{"id":3837,"date":"2018-05-22T08:40:02","date_gmt":"2018-05-22T08:40:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3837"},"modified":"2019-01-21T13:18:58","modified_gmt":"2019-01-21T12:18:58","slug":"theologie-der-zusammenarbeit-von-beruflich-und-ehrenamtlich-engagierten-entwicklung-der-letzten-fuenf-jahre","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3837","title":{"rendered":"\u201eTheologie der Zusammenarbeit von beruflich und ehrenamtlich Engagierten \u2013 Entwicklung der letzten f\u00fcnf Jahre\u201c."},"content":{"rendered":"<ol>\n<li><strong>Glauben verwalten- Glauben ausstrahlen: Kirche im Spannungsfeld<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Theologie des Kreuzes und Theologie der Herrlichkeit \u2013 mit Luthers Begriffspaar aus der Heidelberger Disputation von 1518 hat sich der Ratsvorsitzende in einem Artikel mit der FAZ auseinandergesetzt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dabei ging es ihm angesichts der Debatte um Kreuze in bayerischen Amtsstuben um das Staats-Kirche-Verh\u00e4ltnis in Deutschland, aber eben auch um das Selbstverst\u00e4ndnis der Kirche in unserem Staat. \u201eEine Kirche, die ihre eigene Selbstbezogenheit gar nicht mehr wahrnimmt und den Glauben eher verwaltet als wirklich ausstrahlt und so in immer gr\u00f6\u00dfere Distanz zu den Menschen unserer Zeit ger\u00e4t, das w\u00e4re eine Kirche, die auf Herrlichkeit setzt statt auf das Kreuz.\u201c Er leitet daraus eine ganze Reihe konkreter Herausforderungen f\u00fcr die kommenden Jahre ab. Drei davon will ich hier nennen:<\/p>\n<p>Erstens: \u201eDie Orientierung an Christus verlangt Menschenn\u00e4he. Was aber macht eine Kirche, die ihre Erreichbarkeit f\u00fcr alle in der Fl\u00e4che oft nur auf Kosten der Gesundheit der Hauptamtlichen einigerma\u00dfen aufrechterhalten kann?\u201c<\/p>\n<p>Zweitens: \u201eDie Liebe Gottes gilt allen Menschen unabh\u00e4ngig von ihren jeweiligen lebensweltlichen Hintergr\u00fcnden. Die Zusammensetzung der Entscheidungsgremien spricht in ihrer Pr\u00e4gung durch bestimmte Milieus eine andere Sprache. Was macht eine Kirche, die\u2026 f\u00fcr sehr verschiedene Menschen Angebote entwickeln will, deren Entscheidungsgremien aber in der Regel nur einen Teil der Vielfalt der Lebenskulturen abbilden?\u201c<\/p>\n<p>Drittens: \u201eDie Kirche ist als der \u201eLeib Christi\u201c eine Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern. Was macht eine Kirche, die von diesem Selbstverst\u00e4ndnis her nur eine sehr flache Hierarchie braucht, aber mit Gemeinden, Dekanaten und Kirchenkreisleitungen, Landeskirchenleitungen und der EKD als Gemeinschaft der Gliedkirchen nach Leitungsebenen durchgestaffelt ist?\u201c<\/p>\n<p>Zum Schluss macht er deutlich, \u201edass die organisatorischen Fragen viel mehr, als das bei fr\u00fcheren Reformbem\u00fchungen erkennbar geworden ist, in eine geistliche Erneuerung eingebettet sein m\u00fcssen, in eine Besinnung auf glaubw\u00fcrdige Sprache, tragende Fr\u00f6mmigkeit und ein klares Engagement f\u00fcr den N\u00e4chsten. Wir m\u00fcssen als Kirche ausstrahlen, wovon wir sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Auch wenn der Begriff \u201eEhrenamt\u201c hier nicht explizit vorkommt \u2013 in der Sache geht es genau darum. Um die Rolle der Ehrenamtlichen in Gemeinde, Quartier und Nachbarschaften, aber auch um die Ehrenamtlichen in Leitungsgremien, um das Verh\u00e4ltnis von Haupt \u2013 und Ehrenamt, von Geschwisterlichkeit und Organisation. Und auch, wenn es um die geistliche Erneuerung geht, sind die Ehrenamtlichen angesprochen. Im einer Arbeitsgruppe der Ehrenamtsreferenten haben wir vor f\u00fcnf Jahren festgestellt: Alle kirchlichen Aufbr\u00fcche, die durch Laienbewegungen gepr\u00e4gt waren, haben besondere Akzente in geistlichem Leben und sozialem Engagement gesetzt. Diakonie- und Jugendarbeit im neunzehnten Jahrhundert genauso wie Erwachsenenbildung, Friedensbewegung oder der konziliare Prozess im zwanzigsten. Es sind die ehrenamtlich Engagierten, es ist die \u201eKirche als Bewegung\u201c, die der Kirche als Organisation immer neue Impulse gibt.<\/p>\n<p>Die sogenannte Amtskirche braucht Menschen, die die Organisation von au\u00dfen sehen k\u00f6nnen, Menschen aus unterschiedlichen lebensweltlichen Hintergr\u00fcnden, die andere berufliche Erfahrungen und Kompetenzen einbringen und die mit ihrer Kritik auch einmal \u201eden Betrieb aufhalten\u201c. In den Kammern und Kommissionen von EKD und Landeskirchen arbeiten Wissenschaftlerinnen und Unternehmer, Politiker und Politikerinnen aller Couleur mit. K\u00fcrzlich gab die EKD eine Pressemeldung heraus, in der es hie\u00df, zwei \u201eKirchenleute\u201c seien in die Rentenkommission berufen worden. Und w\u00e4hrend ich im Geist die Reihe der Bisch\u00f6fe und Abteilungsleiterinnen durchging, las ich, dass es sich um Hermann Gr\u00f6he und Gert Wagner handelte. Ob sie sich selbst als Kirchenleute bezeichnen w\u00fcrden? Ich bin mir nicht so sicher. Liegt nicht vielleicht der Charme solcher Ehrenamtlichen gerade darin, dass sie als Person nicht eindeutig der einen oder anderen Funktion zuzuordnen und gerade darum als Br\u00fcckenbauer glaubw\u00fcrdig sind? Diese Br\u00fcckenbauer wahrzunehmen, scheint mir allerdings eine wesentliche Aufgabe f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist, dass das auf EKD-Ebene und in den Landeskirchen noch gelingt. Aber die Mitglieder in kommunalen Aussch\u00fcssen und an runden Tischen der B\u00fcrgerkommunen, die Aufsichtsr\u00e4te in Diakonischen Unternehmen, die Leitungen der Tafeln oder Hospizdienste kommen selten als \u201eKirchenleute\u201c in den Blick. Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass sie zumeist der Diakonie oder kirchlichen Verb\u00e4nden zugeordnet sind. Daraus resultiert auch die Milieuverengung, von der der Ratsvorsitzende in seinem Artikel spricht. Und es hat Konsequenzen \u2013 nicht nur f\u00fcr den Zugang zu Entscheidungsgremien, sondern auch f\u00fcr Fortbildungsangebote, wechselseitige Erwartungen und liturgische Einf\u00fchrungen. Wer eigentlich gemeint ist, wenn eine Landeskirche ein Ehrenamtsgesetz beschlie\u00dft, dar\u00fcber haben wir vor drei Jahren in einer bunt gemischten Arbeitsgruppe in Karlsruhe nachgedacht.<\/p>\n<p>Mir ist bewusst, dass nicht alle, die sich bei den Tafeln, in Hospizen, in der Gospelbewegung oder als Kirchenkuratoren engagieren, Kirchenmitglieder sind. H\u00e4ufig hatten sie sich schon lange der Kirche entfremdet oder waren ohnehin nie Mitglieder. Hier\u00fcber hat es teilweise heftige Debatten gegeben: Wie viel Teilhabe darf ihnen gew\u00e4hrt werden, wie viel Verantwortung d\u00fcrfen sie in kirchlichen Strukturen \u00fcbernehmen? Kann nicht gerade das Engagement in der Gemeinde den Weg zur Mitgliedschaft, ja sogar zur Taufe ebnen? Wenn man die Einsicht ernst nimmt, dass Glaube immer nur prozessual geschieht und dass Areligiosit\u00e4t auch unter Kirchenmitgliedern vorhanden ist, dann wird es absurd, ausschlie\u00dflich bin\u00e4r zwischen Mitgliedschaft und Nichtmitgliedschaft zu unterscheiden, so Hans-Martin Barth.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Nach dem j\u00fcngsten Urteil des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs wird das im Blick auf beruflich Mitarbeitende gerade durchdekliniert. Es ist wohl zu fr\u00fch, nun auch \u00fcber eine gestaffelte Mitgliedschaft oder eine Mitgliedschaft auf Probe nachzudenken. Aber dass das Engagement eine gro\u00dfe Chance bietet, auch \u00fcber Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch zu kommen, zeigt die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> So geben immerhin zweiundzwanzig Prozent der ehrenamtlich Engagierten an, dass sie mit anderen \u00fcber religi\u00f6se Fragen sprechen. Bei den Nichtengagierten sind es weniger als 10 Prozent.<\/p>\n<p>Heinzpeter Hempelmann vergleicht die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung und die Sinus-Studie f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und zieht dann folgende Bilanz: Es gibt eine hohe Verbundenheit mit der Kirche ohne aktive Praxis. Das spricht \u00fcbrigens dagegen, das ehrenamtliche Engagement als Teil der Lebensordnung zu begreifen, wie es in Baden auch diskutiert wurde. Es gibt aber auch eine hohe Verbundenheit mit dem christlichen Glauben und einer entsprechenden ehrenamtlichen Praxis bei deutlicher Distanz zur verfassten Kirche. Wer die unterschiedlichen Engagement- und Ehrenamtsstatistiken vergleicht &#8211; vor allem die kirchliche Auswertung des Freiwilligensurveys (FWS) von 2014<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> einerseits und die EKD-eigene Ehrenamtsstatistik andererseits \u2013 wei\u00df das: Das kirchliche Ehrenamt ist nur ein Ausschnitt des Engagements von Christinnen und Christen. Welche Chancen darin stecken, wenn die Kirche als Organisation sich f\u00fcr die Engagierten in Vereinen, Schulen, Initiativen und damit auch f\u00fcr andere gesellschaftliche Wirklichkeiten \u00f6ffnet, das haben wir gerade in der Fl\u00fcchtlingsarbeit erlebt. Interessanterweise gab es kaum Spannungen zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Im Gegenteil. Ehrenamtliche haben deutlich gemacht, wie sehr sie auf hauptamtliche Strukturen angewiesen sind und Hauptamtliche haben sich f\u00fcr Fortbildung und Supervision von Ehrenamtlichen eingesetzt. Ob es eine Rolle spielt, dass es in diesem Arbeitsfeld noch keine festgeschriebenen Rollen und Standards, keine eingefahrenen Konflikte und auch keine \u00c4ngste vor Stellenstreichungen gab?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Verh\u00e4ltnis von Glaube und Engagement: In seinem Buch \u201eReligi\u00f6se Kommunikation und soziales Engagement\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> zeigt Gerd Wegner, dass die wichtigste Erwartung an die Kirche nach wie vor in ihrem sozialen Engagement liegt, w\u00e4hrend das Gespr\u00e4ch \u00fcber den Glauben nur f\u00fcr bestimmte Gruppen in der Kirche wichtig ist. Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr die Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen. Die j\u00fcngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt aber, wie soziale und religi\u00f6se Kommunikation ineinandergreifen. Dazu passt ein Befund des SI-Gemeindebarometers<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>: Allen Aktiven in der Gemeinde sind Gemeinschaft und Kontakt zu anderen besonders wichtig. Das gilt in besonderer Weise f\u00fcr die Ehrenamtlichen in Leitungsfunktionen. Die haben \u00fcbrigens auch mit Abstand am h\u00e4ufigsten das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden und ihre F\u00e4higkeiten einbringen zu k\u00f6nnen. Leider gilt das nur f\u00fcr eine Minderheit der ehrenamtlich Engagierten an der Basis. Die meisten sind sich der Anerkennung in der Gemeinde nicht sicher.<\/p>\n<p>Nun sind ja die meisten Mitglieder der Gemeindeleitungen selbst ehrenamtlich \u2013 und das SI-Gemeindebaromenter zeigt: In der Regel waren sie auch vorher schon ehrenamtlich engagiert. Das ist der Grund, warum sie angesprochen und dann auch gew\u00e4hlt wurden. Was \u00e4ndert sich eigentlich mit ihrer Wahl \u2013 in ihrem F\u00fchrungsverst\u00e4ndnis? Oder auch in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis als Ehrenamtliche? Gemeinschaftsbezogene Aspekte spielen weiterhin eine gro\u00dfe Rolle &#8211; \u00fcbrigens gibt es da keine gro\u00dfen Unterschiede zwischen Ehren- und Hauptamtlichen. Schaut man aber auf die Bedeutung von Strategien und Zielsetzungen f\u00fcr die Gemeinde, dann zeigt sich: Diese Erwartung haben vor allem die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen, die eine Funktion in der Gemeinde- oder Kirchenleitung haben &#8211; mehr als andere Engagierte und interessanterweise weit mehr als Pfarrerinnen und Pfarrer. Nur ein F\u00fcnftel der Befragten beim SI-Gemeindebarometer bejaht aber den Einsatz professioneller Freiwilligenmanager &#8211; gemessen an den landeskirchlichen Projekten und Fortbildungen in diesem Bereich erschreckend wenig. W\u00e4ren hier nicht gerade die ehrenamtlichen Mitglieder der Gremien gefragt &#8211; nicht unbedingt als Freiwilligenmanager, wohl aber, als Unterst\u00fctzer? Was geschieht mit den Erfahrungen, die sie als \u201eganz normale Ehrenamtliche\u201c gemacht haben? Ehrenamtskoordination sollte eine Funktion der Gemeindeleitung werden und eng mit den Aufgaben und Funktionen des Kirchenvorstands verbunden sein. Ehrenamtskoordination kann eine ehrenamtliche Funktion sein \u2013 sie sollte aber in jedem Fall professionell angegangen werden. Um dies zu gew\u00e4hrleisten, ohne dass die Verantwortlichen zeitlich \u00fcberfordert werden, lassen sich diese Aufgaben am besten in einem Team von Haupt- und Ehrenamtlichen umsetzen. Das ist eines der Ergebnisse der Modellstudie in W\u00fcrttemberg.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Die Frage, ob bzw. wie Ehrenamtliche den \u201eHauptamtlichen\u201c, insbesondere Pfarrerinnen und Pfarrern, \u201ezugeordnet\u201c sind, ist eine der Schl\u00fcsselfragen des ehrenamtlichen Engagements in der Kirche. Am Beispiel der Pr\u00e4dikanten, die ehrenamtlich eine geistliche Aufgabe wahrnehmen, wurde das in den lutherischen Kirchen \u2013 nicht zuletzt im \u00f6kumenischen Kontext &#8211; hei\u00df diskutiert. Versteht man, wie es in unierten Kirchen der Fall ist, die Pfarrerinnen und Pfarrer als in ihrem Dienst dem Kirchenvorstand\/Presbyterium zugeordnet, so sind es diese Ehrenamtlichen, die \u2013 als \u201epresbyteroi\u201c &#8211; das Amt der Gemeindeleitung und damit auch den Auftrag der Ehrenamtskoordination innehaben. Das unterstreicht die inzwischen weitgehend akzeptierte Einsicht, dass alle beruflich Mitarbeitenden, einschlie\u00dflich der Pfarrerinnen und Pfarrer, die ehrenamtlichen Gemeindemitglieder in ihrem Engagement unterst\u00fctzen, sie qualifizieren und ihre Kompetenzen wahrnehmen und f\u00f6rdern sollen. So betrachtet, ist evangelische Kirche im Kern \u201eEhrenamtskirche\u201c. Solche \u00dcberlegungen werden zurzeit auch deshalb wieder relevant, weil die Zahl der beruflich Mitarbeitenden in der \u201everfassten Kirche\u201c aufgrund schwindender Ressourcen in Kirche und Staat abnimmt und die kleiner werdende Kirche in einer s\u00e4kularen und sich religi\u00f6s pluralisierenden Gesellschaft wieder mehr auf die \u00dcberzeugungskraft ihrer Mitglieder angewiesen ist. Die Erfahrung schrumpfender Ressourcen und notwendiger Umstrukturierungsprozesse hat allerdings auch dazu gef\u00fchrt, dass der Kampf um Einfluss, Mittel und Selbstverst\u00e4ndnisse zwischen den verschiedenen \u201eAmtstr\u00e4gern\u201c der Kirche wieder zunimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Kirchliches Engagement in der Zivilgesellschaft<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In seinem