{"id":3923,"date":"2018-07-05T20:54:47","date_gmt":"2018-07-05T18:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3923"},"modified":"2019-01-24T11:46:05","modified_gmt":"2019-01-24T10:46:05","slug":"junge-alte-im-aufwind","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3923","title":{"rendered":"Junge Alte im Aufwind"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Des Lebens Ruf an uns <\/strong><\/p>\n<p><strong>Zu den beliebtesten Texten der letzten Jahre geh\u00f6rt Hermann Hesses Gedicht \u201eStufen.\u201c<\/strong> Wie jede Bl\u00fcte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, bl\u00fcht jede Lebensstufe, bl\u00fcht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern\u2026\u201c. Der Text ist ein Aufruf zu immer neuen Aufbr\u00fcchen; es geht darum, dem Ruf des Lebens zu folgen, loszulassen und weiterzugehen \u2013 Stufe f\u00fcr Stufe. Das Bild der Lebensalter, das sich dabei einstellt, ist das einer Treppe, die immer weiter ins Offene, ja eigentlich ins Unendliche f\u00fchrt: \u201eEs wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen R\u00e4umen jung entgegensenden; des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimmt Abschied und gesunde.\u201c<\/p>\n<p><strong>Einen solchen Neubeginn assoziieren die meisten Menschen heute auch mit dem Beginn der dritten Lebensphase.<\/strong> Was man fr\u00fcher mit dem Alter verband, Gebrechlichkeit und Pflegebed\u00fcrftigkeit, verschieben wir gedanklich in die letzte, die vierte Lebensphase, die statistisch gesehen erst mit 80 plus beginnt. Eine religionssoziologische Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt: Nicht Sterblichkeit, sondern <strong>\u201eGeb\u00fcrtlichkeit\u201c, wie die Philosophin Hannah Arendt es nennt, ist das vorherrschende Gef\u00fchl der dritten Lebensphase<\/strong> \u2013 auch wenn das der Thema Endlichkeit wie eine gegenl\u00e4ufige Unterstr\u00f6mung sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n<p><strong>Auch die j\u00fcngste EKD-Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt: 75 Prozent der 60- 69 \u2013j\u00e4hrigen blicken zuversichtlich auf ihr weiteres Leben; und \u00fcber ein Drittel geht davon aus, dass noch ein Neuanfang stattfinden kann<\/strong>. Viele machen sich noch einmal auf den Weg und helfen international als Au-pair, im Senior Expert Service oder \u00fcbernehmen einen freiwilligen Einsatz in Krisengebieten. Andere engagieren sich jetzt in der Fl\u00fcchtlingsarbeit, lernen Menschen aus anderen sozialen und kulturellen Kontexten kennen oder arbeiten mit am Entstehen neuer Netzwerke \u2013 als \u201eLeih-Omas\u201c, Stadtteilm\u00fctter, Senior-Mentoren f\u00fcr Sch\u00fcler und Azubis, in Familienzentren und Generationenh\u00e4usern. Und oft entstehen dabei tragf\u00e4hige neue Freundschaften und Liebesbeziehungen.<\/p>\n<p>Legt man den Alterssurvey von 2014 zugrunde, sind 70-j\u00e4hrige kaum weniger leistungsf\u00e4hig als gesunde 55-j\u00e4hrige. Und 73 Prozent der Befragten ab 60 Jahren f\u00fchlen sich j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Mehr als ein Drittel der 55- bis 69-j\u00e4hrigen hat keine oder h\u00f6chstens eine Erkrankung und noch die H\u00e4lfte der 70- bis 85-j\u00e4hrigen f\u00fchlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund. Noch nie in der Geschichte sind Menschen so gesund alt geworden, noch nie war die Breite der Bev\u00f6lkerung so gut ausgebildet, so kompetent und selbst\u00e4ndig wie heute, noch nie gab es auch so viele M\u00f6glichkeiten, sich zu vernetzen und gut zu organisieren. <strong>Wir haben im Schnitt zehn gesunde Jahre hinzugewonnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eDas Beste kommt noch\u201c titelte<\/strong> k\u00fcrzlich \u201eBrigitte WIR\u201c, die Zeitschrift f\u00fcr die \u201eDritte Lebensh\u00e4lfte\u201c Mir gef\u00e4llt der paradoxe Ausdruck \u201edritte Lebensh\u00e4lfte\u201c. Er macht deutlich, dass es um eine historisch ganz neue Zeit geht \u2013 eine geschenkte Zeit, deren Bedeutung wir gerade erst begreifen. W\u00e4hrend der Alterssurvey ganz bewusst von der ersten und zweiten Lebensphase spricht \u2013 also von den unter und den \u00fcber 40-j\u00e4hrigen \u2013, wird sonst oft von nachberuflichen Zeit als einer neuen, dritten Lebensphase gesprochen. <strong>\u201eFr\u00fcher war klar: Kinder lernen, Erwachsene arbeiten, und die Alten ruhen sich aus. Das ist passe\u201c<\/strong>, sagt Ursula Staudinger, die Alternsforscherin aus New York. (Allerdings sprechen wir noch immer von P\u00e4dagogik, Andragogik und Geragogik.) Diese Zeit bietet Chancen, den eigenen Interessen und Motiven nachzugehen, aber auch Gesellschaft mit zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>Der Wandel in unserer Lebenszeit ist rasant: In den 60er Jahren<\/strong> hat man den Ruhestand als Feierabend begriffen, er war Erholung von einem aktiven und oft auch k\u00f6rperlich sehr anstrengenden Arbeitsleben. Bis dahin war Altersarmut weit verbreitet. Mit Adenauers Rentenreform von 1957 wurde des Umlageverfahren in der gesetzlichen Rentenversicherung eingef\u00fchrt, das heute durch den demographischen Wandel wieder unter Druck geraten ist. Au\u00dferdem wurde die Rentenh\u00f6he sp\u00fcrbar erh\u00f6ht und die dynamische Anpassung an die Bruttolohnentwicklung eingef\u00fchrt. Damit wurde Rentnern und Rentnerinnen die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, am Wirtschaftsaufschwung teilzuhaben und ihren Lebensunterhalt im Alter auch ohne finanzielle Unterst\u00fctzung bestreiten zu k\u00f6nnen. <strong>In den 70er Jahren, in der gro\u00dfen Zeit des Wohlfahrtsstaats, wurde die Rente dann zur Belohnung f\u00fcr den Einsatz im Beruf \u2013 mit Freizeit und Reisen. <\/strong>Der letzte, der 7. Altenbericht, der 2014 erschien, zeigt: <strong>Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist in der zweiten Lebensh\u00e4lfte seitdem kontinuierlich gestiegen<\/strong>. Das gilt vor allem f\u00fcr die 54- 59-j\u00e4hrigen und auch f\u00fcr die 60- bis 65-J\u00e4hrigen, bei denen auch die Erwerbsbeteiligung seit 1996 um etwa 20 Prozentpunkte gestiegen ist. Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass sich in der Altersgruppe 55 plus die Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen in der Erwerbsquote verringert haben. <strong>Wirtschaftlich geht es unserer Generation so gut wie lange keiner <\/strong>&#8211; so verf\u00fcgt zum Beispiel jeder zweite \u00fcber Wohneigentum. <strong>Alles gute Voraussetzungen f\u00fcr einen Neuanfang in der dritten Lebensphase.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas Alter veraltet\u201c, hei\u00dft es im 6. Altersbericht der Bundesregierung, der sich mit dem Wandel der Altersbilder befasste. F\u00fcr Andreas Kruse, dem Vorsitzenden der EKD-Alterskommission, war das ein Impuls ganz bewusst auf die Altersbilder in der Kirche zu schauen. <strong>So entstand die EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen.\u201c Darin wird ein altes Sprichwort zitiert: \u201eMit dem Alter kommt der Psalter\u201c<\/strong>\u2013 so als ob \u00c4ltere automatisch fr\u00f6mmer w\u00fcrden. Als Gemeindepfarrerin in den 1980-er Jahren hatte ich den Auftrag, alle Gemeindemitglieder zu besuchen, wenn sie 70, 75 oder 80 plus wurden. Manchmal habe ich dabei ungeheuer spannende Lebensgeschichten geh\u00f6rt \u2013 aber selten kam es zu Gespr\u00e4chen \u00fcber Glauben und Religion. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die \u00fcberkommenen Erwartungen an Pfarrer und Kirche mit ganz bestimmten Alternsbildern verbunden sind. Und umgekehrt: dass wir als Kirche bestimmte Vorstellungen von Fr\u00f6mmigkeit an \u00c4ltere herantragen. Viele Chor\u00e4le jedenfalls vermitteln den Eindruck, die letzte Lebensphase diene vor allem der Vorbereitung auf Tod und Ewigkeit. Und wenn man sich klar macht, wie die durchschnittliche Lebenserwartung bis vor 100 Jahren aussah, ist das auch kein Wunder.<\/p>\n<p><strong>Christine Westermann,<\/strong> die zu Ihrem 65. Geburtstag das Buch \u201eDa geht noch was\u201c geschrieben hat, erz\u00e4hlt, wie sie sich aufregt, weil eine Reportage, die sie kurz vorher \u00fcber einen Klosteraufenthalt gedreht hat, mit folgenderma\u00dfen beworben wurde: Christine Westermann: \u201eWieviel Leben bleibt mir noch?\u201c M\u00f6glichkeit 1, meint sie: Sie hat eine todbringende Krankheit. M\u00f6glichkeit 2: Sie ist stark vergreist und verabschiedet sich mit dieser Dokumentation. Und dann: \u201eWie viel Leben bleibt mir noch?\u201c Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht mir nicht um das Wieviel. <strong>Das Wohin ist das Entscheidende, die Richtung, die ich meinem Leben noch geben will.<\/strong> Nur deshalb habe ich mich auf die Suche eingelassen!<\/p>\n<p>Die Bibel ist voll von <strong>Neuanf\u00e4ngen. Und das Lebensalter spielt dabei keine Rolle. Denken Sie nur an die Geschichte von Abraham und Sara, die in hohem Alter aufbrechen in das Gelobte Land und sp\u00e4t noch den ersehnten Sohn zur Welt bringen \u2013 so sp\u00e4t, dass Sara schon allein den Gedanken an eine Schwangerschaft l\u00e4cherlich findet<\/strong>. Einem Traum geht Sara nach mit ihrem Abraham. Nachts unter dem Sternenhimmel hat Gott ihm versprochen, dass sie eine neue, eine bessere Zukunft finden w\u00fcrden \u2013 und dass ihre Nachkommen so zahlreich sein w\u00fcrden wie die Sterne am Himmel. Selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht, dass einer seinen Tr\u00e4umen folgt. Sich auf den Weg macht Schritt f\u00fcr Schritt. Es muss ein schwerer Weg gewesen sein durch die W\u00fcste. Voll Fremdheitserfahrungen, Misstrauen und der Angst, allein gelassen zu werden, zu versagen und sich l\u00e4cherlich zu machen. Aber Abraham und Sara haben dem Unwahrscheinlichen, sie haben Gott eine Chance gegeben.<\/p>\n<p><strong>Wenn ich im Alter wirklich etwas Neues beginnen will, dann muss ich mein Leben so einrichten, dass ich meinen Traum auch verwirklichen kann<\/strong>. Das wurde dem franz\u00f6sischen Soziologen Roland Barthes klar, als seine Mutter gestorben war. Bei aller Trauer des Abschieds &#8211; in diesem Augenblick begann f\u00fcr ihn ein neues Leben. Er wollte endlich tun, was ihm l\u00e4ngst vorschwebte \u2013 er wollte einen Roman schreiben. Aber das neue Leben beginnt nicht einfach von selbst; es braucht einen bewussten Entschluss. <strong>Ich darf mich nicht festlegen lassen auf das, was ich war. Ich darf mich nicht irritieren lassen durch die Erwartungen anderer<\/strong>. Und ich muss bereit sein, f\u00fcr ganz neue Entdeckungen.