die neue Verortung, die Scherf und Keil dem Thema geben &#8211; wie manche andere jetzt auch. <strong>Die Hospizbewegung ist bei den Silver Agern angekommen, sie ist im Quartier angekommen. Und da zeigt sich das Sterben aus einer anderen Perspektive. Nicht b\u00fcrokratisch geordnet und standardisiert, nicht hinter einer Zimmert\u00fcr gepflegt, geplant und berechnet, erwartet und bef\u00fcrchtet, sondern tats\u00e4chlich unvorhersehbar. Lebendig. Und mitten unter uns. <\/strong>Was muss sich \u00e4ndern, damit wir dieser Erfahrung Raum geben? Damit wir uns selbst und anderen Zeit geben, damit umzugehen?<\/p>\n<p><strong>Vor 20 Jahren kam die Hospizbewegung zur\u00fcck in die Kliniken, vor 15 Jahren kam sie in den Altenpflegeeinrichtungen an<\/strong>. Es gab heftige Debatten um die Differenzierung von Palliativstationen und Hospizen wie auch um die Frage, wie man denn ansonsten im Krankenhaus stirbt &#8211; jenseits der Onkologie oder der Lungenklinik. Als wir damals (Anfang der 2000-er Jahre) im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie einen Palliative-Care- und Ethik-Prozess mit dem IFF in Wien (Andreas Heller) starteten, da ging es um die Frage, ob und wie es gelingen k\u00f6nnte, die Altenpflege und dar\u00fcber hinaus die Behindertenhilfe einzubeziehen. Und es sollte noch einige Jahre dauern, bis in Deutschland die ambulante Palliativversorgung interdisziplin\u00e4r aufgestellt, bis auch Spiritualit\u00e4t als Dimension anerkannt und refinanziert wurde. Seitdem geschieht hospizliche Arbeit in den Quartieren \u2013 leider oft an den Kirchengemeinden und ihren Seelsorgekr\u00e4ften vorbei. <strong>Zun\u00e4chst also war die Hopizbewegung buchst\u00e4blich aus dem Gesundheitssystem ausgezogen, dann ging es darum, die Haltung und Kompetenzen und auch die Erfahrungen der Bewegung in die Regelversorgung einzubeziehen, ja, sie zu einem Qualit\u00e4tsmerkmal der Regelversorgung zu machen<\/strong>. Das scheint mir in der ambulanten Versorgung am besten, in der Altenpflege noch am wenigsten gelungen. Bald schon aber zeigte sich: die Konzentration auf Patienten mit Krebserkrankungen hat breite Gruppen au\u00dfen vorgelassen: Neurologisch Erkrankte, chronisch Kranke, pflegebed\u00fcrftige alte Menschen, zun\u00e4chst auch die Kinder. Mit Recht wurde und wird gefragt, ob es denn nun ein Sterben erster und zweiter Klasse g\u00e4be. Gerade f\u00fcr die Wohlfahrtsverb\u00e4nde mit Krankenh\u00e4usern und Altenzentren, station\u00e4rer und ambulanter Versorgung, bleibt das eine herausfordernde Frage. Es bleibt aber auch ein gro\u00dfes Thema f\u00fcr Patienten und Angeh\u00f6rige<strong>. Palliative Unterversorgung in der Altenhilfe oder in der h\u00e4uslichen Pflege f\u00fchrt noch immer zu \u00dcberweisungen in die Klinik.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Jahr 2013 starben in Deutschland 2- 3 Prozent der Patienten im Hospiz und 3- 4 Prozent auf einer Palliativstation, 48 Prozent starben m Krankenhaus, ca. 20 Prozent in Pflegeinrichtungen und etwa 25 Prozent zu Hause<\/strong>. Bis auf die Zahlen im Krankenhaus Sch\u00e4tzungen \u2013 nicht alle Sterbeorte werden statistisch erfasst. Noch immer gilt das Paradox, dass die Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu Hause sterben will \u2013 w\u00e4hrend die meisten tats\u00e4chlich in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen sterben.<\/p>\n<p><strong>\u201eIch will alt werden und sterben, wo ich gelebt habe\u201c \u2013 Klaus D\u00f6rners eing\u00e4ngiger Satz steht bis heute paradigmatisch f\u00fcr einen neuen Umgang mit Alter, Pflegebed\u00fcrftigkeit und Sterben<\/strong>. Vor 25 Jahren forderte der G\u00fctersloher Sozialpsychiater die Aufl\u00f6sung der station\u00e4ren Einrichtungen in der Altenhilfe \u2013 wie vorher schon die Ambulantisierung der Psychiatrie und Behindertenhilfe. Es war \u00fcbrigens die Zeit, in der im Europarat die Charta der Rechte von Todkranken und Sterbenden verabschiedet wurde, in der es um den Schutz ihrer W\u00fcrde geht. Menschen, die vorher als Objekte der Hilfe verstanden wurden, kamen endlich als Subjekte in den Blick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Quartier und Caring Communities<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch will alt werden und sterben, wo ich gelebt habe\u201c. D\u00f6rners Vision wurde zun\u00e4chst als Provokation verstanden. <strong>Aber seitdem haben sich die Einrichtungen der Altenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, aber auch mit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen haben sie sich immer mehr ins Quartier, in ihre Nachbarschaft ge\u00f6ffnet. Fachlich und sozialpolitisch ist Konsens: Niemand soll in ein Heim gehen m\u00fcssen, nur weil er oder sie sich selbst nicht mehr versorgen kann; keiner soll isoliert sein, wenn er stirbt<\/strong>. Die Dienstleistungen sollen zu den Menschen kommen und nicht l\u00e4nger umgekehrt. Auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen inzwischen ernst damit, dass in den neuen Wohnquartieren Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen und H\u00e4user so barrierefrei sein m\u00fcssen, dass auch Rollstuhl oder Krankenbett Platz finden.