{"id":3502,"date":"2018-04-06T16:47:30","date_gmt":"2018-04-06T16:47:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3502"},"modified":"2018-04-06T16:54:17","modified_gmt":"2018-04-06T16:54:17","slug":"andachten-und-rundfunkbeitraege","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3502","title":{"rendered":"Andachten und Rundfunkbeitr\u00e4ge"},"content":{"rendered":"<p><strong>17.9.2017 8.35 \u2013 8.50 Uhr,\u00a0Deutschlandfunk\u00a0DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Auftanken!<\/strong><\/h2>\n<p><strong>Diakonische Orte als Kraftquelle<\/strong><\/p>\n<p>Halbfinale WM 2006, Deutschland gegen Italien, das Spiel hier in Dortmund. Auch bei uns in der Bahnhofsmission schauen wir das Spiel, zusammen mit Bahnkollegen und G\u00e4sten. In der Halbzeitpause kommt eine Frau in die Bahnhofsmission und erkl\u00e4rt, dass sie vor ihrem gewaltt\u00e4tigen Mann geflohen sei. Er w\u00fcrde Fu\u00dfball schauen und sie sei aus dem Fenster geklettert. Sie habe nichts dabei und w\u00fcsste auch nicht wohin.<\/p>\n<p><strong><em>Sprecher:<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nun ist der Fu\u00dfball zweitrangig. Unsere Frau Schmidt k\u00fcmmert sich. Mit dem Frauenhaus wird telefoniert, es ist voll. Mit der Frauen\u00fcbernachtungsstelle wird gesprochen, dort ist ein Bett frei, sie kann kommen. Die Stadt ist im Ausnahmezustand wegen des Halbfinales. Jetzt zu Fu\u00df durch die Stadt \u2013 das geht nicht. Also wird beratschlagt, dass aus Spendenmitteln ein Taxi finanziert wird. Alleine hat unsere Klientin Angst und ist unsicher. Frau Schmidt f\u00e4hrt mit und begleitet sie. Kurz vor Ende des Spiels ist sie zur\u00fcck! Da ist es nach halb 10 am Abend. Was w\u00e4re gewesen, wenn es eine solche Einrichtung wie die Bahnhofsmission mit ihren \u00d6ffnungszeiten nicht g\u00e4be?<\/p>\n<p><strong><em>Autorin<\/em><\/strong><em>:<\/em><\/p>\n<p>So erz\u00e4hlt Axel Rolfsmeier, einer der Mitarbeitenden. Wer \u00f6fter mal mit der Bahn unterwegs ist, kennt es \u2013 das Schild mit Kreuz und gelbem Streifen auf blauem Grund: N\u00e4chste Hilfe: Bahnhofsmission. Kennt die Engagierten mit den blauen Westen, die sich um solche Notf\u00e4lle k\u00fcmmern, die \u00c4ltere oder Menschen mit Behinderung zum Zug bringen oder abholen. Bahnhofsmissionen gibt es seit 1894. Der Initiator, Johannes Burkhard, wollte vor allem jungen Frauen Schutz geben, die damals in die St\u00e4dte str\u00f6mten, um zu arbeiten. Im Laufe der Zeit haben sich die gesellschaftlichen Herausforderungen gewandelt. Aber eins ist geblieben, sagt Rolfsmeier:<\/p>\n<p><strong>Sprecher<\/strong>:<br \/>\nDass die Menschen dort Zeit haben und nicht nach Fachleistungsstunden mit Kostentr\u00e4gern abrechnen m\u00fcssen. Die Bahnhofsmission ist eine offene Anlaufstelle \u2013 offen f\u00fcr jeden. Sie ist da und zur Stelle \u201ewenn das Leben entgleist\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>Autorin:<br \/>\n<\/em><\/strong>Und manchmal reicht eine Kleinigkeit: Kein Kleingeld f\u00fcr die Bahnhofstoilette? Gehen Sie doch einfach die Treppe hoch zur Bahnhofsmission, sagt mir die Frau am Kiosk. Da kriegen Sie sogar kostenlos einen Kaffee und k\u00f6nnen mal eben auftanken!<\/p>\n<p>Orte zum Auftanken \u2013 in unserer mobilen Gesellschaft sind sie wichtig. Wieder Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu sp\u00fcren, sich zu \u201everorten\u201c ist wieder ein Bed\u00fcrfnis. Pl\u00e4tze zu finden, wo man einmal nichts leisten, nichts darstellen muss \u2013 und keine Kreditkarte in den Scanner schieben soll. Der Verein \u201eAndere Zeiten\u201c hat nun eine App mit \u201eAnderen Orten\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0erstellt &#8211; mit Orten, die den Nutzern Erfahrungen von Ruhe, Trost \u2013 und Spiritualit\u00e4t erm\u00f6glichen. In Soziologie und Theologie spricht man inzwischen vom \u201eSpatial Turn\u201c \u2013 der Raum wird neu entdeckt. Nicht nur als physischer Ort, sondern auch als Lebens- und Sinnzusammenhang. Eine Lichtung im Wald, eine alte Kapelle \u2013 auch die Bahnhofsmission kann so ein anderer Ort sein. Oder der Raum der Stille in einem Krankenhaus. In den letzten 20 Jahren habe ich viele davon entdeckt.<\/p>\n<p>Es fing an mit dem alten Gartenh\u00e4uschen in Kaiserswerth, wo Theodor und Friederike Fliedner 1832 zwei strafentlassene junge Frauen aufnahmen. Das war die Wurzel der Diakonissenanstalt, die sich bald schon weltweit ausbreitete. Immer wieder besuchen Gruppen das Gartenh\u00e4uschen und den Diakonissenfriedhof, das Mutterhaus und das Torh\u00e4uschen mit dem kleinen Laden \u201eEigenart\u201c. Das sind Pilgerreisen \u2013 f\u00fcr viele sind diese diakonischen Einrichtungen heilige Orte.<\/p>\n<p>Seitdem interessiert mich der spirituelle Aspekt an solchen Orten ganz besonders. Sie verk\u00f6rpern Gemeinschaftserfahrung, sie bieten Schutz und Heilung. Diakonie ist ja weit mehr als eine Dienstleistung. Damit Menschen heil werden k\u00f6nnen, durchatmen und neue Kraft tanken, spielt auch die Umgebung eine Rolle. Die alten Stiftungen wir Bethel oder das Rauhe Haus haben wunderbare Parks. Und die alten Krankenh\u00e4user mit ihren Spitzb\u00f6gen sahen ein bisschen aus wie Kirchen \u2013 vielleicht eine Erinnerung an die mittelalterlichen Kl\u00f6ster, wo die Kranken zuerst gepflegt wurden.<\/p>\n<p>Eine Zeitlang habe ich gedacht, dass diese Welt vergeht. Die gro\u00dfen Heime wurden aufgel\u00f6st, die Krankenh\u00e4user brauchen vor allem gute Technik, die Kirchen f\u00fcllen sich nicht mehr. Aber noch immer ist die Ausstrahlung der R\u00e4ume wichtig \u2013 der Sternenflur im Kinderhospiz, der Labyrinthgarten im Bildungshaus oder der gedeckte Tisch, der alle einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Gabriele Oest, Seelsorgerin bei Diakovere in Hannover, ist Diakonie in der Hannah-Kapelle erfahrbar geworden:<\/p>\n<p><strong>Sprecherin<\/strong>:<br \/>\n\u201eDort habe ich einen gro\u00dfen Teil meiner Arbeitszeit verbracht: Habe Seminare, Gespr\u00e4chskreise, Oasen- und Basteltage gestaltet; habe R\u00e4ume er\u00f6ffnet, die Geborgenheit und Sicherheit vermitteln, die Vertrauen und Offenheit erm\u00f6glichen. Dadurch konnten viele Patientinnen trotz ihrer Krebsdiagnose das innere Gleichgewicht wiederfinden. Patienten, die erstmals die Hannah-Kapelle betreten, sind ganz angetan von der Ruhe und der Freundlichkeit, von dem Geist in diesem Raum. Sie sp\u00fcren: Hier darf ich mich zeigen, wie ich bin \u2013 mit meinen \u00c4ngsten und Sorgen, mit meiner Verzweiflung und Wut, mit meinen Tr\u00e4nen; aber auch mit meiner Freude und Hoffnung. Ein Ort, wo ich mir selbst und den anderen offen begegnen darf, der st\u00e4rkt und zum Wiederkommen einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Und neben der Hannah-Kapelle gibt es hier viele andere spirituelle Orte wie den Salemsfriedhof, die Mutterhauskirche und die alte Blutbuche im Garten. Sie vermitteln einen Eindruck von vergangenen Tagen und wechselvollen Zeiten und von dem, wie es heute ist.