{"id":3919,"date":"2018-07-05T20:45:18","date_gmt":"2018-07-05T18:45:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3919"},"modified":"2019-01-21T13:19:39","modified_gmt":"2019-01-21T12:19:39","slug":"gemeinwesendiakonie-als-kulturelle-soziale-und-spirituelle-herausforderung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3919","title":{"rendered":"Gemeinwesendiakonie als kulturelle, soziale und spirituelle Herausforderung"},"content":{"rendered":"<p><strong>1.\u201eWo das Herz wohnt\u201c: Kirche als kulturelle Heimat <\/strong><\/p>\n<p>\u201eHeimat\u201c ist das neue Trendgef\u00fchl. Im Bund und in vielen L\u00e4ndern werden die Innenministerien zu \u201eHeimatministerien\u201c. Kaum ein anderer Begriff hat so viel Imagewechsel und Definitionen erlebt, sagt Dr. Simone Egger, die diese Sehnsuchtslandschaft erforscht hat. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Industrialisierung und ersten Globalisierung, entstand die romantische Sehnsuchtsheimat mit Bildern von Caspar David Friedrich und den Hausm\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm. Dass Heimat dann in den 60ern und 70ern als piefig galt \u2013 bis die Geschichte von Schabbach eine andere Hunsr\u00fcckstory erz\u00e4hlte \u2013, das hing mit der politischen Instrumentalisierung im Dritten Reich zusammen. Jetzt aber ist Heimat im Trend, mit Lederhosen, lokalen Brauereien, Kaffeer\u00f6stereien und Landzeitschriften. Je mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto wichtiger wird Heimat. Identit\u00e4t. <em>Vital<\/em> empfiehlt eine kleine Silberkette, auf der man die Koordinaten der Heimatstadt eingravieren lassen kann \u2013 die Heimat im Herzen tragen. Die heimatliche Silhouette ist ohnehin tief in die Seele eingraviert: die Frankfurter City mit ihren Hochh\u00e4usern, die M\u00fcnchner Frauenkirche, das Brandenburger Tor, der Hamburger Michel \u2013 nicht zuf\u00e4llig sind es h\u00e4ufig die Kirchen und Dome, die das Heimatgef\u00fchl st\u00e4rken \u2013 auch f\u00fcr die, die die Kirche selbst kaum noch besuchen.<\/p>\n<p>25 Jahre ist es nun her, da standen wir im Osten Londons vor einer verrammelten Kirche. Eine Gruppe rheinischer Theologinnen und Theologen auf der Suche nach \u201efresh impressions\u201c f\u00fcr die Gemeinden der Zukunft. Was damals in der Church of England f\u00fcr Aufregung sorgte, ist inzwischen bei uns angekommen: Kirchen werden geschlossen, aufgegeben und verkauft. Oder sie werden umgewidmet &#8211; zu Synagogen oder Moscheen, zu Restaurants und Nachbarschaftszentren. Ich musste an unsere Englandreise denken, als ich k\u00fcrzlich in Bielefeld im Restaurant \u201eGl\u00fcck und Seligkeit\u201c ein Chutney genoss &#8211; der bunte Lichteinfall unter der hohen Decke schm\u00fcckte den Tisch &#8211; \u201eGl\u00fcck und Seligkeit\u201c ist eine alte Kirche.<\/p>\n<p>Die Kirche in London stand im Osten, mitten in einem globalisierten Viertel mit Menschen aller Hautfarben und Religionen, in dem die Armut offensichtlich gro\u00df war. Kein Wunder, dass der Bischof der Meinung war, sie werde nicht mehr gebraucht und sei auch nicht mehr zu finanzieren. Aber die Menschen, die wir dort trafen, waren ganz anderer Auffassung. Sie hatten eine B\u00fcrgerinitiative gegr\u00fcndet, um die Kirche zu erhalten. Dabei lebten viele von ihnen l\u00e4ngst anderswo &#8211; hier aber waren sie getauft und getraut worden waren, hier hatten auch ihre Kinder den Segen bekommen. Hier waren sie wer &#8211; und geh\u00f6rten dazu. So etwas gibt man nicht einfach auf. Das bewegt auch die Kirchenkuratoren und Kirchenkuratorinnen, die daf\u00fcr sorgen, dass Dorfkirchen in Brandenburg oder in Mitteldeutschland saniert werden \u2013 die Orgelpaten suchen, Veranstaltungen planen, die Kirchen offenhalten, auch wenn sie selbst gar nicht Mitglied sind oder l\u00e4ngst anderswo wohnen.<\/p>\n<p>Kirche ist Teil der kulturellen Identit\u00e4t. In Zeiten der Verunsicherung richten sich nicht nur Hoffnungen, sondern auch Wut und Verzweiflung darauf. Wir sp\u00fcren das nicht nur, wo die Kirchen Sparprogramme auflegen, Kirchenkreise fusionieren und Kirchengeb\u00e4ude aufgeben, verkaufen oder umwidmen. Mir fallen auch die vielen w\u00fctenden Briefe ein, die ich ebenfalls vor zwanzig Jahren im rheinischen Landeskirchenamt erhielt, als in Duisburg der Streit um den Emissionsschutz beim lautsprecherverst\u00e4rkten Gebetsruf auf den Moscheen losbrach. Kirchenglocken ja \u2013 Muezzinrufe nein. Der Transformationsprozess, den wir gerade erleben, fordert die Gemeinden heraus \u2013 im Umgang mit ihren Geb\u00e4uden, in den Nachbarschaften und Quartieren, bei der Suche nach Zugeh\u00f6rigkeit und in den Kulturk\u00e4mpfen unserer Tage.