<\/p>\n<p><strong>Die \u00c4rztin Beate Jakob vom Deutschen Institut f\u00fcr \u00c4rztliche Mission (DIFAEM), die in Indien an Gesundheitsprojekten mit Kirchengemeinden arbeitete, hat dort Kirche neu entdeckt<\/strong>. Heute versteht sie Gemeinden als Orte des Zuh\u00f6rens, wo mehr zu finden ist als praktische Hilfe oder das gemeinsame Finden von L\u00f6sungen. Wo zu sp\u00fcren ist, dass Menschen bei einem sind, die neuen Mut und Energie geben. Und wo im gemeinsamen Gebet Gottes Geist als Kraftquelle erfahrbar ist. \u201eMein Anliegen ist, dass in Gemeinden \u201egesch\u00fctzte R\u00e4ume\u201c entstehen\u201c, sagt Beate Jakob in einem Interview auf meinem Pilgerorte\u2013Blog. Orte, an denen sich Menschen frei und offen begegnen und austauschen k\u00f6nnen, anstatt eine Rolle spielen zu m\u00fcssen. Das kann zum Beispiel ein Gespr\u00e4chsangebot sein, ein Hauskreis, eine Trauergruppe usw. \u2013 Orte, wo Menschen sich nicht als stark und als \u201eSieger\u201c pr\u00e4sentieren m\u00fcssen, sondern auch einmal ihre Masken ablegen und ihre Schwachheit und Hilfsbed\u00fcrftigkeit benennen d\u00fcrfen. Dadurch w\u00e4chst in Gemeinden auch das Bewusstsein, nicht eine Gemeinschaft von Starken zu sein, sondern von Un-Perfekten, die alle auf Gottes Gnade angewiesen sind.\u201c Ein sch\u00f6ner Gedanke: Sich vers\u00f6hnen mit dem Un-Perfekten! Das steht an im Alter: nicht Selbstoptimierung, sondern Selbstakzeptanz. Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich hat dar\u00fcber gerade ein Buch geschrieben. Es ginge darum, das Leben zu feiern, meint sie. Und Dorothee S\u00f6lle schrieb: <strong>\u201eAm Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Im Alter neu werden k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Kennen Sie Iris Apfel? Die \u00e4ltere Frau mit dem faltigen Gesicht und den gro\u00dfen roten Brillen hat viele andere inspiriert, sich so zu kleiden, wie sie sich f\u00fchlen und attraktiv finden. Gro\u00dfe Statementketten, witzige H\u00fcte! Mich hat sie an M<strong>argaret Siekmann erinnert, die nach Teil unserer Gro\u00dffamilie wurde, als mein Onkel und meine Tante in den 60-er Jahren zu einem Austauschjahr im Pfarramt nach Minnesota zogen. <\/strong>Im Gegenzug zog die dortige Pfarrfamilie in deren Wohnung nach Wuppertal ein und geh\u00f6rte fortan zu uns \u2013 mit den T\u00f6chtern Paula und Gretchen und mit der Gro\u00dfmutter. Es war Margaret Siekmann, die Gro\u00dfmutter, die mich besonders beeindruckt hat. Als ich sie zum ersten Mal sah, trug sie eine bunte Karohose \u2013 dazu knallrote Lippen und Fingern\u00e4gel. Das war damals hierzulande f\u00fcr eine Frau \u00fcber 65 nicht denkbar gewesen. In der Kirche drehte man sich nach ihr um \u2013 oft genug allerdings irritiert.<\/p>\n<p>Heute gehen die 68-er Frauen selbstbewusst und voll Energie in die neue Lebensphase \u2013 nicht anders als die Beat- und Rockgr\u00f6\u00dfen von Udo Lindenberg bis zu den Rolling Stones. \u201eIch halte mich an die Regeln, aber nur, wenn sie mir gefallen\u201c, sagt Iris Berben, inzwischen Ende 60, in einem Interview mit \u201eBrigitte WIR\u201c. Und trotzdem frage ich mich. Ob Barbara Siekmann heute in einer durchschnittlichen Kirchengemeinde ihren Platz f\u00e4nde? Oder w\u00e4re sie noch immer zu selbstbewusst, zu exaltiert? In meiner Wohnortgemeinde kommt eine solche Frau gelegentlich zum Gottesdienst. Neulich erz\u00e4hlte sie mir, dass sie lange in Frankreich gelebt hatte. Als sie in unser Dorf gezogen sei, h\u00e4tten die Nachbarn sie alle einmal besucht; aber das sei es auch gewesen. Danach habe sich keiner mehr f\u00fcr sie interessiert. <strong>Sie passe eben nicht in den Seniorenclub, sei als Single viel unterwegs. Sie hat keine Enkel, aber sie hat noch Tr\u00e4ume und Fragen<\/strong>. Und wenn ich mir ihr ins Gespr\u00e4ch komme, sp\u00fcre ich ihre Neugier auf ein anderes Leben. \u201eWas f\u00fcllt mein Leben aus? Was suche ich? Und was machen andere?\u201c Das sind Fragen aus dem Modellprojekt \u201eAlter neu gestalten\u201c der evangelischen Kirche in W\u00fcrttemberg. Da haben sich Gemeinden zusammengetan, die die neugierig sind auf das, was die \u00c4lteren zu geben haben. \u201eGeht da was zusammen? Es geht darum, andere Menschen kennen zu lernen, die auch ihre Herausforderungen bestehen, ihre Chancen nutzen wollen.\u201c<\/p>\n<p>Was es bedeutet, alt zu sein, ist nicht nur eine Frage nach dem biologischen Alter, der gesundheitlichen oder der finanziellen Situation \u2013 es betrifft immer auch die Alternsbilder und die damit verbundenen Erwartungen an andere wie an sich selbst. Dabei geht es um alle Lebensvollz\u00fcge: um Arbeit und Familie genauso wie um Kleidung und Mobilit\u00e4t \u2013 und nat\u00fcrlich auch um Religion und Kirche. <strong>Alter ist auch eine soziale Konstruktion, ganz \u00e4hnlich wie das Geschlecht. Konsequenterweise reden Soziologen von \u201eDoing Aging\u201c \u2013 so wie man von \u201eDoing Gender\u201c oder \u201eDoing Family\u201c spricht. Die EKD-Orientierungshilfe betont, dass \u00c4lterwerden noch einmal neue Entwicklungs- und Ver\u00e4nderungschancen bereith\u00e4lt<\/strong>. Was liegen geblieben ist, vergessen oder auch verdr\u00e4ngt wurde, kann noch einmal aufgegriffen, angepackt, integriert werden. Ich denke an eine Freundin, die mit Mitte 50 nach Afrika ging. Sie wollte dort ausbauen, was sie fr\u00fcher in Ferieneins\u00e4tzen bei \u00c4rzte ohne Grenzen erlebt hatte. In Ostafrika half sie, ein Krankenhaus nach westlichen Standards aufzubauen, was Labor und Operationstechnik angeht. Zugleich arbeitete sie viel mit den Frauen der Basisgesundheitsdienste zusammen. Und lernte dabei ein ganz anderes Verst\u00e4ndnis von Krankheit und Heilung kennen. Wie Beate Jakob erlebte sie in charismatischen Gemeinden erlebte sie die Kraft der Gebete.