{"id":3928,"date":"2018-07-10T18:09:45","date_gmt":"2018-07-10T16:09:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3928"},"modified":"2019-01-21T13:16:56","modified_gmt":"2019-01-21T12:16:56","slug":"diakonische-alltagsfroemmigkeit-soziales-engagement-und-spirituelle-erfahrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3928","title":{"rendered":"Diakonische Alltagsfr\u00f6mmigkeit \u2013 Soziales Engagement und spirituelle Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p><strong>1.Einfach leben <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eSimplify your life!\u201c <\/strong><strong>Seit der Jahrtausendwende ist eine neue Bewegung in Gang<\/strong>. Junge Leute machen keinen F\u00fchrerschein mehr, St\u00e4dte planen Mobilit\u00e4tskonzepte mit weniger Autos. Architekten konzipieren small houses f\u00fcr die Innenst\u00e4dte und Eltern schicken ihre Kinder in Waldkinderg\u00e4rten. Und immer mehr Leute versuchen, sich von Unn\u00f6tigen zu trennen und ihren Besitz auf weniger als 1000 Dinge zu reduzieren. Man erkennt sie schon am Aussehen: Rucksack und Sneakers, das Klappfahrrad und die Wasserflasche, Handy und St\u00f6psel in den Ohren \u2013 dazu veganes Essen, so kommst Du \u00fcberall hin. <strong>Loslassen und einfach leben ist die Devise. Erlebnisse sammeln &#8211; nicht Dinge<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>\u201eDetox your life!\u201c \u201eWenn die gesamte Lebenswirklichkeit dem Gewinnstreben unterworfen wird, verkehrt sich der \u00f6konomische Nutzen in einen Verlust an Lebenswert\u201c,<\/strong> sagt Gerhard Scherhorn von der Humboldt-Universit\u00e4t, Berlin. \u201eDer gesellschaftliche Wohlstand sinkt, das Gemeinwohl zerf\u00e4llt, die Umweltzerst\u00f6rung nimmt zu. Ein Weiter so w\u00e4re fatal.\u201c Mit unserem Wirtschaften verbrauchen wir Ressourcen und Lebenschancen armer Bev\u00f6lkerungsgruppen im S\u00fcden; wir versch\u00e4rfen die \u00f6kologische Krise und damit auch die Fluchtbewegungen. Sind die Forschungsergebnisse des Club of Rome inzwischen bei den meisten angekommen? \u201e<strong>Erst wenn die Nachfrage nach \u00d6l sinkt, lohnt es nicht mehr, F\u00f6rderzonen im Urwald zu erschlie\u00dfen; erst wenn der Wasserdurst von Plantagen und Fabriken abklingt, bleibt gen\u00fcgend Grundwasser f\u00fcr Brunnen in den D\u00f6rfern; erst wenn der Wunsch nach Rindersteaks zur\u00fcckgeht, braucht nicht mehr Boden f\u00fcr Weiden und Futtermittelanbau vereinnahmt zu werden.<\/strong>\u201c, hei\u00dft es in der Studie \u201eZukunftsf\u00e4higes Deutschland\u201c. Die Zukunft h\u00e4ngt auch von uns ab. Von unserem Lebensstil.<\/p>\n<p><strong>\u201eSimplify your life. Detox your life. <\/strong><strong>Small is beautiful!\u201c Regionales Wirtschaften hat Konjunktur.<\/strong> Mit genossenschaftlich gef\u00fchrten Dorfl\u00e4den kehren die Tante-Emma-L\u00e4den zur\u00fcck. B\u00fcrgerbusse sorgen f\u00fcr Mobilit\u00e4t in abgeh\u00e4ngten Regionen, Umsonstl\u00e4den und Tafeln sind selbstverst\u00e4ndlich geworden. In Stadtg\u00e4rten werden alte Pflanzensorten neu gez\u00fcchtet, in diakonischen Einrichtungen werden Bienenv\u00f6lker gehalten. Einige Akademien und diakonische Einrichtungen haben ihre Eink\u00e4ufe und ihre K\u00fcche umgestellt. In Krankenh\u00e4usern und Altenzentren scheint das noch zu dauern. Es geht um die Devise: <strong>Weg von der Produktion immer neuer G\u00fcter hin zu Sharing, Mehrfachnutzen, Reparatur und Erhalt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eHaben, Lieben und Sein\u201c, seien die drei Faktoren des Wohlbefindens, sagt Jan Delhey, Soziologe an der Jacobs University in Bremen. Dort gibt es einen Forschungszweig, der sich mit der \u201eGeografie des Gl\u00fccks\u201c besch\u00e4ftigt<\/strong>. Auf einer Deutschlandkarte kann man sehen, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit da am gr\u00f6\u00dften sind, wo es gute und gut bezahlte Arbeit gibt, bezahlbaren Wohnraum, eine gute Infrastruktur f\u00fcr Kinder und Familien und attraktive Sport \u2013 und Kulturangebote \u2013 und nicht zuletzt: wo das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl in den Nachbarschaften stimmt. <strong>Weit weniger, als manche glauben, h\u00e4ngt unsere Seligkeit davon ab, dass sich unsere materiellen W\u00fcnsche, die hoch gesteckten Lebensziele erf\u00fcllen. Mindestens genauso wichtig ist, dass wir nicht allein sind, sondern uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen zu einer Gemeinschaft.<\/strong> Es geht um ein neues Miteinander \u00fcber Lebensalter und Herkunft hinweg. Um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr andere, f\u00fcr die Umwelt und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung.<\/p>\n<p><strong>Ist es denn Spiritualit\u00e4t, was die neue Bewegung treibt? In jedem Fall ist es Respekt vor dem Leben. Und es ist nicht abwegig, Fr\u00f6mmigkeit so zu verstehen: als lebensdienliches Verhalten. Die meisten von uns wollen, dass unser Leben nicht nur uns selbst dient, sondern auch vor einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen bestehen kann. Wir wollen dem Leben dienen. Auch mit ihrem Lebensstil.<\/strong> Wenn ich heute \u00fcber diakonische Alltagsfr\u00f6mmigkeit spreche, dann geht es sicher auch um unseren Beruf und die Zusammenh\u00e4nge, in denen wir arbeiten. <strong>Zun\u00e4chst aber geht es um unsere ganz pers\u00f6nlichen Erfahrungen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. In Zeiten des Umbruchs <\/strong><\/p>\n<p><strong>Neue Initiativen und eine breite b\u00fcrgerschaftliche Bewegung kennzeichneten auch das 19. Jahrhundert<\/strong>. Mit der Industrialisierung, mit grenz\u00fcberschreitendem Handel und wachsender Mobilit\u00e4t gingen damals schon Armut, Migration und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse einher. Kinder und Pflegebed\u00fcrftige blieben sich oft selbst \u00fcberlassen &#8211; die Familien waren \u00fcberfordert. Die Kriminalit\u00e4t wuchs<strong>. Es war eine Zeit des Umbruchs, die gro\u00dfe Transformationszeit, die Polanyi beschrieben hat. Menschen wie Johann Hinrich Wichern, Theodor und Friederike Fliedner, Amalie Sieveking und Florence Nightingale reisten genauso wie die Kaufleute quer durch Europa, um Antworten auf die aktuellen Herausforderungen zu suchen und neue Modelle zu entdecken. <\/strong>So wie heute Menschen in die T\u00fcrkei, nach Griechenland, nach Libyen und Jordanien reisen, um zu sehen, wie die verschiedenen Staaten mit Fl\u00fcchtlingen umgehen \u2013 und dann Schiffe chartern, Arbeit und Besch\u00e4ftigung schaffen, Schulen einrichten, um zu helfen<strong>. <\/strong>Es waren damals Unternehmer und Ratsherren, adelige Damen, engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, Pfarrfamilien. Sie waren Reisende, Netzwerker, mutige Innovatorinnen, Publizisten. Fliedner zum Beispiel, der den Barmherzigen Samariter als Kupferdruck auflegen und \u00fcber den \u201eArmen- und Krankenfreund\u201c vertreiben und massenweise verkaufen lie\u00df \u2013 als Beitrag zu seiner diakonischen Arbeit. Fliedner, der auf seinen Reisen immer ein kleines F\u00fcrbittenbuch mit sich nahm \u2013 so waren die Menschen, die ihm anvertraut waren, nicht vergessen. <strong>Er war wie die anderen zutiefst \u00fcberzeugt, dass die Herausforderungen ihrer Zeit Herausforderungen an ihren Glauben waren.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Und der war biblisch gepr\u00e4gt. Die Reden und Gleichnisse Jesu lenkten ihren Blick. Sie waren gleichsam die Brille, durch die sie die Welt sahen.<\/strong> Sie sahen die Dienstm\u00e4gde, die ausgebeutet wurden, die Landarbeiter in den billigen Unterk\u00fcnften &#8211; verlorene T\u00f6chter und S\u00f6hne in ihrer eigenen Zeit. Und sie rechneten damit, dass ihnen in den vernachl\u00e4ssigten Kindern, den allein gelassenen Kranken, den jungen Leuten im Gef\u00e4ngnis Gott selbst begegnen w\u00fcrde \u2013 so wie es Jesus zusagt hatte:<strong> \u201eAlles, was ihr getan habt meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt Ihr mir getan.