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen T\u00fcren gerade f\u00fcr die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen. Mein Haus w\u00fcnsche ich mir nicht als eine f\u00fcr andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen T\u00fcren. Heimat, die wir nur f\u00fcr uns selbst besitzen, macht uns eng und muffig\u201c, hei\u00dft es bei Dorothee S\u00f6lle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. In der Transformation: Kirche als Herberge <\/strong><\/p>\n<p>Dass Familien, m\u00f6glicherweise sogar mit mehreren Generationen, an einem Ort wohnen, ist l\u00e4ngst keine Normalit\u00e4t mehr. Mobile junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger Beweglichen. V\u00e4ter pendeln in die St\u00e4dte \u2013 die Familien leben in der Region, wo die Mieten bezahlbar sind. Und jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren pendelt, weil die Karriere es verlangt. Inzwischen leben 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung allein. Die meisten genie\u00dfen ihre Freiheit; sie entspricht den Werten unserer mobilen, individualistischen Gesellschaft. Zugleich aber verlieren Menschen, die h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln, die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Das Zerbrechen der hergebrachten sozialen Bez\u00fcge ist nicht nur eine emotionale Herausforderung. Familien mit kleinen Kindern, aber auch alte oder kranke Menschen \u2013 deren Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung w\u00e4chst \u2013 geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags oft enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen oder engen Freunden zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich haben laut Alterssurvey nur noch ein Viertel der \u00c4lteren erwachsene Kinder am gleichen Ort.<\/p>\n<p>Aber auch f\u00fcr die, die ihre Heimat nicht verlassen, ver\u00e4ndert sich die Welt. Fremde ziehen zu \u2013 als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge. Gesch\u00e4fte verschwinden, in der Kneipe wechselt die Speisekarte, Nachbarn sprechen eine andere Sprache. Manche, wie die Einwanderer der 60er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, geh\u00f6ren mit ihren Familien seit Generationen dazu; und dennoch hat sich noch nicht \u00fcberall ein echtes Miteinander entwickelt. So kann die alte Heimat fremd werden &#8211; und damit das \u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause f\u00fchlen. W\u00e4hrend Post und Sparkassen sich zur\u00fcckziehen, finden wir noch \u00fcberall Kirchen und Gemeindeh\u00e4user. Manchmal stehen sie halbleer \u2013 und die Nachbarn, die beobachten, wie Schulen und Krankenh\u00e4user geschlossen oder Nahverkehrsstrecken stillgelegt werden, fragen sich, was daraus wird.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an eine Kirche in der Innenstadt von St Louis in den USA. Sie hatte eine Weile leer gestanden \u2013 das Viertel war heruntergekommen und wer es sich leisten konnte, war an den Stadtrand gezogen. Aber anders als den Bischof von London war dieser amerikanischen Gemeinde nicht egal, was mit ihrer Kirche passierte \u2013 und wie es den Leuten in ihrem alten Quartier ging. Sie \u00f6ffneten die Kirche f\u00fcr die neuen Nachbarn, meist Latinos und Farbige. Nun gab es Kinderbetreuung und Selbstverteidigungskurse, Drogenberatung und einen Mittagstisch \u2013 und immer noch Gottesdienste f\u00fcr alle, mit allen. Und die Gemeinde wuchs. Bei uns geh\u00f6ren auch in benachteiligten Quartieren noch viele zur Kirche. Sie haben ihre Kinder in der Tageseinrichtung, vielleicht kommen sie zur Familienberatungsstelle oder ein Pflegedienst kommt ins Haus \u2013 und trotzdem haben sie das Gef\u00fchl, nicht dazu zu geh\u00f6ren. Wenn sie am Heiligen Abend in die Kirche kommen, f\u00fchlen sie sich ein bisschen wie G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Immerhin &#8211; gute Gastfreundschaft w\u00e4re schon was wert, denke ich: ein erster Schritt, um wieder Heimat zu finden. Friedrich von Bodelschwingh hat es auf den Punkt gebracht: \u201eDas ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.