{"id":3753,"date":"2018-04-30T14:33:45","date_gmt":"2018-04-30T14:33:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3753"},"modified":"2018-08-31T17:54:19","modified_gmt":"2018-08-31T15:54:19","slug":"freiheit-die-mauern-sprengt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3753","title":{"rendered":"Freiheit, die Mauern sprengt \u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paulus, Silas und Deniz und die anderen \u2013 Freiheit, die Mauern sprengt<\/strong><\/p>\n<p><strong>Begr\u00fc\u00dfung, Aktuelle Texte und Predigt aus dem Regionsgottesdienst in Osterwald <\/strong><\/p>\n<p><em>Paulus, Silas, Deniz und die anderen \u2013 Freiheit, die Mauern sprengt<\/em>. So haben wir diesen Regionsgottesdienst genannt. Im Mittelpunkt wird die Geschichte von Paulus und Silas im Gef\u00e4ngnis stehen. Eine Geschichte aus der Bibel \u2013 leider ganz aktuell. Vor zwei Monaten wurden der slowakische Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte ermordet. Seitdem gab es immer wieder Demonstrationen, R\u00fccktritte in der Regierung, eine europ\u00e4ische Untersuchung. Aber bis heute wissen wir nicht, wer die M\u00f6rder sind. Und auch die M\u00f6rder der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia, die am 16. Oktober ermordet wurde, laufen noch immer frei herum. Zwei Namen, die im Ged\u00e4chtnis geblieben sind. Aber sie sind nicht die einzigen. Im letzten Jahr wurden weltweit 67 Journalisten bei der Aus\u00fcbung ihres Berufs ermordet. Und die Zahl von inhaftierten Journalisten hat 2017 einen Rekordstand erreicht. 262 Mitarbeiter von Medien sa\u00dfen letztes Jahr weltweit hinter Gittern, teilte das Komitee zum Schutz von Journalisten in New York mit.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs geht nicht darum, gefangen zu sein, sondern darum, sich nicht zu ergeben\u201c,<\/strong> schrieb der t\u00fcrkische Dichter Nazim Hikmet vor langer Zeit in einem Gedicht aus der Haft.<\/p>\n<p><strong>Vor zwei Monaten wurde der deutsch-t\u00fcrkische Journalist Deniz Y\u00fckzel aus der Haft entlassen<\/strong>. Ein Jahr lang sa\u00df er in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen, davon mehrere Monate in Isolationshaft. Dieser Ort hat keine Erinnerung\u201c, schreibt er in seinem neuen Buch mit Reportagen und Satiren. \u201eAlle, die ich hier kennen gelernt habe \u2013 kurdische Aktivisten, Makler, festgenommene Richter und Polizisten, &#8211; alle haben mir gesagt: \u201aDu musst das aufschreiben, Deniz\u201c. Ich habe gesagt: \u201eLogisch, mach ich. Ist schlie\u00dflich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spa\u00df hier.\u201c<\/p>\n<p>Nach seiner Freilassung dankte Y\u00fckzel f\u00fcr die Unterst\u00fctzung, die er w\u00e4hrend der Haft bekommen hatte. &#8222;Das gab mir das Gef\u00fchl: Ich bin nicht vergessen. Die wollten mich zum Verstummen bringen. Das haben sie nicht geschafft.&#8220; Aber er sieht die Arbeit von Journalisten in Europa immer mehr in Gefahr. Der ermordete slowakische Journalist J\u00e1n Kuciak sei nicht schuld an seiner Ermordung gewesen, weil er \u00fcber Korruption berichtet habe, sondern die M\u00f6rder und Auftraggeber seien daran schuld. Auch die Situation der Medien in Polen und Ungarn zeigt, dass auch in der EU die Rechte und Freiheiten in einer Weise gef\u00e4hrdet sind, wie wir es uns vor zehn Jahren nicht h\u00e4tten vorstellen k\u00f6nnen, sagt er.