<\/p>\n<p><strong>Es ist kein Zufall, dass viele beim Start in die dritte Lebensphase eine Reise unternehmen, ein Buch schreiben oder zu fotografieren beginnen<\/strong>. Das sind M\u00f6glichkeiten, die innere Bewegung im au\u00dfen sichtbar und greifbar zu machen. Produktiv zu werden jenseits der sonst \u00fcblichen Vorstellungen von Produktivit\u00e4t. Jetzt muss ich nicht mehr effizient sein wie im Beruf oder funktionieren wie in der Familie. In der ersten Lebensh\u00e4lfte geht es noch darum, ein Heim und eine Familie aufzubauen, ein sicheres Fundament f\u00fcr das Leben. Dann aber besteht die Herausforderung darin, das alles loszulassen und noch einmal frei zu werden. <strong>Wer jetzt noch einmal neu startet, will eine andere Produktivit\u00e4t entdecken. Ein neues Lebenstempo, eine andere Kultur, eine Kunst vielleicht, die er bisher nicht beherrscht hat.<\/strong> Vielleicht auch sich einsetzen, damit es anderen gut geht. Wesentlich werden &#8211; aber nicht einfach auf den bekannten Kern schrumpfen, sondern einem neuen Samen Raum zum Leben geben.<\/p>\n<p><strong>Dabei geht es in einem existenziellen Sinne um spirituelle Erfahrungen<\/strong>. Lars Tornstam, der in Schweden Untersuchungen zur Spiritualit\u00e4t \u00e4lterer Menschen durchgef\u00fchrt hat, spricht von Ego-Transzendenz oder auch von Gero-Transzendenz. Er meint: Das Alter bietet die Chance, sich selbst zu \u00fcberschreiten. So gesehen, hat es Transzendenz nicht nur mit einem Jenseits au\u00dferhalb unserer Welt zu tun; vielmehr geht es darum, mich grunds\u00e4tzlich offen zu halten f\u00fcr ganz neue M\u00f6glichkeiten &#8211; neue Erfahrungen und Bilder von der Welt, von mir selbst und auch von Gott.<\/p>\n<p><strong>\u201eViel, allzu viel Leben, das auch h\u00e4tte gelebt werden k\u00f6nnen, bleibt vielleicht in den Rumpelkammern verstaubter Erinnerungen liegen, manchmal sind es gl\u00fchende Kohlen unter der Asche<\/strong>\u201c, <strong>hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung geschrieben<\/strong>. Denn das Erreichen eines Ziels, des beruflichen Aufstiegs zum Beispiel, erfolge eben immer auch auf Kosten der Totalit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit: Wir funktionieren, passen uns an, \u00fcbernehmen eine Rolle. Wenn die Kinder erwachsen sind, ein weiterer Aufstieg nicht m\u00f6glich ist, wenn wir gesundheitlich an Grenzen sto\u00dfen, k\u00f6nnen wir den sozialen Panzer ablegen und andere Aspekte der eigenen Person zum Zuge kommen lassen. <strong>Der Philosoph Thomas Rentsch spricht vom Altern als einem \u201eWerden zu sich selbst<\/strong>\u201c. Jetzt, wo die K\u00fcrze des Lebens und seine \u00dcberschaubarkeit sichtbar und erfahrbar werden, gilt es, zu begreifen, dass nun die Chance besteht, das menschlich Wichtige vom vielen Unwichtigen dauerhaft zu unterscheiden. \u201eIch kann als Philosoph nicht unmittelbar an positive theologische Redeweisen ankn\u00fcpfen\u201c, schreibt er, \u201eich sage jedoch: Viel w\u00e4re vom Sinn dieser Reden schon bewahrt, wenn wir das Alter als eine Lebenszeit verstehen, in der die innige Verschr\u00e4nktheit von Endlichkeit und Sinn, Begrenztheit und Erf\u00fcllung erkennbar und einsichtig werden kann.\u201c<\/p>\n<p>In der Zeit meines Abschieds von der EKD hat mich Margarete von Trottas Film \u00fcber Hildegard von Bingen inspiriert. Sie erz\u00e4hlt, wie die bekannte Klostergr\u00fcnderin gegen Ende ihres Lebens eine ungew\u00f6hnliche Entscheidung trifft. Sie verl\u00e4sst das Kloster, in dessen Aufbau sie ihr ganzes Leben investiert hat, verl\u00e4sst den Konvent und ihre Rolle als \u00c4btissin und bricht zu Pferd auf eine Predigt- und Seelsorgereise auf. Allein, nur von wenigen Freunden begleitet. \u201e<strong>Wir sind hier, um das, was uns gegeben wurde, vollst\u00e4ndig und freiwillig zur\u00fcck zu geben\u201c<\/strong>, sagt der Franziskanerpater Richard Rohr \u00fcber die reife Reise des \u00c4lterwerdens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Der Weg nach innen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Leben als Reise, als Pilgerschaft ist f\u00fcr viele heute zu einem spirituellen Bild geworden. Es passt in eine Zeit der Mobilit\u00e4t und Migration und der immer neuen Aufbr\u00fcche in Jobs, Partnerschaft und Familie \u2013 beruflich wie privat. Und es hat zu tun mit der Frage nach dem Wohin<\/strong>, die auch Christine Westermann stellt. Christine Bergmann, die ehemalige Bundesfamilienministerin, ist gerade mit ihrem 20-j\u00e4hrigen Enkel den Jakobsweg gegangen \u2013 ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, nach einer Phase vieler \u00c4mter und Ehren\u00e4mter ging es sicher darum, dem Leben noch einmal neu auf die Spur zu kommen. Und auch die vielen Altersgenossinnen, die jetzt auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind \u2013 oft von Bordseelsorgern und Bordseelsorgerinnen begleitet, wollen nicht nur entspannen, gut essen und den blauen Himmel genie\u00dfen &#8211; es geht zugleich um neue, tiefere Entdeckungen. Bei einem Vortrag zum Thema Spiritualit\u00e4t im Alter erz\u00e4hlte mir ein \u00e4lterer Mann, dass er seine tiefste religi\u00f6se Erfahrung am Berg Athos gemacht hatte \u2013 bei Sonnenuntergang unter M\u00f6nchen und anderen M\u00e4nnern. Sp\u00e4testens seit den Beatles bringen viele in unserer spirituellen Generation Erfahrungen aus Ostasien mit \u2013 auch ich erinnere mich gern an die Stupas, die Windfahnen, die Tempelglocken und goldenen Buddhafiguren in Thailand. Eine Ruhe und Gelassenheit ging davon aus, die ich so bei uns selten gefunden habe. Heute finde ich sie wieder bei meiner Yogalehrerin.