<\/p>\n<p><strong>Und dennoch: \u201edie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinschaft zu bleiben\u201c, sagt Prof. Eckart Hammer aus dem Beirat des Projekts \u201eAlter neu gestalten\u201c der Evangelischen Kirche in W\u00fcrttemberg. <\/strong>Offenbar gibt es auch eine gegenl\u00e4ufige Entwicklung. Und das hat mit der Entdeckung der dritten Lebensphase, des jungen, aktiven Alterns zu tun. In diesem Zusammenhang r\u00fcckte die Hochaltrigkeit als vierte Lebensphase weiter nach hinten \u2013 und oft genug wird sie verdr\u00e4ngt. Denn zugleich ist in der Bev\u00f6lkerung die Angst vor Pflegebed\u00fcrftigkeit und Demenz gewachsen und sie wird von den Debatten um Pflegenotstand und assistierten Suizid weiter angeheizt: Viele f\u00fcrchten sich davor, nicht gut versorgt zu sein, wenn sie sich selbst nicht mehr versorgen k\u00f6nnen. Umso mehr genie\u00dfen die jungen Alten die geschenkten, gesunden Lebensjahre: Reisen, Sport, neue Freundschaften und Beziehungen, ehrenamtliches Engagement \u2013 die Powerager sind aktiv. Sie wollen als Gestalter ihres Lebens wahrgenommen und eben nicht nur auf die zunehmende Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit reduziert werden. <strong>Und tats\u00e4chlich bedeutet alt zu werden ja nicht unbedingt Pflegebed\u00fcrftigkeit und Demenz. Nur 15 Prozent der 80-84j\u00e4hrigen und 26 Prozent der 85-89j\u00e4hrigen sind von Demenzerkrankungen betroffen. Und auch Pflegebed\u00fcrftigkeit nimmt zwar mit dem Alter zu &#8211; aber bei den 80 bis 86-j\u00e4hrigen sind es 20 Prozent und erst \u00fcber 85 steigt der Anteil auf 40 Prozent<\/strong>. Dennoch: Das macht vielen Angst und man m\u00f6chte sich nicht damit besch\u00e4ftigen. Deshalb besteht die Gefahr, dass diese Gruppe vom gemeinsamen Leben ausgeschlossen wird. Nicht nur im Pflegeheim, sondern auch in der Nachbarschaft. Und mitten in unseren Gemeinden.<\/p>\n<p><strong>In Deutschland leben mehr als 40 Prozent der \u00fcber 70-j\u00e4hrigen allein &#8211; und nicht alle k\u00f6nnen am Ort auf Familienmitglieder, tragf\u00e4hige Freundschaften und Nachbarschaftsnetze zur\u00fcckgreifen<\/strong>. Die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hat in den letzten Jahren st\u00e4ndig zugenommen; die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen erhalten immer seltener praktische Hilfe. Die zunehmende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, die wachsende berufliche Mobilit\u00e4t und geringere Kinderzahlen haben die famili\u00e4ren Netze fragiler gemacht.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir verhindern, dass Menschen nur deswegen in station\u00e4re Einrichtungen ziehen, weil sie ihren Alltag nicht mehr allein bew\u00e4ltigen? <\/strong>Weil die Wohnung nicht barrierefrei ist oder die Versorgung zu Hause nicht gew\u00e4hrleistet? Weil sie mit ihren chronischen Erkrankungen nicht mehr richtig umgehen k\u00f6nnen oder ihre knappen Finanzen nicht mehr \u00fcbersehen und mit Antr\u00e4gen \u00fcberfordert sind? Diese \u201eL\u00f6sung\u201c ist extrem teuer, nicht nur f\u00fcr die Betroffenen selbst, sondern auch f\u00fcr die Kostentr\u00e4ger, f\u00fcr die gesamte Gesellschaft<strong> \u201eEin Zuhause ist der einzige Ort, wo die eigenen Priorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben\u201c, schreibt der amerikanische Arzt Atul Gawande. \u201eZu Hause entscheidet man selbst, wie man seine Zeit verbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden Platz aufteilt und wie man den eigenen Besitz verwaltet<\/strong>.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wenn wir wollen, dass wir auch im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, dann braucht es mehr Beratung, besser vernetzte Angebote und andere Wohnformen, wie sie jetzt schon erprobt werden<\/strong>. Die neuen Wohngenossenschaften, aber auch Architektenentw\u00fcrfe und Ausstellungen wie k\u00fcrzlich in M\u00fcnchen zeigen, worauf es ankommt: Wer nicht in einer Familie lebt, braucht eine gute Kombination von eigenen, privaten R\u00fcckzugsr\u00e4umen und gemeinschaftlichen Angeboten vom Bistro bis zu Bibliothek und G\u00e4stewohnung. Das ist nicht nur f\u00fcr Senioren interessant, sondern auch f\u00fcr Studierende und Alleinerziehende \u2013 und warum nicht f\u00fcr die verschiedenen Gruppen gemeinsam. Vielleicht wird ja auch ein Kinderhort angeschlossen oder eine Pflegestation. Notwendig ist aber auch eine tragf\u00e4hige Infrastruktur im Stadtteil mit L\u00e4den, \u00f6ffentlichem Nahverkehr, Caf\u00e9s. Vor allem aber eine aktive B\u00fcrgerschaft, die sich auch selbst um Dorfl\u00e4den und B\u00fcrgerbusse k\u00fcmmert, wo die Kommune sich zur\u00fcckzieht und der Markt versagt. Starke Nachbarschaften, in denen man einander unterhalb der Schwelle professioneller und bezahlter Dienstleistungen wechselseitig hilft. Beim Einkaufen, bei kurzen Erkrankungen, beim Babysitten, bei einer Fahrt zum Arzt. Der j\u00fcngste Freiwilligensurvey in der Bundesrepublik zeigt: <strong>Immerhin 25 Prozent helfen Nachbarn von kleinen Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere<\/strong>. Die Befragungen zeigen: diese wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern nicht nur das Miteinander in der Nachbarschaft, sondern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Zu wissen, dass andere da sind, die uns kennen und auf uns achten, nimmt die Angst vor Einsamkeit.<\/p>\n<p><strong>In unserer Gesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstoptierung, geht es um ein Gegengewicht: um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung. Das ist der Grund, warum die \u201eCaring Communities\u201c Konjunktur haben. <\/strong>Im Deutschen ist von \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c, von \u201eSorgenden Gemeinden\u201c oder auch von \u201elokalen Verantwortungsgemeinschaften\u201c die Rede. Caring Communities k\u00f6nnen sich in verschiedenen Handlungsfeldern entfalten &#8211; es kann um Menschen mit Behinderung gehen, um \u00c4ltere und Gefl\u00fcchtete, aber eben auch um Sterbende und Trauernde. Immer geht es um die Inklusion der Exkludierten und Vergessenen. Damit das gelingt, braucht es eine Kombination von B\u00fcrgerinitiativen, kommunaler Planung und Organisationen vor Ort. Das k\u00f6nnen Pflegedienste, Schulen, Handwerksbetriebe oder Unternehmen sein &#8211; und nat\u00fcrlich Kirchengemeinden.