{"id":390,"date":"2015-02-10T19:30:16","date_gmt":"2015-02-10T19:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=390"},"modified":"2016-02-04T19:56:45","modified_gmt":"2016-02-04T19:56:45","slug":"generationengerechtigkeit-als-zentrale-gesellschaftliche-und-innerkirchliche-maxime","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=390","title":{"rendered":"Generationengerechtigkeit als zentrale gesellschaftliche und innerkirchliche Maxime"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. \u201eBev\u00f6lkerungsimplosion\u201c? Zur Entwicklung des Humankapitals<\/strong><\/p>\n<p>Noch nie in der menschlichen Geschichte sind Menschen im Durchschnitt bei so guter Gesundheit so alt geworden, wie dies heute in den wohlhabenden L\u00e4ndern m\u00f6glich ist. Aber gerade die wohlhabenden Staaten haben mit einem neuen Problem zu tun: mit der so genannten \u201aUnterj\u00fcngung\u2018 der Gesellschaften und einem deutlichen Schrumpfen der Bev\u00f6lkerung. Dies hat Konsequenzen f\u00fcr die Wirtschaft und entsprechende Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme, das Bildungssystem und auch auf die Kirchen.<\/p>\n<p>Deutschland geh\u00f6rt zu den OECD-L\u00e4ndern mit der niedrigsten Fertilit\u00e4tsrate (ca. 1,4 Kinder mit leichten Schwankungen), auch wenn es in j\u00fcngster Zeit von Spanien und Italien \u201a\u00fcberholt\u2018 worden ist. Die durchweg kinderreicheren Familien der Zuwanderer sind dabei bereits eingerechnet. Hauptgrund ist die hohe Zahl kinderlos bleibender Frauen der Jahrg\u00e4nge ab 1965 (ca. einem Drittel). Dies hat bestimmte gesellschaftliche Hintergr\u00fcnde, wobei auch die Rolle der potentiellen und tats\u00e4chlichen V\u00e4ter nicht ausgeblendet werden darf. Franz-Xaver Kaufmann spricht von einer \u201aBev\u00f6lkerungsimplosion\u2018: wenn sich eine Frauengeneration nur noch zu zwei Drittel reproduziert, so bedeutet dies rechnerisch, dass auf 1000 Frauen nur noch 667 T\u00f6chter, 444 Enkelinnen und 276 Urenkelinnen kommen. Ohne Zuwanderung w\u00fcrde die Bev\u00f6lkerungszahl Deutschlands bis 2050 auf 50,7 Millionen zur\u00fcckgehen, so Herwig Birg.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Allerdings, unsere Wahrnehmung h\u00e4lt nicht Schritt mit solchen Zahlen: sie ist noch stark gepr\u00e4gt durch die Generation der Baby-Boomer, die aber seit 2010 allm\u00e4hlich aus dem Erwerbsleben ausscheiden.Im Kontext des Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgans gibt Kaufmann zwei Problemanzeigen: Ein urs\u00e4chliches Problem: Je h\u00f6her das \u201aHumankapital\u2018<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> der Eltern ist, desto mehr sind sie an der Qualit\u00e4t und nicht an der Quantit\u00e4t der nachwachsenden Generation interessiert. Verantwortete Elternschaft bedeutet in dem Fall eine hohe Investition in Bildung und Erziehung. Das Folgeproblem daraus lautet: Wo wegen gewachsener Opportunit\u00e4tskosten auf Elternschaft verzichtet wird, entsteht eine Investitionsl\u00fccke im Humankapital, die Kaufmann f\u00fcr die letzten drei\u00dfig Jahre auf 2,5 Billionen Euro berechnet. Das hat Konsequenzen f\u00fcr Deutschland, das als ein Hochlohnland mit hohem Wissenskapital mit L\u00e4ndern zu konkurrieren hat, die eine sehr junge Bev\u00f6lkerung haben und stark in ihr Humanverm\u00f6gen investieren.<\/p>\n<p>Aus Sicht von Herwig Birg m\u00fcsste das so genannte \u201amagische Zieldreieck\u2018 aus Vollbesch\u00e4ftigung, Preisstabilit\u00e4t und au\u00dfenwirtschaftlichem Gleichgewicht durch das Ziel \u201ademographischen Nachhaltigkeit\u2018 erweitert werden. Es ist problematisch, wenn die wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten um Renten- und Gesundheitsreform und die Reformdiskussionen um Familien- und Einwanderungspolitik in der Regel unverbunden nebeneinander laufen und sich das lediglich in emotional hoch aufgeladenen Migrationsdebatten zu \u00e4ndern scheint, wobei hier die Probleme oftmals einfach auf Fl\u00fcchtlinge und Migranten projiziert werden.