<\/p>\n<p>\u201eEs lohnt sich nur der Weg nach innen\u201c, hei\u00dft eines der B\u00fccher von Sam Keen \u00fcber \u201eDas kreative Potenzial der Langeweile\u201c. Keen legt den Finger in die Wunde einer Zeit, in der immer etwas los sein muss, damit man sich sp\u00fcrt. Nur keinen Stillstand aufkommen lassen, nur nicht zur Ruhe kommen. Dabei ist genau das die Voraussetzung, unsere Erfahrungen zu reflektieren und uns zu ver\u00e4ndern. <strong>Nichtstun und Tr\u00e4ume haben, anderen mit Empathie begegnen \u2013 f\u00fcr Sam Keen sind das Haltungen auf dem Weg nach \u201eoben\u201c, zu mehr Gesundheit, Lebendigkeit und Engagement.<\/strong><\/p>\n<p>Darum geht es, wenn Menschen im Alter noch einmal neu beginnen und f\u00fcr andere, aber auch f\u00fcr sich selbst Verantwortung \u00fcbernehmen \u2013 nun aber in einem Sinne, dass sie sich selbst zugleich realisieren und \u00fcberschreiten. <strong>Sie erinnern sich Jakob, den Zweitgeborenen, der seinem Bruder Esau das Erbe abluchste \u2013 und seinem Vater Isaak den Segen<\/strong>. Ein junger Mann, voller Hunger nach Leben, dem jedes Mittel Recht scheint, um zu bekommen, was das Schicksal ihm verweigert: Land und Herden, die dem Erstgeborenen zustehen, eine gro\u00dfe Familie und viele Nachkommen, eben Erfolg und Segen. Der Schwindel fliegt auf und Jakob flieht durch die W\u00fcste zu seinem Onkel Laban. Er wird sich durchk\u00e4mpfen durch die Widrigkeiten der kommenden Jahre und es wird ihm tats\u00e4chlich gelingen, sich nach und nach den Reichtum aufzubauen, von dem er getr\u00e4umt hatte \u2013 und es scheint tats\u00e4chlich, als st\u00fcnde ihm der Himmel offen. Davon erz\u00e4hlt der Traum von der Himmelsleiter, den er auf der Flucht getr\u00e4umt hatte.<\/p>\n<p><strong>Monika Bauer macht in ihrem Arbeitsbuch zur Spiritualit\u00e4t im Alter darauf aufmerksam, dass wir diesem Jakob noch einmal begegnen<\/strong> \u2013 in einer anderen Nacht, gegen Ende seines Lebens. Es ist eine Art Gegengeschichte \u2013 denn Jakob ist auf dem Weg zur\u00fcck, um sich mit Esau zu vers\u00f6hnen. Seine Herden, seine Frauen und Kinder hat er am Ufer gelassen; er ist allein, als er in der Nacht am Fluss Jabbok mit seiner unbekannten Macht ringt. Noch einmal geht es um den Segen \u2013 jetzt aber nicht mehr in diesem \u00e4u\u00dferen Sinne von Erfolg, Land und Besitz, sondern in einem inneren Sinn. Es geht um die eigene Integrit\u00e4t, um das Akzeptiertwerden \u2013 nicht nur von der Familie, sondern letztlich von Gott. Am Ende ist Jakob verletzt \u2013 er hinkt, aber er geht der Sonne entgegen. Und er ist ein anderer geworden oder in einem tieferen Sinne er selbst: Von jetzt an tr\u00e4gt er den Namen Israel. Einen anderen Namen bekommen \u2013 das ist wohl das Symbol einer grundlegend neuen Weichenstellung. Wir kennen das von Konversionen und Ordensgemeinschaften. Oder auch von Cat Stevens, der zum Islam konvertierte, aufh\u00f6rte zu singen und sich dann Yusuf Islam nannte \u2013 und nun, nachdem er beides integriert hat, wieder \u201eMorning has broken\u201c singt.<\/p>\n<p><strong>Der Maler Max Beckmann hat die beiden Gottesbegegnungen Jakobs in einem einzigen Holzschnitt dargestellt \u2013<\/strong> er zeigt Gott mit Jakob auf der Leiter. Wie Jakob sich festh\u00e4lt an dieser Gottesgestalt und doch zu fallen droht in die Tiefe und Dunkelheit des Flusses. Von oben aber, von der Spitze der Leiter, strahlt Licht ins Bild \u2013 die aufgehende Sonne. Es ist, als z\u00f6ge sie den Fallenden nach oben. \u201eIch bin in meinem Leben oft gefallen, sei es in Beziehungen oder im Beruf, emotional oder k\u00f6rperlich, doch immer gab es einen Trampolineffekt, der bewirkte, dass ich letztlich nach oben gefallen bin\u201c, schreibt dazu der Franziskanerpater Richard Rohr.<\/p>\n<p><strong>Jakobs Weg wird beschrieben wie die Schrittfolge in einem Coaching-Prozess;<\/strong> sie ist mir zum Symbol f\u00fcr Wege des Wandels und der Ver\u00e4nderung geworden: Wir werden herausgerufen aus dem Gewohnten. Wir finden Mentorinnen, die uns \u00fcber die Schwelle begleiten. Wir m\u00fcssen Pr\u00fcfungen und K\u00e4mpfe bestehen und haben Erfolge. Und dann kehren wir mit allem, was wir erreicht haben, den R\u00fcckweg an und m\u00fcssen noch einmal eine Schwelle \u00fcberschreiten \u2013 uns auch mit unseren Schatten auseinandersetzen \u2013 und mit unserer tiefsten Sehnsucht. Und dabei wird sp\u00fcrbar: wir sind ein anderer geworden. W\u00e4hrend wir im Au\u00dfen unterwegs waren, sind wir zugleich einen inneren Weg gegangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Alles zu jeder Zeit? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Im 19. Jahrhundert waren die sogenannten Lebenstreppen popul\u00e4r. <\/strong>Wie auf einem Schwippbogen stellten sie den Lebenslauf als auf und ab dar \u2013 meist in zehn Stufen zu je zehn Jahren. Ganz unten an den Seiten standen Kind und Greis, unm\u00fcndig das Kind, hilfebed\u00fcrftig der Greis \u2013 auf dem H\u00f6hepunkt in der Mitte die Menschen in den so genannten besten Jahren zwischen 40 und 50. \u201eVon da an ging\u2018s bergab\u201c, wie Hildegard Knef einmal gesungen hat. Da hie\u00df es, zur\u00fcckzutreten und der neuen Generation Platz zu machen \u2013 in der Firma, auf dem Hof, als Gro\u00dfeltern auf dem \u201eAltenteil\u201c. Die Lebenstreppen sind in den Museen verschwunden, aber in unserem Denken werfen sie noch Schatten. <strong>Trotz aller Rede \u00fcber die Chancen des dritten Lebensalters: auch im beruflichen Kontext ist Altersdiskriminierung ein Thema<\/strong>. Gerade in den letzten Berufsjahren halten viele Arbeitnehmer*innen dem Druck nicht mehr stand \u2013 viele kommen \u00fcber Fr\u00fchverrentung, Krankheit und Reha oder Arbeitslosigkeit in den Ruhestand. Und das liegt nicht nur an dem wachsenden Zeitdruck \u2013 es hat entscheidend damit zu tun, dass die Kompetenzen der \u00c4lteren noch immer nicht anerkannt werden<strong>. CLARA \u2013 Clever und Aktiv in Richtung Alter, hei\u00dft ein Projekt, das Andreas Kruse zusammen mit der Deutschen Bahn aufgesetzt hat. Darin benennt er die St\u00e4rken \u00e4lterer Kolleginnen und Kollegen.