\u201c Es ging um einen Lebensstil, der sich dem anderen offen und respektvoll zuwendet, statt sich abzuwenden<\/strong>. Hungernden zu essen geben, Durstige tr\u00e4nken, Fremde beherbergen und Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten.<strong> Die Werke der Barmherzigkeit, die die meisten noch in Altarbildern und Kirchenfenstern vor Augen hatten, waren pl\u00f6tzlich brandaktuell. Es ging um Achtsamkeit an den Brennpunkten. Um klare Worte und mutiges, kluges Handeln<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Auch damals waren sie unschwer zu erkennen, die Protagonistinnen der Bewegung: an der blauen Sch\u00fcrze, die Frauen wie M\u00e4nner trugen<\/strong>. Die Handwerksgesellen aus Hamburg genauso wie der Adelige von Bodelschwingh und die Diakonissen mit den gepunkteten Kleidern. <strong>Sie verstanden sich als Dienstleute \u2013 darauf legten sie Wert.<\/strong> Erkennbar auch an den kr\u00e4ftigen Schuhen, mit denen man auch durch Staub und Dreck gehen konnte. Namaste: \u201eDas G\u00f6ttliche in mir gr\u00fc\u00dft das G\u00f6ttliche in Dir\u201c, bedeutet der Gru\u00df im Buddhismus, bei dem man sich vor dem anderen verbeugt. Dienen lernen \u2013 dazu braucht es Wissen, aber auch Respekt. Und den Glauben, dass der andere Gottes geliebtes Kind ist, genauso wie ich selbst. Die neu entwickelten sozialen Berufe, die diakonischen Gemeinschaften gaben Menschen das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden und etwas beitragen zu k\u00f6nnen zum Ganzen. <strong>Dabei ging es nicht zuerst um Geld \u2013 es ging um Zugeh\u00f6rigkeit. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eJeder Mensch ist einzigartig und kostbar, darum f\u00f6rdern wir uns gegenseitig in unseren F\u00e4higkeiten und Talenten. Wir helfen nicht, wir unterst\u00fctzen einander auf Augenh\u00f6he, denn keiner ist besser als der oder die andere, und nur im Teilen sind wir wirklich reich.\u201c<\/strong> Das ist der weltweite Sharehausgedanke. In dem sch\u00f6nen, hundertj\u00e4hrigen Sharehouse Refugio in Neuk\u00f6lln leben und arbeiten auf 5 Etagen Menschen zusammen, die auf der Suche sich nach einem neuen Leben, einer neuen Gemeinschaft. Menschen aus Syrien, Somalia, England und Deutschland, aus Schweden, Afghanistan oder der T\u00fcrkei. <strong>Das Refugio ist eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit. Hier geht es nicht nur um die Integration von Gefl\u00fcchteten, es geht um einen neuen Lebensstil.<\/strong> Das Sharehouse versteht sich als Teil eines Netzwerks, als Coworking-Space und soziales Unternehmen \u2013 refinanziert durch Vermietung von R\u00e4umen, Catering, Konferenzen und Spenden. Und damit kn\u00fcpft es ganz selbstverst\u00e4ndlich an die Tradition der Mutter- und Bruderh\u00e4user an.<\/p>\n<p>Dass Alex Assali nach seiner Flucht aus Syrien dort mitleben und mitarbeiten konnte, dass er von Anfang an dazu geh\u00f6rte, das machte ihn einfach gl\u00fccklich \u2013 und von diesem Gl\u00fcck wollte er etwas weitergeben. Er kochte Suppen und Eint\u00f6pfe, packte die T\u00f6pfe auf sein Fahrrad und installierte eine Warmhalteplatte auf den Stra\u00dfen Berlins. Und sch\u00f6pfte aus an jeden, der probieren wollte \u2013 und wurde \u00fcber Facebook stadtbekannt. \u201e<strong>Ich habe hier im Refugio gelernt, wie man tief leben kann\u201c, schreibt auch Esra im Sharehouse-Blog. Das bedeutet f\u00fcr mich, wie man alle akzeptieren kann. Wir haben auf dieser Welt genug Platz. Wir sollen keine Angst vor anderen haben und vor uns selbst auch nicht. Wir sind alle auf der Flucht &#8211; auf der Flucht auch vor uns selbst. Teil deine Liebe mit allen. Mach die Revolution mit dir.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00e4tte auch 1968 geschrieben werden k\u00f6nnen. Oder 1948, als die Erkl\u00e4rung der Menschenrechte formuliert und der \u00d6RK neu gegr\u00fcndet wurde. Oder auch 1894, als die Bahnhofsmission entstand, weil so viele Migrantinnen und Migranten im wahrsten Sinne des Wortes unter die R\u00e4der kamen.<strong> Tats\u00e4chlich lieben wir wieder in einer solchen Umbruchzeit! Und Esra beschreibt die Haltung, auf die es ankommt, wenn wir Zukunft gewinnen wollen. \u201eTief leben\u201c nennt sie ihre Form von Fr\u00f6mmigkeit. Es geht darum, unter die Oberfl\u00e4che zu sehen, hinter die Klischees und Fremdbilder &#8211; so wie die Menschen, die im Gleichnis Jesu die Hungrigen speisen oder die Kranken besuchen<\/strong>. Was motiviert Menschen noch, was motiviert Politik und Gesellschaft, Zeit und Geld zu investieren in die Abgeh\u00e4ngten, die Kranken und Sterbenden, in die Erwerbsunf\u00e4higen und \u201eNutzlosen\u201c? L\u00e4ngst hat ja die \u00d6konomisierung alle Lebensbereiche erreicht: <strong>Arbeiten und Wohnen, Partnerschaft und Freizeit, Bildung und Pflege? Oder sind wir gerade wieder an einem Wendepunkt? <\/strong>Der Freizeitforscher Horst Opaschowski diagnostiziert &#8222;den radikalsten Wertewandel seit 30 Jahren&#8220; und sieht eine\u201e\u00c4ra der Verantwortung\u201c kommen &#8211; f\u00fcr die Gemeinschaft, die Umwelt, die n\u00e4chste Generation. Es scheint, als ob viele sp\u00fcrten, dass wir uns selbst zerst\u00f6ren, wenn wir nur auf das Ego setzen. <strong>Opaschewski setzt darauf, dass wir in einer Gesellschaft leben werden, in der sich die Menschen nicht nur f\u00fcr ihre eigene Wohnung, ihren Konsum und Karriere interessieren, sondern auch f\u00fcr ihr Viertel und die Migranten, die darin leben<\/strong>. Aber wie kommen wir dahin und was setzt uns in Bewegung? <strong>Das Beispiel Sharehouse zeigt: Die Bewegung f\u00e4ngt bei uns selbst an. \u201eFrag nicht, was die Welt braucht. Frag, was Dich selbst lebendig macht, was Dich zum Handeln motiviert. Denn was die Welt braucht, sind Menschen, die das neue Leben entdeckt haben\u201c, schreibt Howard Thurman.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Florence Nightingale<\/strong> schlief als junges M\u00e4dchen mit Theodor Fliedners inspirierendem Kaiserswerth-Buch unter dem Kopfkissen, bevor sie von einer Familienreise dorthin ausriss. Sie wollte voller Begeisterung Diakonisse werden, bevor sie ins Lazarett auf die Krim fuhr, um f\u00fcr die Verletzten da zu sein. Sie erlebte Entt\u00e4uschungen, Ersch\u00f6pfung und Ern\u00fcchterung zog daraus Kraft zur Reflexion \u2013 f\u00fcr politisches Engagement und neue Bildungsprogramme. Ein gro\u00dfes Vorbild: Die Lady mit der Lampe, die Erfinderin der neuzeitlichen Krankenpflege. Sie begeisterte viele und viele folgen solchen Vorbildern nach. <strong>Weltretterinnen, die sich manchmal selbst aus dem Auge verlieren<\/strong>, wie Florence auf der Krim. Wie jemand, der mit St\u00f6pseln im Ohr durch den Wald joggt und die V\u00f6gel nicht mehr h\u00f6rt. Auf diesem Hintergrund wecken Begriffe wie Hingabe oder Mitleid, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, Barmherzigkeit oder Verzicht bis heute Misstrauen. <strong>Aber an Begriffen h\u00e4ngt es nicht. Es geht um Erfahrung und Gef\u00fchl, um Austausch und Reflektion. Es geht um erf\u00fclltes Leben. Darum, trotz Entt\u00e4uschungen und Ersch\u00fctterungen die Hoffnung zu bewahren<\/strong>. Manchmal hilft da ein gemeinsames Essen am besten, oder auch ein sch\u00f6nes Lied. Oder wir sto\u00dfen einfach mit einem fruchtigen Cocktail an \u201eAuf das Leben\u201c \u2013 so wie neulich bei einem ermutigenden Reisesegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Entdeckungen im Quartiersladen <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eMach dich auf, lass Dich ein\u201c, das ist das Motto des Gemeindeladens in meiner ersten Pfarramtsgemeinde. Ein Stadtteilladen, 1986 gegr\u00fcndet &#8211; mit B\u00fccherei und Caf\u00e9, mit Kleiderkammer und Sozialberatung,<\/strong> getragen von einem gro\u00dfen ehrenamtlichen Team zusammen mit einer hauptamtlichen Sozialp\u00e4dagogin. <strong>Mit dem Gemeindeladen verbinde ich pers\u00f6nlich entscheidende diakonische Entdeckungen. Ich werde nicht vergessen, wie viele Menschen sich schon vor der Er\u00f6ffnung meldeten, um mitzumachen \u2013 Menschen, die bislang keinen Ankn\u00fcpfungspunkt in der Gemeinde gefunden hatten. Oder gar nicht dazu geh\u00f6rten. So wie die Schuhverk\u00e4uferin,<\/strong> die arbeitslos geworden war und nun zu unserer Starverk\u00e4uferin in der Kleiderkammer wurde. Sie sah auf den ersten Blick, was anderen passte, was zu ihnen passte. Sie kleidete die Armen wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn. Aber sie wusste es nicht; niemand hatte es ihr gesagt.