eingangs erw\u00e4hnten Artikel hat der Ratsvorsitzende auch die Diastase zwischen Kirche und akademischer Theologie beklagt. Ein Blick in das letzte Heft von \u201eVerk\u00fcndigung und Forschung\u201c vom Januar 2018 zum Thema \u201eKirchenreform als praktisch-theologische Herausforderung\u201c zeigt, dass das Thema Ehrenamt dabei kaum explizit Thema geworden ist. Immerhin liegt ein Fokus auf Quartiersentwicklung. Dabei bet\u00e4tigen sich gerade die ehrenamtlich Engagierten \u00fcber die Gemeindearbeit hinaus h\u00e4ufig in anderen Feldern, die Gemeinden sind gut in ihrem lokalen Umfeld verankert. Dass die Gemeinschaftsorientierung an erster Stelle steht, f\u00fchrt also nicht zu einer Abschottung von der \u201aAu\u00dfenwelt\u2018 \u2013 im Gegenteil. Gerade die Gremienmitglieder sind gut vernetzt.<\/p>\n<p>Leider gelingt es aber noch zu wenig, das Thema \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> aufzunehmen &#8211; die neue Form des Engagements, die sich in Quartiersprojekten und Familienzentren, in Seniorenwohngemeinschaften, Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilzentren entwickelt. Themen, die \u00fcber lange Zeit als Frauenthemen begriffen wurden &#8211; Familie, Erziehung, Nachbarschaft und Pflege &#8211; r\u00fccken in den gesellschaftlichen Fokus. Lange Zeit waren die Kirchengemeinden mit dem Dreiklang Kinder, K\u00fcche, Kirche zentrale Orte f\u00fcr sorgende Gemeinschaften \u2013 auch wenn der Begriff nicht gebraucht wurde. Aber die Frauenhilfen leisteten Hilfe zur Selbsthilfe \u2013 mit N\u00e4hstuben und Mittagstischen, mit Integrationsprojekten f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, mit Kinderg\u00e4rten und h\u00e4uslicher Pflege. Heute fehlt ihnen der Nachwuchs; die j\u00fcngeren Frauen von heute selbst auf Unterst\u00fctzung angewiesen, um ihren Alltag mit Familie und Beruf durchhalten zu k\u00f6nnen. Leihoma-Projekte sind deshalb en vogue. Die jungen Alten sind gefragt \u2013 auch in den Sorgenden Gemeinschaften. Aber so wie die Frauenhilfen damals mit Gemeindeschwestern zusammenarbeiteten, so brauchen auch die Sorgenden Gemeinschaften von heute Sorgestrukturen. Hier liegen besondere Chancen f\u00fcr die Kirchengemeinden, die \u00fcber R\u00e4ume, verl\u00e4ssliche Strukturen und hauptamtliche Unterst\u00fctzung verf\u00fcgen. Damit daraus ein Ganze wird, w\u00e4re es n\u00f6tig, die sozial Engagierten an der Basis mit den Leitungsgremien zusammen zu bringen, Konzepte f\u00fcr die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Diakonie zu entwickeln und auch die Aufgaben der Hauptamtlichen neu auszurichten. Hier sehe ich ein erhebliches Defizit.<\/p>\n<p>Denn jetzt kommen eben doch Spannungen, \u00c4ngste und Missverst\u00e4ndnisse ins Spiel. Ein Grund ist das unterschiedliche Verst\u00e4ndnis von Ehrenamt als Leitungsaufgabe in der Institution und Engagement als freiwilliger Dienst in Nachbarschaft oder Quartier \u2013 hier begegnen sich altes und neues Ehrenamt in der Gemeinde. Ein anderer Grund: Strategie und Schwerpunktentwicklung, auch Kooperation kann nur gelingen, wenn man sich gemeinsam \u00fcber Zielsetzungen und Priorit\u00e4ten klar wird. Wo die beruflich Mitarbeitenden wie die finanziellen Ressourcen weniger werden, entstehen dabei auch Konflikte und Konkurrenzen zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Ehrenamtliche K\u00fcster sind l\u00e4ngst keine Seltenheit mehr. Ganze Gemeindegruppen putzen ihre Kirchen, schm\u00fccken sie, sorgen f\u00fcr Altarblumen. Das kann inspirierend und gemeinschaftsf\u00f6rdernd sein, aber es muss nicht der Normalfall werden. Auch f\u00fcr die Aufgaben der Gemeindesekret\u00e4rin oder zur Unterst\u00fctzung der Sorgenden Gemeinschaften werden inzwischen 450-Euro-Kr\u00e4fte eingestellt. Lassen sich vielleicht kleine Aufgaben neu koppeln? Und wie gehen wir um mit der Grauzone zwischen dem Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen um? Auf der EKD-Ehrenamtswebsite<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> ist der wichtigste Diskussionspunkt. Wer es sich nicht leisten kann, nur f\u00fcr die Ehre zu arbeiten, bleibt jedenfalls oft drau\u00dfen &#8211; ausgeschlossen von den prestigetr\u00e4chtigen Ehren\u00e4mtern in den Leitungsgremien, die ja oft auch soziale Netzwerke erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Christoph Meyns, inzwischen Bischof in Braunschweig, hat sich in seiner Dissertation mit dem Verh\u00e4ltnis von Kirchenreform und betriebswirtschaftlichem Denken auseinandergesetzt<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>. Es geht ihm darum, \u201enicht einseitig die Organisationsseite der Kirche zu professionalisieren, sondern den synergetisch wirksamen Gesamtzusammenhang religi\u00f6ser, interaktionaler und organisationsf\u00f6rmiger Kommunikationsprozesse zu st\u00e4rken\u201c (S. 139). Mich erinnert das an die K\u00f6lner \u00d6kumenische Tagung zum ehrenamtlichen Engagement im Jahr 2009. Da forderten die Engagierten eine st\u00e4rkere Beteiligung an Entscheidungsverfahren \u00fcber die Zusammenlegung von Seelsorgebezirken und Kirchenkreisen. Da war viel Ohnmacht und Frust im Raum \u2013 auf evangelischer wie auf katholischer Seite.