\u201c<\/p>\n<p><strong>Autorin:<br \/>\n<\/strong>Auch Rainer Adomat fasziniert der Gedanke, mit seiner Arbeit in einer schaffenden Generationenkette zu stehen. Er ist Leiter des Sch\u00e4ferhofs im Kreis Pinneberg.<\/p>\n<p><strong>Sprecher:<br \/>\n<\/strong>In der Aura dieses Ortes meint man die langen Zeitr\u00e4ume zu sp\u00fcren, in denen er wurde, was er ist. Viele Generationen haben mitgeholfen, die positive Ausstrahlung des Sch\u00e4ferhofs weiterzugeben und weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p><strong>Autorin:<br \/>\n<\/strong>Der Sch\u00e4ferhof ist eine Einrichtung f\u00fcr wohnungslose Menschen. Und Adomat ist hier am richtigen Platz. Es liegt ihm am Herzen, dass Menschen Zugang zur F\u00fclle des Lebens finden.<\/p>\n<p><strong>Sprecher:<br \/>\n<\/strong>Als ich selbst in der Klinik war habe ich gemerkt, wie wichtig mir der Andachtsraum ist. Aber auch, wie wichtig Gestaltung und Ausstattung sind, um dort Kraft und Besinnung zu finden. Der Sch\u00e4ferhof in Appen hat so eine besondere Aura, hier bei uns sagt man, der Sch\u00e4ferhof sei ein Ort, den der Herrgott bei der Sch\u00f6pfung besonders liebgehabt hat.<\/p>\n<p><strong>Autorin:<br \/>\n<\/strong>Die alten Parkanlagen, das Rosenbeet und die Blutbuchen &#8211; diese Sch\u00f6nheit und F\u00fclle der Sch\u00f6pfung habe ich auch in Kaiserswerth gefunden. Und auf dem Stiftungsgel\u00e4nde des Rauhen Hauses ist ein Teich am zentralen Ort. Claudia Rackwitz-Busse, ist Leiterin der Diakonengemeinschaft in der Hamburger Traditionseinrichtung:<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<br \/>\n<\/strong>\u201eRegelm\u00e4\u00dfig begegnen sich hier die betreuten Menschen, die Mitarbeitenden, die Bewohnerinnen des Altenheims, Studierende der Hochschule. Sie staunen im Fr\u00fchjahr \u00fcber die ersten Entenk\u00fcken, genie\u00dfen, auf den B\u00e4nken sitzend, die Sonne und den Augenblick. Dieses Miteinander auf Augenh\u00f6he gef\u00e4llt mir ganz besonders.<\/p>\n<p>Ich w\u00e4re nicht Rauhh\u00e4usler Diakonin, wenn ich nicht von den Kraftorten und Kraftworten Johann Hinrich Wicherns begeistert und motiviert w\u00e4re. Seine Entscheidung, vor \u00fcber 180 Jahren, an die Orte zu gehen, an denen Not entsteht, war bahnbrechend. \u201cWenn die Leute nicht zur Kirche gehen, muss die Kirche zu den Leuten gehen\u201d, war sein Motto. Er schuf R\u00e4ume, in denen Menschen sich entwickeln konnten. Sein Worte aus dem Aufnahmeritual f\u00fcr die Kinder im Rauhen Haus ber\u00fchren mich bis heute: \u201cDu bist mit keiner Kette gebunden, nur mit einem, dem Band der Liebe\u2026\u201c Menschen in ihrer Not ansehen, nicht von oben herab, sondern als die, die sie sind, als Gesch\u00f6pfe Gottes. Daraus entsteht f\u00fcr mich spirituelle Kraft, die einen Ort hat.<\/p>\n<p><strong>Autorin<\/strong>:<br \/>\nAls wir vor Jahren in der Kaiserswerther Diakonie auf der Suche nach spirituellen Orten waren, da haben wir die Kirchen und Kapellen, die Gemeinschaftsr\u00e4ume, Friedh\u00f6fe und G\u00e4rten besucht, um deren Atmosph\u00e4re aufzusp\u00fcren. Viele liebten die alten \u201edurchbeteten R\u00e4ume\u201c \u2013 aber sie w\u00fcnschten sich Zeichen, dass jeder und jede hier willkommen ist: ein Weihwasserbecken am Eingang zum Beispiel, eine Ikone an der Kerzenwand, Sitzkissen und Matten f\u00fcr die Meditation, leise Musik. An vielen Stellen wird heute versucht, solche interreligi\u00f6sen R\u00e4ume zu gestalten, gerade auch in Schulen und Krankenh\u00e4usern. Schlie\u00dflich arbeiten und lernen dort l\u00e4ngst Menschen aus anderen Kulturen und Religionen. Aber bei der Gestaltung der R\u00e4ume wird schnell sp\u00fcrbar, wie eng die Verbindung von sozialer Arbeit und christlichem Glauben bei uns ist. Bilder, Symbole, ja die Architektur weisen darauf hin. Wo gepflegt wird, finden sich Bilder vom Barmherzige Samariter, wo Wohnungslose Hilfe finden, die Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstige tr\u00e4nken, Gefangene besuchen. Welche Worte und Zeichen aus anderen Kontexten k\u00f6nnten behutsam eingef\u00fcgt werden? Diakonie geschieht heute auf dem Sozialmarkt, mitten in einer bunten Gesellschaft. Es w\u00e4re fatal, wenn die spirituelle R\u00e4ume dabei verloren gehen.<\/p>\n<p>Auch Friederike Weltzien hat Erfahrungen mit spirituellen Orten gesammelt, im Libanon und sp\u00e4ter als Gemeindepfarrerin in der N\u00e4he von Stuttgart.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin:<br \/>\n<\/strong>Ein spiritueller Ort entsteht immer als Zwischenraum, ein Zwischenraum zwischen Menschen. Dort, wo sich so etwas wie ein seelisches Angesprochensein ereignet &#8211; in einem Kirchenraum, in einer Moschee oder einer Synagoge oder auch zum Beispiel an einem Baum oder vor einem Kunstwerk. All das kann f\u00fcr mich zum spirituellen Raum werden. Ein Raum, in dem Gottesbeziehung m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Besonders sp\u00fcrbar wird die Diakonie aber in der Gemeindek\u00fcche. Im Herbst 2015 \u00f6ffneten wir die T\u00fcren unserer R\u00e4ume f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, das gr\u00f6\u00dfte Bed\u00fcrfnis der Menschen war, selber Essen zu kochen, etwas, was sie kennen und was ihnen schmeckt. Also wurde jeden Dienstag f\u00fcr achtzig Leute gekocht. Die Hilfsbereitschaft war gro\u00df, aber in der K\u00fcche trafen die Kulturen aufeinander. Dinge ver\u00e4nderten sich, zun\u00e4chst gab es viel Aufregung in der Gemeinde und auch Sorgen und \u00c4ngste. Aber gerade da entwickelten sich die intensivsten Kontakte auch ohne Sprachkenntnisse. Inzwischen ist es selbstverst\u00e4ndlich geworden. Es wird immer noch regelm\u00e4\u00dfig syrisch gekocht und gemeinsam gefeiert und gegessen. Und da werden religi\u00f6se Themen ganz zwanglos miteinander diskutiert und besprochen und vor allem erlebt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Autorin:<br \/>\n<\/strong>Die Gemeindek\u00fcche als spiritueller Ort. Das Gemeindehaus als ein Platz, wo Menschen Zeit haben \u2013 offen f\u00fcr alle. Solche Orte folgen nicht den Regeln der \u00f6konomischen Logik. Sie richten sich nicht nach vorgegebenem Hilfestandards und auch nicht nur an \u201eHilfebed\u00fcrftige\u201c im Sinne des Sozialgesetzbuches. Schlie\u00dflich suchen wir alle in bestimmten Phasen nach Schutz und Trost, suchen R\u00fcckzugs- und Lernorte oder solche, an denen etwas Neues beginnen kann. Und finden sie auch an Orten, die keine lange Tradition haben.