<\/p>\n<p><strong>Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Teamsitzungen von ihrer Woche erz\u00e4hlten, standen mir oft die Werke der Barmherzigkeit vor Augen, die Diakonie ganz elementar beschreiben. In den einfachen menschlichen Begegnungen k\u00f6nnen wir existenzielle, ja, religi\u00f6se Erfahrungen machen.<\/strong> Die Ersch\u00fctterung durch die Bed\u00fcrftigkeit anderer erinnert uns an die Bed\u00fcrftigkeit unserer eigenen Seele; an das innere Kind, die Armut unseres Herzens, den Bettler in uns. S\u00e4tze wie Luthers: \u201eWir sind Bettler, das ist wahr\u201c oder Ezras: \u201eWir sind alle auf der Flucht\u201c waren immer wieder zu h\u00f6ren. <strong>Wir k\u00f6nnen uns abwenden, weil das schwer ertr\u00e4glich ist. Oder wir k\u00f6nnen uns \u00f6ffnen. Wer anderen wirklich offen begegnet, der lernt dann auch, das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, und Belastungen ins Verh\u00e4ltnis zu den eigenen Chancen zu setzen. Wer bereit ist, die eigenen Kr\u00e4fte einzubringen, der findet auch Zugang zu Kraftquellen, von denen er nichts wusste<\/strong>. Es war wunderbar zu sehen, wie das Team im Gemeindeladen auch innerlich wuchs. Und ich bin \u00fcberzeugt, dass es diese allt\u00e4glichen Christusbegegnungen waren, die die Teamer befreit und lebendig gemacht haben. <strong>Victor Frankl, ein j\u00fcdischer Psychotherapeut, hat Recht: Es h\u00e4ngt alles davon ab, sagt er, ob wir einen Sinn in unserem Leben finden; ob unser Leben Bedeutung f\u00fcr andere hat \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Menschen, den wir lieben. Wir sch\u00f6pfen Lebensmut und Vitalit\u00e4t daraus, dass wir nicht nur f\u00fcr uns selber leben<\/strong>. Ein erf\u00fclltes Leben \u2013 das liegt nicht nur an den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden. Frankl hat diese Entdeckung im KZ gemacht.<\/p>\n<p><strong>Und die, die fragten, haben im Laden tats\u00e4chlich eine Aufgabe gefunden, die sie erf\u00fcllte. <\/strong>Drei Ehepaare organisierten im Wechsel das Caf\u00e9 Efeu- einen Sonntagstreffpunkt f\u00fcr Einsame. Einige junge Frauen betreuten die Mutter-Kind-Gruppen, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. <strong>Gemeinsam mit der Diakoniestation und dem Arbeitsamt entstand FEA, ein Haushalts- und Botendienst f\u00fcr \u00c4ltere mit geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigte, vorher arbeitslosen Frauen. <\/strong>Da waren M\u00e4nner und Frauen, die Fr\u00fchrentner oder arbeitslos waren \u2013 sie dr\u00e4ngten darauf, dass das Ehrenamt gut organisiert wurde. Und es gab auch die anderen, die \u00fcber diese Erfahrung den Wiedereinstieg fanden in ihren Beruf. Und schlie\u00dflich die, die im Gemeindeladen ihr Hobby zum Angebot f\u00fcr viele machten.<\/p>\n<p><strong>Menschen kamen und gingen wieder, sie trafen sich und begegneten einander, sie vernetzten ihre Arbeit mit der Diakoniestation und dem Kindergarten, aber auch mit der AWO und dem Caritas-Altenheim, mit dem Gewerbekreis und der Stadtverwaltung<\/strong>. Der Leiter des Sozialamts kam, als die Mitarbeiterinnen verstehen wollten, wie Sozialhilfe funktionierte. Und die Fl\u00fcchtlingsberaterin, als die Gefl\u00fcchteten aus Sri Lanka oft im Laden Tee tranken. Jeder, der ein Problem mitbrachte, war auch ein Ansto\u00df, um mehr zu erfahren und mehr zu lernen.<strong> Und wenn es gut ging, gingen beide verwandelt in ihren Alltag zur\u00fcck \u2013 die Suchenden und die Mitarbeiter<\/strong>.<\/p>\n<p>Ich war schon damals begeistert, was der Gemeindeladen hervorgezaubert hat.<strong> Er \u00f6ffnete uns die Augen f\u00fcr die Gegenw\u00e4rtigkeit und Tiefe biblischer Texte. Der Kontext brachte die Texte zum Klingen. Haupt- und Ehrenamtliche nahmen diese Erfahrung auf und legten die Texte aus. Pers\u00f6nlich und politisch. Und f\u00fcr verborgene Talente &#8211; wie Bl\u00fcten aus Blumenzwiebeln hervorsprie\u00dfen. Ich glaube, dass in jedem etwas ruht, was ans Licht dr\u00e4ngen will \u2013 wir m\u00fcssen nur eine Atmosph\u00e4re schaffen, in der es wachsen kann<\/strong>. Es ist sicher kein Zufall, dass bei Matth\u00e4us das Gleichnis von den anvertrauten Talenten gleich vor dem anderen vom gro\u00dfen Weltgericht kommt. Wer den eigenen Gaben nicht traut, wer sie also vergr\u00e4bt und sich aus Angst selbst verschlie\u00dft, der kann auch anderen nicht in Liebe begegnen. Und umgekehrt: Wer anderen hilft, aus Verzweiflung und Not herauszufinden, wer Hungrige speist und Kranke besucht, der entdeckt auch die eigenen Talente.<\/p>\n<p><strong>Der Urmythos der Diakonie aber ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Ich lese es wie eine Konkretion des Gleichnisses vom Gro\u00dfen Weltgericht &#8211; und zugleich als Hinweis darauf, wie niedrig Jesus die Schwellen h\u00e4lt, wie offen die Grenzen, wenn es um Zugeh\u00f6rigkeit geht. <\/strong>Da liegt einer blutend am Boden und die anderen gehen vorbei &#8211; sie folgen ihren Gesch\u00e4ften, leider auch frommen Gesch\u00e4ften. Der einzige, der hilft, ist einer, der wei\u00df, was es hei\u00dft, \u00fcbersehen zu werden &#8211; ein Fremder, ein Au\u00dfenseiter, der Samariter. Er bleibt stehen und kniet sich hin \u2013 der da liegt, ist ein Mensch wie er. Oder ist es Gott, der ihm hier begegnet &#8211; der hilflose Gott, der auf unsere Liebe und Barmherzigkeit angewiesen ist? <strong>In den vielen Deutungen dieser Geschichte wechselt der Christus seine Position: Manchmal ist er der, der am Boden liegt &#8211; blutend und geschlagen &#8211; Christus der Gekreuzigte. Und manchmal ist er der, der den anderen aufhebt &#8211; Christus, der Diakon. Wir k\u00f6nnen einander zum Christus werden. <\/strong>Dazu braucht es nichts als ein offenes Herz, wache Augen und die Bereitschaft, sich st\u00f6ren zu lassen und hinzusehen. <strong>Johann Hinrich Wichern nannte das den allgemeinen Diakonat &#8211; Engagement, davon war er \u00fcberzeugt, geh\u00f6rt zum Christsein wie das Gebet.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dabei geht es nicht nur um das, was wir heute Ehrenamt nennen. Es geht um eine Haltung, um den Einsatz in Familie, Beruf und Nachbarschaft genauso wie in Initiativen und Vereinen<\/strong>. Entgegen der Meinung, unsere Gesellschaft w\u00fcrde immer k\u00e4lter, zeigt aber der j\u00fcngste Freiwilligensurvey, <strong>dass die Zahl der ehrenamtlich Engagierten zwischen 1999 und 2014 in der gesamten Gesellschaft gestiegen ist &#8211; auch in den Kirchen, obwohl die Mitgliederzahlen in den Kirchen zur\u00fcckgehen. 48,7% aller Evangelischen engagieren sich freiwillig &#8211; gegen\u00fcber 43,6 % in der gesamten Gesellschaft &#8211; und sogar 66,7% von denen, die sich stark mit der Kirche verbunden f\u00fchlen. Offenbar gibt es da einen inneren Zusammenhang<\/strong>. Erkennbar wird auch eine starke Traditionslinie: Christlicher Glaube und Engagement f\u00fcr den N\u00e4chsten sind hier besonders eng miteinander verbunden. Luther sprach vom Priestertum aller; Johann Hinrich Wichern sp\u00e4ter vom Diakonentum aller Christinnen und Christen. <strong>Auch da, wo protestantisch gepr\u00e4gte Gesellschaften hochgradig s\u00e4kularisiert sind wie in den Niederlanden, zeigt sich: Der Kirchenbesuch, den der Religionsmonitor misst, ist zwar niedrig, aber die Engagementquote ist hoch.