\u201c In den Anf\u00e4ngen der neuzeitlichen Diakonie verstanden sich Herbergen f\u00fcr Fremde oder Obdachlose als Orte der Gastfreundschaft, wo Menschen auf ihrem Lebensweg Station machen und auftanken konnten. Heute k\u00f6nnen auch Kirchengemeinden wie Karawansereien sein, eine Oase in den W\u00fcsten des mobilen Alltags. Wo Menschen ihre Geschichten teilen, wo sie sp\u00fcren, dass sie gemeinsame Probleme haben und sich f\u00fcreinander einsetzen, da k\u00f6nnen sie einander ein St\u00fcck Heimat geben. Gemeinde als Herberge. Der holl\u00e4ndische Theologe Jan Hendriks hat dieses Modell in den 1980er Jahren entwickelt. Die offenen Stadtkirchen und Vesperkirchen, die Diakoniel\u00e4den in den Quartieren wollen genau das sein: Herbergen am Weg. Hier wachsen Verbundenheit und Zugeh\u00f6rigkeit \u00fcber Begegnungen, Beziehungen und Engagement.<\/p>\n<p>F\u00fcr Friederike Weltzien wird das in der Gemeindek\u00fcche sp\u00fcrbar. Sie ist Pfarrerin in Stuttgart, hat lange im Libanon gelebt und spricht arabisch. Als im Herbst 2015 die Turnhalle mit hundert Fl\u00fcchtlingen belegt wurde, da \u00f6ffnete die Gemeinde die T\u00fcren. \u201eUnd es stellte sich heraus, dass das gr\u00f6\u00dfte Bed\u00fcrfnis der Menschen war, selber Essen zu kochen, etwas, was sie kennen und was ihnen schmeckt.\u201c, erz\u00e4hlt Friederike Weltzien. \u201eAlso wurde jeden Dienstag f\u00fcr achtzig bis neunzig Leute gekocht. Die Hilfsbereitschaft war gro\u00df, Gelder mussten gesammelt werden, die Lebensmittel eingekauft und die Tische gedeckt und dann auch wieder alles abger\u00e4umt, gesp\u00fclt und ges\u00e4ubert werden. In der K\u00fcche trafen die Kulturen aufeinander. Dinge ver\u00e4nderten sich, zun\u00e4chst gab es viel Aufregung in der Gemeinde und auch Sorgen und \u00c4ngste. Inzwischen wird regelm\u00e4\u00dfig syrisch gekocht und im Ramadan finden gemeinsame Iftar-Feiern statt. Und auf einmal werden religi\u00f6se Themen ganz zwanglos miteinander diskutiert und besprochen und erlebt. \u201eF\u00fcr mich ist die Gemeindek\u00fcche ein spiritueller Ort\u201c, sagt Friederike Weltzien.<\/p>\n<p>Auch in anderen Gemeinden ist die K\u00fcche zum heimlichen Zentrum geworden. Meine Nachbargemeinde geh\u00f6rt zu den vielen, wo alleinstehende Rentnerinnen zweimal die Woche einen gemeinsamen Mittagstisch haben. Auch da wird reihum gekocht. Und zwischendurch trifft man einander beim Einkaufen, hilft sich auch mal im Alltag, ruft sich an. Leider sind unsere K\u00fcchen eher auf Service ausgerichtet und nicht so ausgestattet, dass viele darin arbeiten k\u00f6nnen \u2013 und nicht \u00fcberall haben solche Gruppen einen Schl\u00fcssel zum Gemeindehaus. Das w\u00e4re allerdings eine gute Voraussetzung, um nicht mehr nur G\u00e4ste zu sein. Ganz wie der Apostel Paulus sagt: \u201cIhr seid nun nicht mehr G\u00e4ste und Fremde, sondern Mitb\u00fcrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. \u00dcberforderte Kommunen, chancenreiche Quartiere?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eKleine Leute in der gro\u00dfen Stadt\u201c hie\u00df eine Aktion des Londoner K\u00fcnstlers Slimcachu. Er hatte \u00fcberall in der City kleine Figuren platziert &#8211; nicht gr\u00f6\u00dfer als Playmobil-Figuren. Da rudert einer in einer Pf\u00fctze, als m\u00fcsse er einer \u00dcberschwemmung entkommen. Und ein anderer wird gerade mit einer Sicherheitsnadel bedroht. Die meisten \u00fcbersehen diese Alltagsdramen zu ihren F\u00fc\u00dfen \u2013 genau darum ging es. Hinsehen ist also der erste Schritt.<\/p>\n<p>Zum Beispiel beim Thema Armut. Zwar weist die Arbeitslosenstatistik zurzeit einen guten Stand bei der sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung aus, aber sozialversicherungspflichtige Arbeitspl\u00e4tze sind vielfach nicht mehr existenzsichernd \u2013 zumal, wenn davon nicht nur ein Einzelner, sondern eine Familie ern\u00e4hrt werden soll, wie bei der wachsenden Gruppe Alleinerziehender. Armut aber bedeutet nicht nur fehlende materielle Absicherung, sondern vielfach auch Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe. Darum ging es auch Sandra Schlensog, die Jens Spahn aufforderte, doch einmal wie sie selbst eine Weile von Hartz IV zu leben \u2013 und sei es nur f\u00fcr vier Wochen. F\u00fcr ihren Vorschlag bekam sie 21.000 Unterschriften im Netz &#8211; sie wurde wahrgenommen. Jens Spahn allerdings sah genau darin einen Hinweis, dass SGB-II-Empf\u00e4nger sehr wohl in der Lage seien, ihre eigene Teilhabe zu organisieren.