<\/p>\n<p><strong>Dabei ist der Begriff \u201eSorge\u201c ein Versuch, das englische Care zu \u00fcbersetzen \u2013 es steht f\u00fcr alle Beziehungs- und Zuwendungsarbeit privater wie professioneller Natur. Die feministische Theorie hat den Begriff neu entdeckt und problematisiert damit die Dominanz einer \u00f6konomisierten Sichtweise im Sozial- und Gesundheitswesen, die den Menschen zum blo\u00dfen Kunden und Empf\u00e4nger von Dienstleistungen macht<\/strong>. \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c- das steht f\u00fcr Zugeh\u00f6rigkeit, gemeinsame Werte und Verantwortungsbeziehungen, wie wir sie aus Familien und Freundeskreisen oder aus religi\u00f6sen Gemeinschaften kennen. Sie leben ja aus einem gemeinsamen Wertesystem, einem gemeinsamen \u201eSpirit\u201c, der ganz unterschiedliche Menschen zusammenh\u00e4lt. Und tats\u00e4chlich sind in den letzten Jahren in vielen Gemeinden Seniorennetzwerke, Demenznetzwerke und auch Nachbarschaftsnetze entstanden. <strong>Kirchengemeinden bringen viel mit, damit das gelingt: Sie haben \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich R\u00e4ume, ihre H\u00e4user sind fu\u00dfl\u00e4ufig, es gibt viele, die sich ehrenamtlich engagieren, aber auch hauptamtliche Ansprechpartner. Kirchengemeinden haben eine lange gewachsene Erfahrung und eine professionelle Verwaltung. Und sie genie\u00dfen hohes Vertrauen. <\/strong>Aber auch die Verantwortung der Kommunen muss im Blick bleiben. Denn wenn wir Kommunen nicht nur als Wirtschaftsstandorte, sondern als Ort des guten Lebens begreifen wollen \u2013 dann braucht es soziale Investitionen in Wohnprojekte, Infrastruktur, Quartiersentwicklung und Engagementf\u00f6rderung. Letztlich brauchen \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c einen Wohlfahrtsmix, das produktive Zusammenwirken von Staat, Dienstleistern und Nachbarschaftsinitiativen in \u201egeteilter Verantwortung\u201c. Und eine gemeinsame Planung und Abstimmung \u2013 am runden Tisch, warum nicht im Gemeindezentrum?<\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich sind es meist die \u201ejungen Alten\u201c, die diese Prozesse voranbringen<\/strong>. Die 68-er-Generation ist schon in jungen Jahren durch die sozialen Bewegungen gepr\u00e4gt und kann heute an diese Erfahrungen wieder ankn\u00fcpfen. <strong>Sie wohnen oft lange am Ort, sind sozial und oft auch politisch engagiert, bringen breite Lebenserfahrungen ein und sind damit die Treiber einer neuen, generationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung<\/strong>. Sie engagieren sich als Pflege- und Demenzbegleiter, als Lesepaten, Leih-Omas, Stadtteilm\u00fctter oder Ausbildungsmentoren. Sie fahren die B\u00fcrgerbusse und arbeiten in den Dorfl\u00e4den mit. Oder sie bauen ganz eine Telefonkette auf \u2013 inzwischen auch mit Skype \u2013 um auf einfache Weise t\u00e4glich mit anderen verbunden zu bleiben.<\/p>\n<p><strong>Dabei geht es keinesfalls um selbstvergessenen Altruismus. Denn wer sich engagiert, gewinnt zugleich neue Beziehungen und Netzwerke<\/strong>. Engagement ist Teilhabe und st\u00e4rkt Teilhabe. <strong>Selbstsorge und F\u00fcrsorge geh\u00f6ren zusammen &#8211; sie sind die beiden Seiten der \u201eMitverantwortung\u201c, von der die Philosophin Hannah Arendt gesprochen hat. <\/strong>Bei den jungen Alten zeigt sich das besonders deutlich.<strong> \u201eIch f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich\u201c,<\/strong> schreibt Margret Schunk, die auch beim Projekt \u201eAlter neu gestalten\u201c in Stuttgart beteiligt ist \u201e<strong>Weil wir uns vorgenommen haben, etwas gemeinsam zu tun, was uns allen n\u00fctzt, was uns allen hilft. Eine Gemeinschaft soll entstehen und wachsen k\u00f6nnen, die uns allen etwas bringt.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das ist auch der Impuls, der Annelie Keil und Henning Scherf treibt. Nicht erst mit ihrem Buch \u00fcber das letzte Tabu, sondern in den letzten 10 Jahren mit der Gr\u00fcndung von Seniorenwohngemeinschaften und Netzwerken<\/strong>. \u201eEs ist einfach notwendig als B\u00fcrger da zu sein\u201c, sagt Annelie Keil. \u201eZivilgesellschaftliches Engagement ist kein Zuckerbrot, kein Nachtisch zu den Hauptmahlzeiten des Lebens nach dem Motto: Jetzt habe ich noch ein bisschen Zeit. Nein, die Notwendigkeit wird leibhaftig erlebt<strong>\u2026 Der Weg muss vom Einzelnen in die Gemeinschaft gehen. Und umgekehrt tue ich ja alles, was ich noch f\u00fcr die Gemeinschaft tue, im Wesentlichen f\u00fcr mich. <\/strong>Wenn ich als alleinlebende Frau nicht mehr hinausgehe, in meine Suppenk\u00fcche oder zu einem Vortrag oder in die Schule, um mit den Kindern zu diskutieren, dann wird mein Leben \u00e4rmer. Aber m\u00fcssen m\u00fcssen wir nicht mehr. Wer krank ist und Gebrechen hat, oder einfach nichts mehr leisten m\u00f6chte, muss auch alt werden d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>Dabei bleibt es f\u00fcr jeden und jede wichtig, sich mit anderen auszutauschen und am Leben teilzuhaben. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr hochaltrige, pflegebed\u00fcrftige und demenzkranke Menschen.<strong> Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-j\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen Menschen, 61 Prozent im Engagement f\u00fcr andere Menschen und 60 Prozent haben das Bed\u00fcrfnis, auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden<\/strong>. \u201eIch m\u00f6chte gerne mittendrin sterben\u201c sagt Henning Scherf. Ganz wie D\u00f6rner. \u201eAltwerden und sterben, wo ich gelebt habe.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Zur\u00fcck in die 50er? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich erinnere mich an die alt gewordene Nachbarin, deren Sterben ich als Kind miterlebte. Sie las mir noch lange aus den geliebten Pixib\u00fcchern vor und bestrickte meine Puppen. Meine Mutter versorgte sie zusammen mit der Gemeindeschwester.