<\/p>\n<p>\u00dcber Generationengerechtigkeit zu reden, hei\u00dft also nicht nur \u00fcber die Herausforderungen und Chancen einer \u00e4lter werdenden Bev\u00f6lkerung zu sprechen, sondern auch \u00fcber die finanziellen und gesellschaftlichen Investitionen in die nachfolgende Generation, \u00fcber Ver\u00e4nderungen des Familienbildes, die Sorgeaufgaben und den Zusammenhalt der Generationen, die Integration von Zuwanderern mit anderer Kultur und Religion und schlie\u00dflich \u00fcber die Konsequenzen f\u00fcr schrumpfende Regionen.((Hervorhebung Ende)) Damit sind vielf\u00e4ltige <em>Fragen der sozialen Gerechtigkeit<\/em> angesprochen, die sich gegenw\u00e4rtig deutlich versch\u00e4rfen. Es geht um die Chancengerechtigkeit der jungen Generation, aber auch um Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit zwischen der immer geringeren Zahl von Erwerbst\u00e4tigen und den Beziehern von Transfereinkommen, die wir an den Fragen der Rentenentwicklung wie auch der Pflegeversicherung diskutieren. Gerade im Blick auf die \u00c4lteren besteht allerdings ein Problem darin, dass wir <em>Teilhabe<\/em> in den letzten Jahrzehnten im Wesentlichen <em>auf Verteilungsgerechtigkeit reduziert<\/em> haben und deswegen lediglich \u00fcber Rentenformeln, Rentenalter und die Zukunft der Sicherungssysteme, nicht aber \u00fcber das Humanverm\u00f6gen der \u00c4lteren und \u2013 abgesehen von der Erbschaftssteuer &#8211; auch nicht \u00fcber das materielle und immaterielle Generationenerbe sprechen. Dazu z\u00e4hlt eben auch das von der \u00e4lteren Generation erarbeitete Sozialverm\u00f6gen in sozialer Ordnung und Rechtsstaatlichkeit. Tats\u00e4chlich tragen gerade \u00e4ltere Menschen in einem erheblichen Ma\u00dfe zur Stabilisierung sozialer Beziehungen und damit auch zu Wertsch\u00f6pfung und Wohlstand in der Gesellschaft bei.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Soziale Sicherung der \u00e4lteren Generation \u2013 die Rentenentwicklung <\/strong><\/p>\n<p>Der demographische Wandel seit Ende der 60er Jahre hat zwei Grundvoraussetzungen des bestehenden Rentensystems in Frage gestellt: 1. die Reproduktionsleistung der Familien nahm ab, weswegen der Bev\u00f6lkerungsanteil der Beitragszahler r\u00fcckl\u00e4ufig ist und der der Rentner steigt. 2. Die zunehmende Spreizung der Einkommen setzt das Rentensystem unter Druck, so dass gerade von j\u00fcngeren Beitragszahlern die Finanzierung der gesetzlichen Rente zunehmend als belastend empfunden wird.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund erfolgten in den letzten Jahren verschiedene Reformen, die die demografische Entwicklung st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen und durch stabile Beitragss\u00e4tze eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Belastung der Erwerbst\u00e4tigen verhinderten. Allerdings senkte man im gleichen Zuge das Nettorentenniveaus deutlich, weswegen neben die Gesetzliche Rentenversicherung noch eine zweite kapitalgedeckte S\u00e4ule trat. Diese ist aber weder obligatorisch, noch bei geringen Rentenanwartschaften attraktiv ist, denn sie wird auf die gesetzliche Rente angerechnet und muss ausschlie\u00dflich von den Besch\u00e4ftigten finanziert werden. Um eine zu starke Absenkung des Rentenniveaus zu vermeiden, kam es nun mit der letzten Rentenreform zur Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit und zur Erh\u00f6hung des gesetzlichen Renteneintrittsalters. Diese Reform wurde jedoch infolge der individuellen Abschl\u00e4ge von denen, die eine volle Leistung in der Erwerbst\u00e4tigkeit erbracht haben, de facto als Rentenk\u00fcrzung empfunden. Besonders schwer wiegt das f\u00fcr die unteren Einkommensgruppen. Und so haben die Rentenreformen seit 2002 insgesamt zu einem \u201aSinkflug\u2018 im System gef\u00fchrt, die Rente gilt nicht mehr als \u201asicher\u2018.