<\/p>\n<p>Manchmal sind die traditionsreichen Orte schon lange leer. Manchen haften dunkle Erinnerungen an. Auch in der Diakonie gab es Missbrauch und Menschenverachtung. Und manchmal sind sie einfach nicht mehr geeignet f\u00fcr die Anforderungen unserer Zeit. Aber es gibt sie noch, die Orte zum Auftanken, diakonische Orte<strong>.\u00a0<\/strong>Wer die Augen offen hat, findet sie &#8211; an vielen Bahnh\u00f6fen und \u00fcberall im Land vom Rauhen Haus bis nach Rummelsberg. Oder mitten in der Natur. Und immer mehr Menschen finden da ihren Herzensort. Und teilen ihn mit anderen. Die App unter \u201aandereorte.de\u2018 ist eine gute M\u00f6glichkeit daf\u00fcr, ein virtuelles Netzwerk, das auf ganz konkrete Orte und Begegnungen hinweist.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.andereorte.de\">www.andereorte.de<\/a><\/h5>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Lebenszeichen SR 29.7.17<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Auf der Suche nach dem Zauberwort<\/strong><\/h2>\n<p>\u201eWelche drei Postkarten w\u00fcrden Sie gern im Urlaub schreiben und an wen?\u201c Oder: \u201eGibt es Dinge, die Sie schon immer mal tun wollten, aber nie in die Realit\u00e4t umgesetzt haben? Notieren Sie sie!\u201c<\/p>\n<p>Das sind Impulse aus meinem kleinen gelben Urlaubsbuch \u2013\u00a0einer wundersch\u00f6nen Kladde mit kleinen Texten und viel Raum zum Schreiben. In diesem Sommer begleitet sie mich \u2013\u00a0und wieder einmal entdecke ich, dass Schreiben wie Meditation sein kann. Im Strandkorb mit der Kladde auf dem Schoss. Oder in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 \u2013 vor mir ein paar sch\u00f6ne Karten und ein Glas mit Eiskaffee. Mein Urlaubsbuch hat Platz f\u00fcr Fotos, Eintrittskarten oder f\u00fcr ein Gedicht. Und viel Raum zum Nachdenken und Spinnen. Denn wenn der Kopf endlich frei ist, kommen die Ideen wieder hoch, die mir w\u00e4hrend des Alltags durch den Kopf schie\u00dfen und irgendwohin ins Unbewusste sacken, weil ich keine Zeit habe, sie ernst zu nehmen. Jetzt kann ich den Spuren nachgehen, vielleicht f\u00fchren sie ja weiter. Endlich querdenken \u2013 Gedanken und Bilder aus ganz verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen verkn\u00fcpfen. Den Dingen auf den Grund-, in die Tiefe gehen. Manchmal kl\u00e4ren sich dabei Fragen, die mir selbst kaum bewusst waren, weil sie im Alltag unter der Oberfl\u00e4che verborgen geblieben sind. Gedichte fallen mir ein, Gebete und auch Bibelworte kommen mir in Erinnerung.<\/p>\n<p>Ich schreibe, lese nach, schreibe weiter. Manchmal mache ich mit einer kleinen Skizze die innere Landschaft sichtbar. Manchmal bleibt am Ende nur ein einfacher Satz. Dann sp\u00fcre ich, wie alles klar und leicht wird. Und lege die Kladde beiseite. Jetzt kann ich die Dinge stehen lassen, wie sie sind \u2013 ich finde langsam zur Ruhe, zum Schweigen, zum H\u00f6ren. Und pl\u00f6tzlich habe ich das Gef\u00fchl, die Welt spricht ganz unmittelbar, die V\u00f6gel beten, die Bl\u00fcten loben das Leben. Der Dichter Josef von Eichendorff erz\u00e4hlt davon in seinem ber\u00fchmten Gedicht: \u201eSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen, die da tr\u00e4umen fort und fort. Und die Welt f\u00e4ngt an zu singen, find\u2018st Du nur das Zauberwort.\u201c<\/p>\n<p>Die Welt spricht. Sie singt, sie seufzt, sie schreit auch manchmal. Gottes Geist singt und seufzt in ihr. Gott spricht zu mir durch seine Sch\u00f6pfung \u2013 so wie er durch sein Wort zu mir spricht. Der Koran, habe ich neulich gelesen, sei die sprechende Sch\u00f6pfung. Und die Sch\u00f6pfung der schweigende Koran. Damit sie spricht, braucht es das Zauberwort, das sie zum Klingen bringt wie ein Kl\u00f6ppel eine Klangschale. Konfirmanden haben mich gefragt, ob wir Gott heute noch h\u00f6ren k\u00f6nnten &#8211; ganz unmittelbar so wie Abraham oder Jakob, die Propheten und Heiligen? Ist Gott stumm geworden oder findet sein Wort keine Resonanz bei uns? Vielleicht sind wir vor lauter Worten taub geworden, vor lauter Bildern blind? Das Zauberwort, das in uns und anderen etwas anr\u00fchrt \u2013\u00a0es scheint vergessen zu sein.<\/p>\n<p>Mein Urlaubsbuch erinnert mich daran, wie ich diesem Wort auf die Spur kommen kann. Vielleicht geht es im Urlaub genau darum, dass ich das Zauberwort finde. Ich muss leer werden, zur Ruhe kommen. \u201e Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft\u201c, hei\u00dft es in den Psalmen, dem alten Gebetbuch der hebr\u00e4ischen Bibel. Das ist wohl der Kern des Betens: Dass es still wird in mir, damit ich das Wort h\u00f6re, das alles zum Klingen bringt. Dass ich in Resonanz komme mit der Welt. Manchmal schreibe ich, manchmal walke ich durch den Wald, bis ich den Kopf frei habe und die V\u00f6gel wieder singen h\u00f6ren und wahrnehme, wie das Licht durch die B\u00e4ume f\u00e4llt. Andere entdecken Malb\u00fccher f\u00fcr sich als Entschleunigung in hektischen Zeiten. Neulich habe ich eines mit diesem Gebetstitel entdeckt: &#8222;Meine Seele ist stille&#8220;. Da ist auf jeder Seite ein Ausmalbild mit einem Psalmvers. Beim Malen kann man den dann meditieren und so vielleicht das Wort finden, dass die Sch\u00f6pfung zum Klingen bringt.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen, dass Sie in diesen Sommerwochen Ihr Wort finden und dass Sie dann dem Klang der Welt lauschen k\u00f6nnen.