<\/strong> Ich sehe die Girlande aus Wiesenblumen vor mir, die wir kn\u00fcpften und um ihren Sarg legten \u2013 so wie sie mir oft Blumenkr\u00e4nze in die Haare geflochten hatte. Und ich denke an die Sammeltasse, die sie noch im Herbst als Weihnachtsgeschenk f\u00fcr mich kaufen lie\u00df \u2013 eine bleibende Erinnerung, als sie schon gegangen war. Kleine Rituale, wechselseitiges Geben zwischen dem Generationen &#8211; am Ende war es ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass sie noch zu Hause aufgebahrt war. Damals in den 50er Jahren lebte der Tod noch nebenan, jedenfalls im Pfarrhaus. Nachts wurde mein Vater angerufen, weil jemand in der Nachbarschaft starb. Und den Heiligabend, an dem die Bescherung warten musste, weil mein Grundschullehrer starb, werde ich nicht vergessen. Der Tod war tats\u00e4chlich unberechenbar. In den 80er Jahren dann, als ich Gemeindepfarrerin war, fand ich solche Traditionen des Abschiednehmens nur noch in wenigen H\u00e4usern \u2013 oft auf den alten H\u00f6fen. Mehr und mehr wurde das Sterben an Experten delegiert: an den \u00e4rztlichen Notruf, die Klinik, an Notfallseelsorger und Pflegeeinrichtungen, an die Bestatter, die mehr und mehr zu Trauerexperten werden.<\/p>\n<p>In Hospizen finden wir Steinh\u00fcgel, Sterne oder und Rosenbeete mit den Namen der Verstorbenen. In vielen Altenzentren werden Fotos mit einem Trauerkranz auf den Platz im Speiseraum gestellt. Oder es h\u00e4ngen schwarze Rosetten an den T\u00fcren. Mein Mann erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, dass genau solche Rosetten in seiner Kindheit noch an den Haust\u00fcren im Viertel hingen<strong>. Regelm\u00e4\u00dfig war zu sehen, wo jemand gestorben war. Oft l\u00e4uteten die Glocken, die Trauerz\u00fcge zogen von der Kirche zum Friedhof und die Autos hielten sehr selbstverst\u00e4ndlich an und die Jungs blieben stehen und zogen die M\u00fctze ab.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das alles ist aus unseren Nachbarschaften verschwunden. Nur die Notarztwagen sind jetzt h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren.<\/strong> Das Sterben wurde professionalisiert, institutionalisiert und medikalisiert. Das hat \u00e4u\u00dfere und innere Gr\u00fcnde. <strong>Neben dem medizinisch-technischen Fortschritt spielt die Ver\u00e4nderung in den Familien eine Rolle: die selbstverst\u00e4ndliche Teilnahme von Frauen an der Erwerbsgesellschaft, die zunehmende Mobilit\u00e4t und eben auch der demographische Wandel haben die Situation grundlegend ver\u00e4ndert<\/strong>: Die Mehrgenerationenfamilien leben nur noch selten an einem Ort. Beerdigungen sind klein geworden; immer h\u00e4ufiger werden Ein\u00e4scherungen und auch anonyme Bestattungen gew\u00e4hlt. Wer Kinder erzieht, f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige und Sterbende da sein will, kommt zeitlich in Zerrei\u00dfproben oder muss finanzielle Einbu\u00dfen hinnehmen. Dieser Prozess hat langer vor dem 50er Jahren begonnen &#8211; die waren wohl eher die Ausnahme, \u201edie goldene Zeit der Familie\u201c, wie Soziologen sagen. <strong>Die Pflegeeinrichtungen und Krankenh\u00e4user, die im fr\u00fchen 19. Jahrhundert gegr\u00fcndet wurden, waren schon eine Antwort auf die Industrialisierung, Mobilit\u00e4t und die \u00dcberforderung der Familien. <\/strong>Sie sollten den Bewohnern die Versorgung bieten, die die Angeh\u00f6rigen schon zeitlich oft nicht mehr leisten konnten.<strong> Schon damals entstanden \u201esorgende Gemeinschaften\u201c, diakonische und caritative Wahlfamilien, die die Vergessenen aufnahmen. Dabei entwickelten sie allerdings auch eine institutionelle Eigengesetzlichkeit, die wir bis heute sp\u00fcren. Was vor allem f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen Sicherheit bedeutet, erleben die Betroffenen als Verlust an Autonomie, Privatsph\u00e4re und Freiheit.<\/strong><\/p>\n<p>Die Prozesse werden von Profis gesteuert \u2013 da st\u00f6ren Angeh\u00f6rige die Routinen, die in den chronisch unterfinanzierten Organisationen m\u00f6glichst reibungslos ablaufen sollen. So stehen \u00fcberlastete Pflegeteams und von langer Pflege ersch\u00f6pfte Angeh\u00f6rige einer gegen\u00fcber \u2013 beide von der Situation \u00fcberfordert. \u201eDa k\u00f6nnen wir uns eigentlich nur gegenseitig beraten\u201c, sagt ein Altenpfleger. \u201e<strong>Wir sollten lernen, keine Angst aufkommen zu lassen, sondern danach zu handeln, was Recht ist. Und das nicht im Alleingang, sondern immer im Team. <\/strong>Ein Bewohner hat das Recht, dass man f\u00fcr ihn k\u00e4mpft, wenn er das nicht mehr selbst kann.\u201c<strong> Aber was bedeutet das? Es ist keineswegs immer klar, \u201ewas Recht ist\u201c.<\/strong> Gerade bei \u00e4lteren, multimorbiden Menschen geht es im Sterbeprozess um eine Kette von Entscheidungen und keinesfalls um das schnelle Ende, das auch von manchen Angeh\u00f6rigen so sehr gew\u00fcnscht wird. Gleichwohl scheint es schwierig, alle Beteiligten zusammen zu rufen, wenn Entscheidungen getroffen werden m\u00fcssen, wenn es darauf ankommt. Aber stellen wir uns f\u00fcr einen Augenblick die Situation der Angeh\u00f6rigen vor:<\/p>\n<p>Da sind die erwachsenen Kinder, die beruflich eingespannt sind. Die Rentnerinnen, die ihre hochaltrigen M\u00fctter bis zur eigenen Ersch\u00f6pfung gepflegt haben. Die Ehepartner, die ebenfalls schon alt sind und durch die Begleitung k\u00f6rperlich und emotional an die Grenze geraten. Da sind die j\u00fcngeren Mitglieder der Mehrgenerationenfamilie, die weite Wege einplanen m\u00fcssen, ihre sterbenden Familienmitglieder noch einmal zu sehen. <strong>Wenn nach langer Pflege die Belastung im Sterbeprozess noch einmal zunimmt, k\u00f6nnen auch in den Familien selbst die Spannungen wachsen. Wer hat jetzt die Zeit am Sterbebett zu sitzen? Wer muss sie sich nehmen? \u00dcberkommene Geschlechterrollen werden wieder lebendig, alte Rechnungen noch einmal aufgemacht, Geben und Nehmen in Beziehung gesetzt. In Scheidungs- oder Patchworkfamilien stehen alte und neue Bindungen, alte und neue Rechte einander gegen\u00fcber. <\/strong><\/p>\n<p>Kein Wunder, dass die meisten Einrichtungen Patientenverf\u00fcgung und Vorsorgevollmacht gleich mit der Anmeldung verlangen und bereits in der ersten Zeit die W\u00fcnsche und Vorstellungen abfragen. Damit sind im Blick auf die Selbstbestimmung hilfreiche Instrumente geschaffen. Zugleich aber