<\/p>\n<p>\u201eKirchen schlie\u00dft man nicht &#8211; Aufbruch statt Abbruch\u201c hei\u00dft eine Stadtteiltagung, die demn\u00e4chst in D\u00fcsseldorf stattfindet. Da geht es um den Zusammenhang zwischen Immobilie und Nachbarschaft, Planung und sozialen Netzen, Gemeinde und Diakonie. Und es ist klar: solche Prozesse k\u00f6nnen nur gemeinsam gelingen. Denn Ver\u00e4nderungen m\u00fcssen von dicht gekn\u00fcpften Netzwerken getragen werden. Das Engagement in \u00fcberschaubaren, lebensweltlichen Kontexten macht die St\u00e4rke der Gemeinden aus. Aber alle Versuche, zivilgesellschaftliches Engagement zu kanalisieren, um es angesichts knapper Ressourcen effektiver zu gestalten, sto\u00dfen an Grenzen. Denn anders als im beruflichen Kontext, wo Hierarchie immer eine Rolle spielt, oder auf dem Markt, wo Wettbewerb und Effizienz z\u00e4hlen, geht es den Engagierten darum, sich pers\u00f6nlich einzubringen und sich mit dem eigenen Tun zu identifizieren. Sie wollen geh\u00f6rt werden, wenn die Dinge in die falsche Richtung laufen &#8211; wo das nicht geschieht, sind sie bitter entt\u00e4uscht. Wo Nachbarschaftsinitiativen stark sind, gelingt es auch, Drittmittel heranzuziehen. Wo die Angst vor Stellenabbau \u00fcberm\u00e4chtig wird, entsteht eine Abw\u00e4rtsspirale.<\/p>\n<p>Ein Seitenblick auf die Debatte um die Essener Tafel zeigt: Freiwilliges Engagement kann \u00f6ffentliche Verpflichtungen nicht ersetzen. Freiwillig Engagierte geben etwas Zus\u00e4tzliches: Zeit, Erfahrung und vor allem Innovationspotential! Ihre Freiheit und Kreativit\u00e4t und ihr Blick von au\u00dfen d\u00fcrfen nicht verspielt werden! Engagementagenturen, Freiwilligenb\u00fcros, Ehrenamtsmessen zeigen: Engagement ist institutions\u00fcbergreifend. Hauptberufliche sind mit ihrem Anstellungsverh\u00e4ltnis an Organisationen gebunden. Dass sie sich mehr und mehr als Unterst\u00fctzung der Freiwilligen sehen &#8211; mit Ehrenamtsstandards, Personalentwicklung, Supervisions- und Fortbildungsangeboten &#8211; das ist nicht zuletzt eine Reaktion auf das ver\u00e4nderte Bewusstsein von Engagierten in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Aber wie wesentlich ist denn nun der Kontakt zu Hauptamtlichen aus Sicht der Ehrenamtlichen? Bei einem Ehrenamtsworkshop in einem Mehrgenerationenhaus, in dem Engagierte und Interessierte aus ganz unterschiedlichen Engagementbereichen zusammengekommen waren, lief die Frage nach der Bedeutung Hauptamtlicher f\u00fcr ihre Arbeit nahezu ins Leere. Verglichen mit anderen Engagementbereichen wie Sport, Feuerwehr oder anderen Vereinen, aber auch mit Parteien und Initiativen spielen Hauptamtliche in Kirche und Diakonie wie auch in Kinderg\u00e4rten oder Schulen eine erstaunlich gro\u00dfe Rolle. Unstrittig ist dabei die Rolle der Pfarrer und Pfarrerinnen als herausgehobene hauptamtliche Kontaktperson. In der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung V hatten insgesamt 40 Prozent der Evangelischen im letzten Jahr einen direkten Kontakt, unter den Engagierten 90 Prozent. Pfarrerinnen und Pfarrer sind Generalisten, sie repr\u00e4sentieren die Organisation in vielen Feldern und haben auch deshalb eine Schl\u00fcsselrolle bei der Gewinnung von Ehrenamtlichen &#8211; vielleicht einer der Gr\u00fcnde, weshalb sich viele mit der Rolle als Ehrenamtskoordinator ringen. Die Kontakte zu den anderen Hauptamtlichen sind erheblich geringer. Die Gemeindesekret\u00e4rinnen rangieren dabei auch bei den Distanzierten an vorderster Stelle &#8211; bei allen Evangelischen mit 19 Prozent, bei den Ehrenamtlichen zusammen mit den Mitarbeiterinnen in der Jugend-, Familien-, Senioren- oder kirchlichen Sozialarbeit mit jeweils fast 62 Prozent. Das sagt noch nichts \u00fcber die Beziehung selbst, aber es unterstreicht die hohe Bedeutung der Kommunikation zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Fr\u00fchere Untersuchungen zeigen, dass diejenigen, die sich im sozialen Ehrenamt engagieren, sich zwar unterst\u00fctzt f\u00fchlen, aber noch immer zu selten den Eindruck haben, dass der Kontakt tats\u00e4chlich auf Augenh\u00f6he stattfindet.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Von einem komplizierten Kontakt mit einem Pfarrer erz\u00e4hlt B\u00e4rbel Mohr in dem Buch \u201eArbeitslos und trotzdem gl\u00fccklich\u201c, das ich im Kontext einer Tagung zur Langzeitarbeitslosigkeit gelesen habe. Da geht es genau um die Personen, die in den Gemeinden oder gar in den Gremien kaum vorkommen. Ehrenamtliche T\u00e4tigkeiten, schreibt sie, h\u00e4tten ihrem Selbstbewusstsein einen ordentlichen Schub verliehen. \u201eWann kann ich schon im Job sagen, was ich f\u00fcr richtig halte, ohne dabei ein Blatt vor dem Mund zu nehmen? Ist es nicht so, dass man sich als Angestellter oft nicht taut, die eigene Wahrheit zu \u00e4u\u00dfern? Schlie\u00dflich steht der Job auf dem Spiel. Dann lieber kuscheln und nichts sagen. Brauchst Du alles nicht, wenn du ehrenamtlich arbeitest. Da kannst du Klartext reden, wenn sich etwas unstimmig anf\u00fchlt. Das muss man allerdings auch erst einmal lernen. Selbst wenn nichts auf dem Spiel steht, ist es nicht so einfach, f\u00fcr sich selbst einzustehen. Erst mal wirken noch die Gewohnheiten von fr\u00fcher: Der Chef wird es schon wissen.