{"id":3965,"date":"2018-09-21T09:38:01","date_gmt":"2018-09-21T07:38:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3965"},"modified":"2019-01-24T11:13:38","modified_gmt":"2019-01-24T10:13:38","slug":"aufbrueche-in-umbruechen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3965","title":{"rendered":"Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Aufbr\u00fcche will ich reden und kann gleich hier anfangen: Beim Frauenmahl. <strong>Bei Tafeln und Tischreden<\/strong>. Aufbr\u00fcche beginnen oft damit, dass man sich zusammensetzt und die unterschiedlichen Stimmen h\u00f6rt. Ich denke an die Mitglieder der \u201eOffenen Gesellschaft\u201c, die immer im Juni St\u00fchle und Tische raus auf die Stra\u00dfe setzen \u2013 als Einladung an alle Interessierten. An Marti Dulig, der schon seit vier Jahren mit seinem K\u00fcchentisch durch Sachsens D\u00f6rfer und St\u00e4dte zieht. An die Restaurants, die wieder an langen Tafeln servieren. Und nat\u00fcrlich an die Tafelbewegung &#8211; der es ganz materiell darum geht, Menschen zu integrieren, die sich abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen.<\/p>\n<p><strong>Die soziale Segmentierung <\/strong>zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, zwischen Einheimischen und Migranten, Bildungsgewinnern und Bildungsverlierern, Singles und Familien zeigt sich als Spaltung in der Stadt und zwischen den Regionen. Es gen\u00fcgt z.B. von Hannover nach Herne zu fahren, um in einer anderen Welt zu sein. Stadtplanung ist gefragt, sozialer Wohnungsbau und gemischte Quartiere werden gebraucht. Aber die Kommunen \u00e4chzen unter dem Finanzdruck, der allein durch Transferleistungen entsteht. Eine wachsende Zahl der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ist von solchen Leistungen abh\u00e4ngig \u2013 eben weil das Arbeitseinkommen nicht reicht, um die Familie zu ern\u00e4hren, weil Langzeitarbeitslose vom Aufschwung am Arbeitsmarkt nicht profitieren, weil die Pflegeversicherung die Kosten f\u00fcr die Pflege nicht deckt. So haben viele St\u00e4dte l\u00e4ngst die Notbremse gezogen: haben Verkehrs- und Energiebetriebe und auch den sozialen Wohnungsbestand verkauft. Ein Teufelskreis.<\/p>\n<p>In der Enzyklika \u201eLaudato si\u201c hat Papst Franziskus ganz wunderbar beschrieben, weshalb die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze in der Stadt, die Parks und die Flussufer, die die B\u00e4nke auf dem Marktplatz wichtig sind &#8211; vor allem f\u00fcr die, die kaum privaten Lebensraum haben. <strong>Es hat eine Weile gedauert, bis Kirchengemeinden verstanden haben, \u00fcber welche Sch\u00e4tze sie noch verf\u00fcgen: Kirchen, Gemeindeh\u00e4user, G\u00e4rten, Bau- und Ackerland.<\/strong> Bei schrumpfenden Mitteln galt auch in der Kirche manches nur noch als Ballast. Fusionsprozesse f\u00fchrten zu Schlie\u00dfungen, hier und da war man froh, wenn Diakonie oder Caritas das Haus noch brauchen konnte. Seit einiger Zeit aber blitzt immer \u00f6fter eine Entdeckung auf: Wo Krankenh\u00e4user und Schulen l\u00e4ngst geschlossen sind, die Sparkassen sich zur\u00fcckziehen, sind die Kirchen noch da. Fu\u00dfl\u00e4ufig, vertraut. Da ist Raum f\u00fcr gemeinsame Mittagstische und interkulturelle G\u00e4rten, f\u00fcr Ehrenamtsb\u00f6rsen, Ch\u00f6re und runde Tische im Stadtteil. \u00d6ffentlicher Raum &#8211; und wenn wir ihn selbst nicht mehr f\u00fcllen k\u00f6nnen, finden sich Partner im Quartier &#8211; ein Dorfladen vielleicht oder eine Tanzschule.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Kirche hat ihren Zweck nicht in sich selber und nicht in ihrer eigenen Existenz, sondern lebt von etwas und ist f\u00fcr etwas da, das weit \u00fcber sie hinausreicht<\/strong>. Will man das Geheimnis ihrer Existenz begreifen, so muss man nach ihrer Sendung fragen. Will man ihr Wesen ergr\u00fcnden, so muss man nach der Zukunft fragen, auf die sie ihre Hoffnung setzt. Ist die Christenheit selbst in den neuen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen unsicher und orientierungslos geworden, dann muss sie sich wieder darauf besinnen, wozu sie da ist und worauf sie aus ist\u201c, schrieb J\u00fcrgen Moltmann schon 1964.<\/p>\n<p><strong>Der klare und verl\u00e4ssliche Rahmen, in dem viele von uns noch aufgewachsen sind, hat sich aufgel\u00f6st \u2013 das gilt f\u00fcr Geschlechterrollen wie f\u00fcr Familienbilder, f\u00fcr Biographien wie f\u00fcr Berufswege, f\u00fcr Traditionen und Rituale und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Kirche<\/strong>. Heute wohnen die allermeisten Menschen nicht mehr an dem Platz, an dem sie arbeiten, ja- wir wechseln Wohnort und Arbeitsplatz und auch Familienkonstellation und Lebensform oft mehrfach im Leben. 