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"p1\"><strong>Geistliches Wort zu Fronleichnam, 15.6.17, WDR 3, 8.35 Uhr<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Gott einen Platz in der Welt schaffen<\/strong><\/h2>\n<p><em>Autorin<\/em>: Auf dem Gel\u00e4nde stehen zwei gro\u00dfe Holzkreuze. Hier versammeln sich jeden Sonntag M\u00e4nner und Frauen, um zu beten, zu h\u00f6ren, zu singen und zu schweigen. Sie halten inne. Sie zeigen, dass sie da sind. Sie st\u00e4rken sich. Jemand liest ein Gedicht, eine greift zur Gitarre und stimmt ein Lied an, ein anderer berichtet aus dem Planungsverfahren.<\/p>\n<p>Seit 1989 gibt es das \u201eGorlebener Gebet\u201c. Sonntag f\u00fcr Sonntag wird es von Gruppen und Einzelnen ganz unterschiedlich gestaltet. Mitten im Wald, in Sichtweite der m\u00f6glichen Endlagerst\u00e4tte f\u00fcr Atomm\u00fcll &#8211; am sogenannten Kreuzweg f\u00fcr die Sch\u00f6pfung. Da, wo die zwei Holzkreuze den Versammlungsplatz markieren\u00a0\u2013 eines davon aus dem Atomkraftwerk Kr\u00fcmmel. Das Gorlebener Gebet geh\u00f6rt zum Widerstand gegen die Atomkraftanlagen im Wendland. Eine feste Liturgie gibt es nicht. Mir imponiert die stille Durchhaltekraft dieser Bewegung. Engagierte aus unterschiedlichen Kirchengemeinden und Konfessionen kommen hier zusammen &#8211; von \u00fcberall her. Menschen, die diesen Platz als Gottes Sch\u00f6pfung wahrnehmen. Die Licht durchfluteten Baumkronen jetzt im Mai, die wei\u00dfen Bl\u00fcten des Waldmeisters. Sch\u00f6nheit pur. Es ist ein heiliger Ort, an dem diese Gemeinde sich sammelt, um miteinander zu beten und zu singen. Aber es ist auch ein bedrohter Ort. Seit dem GAU von Tschnernobyl ist jedem bewusst, wie unvorstellbar und unwiderruflich die Zerst\u00f6rung durch Atomkraft sein kann.<\/p>\n<p>Der Theologe Klaus M\u00fcller hat die Angst davor ganz unmittelbar erlebt. W\u00e4hrend der Kubakrise \u2013 auf dem H\u00f6hepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Chrutschow und Kennedy. Am entscheidenden Abend sa\u00df er mit einem Freund zusammen. Er schreibt:<\/p>\n<p>Sprecher: \u201eIch war erf\u00fcllt von einer merkw\u00fcrdigen Abschiedsstimmung, so als ginge an diesem Abend die uns vertraute, uns bergende Natur zu Ende, als sei ein unwiderrufliches Datum der Sch\u00f6pfung erreicht, das f\u00fcr den Menschen und seine Naturgef\u00e4hrten, die Pflanzen und die Tiere den Tod bedeuten konnte\u2026Ich erinnere mich, wie wir fast wehm\u00fctig einige Gr\u00e4ser am Stra\u00dfenrand und einen Baum auf dem Platz vor dem Lokal betrachteten \u2013 in der v\u00f6lligen Verunsicherung, ob das nicht der letzte Abend sei, an dem zwischen Mensch und Natur dieses gro\u00dfartige vorgestiftete, im Kern noch intakte Verh\u00e4ltnis eines gesch\u00f6pflichen Miteinanders bestehen w\u00fcrde\u2026 Jede erhebende Gotteserfahrung war uns entr\u00fcckt, das Kreuz f\u00fcr die ganze belebte Sch\u00f6pfung war in Reichweite.\u201c<\/p>\n<p>Autorin: \u201eDie ganze Sch\u00f6pfung seufzt\u201c und wartet auf ihre Erl\u00f6sung, schreibt schon der Apostel Paulus. Und davon erz\u00e4hlen auch die beiden Kreuze in Gorleben, die dort seit 28 Jahren stehen \u2013\u00a0als w\u00e4re der Platz im Wald eine Kapelle.<\/p>\n<p>Heute, an Fronleichnam, tragen katholische Gemeinden wieder das Allerheiligste, die geweihte Hostie, in einem Festzug durch die Stra\u00dfen und \u00fcber die Felder. Manchmal werden noch Au\u00dfenalt\u00e4re aufgestellt, an denen jeweils ein Abschnitt aus dem Evangelium vorgetragen wird, es werden F\u00fcrbitten gesprochen und der Segen wird in alle Himmelsrichtungen erteilt. Ich habe lange im Rheinland gelebt und kann mich gut erinnern an die sch\u00f6n geschm\u00fcckte Monstranz mit dem Allerheiligsten, den Stoffhimmel dar\u00fcber, die Priester und Messdiener und das Weihwasser, das mit Schwung \u00fcber die Felder verteilt wurde. Ein Segen f\u00fcr die ganze Sch\u00f6pfung \u2013 die Heiligsprechung allen Lebens. Auch und gerade des bedrohten und vielfach schon zerst\u00f6rten Lebens. Dass im Allerheiligsten der gebrochene Leib Christi aus der Kirche heraus getragen wird \u2013 in die bedrohte Natur, das empfinde ich als starkes Zeichen. Mitgefeiert habe ich aber nie \u2013 als ich noch im Rheinland lebte, be\u00e4ugten sich Protestanten und Katholiken allenfalls von Ferne. Und auf dem Land konnte es noch passieren, dass evangelische Bauern an Fronleichnam die G\u00fclle ausbrachten- so wie ihre katholischen Nachbarn am Karfreitag. Das geh\u00f6rt wohl zu den Flursch\u00e4den der Reformation: Weil sich das Fronleichnamsfest, das erst im hohen Mittelalter entstand, aus der Bibel nicht begr\u00fcnden l\u00e4sst, hatte Luther geschrieben: \u201eIch bin keinem Fest mehr feind \u2026 als diesem. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man\u2019s nur zum Schauspiel umtr\u00e4gt.\u201c Ja, ein Schauspiel ist es, eine gro\u00dfe Inszenierung, die nur ein Zentrum hat: Das Allerheiligste soll in die Welt hinaus \u2013\u00a0auf die Stra\u00dfen, auf die Felder. Weihwasser oder G\u00fclle? Dieser Streit zwischen Christen hat sich Gott sei Dank erledigt: Mir jedenfalls geht es heute vielmehr darum, der Zerst\u00f6rung unsers Planeten, der Anbetung falscher G\u00f6tter etwas entgegen zu setzen.<\/p>\n<p><strong>Musik<\/strong><\/p>\n<p><em>Sprecher<\/em>: Vielleicht kennen Sie die Geschichte von dem Indianerh\u00e4uptling, der mit Freunden durch eine Gro\u00dfstadt geht und seine Begleiter auf eine seltene Vogelstimme aufmerksam macht. Die anderen hatten nichts geh\u00f6rt. Als allerdings der H\u00e4uptling ein Cent-St\u00fcck fallen lie\u00df, da waren ihre Ohren fein genug.<\/p>\n<p><em>Autorin:<\/em>\u00a0Geld k\u00f6nnen wir h\u00f6ren, darauf sind wir trainiert. Die Stimme der Natur aber bleibt uns verschlossen. Worauf sind unsere Sinne ausgerichtet? Was riechen, sehen oder h\u00f6ren wir, wenn wir unterwegs sind durch unsere St\u00e4dte?<\/p>\n<p><em>Sprecher<\/em>: \u201eKleine Leute in der gro\u00dfen Stadt\u201c, hei\u00dft ein wunderbarer Bildband mit den Miniatur-Skulpturen von Slimkachu. Das Miniaturv\u00f6lkchen, das er in den englischen Gro\u00dfst\u00e4dten zum Leben erweckt, hat die Gr\u00f6\u00dfe von Eisenbahnfiguren. Da sieht man ein Rettungsboot in einer Pf\u00fctze. Einen Winzling, der am Stra\u00dfenrand versucht, ein Auto herbei zu winken. Kleine Leute, die Erdnussflips abtransportieren wie die Ameisen. Einen Mann, der mit einer Sicherheitsnadel ermordet wird. Man sieht \u2013 nein, nur, wer sehen kann, sieht. Die meisten werden die Dramen, die da gezeigt werden, \u00fcbersehen.