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Spiritualit\u00e4t, Christsein, Kirchenmitgliedschaft <\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich habe ich einen \u201eCity-Guide f\u00fcr kurze Auszeiten und \u00fcberraschende Begegnungen\u201c entdeckt. <strong>Die Autorin erinnert daran, dass wir \u201edie Einheit und Ganzheit des Lebens nicht nur auf dem Meditationskissen erleben k\u00f6nnen, sondern auf den Stra\u00dfen der Stadt\u201c \u2013 in der Begegnung mit Obdachlosen, beim Besuch der Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung, beim Deutschkurs in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft. Sie erz\u00e4hlt von den spirituellen Erfahrungen eines Notarztes und von der R\u00fcckkehr der G\u00e4rten in die Stadt <\/strong>&#8211; von diakonischer Spiritualit\u00e4t aus der Perspektive einer Neugierigen.<\/p>\n<p><strong>Spirituelle Erfahrungen \u2013 pers\u00f6nlich, famili\u00e4r oder kirchlich \u2013 sind oft der Wurzelboden f\u00fcr das eigene Engagement. Bis in die Nachkriegszeit basierte das Ehrenamt sicher meistens auf christlichen \u00dcberzeugungen. Heute gilt aber oft das Umgekehrte: Erfahrungen im Engagement erschlie\u00dfen einen neuen Zugang zu Spiritualit\u00e4t<\/strong>. Diakonie ist nicht mehr nur Frucht des Glaubens, sondern die \u201eWerke der Barmherzigkeit\u201c sind der Weg, um den Glauben mitten im Alltag zu entdecken. In unserer Arbeit erleben wir Ohnmacht und Angewiesenheit, Wandlung und Ver\u00e4nderung, Staunen und Begeisterung. Wir entdecken die eigene Berufung, erm\u00e4chtigen uns gegenseitig, erleben die Tragkraft einer Gemeinschaft und sehen unser eigenes Leben wie in einem Spiegel \u2013 \u00fcberraschend deutlich, wenn das Glas unterlegt wird mit der Silberfolie eines biblischen Bildes.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist mir bewusst, dass nicht alle, die sich bei den Tafeln, in Hospizen, in der Gospelbewegung oder als Kirchenkuratoren engagieren, Kirchenmitglieder sind. <strong>H\u00e4ufig hatten sie sich schon lange der Kirche entfremdet oder waren ohnehin nie Mitglieder. Das gilt im ehrenamtlichen Bereich genauso wie bei den beruflich Mitarbeitenden in der Diakonie. Wenn man aber die Einsicht ernst nimmt, dass Glaube immer ein Prozess ist und dass Areligiosit\u00e4t auch unter Kirchenmitgliedern vorhanden ist, dann wird es absurd, ausschlie\u00dflich bin\u00e4r zwischen Mitgliedschaft und Nichtmitgliedschaft zu unterscheiden,<\/strong> sagt Hans-Martin Barth. Es ist durchaus eine \u00dcberlegung wert, \u00fcber eine Schnupper-Kirchenmitgliedschaft nachzudenken \u2013 genauso wie wir dar\u00fcber nachdenken, berufliche Loyalit\u00e4t in der Diakonie durch die Unterschrift unter das Leitbild zu dokumentieren und damit einen Zwischenraum zu er\u00f6ffnen, in dem mitten im Alltag und in all seinen Widerspr\u00fcchen Glaube neu entdeckt werden kann. <strong>Jedenfalls bieten diakonische Erfahrungen in Gemeinden wie in Unternehmen eine gro\u00dfe Chance, auch \u00fcber Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch zu kommen; das zeigt die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung<\/strong>. Immerhin zweiundzwanzig Prozent der ehrenamtlich Engagierten geben da an, dass sie mit anderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen. Bei den Nichtengagierten sind es weniger als 10 Prozent. <strong>Wesentlich ist, dass diese Gespr\u00e4che unmittelbar bei den Erfahrungen ansetzen \u2013 und nicht bei den Begriffen. Religi\u00f6se Sozialisation, auch das zeigt die KMU 5 geschieht nicht \u00f6ffentlich und institutionell, sondern pers\u00f6nlich und in kleinen Netzen<\/strong>. Darauf gilt es in unseren Glaubens-, Diakonats- und Einf\u00fchrungskursen zu achten.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht l\u00e4sst sich dabei von der Hospizbewegung lernen. Hier setzen sich Engagierte mit ihrem pers\u00f6nlichen Lebensweg, der Bedeutung von Tod und Leben, mit ihren Kraftquellen auseinander &#8211; in Kirche und Diakonie, aber auch interreligi\u00f6s<\/strong>. Diese spirituelle Unterst\u00fctzung und Bewusstwerden geh\u00f6rt zu den Anziehungsmerkmalen der Bewegung in einem Bereich &#8211; der Sterbe- und Trauerbegleitung-, in dem Kirche bis in die 50er Jahre fast ein \u201eMonopol\u201c hatte. <strong>Anders als in der Tradition werden nun aber die handelnden Personen ermutigt, eigene Antworten zu finden. \u00dcbungen, Rituale und Symbole spielen dabei eine wesentliche Rolle:<\/strong> Nachdenken \u00fcber die eigene Todesanzeige\/ das Lebensmotto; Vers\u00f6hnungsbriefe, die Aussegnung mit Zugeh\u00f6rigen. Dazu gibt es inzwischen auch einen \u201eLetzte-Hilfe-Koffer\u201c mit Kerze, Segensworten, Duft\u00f6l, Salb\u00f6l. Aus der Bewegung sind neue Trauerrituale im Hospiz, Krankenhaus oder Pflegeheim gewachsen. Die Gruppen haben institutionelles Handeln ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Auch in Bahnhofsmissionen, Vesperkirchen, in Kleiderkammern und an Tafeln kann das allt\u00e4gliche Zuwendungshandeln selbst zu einem Ritual mit einer religi\u00f6sen Tiefendimension werden: Jemandem Raum in einer Kirche geben; ihm ein Butterbrot streichen; ihm helfen, sich sch\u00f6n zu kleiden.<\/strong> Wo die \u201eWerke der Barmherzigkeit\u201c bewusst ge\u00fcbt werden, da leben wir tief<strong>. Was ist zu tun, damit die Handelnden sich dieser Tiefendimension bewusst sind? Vesperkirchenteams treffen sich vorab \u2013 nicht nur, um zu organisieren, sondern um sich innerlich vorzubereiten<\/strong>. Bei einem Augenblick der Stille in der Sakristei oder einem gemeinsamen Taiz\u00e9-Lied wird das alte Ora et Labora wieder ins Leben gerufen. Neulich h\u00f6rte ich von einem Team in einer Pflegeeinrichtung, das sich nach dem Tod eines Bewohners und <strong>noch vor der Aussegnung vor der T\u00fcr trifft, um gemeinsam zu danken f\u00fcr diese intensive Zeit. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eIn der nachchristlichen Gesellschaft f\u00fchrt die Richtung nicht mehr vom \u201eBelieving\u201c zum \u201eBelonging\u201c, vom Glauben zur Gemeinschaft, sondern umgekehrt: vom \u201eBehaving\u201c zum \u201eBelonging\u201c zum \u201eBelieving\u201c, schreibt die anglikanische Theologin Grace Davis. Anders als im 19. Jahrhundert sind es bei den meisten nicht mehr die biblischen Texte, die die Wirklichkeit entschl\u00fcsseln &#8211; es ist, als schreie die Wirklichkeit angesichts des abwesenden Gottes selbst nach Deutung, als b\u00f6ten Worte, Gesten, Symbole Halt.<\/strong> Wir erleben gemeinsam Rituale, gestalten neue Projekte und erleben dadurch Zugeh\u00f6rigkeit. Das ist der Weg zum Glauben. Deshalb braucht diakonische Fr\u00f6mmigkeit Bildungsangebote, R\u00e4ume f\u00fcr Begegnungen und Gemeinschaftserfahrungen. <strong>Und das gilt nicht erst f\u00fcr die Ausbildung oder f\u00fcr Mitarbeitende in diakonischen Unternehmen; es beginnt bereits in Konfirmandenarbeit und Schule oder auch an sozialen Tagen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>5. Grunderfahrungen <\/strong><\/p>\n<p><strong>5.1. Der Familientisch \u2013 Wo alles beginnt <\/strong><\/p>\n<p>In einer Fortbildung zu Thema Diakonisches Profil waren die Teilnehmenden gebeten worden, ein Symbolfoto zu schicken. <strong>Jemand schickte diese K\u00fcchentischbild \u2013 als Erinnerung an die Teamsitzungen, die ihm so viel bedeuteten. Weil es da nicht nur um das Abhaken von Listen und Terminen ging und nicht nur um Aufgaben und Kontrolle, sondern immer auch um einzelne Erfahrungen, um Gef\u00fchle und Inspiration<\/strong>. Zusammen am Tisch sitzen, das ist mehr als das gemeinsame Essen. \u201e<strong>Wir teilen und verteilen nicht nur die Lebensmittel, sondern wir teilen uns unser Leben mit\u201c schreiben Wagner und Esser in einem Buch \u00fcber Spiritualit\u00e4t in der Familie. \u201eDenn jedem in der Familie ist wichtig, wie es den anderen geht. Es ist ihm oder ich nicht egal. Der gemeinsame Tisch ist der zentrale Ort, an dem sich Gemeinschaft konstituiert. Wir brauchen einander, wir helfen einander, wir verlassen uns aufeinander.\u201c<\/strong> Ein \u201eTischritual\u201c wie das Anz\u00fcnden einer Kerze oder das H\u00e4ndereichen zur \u201egesegneten Mahlzeit\u201c kann das gemeinsame Essen aus dem Alltag herausheben. Genauso wie das Blitzlicht zu Beginn in einer Teamrunde oder die gemeinsame Karte an einen kranken Kollegen. Albert Biesinger spricht in diesem Zusammenhang von \u201eGotteskommunikation\u201c. <strong>Gotteskommunikation \u2013 das ist das gemeinsame Tischgebet oder das Abendgebet \u2013 Gotteskommunikation findet aber auch statt, \u201ewenn der erwachsene Enkel Silvester mit den gebrechlichen Gro\u00dfeltern feiert, wenn er die Zerstreutheit und die Phantasien der Oma, die fr\u00fcher doch so eine starke Frau war, wahrnimmt.