<\/strong> Zum Beispiel diese: Sie erkennen den Gesamtzusammenhang von Ursachen und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten schneller als j\u00fcngere und sind deswegen auch schneller bei der Entwicklung von Handlungsstrategien. Auch Urteilsverm\u00f6gen und Verantwortungsbewusstsein nehmen mit dem Alter zu \u2013 genauso wie konzeptionelles Denken, Kooperations- und Teamf\u00e4higkeit. \u00c4ltere sind ge\u00fcbt, ihr Wissen zu teilen, Mitarbeitende zu informieren und zu motivieren. Das gilt \u00fcbrigens nicht nur im Beruf, sondern auch im Ehrenamt \u2013 aber auch da wird die Kompetenz der erfahrenen \u00c4lteren noch nicht hinreichend gesch\u00e4tzt. Dabei k\u00f6nnen sie Modellfunktion f\u00fcr andere \u00fcbernehmen. Das alles sind F\u00e4higkeiten, die man in Leitungspositionen braucht \u2013 die aber auch beim Mentoring oder f\u00fcr Trainer und Trainerinnen wichtig sind.<\/p>\n<p>Genau das ist in unserer Gesellschaft gefragt \u2013 das Life-Coaching zum Beispiel boomt. <strong>Zugleich aber erleben wir die so genannte Juvenalisierung der Gesellschaft: Eltern \u00fcbernehmen Kleidungsstil, Sprache und Sportarten ihrer \u201eKids\u201c. Alles scheint m\u00f6glich in jedem Alter <\/strong>&#8211; in der Kleidung wie im Lebensstil. Inzwischen gibt es nicht nur \u201ejunge V\u00e4ter\u201c im Gro\u00dfvateralter, sondern auch M\u00fctter von Mitte 40, Trennungen und Scheidungen nach der \u201eSilberhochzeit\u201c sind nicht mehr ungew\u00f6hnlich und sp\u00e4te Lebenspartnerschaften fast schon erwartbar. Ein \u201ezu sp\u00e4t\u201c scheint es nicht zu geben, wenn es darum geht, den Lebensruf zu h\u00f6ren, der eigenen Berufung zu folgen.<\/p>\n<p>Solange wir lernen und uns ver\u00e4ndern, bleiben unser Gehirn wie unser Lebensstil plastisch. Noch im Alter k\u00f6nnen wir uns neu erfinden. Dazu geh\u00f6rt aber auch, dass wir Vers\u00e4umtes verabschieden und Verlorenes betrauern \u2013 Kinderlosigkeit oder der Verlust eines Lebenstraums sind eben nicht einfach \u201ereparierbar\u201c. <strong>Auf dem Hintergrund einer spirituellen Psychologie hat James Fowler Anfang der 80er Jahre beschrieben, dass wir auch im Glauben Entwicklungsschritte durchlaufen &#8211;<\/strong> vom intuitiven und mythischen \u201eKinderglauben\u201c \u00fcber die reflektierte Auseinandersetzung mit Religion bis hin zu einer universellen Perspektive, in der wir die blo\u00dfe Identifikation mit den eigenen Traditionen \u00fcberwinden und zu einer umfassenden Liebe, einem \u201egrenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Seins\u201c finden k\u00f6nnen. Und eine Studie katholischer Soziologen zeigt: \u201eDer strenge Vater-Gott der Kindheit macht immer mehr einer Vorstellung von Gott Platz, in welcher der Mensch als Partner ernst genommen wird\u201c (F\u00fcrst u.a. 2003). 60 Prozent der in diesem Rahmen Befragten gaben an, dass sich die Gestalt ihres Glaubens im Lauf des Lebens ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Herzensgebet und Achtsamkeit <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Christentum der Zukunft wird mystisch sein, schrieb Karl Rahner. Und die Kieler Praktische Theologin Sabine Bobert will mit ihren \u00dcbungen einladen, sich ganz und offen auf das Leben, auf Gott einzulassen. Sie sieht das orthodoxe Herzensgebet als eine M\u00f6glichkeit, uns auf das Wesentliche zu zentrieren und Ruhe, Gelassenheit und Frieden zu finden. <\/strong>Es geht dabei nicht um viele Worte, sondern eigentlich nur um eine Gebetsformel wie das 1500 Jahre alte \u201eJesus Christus, erbarme dich meiner\u201c oder das \u201eLiebe umgibt mich\u201c aus der Wolke des Nichtwissens. Diese Form des Gebets und der Meditation hat viel gemeinsam mit der mystischen Versenkung und den Mantren im Buddhismus, der die Generation der 68er Blumenkinder mitgepr\u00e4gt hat. Auch hier geht es um die Konzentration auf den Atemrhythmus, eine Erfahrung von F\u00fchrung aus der Mitte, die gerade im \u00dcbergang in einen neuen Lebensabschnitt sehr wichtig ist.<\/p>\n<p>Ich bin dankbar, dass die christliche Tradition mir einen Deutungsrahmen gibt, in dem ich zu Hause bin, den ich zugleich immer neu f\u00fcllen kann. F\u00fcr die alten Lieder und Chor\u00e4le, die ich gelernt habe. Aber ich freue mich auch daran, religi\u00f6se Traditionen des Judentums und des Islam erlebt zu haben: die Ramadan-Leuchten in den Stra\u00dfen von Kairo oder Beirut, die festlichen Iftar-Essen, die Stille auf den Stra\u00dfen am Gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag in Jerusalem. Und auch die buddhistischen Tempelglocken in Thailand. Das alles hat auch meinen Blick auf das Christentum bereichert \u2013 auf das Fasten und Feiern, auf Ver\u00e4nderung und Vers\u00f6hnung. Ich kann dem Gedanken von Willigis J\u00e4ger viel abgewinnen, der Religion mit einem Glasfenster vergleicht. <strong>\u201eEs bleibt dunkel, wenn es nicht von hinten durch das Licht erhellt wird. Dieses Urlicht ist selbst nicht sichtbar, bekommt aber im Glasfenster der Religion Struktur und wird f\u00fcr jeden Menschen begreifbar. (\u2026) Wir sollten aber \u201enie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<strong>Die mystische Erfahrung der Unio