<\/p>\n<p><em>Autorin:<\/em>\u00a0Was dem einen eine Pf\u00fctze, ist dem anderen der Ozean. In unserer Gesellschaft werden die Unterschiede gr\u00f6\u00dfer, sie wird bunter, aber sie spaltet sich auch \u2013 \u00f6konomisch, sozial und kulturell. Die Bedeutung von Erwerbsarbeit steigt, aber immer mehr k\u00f6nnen von ihrer H\u00e4nde Arbeit nicht mehr leben. Viele m\u00fcssen am Ende mit geringen Renten auskommen: Eltern kleiner Kinder, Frauen und M\u00e4nner, die Angeh\u00f6rige pflegen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung. Vor 40 Jahren hat der Berliner Theologe Ernst Lange vom Ensemble der Opfer gesprochen- von den Kindern, den Alten und den Migranten etwa, die durch die Risse unserer Gesellschaft fallen.<\/p>\n<p>Ernst Lange hat seine Ladenkirche dagegen gesetzt \u2013 einen Treffpunkt in Berlin-Spandau. Niedrigschwellig, offen f\u00fcr jeden. Ein ehemaliger Laden zwischen Kaufh\u00e4usern und Kneipen wurde zur Herberge in den W\u00fcsten der Stadt. Ein Platz, wo jeder willkommen war und zur Ruhe finden konnte, wo es diakonische Hilfen gab, wo aber auch Gottesdienste gefeiert wurden. Ein kleiner Leuchtpunkt mit besonderer Anziehungskraft. Neulich musste ich nochmal daran denken. Mitten in der Ladenstra\u00dfe einer gro\u00dfen Uniklinik sah ich eine beleuchtete Kapelle mit einem Seelsorgeangebot. Wer wollte, konnte einfach hereinkommen. F\u00fcr sich bleiben oder reden.<\/p>\n<p><em>Sprecher<\/em>: Es ginge darum, Gott einen Ort zu sichern, hat die katholische Sozialarbeiterin und Mystikerin Madeleine Delbrel gesagt \u2013 einen Ort in den Fabriken und vergessenen Nachbarschaften, an den Orten des Leidens, auch jenseits traditioneller Konzepte. Und sie tat das mit ihrer Kommunit\u00e4t in den Banlieus von Paris. \u201eDie ganze Kirchengeschichte hindurch gibt es so etwas wie \u201eLandstreicher\u201c, schreibt Debrel, \u201eLandstreicher, die immer unterwegs sind auf den Stra\u00dfen, die den Weg Christi eingeschlagen haben, nicht um etwas bestimmtes zu tun oder etwas von A bis Z zu erledigen, sondern um den ganzen Weg entlang die Geb\u00e4rden Christi zu vollziehen\u2026 Geb\u00e4rden von Menschen, die sich ihre Begegnungen nicht aussuchen, die nicht selbst w\u00e4hlen, wohin sie gehen sollen, die annehmen, was Gott ihnen schickt: was und wen. Menschen, die versuchen, unaufh\u00f6rlich versuchen, f\u00fcr jeden und jede das zu sein, was Christus gewesen ist.\u201c<\/p>\n<p><em>Autorin<\/em>: Genau das versuchen die vielen Ehrenamtlichen an den Tafeln und in den Vesperkirchen, im Krankenhaus und bei der Hausaufgabenbetreuung. Sie arbeiten daran, dass die Kirche zum tragf\u00e4higen Netzwerk wird \u2013\u00a0f\u00fcr alle, die sonst \u00fcbersehen werden. Dann kann gelingen, was eine afrikanische Weisheit sagt: \u201eViele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, k\u00f6nnen das Angesicht der Erde ver\u00e4ndern\u201c.<\/p>\n<p><strong>Musik:<\/strong><\/p>\n<p><em>Autorin:<\/em>\u00a0Das Angesicht der Erde ver\u00e4ndern. Darum geht es auch an Fronleichnam. Als Kind der 50er Jahre habe ich erlebt, wie sich an Fronleichnam die Stadt \u00e4ndert. In Neviges, einem alten Wallfahrtsort, knieten die Menschen noch auf dem B\u00fcrgersteig, wenn die Prozession vorbei kam. Als sei die Stra\u00dfe zur Kirche geworden. Seitdem hat mich diese Frage besch\u00e4ftigt: wie es wohl auf der Stra\u00dfe aussehen m\u00fcsste, wenn unser Alltag zum Gottesraum w\u00fcrde. Wenn wir ihn sichtbar, h\u00f6rbar und f\u00fchlbar bei uns tragen w\u00fcrden. Wenn ein \u201eFriede sei mit dir\u201c unser Miteinander bestimmte. Wenn die W\u00fcrde des Lebens heilig gehalten w\u00fcrde. Kurz: wenn dieser Augenblick eben mehr w\u00e4re als ein kurzes Zeichen. Eine erinnerungstr\u00e4chtige Inszenierung.<\/p>\n<p>Vor Jahren habe ich in den Stra\u00dfen von Jerusalem etwas \u00c4hnliches erlebt. Am Holocaust-Gedenktag steht dort das Leben f\u00fcr zwei Minuten still. Autos und Fu\u00dfg\u00e4nger verharren wie von einer unsichtbaren Hand gestoppt. Der Alltag friert ein \u2013 als Zeichen f\u00fcr die grausame Vernichtung, die sechs Millionen Juden in ganz Europa das Leben gekostet hat. Wer diesen Schmerz vergisst, wei\u00df den wunderbaren Neuanfang nicht zu sch\u00e4tzen. Ist es nicht \u00e4hnlich mit der Monstranz, die heute durch die Stra\u00dfen getragen wird? Der blutende Leib Christi, an den die Oblate erinnert, zeigt ja, wie Gott selbst leidet an seiner Sch\u00f6pfung, an der der zerrissenen Welt. Dass er sich mitten hinein begeben hat in unser Leben \u2013 gefoltert unter Pilatus, gesch\u00e4ndet am Kreuz, auferstanden als unsere Hoffnung. Diese Solidarit\u00e4t mit den Leidenden und diese Hoffnung auf Leben sollen wir weiter geben, wir sollen sie sichtbar machen mitten im Alltag.<\/p>\n<p>Das geschieht heute an Fronleichnam und es geschieht Sonntag f\u00fcr Sonntag im Gorlebener Gebet. Es geschieht in den Vesperkirchen und bei den Mittagstafeln. Und vielleicht auch \u00fcbermorgen wieder, am 17. Juni, wenn Menschen Tische und St\u00fchle auf die Stra\u00dfe setzen und andere einladen. Zum Tag der Offenen Gesellschaft. An einem Tisch wollen sie mit anderen ins Gespr\u00e4ch kommen, einander sehen und wahrnehmen, miteinander essen und trinken und feiern. Viele Kirchengemeinden sind auch dabei. Damit Gott einen Ort hat mitten im Leben. Vielleicht machen Sie ja mit?<\/p>\n<p>Mit dieser Idee gr\u00fc\u00dft Sie Pastorin Cornelia Coenen-Marx aus Hannover.<\/p>\n<p><strong>Musik:<\/strong><\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx<\/p>\n<hr \/>\n<h2 class=\"p1\">Morgenandachten im DLF vom 6. bis\u00a011.2.2017<\/h2>\n<p>_______<\/p>\n<p><strong>1. Morgenandacht am 06.02.2017 im DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>In meinen Schuhen<\/strong><\/h2>\n<p>Sind Sie schon fertig f\u00fcr den Tag? Gestiefelt und gespornt? Ein paar warme Stiefel sind in diesen Wochen Gold wert \u2013 als Schutz gegen die ungem\u00fctliche K\u00e4lte, gegen Schneematsch und Pf\u00fctzen. Und abends freut man sich dann, sie wieder auszuziehen \u2013\u00a0in gem\u00fctliche Stricksocken zu schl\u00fcpfen und endlich wieder die F\u00fc\u00dfe auf dem Boden zu sp\u00fcren. Aber auf meine Stiefel m\u00f6chte ich nicht verzichten \u2013\u00a0sie geh\u00f6ren ins Schuhregal wie die Laufschuhe, die eleganten Hochhackigen, die Turnschuhe und die Sandalen. Mehr braucht es eigentlich nicht &#8211; keine drei\u00dfig Paar im Regal. Ich wei\u00df ja, wie viele Menschen gl\u00fccklich w\u00e4ren, wenn sie \u00fcberhaupt ein paar passende Schuhe h\u00e4tten. Die Jungs mit den durchgelaufenen Turnschuhen auf der Flucht. Die Kinder in zu klein gewordenen Sandalen \u2013 mit l\u00f6chrigen Socken in K\u00e4lte und Regen.