\u201c<\/strong> Oder \u201ewenn die 18-j\u00e4hrige nicht bereit ist, in die l\u00e4ngst gebuchten Ferien abzufliegen, ohne vorher ihre\u2026 krebskranke Freundin auf der Intensivstation zu besuchen.\u201c<\/p>\n<p><strong>An solche Erfahrungen kann die Teambesprechung ankn\u00fcpfen &#8211; zwischen der Reflexion der gemeinsamen Arbeit und der Vorbereitung der n\u00e4chsten Aktionen kann sichtbar werden, dass diakonisches Handeln eine kommunikative Tiefenebene hat. Und das reicht weit hinein in den Alltag, den wir oft genug als \u00dcberforderung erfahren &#8211; nicht anders als in der Familie<\/strong>. Kleine Kinder brauchen den ganzen Tag Aufmerksamkeit und F\u00fcrsorge und k\u00f6nnen damit die Rhythmen der Erwachsenen kr\u00e4ftig auf den Kopf stellen &#8211; von der Nachtruhe bis zu den Zeiten f\u00fcr gemeinsame Mahlzeiten. Diese Zeit dauernden Gefordertseins und intensiver Zuwendung muss gleichwohl nicht als Verlust verstanden werden. Ignatius kann dabei Lehrmeister sein: \u201eWenn Ihr k\u00f6nnt, h\u00f6rt Messe und obliegt den gewohnten Andachten, wenngleich sie abgek\u00fcrzt werden k\u00f6nnen, wenn Ihr der Hilfe f\u00fcr die N\u00e4chsten obliegt; denn es ist Gebet, was man f\u00fcr sie tut.\u201c <strong>Und auch Luther nimmt die Erziehung von Kindern und die F\u00fcrsorge in der Familie so wichtig, dass f\u00fcr ihn auch das Wiegen des Kindes oder das Waschen der Windeln \u201ealles eitel goldene, edele Werk\u201c sind. Waschen und Windelnwechseln als Gebet \u2013 genauso wie Tischdecken, Sp\u00fclen und Betten machen. Die Dinge also, die wir heute outsourcen, um zu sparen &#8211; in denen doch Ressourcen der Meditation und Begegnung verborgen liegen. <\/strong><\/p>\n<p>In der Sorgearbeit geht es <strong>um das \u201eF\u00fcr- andere- Dasein\u201c und Zeit haben, das Sich-K\u00fcmmern um das Wohlergehen eines\/r anderen. Die Diakoniker des 19. Jahrhunderts, die mit der Sch\u00fcrze, h\u00e4tten gesagt: Es geht um Dienst am Leben. Das ist in den letzten Jahren aus dem Blick geraten, in denen wir vor allem ge\u00fcbt haben, den Dienst wie ein Produkt zu beschreiben. Aber vielleicht stehen wir auch hier erneut an einer Wende<\/strong>. Denn vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und des sozialen Wandels von Geschlechterrollen und Lebensformen erleben wir ein erschreckendes Care-Defizit. Und angesichts der rasanten Pluralisierung und Spreizung der Gesellschaft einen Mangel an Zusammenhalt. Das ist der Grund, warum Begriffe wie \u201eEhrenamt\u201c oder \u201eK\u00fcmmerer\u201c pl\u00f6tzlich wieder hohe Anerkennung haben. Familienarbeit und soziales Engagement k\u00f6nnen nicht mehr als selbstverst\u00e4ndliche und unbezahlte Aufgabe der M\u00fctter vorausgesetzt werden &#8211; genauso wenig wie Pflege- und Erziehungsberufe als schlecht bezahlte Frauenbranche. \u201e<strong>In Zukunft muss es darum gehen, Erwerbsarbeit und die F\u00fcrsorge im Erwerbsverlauf und im Familienzyklus gerecht zu verteilen \u2013 im Sinne eines Diakonats aller \u2013 und zugleich Gesellschaft und Staat f\u00fcr die Schaffung der Rahmenbedingungen in die Verantwortung zu nehmen.\u201c<\/strong> Wir m\u00fcssen die f\u00fcrsorgliche Praxis neu denken: als Verantwortung f\u00fcr die Welt, aber auch f\u00fcr uns selbst. <strong>Sorge, F\u00fcrsorge und Selbstsorge geh\u00f6ren im Sinne Hanna Ahrends zusammen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Augenblick sind wir weit davon entfernt. <\/strong>Und das bedeutet: <strong>Wir k\u00f6nnen nicht davon ausgehen, dass Mitarbeitende solche Erfahrungen aus ihren Familien mitbringen \u2013 und wir m\u00fcssen auch aktuell tun, was wir k\u00f6nnen, um Familien Raum zu geben, die Familien von Mitarbeitenden zu unterst\u00fctzen, die Zugeh\u00f6rigen in die Arbeit einzubeziehen. Wir erleben in unseren Teams die gleichen Zerrei\u00dfproben wie in unseren Familien. Dagegen k\u00f6nnen wir durchaus auch Wahlverwandtschaften f\u00f6rdern &#8211; wie in der Gr\u00fcndungszeit der Diakonie. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.2. Gastfreundschaft \u2013 einander Heimat geben <\/strong><\/p>\n<p>Wer in meinem Elternhaus durch die Eingangst\u00fcr kam, der fand in der Diele den alten Haussegen in Holz gebrannt. \u201e<strong>Friede den Kommenden, Freude den Bleibenden, Segen den Scheidenden.\u201c Das Pfarrhaus meiner Kindheit war ein Gemeinwesen in Bewegung. Die Pfarrfamilie, Vikar, Diakonisse und Erzieherinnen, ein altes K\u00fcsterehepaar \u2013 und immer wieder G\u00e4ste, f\u00fcr kurze oder l\u00e4ngere Zeit. G\u00e4ste aus dem Ausland, Pflegekinder, Menschen in psychischer Not lebten eine Weile mit uns<\/strong>. Daf\u00fcr gab es zwei kleine Einliegerwohnungen und ein gro\u00dfes Fremdenzimmer. Das hie\u00df so, bevor man dann von G\u00e4stezimmern sprach. <strong>Ich kann mich kaum erinnern, dass nicht Menschen mit ganz anderen Lebensgeschichten an unserem Mittagstisch sa\u00dfen. Friede, Freude, Eierkuchen war das nicht, eher schon: Frieden und Segen trotz mancher Reibungen und Konflikte<\/strong>. Manche unserer G\u00e4ste habe ich nie mehr wiedergesehen, andere geh\u00f6rten sp\u00e4ter zu unserem Freundeskreis \u2013 sie blieben Teil der erweiterten Familie, als meine Eltern schon nicht mehr lebten. R\u00fcckblickend bin ich froh, dass der enge Kreis der Familie sich selten schloss.<\/p>\n<p><strong>Gelebte Gastfreundschaft geh\u00f6rt zum Markenkern der Kirche<\/strong>. In den Anf\u00e4ngen der neuzeitlichen Diakonie verstanden sich Krankenh\u00e4user und Herbergen f\u00fcr Obdachlose als \u201eHospize\u201c, als Orte der Gastfreundschaft, wo Menschen auf ihrem Lebensweg Station machen und auftanken konnten. <strong>Friedrich von Bodelschwingh hat es auf den Punkt gebracht: \u201eDas ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.<\/strong>\u201c Traditionell waren die Kl\u00f6ster Orte der Immunit\u00e4t, wo nicht nur Kranke, sondern auch Verfolgte sicher sein konnten. <strong>Dahinter steht die \u00dcberzeugung, dass wer an meine T\u00fcr klopft, in einem tieferen Sinne Bruder oder Schwester ist. Nicht nur das Objekt meiner Hilfe, auch nicht nur mein Kunde, sondern ein Mensch mit einer Geschichte, der ein offenes Ohr und einen Ort zum Mit leben braucht<\/strong>, bis er mit neuer Kraft weiterziehen kann.<\/p>\n<p><strong>In den letzten Jahren habe ich manchmal bef\u00fcrchtet, diese Haltung k\u00f6nnte verloren gehen unter Zeitknappheit und \u00f6konomischem Druck, unter der Abgrenzung von Einrichtungen, Abteilungen und Budgets, der Professionalisierung der Diakonie und der Privatisierung der Kirche<\/strong>. Pfarrwohnungen sind kleiner und enger geworden. Obdachlose und Pflegekinder werden dort weiter verwiesen an die entsprechenden diakonischen Fachstellen. Krankenh\u00e4user trennen genau zwischen DRGs und Hilfemodulen auf der einen und Hotelkosten auf der anderen Seite<strong>. Aber immer wieder gab es Einzelne und Gruppen \u2013 oft genug Ehrenamtliche \u2013 die uns den Wert der Gastfreundschaft nachdr\u00fccklich in Erinnerung riefen<\/strong>. Cecily Saunders und die Hospizbewegung machten deutlich, dass es nicht gen\u00fcgt, Sterbende so lange wie m\u00f6glich zu therapieren und medizinisch zu versorgen, sondern dass es im Sterben auch um Begleitung, um Dasein, um wache Aufmerksamkeit geht. Streetworker traten daf\u00fcr ein, dass auch diejenigen, die keine eigene Wohnung haben, einen Ort brauchen, an dem sie ihre W\u00e4sche waschen, ihre Kontakte pflegen, einen gedeckten Tisch finden und vor allem einfach als Menschen unterwegs wahrgenommen werden &#8211; wie jeder von uns, wenn wir eine Autobahnrastst\u00e4tte aufsuchen. <strong>Und auch Kirchengemeinden k\u00f6nnen wie Karawansereien sein. Wo Menschen ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. <\/strong>Die Erfahrung, bejaht und geborgen zu sein \u2013 auch mitten in den Br\u00fcchen.