bleibt ein ger\u00fctteltes Ma\u00df an Skepsis, was die Lebensn\u00e4he solcher Entscheidungen angeht: Lassen sich die Dinge tats\u00e4chlich im Vorhinein kl\u00e4ren, wenn doch unsere Gef\u00fchle immer nur durch das bisherige Leben und Erleben gepr\u00e4gt sind? Und wenn wir mit dem Sterben keinerlei Erfahrung mehr haben? Droht nicht die Gefahr, damit einmal mehr zu einer Verregelung und B\u00fcrokratisierung des Sterbens beizutragen, obwohl wir es doch immer mit widerstreitenden Perspektiven zu tun haben \u2013 bei den Sterbenden wie auch bei ihren Angeh\u00f6rigen<strong>? Es ist eben nicht nur die Medikalisierung der Gesellschaft, nicht nur die \u00dcberforderung der Familien, die den Tod aus dem Quartier vertrieben hat. Es ist auch die Angst vor dem Fremden, dem Unplanbaren und Unberechenbaren \u2013 und die Hilflosigkeit, dar\u00fcber zu reden. Der Tod ist der Enteignung durch Experten zum Opfer gefallen \u2013 auch, weil wir froh sind, die Dilemmata an Experten abzugeben.<\/strong><\/p>\n<p>Deswegen sind die Probleme auch nicht alle gel\u00f6st, wenn wir Pflege und Versorgung st\u00e4rker ambulantisieren. Es geht auch um die Frage, wie wir Zeit f\u00fcreinander finden, wie es gelingen kann, Arbeitsbiographien flexibler zu gestalten, in Zeiten der Pflege Druck heraus zu nehmen. Und es geht um die Frage, wie wir Mut machen k\u00f6nnen, \u00fcber \u00c4ngste und Unwissenheit zu sprechen. <strong>Angeh\u00f6rige wie Nachbarn und Ehrenamtliche brauchen mehr Unterst\u00fctzung. Was fr\u00fcheren Generationen selbstverst\u00e4ndlich war, m\u00fcssen wir neu lernen. Zugleich verlangt die Zeit der Sterbebegleitung, des Abschiednehmens und Neuordnens in unserer zunehmend fragmentierten Gesellschaft ein weit h\u00f6heres Ma\u00df an Kommunikation und Absprachen. Sie bietet aber auch die Chance, neue Kr\u00e4fte und M\u00f6glichkeiten zu entdecken und daran zu wachsen<\/strong>. In einer Untersuchung des Heidelberger Instituts wird deutlich: pflegende Angeh\u00f6rige f\u00fchlen sich oft \u00fcberlastet und \u00fcberfordert; aber sie machen auch ganz neue Erfahrungen von N\u00e4he und Energie. Dabei brauchen sie Unterst\u00fctzung, auch geistliche Unterst\u00fctzung. Die Theologin und Therapeutin Monika Renz aus Sankt Gallen hat die Zeugnisse von Sterbenden aufgeschrieben, die sie selbst begleitet hat. Nach der Machtlosigkeit von Patienten gefragt, sagt sie: \u201eDie wenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute H\u00e4nde geben kann. Es gibt eine innere Schwelle, danach ist es ein Flie\u00dfen, ein Friede.\u201c Die erfahrene Sterbebegleiterin vergleicht Geburt und Todesn\u00e4he. Und sie sagt: Irgendwann muss man hindurch. Seelisch und k\u00f6rperlich. Das macht den Menschen in einer Weise gl\u00fccklich, die ich im Leben nicht kenne.\u201c <strong>Von der Hoffnung zu sprechen, dass der letzte Schritt kein Weg ins Nichts ist, sondern eine neue Geburt &#8211; dass wir erwartet werden und nicht verloren gehen, das ist auch eine Aufgabe der Kirche. <\/strong>Wenn wir Hilflosigkeit und Ohnmacht, akzeptieren, k\u00f6nnen sich neue Horizonte auftun. Das gilt es wieder zu entdecken<strong>. Wenn das Sterben wieder in die Mitte der Gesellschaft r\u00fccken soll, ist das auch ein Bildungsprozess, der in Schule und Jugendbildung anfangen muss.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Das Netzwerk und die Kirchengemeinde<\/strong><\/p>\n<p>Die Philosophin Hannah Arendt hat am Ende ihres Lebens von dem Gef\u00fchl der \u201eEntlaubung\u201c gesprochen, dem Gef\u00fchl, auf der Welt ohne die gewohnten und geliebten Gesichter, die sie einst umgaben, nicht mehr zu Hause zu sein. Arendt schrieb im Dezember 1973 an ihre enge Freunde Mary McCarthy, dass sie nicht dagegen habe, sich auf das eigene Sterben als einen Prozess der Transformation einzulassen, aber das, was ihr wirklich etwas ausmache, sei die \u201estufenweise\u201c Transformation einer Welt mit vertrauten Gesichtern (egal ob Freund oder Feind) in eine Art W\u00fcste die von fremden Gesichtern bev\u00f6lkert sei.<\/p>\n<p><strong>Im Sterben geht es auch um das soziale und biographische Netzwerk, in dem wir unser Leben gestaltet haben \u2013 mit seinen sichtbaren wie mit den unsichtbaren Knoten, die sich nun l\u00f6sen. Schmerzliche L\u00fccken, unvers\u00f6hnte Beziehungen, Abbr\u00fcche und gl\u00fcckliche Neuanf\u00e4nge<\/strong>. Menschen, die uns stark gemacht und solche, die uns gekr\u00e4nkt und geschw\u00e4cht haben. Da fallen Namen, die keiner mehr kennt &#8211; von Vorgesetzten, Freundinnen, Kollegen, von Zufallsbegegnungen, die den Verlauf einer Biographie gleichwohl entscheidend ver\u00e4ndert haben. Wie alte Fotos, die niemand beschriftet hat, tauchen Bruchst\u00fccke von Geschichten auf. Und niemand, au\u00dfer vielleicht Angeh\u00f6rigen, Freunden und Nachbarn, ist in der Lage, zu dechiffrieren, was sie bedeuten. <strong>Was mit einem Namen, einem Duft oder einem Bild verbunden ist, woran ein Musikst\u00fcck erinnert, das l\u00e4sst sich nicht auf Frageb\u00f6gen ankreuzen. Das wissen oft nur die Menschen, die uns vertraut sind<\/strong>. Was wir gern zum Fr\u00fchst\u00fcck nehmen, das wei\u00df vielleicht auch der B\u00e4cker. Und mag sein, unsere Nachbarin kennt unseren Lebensrhythmus am besten. 30 Menschen brauche man, um sich an einem Ort wirklich heimisch zu f\u00fchlen. <strong>Wenn wir vom Leben im Quartier sprechen, dann geht es also nicht nur um die vertraute Wohnung, sondern auch um dieses Geflecht<\/strong>.