{"id":3679,"date":"2018-04-18T09:38:07","date_gmt":"2018-04-18T09:38:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3679"},"modified":"2018-04-30T18:17:33","modified_gmt":"2018-04-30T18:17:33","slug":"transformation-und-reformation-christsein-und-kirche-im-uebergang","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3679","title":{"rendered":"Transformation und Reformation: Herausforderungen des Wandels f\u00fcr die Kirche"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC01426.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3758 size-medium\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC01426-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC01426-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC01426-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/DSC01426.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>1. Worum es mir geht<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eDienet der Zeit\u201c<\/strong>, schrieb Dietrich Bonhoeffer im Dritten Reich, als der Nationalsozialismus die Gesellschaft in Deutschland mehr und mehr pr\u00e4gte. Aus den USA, wo ihn viele bedr\u00e4ngten, sich wie andere Exilanten in Sicherheit zu bringen, kehrte er sehr bewusst nach Deutschland zur\u00fcck, wo er noch kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde: \u201e\u2026 Es hei\u00dft nur die tiefe reine Gestalt dieser Zeiten zu verstehen und in unserer Lebensf\u00fchrung darzustellen, <strong>so werden wir mitten in unserer Zeit auf die heilige Gegenwart Gottes sto\u00dfen<\/strong>.\u201c Der Zeit dienen, das bedeutete also zun\u00e4chst einmal, die Zeit zu verstehen. \u201eMan muss die Tiefe der Wirklichkeit mit den klaren Augen des Glaubens sehen, um sie mit den rettenden Armen der Liebe gestalten zu k\u00f6nnen\u201c, schrieb Georg Hinrich Wichern in den Transformationsprozessen des 19.\u00a0Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Beim Versuch, unsere Zeit zu verstehen, f\u00e4llt der Blick auf die globalen Ver\u00e4nderungsprozesse. Wissenschaftler unterscheiden mehrere gro\u00dfe, einander bedingende Krisen: Die <strong>\u00f6kologische Krise<\/strong>, die sich in einem sich st\u00e4ndig beschleunigenden Klimawandel, wachsenden Konflikten um Rohstoffe und einem fortschreitenden R\u00fcckgang der Biodiversit\u00e4t zuspitzt. Dann<strong> die Ern\u00e4hrungskrise<\/strong>, die immer mehr Menschen mit Hunger bedroht und durch die weltweite Spekulation mit Land und Nahrung noch verst\u00e4rkt wird. <strong>Die Finanzkrise<\/strong>, die bei fehlender politische Regulierung und Kontrolle der Finanzm\u00e4rkte zu einer Destabilisierung von Wirtschaft und Besch\u00e4ftigung und letztlich auch der Demokratie f\u00fchrt. Und <strong>die Staatsschuldenkrise<\/strong>, die vor allem in S\u00fcdeuropa dazu f\u00fchrt, dass Staaten handlungsunf\u00e4hig und Gesellschaften in Geiselhaft der Finanzm\u00e4rkte genommen werden. Schlie\u00dflich Globalisierung und Digitalisierung und <strong>die Krise der Arbeit<\/strong>, die sich weltweit in der Ausweitung von prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung, Arbeitslosigkeit und informeller T\u00e4tigkeit zeigt und zu einer Zuspitzung der Ungleichheiten zwischen Arm und Reich f\u00fchrt, <strong>sowie die schwelende Sozialstaatskrise<\/strong>, die Menschen Angst macht, dass Rente und Arbeitslosengeld nicht mehr sicher sind. Seit 2015 ist vor allem <strong>die sogenannte \u201eFl\u00fcchtlingskrise<\/strong>\u201c in aller Munde. Die Kriege und die \u00f6kologischen und wirtschaftlichen Katastrophen, vor denen die Menschen