<\/p>\n<p><strong>Besonders sp\u00fcrbar werde das in der Gemeindek\u00fcche, sagt Friederike Weltzien. <\/strong>Sie ist Pfarrerin in Stuttgart, hat lange im Libanon gelebt, spricht arabisch und engagiert sich heute in der Fl\u00fcchtlingsarbeit. Als im Herbst 2015 die Turnhalle mit hundert Fl\u00fcchtlingen belegt wurde, da \u00f6ffnete die Gemeinde die T\u00fcren. \u201eUnd es stellte sich heraus, dass das gr\u00f6\u00dfte Bed\u00fcrfnis der Menschen war, selber Essen zu kochen, etwas, was sie kennen und was ihnen schmeckt.\u201c, erz\u00e4hlt Friederike Weltzien. \u201eAlso wurde jeden Dienstag f\u00fcr achtzig bis neunzig Leute gekocht. Die Hilfsbereitschaft war gro\u00df, Gelder mussten gesammelt werden, die Lebensmittel eingekauft und die Tische gedeckt und dann auch wieder alles abger\u00e4umt, gesp\u00fclt und ges\u00e4ubert werden. In der K\u00fcche trafen die Kulturen aufeinander. Dinge ver\u00e4nderten sich, zun\u00e4chst gab es viel Aufregung in der Gemeinde und auch Sorgen und \u00c4ngste. <strong>Inzwischen wird regelm\u00e4\u00dfig syrisch gekocht; besonders in der Zeit des Ramadans werden gemeinsame Essen zum Fastenbrechen gefeiert. Und auf einmal werden religi\u00f6se Themen ganz zwanglos miteinander diskutiert und besprochen und erlebt. \u201eF\u00fcr mich ist die Gemeindek\u00fcche ein spiritueller Ort.<\/strong>\u201c<\/p>\n<p>Auch in anderen Gemeinden, in Altenzentren und Tageseinrichtungen ist die K\u00fcche zum heimlichen Zentrum geworden. Ich denke an die vielen Orte, wo Menschen aller Generationen zusammen Mittag essen \u2013 Bewohner des Altenzentrums mit Schule oder Tageseinrichtungen, Bewohnerinnen des Betreuten Wohnens mit Menschen aus dem Viertel. Was f\u00fcr ein Kontrast zu dem \u00f6konomischen und effektiven Tablettessen! Meine <strong>Nachbargemeinde geh\u00f6rt zu den vielen, wo alleinstehende Rentnerinnen zweimal die Woche einen gemeinsamen Mittagstisch haben. Auch da wird reihum gekocht.<\/strong> Und zwischendurch trifft man einander beim Einkaufen, hilft sich auch mal im Alltag, ruft sich an. Leider sind unsere K\u00fcchen oft nicht so ausgestattet, dass viele darin arbeiten k\u00f6nnen \u2013 und nicht \u00fcberall haben solche Gruppen einen Schl\u00fcssel zum Gemeindehaus. Das w\u00e4re allerdings eine gute Voraussetzung, um nicht mehr nur G\u00e4ste zu sein. Ganz wie der Apostel Paulus sagt: \u201cIhr seid nun nicht mehr G\u00e4ste und Fremde, sondern Mitb\u00fcrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.3. Krank sein: Unt\u00e4tig, aber nicht nutzlos<\/strong><\/p>\n<p><strong>Krisenerfahrungen sind Schl\u00fcssel, die T\u00fcren zu einer anderen Form der Gemeinschaft aufschlie\u00dfen<\/strong>. \u201e<strong>Ist einer von euch krank? Dann rufe er die \u00c4ltesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete \u00fcber ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit \u00d6l salben\u201c, hei\u00dft es im Jakobusbrief als Lebensregel f\u00fcr eine junge christliche Gemeinde (J<\/strong>ak 5,14). Salbung und Segnung und heilende \u00d6le gewinnen heute wieder an Bedeutung. Nicht nur in Kurkliniken gibt es Gottesdienste mit ganz pers\u00f6nlicher Handauflegung. <strong>Genesung ist keine Reparatur, sondern ein Ver\u00e4nderungsprozess. Oft bilden sich gerade in solchen Phasen neue, unterst\u00fctzende Netzwerke, weil sich andere mit \u00e4hnlichen Erfahrungen melden. Die Zeit der Krankheit mag unt\u00e4tig sein; leer und nutzlos ist sie nicht. Sie wird zur Gelegenheit, Liegengebliebenes innerlich zu kl\u00e4ren und bearbeiten.<\/strong> Wenn der Termindruck wegf\u00e4llt, ist endlich Zeit, nach L\u00f6sungen zu suchen. <strong>Alles richtet sich jetzt darauf, den inneren Menschen stark zu machen: \u201e[\u2026] wenn auch unser \u00e4u\u00dferer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag f\u00fcr Tag erneuert\u201c, schreibt der Apostel Paulus<\/strong> (2. Kor 4,16).\u201eIch habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, m\u00fc\u00dfig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefster T\u00e4tigkeit verbringen? Ob nicht unser Handeln selbst, wenn es sp\u00e4ter kommt, nur der letzte Nachklang einer gro\u00dfen Bewegung ist, die in unt\u00e4tigen Tagen in uns geschieht? schreibt Rainer Maria Rilke.<\/p>\n<p>Aus Sicht von Wirtschaft und Krankenkassen sind Krankheiten nur Ausfallzeiten ohne Gewinn. Und ich f\u00fcrchte, als Arbeitgeber oder als Team unter Druck denken wir auch in der Diakonie oft so. Viele Menschen gehen davon aus, dass Gesundheit herstellbar sein m\u00fcsse &#8211; Produkt der modernen Medizin oder einer erfolgreichen Dienstleistung. Im schlimmsten Fall soll Krankheit verhindert werden \u2013 notfalls auch durch Abtreibungen oder In-Vitro-Fertilisation. Und unertr\u00e4gliches Leiden soll beendet werden &#8211; notfalls auch durch einen assistierten Suizid. Der Psychiater und Theologe Manfred L\u00fctz spricht von einer neuen Gesundheitsreligion in unserer Gesellschaft <strong>\u2013 Gesundheit, so sagt er, sei f\u00fcr uns unhinterfragt zum h\u00f6chsten Gut geworden. Das habe aber eine gef\u00e4hrliche Kehrseite: die Unf\u00e4higkeit mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit umzugehen. Angesichts einer \u00e4lter werdenden Gesellschaft m\u00fcssen wir lernen, offener mit chronischen Erkrankungen umzugehen und auch die Mauern zwischen Gesunden und Kranken einzurei\u00dfen. Und die sind auch in der Diakonie noch dick. <\/strong>Es beginnt damit, wie wir an kranke Kolleginnen und Kollegen denken, was wir aus R\u00fcckkehr Gespr\u00e4chen lernen und wie wir den Krankenstand in Beziehung setzen zum Klima des Hauses.<\/p>\n<p>Und es gibt viele, die hinter den Mauern leben<strong>. Wir k\u00e4mpfen um die Inklusion von Menschen mit Behinderung- zu Recht. Aber die Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen werden noch immer \u00fcbersehen. Und mit ihnen die Pflegenden &#8211; die Schwiegert\u00f6chter, die die kranke Mutter \u00fcber Jahre pflegen, die M\u00e4nner, die ihre Frauen pflegen<\/strong> \u2013 sie verzichten auf eigenes Einkommen und Karriere, und verschwinden oft einfach aus dem Kollegen- und Freundeskreis. Neun Jahre im Durchschnitt. \u201eDie mit einer Gesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach einer Auseinandersetzung mit dem Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die den Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf andere nicht einbeziehen, sind unvollst\u00e4ndig\u201c, schreiben Thomas Klie und Andreas Kruse. <strong>Der letzte Freiwilligensurvey zeigt aber auch: Immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung. Und die wechselseitige Unterst\u00fctzung tut allen gut, sch\u00e4rft den Blick aufs Leben, verbessert die Lebensqualit\u00e4t aller und nimmt die Angst vor dem Alter. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.4. Inklusion: Einander Halt geben <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eMenschen mit Behinderungen wissen, was es bedeutet, dass sich das Leben unerwartet von Grund auf ver\u00e4ndern kann\u201c, hei\u00dft es in einem Text des \u00d6kumenischen Rates der Kirchen zum internationalen Jahr der Behinderten 2003 , der in einer Gruppe von Menschen mit Behinderung, ihren Angeh\u00f6rigen und Assistenten geschrieben wurde<\/strong>. \u201eWir waren in jenem Grenzbereich zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, in dem wir nur zuh\u00f6ren und abwarten konnten. Wir hatten Angst und den Tod vor Augen und kennen nun unsere eigene Verwundbarkeit. Wir sind Gott in jener leeren Dunkelheit begegnet, in der uns bewusst wurde, dass wir \u201edie Kontrolle\u201c \u00fcber uns verloren haben, und wir haben gelernt, auf Gottes Gegenwart und F\u00fcrsorge zu vertrauen\u2026 <strong>Wir haben gelernt, Neuland zu gewinnen und einen neuen Weg f\u00fcr unser Leben zu finden, der uns noch nicht vertraut ist. Wir wissen, was es bedeutet, inmitten von Paradoxen zu leben, und wir wissen, dass einfache Antworten und Sicherheiten uns nicht tragen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ein wahrhaft diakonischer Text &#8211; und Lektion, die wir irgendwann alle lernen m\u00fcssen, wenn wir sie nicht schon gelernt haben. Manche von Geburt an, andere bei einem Unfall, wieder andere bei einer Krebserkrankung, einem Herzinfarkt oder bei Pflegebed\u00fcrftigkeit. <strong>Wir alle leben mit Verletzungen, mit Wunden und Narben. Dennoch versuchen wir meist, unsere Krisen und Verletzungen vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit, auch vor Kolleginnen und Kollegen und ganz sicher vor Klienten und Kunden zu verbergen<\/strong>. Wir leben in einem Charakter- und Rollenpanzer, entsprechen den gesellschaftlichen Normen &#8211; wir funktionieren. Die Theologin Gunda Schneider-Flume spricht in diesem Zusammenhang von der \u201eTyrannei des gelingenden Lebens\u201c. Unsere Gesellschaft sei so sehr von Machbarkeitsvorstellungen bestimmt, dass suggeriert werde, wir h\u00e4tten das Gelingen unseres Lebens in der Hand. Tats\u00e4chlich aber komme es eben darauf an, dass wir lernen, mit Grenzen zu leben. <strong>Und am besten lernen wir das wohl gemeinsam mit denen, die keine Angst haben, ihre Schw\u00e4chen und Grenzen zu benennen.