<\/p>\n<p>Mit der Rentenreform von 1957 konnte das dr\u00e4ngende Problem der Altersarmut \u00fcberwunden werden. Eingef\u00fchrt wurde die dynamische Anpassung der Rentenh\u00f6he an die Bruttolohnentwicklung, was die wachsende Diskrepanz zwischen den im wirtschaftlichen Aufschwung stark steigenden L\u00f6hnen und den dahinter zur\u00fcckbleibenden Renten ausglich. Dieses Problem k\u00f6nnte in den n\u00e4chsten 10-15 Jahren zur\u00fcckkehren, da der Anteils der Versicherten mit geringen Rentenanspr\u00fcchen steigt. Neben der Absenkung des Rentenniveaus liegen die Ursachen hierf\u00fcr in ver\u00e4nderte Erwerbsbiografien (mit immer h\u00e4ufigeren Erwerbsunterbrechungen durch Arbeitslosigkeit) sowie in aufwendigeren Pflege- und Erziehungszeiten. Hinzu kommt die Zahl der Geringverdiener, deren Einkommen h\u00e4ufig bereits w\u00e4hrend der Erwerbst\u00e4tigkeit unzureichend ist. Im europ\u00e4ischen Vergleich ist Deutschland derzeit das Land mit der schlechtesten Absicherung der unteren Einkommen. In vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, zum Beispiel in D\u00e4nemark oder den Niederlanden, ist es l\u00e4ngst Trend, eine zweite Ebene mit Zusatzsicherungen einzuf\u00fcgen. Mit der Rente die Lohnpolitik zu korrigieren, ist jedenfalls nach dem in Deutschland geltenden, leistungsbezogenen \u00c4quivalenzprinzip nicht m\u00f6glich. Deshalb debattiert man hier seit l\u00e4ngerem \u00fcber eine \u201aSolidarische Grundrente\u2018 oder eine \u201aLebensleistungsrente\u2018. Neben der Anerkennung der monet\u00e4ren Beitragsleistungen ist demnach eine weitergehende Anerkennung des generativen Beitrags in der Rentenversicherung erforderlich. Entsprechend der Vorstellung eines <em>Drei-Generationen-Vertrages<\/em> w\u00e4re eine angemessene Ber\u00fccksichtigung von Kindererziehungszeiten in der umlagefinanzierten Rente systemgem\u00e4\u00df, doch sie fanden bislang keinen Eingang (\u201aKinder kriegen die Leute immer\u2018) und auch in den aktuellen Rentenreformen werden sie nur unzureichend ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Soziale Sicherung der \u00c4lteren: f\u00fcr eine Aufwertung der Pflege<\/strong><\/p>\n<p>Viele Menschen bleiben heute viele Jahre l\u00e4nger jung, k\u00f6rperlich leistungsf\u00e4higer und sozial aktiver als die \u00c4ltesten vor f\u00fcnfzig Jahren \u2013 aber andere, wahrscheinlich die Mehrheit, k\u00f6nnen dieses Ideal nicht ann\u00e4hernd erreichen. Die Ungleichheit im Alter nimmt tats\u00e4chlich in dem Ma\u00dfe zu, wie Individualisierung, Pluralisierung und gesellschaftliche Spreizung wachsen. So ist zwar richtig, das \u00fcberholte Bild vom Alter als einem Lebensstadium der Versorgung hinter sich zu lassen: \u00e4ltere Menschen sind vollwertige Akteure ihres Lebens, f\u00fcr die gesellschaftliche Teilhabe wesentlich ist. Doch es darf nicht vergessen werden, dass es unter den \u00c4lteren eine gro\u00dfe Gruppe gibt, die auf die Sorge anderer angewiesen ist. Das neue, aktivit\u00e4ts- und entwicklungsorientierte Bild vom Alter darf nicht dazu f\u00fchren, dass \u00c4rmere, Kranke und Gebrechliche diskriminiert werden und die letzte Lebensphase, die h\u00e4ufig Pflegebed\u00fcrftigkeit einhergeht, abgewertet wird<\/p>\n<p>Mit der Zahl der Hochaltrigen wird die Zahl der pflegebed\u00fcrftigen Menschen weiter wachsen; und auch die Beziehungsbed\u00fcrftigkeit der zu pflegenden Menschen wird wachsen. Schon heute leben 41,3 % der 70 bis 85 Jahre alten Menschen in Einpersonenhaushalten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Ihre M\u00f6glichkeiten, bei Bedarf auf informelle Netze zur\u00fcckzugreifen, sind begrenzt. Wer in der nachfolgenden