fliehen, sind ihrerseits mitbegr\u00fcndet durch die weltweiten Konflikte um Nahrung, Wasser und Energie und die Stellvertreterkriege in Nahost und Afrika. Tats\u00e4chlich stellen die Migrationsbewegungen selbst eine wachsende Herausforderung dar: f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten, die L\u00e4nder, in denen sie ankommen, und letztlich auch f\u00fcr Europa, das um die Zukunft seiner national ausgerichteten Sozial- und Wohlfahrtssysteme ringt. F\u00fcr die Industriestaaten ist n\u00e4mlich noch ein weiterer wesentlicher Ver\u00e4nderungsprozess zu ber\u00fccksichtigen, der <strong>demografische Wandel <\/strong>mit seinen Herausforderungen f\u00fcr die sozialen Sicherungs- und die Pflegesysteme.<\/p>\n<p>Eine Hydra mit acht K\u00f6pfen \u2013 <strong>jeder Versuch, das eine oder andere Problem in gewohnter Weise zu l\u00f6sen, scheint in Widerspr\u00fcche zu f\u00fchren<\/strong>. <strong>Und die Ohnmacht, die viele angesichts solcher Dilemmata empfinden, entl\u00e4dt sich in Wut oder Resignation, in Desinteresse an Politik.<\/strong> So mancher hat jetzt das Gef\u00fchl, dass unser ganzer Lebensstil von den Migrantinnen und Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika in Frage gestellt wird. Wenn der Hass sich nicht ausbreiten soll, brauchen wir tragf\u00e4hige Formen des Miteinanders. Konzepte sind notwendig, die \u00fcber Wohnungsbau und Integrationsklassen hinausreichen. Nicht zuletzt geht es um Fragen der Religion und Kultur.<\/p>\n<p><strong>Nicht erst heute oder im 19.\u00a0Jahrhundert, schon in der Reformationszeit hat die Kirche eine gro\u00dfe Transformation entscheidend mitgestaltet. <\/strong>Denn mit dem Aufkommen des internationalen Handels, des Geld- und Bankenwesens war auch die Reformationszeit von erheblichen \u00f6konomischen Umbr\u00fcchen gepr\u00e4gt. Der Preisverfall einheimischer Erze entzog den Bergleuten die Existenzgrundlage. Der Paradigmenwechsel von der Naturalien- zur Geldwirtschaft wirkte sich dramatisch aus. Und die Verelendung betraf nicht nur die bekannten Randgruppen der Gesellschaft wie Arme, Alte oder Kranke, sondern auch geachtete St\u00e4nde wie Bauern, Bergleute oder Handwerker. Die Aufl\u00f6sung der St\u00e4ndegesellschaft im Fr\u00fchkapitalismus forderte eine Verantwortung, die auch f\u00fcr die Verlierer sorgte. Denn auf der einen Seite drohten Aufst\u00e4nde, auf der anderen lie\u00df die Spendenfreude nach \u2013 auch deshalb, weil man sich angesichts der neuen protestantischen Theologie nicht mehr sicher war, ob die Gabe f\u00fcr die Armen das eigene Seelenheil sichern w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Ein Symbol f\u00fcr den Paradigmenwechsel der Reformationszeit ist die \u201eLeisniger Kastenordnung\u201c von 1523, \u201edas erste Sozialpapier der Welt\u201c, das von Luther selbst entwickelt wurde.<\/strong> Er verband die Frage nach der sozialen Verantwortung von Staat und Kirche mit der nach der Zukunft des Besitzes der mit der Reformation aufgel\u00f6sten Kl\u00f6ster und Stiftungen. Seine Antwort bestand in der Zusammenf\u00fchrung religi\u00f6ser und weltlicher Verantwortung, die, wie es Christine Eichel zusammenfasst, gleich mehrere Probleme l\u00f6ste: \u201edie prek\u00e4re Lage der \u00c4rmsten, die nachlassende Spendenfreude und die gerechte Verteilung ehemals papstkirchlicher Besitzt\u00fcmer\u201c. Zu den Einnahmen der Stadt Leisnig z\u00e4hlten nun die Eink\u00fcnfte aus Zinsen, die Abgaben der D\u00f6rfer genauso wie das Verm\u00f6gen der Pfarrgemeinde \u2013 und die Ausgaben waren f\u00fcr Infrastruktur genauso wie f\u00fcr Waisenkinder, Arme, Alte und bed\u00fcrftige Fremde bestimmt. <strong>Diese umlagefinanzierte Kastenordnung ist die Wurzel des modernen Konzepts einer staatlichen Solidargemeinschaft, in der die Bed\u00fcrftigen eben nicht mehr Bettler, sondern unterst\u00fctzungsberechtigte Mitb\u00fcrger sind.