<\/p>\n<p><strong>Am Ende von Deniz Y\u00fckzels Buch \u201eWir sind doch nicht zum Spa\u00df hier\u201c, ist ein Brief seiner Frau Dilek abgedruckt,<\/strong> die er im Gef\u00e4ngnis geheiratet hat &#8211; es ist fast ein Gedicht: \u201eReden hei\u00dft, einen ganzen Schwarm V\u00f6gel fliegen zu lassen. Schreiben dagegen hei\u00dft f\u00fcr mich, geschulte Tauben loszuschicken. Ich war im Leben immer f\u00fcr die Sparsamkeit mit W\u00f6rtern, so wie ich es gelernt habe, meine Geduld sparsam einzusetzen. Seit langem schon schicke ich meine Tauben absichtlich in verlassene Gegenden; adressiert an vereiste, verh\u00e4rtete Herzen. Bis Du Deine Freiheit gewonnen hast, werden sie unerm\u00fcdlich dieselbe Nachricht in die Welt tragen. Und ich habe es ihnen eingesch\u00e4rft: Sie werden auf keinen Fall zur\u00fcckkehren, ehe sie nicht die Herzen versch\u00f6nert haben, auf denen sie gelandet sind.<\/p>\n<p>Heute sind alle meine Tauben unterwegs. Nur eine habe ich noch in der Hand und die schicke ich Dir: <strong>\u201eWo auch immer du bist, strecke Dein Haupt Denn wir sind unter demselben Himmel. Strecke Dein Haupt. Denn Deniz, mein Herz, unsere Himmel k\u00f6nnen sie nicht trennen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Am Tag, als Deniz Y\u00fccel endlich freikam, wurden andere Journalisten in der T\u00fcrkei zu lebenslanger Haft verurteilt. Einer von ihnen ist Ahmet Altan<\/strong>, dessen wunderbares Buch \u201eDer Duft des Paradieses\u201c weit \u00fcber die T\u00fcrkei hinaus bekannt ist. In einem Kassiber, das sein Anwalt aus dem Gef\u00e4ngnis heraus schmuggeln konnte, schreibt er: \u201eJa, ich werde in einem Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis drau\u00dfen im Nirgendwo festgehalten. Ja, ich darf niemanden sehen au\u00dfer meinem Anwalt und meinen Kindern. Ich darf nicht einmal zwei Zeilen an meine Lieben schicken. Aber bis heute bin ich keinen Morgen im Gef\u00e4ngnis erwacht. Nie.\u201c<\/p>\n<p>Ahmet Altan schrieb lange Jahre als Kolumnist f\u00fcr die Zeitung Hyrriet. 2007 gr\u00fcndete er seine eigene Zeitung \u201eTaraf\u201c. Sie wollte erkl\u00e4rterma\u00dfen die gr\u00f6\u00dften Tabus der T\u00fcrkei zum Thema machen: den V\u00f6lkermord an den Armeniern und die Diskriminierung der Kurden. Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurde \u201eTaraf\u201c per Regierungsdekret verboten. Ahmet Altan und sein Bruder Mehmet Altan wurden festgenommen. Ihnen wurde versuchter Umsturz vorgeworfen. Im Januar 2018 ordnete das t\u00fcrkische Verfassungsgericht seine Freilassung an; aber ein Gericht in Istanbul blockierte diesen Beschluss. Am 16. Februar 2018 wurde er gemeinsam mit f\u00fcnf Journalistenkollegen zu lebenslanger Haft verurteilt. Er ist wie sein Bruder in der Strafvollzugsanstalt Silivri inhaftiert.<\/p>\n<p><strong>Im vergangenen Herbst druckte die Neue Z\u00fcrcher Zeitung den Text ab, den Altan aus dem Gef\u00e4ngnis herausschmuggeln konnte. Darin beschreibt er, wie der Geist der Freiheit die Gef\u00e4ngnismauern durchbricht.<\/strong><\/p>\n<p>Ahmet Altan schreibt: \u201eBis heute bin ich nicht einmal im Gef\u00e4ngnis erwacht &#8211; nie. Ich streife \u00fcber thail\u00e4ndische Inseln, durch Londoner Hotels, die Stra\u00dfen Amsterdams, die geheimen Labyrinthe von Paris, die Istanbuler Restaurants am Bosporus, die kleinen Parks, die sich zwischen den Stra\u00dfen von New York verbergen. Und jedes Auge, das liest, was ich schreibe, jede Stimme, die meinen Namen nennt, nimmt mich bei der Hand wie eine kleine Wolke und l\u00e4sst mich \u00fcber die Ebenen fliegen, die Quellen, die W\u00e4lder, die Meere\u2026 Ich schreibe dies in einer Gef\u00e4ngniszelle. Aber ich bin nicht im Gef\u00e4ngnis. Weil ich die Zaubermacht habe, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann m\u00fchelos durch W\u00e4nde gehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Bibeltext: Apostelgeschichte 16<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00bbDiese M\u00e4nner bringen unsere Stadt in Aufruhr\u00ab, beschuldigte man sie vor den obersten Beamten der Stadt Philippi. \u00bbEs sind Juden! 