<\/strong><\/p>\n<p>Im Kulturhauptstadtjahr 2010 im Ruhrgebiet fanden in der zentralen Marktkirche in Essen Ausstellungen zum Thema \u201eMenschenbilder\u201c statt. Dort organisierte der Ehrenamtskoordinator des Stadtkirchenverbandes zusammen mit einem Kirchenvorstandsmitglied den \u201eKirchenw\u00e4chterdienst\u201c. Unter den etwa neunzig Ehrenamtlichen waren neunzehn Menschen mit einer geistigen Behinderung. Diese \u00fcbten ihren Dienst jeweils im Tandem mit einem Nichtbehinderten aus. <strong>So wurde die Marktkirche zu einem Ort der Begegnung unterschiedlichster Sichtweisen. In der Gruppe wurden die Ehrenamtlichen mit Behinderungen als Gleichberechtigte wahrgenommen. Sie kamen in Gespr\u00e4che mit den Ausstellungsbesucherinnen und -besuchern und konnten ihre Deutung der Bilder weitergeben, die vielleicht von gewohnten Betrachtungen abwichen<\/strong>. Dadurch wurden die Besucherinnen und Besucher zu einem neuen, anderen Blick auf die Kunstwerke angeregt. Kirche und Diakonie k\u00f6nnen solche Prozesse unterst\u00fctzen. Und das geschieht ja auch \u2013 z.B. mit Kunstausstellungen. Und nicht nur in diesem Kontext gilt es, die spirituelle und \u00f6ffnende Kraft der Kunst zu nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.5. Sterbeerfahrungen: Die gro\u00dfe Verwandlung<\/strong><\/p>\n<p>Seit meine Mutter gestorben ist, ist mir neu bewusst geworden, wie viel meine Schwestern und ich von ihrem Leben verk\u00f6rpern, wie sehr sie uns gepr\u00e4gt hat \u2013 mit ihren Werten, Gewohnheiten und \u00c4ngsten, mit ihrem Glauben. Solange wir uns auseinandergesetzt, mit- und umeinander gerungen haben, fiel es mir nicht leicht, mir das einzugestehen und dazu ja zu sagen: <strong>Meine Mutter, mein Vater haben mich werden lassen, die ich heute bin \u2013 nicht nur, als ich klein war und die Welt entdeckte, sondern auch zuletzt, als sie diese Welt verlie\u00dfen. Wir wachsen und wandeln uns mit den Menschen, die uns am n\u00e4chsten sind. <\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Buch \u201eJeder Tag ist kostbar\u201c beschreibt auch Daniela Tausch-Flimmer, wie die Begegnung mit dem Sterben ihrer Mutter sie ver\u00e4ndert hat. \u201e<strong>Ich war vorher jemand, der mit viel Angst im Leben stand. Angst vor der Dunkelheit. Angst, keinen Beruf zu bekommen. Angst keinen Ort zum Leben zu finden. Angst vor Begegnung. [\u2026] Durch die Lupe des Todes weitete sich der Angstring, [\u2026] hielt mich nicht l\u00e4nger gefangen<\/strong>. Durch das Bewusstwerden der Endlichkeit \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr zur Spiritualit\u00e4t. In mir wuchs das Vertrauen: Das, was dir passiert, wird stimmen. Ich begann zu vertrauen, dass ich in meinem Leben gef\u00fchrt werde, von Gott begleitet bin. [\u2026], Dass angesichts des Todes vor allem die Momente z\u00e4hlen, in denen ich gewagt habe, mich offen zu zeigen.\u201c Diese Erfahrung motivierte Daniela Tausch-Flimmer zur Hospizarbeit. Sie fand ihre Lebensaufgabe. <strong>Sterben, Abschied und Trauer bergen eine geheimnisvolle Gnade: Sie k\u00f6nnen Wandlungsprozesse in uns ansto\u00dfen. Dazu will die Hospizbewegung Mut machen.<\/strong><\/p>\n<p>In manchen Arbeitsfeldern der Diakonie geh\u00f6rt die Sterbebegleitung sehr selbstverst\u00e4ndlich zu den Aufgaben &#8211; und das gilt nicht nur f\u00fcr Pflegeeinrichtungen und Krankenh\u00e4user, sondern auch f\u00fcr Einrichtungen f\u00fcr Behinderte. Die spirituelle Dimension der Pflege und Begleitung Sterbender und ihrer Zugeh\u00f6rigen ist bislang, was die Sozialversicherungsleistungen angeht, nur in der hospizlichen Versorgung wirklich im Blick. Traditionell liegt hier allerdings das Aufgabenfeld der Seelsorge. Das gilt es neu zu entdecken und zu gestalten \u2013 <strong>idealerweise in Netzwerken und Teamarbeit zwischen den verschiedenen Hilfebereichen und Pfarrstellen, da viele der Betroffenen zwischen Familie, Krankenhaus, Kurzzeitpflege und Altenzentren hin und her wechseln<\/strong>. Das Bistum Essen hat mit einem solchen Konzept der Verkn\u00fcpfung von \u201epastoraler und funktionaler\u201c Seelsorge schon vor einigen Jahren begonnen. Im Zentrum steht dabei die verl\u00e4ssliche Begleitung der Betroffenen und ihrer Zugeh\u00f6rigen. Aber wie sieht das unter Ihnen, in Ihren Teams aus? Wieviel Raum haben Tod und Trauer mitten im Arbeitsalltag? Ich erinnere mich an den pl\u00f6tzlichen Tod eines PDL in Kaiserswerth, als sich innerhalb von wenigen Stunden die Mutterhauskirche zu einer Andacht f\u00fcllte. Abschied zu nehmen und noch einmal danke zu sagen, das war f\u00fcr alle wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5.6. Leben, Wohnen, Arbeiten: Raum f\u00fcr Gemeinschaft <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wo famili\u00e4re Netze fragiler werden, werden sorgende Gemeinschaften zum politischen Thema.<\/strong> Die Gemeinschaft auf Zeit, die sich um den Sterbenden herum orchestriert, die Gruppe, die jungen Eltern bei der Geburt ihrer Zwillinge zu Seite steht, der Verein von Eltern behinderter Kinder, die zusammen einen Reiterhof gr\u00fcnden \u2013 das ist der Geist diakonischer Erneuerung. Genauso wie das Mehrgenerationenhaus und die Wohngemeinschaft von jungen Leuten oder das SHAREHOUSE in Berlin. <strong>Wo die Jobs und Orte im Laufe des Lebens mehrfach wechseln, da wird auch das Wohnen zu einem wichtigen Thema<\/strong>. Es war zun\u00e4chst die Frauenbewegung, in der das gemeinsame Wohnen eine wachsende Rolle spielte \u2013 Beginenh\u00f6fe entstanden, Handwerkerinnenh\u00f6fe. Dann kamen die Politikerinnen und Politiker, die sich f\u00fcr ein neues Wohnprojekt entschieden \u2013 f\u00fcr Mehrgenerationenh\u00e4user. F\u00fcr starke Nachbarschaften, in denen man einander wechselseitig hilft. <strong>Gemeinschaften brauchen Begegnungsr\u00e4ume, die offen sind f\u00fcr das Miteinander. Das gilt f\u00fcr Familien und Teams genauso wie f\u00fcr Wohngemeinschaften und Gemeinden: Der Esstisch, der Besprechungsraum, der Flur mit der Teek\u00fcche. Vertrauen wird am schnellsten gewonnen, Konflikte am besten gel\u00f6st, auch Innovation entsteht, wo wir einander von Angesicht zu Angesicht begegnen.<\/strong><\/p>\n<p>In unserer mobilen, individualisierten Gesellschaft gewinnen Freundschaften an Bedeutung. <strong>Unter Freunden gibt es keine \u00dcber- und Unterordnung, kein hierarchisches Gef\u00e4lle, der Nutzeneffekt, der Gesch\u00e4ftsbeziehungen pr\u00e4gt, tritt zur\u00fcck zugunsten einer Partnerschaft im Geben und Nehmen. Freunde stehen zueinander, wenn andere Beziehungen wechseln, sie entlasten einander und muten einander, wo m\u00f6glich, die Wahrheit zu. Sie werden zu Wahlfamilien, wo der Kontakt zu Angeh\u00f6rigen sich lockert oder an Bedeutung verliert.