<\/p>\n<p>Aber Sandra Schlensog zog Kraft aus der Tatsache, dass sie f\u00fcr Millionen anderer sprach. \u201eWir reden von Millionen von Ausgeschlossenen, die einen Keil durch unsere Gesellschaft treiben<strong>\u201c, <\/strong>schreibt Heinz Bude. \u201eKinder, die in Verh\u00e4ltnissen aufwachsen, wo es f\u00fcr keinen Zoobesuch, Musikunterricht oder f\u00fcr Fu\u00dfballschuhe reicht, junge Leute, die sich mit Gelegenheitsjobs zufriedengeben m\u00fcssen, Minijobber und Hartz-IV-Empf\u00e4nger, denen es kaum zum Leben reicht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die \u00dcberzeugung gewonnen haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dass sie nicht gesehen werden. Es g\u00e4be inzwischen eine Art \u201eheimatlosen Antikapitalismus\u201c der zum Treiber der rechtspopulistischen Bewegungen werde. Dahinter steht die diffuse Erfahrung, dass die M\u00e4rkte nicht nur den Wettbewerb um Produkte, Dienstleistungen, Arbeitspl\u00e4tze antreiben, sondern inzwischen auch auf Lebensbereiche \u00fcbergreifen, die bislang \u00f6ffentlich und solidarisch organisiert waren. Es geht um \u00f6ffentliche G\u00fcter. Wo Theater und Schwimmb\u00e4der geschlossen und Brunnen abgestellt werden, verschwinden gerade jene Orte, die Raum gaben f\u00fcr ein Miteinander der Menschen in der \u00d6ffentlichkeit. Es geht um \u00f6ffentliche G\u00fcter.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit hat Bertelsmann eine Karte der boomenden und schrumpfenden Regionen heraus gegeben \u2013 sie zeigt das wachsende Gef\u00e4lle, das inzwischen nicht nur zwischen gesellschaftlichen Gruppen, sondern auch zwischen Bundesl\u00e4ndern und Regionen zu erkennen ist. Sie stehen im Wettbewerb um Wirtschaftskraft und Steuereinnahmen und werden entsprechend unternehmerisch gef\u00fchrt. Die Orientierung an wettbewerblichen Strukturen der Wirtschaft l\u00e4sst das Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrgern und Kommunen nicht unber\u00fchrt. Die soziale Arbeit verliert an Stabilit\u00e4t und Stetigkeit, weil die soziale Arbeit durch regelm\u00e4\u00dfige Projektvergabe an den g\u00fcnstigsten Anbieter immer nur auf Zeit gegeben ist. Und auch wer einen neuen Personalausweis beantragt, ist jetzt Kunde. Was nach Service und Zuvorkommenheit klingt, verr\u00e4t m\u00f6glicherweise, dass die Angesprochenen nicht mehr als politische Subjekte wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Gleichzeitig allerdings entwickelt sich der Wunsch nach B\u00fcrgerbeteiligung. Beteiligung ist eine der Voraussetzung f\u00fcr Beheimatung. So entstehen B\u00fcrgerkommunen, runde Tische werden gebildet und das Quartier hat Konjunktur. Damit verbindet sich die Hoffnung auf eine neue Kooperation zwischen dem ausblutenden \u00f6ffentlichen und dem privaten Bereich, zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Tr\u00e4gern sozialer Dienste. Daf\u00fcr braucht es Netzwerke und runde Tische, R\u00e4ume der Begegnung und Beratungsdienste; vor allem aber ein neues Denken. In unserer individualisierten Gesellschaft mit all ihren funktionalen Diensten geht es darum, ganzheitlich, vernetzt und feldorientiert zu arbeiten. Dabei l\u00e4sst sich an den Netzwerken der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ankn\u00fcpfen \u2013 den Begegnungen in Schulen und Wartezimmern, beim Einkaufen oder im Sportverein, in Kitas und Konfirmandenarbeit.<\/p>\n<p>Kirche und Diakonie k\u00f6nnen entscheidend dazu beitragen. Manchmal m\u00fcssen wir uns selbst in Erinnerung rufen, welches Sozialkapital Gemeinden mitbringen \u2013 an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Schlie\u00dflich wohnen die Kirchenvorstandsmitglieder in der Nachbarschaft \u2013 das ist anders als in St. Louis, und manche arbeiten sogar noch in der N\u00e4he. Und auch in den Elternr\u00e4ten der Schulen, in den Vorst\u00e4nden der Vereine sitzen Kirchenmitglieder. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen. Die kirchlichen R\u00e4ume und Grundst\u00fccke sind dabei eine wesentliche Ressource: Gemeindeh\u00e4user k\u00f6nnen zu Stadtteilzentren werden, in denen runde Tische, interkulturelle Dialoge oder politische Debatten genauso Platz haben wie Beratungsangebote oder Freiwilligenmanagement. Sie k\u00f6nnen Raum geben f\u00fcr Initiativen oder spontane Hilfe, wie wir es in der so genannten Fl\u00fcchtlingskrise erlebt haben. In den EKD-Denkschriften und -Orientierungshilfen der letzten Jahre \u2013 von \u201eGerechte Teilhabe\u201c bis zu \u201eEs ist normal, verschieden zu sein\u201c, ging es immer wieder um die Frage, wie es gelingen kann, die Schranken zu \u00f6ffnen, die dazu gef\u00fchrt haben, dass der Horizont von Kirchengemeinden immer enger wurde. Es dominiert ein Mittelschichtsmilieu, das sich im Bildungsniveau, Lebensstil und im ganzen Verhalten deutlich gegen andere abgrenzt.