Generation keine Angeh\u00f6rigen hat, wird m\u00f6glicherweise einsam alt. Dadurch wachsen die Anforderungen an die Pflege nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht. Je nachdem, welche Annahmen \u00fcber die kommenden altersspezifischen Pflegefallh\u00e4ufigkeiten getroffen werden, kursieren unterschiedliche Szenarien \u00fcber die Pflegebed\u00fcrftigkeit im Jahr 2040. Nach dem Grundmodell von Rothgang zum Beispiel steigt die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger in der sozialen Pflegeversicherung zwischen 2000 und 2040, bei im Zeitverlauf konstanten alters- und geschlechtsspezifischen Pflegeh\u00e4ufigkeiten, von 1,86 Mio. auf 2,98 Mio. also um 61%. Und auch wenn noch immer 70% aller Pflegebed\u00fcrftigen von Angeh\u00f6rigen gepflegt werden sollten, die Zahl der potentiellen privaten Pflegepersonen, die Geburtenentwicklung und die Frauenerwerbst\u00e4tigkeit werden r\u00fcckl\u00e4ufig prognostiziert.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Obwohl bereits heute ein Neuntel der Erwerbsbev\u00f6lkerung in Gesundheits-, Heil- und Pflegeberufen t\u00e4tig ist, ist davon auszugehen, dass sich dieser Anteil in den kommenden drei\u00dfig Jahren verdoppeln muss. Gegenw\u00e4rtig arbeiten schon bis zu einem Drittel Migrantinnen und Migranten in kirchlichen Pflegeeinrichtungen, und die h\u00e4usliche Pflege wird in hohem Ma\u00dfe von privaten Haushaltshilfen und Pflegekr\u00e4ften aus Osteuropa gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Schl\u00fcssel f\u00fcr das Pflegesetting der Zukunft sind sicherlich eine gute Kooperation zwischen Pflegefachkr\u00e4ften, Angeh\u00f6rigen und Freiwilligen<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, eine zus\u00e4tzliche Flankierung von Pflegehaushalten sowie eine Stabilisierung der bestehenden Unterst\u00fctzungssysteme. Dazu geh\u00f6rt auch die zeitweilige Freistellung von Erwerbst\u00e4tigen f\u00fcr Pflegeaufgaben in der Familie. Die neue Familienpflegezeit ist ein erster Schritt in diese Richtung. Im Bereich der professionellen Altenpflege ist es n\u00f6tig, die Bedeutung der Bezugspflege zu st\u00e4rken, insbesondere die zunehmende Zahl der demenzerkrankten Menschen leidet mehr als alle anderen unter der Modularisierung, die sie mit einer gro\u00dfen Zahl von Bezugspersonen konfrontiert. Dar\u00fcber hinaus erfordern die chronischen Erkrankungen alter Menschen, ihre Multimorbidit\u00e4t, aber auch die Aufgaben von Palliativversorgung und Sterbebegleitung eine gute Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege. Angesichts der \u2013 auch versicherungstechnisch \u2013 absolut getrennten Systeme Krankenhaus und Altenhilfe f\u00fchrt das immer wieder zu Dreht\u00fcreffekten mit vielen Spannungen und unklaren Kompetenzen. Modellprojekte der Integrierten Versorgung zeigen den Erfolg von Versorgungsnetzen, denen es gelingt, station\u00e4re und ambulante Dienste, gesundheitliche, pflegerische und soziale Dienste zu verbinden.<\/p>\n<p>Gesellschaftspolitisch gilt es einzustehen f\u00fcr eine Aufwertung der Pflege als eigenst\u00e4ndigem Beruf in Kooperation mit den Medizinern, aber auch f\u00fcr letztlich kostensparende, qualitativ hochwertige medizinische Kompetenzzentren, eine \u00dcberschreitung station\u00e4rer und ambulanter Sektoren, die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und unausgelasteten technischen Ger\u00e4ten. Zu investieren ist in Menschen und Netzwerke statt in Status, Technik und minimale Arzneimittelinnovationen. Investitionen in die arbeitsplatzrelevante Wachstumsbranche Gesundheitswesen stehen nicht in Spannung zu den ebenfalls notwendigen Investitionen in Erziehung und Bildung \u2013 im Gegenteil: Eine gute Infrastruktur und qualitativ hochwertige Dienstleistungen in Erziehung, Bildung und Pflege st\u00e4rken Familien und sind deshalb die