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen Kirchengemeinden mit ihren Ehrenamtlichen und Seelsorgenden, mit Gemeindeh\u00e4usern und Einrichtungen tun, um \u00e4ltere Menschen, Pflegebed\u00fcrftige und Sterbende, aber auch ihre Angeh\u00f6rigen zu begleiten und zu st\u00e4rken? Und um einen tabufreien Umgang mit dem Thema Tod und Sterben zu erm\u00f6glichen? Da geht es um Entlastung, damit Menschen Zeit mit ihren Angeh\u00f6rigen verbringen k\u00f6nnen. Es geht um einf\u00fchlsame Begleitung, um Vers\u00f6hnungsprozesse und Wiederbegegnungen zu erm\u00f6glichen. Mit Familienangeh\u00f6rigen, mit alten Freunden. Um Beratung in schwierigen Entscheidungssituationen \u2013 vorurteilsfrei und nah am Miteinander. Seelsorge, auch die Gemeindeseelsorge muss sich als integrativer Bestandteil hospizlicher Teams verstehen. Sie muss Menschen ermutigen, Entscheidungen in sozialer Verbundenheit zu f\u00e4llen. Erwachsenenbildungseinrichtungen k\u00f6nnen Freiwillige ausbilden und coachen. Gemeinden mit ihren Ritualen k\u00f6nnen den Angeh\u00f6rigen Mut machen zum Abschiednehmen, Trauern und Leben. Sie k\u00f6nnen Gemeinh\u00e4user zu Gemeinwesenh\u00e4usern und Begegnungsorten f\u00fcr jedermann machen &#8211; fu\u00dfl\u00e4ufig und barrierefrei. Und Friedh\u00f6fe als Orte der Begegnung und des Lebens gestalten.<\/p>\n<p><strong>Das Projekt \u201eQualifiziert f\u00fcrs Quartier\u201c des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld zeigt, wie es geht: Alles f\u00e4ngt mit Recherche an: Sozialraumdaten, Experteninterviews, eine Stadtteilerkundung. Wer lebt eigentlich in unserem Stadtbezirk, wie hoch ist das Durchschnittalter, wie ist bei den \u00c4lteren das Verh\u00e4ltnis von Alleinlebenden und Familien? Was wissen \u00c4rzte und Pflegedienste dar\u00fcber, wie hier gepflegt wird?<\/strong> Dann geht es darum, Gemeindemitglieder und andere B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einzuladen, denen das Thema auf den N\u00e4geln brennt. Pflegende Angeh\u00f6rige, Nachbarn und \u00c4rztinnen zum Beispiel. <strong>Bei einem Open-Space oder in einem World-Caf\u00e9 k\u00f6nnen die wichtigsten Probleme identifiziert werden. Experten werden eingebunden, neue Allianzen geschmiedet. Freiwillige aus Besuchsdiensten und Pflegediensten k\u00f6nnen zusammenarbeiten. Hilfesuchende und Hilfeanbietende finden zusammen &#8211; beispielsweise f\u00fcr die Begleitung bei Arztbesuchen, f\u00fcr Hausaufgabenhilfe oder f\u00fcr Beratung, wenn Angeh\u00f6rige an Demenz erkrankt sind. <\/strong><\/p>\n<p>Die evangelische Kirchengemeinde Lindlar ging noch einen Schritt weiter: sie nahm nicht nur die Situation ihrer Mitglieder, sondern auch die der Immobilien in der Gemeinde unter die Lupe und zog Konsequenzen. Die Kirche, die erst nach dem Krieg gebaut worden war, f\u00fcllte sich nicht mehr wie fr\u00fcher. Viele Gemeindemitglieder waren \u00e4lter geworden, sie brauchten Hilfe, um das Haus zu verlassen. Es fehlten alternsgerechte Wohnungen, Haushaltshilfen, aber auch ein Ort der Begegnung zwischen den Generationen. So entschied sich der Kirchenvorstand f\u00fcr einen radikalen Neuanfang: Das Pfarrhaus wurde abgerissen und ein Teil des Landes verkauft. In Zusammenarbeit mit einer kirchlichen Wohnungsbaugenossenschaft wurden barrierefreie Wohnungen errichtet. Von dem erzielten Gewinn wurde das Jubilate-Zentrum errichtet \u2013 ein Treffpunkt der Generationen. In das Wohnprojekt zog ein Pflegedienst ein und Freiwillige organisierten einen B\u00fcrgerbus. Das Konzept hat nicht nur die Gemeinde neu belebt, es hat auch ihren Einfluss in der Kommune gest\u00e4rkt, den sie nun f\u00fcr die Entwicklung zur alternsgerechten Stadt nutzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Kirche als Erz\u00e4hlgemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eIm Alter erz\u00e4hlt man sich sein Leben neu\u201c, sagt die Autorin Ruth Kl\u00fcger \u2013 \u201eich beurteile die Menschen anders, als ich sie vorher beurteilt habe. Das Alter gibt die Chance, auf das Ganze zu sehen, offener zu werden und gro\u00dfz\u00fcgiger. Ich muss keine Angst um mein Ego mehr haben \u2013 ich kann einen Schritt zur\u00fccktreten und mich freuen, an dem was wird und geworden ist. Durch mich und auch durch andere.\u201c<\/strong> \u201eWinterarbeit\u201c nannte Kurt Rose, ein inzwischen verstorbener Freund, sein letztes Buch. Der Dichter vieler Kirchentagslieder erinnerte sich in den letzten Jahren seines Lebens an die Auszeit, die er nach dem Krieg genommen hatte. Auf der Suche nach Orientierung lebte er damals mit seiner jungen Frau ein ganzes Jahr an einem finnischen See. In einer Holzh\u00fctte ohne Strom und Licht aber mit einem Kamin. In Einfachheit und Einsamkeit wollten die beiden sich klarmachen, was ihnen wirklich wichtig war \u2013 so wie jetzt noch einmal, bei der \u201eWinterarbeit\u201c. <strong>Wenn die Bl\u00e4tter fallen und die \u00c4ste kahl in den Himmel ragen, werden auch die Konturen deutlicher; wir sehen klarer. Was zeitbedingt war, tritt zur\u00fcck, Strukturen werden erkennbar \u2013 und die wesentlichen Fragen werden noch einmal zeitlos und pr\u00e4zise gestellt. Wozu sind wir hier? Was ist das Leben wert? Worauf d\u00fcrfen wir hoffen? Ein neuer, offener Raum entsteht, auch der innere Raum weitet sich \u2013 wir gewinnen \u201eDurchblick\u201c.<\/strong> Was war wichtig, worauf ist man stolz? Was ist einem nicht gelungen? Was soll in Erinnerung bleiben? Was sollen die, die man zur\u00fcckl\u00e4sst, vom Leben verstehen?<\/p>\n<p>Jetzt geht es darum, wahrzunehmen und zugleich hinter uns zu lassen, was uns an Vergangenheit oder Gegenwart \u201ekleben\u201c l\u00e4sst, und so zu innerer Freiheit zu finden. <strong>Es geht darum, dass wir von Barrieregef\u00fchlen frei werden, schreibt die Theologin Sabine Bobert \u2013 von Gef\u00fchlen wie Hass, Angst, Wut, Neid, L\u00e4hmung und Zweifel. Solche Gef\u00fchle entfremden uns voneinander und von uns selbst; sie schneiden uns von unserer Wesensmitte ab &#8211; und auch von der Gotteserfahrung<\/strong>. Im Alltagsstress unterdr\u00fccken wir sie oft \u2013 aber bei einer Krankheit oder im Urlaub, wenn pl\u00f6tzlich Zeit und Raum daf\u00fcr ist, werden sie dann wach. Und im Alter k\u00f6nnen die alten Gespenster noch einmal richtig munter werden. Dann kann es helfen, noch einmal den Weg nach innen zu gehen und sich in Erinnerung zu rufen, woher die versteckte Wut und die Bitterkeit r\u00fchren, die uns noch immer blockieren. <strong>Die alten Gef\u00fchle \u201ewollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen\u201c, schreibt Brigitte Hieronimus in ihrem Buch \u201eMut zum Lebenswandel\u201c. Situationen und Menschen, die uns schwierige Erfahrungen in Erinnerung rufen, nennt sie \u201eEntwicklungshelfer\u201c, weil sie dazu beitragen, das Blockierte in uns zu l\u00f6sen.