setzt voraus, dass wir von Barrieregef\u00fchlen frei geworden sind\u201c, schreibt sie \u2013 von Gef\u00fchlen wie Hass, Angst, Wut, Neid, L\u00e4hmung und Zweifel. Solche Gef\u00fchle entfremden uns voneinander und von uns selbst; sie schneiden uns von unserer Wesensmitte und von Gott ab<\/strong>. Im Alltagsstress unterdr\u00fccken wir sie oft, schieben sie einfach beiseite \u2013 aber wenn pl\u00f6tzlich Zeit und Raum daf\u00fcr ist, am Beginn der dritten Lebensphase zum Beispiel, k\u00f6nnen die alten Gespenster noch einmal richtig munter werden. \u201eSie wollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen\u201c, schreibt Brigitte Hieronimus in ihrem Buch \u201eMut zum Lebenswandel\u201c, das dabei helfen will, die biographischen Erfahrungen im Alter sinnvoll zu nutzen. Situationen und Menschen, die uns schwierige Erfahrungen in Erinnerung rufen, nennt sie deshalb \u201eEntwicklungshelfer\u201c, \u201eweil sie dazu beitragen, das Blockierte in uns wieder wahrzunehmen.\u201c Und zu vers\u00f6hnen mit alten Widersachern, uns auszus\u00f6hnen auch mit den Ecken und Kanten auch des eigenen Lebens. Pers\u00f6nlich, aber auch politisch. Mit unserem Dasein und mit der Zeit, in der wir gepr\u00e4gt worden sind.<\/p>\n<p><strong>Der Weg bildet sich im Gehen. Das entspricht unserer heutigen Alternserfahrung, die ja gerade nicht so selbstverst\u00e4ndlich auf gepr\u00e4gte Altersbilder zur\u00fcckgreifen kann<\/strong>. Auch wenn ich nicht wei\u00df, woher der Wind demn\u00e4chst weht und wie hoch die Wellen schlagen werden \u2013 ich verlasse mich darauf, dass sie mich am Ende ans Ufer sp\u00fclen ich meine F\u00fc\u00dfe wieder auf Land setzen kann. Surfer empfehlen, sich im schlimmsten Fall den Wellen lieber zu \u00fcberlassen, als dagegen anzuk\u00e4mpfen \u2013 und einfach nur darauf zu achten, dass man gen\u00fcgend Luft bekommt und atmet. Und darauf zu vertrauen, dass das Wasser tr\u00e4gt. Dieses Vertrauen ist eine entscheidende Dimension der Spiritualit\u00e4t. In der Praxis zeigt es sich in der Meditation und im Singen von Chor\u00e4len wie in Gebeten, im Tagebuchschreiben, beim Wandern und auch in der Begleitung anderer. Es geht darum, von Zukunftsangst frei zu werden und im eigenen Hier und Jetzt die Gegenwart der Ewigkeit zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Kirche als Raum f\u00fcr Neues<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWenn wir nicht allein bleiben und nicht nur privatisieren wollen\u201c, schreibt Lisa Frohn in ihrem Twitter-Buch \u201eRan ans Alter\u201c, <strong>dann brauchen wir R\u00e4ume, wo wir hingehen k\u00f6nnen. Um andere zu treffen. Um uns auszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als gesellschaftliche Wesen zu erleben.\u201c<\/strong> \u201eNehmen wir mal an, einige interessieren sich f\u00fcr ein gemeinsames Wohnprojekt. Andere f\u00fcr ein Kulturzentrum, einen Club. Nehmen wir mal an, Sie sind sich einige, dass Sie das, was Sie wollen, selbst gr\u00fcnden m\u00fcssen. K\u00f6nnte da nicht Freude aufkommen? Ja, Begeisterung?\u201c Kann die Kirche dieser Begeisterung Raum bieten? Wird sie die Freiheit geben, unterschiedliche Wege und Formen der Selbstorganisation und auch der Spiritualit\u00e4t ausprobieren?<\/p>\n<p><strong>Bei der Kommunalwahl im letzten Jahr wurde mir klar, dass die allgemeine gesellschaftliche Debatte um Nahverkehr, Schwimmb\u00e4der und \u00c4rzte im l\u00e4ndlichen Raum, um Energieversorgung und Abfallwirtschaft gerade hier entschieden wird \u2013 von Menschen in meiner Nachbarschaft. Und dass viele von denen, die sich engagieren, Freiberufler, Hausfrauen und Migranten sind \u2013 oder eben Menschen \u00fcber 60. <\/strong>Die jungen Alten verf\u00fcgen nicht nur st\u00e4rker als andere \u00fcber ihre Zeit, sie bringen vielf\u00e4ltige Kompetenzen aus Beruf und Familie mit und nicht zuletzt sind sie oft Kennerinnen und Kenner des Quartiers. Gerade die Nachkriegskinder engagieren sich, um die Eckpfeiler des nachbarschaftlichen Lebens aufrechtzuerhalten, etwa Dorfl\u00e4den, Nachbarschaftscaf\u00e9s oder B\u00fcrgerbusse &#8211; ganz so, wie sie es 68 einge\u00fcbt haben. Dabei hat das Thema \u201eWohnen\u201c besonderes Gewicht bekommen \u2013 von den Seniorenwohngemeinschaften bis zu den Mehrgenerationenh\u00e4usern. Denn etwa 40 Prozent der \u00c4lteren wohnen allein, bezahlbarer Wohnraum wird knapp, und Familie und enge Freunde wohnen oft weit weg. Jetzt wohnen junge Studierende g\u00fcnstig bei \u00e4lteren, kaufen im Gegenzug ein daf\u00fcr einkaufen oder pflegen den Garten. Im letzten FWS wurde zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt. Es ging also nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege \u2013 auch wenn der \u00dcbergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung \u2013 und die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Sie nehmen die Angst vor dem Alter und vor der Einsamkeit.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten Kirchengemeinden Caring Communities werden? Es gibt gute Beispiele wie die \u201eInklusive Solidarische Gemeinde in Reute\u201c mit ganz unterschiedlichen Angeboten und \u00fcber 80 Ehrenamtlichen aus allen Generationen. Ein B\u00fcrgerverein mit \u00fcber 500 Mitgliedern unter dem Dach der katholischen Gemeinde, der vom Fahrdienst bis zum Besuchsdienst oder zu Oma-Opa-Enkel-Wanderungen immer neues organisiert &#8211; getragen von Beitr\u00e4gen und Drittmitteln. <strong>In den Nachbarschaften zeigen sich aber auch die Grenzen des Informellen. Die Sorgenden Gemeinschaften brauchen Sorgestrukturen.