{"id":3851,"date":"2018-06-06T09:16:16","date_gmt":"2018-06-06T09:16:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3851"},"modified":"2018-08-31T19:46:02","modified_gmt":"2018-08-31T17:46:02","slug":"hoffnungszeichen-im-nebel-predigt-zum-brueder-und-schwesterntag-im-martinshof-rothenburg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3851","title":{"rendered":"Hoffnungszeichen im Nebel (Predigt zum Br\u00fcder- und Schwesterntag im Martinshof, Rothenburg)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht. (Hebr.11,1)<\/strong><\/p>\n<p>Einen ganzen Tag lang im Sommer warteten f\u00fcnfzig Urlauber eines Busses aus Flensburg am Gro\u00dfglockner, um diesen zu sehen. Sie sahen indessen nur Nebel und Wolken und graues Ger\u00f6ll und ein wenig Schnee. So sehr sie auch schauten mit Augen und Gl\u00e4sern, es war nichts zu sehen. Und sie trafen zwei Damen aus Tilburg in Holland, die schon drei Wochen schauten und schauten auf Ger\u00f6ll und Gew\u00f6lk, aber vom Berg nichts gesehen\u201c, erz\u00e4hlt Lothar Zenetti, ein Schweizer Theologe.<\/p>\n<p>Ach, die armen Flachlandtiroler, denkt man. So ein Pech! Da wollen sie endlich mal etwas sehen, was sie nicht kennen \u2013 und dann das. Nebel und Wolken und graues Ger\u00f6ll. An der See sieht\u2019s nicht viel anders aus. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende:<\/p>\n<p>\u201eJedoch zu zweifeln an diesem Berg, an seinem realen Vorhandensein, sah keiner sich abends gen\u00f6tigt, als sie den Bus dann bestiegen. Selbst Herr Koch, der ansonsten nur glaubt, was er sieht (mit eigenen Augen), sonst nichts, hatte f\u00fcnf Ansichten des gro\u00dfen Glockners in Farbe gekauft und schrieb hinten drauf von unvergesslichen Eindr\u00fccken. Und hatte selbst gar nichts gesehen als Nebel. Und zweifelte doch nicht an dem gro\u00dfen Berg. Und vertraute dem \u00d6sterreichischen Alpenverein.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt erinnere ich mich an unsere Hochzeitsreise \u2013 die erste Alpenfahrt gemeinsam mit meinem Mann. Wir fuhren \u00fcber das Timmelsjoch, als ich ziemlich energisch \u201eStopp\u201c rief. Es geh\u00f6rte n\u00e4mlich zu meinen Ritualen, da oben auszusteigen und ein Foto zu machen unter dem Schild mit der H\u00f6henangabe. \u201eAber man sieht doch \u00fcberhaupt nichts\u201c, sagte mein Mann, der einfach durchgefahren war. Auch damals lag alles im Nebel. Mir kommt jetzt der Verdacht, dass das gar nicht so selten ist. Und trotzdem verlassen wir uns auf den Alpenverein und die Fotografen; wir zweifeln nicht an den Bildern, die andere gesehen haben.<\/p>\n<p>Vielleicht meinen Sie, das w\u00e4re selbstverst\u00e4ndlich. Dabei gibt es tats\u00e4chlich viele, die normalerweise nur glauben, was sie mit eigenen Augen sehen. So wie Herr Koch. Oder die J\u00fcnger Jesu. Sie erinnern sich, dass keiner glauben konnte, was die Frauen an Ostern erz\u00e4hlten \u2013 was die mit eigenen Ohren geh\u00f6rt und mit eigenen Augen gesehen hatten: die Engel am Grab und Jesus, den Auferstandenen. Frauen eben, traurig und verzweifelt \u2013 wer wei\u00df, was die sich einbilden und woran die sich festhalten. Bis Jesus auch den M\u00e4nnern erschien -auf dem Weg nach Emmaus und dann bei den Fischern am See Genezareth. Am Ende ist es Thomas, der den Freunden nicht glaubt: \u201eWenn ich nicht die N\u00e4gelmale mit eigenen Augen sehe, den Finger in die Wunde lege und meine Hand in die verletzte Seite \u2013 dann kann ich es nicht glauben.\u201c Und Jesus verachtet ihn nicht f\u00fcr diesen Kleinglauben. So sind wir n\u00e4mlich.