\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rbel Mohr erz\u00e4hlt von einem Einsatz als Lese-Oma in einer Tageseinrichtung, von einer Vorleseausbildung \u00fcber die Freiwilligenagentur der AWO und auch vom Einlesen von B\u00fcchern und Zeitschriften f\u00fcr Blinde und sehbehinderte Menschen. \u201eIrgendwann stellte man mir dann auch Mikro und Aufnahmeger\u00e4t zur Verf\u00fcgung, um zu Hause weiterzuarbeiten. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, setzte ich mich an meinen Computer und sprach mit gro\u00dfem Spa\u00df H\u00f6rb\u00fccher auf. Hier kam es zu einer herausfordernden Situation, in der ich \u00fcben durfte, zu mir zu stehen.\u201c Es ging um eine Kirchenzeitung f\u00fcr Blinde. Das Problem: Obwohl die Bl\u00e4tter nur monatlich oder zweiw\u00f6chentlich erschienen, erhielt ich die Texte erst am Abend vorher. Das bedeutete unweigerliche Nachtschicht\u2026 Also sprach ich mit dem Pfarrer, von dem ich die Texte erhielt. Ich bat ihn, sie ein bis zwei Tage fr\u00fcher zu besorgen, so dass ich das Aufsprechen tags\u00fcber erledigen konnte. Aber warum auch immer \u2013 ich bekam die Texte weiterhin genauso so sp\u00e4t. Als ich dem Pfarrer mitteilte, dass ich das nun nicht mehr mitmachen w\u00fcrde, sagte er: Das k\u00f6nnen Sie doch gar nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, dass Sie die Blinden so im Stichlassen. Er hatte offenbar kein schlechtes Gewissen dabei, mich auszunutzen.\u201c, schreibt Mohr. Und sie f\u00e4hrt fort: \u201eDeshalb habe ich dem Herrn Pfarrer freundlich, aber klar Lebewohl gesagt. Du musst nichts als ehrenamtliche Kraft. Das ist eines der gro\u00dfen Geschenke: Du kannst dich selbst erproben. Du kannst dich selbst neu kennenlernen. Du kannst deine Berufung finden.\u201c<\/p>\n<p>Es ist mir immer peinlich, spirituelle Begriffe wie Berufung und Erf\u00fcllung im Kontext berechtigter Kirchenkritik zu h\u00f6ren. Die Kirche erscheint hier als Organisation, die Leistung erwartet, ohne die Gesch\u00e4ftsbeziehung zu kl\u00e4ren. Und w\u00e4re das nicht der erste Schritt: zu kl\u00e4ren, was jeder und jede erwartet und worin der Gewinn f\u00fcr beide Seiten liegt, ehe wir Worte wie Gewissen oder auch Br\u00fcderlichkeit im Mund f\u00fchren? Der Gewinn im Ehrenamt besteht in Beziehungen, Kompetenzerweiterung, \u201eVertiefung des eigenen Weges\u201c, Gestaltung von \u00dcberg\u00e4ngen und Entwicklung von Netzen. Aber auch Ehrenamt braucht eine grundlegende \u00f6konomische Absicherung. Der Gewinn beruflicher T\u00e4tigkeit besteht in professioneller Verantwortung, \u00f6konomischer Sicherheit, Aufstiegsm\u00f6glichkeit. Aber auch berufliche Zufriedenheit ist auf Motivationserhalt, Bildungsangebote, Teamentwicklung angewiesen. Deswegen braucht es Rollen- und Strukturklarheit, aber auch Klarheit \u00fcber die Zielrichtung des eigenen Engagements. Und das gilt f\u00fcr alle Beteiligten. Denn unabh\u00e4ngig von der Frage, ob jemand auch beruflich bei der Kirche besch\u00e4ftigt ist, kommt es letztlich darauf an, ob die innere Motivation, hier mitzuarbeiten, tr\u00e4gt. Das Priestertum aller Getauften ist die Basis, auf der alles Weitere aufbaut.<\/p>\n<p>In dem Ehrenamtsworkshop, der mir noch ganz unmittelbar vor Augen steht, zeichneten alle Beteiligten ihre Engagementbiographie. Es waren bunte Bilder \u2013 B\u00e4ume mit Wurzeln, Zweigen und Bl\u00e4tterdach, Fl\u00fcsse mit Zufl\u00fcssen, Seen und Inseln, dynamische Str\u00f6me. Mal war es der Beruf oder Familie, aus denen sich ehrenamtliches Engagement entwickelte, mal hatten Teilnehmende auf dem Hintergrund ehrenamtlicher Erfahrungen Berufswechsel vollzogen. Am Ende konnte es die gleiche T\u00e4tigkeit sein, die einmal beruflich, einmal ehrenamtlich ausgef\u00fchrt wurde. Viele von uns kennen das. Ob wir den Gewinn solcher Seitenwechsel schon verstanden haben? Vielleicht hilft da ein Blick auf die obersten Leitungsgremien der Kirche oder die Aufsichtsr\u00e4te der Diakonie \u2013 hier wie da bringen auch die Ehrenamtlichen ihre volle funktionale und berufliche Kompetenz ein. Und es waren ja in der Evangelischen Kirche nicht zuletzt die Ehrenamtlichen in Leitungspositionen, die sich f\u00fcr neue Strategien und betriebswirtschaftliche Ausrichtung eingesetzt haben.