21 Sie wollen hier Sitten einf\u00fchren, die wir als r\u00f6mische B\u00fcrger weder bef\u00fcrworten noch annehmen k\u00f6nnen!\u00ab<\/strong><\/p>\n<p><strong>22 Da stellte sich die aufgehetzte Menschenmenge drohend gegen Paulus und Silas, und die obersten Beamten der Stadt lie\u00dfen den beiden die Kleider vom Leib rei\u00dfen und sie mit St\u00f6cken schlagen. <\/strong>23 Nachdem sie so misshandelt worden waren, warf man sie ins Gef\u00e4ngnis und gab dem Aufseher die Anweisung, die Gefangenen besonders scharf zu bewachen. 24 <strong>Also sperrte er sie in die sicherste Zelle und schloss zus\u00e4tzlich ihre F\u00fc\u00dfe in einen Holzblock ein.<\/strong><\/p>\n<p><strong>25 Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas. Sie lobten Gott mit Liedern, und die \u00fcbrigen Gefangenen h\u00f6rten ihnen zu. 26 Pl\u00f6tzlich bebte die Erde so heftig, dass das ganze Gef\u00e4ngnis bis in die Grundmauern ersch\u00fcttert wurde; alle T\u00fcren sprangen auf, und die Ketten der Gefangenen fielen ab.<\/strong><\/p>\n<p>27 Aus dem Schlaf gerissen sah der Gef\u00e4ngnisaufseher, dass die Zellent\u00fcren offenstanden. Voller Schrecken zog er sein Schwert und wollte sich t\u00f6ten, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen.<\/p>\n<p>28 \u00bbTu das nicht!\u00ab, rief da Paulus laut. \u00bbWir sind alle hier.\u00ab 29 Der Gef\u00e4ngnisaufseher lie\u00df sich ein Licht geben und st\u00fcrzte in die Zelle, wo er sich zitternd vor Paulus und Silas niederwarf. 30 Dann f\u00fchrte er die beiden hinaus und fragte sie: \u00bbIhr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?\u00ab<\/p>\n<p>31 \u00bbGlaube an den Herrn Jesus, dann werden du und alle, die in deinem Haus leben, gerettet\u00ab, erwiderten Paulus und Silas. 32 Sie verk\u00fcndeten ihm und allen in seinem Haus die rettende Botschaft Gottes.<\/p>\n<p><strong>33 Der Gef\u00e4ngnisaufseher k\u00fcmmerte sich noch in derselben Stunde um Paulus und Silas, er reinigte ihre Wunden und lie\u00df sich mit allen, die zu ihm geh\u00f6rten, umgehend taufen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>34 Dann f\u00fchrte er sie hinauf in sein Haus und bewirtete sie. Er freute sich zusammen mit allen, die bei ihm lebten, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatten. 35 Bei Tagesanbruch schickten die obersten Beamten die Gerichtsdiener mit dem Befehl zu ihm: \u00bbLass diese Leute gehen!\u00ab <\/strong>36 Der Gef\u00e4ngnisaufseher teilte das Paulus mit: \u00bbDie f\u00fchrenden M\u00e4nner lassen euch sagen, dass ihr frei seid. Ihr k\u00f6nnt jetzt unbesorgt die Stadt verlassen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>37 Doch Paulus widersprach: \u00bbSie haben uns in aller \u00d6ffentlichkeit geschlagen und ohne jedes Gerichtsverfahren ins Gef\u00e4ngnis geworfen, obwohl wir r\u00f6mische B\u00fcrger sind. Und jetzt wollen sie uns heimlich und auf bequeme Weise loswerden! Aber das kommt gar nicht in Frage! Die M\u00e4nner, die daf\u00fcr verantwortlich sind, sollen pers\u00f6nlich kommen und uns aus dem Gef\u00e4ngnis f\u00fchren.