besten Ma\u00dfnahmen gegen eine weitere Unterj\u00fcngung der Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Ver\u00e4nderungen in den Familien: zur Verkn\u00fcpfung privater und \u00f6ffentlicher Dienste<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts des demographischen Wandels ist Familie zu einem der zentralen Politikfelder avanciert. Familie ist mehr als das Zusammenleben unterschiedlicher Individuen mit je eigenen Rechten, sie ist eine F\u00fcrsorge- und Lerngemeinschaft zwischen Partnern und Generationen. Darin sind nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch Gro\u00dfeltern und weitere Verwandte und Wahlverwandte einbezogen. Mit der Zahl der \u201aFortsetzungsfamilien\u2018 w\u00e4chst oftmals auch die Zahl m\u00f6glicher \u201anaher Verwandter\u2018, die \u2013 je nach \u201aWahl\u2018 weiterhin engen Kontakt zu Kindern und Partnern haben k\u00f6nnen. Die \u201amultilokale Mehrgenerationenfamilie\u2018 von heute ist ein verwandtschaftliches Netzwerk, das Kinder und erziehende Eltern unterst\u00fctzt und gerade f\u00fcr Alleinerziehende von entscheidender Bedeutung ist. Mit der neuerdings erm\u00f6glichten (unbezahlten) Freistellung von Gro\u00dfeltern f\u00fcr die Erziehung von Enkeln minderj\u00e4hriger Kinder werden diese Ressourcen aktiviert. \u00dcbrigens k\u00f6nnen sich der finanzielle Ausgleich und die Unterst\u00fctzungsleistungen, die innerfamili\u00e4r von Gro\u00dfeltern zu Kindern und Enkeln flie\u00dfen, im Verh\u00e4ltnis zu den Rentenleistungen der J\u00fcngeren an die \u00c4lteren durchaus sehen lassen.<\/p>\n<p>Dennoch: Die Organisation der Aufgaben in der Familie mit Blick auf Kinder, pflegebed\u00fcrftige und hochaltrige Menschen steht in Spannung zu der politisch gewollten Notwendigkeit, dass M\u00e4nner wie Frauen, verst\u00e4rkt durch eigenes Erwerbseinkommen und Kapitaldeckung f\u00fcr ihre Gesundheits- und Altersvorsorge einstehen. Im Verh\u00e4ltnis dazu ist der finanzielle Ausgleich f\u00fcr Erziehungs- und Pflegeleistungen in der Familie noch mangelhaft. Dieses Problem wird mit steigendem Pflegebedarf immer deutlicher. Wenn also Familien ihre auch im skizzierten gesellschaftlichen Wandel bleibenden Aufgaben gerecht werden sollen, brauchen sie unterst\u00fctzende Netzwerke, Investitionen in Infrastruktur und Anerkennung der Sorgezeiten in den sozialen Sicherungssystemen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Demographischer Wandel in der Kirche: Familien st\u00e4rken und Potenziale des Alters sch\u00e4tzen<\/strong><\/p>\n<p>Hermelink und Latzel zeigen in ihrem Werkbuch \u201eKirche empirisch\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> , dass der demographische Aufbau der evangelischen Kirche im Vergleich zur Gesamtbev\u00f6lkerung schon jetzt erheblich unterj\u00fcngt ist: die mittleren Jahrg\u00e4nge zwischen 40 und 45 sind deutlich unterrepr\u00e4sentiert. Das l\u00e4sst sich aus den Kirchenaustritten vor allem junger Menschen erkl\u00e4ren, was inzwischen eine ganze Kohorte der n\u00e4chsten Generation betrifft und nicht durch Migration kompensiert wird. Und selbst wenn es keine Mitgliedschaftsverluste durch Austritte g\u00e4be und alle Kinder getauft w\u00fcrden, die evangelische Kirche w\u00fcrde dennoch zahlenm\u00e4\u00dfig weiter schrumpfen,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> ihr Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung w\u00fcrde weiter sinken und das Durchschnittsalter der Mitglieder steigen. Folglich stehen die Gemeinden als Erste vor der gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das Alter und Altern neu zu w\u00fcrdigen und sich die damit verbunden Themen wie \u201aintergenerative Arbeit\u2018, \u201aPflege und soziale Dienste\u2018, \u201azivilgesellschaftliche Potenziale \u00c4lterer\u2018 oder \u201aWeitergabe des kulturellen Erbes\u2018 zu eigen zu machen. Die EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> , die unter der Leitung von Prof. Andreas Kruse 2009 herausgegeben wurde, wirbt f\u00fcr die entsprechenden Chancen und die damit verbundenen Verpflichtungen. Aber Axel Noack warnt in einem Aufsatz mit der \u00dcberschrift \u201eFr\u00f6hlicher Kleinwerden und dabei wachsen wollen\u201c:\u201eUnsere Gemeinden sehen noch nicht, was auf uns zukommt, weil die Auswirkungen der demographischen Entwicklung im Alltag noch nicht zu sehen sind.