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Auch im Blick auf Ehe und Familie ging es Luther um die Rechte aller \u2013 und auch hier hat er f\u00fcr eine neue institutionelle Grundlage gesorgt. <\/strong>Denn damals stand die Ehe gar nicht allen offen: Denen, die nicht \u00fcber die Meisterw\u00fcrde verf\u00fcgten, fehlten schlicht die \u00f6konomischen Grundlagen. Knechte und M\u00e4gde bedurften der Zustimmung des Hausvaters. Oft wurden deshalb Familien einfach dadurch begr\u00fcndet, dass Mann und Frau ganz offen Tisch und Bett teilten. Aber auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbr\u00fcche war diese Lebensform prek\u00e4r geworden. Die alten Dorfgemeinschaften und Z\u00fcnfte hatten ihre Funktionsf\u00e4higkeit verloren und die Wanderungsbewegungen f\u00fchrten zu Mehrfachehen. <strong>In dieser Situation baute Luther die Zahl der Ehehindernisse radikal ab. Er forderte die \u00f6ffentliche Eheschlie\u00dfung f\u00fcr jedermann und st\u00e4rkte die Bedeutung des wechselseitigen Versprechens von Braut und Br\u00e4utigam. \u201eEin weltlich Ding\u201c sei die Ehe, sagte er \u2013 und es ging ihm um eine neue gesellschaftliche Ordnung, bei der die Beziehungen in Ehe und Familie eine entscheidende Rolle spielen<\/strong>. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Zerrei\u00dfproben in den Blick nehmen, die Familien heute erleben.<\/p>\n<p><strong>Und noch ein dritter Impuls aus der Reformationszeit kehrt in den heutigen Transformationen wieder \u2013 wie auch schon im 19.\u00a0Jahrhundert: das Priestertum aller Getauften. Die Aufbr\u00fcche in der neuzeitlichen Diakonie w\u00e4ren nicht m\u00f6glich gewesen ohne Wicherns dreifaches Verst\u00e4ndnis der Diakonie.<\/strong> F\u00fcr Wichern gab es die staatliche Diakonie \u2013 also die Gestaltung der Daseinsf\u00fcrsorge, die schon Luther mit der Leisniger Kastenordnung am Herzen lag \u2013, die b\u00fcrgerschaftliche Diakonie in den Einrichtungen und Diensten und schlie\u00dflich das Diakonentum aller, das sich f\u00fcr ihn aus Luthers Priestertum aller Getauften ergab.<\/p>\n<p>Die ersten Christen, die oft ihre Familien um des Glaubens willen verlassen hatten, bildeten Wahlfamilien. Sie nannten sich Br\u00fcder und Schwestern \u2013 und zwar quer \u00fcber die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und die Geschlechtergrenzen hinweg. <strong>Was f\u00fcr eine Tradition \u2013 und was f\u00fcr eine Vision, wenn es darum geht, Br\u00fccken zu bauen zwischen den Parallelgesellschaften und die Blasen platzen zu lassen, in denen wir uns bewegen!<\/strong> Leider sind aber auch Gemeinden heute oft eher geschlossene Gesellschaften. Man kennt sich, kommt aus \u00e4hnlichen Milieus, f\u00fchlt sich wohl im Miteinander, als sei die Kirche ein Verein oder ein Club. <strong>Wir m\u00fcssen sehr konkret dar\u00fcber nachdenken, was wir tun k\u00f6nnen, um dieses Schubladendenken zu \u00fcberwinden. Wie Kirchengemeinden sich \u00e4ndern k\u00f6nnen, um sorgende Gemeinschaften zu werden und die Teilhabe ganz unterschiedlicher Menschen zu f\u00f6rdern.