<\/p>\n<p>Trotzdem l\u00e4uft, wenn wir vom Amt reden &#8211; vom Hauptamt und vom Ehrenamt- immer noch eine Kompetenzzuschreibung mit: hier die Professionalit\u00e4t der Bezahlten, dort das Engagement mit Herz. Bei seinem Vortrag 2013 ging es Eberhardt Hauschildt um eine bewusste Unterscheidung und den sensiblen Umgang mit der traditionellen Hierarchie von \u00c4mtern und Berufen, aber der Hierarchisierung von bezahlten und unbezahlten Kr\u00e4ften. Abgesehen vom Pfarramt ist beides meist nicht identisch. Und der Begriff des \u201eEhrenamts\u201c bringt eben zun\u00e4chst die neuzeitliche Unterscheidung zwischen beruflicher Arbeit und b\u00fcrgerschaftlichem Engagement in Kirche und Gesellschaft zum Ausdruck. Dabei ist \u00fcbrigens &#8211; wie bei den kirchlichen \u00c4mtern &#8211; auch ein Blick auf die Geschlechterhierarchie wichtig. Denn es sind noch immer zu 80% Frauen, die das soziale Engagement tragen &#8211; nicht nur in Kirche und Diakonie. Hauschildt hatte also die Organisationsseite mit ihrer Geschichte, die Institution mit der \u00c4mtertheologie im Blick, w\u00e4hrend Michael Herbst st\u00e4rker auf den geistlichen Aufbruch, die Entwicklung von Glaube und Gemeinschaft sah. Damit waren die beiden Pole der Kirchenreformdebatte im Gespr\u00e4ch. Denn jenseits der Amtsdebatte steht heute praktisch-theologisch die Orientierung an den Charismen und die Betonung des gemeinsamen Dienstes im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>Vielleicht auch deshalb ist neben dem R\u00fcckgriff auf das Priestertum und Diakonentum aller Getauften die Barmer Theologische Erkl\u00e4rung von 1934 eine Leitschnur f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber Ehren- und Hauptamt &#8211; bis hin zur Aufnahme in Ehrenamtsgesetze. \u201eDie Kirche als Gemeinde von Br\u00fcdern\u201c war der Slogan einer breiten Bewegung, die sich gegen eine von der Reichsregierung korrumpierte, hierarchische Organisation richtete. Der Gemarker Pfarrer Paul Humburg sagte im Mai 1934 in der Barmer Stadthalle, die bekennende Gemeinde habe die Pflicht, darum zu ringen, als Gemeinde das Herz der Welt zu sein. Aber nicht der geographische Raum z\u00e4hle, Erweckungslust und Ver\u00e4nderungsbereitschaft m\u00fcssten Raum gewinnen. Denn die Kirche sei nicht dazu da, nur die eigene Gemeinschaft zu pflegen oder ein unverbindliches Christentum als Gesellschaftsreligion zu st\u00fctzen. Ankn\u00fcpfend an Barmen sah Gollwitzer sp\u00e4ter die Zukunft der Kirche in einer Personengemeinschaft auf lokaler und regionaler Ebene, in sozialen Netzwerken, die \u00fcber die Parochie hinaus gehen, im Bekanntmachen des neuen Lebens &#8211; nicht nur in Worten, sondern auch in einem neuen Lebensstil. In der Volkskirche als hierarchischem Apparat mit ihrem Vorrang des kirchlichen Amtes vor den Charismen sah er Elemente der falschen Kirche. Gleichwohl blieb sie f\u00fcr ihn der Ort, an dem die wahre Kirche Ereignis werden kann &#8211; nicht zuletzt in der Begegnung mit Gruppen und \u00f6kumenischen Gemeinschaften, die neue Herausforderungen angehen. Dabei weisen Barmen III und IV die Richtung: von der Herrschaft zum Dienst, von der einsamen Spitze zur Anerkennung der Vielfalt, von der Verschlossenheit zur Teilhabe. Die Gemeinde von Schwestern und Br\u00fcdern ist eine offene Gemeinschaft, orientiert an der gemeinsamen Aufgabe, die \u00fcber die Grenzen von Geschlechtern und Altersgruppen, von Herkunft und Milieus hinaus geht und gerade auch die Leidenden und Benachteiligen einschlie\u00dft. Hier schlie\u00dft sich der Kreis zum FAZ-Artikel von Bedford-Strohm.<\/p>\n<p>Wie wird denn nun die Gemeinde von Br\u00fcdern und Schwestern erlebt? Welche Rolle spielt die geistliche Dimension im sozialen Engagement? Tr\u00e4gt die Gemeinschaft in den Initiativen, Gruppen oder im Kirchenvorstand so, dass auch Konflikte m\u00f6glich sind und dass ein offener Austausch \u00fcber Glaubensfragen stattfindet? Jeder kennt die Klage \u00fcber den Mangel an geistlicher Arbeit in den Kirchenvorst\u00e4nden. \u201eDarf\u2019s ein bisschen mehr sein?\u201c Darum ging es bei meiner Arbeitsgruppe auf einer Ehrenamtstagung der hessischen Diakonie und Kirchen vor zwei Jahren in Kassel. K\u00f6nnte es sein, dass nicht nur der Druck aus der Organisation, sondern auch die Exklusivit\u00e4t der Gruppe und festgelegte Kompetenzzuschreibungen unbefangene, pers\u00f6nliche Begegnungen &#8211; und damit auch Gottesbegegnungen erschwert? Dass die Sehnsucht nach spirituellen Erfahrungen durchkreuzt wird von der Angst vor Blo\u00dfstellung, mangelnder Kompetenz oder Konflikt? Beispiel daf\u00fcr ist \u201eAndacht\u201c zu Beginn einer Sitzung &#8211; die zugleich Er\u00f6ffnung des offiziellen Rahmens und Eintauchen in einen biblischen Kontext ist. Wenn alles gut geht, wird hier tats\u00e4chlich lebendige Kirche erfahren, kommen auch die Erfahrungen der Ehrenamtlichen zur Sprache. Wenn alles wie routiniert l\u00e4uft, wird genau diese Chance verpasst. Die Fortbildungen f\u00fcr Kirchenvorsteher in Hessen-Nassau nehmen dieses Thema auf. Ein anderes Beispiel ist die Einf\u00fchrung Ehrenamtlicher als Kirchenvorstand oder Gruppenleitung. Auch hier geht es um ein Doppeltes: um eine Segenshandlung als St\u00e4rkung und um die Hervorhebung und Best\u00e4tigung einer Funktion. Die Frage, wie es gelingen kann, in diesem Rahmen kraftvolle, lebendige und gemeinschaftliche Spiritualit\u00e4t zu erfahren zu lassen, ist nicht banal. Eine Einf\u00fchrung von Mitarbeitenden an der Tafel oder in der Fl\u00fcchtlingsarbeit ist noch immer selten &#8211; sie bietet aber die Chance, ihre Erfahrungen \u00f6ffentlich zu machen und zu wertsch\u00e4tzen \u2013 und auch andere aus ihrem Netzwerk als G\u00e4ste einzuladen.