<\/strong> Die EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c, formuliert, es gehe um \u201edie Re-Sozialisierung und Revitalisierung von Kirchengemeinden, damit sie eben nicht erst auf soziale Notlagen reagieren, sondern aktiv daran mitarbeitet, funktionierende Sozialr\u00e4ume zu gestalten und Notlagen pr\u00e4ventiv zu verhindern.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich organisieren sich Freiwillige \u00fcber 65 noch immer besonders stark in Kirche und Religion. <strong>Die Rolle der \u201e\u00c4ltesten\u201c, die in der Kirche eine lange Tradition hat, kehrt wieder in den vielen Mentorenaufgaben, die in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden<\/strong>. Die Leihomas und Lesepaten geh\u00f6ren dazu. Die Pflegebegleiter, die in Abstimmung mit einer Sozialstation f\u00fcr hauswirtschaftliche und nachbarschaftliche Dienste sorgen. Oder die Jobpaten, die schwer vermittelbaren Jugendlichen durch die Ausbildung bis in ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis begleiten. <strong>Und neben denen, die sich im sozialen Ehrenamt engagieren, stehen die kulturell Interessierten: die Kirchenkuratoren, aber auch Friedhofspaten oder Stifterinnen und Stifter aus den etablierten Milieus<\/strong>. Auf ganz unterschiedliche Weise kn\u00fcpfen sie die losen F\u00e4den zwischen den Generationen wieder neu &#8211; ganz unmittelbar im sozialen Ehrenamt oder auch mittelbar mit ihrem Einsatz f\u00fcr Kultur und Geschichte vor Ort. <strong>\u201eIch f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich\u201c schreibt Margret Schunk aus W\u00fcrttemberg. \u201eWeil wir uns vorgenommen haben, etwas gemeinsam zu tun, was uns allen n\u00fctzt, was uns allen hilft.\u201c<\/strong> Eine Gemeinschaft, ein Netzwerk soll entstehen und wachsen k\u00f6nnen, das uns allen etwas bringt<\/p>\n<p><strong>\u201eExistenziell-religi\u00f6se Kommunikation, das Gespr\u00e4ch \u00fcber den Sinn des Lebens, gilt inzwischen als pers\u00f6nliches, intim empfundenes Thema, das in erster Linie mit dem Partner\/der Partnerin besprochen wird, dann auch mit Freunden\/Freundinnen und schlie\u00dflich mit der Familie<\/strong>\u201c, stellt die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung fest. \u201eDabei zeigt sich, dass es \u201e\u00fcber die Generationen hinweg zu einer kontinuierlichen Abnahme sowohl der Verbundenheit mit der Kirche als auch der Religiosit\u00e4t kommt. Je j\u00fcnger die Befragten sind, umso seltener geben sie an, religi\u00f6s erzogen worden zu sein. Von den Evangelischen ab 60 Jahren wurden nach eigene Angaben etwa 83% religi\u00f6s erzogen, von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren sagen das nur noch 55%.\u201c In manchen Gemeinden gibt es inzwischen Konfirmandenarbeit mit Goldkonfirmanden &#8211; und ich w\u00fcnsche mir viel mehr Gelegenheiten, bei denen sich die Generationen auch \u00fcber ihre Glaubenserfahrungen austauschen. Auf einer lebendigen Suche nach dem lebendigen Gott \u2013 Zweifel eingeschlossen. Die Sinus-Studie f\u00fcr Baden und W\u00fcrttemberg, die die unterschiedlichen Milieus analysiert zeigt: sowohl das Hedonistische als auch das prek\u00e4re Milieu der Kirche stehen der Kirche kritisch gegen\u00fcber. Die einen w\u00fcrden gerne mit leben in Kirche, aber ihnen fehlen vielfach die Ressourcen. Die anderen sehen in Kirche den Inbegriff von Konvention und B\u00fcrgerlichkeit und lehnen sie deshalb als \u201eSpa\u00dfbremse\u201c ab. Und f\u00fcr die Pragmatischen ist Kirche schlicht nicht relevant f\u00fcr die eigenen Lebenszusammenh\u00e4nge. Es w\u00e4re also neu zu entdecken, was Spiritualit\u00e4t oder Gotteskommunikation mit Engagement zu tun hat. Immerhin zeigt die KMU 5: 22 Prozent derer, die sich engagieren, reden mit anderen \u00fcber ihren Glauben \u2013 bei den Nichtengagierten sind es nur 10 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Im Vergleich der beiden Studien h\u00e4lt Heinz-Peter Hempelmann fest, dass der Zusammenhang zwischen Verbundenheit mit der Kirche, Glaube und Engagement sehr unterschiedlich aussehen kann. <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Es gibt eine hohe Verbundenheit mit der Kirche ohne aktive Praxis &#8211; wie es schon beim Typus des traditionellen Kirchg\u00e4ngers der Fall ist.<\/li>\n<li>Es gibt hohe Verbundenheit mit christlichem Glauben und eine entsprechende ehrenamtliche Praxis, verbunden mit einer deutlichen Distanz zur verfassten Kirche.<\/li>\n<li>Und es gibt intensive religi\u00f6se Praxis ohne Engagement im Raum der verfassten Kirche. <strong>Der Mitgliedschaftstypus des spirituell Suchenden, v.a. im expeditiven Milieu beheimatet, sei weder an der Institution Kirche als solcher interessiert, noch an ehrenamtlichem Engagement, er sei aber sehr offen f\u00fcr alles, was Kirche im weitesten Sinne hier zu bieten hat.<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Offenheit ist gefragt, und Neugier. Nicht nur von Seiten der \u00c4lteren, sondern vor allem von Seiten der Kirche. Neugier auf neue Formen von Gemeinde, Spiritualit\u00e4t und Gemeinschaft \u2013 in Vesperkirchen und Filmgottesdiensten, auf spirituellen Reisen oder bei Konzerten in einer n\u00e4chtlichen Kirche, beim Surfen oder Wandern oder bei einem Fest der Generationen. Es gibt so viele M\u00f6glichkeiten und das beste ist: Wir k\u00f6nnen sie gemeinsam gestalten.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Frankfurt 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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