<\/p>\n<p>Die Antworten, die gesucht werden, sind nicht immer geeignet, Gemeinschaft und damit vielleicht auch Heimat zu stiften. In einem Aufsatz \u00fcber Milieus und Kirchenreform hat Franz Grubauer beklagt, dass die Analyse von Gemeindegruppen anhand der Sinus-Milieustudien dazu verf\u00fchrt, zielgruppengerechte Angebote zu schaffen, als sei auch die Kirche ein Unternehmen oder ein Club. Er schreibt: \u201eDie Logik des Marktes beteiligt sich beabsichtigt oder unbeabsichtigt an der kulturellen und \u00e4sthetischen und schlie\u00dflich sozialen Ausdifferenzierung und damit auch an der sich versch\u00e4rfenden Spaltung der Gesellschaft. Die Milieuforschung selbst beschreibt ja diese Spaltung [&#8230;].\u201c Angesichts \u201ewachsende[r] Wohlstandspolarisierung, prek\u00e4re[r] Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, Erosion der klassischen Familienverh\u00e4ltnisse und biographische[r] Br\u00fcche\u201c sei das aber die falsche Strategie: \u201eDie theologische Orientierung der Kirche (dagegen) lautet: Zusammenhalt und Integration f\u00f6rdern, Grenzen und Schranken durch die Botschaft \u00fcberwinden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Caring Communities \u2013 Zugeh\u00f6rigkeit gestalten <\/strong><\/p>\n<p>Die diakonischen Aufbr\u00fcche im 19. Jahrhundert gingen vom Quartier aus und f\u00fchrten ins Quartier zur\u00fcck \u2013 mit Wicherns Utopie eines neuen Wohnquartiers in Hamburg-St. Georg genauso wie mit Fliedners Gemeindeschwestern. Dann aber f\u00fchrt die Entwicklung des Sozialstaats \u00fcber die Anstaltsdiakonie zur fallbezogenen Dienstleistung. Damit verbunden war ein Blick auf die Defizite, der zwischen Hilfebed\u00fcrftigen und Helfern unterschied und zur Exklusion f\u00fchrte. Bis heute spiegelt sich die Trennung von Kirche und Diakonie in der Trennung der Klientel \u2013 auch dann, wenn alle Betroffenen Kirchenmitglieder sind. Die Klienten diakonischer Dienstleistungen fehlen meist in der Gruppengemeinde vor Ort \u2013das gilt f\u00fcr Hartz-4-Empf\u00e4nger genauso wie f\u00fcr Alleinerziehende oder f\u00fcr Menschen mit Behinderung. \u201eDie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu bleiben\u201c, sagte k\u00fcrzlich Prof. Eckart Hammer aus dem Beirat des Projekts \u201eAlter neu gestalten\u201c in W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>Mit dem Anspruch \u201eIch will leben und sterben, wo ich dazu geh\u00f6re\u201c, hat Klaus D\u00f6rner seit den 70er Jahren gegen diese Exklusion gek\u00e4mpft. Und damit einen Aufbruch ansto\u00dfen, der den Quartiersinitiativen des 19. Jahrhunderts gleicht. Inzwischen haben sich die Einrichtungen der Behindertenhilfe mehr und mehr ambulantisiert und auch die Altenhilfe und Pflege differenzieren sich aus \u2013 von der station\u00e4ren Einrichtung \u00fcber die Kurzzeit- und Tagespflege bis zum Pflege- und Hauswirtschaftsdienst mit Demenznetzwerk. Heute bringen Angeh\u00f6rige, Nachbarn, Ehrenamtliche und auch die jungen Alten ihre Perspektiven auf gelingendes und selbstbestimmtes Altern ein und ver\u00e4ndern die Hilfesysteme. So entstanden die Mehrgenerationenh\u00e4user und Demenz-Wohngemeinschaften und auch die Sorgenden Gemeinschaften im Quartier. Das ist das gro\u00dfe Thema des 7. Altenberichts. Zwischen Quartierscaf\u00e9s, Pflegestationen und Kirchengemeinden entwickelt sich der Dritte Sozialraum \u2013 nicht an Defiziten orientiert, sondern an Lebensbereichen wie Wohnen, Gesundheit oder Bildung.<\/p>\n<p>Es hat gedauert, bis die Kirchengemeinden auf das Konzept vom dritten Sozialraum und D\u00f6rners neue Wertsch\u00e4tzung reagiert haben. Meine Vermutung ist: Die Kirche hatte die hilfe- und pflegebed\u00fcrftigen \u00c4lteren an die Diakonie delegiert \u2013 nicht nur aus Gr\u00fcnden der Professionalit\u00e4t, sondern auch aus Refinanzierungsgr\u00fcnden \u2013 und sie damit oft exkludiert. Und mit ihnen die pflegenden Angeh\u00f6rigen. Die auf eigenes Einkommen und Karriere verzichten. Sie verschwinden einfach aus dem Kollegen- und Freundeskreis, haben keine Zeit und kein Geld mehr f\u00fcr Einkaufsbummel und Geburtstagsbesuch und werden vergessen. Auch von den Gemeinden.