<\/p>\n<p>Es ist gar nicht so einfach, sich festzumachen an dem, was andere erz\u00e4hlen und erlebt haben. So eine farbige Postkarte ist da schon ganz gut. Naja, eine Postkarte vom Auferstandenen gibt es nicht \u2013 aber der Wunsch, so etwas zu haben, ist sicher der Grund f\u00fcr all die Bilder und Fresken in unseren Kirchen. Der Wunsch, selbst den Finger in die Wunde legen zu k\u00f6nnen, ist der Grund f\u00fcr all die Reliquiensammlungen in den mittelalterlichen Kirchen und die tausende Kreuzsplitter aus Jerusalem. Wer dort die Grabeskirche besucht, der sieht in den Gedanken die Pl\u00e4tze vor sich, wo das Wunderbare geschah. Selbst die, die das Heilige Grab in G\u00f6rlitz besuchen, wappnen sich gegen die Zweifel.<\/p>\n<p>Und auch die Kreuzwege, die Martinfeuer und Nikolausumz\u00fcge sind nicht anderes als Vergegenw\u00e4rtigungen und Erinnerungsst\u00fccke \u2013 eine Best\u00e4tigung unseres Glaubens, ein Schutzwall gegen den Zweifel. Genauso wie die Namen der H\u00e4user hier auf dem Gel\u00e4nde, die an die ganz Gro\u00dfen der Diakonie erinnern. Man muss gar nicht fromm sein, um so etwas zu brauchen. Andenken, Devotionalien, Talismane\u2026Auf meinem Schreibtisch liegt ein kleiner, violetter Stein, den ich von einem Seminar mitgebracht habe \u2013 vollgepackt mit guten W\u00fcnschen der anderen f\u00fcr mich. Ich denke daran, wann immer ich ihn sehe.<\/p>\n<p>Es muss ganz sch\u00f6n Angst gemacht haben, es muss weh getan haben, als in der Reformationszeit der Bildersturm begann. Als die Kreuzwege zerschlagen und die Marienfiguren aus den Kirchen geworfen wurden, die Fresken \u00fcbermalt und das Gold von den Alt\u00e4ren eingeschmolzen. Aber ich kenne auch das andere Gef\u00fchl, wenn pl\u00f6tzlich vor meinen Augen all diese Dinge, die mir so lieb und heilig sind, zu Plunder werden. Weil sie nur von der Vergangenheit erz\u00e4hlen. Von den gro\u00dfen Zeiten der M\u00e4rtyrer und Diakoniker. Tausendmal erz\u00e4hlte Geschichten. Eingefrorene Gef\u00fchle, Scherben einer zerbrochenen Hoffnung, Kopien des verschwundenen Originals. Weil eben das Foto die Wirklichkeit nicht ersetzt!<\/p>\n<p>\u201eDer Gekreuzigte ist nicht hier, er ist auferstanden\u201c, sagen die wei\u00df gekleideten M\u00e4nner am Grab.\u201c \u201eDu sollst Dir kein Bildnis machen von Gott\u201c, hei\u00dft es gleich am Anfang der Gebote. Immer und immer wieder verweist uns der Glaube auf die unbekannt, die fremde Wirklichkeit. Zerschl\u00e4gt die Bilder, nimmt uns die Landkarten aus der Hand, lockt auf neue und unbekannte Wege. Mutet uns die Zukunft zu. Die Stimme am Dornbusch. Der G\u00e4rtner, der Maria begegnet. Der Fremde auf dem Weg nach Emmaus. Die Stimme, die Saulus st\u00fcrzen l\u00e4sst \u2013 und schlie\u00dflich zum Paulus macht. Glaube \u2013 das hei\u00dft, sich einlassen auf diese Stimme. Auf die Zukunft, die Gott mit uns gestalten will. Glaube hei\u00dft: Hoffen, dass er es gut meint \u2013 weil schon andere das so erfahren haben. Oder weil ich selbst das schon so erlebt habe.<\/p>\n<p>\u201eGeht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen\u201c, schreibt die franz\u00f6sische Sozialarbeiterin Madeleine Delbrel, \u201egeht, ohne an M\u00fcdigkeit zu denken, ohne Plan von Gott, ohne Bescheid wissen \u00fcber ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek \u2013 geht so auf die Begegnung mit ihm zu.<\/p>\n<p>Brecht auf ohne Landkarte \u2013 und wisset, dass Gott unterwegs zu finden ist und nicht erst am Ziel. Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines banalen Lebens.