<\/p>\n<p>Jahrelang habe ich nicht viel \u00fcber Schuhe nachgedacht. Was kaputt war, wurde ersetzt; Schuhkauf ging meist schnell, man hat so seine Gewohnheiten. Erst seit mein R\u00fccken manchmal aufmuckt, schaue ich mehr auf meine F\u00fc\u00dfe. Ob ich fest stehe, ob ich sicher unterwegs bin. Ein paar wirklich gute Schuhe machen den Unterschied. Auf die Menge kommt es nicht an.<\/p>\n<p>Jetzt ist mir wieder eingefallen, dass Jesus seine J\u00fcnger ganz ohne Schuhe losschickte. Jedenfalls erz\u00e4hlt das der Evangelist Matth\u00e4us. Markus meint, er h\u00e4tte ihnen wenigstens Sandalen erlaubt. Im Markusevangelium steht:\u00a0<em>\u201eEr gebot ihnen, au\u00dfer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im G\u00fcrtel, kein zweites Hemd und an den F\u00fc\u00dfen nur Sandalen\u201c.<\/em>\u00a0Wer jetzt denkt, das w\u00e4re auf den staubigen Stra\u00dfen Israels und Pal\u00e4stinas kein Problem, der hat Jerusalem noch nicht im Winterregen erlebt. Oder gar im Schnee.<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt: diese Aussendungsrede Jesu ist eigentlich eine Zumutung. Er sagt das auch so: \u201eIch sende Euch wie Schafe mitten unter die W\u00f6lfe\u201c. Verwundbar, ungesch\u00fctzt, barf\u00fc\u00dfig. Denn nat\u00fcrlich gab es auch im Heiligen Land Leute in Stiefeln \u2013\u00a0und es gibt sie immer noch. Uniformhosen in Soldatenstiefeln. Hochger\u00fcstete junge Leute. Zur Zeit Jesu waren es r\u00f6mische Soldaten, die das Land besetzt hielten. Die vorw\u00e4rts marschierten \u2013\u00a0ohne R\u00fccksicht auf alles, was ihnen in die Quere kam. Kollateralsch\u00e4den inbegriffen. Stiefel, die dr\u00f6hnend daher stampfen &#8211; in der hebr\u00e4ischen Bibel haben sie keinen guten Klang. Der Prophet Jesaja hofft sogar, dass sie eines Tages \u00fcberfl\u00fcssig werden. Wenn der Messias kommt. Der Mensch einer neuen Zeit. Das Kind mit den zarten F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Jesus, der Wanderprediger, war mit Sandalen unterwegs. Jesus-Latschen, sagte man fr\u00fcher dazu \u2013\u00a0wer die tr\u00e4gt, geht fast schon barfu\u00df. Da muss man genau hinschauen auf den eigenen Weg. Auf die Steine und die Schlagl\u00f6cher achten. Wer sich nicht sto\u00dfen und verletzen will, muss in Kontakt zum Boden bleiben. Mir ist aufgefallen, dass diese Art, durch die Welt zu gehen, wieder Konjunktur hat. Barfu\u00dfschuhe sind nicht nur im Sport gefragt. Ganz leicht und biegsam sollen sie sein. Wer sie tr\u00e4gt, sp\u00fcrt jedes kleine Steinchen; das macht achtsam. Nicht nur f\u00fcr den eigenen Weg, sondern auch f\u00fcr die eigene Haltung.<\/p>\n<p>Seit ich auf meine Schuhe achte, sind sie mir zum Symbol geworden. Die Soldatenstiefel und die Jesuslatschen. Die alte Geschichte vom verlorenen Sohn f\u00e4llt mir ein, der barfu\u00df und vollkommen abgerissen zur\u00fcck nach Hause kam. Sein Vater umarmte ihn, kleidete ihn ein \u2013 und sorgte daf\u00fcr, dass er neue Schuhe bekam. So machen es viele, die sich in Kleiderkammern und Notunterk\u00fcnften engagieren, damit andere wieder aufrecht durchs Leben gehen. Weil sie sich vorstellen k\u00f6nnen, in den Schuhen der anderen zu gehen, wie es in dem alten Sprichwort hei\u00dft.<\/p>\n<p>Und wie gehe ich meinen Weg, wenn ich heute aufbreche? Welche Schuhe ziehe ich an? Es m\u00fcssen nicht die Jesuslatschen sein im Winterwetter. Aber dass ich achtsam bleibe und nicht als Trampel durch die Welt laufe, das ist mir wichtig. Ab und an im Laufe des Tages werden mich meine Schuhe daran erinnern.<\/p>\n<p>_______<\/p>\n<p><strong>2. Morgenandacht am 07.02.2017 im DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Leichtes Gep\u00e4ck<\/strong><\/h2>\n<p>Irgendwie wird mein Koffer am Ende immer zu voll. Und mein Rucksack ist meist zu schwer. Mein Nackenkissen muss mit, mein kleiner Thermoskocher und der Tee. Und nat\u00fcrlich der Laptop und das Buch, das ich gerade lese. So sehr ich mich bem\u00fche, mit leichtem Gep\u00e4ck zu reisen \u2013\u00a0am Ende habe ich doch zu viel zu schleppen. Und wenn ich mich umschaue auf den Bahnh\u00f6fen und in den Innenst\u00e4dten, dann sehe ich, dass es anderen auch so geht.<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt, ich \u00e4rgere mich dar\u00fcber. Und ich schaue mit Neid auf manche junge Leute, die es schaffen, mit Handy, Rucksack und Kapuzenshirt weit zu kommen. \u201eOmnia mecum porto mea\u201c \u2013 \u201eAll meinen Besitz trage ich bei mir\u201c soll der griechische Philosoph Bias von Priene gesagt haben, als er aus seiner Heimatstadt floh. Er gilt als einer der sieben Weisen der griechischen Antike. Viel kann er nicht bei sich gehabt haben, als er floh. Er dachte also nicht an materiellen Besitz \u2013 anderes war ihm wichtiger. Sein Wissen, seine F\u00e4higkeiten: die konnte ihm keiner nehmen. Dass Erfahrungen wichtiger sind als der Kram, den wir anh\u00e4ufen, das haben die Jungen heute begriffen, die mit Rucksack und Handy unterwegs sind, w\u00e4hrend ich mich noch abschleppe mit meinem Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p>Leichtes Gep\u00e4ck empfiehlt auch Jesus seinen J\u00fcngern \u2013 sogar noch h\u00e4rter: den kompletten Verzicht auf all die Dinge, die uns lieb und teuer sind. \u201eEr gebot ihnen, au\u00dfer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen\u201c, erz\u00e4hlt der Evangelist Markus; \u201ekein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im G\u00fcrtel, kein zweites Hemd und an den F\u00fc\u00dfen nur Sandalen\u201c. Kein Rucksack also, geschweige denn Thermoskocher und Tee \u2013 und auch kein Geld, um unterwegs einen Kaffee to go zu kaufen. Wie soll das gehen? Unwillk\u00fcrlich sehe ich die Wohnungslosen vor mir und die Schnorrer, die auf dem Bahnsteig um Geld f\u00fcr eine Fahrkarte betteln: Wer will schon so leben? Was Jesus da sagt, ist eine Zumutung!