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass sich noch immer Menschen nach der alten Gemeindeschwester zur\u00fccksehnen. Pflege ist heute Teil des Gesundheitssystems \u2013 abh\u00e4ngig nicht nur von den fachlichen, sondern auch von den \u00f6konomischen Standards, die dort gesetzt werden. Auf der R\u00fcckseite dieser Entwicklung traten diejenigen Aspekte der Gemeindeschwesternarbeit, die eher Sozialarbeit waren oder auch Beratungscharakter oder Seelsorgecharakter hatten, in den Hintergrund. Wenn wir heute von Quartierspflege reden, geht es darum, diesen Teil der alten Rolle in neuen Netzwerken wieder zu gewinnen. Die R\u00fcckbindung der Gemeindeschwester ans Mutterhaus kann ein Vorbild sein f\u00fcr den Br\u00fcckenschlag zwischen Gemeinden und diakonischen Dienstleistern. Wenn in und mit Kirchengemeinden Caring Communities entstehen sollen, dann brauchen sie Sorgestrukturen: Ehrenamtliche brauchen Hauptamtliche, auf die sie sich st\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gemeinwesendiakonie zielt auf den dritten Sozialraum. Der indische Theoretiker Homi Bhabha hat das Konzept des \u201edritten Ortes\u201c entworfen, eines Ortes, der keiner Gruppe eindeutig zuzuschreiben ist, an dem sich die Verschiedenen ohne Hierarchisierung begegnen und ihre Anliegen aushandeln k\u00f6nnen. Dritte Orte sind leicht zug\u00e4nglich und offen; die Teilnahme kostet nichts. Gemeindeh\u00e4user k\u00f6nnen zu dritten Orten werden, wenn sie den frei gewordenen Raum mit anderen Gruppen im Quartier teilen \u2013 mit Sportvereinen, einem diakonischen Dienst oder einer Beratungsstelle. Mittagstische und Quartierscaf\u00e9s entstehen und das signalisiert: Hier ist jeder willkommen. In Gelsenkirchen, in Bochum und an anderen Stellen haben Kirchengemeinden B\u00fcrgervereinen gegr\u00fcndet, die die neuen Zentren tragen. Dazu muss die Kirche sich neu entdecken: als Plattform f\u00fcr Teilhabeprozesse, als Lebensmittelpunkt, als Erm\u00f6glicherin, als Herberge auf dem Weg.<\/p>\n<p>Es muss aber nicht das Gemeindezentrum sein. Die Nachbarschaftsl\u00e4den mitten im Wohnquartier ziehen Menschen an, weil sie beil\u00e4ufig sind &#8211; fu\u00dfl\u00e4ufig, niedrigschwellig. So wie der Wickrather Gemeindeladen \u2013 urspr\u00fcnglich ein Tante-Emma-Laden in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone und ein Kooperationsprojekt mit der Diakonie. Wer eintrat, muss nicht schon bekannt sein, aber er kann andere kennenlernen \u2013 im Caf\u00e9, in einem Kurs,\u2013 kann Hilfe bekommen oder mithelfen von der Kleiderkammer bis zum Familiennachmittag. Die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie an solchen \u201edritten Orten\u201c er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, die Mauer zwischen den verschiedenen \u201eWelten\u201c einzurei\u00dfen. Zwischen Steuerzahlern und Transferempf\u00e4ngern. Den Einheimischen und den Zugezogenen. Denen, die dazugeh\u00f6ren und denen, die um Respekt ringen. Dabei kann die Diakonie, die ja geradezu Spezialistin f\u00fcr die \u201eanderen\u201c ist, Br\u00fcckenbauer und T\u00fcr\u00f6ffner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Gemeinschaft (er)leben: Powervolle Netzwerke <\/strong><\/p>\n<p>Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte erz\u00e4hlen idealtypisch, wie die Gemeinde Schranken \u00fcberwindet. Die Gemeinde als Caring Community teilt und organisiert Teilhabe. Armut ist kein Hindernis am Tisch des Herrn und Menschen mit Behinderung werden genauso einbezogen wie Migrantinnen und Migranten. Aber das Ideal hat Risse; auch damals wurden Menschen \u00fcbersehen. Apg. 6 erz\u00e4hlt von den griechischen Witwen. Frauen, Migrantinnen, ohne eigenes Eigentum. Sie sitzen ganz unten an der Tafel, sie m\u00fcssen von dem leben, was dort ankommt. Der entscheidende Schritt : Die griechischen M\u00e4nner machen die Versorgung der Witwen zu ihrer Sache. Die Apostelgeschichte erz\u00e4hlt, welche Kr\u00e4fte frei werden, wenn Menschen bereit sind, f\u00fcr andere einzutreten, wenn Menschen, die am Rande stehen, integriert werden. Die griechischen Diakone, die damals berufen werden, werden Teil der Gemeindeleitung und beginnen, das Evangelium in ihrer eigenen Sprache zu predigen. Die Gemeinde \u00f6ffnet sich und sie w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Die Sportvereine, die sich f\u00fcr Migranten ge\u00f6ffnet haben, die Elternvertreter in den Inklusionsklassen, die