\u00ab <\/strong>38 Mit dieser Nachricht kehrten die Gerichtsdiener zur\u00fcck. Als die f\u00fchrenden M\u00e4nner h\u00f6rten, dass Paulus und Silas r\u00f6mische B\u00fcrger waren, erschraken sie 39 und liefen sofort zum Gef\u00e4ngnis. Sie entschuldigten sich bei Paulus und Silas, geleiteten die beiden hinaus und baten sie, die Stadt zu verlassen.<\/p>\n<p><strong>40 Paulus und Silas aber gingen zun\u00e4chst in das Haus von Lydia. Dort hatte sich die ganze Gemeinde versammelt. Nachdem Paulus und Silas sie ermutigt hatten, im Glauben festzubleiben, verabschiedeten sie sich und verlie\u00dfen die Stadt<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigt:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eDie wollten mich zum Verstummen bringen. Aber das haben sie nicht geschafft\u201c, hat Deniz Y\u00fcksel gesagt. Und das gilt f\u00fcr alle, von denen wir heute erz\u00e4hlen \u2013 f\u00fcr Deniz Y\u00fcksel und Ahmet Altan, f\u00fcr Jan Kucziak und Daphne Caruala Galizia<\/strong>. <strong>Und auch f\u00fcr Paulus und Silas. Das Wort der Freiheit l\u00e4sst sich nicht einsperren. Und die Stimme der Wahrheit l\u00e4sst sich nicht umbringen.<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Woche stellt der t\u00fcrkische Journalist Can D\u00fcndar sein neues Buch vor. \u201eVerr\u00e4ter\u201c, hei\u00dft es \u2013 von Istanbul nach Berlin.\u201c Zu Hause, in der T\u00fcrkei, ist er angeklagt und verurteilt und inzwischen wird er auf Betreiben der t\u00fcrkischen Regierung mit internationalem Haftbefehl gesucht. Trotzdem versteckt er sich nicht &#8211; im Gegenteil. Es braucht eine starke \u00dcberzeugung, eine innere Haltung, trotz st\u00e4ndiger Bedrohung in \u00f6ffentlichen Lesungen aufzutreten. Es braucht einen unbeirrten Glauben an die Kraft und Freiheit des Wortes.<\/p>\n<p>262 Journalisten und Autoren sa\u00dfen daf\u00fcr letztes Jahr im Gef\u00e4ngnis. 67 wurden ermordet. Und dabei ging es nicht immer nur um Recherchen \u00fcber Korruption und Menschenrechtsverletzungen. Es ging auch um den Schutz von Minderheiten und nicht zuletzt um Religionsfreiheit. Und dabei sind noch gar nicht alle eingerechnet, die wegen ihres Glaubens im Gef\u00e4ngnis sitzen. Weil sie Christen sind wie Paulus und Silas. Oder wie der B\u00fcrgermeister von Jakarta in Indonesien. Oder weil sie den Koran anders auslegen wie der saudische Autor Raif Badawi. Wie Paulus und Silas ist er zu Stockschl\u00e4gen verurteilt.<\/p>\n<p><strong>Wer die Apostelgeschichte liest, merkt mit Schrecken, dass sich nicht viel ge\u00e4ndert hat. \u201eNur kein Aufruhr in der Stadt\u201c, hei\u00dft es gleich am Anfang unserer Geschichte. Schon gar keine umst\u00fcrzlerischen Reden von Fremden<\/strong>. Die k\u00f6nnten ja die alte Ordnung gef\u00e4hrden. Und die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse in der Stadt. \u201eDas sind Juden. Die wollen hier Sitten einf\u00fchren, die wir als r\u00f6mische B\u00fcrger weder bef\u00fcrworten noch annehmen k\u00f6nnen.\u201c So geht das. Erst ganz am Ende der Geschichte wird klar, dass Paulus und Silas selbst r\u00f6mische B\u00fcrger sind. Sie sind gar nicht die \u201eanderen\u201c, sie sind ein Teil der Gesellschaft. Sind sie denn Juden? Das war schon damals ein Schimpfwort wie heute schon wieder auf manchen Schulh\u00f6fen. Es war gef\u00e4hrlich, Jude zu sein. Und Paulus und Silas sind Judenchristen &#8211; denn zu dieser Zeit war ja der christliche Glaube noch eine Gruppe im Judentum. Allerdings eine Gruppe, die auch Nichtjuden \u00fcberzeugte. Menschen aus