<\/p>\n<p>Aber es gibt sie, die Christinnen und Christen, die das versuchen \u2013 die Gemeinschaften, in denen jeder einzelne auf pers\u00f6nlichen Besitz verzichtet. Die Franziskaner zum Beispiel, die wie ihr Ordensgr\u00fcnder Franziskus von Assisi den spirituellen Reichtum in der Armut suchen. Wer selbst nichts besitzt, wer nichts bei sich hat, ist auf die Zuwendung und Gastfreundschaft anderer angewiesen. Der muss bitten und manchmal auch betteln. Und kann bald unterscheiden, von wem Hilfe zu erwarten ist und von wem nicht. Wer offen und wer abweisend durchs Leben geht. Die Schnorrer am Bahnhof haben einen Blick daf\u00fcr. Und umgekehrt gilt: wer wei\u00df, wie es ist, unterwegs und bed\u00fcrftig zu sein, wird den Reisenden die T\u00fcr \u00f6ffnen \u2013 und mehr noch das Herz, wie es in den Kl\u00f6stern hei\u00dft.<\/p>\n<p>Die wenigsten leben so radikal. Selbst die Zahl der Orden schrumpft. Nur die Wohnungslosen und Fl\u00fcchtlinge sind noch dicht dran an den Erfahrungen der Jesusgemeinschaft. Und vielleicht auch die, die alles verkaufen, was sie haben, und sich auf eine gro\u00dfe Reise begeben. Die noch einmal neu anfangen wollen, das Leben neu entdecken \u2013 bei einem Auslandsaufenthalt, in einem Sabbatjahr oder bei einer Weltumseglung. Da reist man am besten mit leichtem Gep\u00e4ck. Mit leeren H\u00e4nden und offenem Herzen: was Jesus seinen J\u00fcngern empfiehlt, macht den Neuanfang m\u00f6glich. Jeden Tag.<\/p>\n<p>\u201eAlles, was ich habe, trage ich bei mir.\u201c Der Weise Bias von Priene erinnert an den unsichtbaren Besitz, die Sch\u00e4tze, die man nicht sehen kann. Jesus spricht von Sch\u00e4tzen im Himmel, die Motten und Rost nicht fressen k\u00f6nnen. Von dem, was nicht kaputt geht, was man nicht vergessen kann, womit sich keiner abschleppen muss. Von dem, was wirklich reich macht. Neue Erfahrungen geh\u00f6ren dazu und alte Freundschaften. Und Menschen, die mir und denen ich offen begegne.<\/p>\n<p>Ein gutes Buch und eine Kladde f\u00fcr \u00fcberraschende Ideen &#8211; die schleppe ich auf diesem Weg nun wirklich gerne mit. Sie sind so wichtig wie die Wasserflasche und das Handy. Anderes sollte ich lieber hinter mir lassen. Wer Erfahrungen sammeln will, darf den Rucksack nicht zu voll haben.<\/p>\n<p>_______<\/p>\n<p><strong>3. Morgenandacht am 08.02.2017 im DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Schl\u00fcsselerfahrungen<\/strong><\/h2>\n<p>Ich mag es, wenn mein Schl\u00fcsselbund schwer in der Hand liegt \u2013 dann verlegt er sich nicht so leicht. Abends hat er seinen festen Platz am Schl\u00fcsselbrett, tags\u00fcber am Lederriemen in meiner Handtasche. Wer kennt sie nicht &#8211; die Angst, den Schl\u00fcssel zu vergessen oder gar zu verlieren. Vielleicht behalte ich auch deswegen noch den einen oder anderen Schl\u00fcssel, mit dem ich eigentlich gar nichts mehr anfangen kann. Er macht den Schl\u00fcsselring schwer \u2013 und er weckt Erinnerungen.<\/p>\n<p>Im Schlesischen Museum in G\u00f6rlitz habe ich ein Schl\u00fcsselbrett gesehen, dass mich tief beeindruckt hat. Dort h\u00e4ngen an einfachen N\u00e4geln die Wohnungsschl\u00fcssel von Heimatvertriebenen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Eigentlich h\u00e4tte man sie gar nicht mitnehmen d\u00fcrfen &#8211; die H\u00e4user wurden ja enteignet und anderen \u00fcbergeben. Aber viele haben es dennoch getan und ihren Schl\u00fcssel Jahr um Jahr aufbewahrt oder bei sich getragen &#8211; den Schl\u00fcssel zur verlorenen Heimat, zu einem Ort, der f\u00fcr immer verschlossen sein sollte. Wahrscheinlich waren dort die Schl\u00f6sser l\u00e4ngst ausgewechselt \u2013 aber darum ging es nicht. Es ging um die Erinnerung an ein verlorenes Paradies, um den Traum von der R\u00fcckkehr, vielleicht auch um einen Anspruch.<\/p>\n<p>Ich kannte das auch aus einem ganz anderen Kontext. Von den pal\u00e4stinensischen Familien, die ihre Wohnungsschl\u00fcssel seit der Vertreibung im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg Israels aufbewahrt haben \u2013 inzwischen \u00fcber Generationen hinweg. Als Zeichen f\u00fcr ihre Hoffnung, eines Tages zur\u00fcck zu kommen. Die Frage nach dem R\u00fcckkehrrecht der Fl\u00fcchtlinge macht es schwer, den Nahostkonflikt zu l\u00f6sen. Dass die Heimatvertriebenen in Deutschland heute als Touristen, Nachbarn, ja Freunde in ihre alten D\u00f6rfer fahren, ist im Vergleich ein Wunder.<\/p>\n<p>Wer den Schl\u00fcssel hat, hat das Haus \u2013 oder er hatte es mal. Wahrscheinlich ist das der wahre Grund, warum auch ich noch alte Sch\u00fcssel am Bund habe: Ich h\u00e4nge an den Orten, die mir die Sch\u00fcssel erschlossen haben. Der Schl\u00fcssel zum Gartentor erinnert an Sommernachmittage. Und der zum B\u00fcro an viele spannende Jahre. Der alte Generalschl\u00fcssel passt schon lange nicht mehr &#8211; das ganze System wurde ausgetauscht. Aber solange ich ihn hatte, sp\u00fcrte ich das Vertrauen und die Verantwortung, die mir mit diesem Schl\u00fcssel gegeben war.<\/p>\n<p>Einer der J\u00fcnger Jesu wird mit einem \u00fcberdimensionierten Schl\u00fcssel dargestellt. Alte Kirchenschl\u00fcssel sehen manchmal so aus \u2013 oder Tresorschl\u00fcssel. Petrus mit dem Himmelsschl\u00fcssel ist in vielen Kirchen zu sehen. Das Bild geht auf ein Jesuswort zur\u00fcck. \u201eIch will dir die Schl\u00fcssel des Himmels geben\u201c, zitiert ihn der Evangelist Matth\u00e4us. \u201eWas du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden l\u00f6sen wirst, das wird auch im Himmel gel\u00f6st sein.\u201c Das ist nun wirklich ein Generalschl\u00fcssel &#8211; und wer ihn bekommt, sollte verantwortungsvoll damit umgehen. Er \u00f6ffnet keine reale T\u00fcr \u2013\u00a0so wenig wie die aus Polen oder Pal\u00e4stina. So wenig wie mein Schl\u00fcssel zum alten Gartentor. Aber genauso wie die anderen erschlie\u00dft er viel mehr: Erinnerungen, Hoffnungen, Heimat \u2013 das Himmelreich. Dieser Schl\u00fcssel \u00f6ffnet Herzen. Und er kann auch abschlie\u00dfen &#8211; kann Menschen und Geschichten sch\u00fctzen. Ich w\u00fcnschte, Menschen h\u00e4tten so einen Schl\u00fcssel, um all die unl\u00f6sbaren Konflikte zu l\u00f6sen \u2013 um verlorene H\u00e4user und Heimaten, um Olivenhaine, G\u00e4rten und Arbeitspl\u00e4tze. Ich w\u00fcnschte, Menschen h\u00e4tten einen Schl\u00fcssel, um mit ihrer Trauer und ihrem Verlust abzuschlie\u00dfen. Um Hoffnungst\u00fcren aufzuschlie\u00dfen, mit Worten und Zeichen, die Herzen erreichen.