Gro\u00dfeltern, deren Enkel weit weg wohnen, die konfessionsverbindenden und die bikulturellen Familien \u2013 sie alle sind l\u00e4ngst daran interessiert, Trennungen zu \u00fcberwinden und Gemeinschaft zu gestalten. Viele engagieren sich als Leihomas, als Pflegebegleiter oder Jobpaten. Und dabei spielen die sogenannten \u201ejungen Alten\u201c eine besondere Rolle. Sie sind h\u00e4ufig lange am Ort, sozial und oft auch politisch engagiert, bringen breite Lebenserfahrungen und soziale Netze ein und sind damit Teil einer neuen, generationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung. Engagierte zwischen sechzig und 69 tragen viele neue Projekte vom Mentoring \u00fcber die Tafeln bis zu den Wohngemeinschaften. Sie fahren die B\u00fcrgerbusse, arbeiten in den Dorfl\u00e4den mit und sind die Initiatoren der Sorgenden Gemeinschaften. Diese Power-Ager geh\u00f6ren zu den st\u00e4rksten Potenzialen der Kirche. Angesichts schrumpfender \u00f6ffentlicher Etats wird das ehrenamtliche Engagement dieser Generation zu einer entscheidenden Ressource des schrumpfenden Sozialstaats.<\/p>\n<p>Manche f\u00fcrchten nicht zu Unrecht, dass sie zum billigen Jakob werden. Tats\u00e4chlich gibt es l\u00e4ngst eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen mit \u00dcbungsleiterpauschale, B\u00fcrgerarbeit und Minijobs. Auch in der Nachbarschaftshilfe arbeiten Rentnerinnen und Rentner auf dieser Basis mit. Viele von ihnen k\u00f6nnten es sich nicht leisten, nur f\u00fcr Ehre und Anerkennung zu arbeiten. Andererseits steckt eine gro\u00dfe Chance darin, wenn Menschen sich \u00fcber ein Ehrenamt eigene Netzwerke aufbauen, neue Kompetenzen entwickeln und letztlich an Selbstachtung gewinnen. Was ist n\u00f6tig an finanziellem Einsatz, aber auch an hauptamtlicher Unterst\u00fctzung, um Menschen zum Engagement zu ermutigen? Auch die, die sich bisher als Hilfeempf\u00e4nger verstanden haben? Was l\u00e4sst sich lernen von anderen Tr\u00e4gern?<\/p>\n<p>Community Organising zeigt, wie es geht: Zuh\u00f6ren und Raum f\u00fcr Selbstorganisation geben \u2013 tats\u00e4chlichen und ideellen Raum: Ehrenamtliche f\u00f6rdern, Projekte professionell unterst\u00fctzen und auch Mittel zur Verf\u00fcgung stellen. Dabei kann es durchaus darum gehen, Projekte zu f\u00f6rdern, deren Mittelpunkt nicht die Kirche ist \u2013 sondern vielleicht ein Familienzentrum, eine Schule oder auch ganz einfach eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. In Saarbr\u00fccken wurde das B\u00fcrgerengagement gegen den Abriss einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone zum Kristallisationspunkt des Quartiers. Es geht um die Entwicklung eines neuen, quartiersbezogenen und inklusiven Selbstverst\u00e4ndnisses der Kirche. Oder ist das alles in der Parochie schon angelegt?<\/p>\n<p>Nicht alle, die sich heute in Sorgenden Gemeinschaften oder bei der Integration von Fl\u00fcchtlingen engagieren, sind Kirchenmitglieder. H\u00e4ufig hatten sie sich schon lange der Kirche entfremdet oder geh\u00f6rten ohnehin nie dazu. Wenn man aber die Einsicht ernst nimmt, dass Glaube immer nur prozessual geschieht und dass Areligiosit\u00e4t auch unter Kirchenmitgliedern vorhanden ist, dann bietet das Engagement eine gro\u00dfe Chance, auch \u00fcber Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Die j\u00fcngste KMU zeigt: immerhin zweiundzwanzig Prozent der ehrenamtlich Engagierten geben an, dass sie mit anderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen. Bei den Nichtengagierten sind es weniger als 10 Prozent. Engagement bietet Chancen auch f\u00fcr die Gemeindeentwicklung \u2013 unter einer Voraussetzung: Es sind Menschen n\u00f6tig, die offenen Augen, Ohren und Herzen haben und die Suche der anderen wahrnehmen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>6. Unterwegs in die neue Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Es geht darum, R\u00e4ume zu schaffen, in denen Resonanzerfahrungen m\u00f6glich sind. Orte entstehen zu lassen, an denen jeder gefragt und mit seinen Gaben gebraucht wird. Haltepunkte im Quartier, wo man Orientierung findet. Es geht darum, die Stadtlandschaft so zu gestalten, dass Raum f\u00fcr das \u201eWir\u201c ist. Kirchengemeinden sind dazu pr\u00e4destiniert. Eine gro\u00dfe Zahl an erfolgreichen Projekten ganz unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfenordnung zeigt, was es bedeutet, Problemanzeigen aufzugreifen und etwas in Bewegung zu setzen. Ein Blick