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> So etwa sind die Kirchensteuern l\u00e4ngst nicht so stark eingebrochen wie angenommen. Doch Noack macht darauf aufmerksam, dass wir es \u2013 \u00fcber die Finanzen hinaus \u2013 mit langfristigen, sozialen und mentalen Ver\u00e4nderungsprozessen zu tun haben. Zwei Aspekte seien hier genannt: Kinderlose erleben nicht die Phase, in der sie ihre Kinder taufen und mit den eigenen Kindern noch einmal neu \u00fcber die Bedeutung des Glaubens nachdenken und damit wieder mehr Bindung zur Kirche entwickeln. Anderseits ver\u00e4ndert sich die Bestattungskultur, welche lange als kirchliche Bastion galt, weil viele \u00c4ltere ohne Kinder und weitere Angeh\u00f6rige sterben oder das Geld f\u00fcr eine Erdbestattung und Feier fehlt; ja selbst, weil viele gar nicht mehr wissen, ob ihre Eltern der Kirche angeh\u00f6rten, nimmt die Zahl der anonymen und der nicht-kirchlichen Bestattungen zu. Zwei St\u00fctzpfeiler also, die bisher die Kirchenmitgliedschaft durch die Familien und \u00fcber die Generationen hin trugen, erodieren gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Kirchengemeinden nun sind in starkem Ma\u00dfe mit Familien und deren Erziehungs- und Sorgeaufgaben, die noch immer in hohem Ma\u00dfe auf den Schultern der Frauen liegen, verbunden. Frauen sind auch in besonderer Weise im sozialen Ehrenamt t\u00e4tig, wobei gerade die evangelische Kirche eine \u00fcberdurchschnittlich hohe Beteiligung \u00e4lterer Freiwilliger aufweist (ohne, dass die Beteiligung Jugendlicher geringer w\u00e4re als in anderen Arbeitsfeldern). Gemeinden und Diakonie k\u00f6nnen deshalb dazu beitragen, die gesellschaftliche Reserviertheit gegen\u00fcber dem Alter aufzul\u00f6sen, wenn sie das ehrenamtliche Engagement \u00c4lterer, und gerade \u00e4lterer Frauen, in den eigenen Gemeinden angemessen w\u00fcrdigen und sichtbar machen. Aber die jungen Alten werden auch aus anderen Gesellschaftsbereichen umworben und werden etwa gebraucht, um den fragilen Zusammenhalt einer mobilen Gesellschaft zu st\u00e4rken: als Freiwillige in Sozial- und Diakoniestationen leisten sie Nachbarschaftshilfe, bei \u201eRent a Grant\u201c arbeiten sie als Leihomas, in Mehrgenerationenh\u00e4usern geben sie den Kindern ein St\u00fcck Kontinuit\u00e4t. Sie tragen auf diese Weise entscheidend dazu bei, dass die Wohnquartiere lebendig und lebenswert bleiben und im wahrsten Sinne des Wortes \u201adie Kirche im Dorf\u2018 bleibt. Inzwischen schauen die jungen Alten aber genau hin, wann sie andere Freizeit- und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten zur\u00fcckstellen und ob dann ihre Gaben und die Herausforderungen auch zusammen passen, ob ihre Pers\u00f6nlichkeit und biographische Pr\u00e4gung ber\u00fccksichtigt sind. Stifter und Stifterinnen \u2013 wir sind ja eine Gesellschaft von Erben, Menschen, die sich um ihre Kirche k\u00fcmmern, sie offen halten, Leute, die Gr\u00e4ber auf Friedh\u00f6fen pflegen, ehrenamtliche Pr\u00e4dikantinnen und Pr\u00e4dikanten in schrumpfenden St\u00e4dten \u2013 sie halten das kulturelle, geistige und geistliche Ged\u00e4chtnis f\u00fcr die n\u00e4chste Generation wach. Diese Entwicklung kommt der Kirche sehr entgegen und fordert sie zugleich heraus. Gefragt ist ein erneuertes Selbstverst\u00e4ndnis, das aufr\u00e4umt mit