<\/strong> Und Annelie Keil schreibt: \u201eSich der eigenen Lebenserfahrungen bewusst zu werden, alte Gedanken und Gef\u00fchle wie neue B\u00fcndnispartner verstehen zu lernen, sich im Sterben zusammen mit Menschen, die einem wichtig sind, dem Gelebten wie dem Ungelebten zuzuwenden, ist die palliative Selbstsorge, die wir brauchen, um in W\u00fcrde Abschied zu nehmen. Auch die palliative Fremdsorge und die professionelle Betreuung brauchen eine historische und biographische Bewusstheit.\u201c<\/p>\n<p>Offenbar ist gerade diese Phase voller Entwicklung &#8211; wie wohl sonst nur der Beginn des Lebens, an den wir uns nicht erinnern. Noch einmal steht ein Lernprozess an, der uns helfen kann, Gottes verborgene Gegenwart wieder zu sp\u00fcren. Vers\u00e4umtes zu verabschieden und <strong>Es geht darum, zu reifen und zu vergeben\u201c, <\/strong>sagt der Jesuit Piet von Bremen<strong>: \u201eVom Zustand des passiven Opfers ohne Kontrolle \u00fcber die Gef\u00fchle hin zur Einsicht, dass wir selbst die Quelle unserer Gef\u00fchle sind. Vergebung ist die langsam wachsende Einsicht, dass wir den anderen Menschen nicht unter Kontrolle haben k\u00f6nnen<\/strong>.\u201c Und das Leben auch nicht &#8211; so wenig wie den Tod.<\/p>\n<p><strong>In Seelsorge, Besuchsdienst und <\/strong>Verlorenes zu betrauern &#8211; Kinderlosigkeit oder der Verlust eines Lebenstraums sind eben nicht einfach \u201ereparierbar\u201c. Die Dinge noch einmal aus der Sicht unserer Widersacher zu sehen. \u201e<strong>Hospizarbeit d\u00fcrfen wir Menschen in diesem Prozess begleiten \u2013 hin zu der \u201eAltersweisheit\u201c, die wir ganz aus dem Blick verloren haben<\/strong>. Wer einem \u00e4lteren Menschen zuh\u00f6rt, sich auf dessen Zeit und Zeitwahrnehmen einl\u00e4sst, wer der einen Sterbenden begleitet, tut auch etwas f\u00fcr sein eigenes Leben. So wie umgekehrt jeder, der seinem Begleiter, der Begleiterin das eigene Leben anvertraut, ihn beschenkt \u2013 mit anderen Zeiterfahrungen, ungeahnten M\u00f6glichkeiten, ehrlichen Aussagen \u00fcber Scheitern und Sackgassen. Das Alter bringt einen unsch\u00e4tzbaren Gewinn: ein Reservoir an Erfahrungen und die M\u00f6glichkeit, mit Distanz darauf zu schauen. Wenn uns jemand daran teilhaben l\u00e4sst, k\u00f6nnen wir lernen, was f\u00fcr uns selbst wesentlich ist.<\/p>\n<p><strong>Gemeinden k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass diese Erfahrungen Raum bekommen, Resonanz finden. Dabei helfen ganz praktische Schritte und Angebotsstrukturen: Erz\u00e4hlcaf\u00e9s zum Beispiel, biographisches Schreiben oder Feste, bei denen das Leben der \u00c4lteren im Mittelpunkt steht<\/strong>. Es geht um mehr als um Besuchsdienste in Einrichtungen der Altenhilfe, in den H\u00e4usern der Nachbarschaft &#8211; es geht ganz generell um R\u00e4ume, in denen die \u00c4lteren zum Subjekt werden und geben k\u00f6nnen. Wer keinen Platz im Leben der anderen mehr hat, wer nicht mehr geben kann, der muss sich \u00fcberfl\u00fcssig f\u00fchlen. Das kann ein Samstagnachmittag sein, an dem Konfirmanden und ihre Gro\u00dfeltern \u00fcber ihre Konfirmationsspr\u00fcche ins Gespr\u00e4ch kommen. Oder ein Jubil\u00e4um, bei dem der \u00c4lteren gedacht wird, die die Gemeinschaft aufgebaut haben<strong>. Kirchengemeinden haben viele M\u00f6glichkeiten, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen gew\u00fcrdigt werden und sich austauschen &#8211; auf Augenh\u00f6he im Geben und Nehmen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eWas noch erz\u00e4hlt werden muss\u201c, hei\u00dft das j\u00fcngst erschienen Buch des Magdeburger Krankenhausseelsorgers Hans Bartosch<\/strong>. Die Lebensgeschichten, die darin aufgeschrieben sind, sind Beitr\u00e4ge zur Zeitgeschichte. In den Begegnungen wird deutlich, wie kostbar jeder einzelne Beitrag ist, welche Bedeutung die Einzelnen haben. <strong>Die meisten, die hier zur Sprache kommen, sind Atheisten oder doch Agnostiker \u2013 und doch sch\u00e4tzen sie, dass da einer ist, der genau ihre Geschichte h\u00f6ren will. Als werde sie noch einmal aufgezeichnet in Gottes Buch<\/strong>. Viele Menschen ahnen noch, dass Christinnen und Christen einen Deutungshorizont haben, der \u00fcber das eigene Leben hinausgeht. Und uns helfen kann, auch dem einen Ort zu geben, was uns \u00e4ngstigt.<\/p>\n<p><strong>Jeder, der das letzte Kapitel des eigenen Lebens bewusst gestalten will, sollte die notwendige Unterst\u00fctzung bekommen, um die eigene Geschichte zu erz\u00e4hlen, Beziehungen abzuschlie\u00dfen, das eigene Verm\u00e4chtnis weiter zu geben, und denen, die bleiben, Segen zu hinterlassen.<\/strong> Immer mehr Bestattungen finden nur noch in ganz kleinem Rahmen statt; die Zahl der anonymen Beisetzungen nimmt zu, Traditionen zerfallen. Zugleich aber denken immer mehr Menschen nicht nur \u00fcber ihr Sterben, sondern auch \u00fcber ihre Beerdigung nach, gestalten die Todesanzeige und das Fest im Voraus. \u201eWenn ich die Chance dazu bekomme, m\u00f6chte ich gern auf meiner eigenen Trauerfeier etwas sagen &#8211; per Video, wie das ja l\u00e4ngst m\u00f6glich ist\u201c, schreibt die Journalistin Christine Westermann, die dieses Jahr 70 wird. \u201eChance hei\u00dft, wenn ich bewusst sterben kann. Wenn abzusehen ist, dass mein Leben zu Ende geht. Ich m\u00f6chte etwas dazu sagen, wie es war, mein Leben zu leben. Meine Pl\u00e4ne f\u00fcr mein Begr\u00e4bnis sind weit gediehen. Die Musik ist noch ein unsicherer Faktor, sie wechselt von der Fledermausouvert\u00fcre \u00fcber das Trinklied aus La Traviata bis hin zu Eric Claptons \u201eAutumn leaves\u201c \u2013 ein Lied, das mich zu Lebzeiten zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt. Und wenn alle Tr\u00e4nen geweint sind, soll es fr\u00f6hlich und ausgelassen zu gehen bei meinem Leichenschmaus.