auf die Website von \u201eKirche findet Stadt\u201c gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich habe ich einen \u201eCity-Guide f\u00fcr kurze Auszeiten und \u00fcberraschende Begegnungen\u201c entdeckt. Die Autorin erinnert daran, dass wir \u201edie Einheit und Ganzheit des Lebens nicht nur auf dem Meditationskissen erleben k\u00f6nnen, sondern auf den Stra\u00dfen der Stadt\u201c &#8211; in der Begegnung mit Obdachlosen, beim Besuch der Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung, beim Deutschkurs in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft. Sie erz\u00e4hlt von den spirituellen Erfahrungen eines Notarztes und von der R\u00fcckkehr der G\u00e4rten in die Stadt, von einer Kirche, die in der Woche vor Ostern zu meditativen Konzerten einl\u00e4dt. W\u00e4hrend ich das inspirierende Buch las, dachte ich zur\u00fcck an die Kleinstadtgemeinde, in der ich die Menschen hinter vielen Fenstern kannte. Familien, in denen seit Jahren jemand gepflegt wurde, Kinder, die in Armut aufwuchsen, die Frau, die mit einem Sikh verheiratet war und nun den Vater an der Taufe beteiligen wollte; der Mann, der zum Islam konvertiert war und vor 30 Jahren f\u00fcr den ersten Islamkurs im Gemeindeladen sorgte. Menschen aus der Nachbarschaft &#8211; nach und nach kamen sie in unserem Kirchenladen, engagierten sich f\u00fcr das Quartier.<\/p>\n<p>Die neue Stadt Gottes braucht keinen Tempel mehr, erz\u00e4hlt die Offenbarung. In der Mitte stehen keine Geldt\u00fcrme, aber auch keine Kircht\u00fcrme; in der Mitte steht das Lamm mit seinen Verwundungen und dem Siegeszeichen. Hier waren die Opfer nicht umsonst, Tr\u00e4nen werden abgewischt, Schmerzen gestillt, blutige Kleider ausgewaschen, das besch\u00e4digte Leben beginnt neu. Wir sehen die V\u00f6lker von Osten und Westen, von Norden und S\u00fcden durch alle Zeiten zu dieser Stadt pilgern. Das neue Jerusalem ist ein Versprechen, eine Herausforderung und eine Einladung, sich jetzt schon einzulassen auf das neue Leben, indem wir daf\u00fcr sorgen, dass unsere irdischen St\u00e4dte etwas vom Glanz der himmlischen spiegeln. \u201eAuch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten \u2013 lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit\u201c, (Anthony Pilla Bischof von Cleveland, in einer Rede \u00fcber die Kirche in der Stadt.)<\/p>\n<p>Angesichts des Verlustes an Gemeing\u00fctern und Zusammenhalt ist Kirche wieder gefragt. In meiner Nachbargemeinde in Berenbostel brannte die Willehadi-Kirche ab \u2013 ein 70er Jahre Gemeindehaus in einem sozialen Brennpunkt. Brandstiftung \u2013 der T\u00e4ter wurde nie gefunden. Aber viele hatten die Jugendbanden im Blick, die schon lange Feuer gelegt hatten. Aber die Gemeinde hielt stand und lie\u00df sich nicht beirren von all dem Hass. Vor drei Jahren wurde das neue Gemeindezentrum eingeweiht \u2013 und w\u00e4hrend der Bauphase hielt man Gottesdienste in der Scheune oder im Einkaufszentren, in der Sporthalle oder im Altenzentrum, Konfirmandenarbeit fand in der Schule statt, Arbeitsgruppen im Rathaus, Elternabende beim Griechen \u2013es war gut, da zu sein, wo die Menschen auch sonst sind. Wir m\u00fcssen nicht immer Gastgeber sein \u2013 manchmal ist es auch gut, einfach Gast zu sein oder die anderen zu bedienen, hei\u00dft es in den Grunds\u00e4tzen zur Gemeinwesendiakonie. Mehr denn je ist das Gemeindehaus in Berenbostel heute Teil der Nachbarschaft; und das alte Kruzifix h\u00e4ngt an einem Mauerst\u00fcck aus Steinen der alten Kirche &#8211; aber noch immer nutzt die Gemeinde auch ganz andere, inzwischen vertraute Orte im Quartier.<\/p>\n<p>Alles beginnt damit, dass wir unsere Stadt mit den Augen der anderen sehen. Eine New Yorker Journalistin hat das getan. Ein ganzes Jahr lang hat sie jede Woche einen Stadtspaziergang mit einer fremden Person gemacht. Sie war unterwegs mit einer \u00e4lteren Dame mit Rollator, mit einem Architekten und mit einem zweij\u00e4hrigen Kind. Sie hat einen Blinden begleitet und einen Arzt, der ihren Blick f\u00fcr die Entgegenkommenden sch\u00e4rfte. W\u00e4re das nicht ein inspirierender Anfang?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Hamburg 2018<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, M\u00fcnchen, Hanser, 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.\u201eWo das Herz wohnt\u201c: Kirche als kulturelle Heimat \u201eHeimat\u201c ist das neue Trendgef\u00fchl. 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