der versteckten Abwertung vor allem \u00e4lterer Frauen. Es g\u00e4be eine Reihe von biblischen Belegen, die man daf\u00fcr zitieren k\u00f6nnte (die wichtigsten scheinen mir mit der Hochsch\u00e4tzung des Witwenamtes zu tun zu haben). \u201aWachsen gegen den Trend\u2018 \u2013 das hei\u00dft eben auch: wertsch\u00e4tzen, wer wir sind und was wir zu geben haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Birg, Herwig(Jahr?): Die demographische Zeitenwende<em>&#8211;<\/em><em> Der Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang in Deutschland und Europa<\/em>, M\u00fcnchen, 4. Auflage 2005 S. 98. Kaufmann stellt demgegen\u00fcber dar, dass eine Steigerung der Geburtenrate auf 1,6 Kinder und eine Zuwanderungsintensit\u00e4t von ca. 150.000 Personen j\u00e4hrlich zu einer deutlich positiven Ver\u00e4nderung f\u00fchren k\u00f6nnten. (Kaufmann, Franz Xaver : Schrumpfende Gesellschaft. Berlin, 2011, S. 46<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Kaufmann nimmt den seit dem 5. Familienbericht debattierten Begriff des \u201aHumanverm\u00f6gens\u2018 auf und bezeichnet damit jenes geistige und kulturelle Verm\u00f6gen, welches die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit einer Kultur sichert, und durch Bildung und Erziehung, Weitergabe von Werten und Verhaltens-Maximen vor allem famili\u00e4r weitergegeben wird. Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Kompetenzen aller Mitglieder einer Gesellschaft, die sich zum eigenen und zum Nutzen Dritter entfalten k\u00f6nnen.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zahlen aus: Thomas von Winter \u201e Demographischer Wandel und Pflegebed\u00fcrftigkeit\u201c. in: Thomas Klie u.a.: Entwicklungslinien im Gesundheits- und Pflegewesen, Frankfurt am Main, Klie,2003, S. 54<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. z.B. Rothgang, Heinz: <a href=\"http:\/\/www.zes.uni-bremen.de\/das-zentrum\/organisation\/mitglieder\/heinz-rothgang\/publikationen\/?publ=4958\">Sechs Zahlen zur Pflegebed\u00fcrftigkeit und deren Versorgung<\/a>, \u201e Pro Alter, Schwerpunktheft: 20 Jahre Pflegeversicherung (4), Bonn, 2014,S. 26 &#8211; 27<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Beispiele daf\u00fcr hat das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD in der Dokumentation des Projekts \u201eDas Ethos f\u00fcrsorglicher Pflege\u201c dargestellt. SI: Titel? (2007), Ort?<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Hermelink, Jan und Latzel, Thorsten: \u201eKirche empirisch &#8211; Ein Werkbuch\u201c. G\u00fctersloh 2008, S. 20<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> A.a.O., S. 20<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u201e Im Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c, Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD, Hannover 2009<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Noack, Axel (2007): Fr\u00f6hlich kleiner werden und dabei wachsen wollen. in: Neth\u00f6fel, Wolfgang und Grunwald, Klaus-Dieter (2007): Kirchenreform strategisch. Glash\u00fctte, S. 427<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. \u201eBev\u00f6lkerungsimplosion\u201c? Zur Entwicklung des Humankapitals Noch nie in der menschlichen Geschichte sind Menschen im Durchschnitt bei so guter Gesundheit&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=390\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":482,"menu_order":97,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-390","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/390"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=390"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/390\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":393,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/390\/revisions\/393"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}