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele daf\u00fcr, dass Organisationsentwicklung und Geistlicher Aufbruch sich letztlich nicht trennen lassen. Wenn es darum geht, die spirituelle Dimension des eigenen Engagements wahrzunehmen, dann k\u00f6nnen beruflich Mitarbeitende geistliche Begleiter sein. Dass aber auch der Beruf des Pfarrers\/ der Pfarrerin nicht automatisch ein Anreiz zum Austausch \u00fcber Sinnfragen ist, zeigen die letzten KMU. Umgekehrt wird jeder hier Ehrenamtliche kennen, die f\u00fcr andere zu Vorbildern und Mentorinnen werden. Wichtiger als Haupt- oder Ehrenamt scheint mir, dass diese Rolle durch eine eigene reflektierte Erfahrung gedeckt ist. Deshalb sind Fortbildungsangebote so wichtig. Die Entdeckung von Charismen spielt dabei zurzeit eine gro\u00dfe Rolle. Genauso wichtig scheint mir die reflektierte Erfahrung von Gemeinschaft auch in Konfliktsituationen und die Entwicklung einer geschwisterlichen Haltung \u2013 eben von Augenh\u00f6he. Ich denke dabei gern an den Lettner, der in den vorreformatorischen Kirchen den Bereich der Geistlichen von dem der Gemeinde trennte. Die Reformation hat die Lettner abgebaut, aber in unseren K\u00f6pfen stehen sie oft noch. Es wird Zeit, die Sicht frei zu machen und die Wege zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Schwanenwerder, 16.5.18<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u201eDen Sinn des Kreuzes \u00f6ffentlich machen\u201c, FAZ, 10.5.18<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hans-Martin Barth, Konfessionslos gl\u00fccklich, S 119<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Evangelische Kirche in Deutschland, Engagement und Indifferenz, Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung \u00fcber Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Heinzpeter Hempelmann\/ Karen Hinrichs\/ Ulrich Heckel\/ Dan Peter (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer milieusensiblen Kirche. Die SINUS-Studie \u201eEvangelisch in Baden und W\u00fcrttemberg\u201c und ihre Konsequenzen f\u00fcr kirchliche Handlungsfelder, Neukirchen 2015 (Kirche und Milieu Bd. 2)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Julia Simonson, Claudia Vogel und Clemens Tesch-R\u00f6mer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland \u2013 Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254\">https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u201eReligi\u00f6se Kommunikation und soziales Engagement &#8211; Die Zukunft des liberalen Paradigmas\u201c; Leipzig 2016<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Potenziale vor Ort, Erstes Kirchengemeindebarometer, Leipzig 2015<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Gerhard Hess, Paul-Stefan Ross: \u201eRahmenbedingungen systematischer Ehrenamtsf\u00f6rderung: Beobachtungen und Erkenntnisse aus der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg\u201c, in: Cornelia Coenen-Marx. Beate Hofmann (Hg). Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche, Stuttgart 2017<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Thomas Klie: Caring Community \u2013 Verst\u00e4ndnis und Voraussetzungen von Verantwortungs\u00fcbernahme in lokalen Gemeinschaften, in: Beate Hofmann, Cornelia Coenen-Marx (Hg.): Drama, Symphonie oder Powerplay &#8211; Haupt- und Ehrenamt in der Kirche\u200e, Kohlhammer April 2017<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.evangelisch-Ehrenamt.de\">www.evangelisch-Ehrenamt.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Kirchenreform und betriebswirtschaftliches Denken: Modelle, Erfahrungen, Alternativen, G\u00fctersloh 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glauben verwalten- Glauben ausstrahlen: Kirche im Spannungsfeld Theologie des Kreuzes und Theologie der Herrlichkeit \u2013 mit Luthers Begriffspaar aus der&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3837\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3518,"menu_order":87,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3837","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3837"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3837"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3838,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3837\/revisions\/3838"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}