<\/strong> Das gilt f\u00fcr die ganz Jungen, die ihren \u201eTriebe\u201c haben, aber auch f\u00fcr die \u00c4lteren, die wissen, dass sie jetzt h\u00e4ufiger auf andere angewiesen sind. Das gilt f\u00fcr Arbeitskollegen, die sich neuerdings als Frollegen bezeichnen \u2013 weil sie oft mehr zusammen sind als mit den weit entfernten Freunden. Es gilt aber auch f\u00fcr Menschen, die alleinerziehend mit Kindern leben. F\u00fcr die, f\u00fcr Menschen mit einer Behinderung oder f\u00fcr Singles wird es wichtiger, ein Netzwerk zu haben und einen Ort der Zugeh\u00f6rigkeit. <strong>Auch Gemeinschaftsh\u00e4user sind \u00fcbrigens solche Orte der Zugeh\u00f6rigkeit \u2013 und es g\u00e4be noch viel zu tun, um die Alumninetze dort zu pflegen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Seele und Sorge \u2013 Diakonie als Arbeitsalltag <\/strong><\/p>\n<p>\u201e<strong>Diakoniker sind Praktiker \u2013 \u00fcber die eigene christliche Haltung laufend zu reden, ist ihnen eher peinlich. Wir m\u00f6chten unsre Arbeit fachlich guttun und uns dazu mit Themen auseinandersetzen \u2013 und das tun wir als Christen. Nur Kirchens reden laufend dar\u00fcber.\u201c<\/strong> Viele Kollegen erleben ihren Glauben als Privatsache \u2013 wie alle anderen auch \u2013 und trennen stark zwischen Glauben und professioneller Arbeit<strong>. Die Anforderungen, die im s\u00e4kularen Arbeiten an uns gestellt werden, sind hoch. Glaube und Spiritualit\u00e4t f\u00e4llt da leicht hinten runter oder wird als zus\u00e4tzliche Anforderung erlebt.\u201c<\/strong> \u201eWas mag also Diakoniker interessieren? <strong>Glauben als Burn out Prophylaxe. Glauben als Lebensmotivation. Widerstand gegen die Lebensausbeutung der Diakonie.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das sind drei Antworten aus einer privat initiierten Umfrage eines theologischen Vorstands zum christlichen Gesundheitskongress. Es zeigt sich: <strong>Mitarbeitende der Diakonie haben ein Bed\u00fcrfnis nach pers\u00f6nlicher Spiritualit\u00e4t &#8211; aber nicht unbedingt nach beruflicher Spiritualit\u00e4t. Eventgottesdienste, Seelsorgeauszeiten, Klostertage sind nachgefragt \u2013 eine Mischung aus Wellness, biblischen Impulsen und Zeit zur pers\u00f6nlichen Stille. Aber weil sie wissen, dass sie in einem Tendenzbetrieb arbeiten, bleiben sie kritisch gegen\u00fcber allem \u201eDu sollst\u201c und \u201eDu musst\u201c:<\/strong> Der Arbeitgeber bleibt Br\u00f6tchengeber, er ist nicht Sinnstifter.<\/p>\n<p>Zugleich wird Spiritualit\u00e4t als gesundheitliche Ressource f\u00fcr die Mitarbeitenden entdeckt. In einer Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts zu <strong>Kraftquellen in der Pflege sprachen die Interviewten davon, dass sie sich getragen und gesch\u00e4tzt f\u00fchlen, dass sie Kraft bekommen, durchzuhalten, auch wo Erfolg nicht zu sehen ist. Dabei sehen sie die religi\u00f6sen Kraftquellen auch in Gespr\u00e4chen mit Kollegen, Naturspazierg\u00e4ngen, Meditation<\/strong>. Und auch eine Untersuchung der Fachhochschule der Diakonie in Bethel, zeigt, <strong>dass Spiritualit\u00e4t eine wichtige Ressource in der Gratifikationskrise ist, die viele Mitarbeitende aufgrund des wachsenden Zeit- und Kostendrucks erleben \u2013 sie sieht aber die entscheidende Kraftquelle der diakonischen Gemeinschaft, den Zusammenhalt im Team, durch Ver\u00e4nderungsdruck und Umstrukturierungen bedroht. <\/strong><\/p>\n<p>Offenheit ist eine wesentliche Voraussetzung, damit diese Kraftquellen flie\u00dfen k\u00f6nnen. <strong>Im diakonischen Unternehmen hat sie eine kollektive und eine individuelle Komponente, eine handlungsorientierte Seite und eine, die auf Empfang gerichtet ist. In der Gemeinschaftsdiakonie waren diese beiden Seiten in Arbeit und Gebet aufeinander bezogen &#8211; und f\u00fcr beides waren R\u00e4ume und Zeiten vorgesehen<\/strong>. Sie blieben aber aufeinander bezogen: die individuelle religi\u00f6se Identit\u00e4t f\u00fcgte sich in die kollektive der Dienstgemeinschaft ein. Beides hat sich gravierend ver\u00e4ndert. So bunt unsere Lebensl\u00e4ufe geworden sind, so unterschiedlich auch die Zug\u00e4nge zu Spiritualit\u00e4t. Wir brauchen die Gespr\u00e4che in Teams und Gruppen, um voneinander zu lernen und eine gemeinschaftliche Haltung zu entwickeln, aber auch um einander und uns selbst zu korrigieren und zu ermutigen.<\/p>\n<p><strong>Die \u00c4rztin Mavi Mohr, die ein Buch \u00fcber ihre eigene Leuk\u00e4mieerkrankung und ihre Berufsmotivation geschrieben hat (\u201eStationswechsel\u201c), sagt in einem Interview: \u201eAls Leuk\u00e4miepatientin hatte ich mit in der Klinik mit anderen Kindern angefreundet, die sp\u00e4ter starben. Sie wurden niemals wieder erw\u00e4hnt. Der Tod spielte keine Rolle. Als \u00c4rztin versuche ich, offen mit diesem Thema umzugehen und ich glaube, dass meine eigenen Erfahrungen dabei hilfreich sind. Ich kann Patienten dadurch nicht heilen, aber ich kann ihnen helfen, weniger Schmerzen und \u00c4ngste zu haben.\u201c Dieses Spannungsfeld von Routine und Unmittelbarkeit, von N\u00e4chstenliebe und Professionalit\u00e4t wahrzunehmen und fruchtbar zu machen, kostet Kraft.<\/strong> Denn das Gesundheitswesen organisiert, reglementiert, professionalisiert und rationalisiert die Hilfe und letztlich auch die Helfenden. Sich gleichwohl pers\u00f6nlich zu \u00f6ffnen, birgt deshalb immer auch ein Risiko.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nliche Erfahrungen spielen im Blick auf Glaube, Spiritualit\u00e4t und religi\u00f6s motivierten Haltungen eine zentrale Rolle. Sie sind aber nicht nur schwer zu operationalisieren, sondern auch kaum empirisch zu erfassen<strong>. Motivationale Orientierungen zeigen sich eher normativ in Leitideen und Zieldimensionen \u2013 letztlich nicht getrennt von den Unternehmenszielen. Es ist nachvollziehbar, wenn Mitarbeitende Sorge haben, dass auch ihre Spiritualit\u00e4t funktionalisiert wird. Dennoch wird man ohne die eigene Person einzubringen auf Dauer aber weder pflegen noch erziehen, weder beraten und leiten k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eWas ihr nicht getan habt\u201c \u2013 so hei\u00dft ein kleines Buch, da neulich im Martinshof, Rothenburg, \u00fcber die Geschichte des Hauses im 3. Reich erschienen ist<\/strong>. Es geht um die \u00fcber 400 Menschen mit Behinderung und auch um die mehr als 1000 J\u00fcdinnen und Juden, die von dort abtransportiert wurden. Ich habe das am Anfang nicht benannt, als ich das Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht zitiert habe:<strong> Wir k\u00f6nnen uns auch verfehlen. Unsere Berufung verfehlen. Wenn wir achtsam bleiben, sp\u00fcren wir das. An unserer Ersch\u00f6pfung, an Trauer und Wut. Das gilt es ernst zu nehmen \u2013 denn Diakonie hat immer auch eine politische Dimension. Es geht um die Grenzen der \u00d6konomisierung, um den Schutz der Familie, der Kinder, der Kranken und Sterbenden wie der Fl\u00fcchtlinge und um die Aufwertung der Sorgearbeit. In all diesen Fragen m\u00fcssen Kirche und Diakonie den Mund aufmachen. Auch Widerstand ist Fr\u00f6mmigkeit.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Spirituelle Bildung in der Diakonie zielt darauf, den Zusammenhang zwischen der beruflichen Motivation und den eigenen, religi\u00f6sen Kraftquellen aufzudecken. Und auch die Widerspr\u00fcche zwischen diakonischer Bewegung und Alltagserfahrungen. Hier haben die diakonischen Gemeinschaften ihren Ort. <\/strong>Es wird darauf ankommen, dass sie R\u00e4ume jenseits der beruflichen Hierarchien und der Regeln einer Organisation anbieten, dass sie Freiheit gew\u00e4hren. Es ist alles da: Die Rituale der Gemeinschaft, die R\u00e4ume der Begegnung und Gastfreundschaft, das Wissen um die Wandlungskraft in Krankheiten und Krisen, die alten Bilder und Geschichten. Das alles gilt es immer wieder zu gestalten. Mit Betroffenen und Angeh\u00f6rigen, mit Freiwilligen und Kirchengemeinden an den Urspr\u00fcngen diakonischer Fr\u00f6mmigkeit zu arbeiten.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Rummelsberg, 30.6.18<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.Einfach leben \u201eSimplify your life!\u201c Seit der Jahrtausendwende ist eine neue Bewegung in Gang. 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