40 Prozent der \u00c4lteren leben allein. Alte und Pflegebed\u00fcrftige, aber auch Alleinerziehende mit kleinen Kindern geraten enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen, Nachbarn und Freunden zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. <strong>Gemeinsame Mahlzeiten in den Familien sind selten geworden &#8211; oft gelingt das nur noch am Wochenende. \u201eDer moderne Individualismus steht nicht nur f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Impuls, sondern auch f\u00fcr einen sozialen Mangel\u2026 <\/strong>hat der Soziologe Richard Sennett geschrieben. Er schw\u00e4cht die Rituale und damit unsere Bindungen. Es gen\u00fcgt, sich den Wandel bei Beerdigungen klar zu machen, um zu begreifen: Bestattungen werden vielf\u00e4ltiger, aber es kommen immer weniger Menschen zusammen. Die Gesellschaft differenziert sich, aber die Solidarit\u00e4t schwindet. Viele sp\u00fcren diesen Mangel \u2013 sie sp\u00fcren ihn als spirituelle Sehnsucht. Und manchmal entstehen daraus Aufbr\u00fcche!<\/p>\n<p><strong>Neue Wohngemeinschaften, soziale Nachbarschaften, Mehrgenerationenh\u00e4user<\/strong> wachsen aus dem Boden. Zum Beispiel auf Schloss Blumenthal in Bayern. Da hat sich eine bunte Mischung von Individualisten zusammengetan. Ihre Zukunftsvision ist ein Grundeinkommen f\u00fcr jedes Mitglied und eine gemeinsame Altersversorgung aus dem Gewinn der Betriebe. Ein Hotel mit achtzig Betten in einem alten Herrenhaus und ein Gasthaus im Park bilden die wirtschaftliche Basis. \u201eAber wir stehen hier immer vor der Frage, wie sieht unsere Balance zwischen \u00d6konomie und Gemeinschaft aus\u201c, sagt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, Martin Horack. Das ist wohl die Grundfrage unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Wenn es nicht gelingt, den absoluten Vorrang des \u00f6konomischen Denkens in Frage zu stellen, dann bricht etwas auseinander in unseren St\u00e4dten, aber auch in unseren Familien.<\/strong> Je \u00f6fter wir Arbeits- und Lebensorte wechseln, desto mehr suchen wir Menschen, auf die wir uns verlassen k\u00f6nnen. Je radikaler die Digitalisierung unser Leben ver\u00e4ndert, desto mehr brauchen wir Orte und Erfahrungen, die uns ber\u00fchren. Ein gedeckter Tisch mit Freunden &#8211; da w\u00e4chst das Gef\u00fchl von Familie.<\/p>\n<p><strong>Auch die ersten Christinnen und Christen bildeten Wahlfamilien. Sie nannten sich Br\u00fcder und Schwestern &#8211; quer \u00fcber die gesellschaftlichen Schichten, die kulturelle Herkunft, ja, sogar die Geschlechterschranken hinweg<\/strong>: Juden und Griechen, M\u00e4nner und Frauen, Sklaven und B\u00fcrger &#8211; unglaublich. In der Apostelgeschichte, die von diesem Aufbruch erz\u00e4hlt, ist \u00fcbrigens oft von gemeinsamen Tafeln die Rede. Im doppelten Sinne des Wortes \u2013 Essensversorgung und Tischgemeinschaft. Was f\u00fcr eine Mut machende Tradition! <strong>Auf einer Familientagung in Chemnitz (genau da) kam vor kurzem die Idee auf, gemeinsam einen Plattenbau zu mieten &#8211; f\u00fcr Familien aus der Gemeinde<\/strong>. Das ging zur\u00fcck auf die Erfahrung, dass Christinnen und Christen zum Teil wieder kleine Minderheiten bilden &#8211; aber Minderheiten, die mit ihrem Lebensstil anziehend wirken k\u00f6nnen. <strong>So kommt das Neue in die Welt: dass wir unsere eigenen Erfahrungen ernst nehmen &#8211; auch und gerade die Br\u00fcche, die Verluste, unsere Sehnsucht. Dass wir uns zusammensetzen, f\u00fcreinander sorgen, einen neuen Aufbruch wagen.<\/strong> Wie in Lindlar im Bergischen Land. Da wurde das Gemeindehaus zum Mehrgenerationentreff. Oder im Kiez in Herne, wo aus dem Gemeindehaus ein Stadtteilzentrum wurde. Da finden jetzt Taufen auf dem Marktplatz am Brunnen statt.<\/p>\n<p>1933, als die Nazis Deutschland mehr und mehr pr\u00e4gte, schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer: \u201eDienet der Zeit\u201c \u201e\u2026<strong>Es hei\u00dft nur die\u2026 Gestalt unserer Zeit zu verstehen und in unserer Lebensf\u00fchrung darzustellen, so werden wir mitten in unserer Zeit auf die heilige Gegenwart Gottes sto\u00dfen\u201c. \u00a0<\/strong>Manche meinen, es sei zeitgeistig, wenn die Kirche sich auf die gesellschaftlichen Umbr\u00fcche einl\u00e4sst. Ich glaube, das ist der Weg, Gottes Gegenwart zu entdecken. Zum Beispiel bei der \u00f6kumenischen Aktion \u201eKirche findet Stadt\u201c. Oder hier bei den Tischgespr\u00e4chen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Frauenmahl Hofgeismar, 08.09.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Aufbr\u00fcche will ich reden und kann gleich hier anfangen: Beim Frauenmahl. Bei Tafeln und Tischreden. 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