der V\u00f6lkerwelt, so genannte Heiden \u2013 wie den Gef\u00e4ngnisaufseher und seine Familie. Oder Lydia, die Purpurh\u00e4ndlerin. Und gerade das machte sie offenbar so gef\u00e4hrlich. <strong>Der christliche Glaube \u00fcberzeugte viele Menschen. Juden und Heiden, R\u00f6mer und Griechen, M\u00e4nner und Frauen. <\/strong>Der Glaube stellt die alte Ordnung in Frage. Die Unterschiede zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen denen und uns, sind pl\u00f6tzlich nicht mehr so wichtig. <strong>Hier in Philippi bildet sich \u00fcber alle Unterschiede hinweg eine Gemeinde. Diese Menschen haben daf\u00fcr gesorgt, dass die Geschichte nicht vergessen wurde. Und dass das Wort nicht verstummt ist. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eSie wollten uns zum Verstummen bringen. Aber das haben sie nicht geschafft\u201c, sagt Deniz Y\u00fcksel. In Philippi h\u00e4tten sie am liebsten gehabt, wenn Paulus und Silas ohne viel Aufsehens verschwunden w\u00e4ren. Aus der Haft entlassen, abgeschoben und au\u00dfer Landes. Wie St\u00f6renfriede eben, wie Verr\u00e4ter<\/strong>. \u00bbSie haben uns in aller \u00d6ffentlichkeit geschlagen und ohne jedes Gerichtsverfahren ins Gef\u00e4ngnis geworfen, obwohl wir r\u00f6mische B\u00fcrger sind. Und jetzt wollen sie uns heimlich und auf bequeme Weise loswerden! Aber das kommt gar nicht in Frage!\u201c, sagt Paulus. <strong>Paulus besteht auf seinem Recht und er verlangt eine Entschuldigung von den obersten Beamten. Und bevor sie sich aus der Stadt schieben lassen, verabschieden sie sich von der Gemeinde, die dort entstanden ist. Denn das Wort hat l\u00e4ngst Fr\u00fcchte getragen. Es l\u00e4sst sich nicht mundtot machen<\/strong>. Nein, das haben sie nicht geschafft.<\/p>\n<p>\u201eWo auch immer du bist, strecke Dein Haupt. Denn wir sind unter demselben Himmel. Strecke Dein Haupt, mein Herz. Denn unsere Himmel k\u00f6nnen sie nicht trennen.\u201c, schreibt Dilek. Davon bekommt man die Kraft und einen langen Atem, dass man einen Horizont hat, der \u00fcber den Tag hinausreicht. Und \u00fcber die engen Mauern, in denen wir sitzen. Und wenn es Gef\u00e4ngnismauern sind. Und wenn sie einem wirklich die Luft zum Atmen nehmen. Denn <strong>damals wie heute sperrt man die mutigsten Leute in die sichersten Zellen ein. Aber die das veranlassen, kennen die Kraft der Freiheit nicht. <\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch schreibe dies in einer Gef\u00e4ngniszelle. Aber ich bin nicht im Gef\u00e4ngnis. Weil ich die Zaubermacht habe, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann m\u00fchelos durch W\u00e4nde gehen\u201c, schreibt Ahmet Altan. Naja, w\u00fcrden jetzt viele sagen: Solange Du Stift und Papier hast, ist vieles m\u00f6glich. Aber viele haben das nicht. Sie kratzen ihre Botschaft mit den Fingern\u00e4geln in Steine. Sie schreiben mit Blut an die Wand. Sie erinnern sich an Gedichte und Bibelverse und sprechen sie immer und immer wieder. Oder sie singen.<\/p>\n<p><strong>Paulus und Silas singen gegen das Dunkel an und gegen die Angst. Und das ist nicht nur Pfeifen im Walde. Das ist wie der Gospelgesang der schwarzen Sklaven beim Baumwollpfl\u00fccken. Oder wie \u201eChrist ist erstanden\u201c an einem Grab<\/strong>. Wer in solchen Situationen schon einmal gesungen hat, der wei\u00df, wie sich das Herz weitet. Und der Atem wieder flie\u00dft. Wie man pl\u00f6tzlich mit allen verbunden ist \u2013 mit der Gemeinde und mit den Verstorbenen. Mit allen diesseits und jenseits der Mauern.