<\/strong><\/p>\n<p>In einer Welt, in der das Unterwegssein f\u00fcr viele zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist, k\u00f6nnten Kirchengemeinden wie Gasth\u00e4user sein, wo Menschen einander begegnen, ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. F\u00fcr die, die von nah und fern zuziehen. Und f\u00fcr alle, die bisher nicht viel mit der Kirche anfangen konnten. Die offenen Stadtkirchen, die Stadtteill\u00e4den und die Vesperkirchen, die Diakoniel\u00e4den sind Herbergen am Weg. <strong>Und noch immer hat die Kirche enorme, auch materielle Ressourcen. Neben den Geb\u00e4uden geh\u00f6ren dazu Grundst\u00fccke, Ackerland und auch Bauland. Vielerorts entstehen auf diesen Fl\u00e4chen neue, auch integrative Wohnprojekte, Mehrgenerationenh\u00e4user, Wohnanlagen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Studenten. Anderswo werden die kirchlichen Fl\u00e4chen f\u00fcr \u00f6kologischen Landbau oder f\u00fcr neue Energiegewinnung genutzt. <\/strong><\/p>\n<p>Wo sich Gemeinden aufmachen in Richtung Gemeinwesen, wo sie ihre R\u00e4ume f\u00fcr andere \u00f6ffnen, vollzieht sich dies allerdings nicht immer ohne Konflikte. Manchmal kommt es zum Streit zwischen \u201eVereinsgemeinde\u201c und Engagementgruppen, zwischen Traditionsgemeinde und Quartiersbewegung. <strong>Es geht darum, das Gemeindebild zu kl\u00e4ren, und zwar nicht nur im Sinne von Leitbild- und Strategieentwicklung, sondern im biblischen, im spirituellen Sinne<\/strong>. Wer sind wir als Kirche und wohin sind wir unterwegs? <strong>\u201eDie \u201aChristenheit\u2018 hat ihr Wesen und ihren Zweck nicht in sich selber und nicht in ihrer eigenen Existenz, sondern lebt von etwas und ist f\u00fcr etwas da, das weit \u00fcber sie hinausreicht. Will man das Geheimnis ihrer Existenz und ihrer Handlungsweisen begreifen, so muss man nach ihrer Sendung fragen. Will man ihr Wesen ergr\u00fcnden, so muss man nach ihrer Zukunft fragen, auf die sie ihre Hoffnungen und Erwartungen setzt. Ist die Christenheit selber in den neuen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen unsicher und orientierungslos geworden, so muss sie sich wieder darauf besinnen, wozu sie da ist und worauf sie aus ist\u201c<\/strong>, schreibt J\u00fcrgen Moltmann. Das ist dran, wenn wir auf die Zeichen der Zeit sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Mein Erfahrungshintergrund<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema \u201eGro\u00dfe Transformation\u201c hat mich w\u00e4hrend meiner Arbeit in der EKD sehr besch\u00e4ftigt \u2013 nicht zuletzt bei der <strong>Ausrichtung des Transformationskongresses mit DGB und Umweltverb\u00e4nden <\/strong>2012 ging es um den Zusammenhang zwischen globalen und \u00f6kologischen Herausforderungen und der aktuellen Sozial- und Gesellschaftspolitik.<\/p>\n<p>In den unterschiedlichen Denkschriften und Orientierungshilfen zu Familien-, Gesundheits- und Sozialpolitik, aber auch zur Zukunft von Diakonie und Kirche wurden Modelle vorgestellt, wie Kirchengemeinden und diakonische Unternehmen den Wandel gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Themenvorschl\u00e4ge<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Reformatorische Impulse zu aktuellen Fragestellungen<\/strong><\/li>\n<li><strong>Die gro\u00dfen R\u00e4der und die kleinen Schrauben: Politische Paradigmenwechsel und inspirierende Modelle in der Transformation <\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Meine B\u00fccher und Publikationen zum Thema<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eAufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen \u2013 Christsein und Kirche in der Transformation\u201c, G\u00f6ttingen 2016<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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