\u201c<\/p>\n<p>Gott suchen, auf Gott hoffen, das hei\u00dft, sich von den alten Bildern l\u00f6sen. Damit rechnen, dass er ganz anders aussieht. Hinausgehen in den Nebel, wo er uns begegnen wird. Wie ein Schleier, der f\u00e4llt. Ein Aha-Erlebnis, ein pl\u00f6tzliches Verstehen, das die bisherigen Fakten neu sortiert. Darum ging es neulich in dem Krimi um Professor T. mit Matthias Matschke. Im H\u00f6rsaal der K\u00f6lner Uni spricht der Professor mit seinen Studenten \u00fcber gute Ermittlungsarbeit. Und macht deutlich: Es geht um mehr als um Fakten. Es geht darum, den Raum zwischen den Fakten, die Bruchstellen des Lebens, mit den richtigen Fragen zu f\u00fcllen. Das braucht Offenheit und Einf\u00fchlungsf\u00e4higkeit, Erfahrung und Gespr\u00e4che. Und vielleiht auch einen Sinn f\u00fcr die unsichtbare Welt. Jedenfalls ist das bei Professor T. so \u2013 und, das f\u00e4llt mir jetzt erst auf, auch beim Kriminalisten aus Berlin. Sie kommen der Wirklichkeit auf die Spur, weil bei ihnen die Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren d\u00fcnn ist.<\/p>\n<p>\u201eEs ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht\u201c, hei\u00dft es im Hebr\u00e4erbrief. \u201eHoffen ist viel mehr als W\u00fcnschen, und oft verwechseln wir das eine mit dem anderen\u201c, schreibt Madeleine Delbrel. \u201eW\u00fcnschen hei\u00dft im Allgemeinen, nach bestimmten Dingen zu verlangen. Hoffen hei\u00dft, voll Vertrauen auf etwas zu warten, das man nicht kennt, aber es von jemandem zu erwarten, dessen Liebe man kennt. Man empf\u00e4ngt in dem Ma\u00df, wie man hofft.\u201c<\/p>\n<p>Gerade in Umbr\u00fcchen brauchen wir diese Hoffnung. Ihre Wirkkraft ist unsere Tatkraft. Weil Gott uns entgegenkommt aus dem Nebel der Zukunft, weil das Leuchten des neuen Morgens schon zu sehen ist im Grau, darum k\u00f6nnen wir zuversichtlich sein: der kommt ist der, dessen Liebe wir kennen. Was k\u00f6nnen wir tun, um uns und anderen den R\u00fccken zu st\u00e4rken auf dem Weg? Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren jeden Morgen \u00fcber die Autobahn nach D\u00fcsseldorf hineingefahren bin. Das war, bevor es Handys gab \u2013 und es war immer Stau. Vor allem aber gab es kaum Schilder am Rand, sodass ich oft in Regen, Stau und Nebel nicht wusste, wo ich war und wie lange ich noch brauchen w\u00fcrde. Heute erz\u00e4hlen Schilder an der Autobahn von den Sehensw\u00fcrdigkeiten in der Landschaft. Von Kl\u00f6stern, Seen und alten Ortschaften. Das hilft, den Mut nicht zu verlieren \u2013 genauso wie das Handy mit der Verbindung zu Freunden.<\/p>\n<p>Ich nehme diese Erinnerung als Hinweis. Wenn es schwerf\u00e4llt, die Hoffnung aufrecht zu halten, dann brauchen wir Freunde auf dem Weg. Und wir brauchen die Bilder, Hinweise und Geschichten, die unseren Alltag ber\u00fchren. Von historischen Pers\u00f6nlichkeiten, von Autorinnen und Autoren, aus dem Kirchenjahr. Lichterketten im Dunkeln, die uns Orientierung geben. Viel muss es gar nicht sein &#8211; vielleicht im Gegenteil. Vergessen wir nicht: das Neue beginnt oft ganz unerwartet. Und anders, als wir denken.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Rothenburg 2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3851\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":86,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3851","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3851"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3851"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3851\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3853,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3851\/revisions\/3853"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}