<\/p>\n<p>Eine ehemalige Konfirmandin von mir liegt gerade mit einer schweren Lungen-OP im Krankenhaus. Sie singt im Gospelchor und hat Angst, nicht mehr richtig singen zu k\u00f6nnen. Vor ein paar Tagen hat ihr der Chor ein Lied von der Probe geschickt. \u201eLean on me\u201c &#8211; per WhatsApp. Sie hat es immer und immer wieder geh\u00f6rt. Und es hat ihr aufgeholfen. Lieder, die das Leben weiten, Lieder, die Mauern \u00fcberwinden. <strong>In unserer Geschichte h\u00f6ren auch die anderen Gefangenen zu. Das Gef\u00e4ngnis wird zur Kirche<\/strong>. Und dann fallen die Mauern tats\u00e4chlich. Ein Erdbeben zur rechten Zeit. <strong>Ein Wunder? Paulus und Silas wundern sich offenbar \u00fcberhaupt nicht dar\u00fcber. F\u00fcr sie ist klar: Es ist ganz einfach Gottes Kraft, die die T\u00fcren aufspringen l\u00e4sst und die Ketten sprengt. Ganz so wie an Ostern, als der Stein vom Grab rollte. <\/strong><\/p>\n<p>Das ist auch der Grund, warum die beiden nicht weglaufen: Sie wissen, dass sie nicht um ihr Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen. Und dass Gott noch etwas mit ihnen vorhat. Sie haben eine Botschaft f\u00fcr den Gef\u00e4ngnisaufseher, der vor Angst am ganzen Leibe zittert. <strong>Jesus ist der Herr \u2013 er ist gr\u00f6\u00dfer als die aufgebrachte Menge. Und die Herrschaft in der Stadt. Mit ihm kann ein neues Leben beginnen. Und das beginnt sofort. Da im Haus des Aufsehers, wo der seinen Gefangenen die Wunden w\u00e4scht. Und sich von ihnen taufen l\u00e4sst. Da am gedeckten Tisch, beginnt ein neues Miteinander in der alten Stadt<\/strong>. Gilek Y\u00fcksel, die in Gedanken ihre Tauben aussandte mit der Botschaft des Friedens &#8211; Gilek w\u00fcrde jetzt wahrscheinlich sagen, dass die Herzen versch\u00f6nert werden &#8211; die verh\u00e4rteten Herzen.<\/p>\n<p>Und ist es nicht so? <strong>Wir brauchen Gottes Geist, der unsere Ketten sprengen kann. Der die T\u00fcren aufst\u00f6\u00dft und uns aus dem Gef\u00e4ngnis holt. Aus dem Gef\u00e4ngnis unserer Angst \u2013 vor der Wahrheit, vor den anderen, vor dem Neuen. Wir brauchen diese ungeheure Freiheit, die Jesus gelebt hat, die alles riskiert, damit wir leben.<\/strong> Das ist unser christlicher Glaube. Darauf sind wir getauft. Aber seine Wahrheit gilt allen Menschen &#8211; Deniz und Ahmet genauso wie Daphne und Jan. Das wir daf\u00fcr nicht leiden m\u00fcssen, das ist ein ungeheures Privileg. <strong>Umso wichtiger ist, dass wir die nicht vergessen, die ihr Leben riskieren. F\u00fcr das Wort und die Freiheit. Und f\u00fcr ihren Glauben. Heute wie damals.<\/strong><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Regionsgottesdienst am 22.04.2018, Osterwald<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paulus, Silas und Deniz und die anderen \u2013 Freiheit, die Mauern sprengt Begr\u00fc\u00dfung, Aktuelle Texte und Predigt aus dem Regionsgottesdienst&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3753\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":462,"menu_order":198,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3753","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3753"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3753"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3753\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3941,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3753\/revisions\/3941"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/462"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3753"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}