\u201c<\/p>\n<p><strong>Der Prozess des Abschiednehmens ver\u00e4ndert sich. Traditionen gehen verloren, zugleich aber werden die Rituale individueller, bunter und phantasievoller. Manche wagen es wieder, ihre Lieben zu Hause aufzubahren. Andere m\u00f6chten die Asche an einem geliebten Ort verstreuen. Und wieder andere halten ein Festmahl drau\u00dfen im Garten. Trauercaf\u00e9s auf dem Friedhof entstehen, Spielpl\u00e4tze werden dort geschaffen. Damit das gelingt, m\u00fcssen \u00c4ngste \u00fcberwunden und Tabus abgebaut werden<\/strong>. Pfarrerinnen und Pfarrer k\u00f6nnen daran arbeiten, dass andere Gemeindemitglieder ermutigt werden. Sie k\u00f6nnen ihr Expertenwissen weitergeben \u2013 ganz im Sinne des Priestertums aller getauften. Die Autorin Petra Schuseil hat mit ihrer Freundin einen Totenhemd-Blog ins Netz gestellt \u2013 und die wiederum hat sich eine bunte Patchwork-Totendecke n\u00e4hen lassen mit all den Symbolen des Lebens, die ihr wichtig waren. Nicht wei\u00df und anonym wie die Hemden der Bestatter. Der Liedermacher Martin Buchholz hat die Besucher seiner Konzerte gebeten, Augenblicke des Gl\u00fccks auf einer Postkarte aufzuschreiben und ihm zu schicken. In dem Buch \u201eTage mit Goldrand\u201c findet sich eine inspirierende Auswahl. Kathrin Fester, eine Malerin, hat die blinde 106-j\u00e4hrige Frieda Mayer\u2013Melikowa in einem Seniorenheim gezeichnet \u201eIch empfinde meine Bilder als meine pers\u00f6nliche W\u00fcrdigung des Lebens von Frau Mayer-Melikowa\u201c, sagt Kathrin Feser, \u201eeine W\u00fcrdigung, die ihr in den langen Jahren ihres Lebens nicht zugekommen ist. (\u2026) Vielleicht wird ja eines Tages eine ganz besondere Zeichnung entstehen und man wird sagen: Das war Frau Mayer-Melikowa. Sie ist sehr alt geworden und sie hat sehr viel in ihrem Leben durchgemacht. Aber sie hat an ihrem Glauben festgehalten. Und sie war ein liebenswerter Mensch.\u201c<\/p>\n<p><strong>Jeder und jede kann mit den eigenen Gaben dazu beitragen, dass sorgende Gemeinschaften entstehen. <\/strong>Musik geh\u00f6rt genauso dazu bei einem guten Essen, die Spiele der Kinder so wie die Blumen der Nachbarin und die Seelsorge. Aus all dem bildet sich ein gemeinsamer Spirit, in all dem wohnt die Geistkraft &#8211; die spirituelle Quelle der sorgenden Gemeinschaften und eine der ganz gro\u00dfen St\u00e4rken unserer Kirchengemeinden. Hier ist Raum zu entdecken, dass keiner mit dieser Situation allein ist und allein bleiben muss. Ein Ort, gemeinsam zu lernen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Z\u00fcrich, 12.09.2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Literatur:<\/h5>\n<h5>Bartosch, Hans, Was noch erz\u00e4hlt werden muss \u2013 Zeitgeschichte am Krankenbett, Frankfurt 2018<\/h5>\n<h5>Bauer, Monika\/ Colditz, Jens: Die Weisheit baut Ihr Haus. Leben und Religion im \u00c4lterwerden &#8211; N\u00fcrnberg 2015<\/h5>\n<h5>Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Der Siebte Altenbericht der Bundesregierung. Sorge und Mitverantwortung in der Kommune Aufbau und Sicherung zukunftsf\u00e4higer Gemeinschaften, Berlin 2016. Brosch\u00fcre zu Themen und Zielen des Siebten Altenberichts im Internet: <a href=\"https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf\">https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>Coenen-Marx, Cornelia: Noch einmal ist alles offen- Das Geschenk des \u00c4lterwerdens. M\u00fcnchen 2016<\/h5>\n<h5>Deutsches Zentrum f\u00fcr Altersfragen: Deutscher Alterssurvey 2014. Zentrale Befunde, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf\">https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>F\u00fcrst, Walter u.a. (Hg): Selbst die Senioren sind nicht mehr die alten. Praktisch-theologische Beitr\u00e4ge zu einer Kultur des Alterns, Reihe: Theologie und Praxis Bd. 17, M\u00fcnster 2003<\/h5>\n<h5>Gawande, Atul, Sterblich sein, Frankfurt 2015<\/h5>\n<h5>Keil, Annelie u. Scherf, Henning: Das letzte Tabu: \u00dcber das Sterben reden und den Abschied lernen, Freiburg 2016<\/h5>\n<h5>Klie, Thomas, Wen k\u00fcmmern die Alten. Auf dem Weg zu einer sorgenden Gesellschaft, M\u00fcnchen 2014<\/h5>\n<h5>Kruse, Andreas, Lebensphase hohes Alter, Verletzlichkeit und Reife, M\u00fcnchen 2017<\/h5>\n<h5>Kruse, Andreas: Der \u00c4ltesten Rat. Generali Hochaltrigenstudie: Teilhabe im hohen Alter. Eine Erhebung des Instituts f\u00fcr Gerontologie der Universit\u00e4t Heidelberg mit Unterst\u00fctzung des Generali Zukunftsfonds\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 PDF im Internet: <a href=\"http:\/\/www.uni-heidelberg.de\/md\/presse\/news2014\/generali_hochaltrigenstudie.pdf\">http:\/\/www.uni-heidelberg.de\/md\/presse\/news2014\/generali_hochaltrigenstudie.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>Simonson, Julia und Claudia Vogel und Clemens Tesch-R\u00f6mer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland \u2013 Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254\">https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254<\/a><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Das letzte Tabu \u201eDer Tod hat keinen festen Ort und viele Gesichter. Wie ein Nomade zieht er durchs Land,&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3967\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":502,"menu_order":92,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3967","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3967"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3967"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3967\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3968,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3967\/revisions\/3968"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3967"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}