<\/p>\n<p>Wer das Wunder selbst erlebt hat \u2013\u00a0in der Begegnung mit polnischen Nachbarn, in Gespr\u00e4chsgruppen von Israelis und Pal\u00e4stinensern \u2013 wer erlebt hat wie scheinbar Unl\u00f6sbares sich l\u00f6sen kann, wie Festgefahrenes in Bewegung kommt, wie der Blick pl\u00f6tzlich klar wird, der kann diese Erfahrung weitergeben. So wie Petrus, der bei Jesus glauben lernte. Es war, als drehte sich der Schl\u00fcssel im Schloss, als \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr. Wer diese Erfahrung gemacht hat, wer den Himmelsschl\u00fcssel kennt, kann auch anderen das Herz aufschlie\u00dfen<\/p>\n<p>_______<\/p>\n<p><strong>4. Morgenandacht am 09.02.2017 im DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Energie und Lampen\u00f6l<\/strong><\/h2>\n<p>Ein letzter Blick in die Tasche, bevor es losgeht. Schl\u00fcssel und Portemonnaie sind da, die Wasserflasche, Kladde und Stifte \u2013 und auch das Handy. Und wo ist der Beutel mit dem Stecker und dem Ladeger\u00e4t? Wenn ich den vergesse, muss ich am Ende andere um Strom fragen. Oder gleich irgendwo am Bahnhof einen neuen Stecker kaufen. Es w\u00e4re nicht das erste Mal. In meinem Schreibtisch gibt es inzwischen eine ganze Schublade mit \u00fcberfl\u00fcssigen Steckern, zu denen kein Handy mehr passt. Fr\u00fcher, als es noch keinen Strom gab, war\u2019s das Lampen\u00f6l. Wie in der Geschichte von den jungen M\u00e4dchen, die als Brautjungfern zu einer Hochzeit eingeladen sind. Sie haben kleine \u00d6ll\u00e4mpchen mit, um den Weg des Brautpaars zu erleuchten. Aber der Br\u00e4utigam versp\u00e4tet sich &#8211; so lange, bis sie m\u00fcde werden und einschlafen. Sie werden erst wach, als sie die Rufe h\u00f6ren: Nehmt Eure Lampen, es geht los. Aber inzwischen ist ihr \u00d6l zu Ende gegangen. Und nun zeigt sich: die einen haben vorgesorgt und die anderen nicht. Jetzt scheidet sich die Spreu vom Weizen, wie die Bibel erz\u00e4hlt: \u201eDie t\u00f6richten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem \u00d6l, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder f\u00fcr uns noch f\u00fcr euch; geht doch zu den H\u00e4ndlern und kauft, was ihr braucht\u201c. Aber es ist jetzt zu sp\u00e4t; w\u00e4hrend die jungen Frauen noch unterwegs sind, kommt der Br\u00e4utigam; der Zug setzt sich in Bewegung und die T\u00fcr zum Hochzeitssaal wird geschlossen. Das Fest findet ohne die t\u00f6richten statt. \u201eSeid wachsam\u201c, sagt Jesus am Ende der Gleichnisgeschichte. \u201eDenn ihr wisst nicht, an welchem Tag der Herr kommt.\u201c<\/p>\n<p>Wer heute viel unterwegs ist, lernt bald, mit Versp\u00e4tungen zu rechnen. Gleich ob man Bahn f\u00e4hrt oder im Stau auf der Autobahn steht: es ist gut, nicht nur das Handy mit zu haben, sondern auch den Stromstecker oder besser noch ein Ladeger\u00e4t. Damit man anderen Bescheid geben kann, wenn es mal wieder nicht klappt wie geplant. Aber Jesus geht es um mehr als um Energie oder Lampen\u00f6l. Es geht ihm darum, dass wir vorbereitet sind, wenn die Zeiten sich \u00e4ndern. Er will uns dabei haben, wenn das gro\u00dfe Fest beginnt.<\/p>\n<p>Denn das Hochzeitsfest ist ein biblisches Bild f\u00fcr das Reich Gottes. F\u00fcr die gro\u00dfe Zeitenwende. Wie schnell sich alles \u00e4ndern kann, erfahren wir gerade: Politisch scheint eine neue \u00c4ra begonnen zu haben. Manche sprechen vom Ende des Westens. Andere reden l\u00e4ngst schon vom Ende der Wachstumsgesellschaft. Wir erleben ungeahnte Kriege und Katastrophen, Bombenopfer und Fl\u00fcchtlingselend. Das Ende unserer alten Welt. \u201eWacht endlich auf\u201c, sagen manche. Vieles h\u00e4ttet Ihr wissen k\u00f6nnen, wenn Ihr nur die Augen offen gehalten h\u00e4ttet. Weil aber lange alles gut ging, weil alles schien wie immer, sind wir halt eingeschlafen.<\/p>\n<p>Und das Lampen\u00f6l, die Energie, die jetzt n\u00f6tig ist? Geht es um Wissen? Um Informationen? Oder um Kontakte? Alles wichtig, aber das scheint nicht zu gen\u00fcgen. Eher geht es um die Haltung: Dass wir realistisch sind und mit unseren Schw\u00e4chen rechnen. Dass wir klug sind und \u00dcberraschungen f\u00fcr m\u00f6glich halten &#8211; Dinge, mit denen wir nie gerechnet h\u00e4tten. Im letzten Jahr haben wir einige erlebt \u2013 ich jedenfalls h\u00e4tte nicht mit einem Brexit gerechnet und kaum mit Trump. Aber auch, wenn der Egoismus triumphiert, auch wenn die alte Welt sich noch einmal derartig aufb\u00e4umt: Realismus geh\u00f6rt zum christlichen Glauben. Er ist so notwendig wie die Hoffnung auf eine andere, eine bessere Welt. Gottes Zeit kommt noch, sagt die Bibel. Darum lasst Euch nicht irritieren, wenn nicht alles wie erwartet l\u00e4uft. Sondern rechnet vor allem mit einem: mit seinem Kommen, mit seiner Gegenwart.<\/p>\n<p>Und die wird nicht auf Twitter angek\u00fcndigt. Gottes Energie sp\u00fcre ich, wenn ich die Augen schlie\u00dfe. Und still sitze. Manchmal eignet sich eine Zugversp\u00e4tung ganz gut daf\u00fcr. Zeit, mit der ich nicht gerechnet hatte. Und die mir Gelegenheit gibt, noch einmal Energie zu tanken und in Ruhe \u00fcber meinen Weg nachzudenken-. Wenn ich dann noch andern Bescheid geben kann, ist alles in Ordnung. Also: Auch Handy und Ladeger\u00e4t nicht vergessen.<\/p>\n<p>_______<\/p>\n<p><strong>5. Morgenandacht am 10.02.2017 im DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Wegmarken \u2013 Gedanken zur Woche<\/strong><\/h2>\n<p>War das nun ein \u00f6kumenischer Meilenstein? Papst Franziskus empfing Montag in Rom eine Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammen mit dem Vorsitzenden der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Das Abschlussfoto zeigt eine gro\u00dfe Runde \u2013\u00a0der Papst in Wei\u00df, gerahmt von Kardinal Marx, Landesbischof Bedford-Strohm und den anderen Offiziellen \u2013\u00a0die meisten in Schwarz, manche violett, viele mit Bischofskreuzen. Sch\u00f6n, dass auch Frauen bei sind \u2013 gleich neben dem Ratsvorsitzenden seine Stellvertreterin, Annette Kurschus.<\/p>\n<p>Ein Meilenstein? Im Jahr des Reformationsjubil\u00e4ums sind die Erwartungen gro\u00df. Vom gemeinsamen Abendmahl ist die Rede, wenn nicht f\u00fcr alle, dann wenigstens f\u00fcr die evangelisch-katholischen Ehen, die Br\u00fcckenbauer, die die innerchristlichen Zerrei\u00dfproben am besten kennen. Auch auf einen Papstbesuch in Deutschland setzen viele ihre Hoffnung in diesem Gedenkjahr. 500 Jahre &#8211; das ist doch wirklich lang genug, um die Verletzungen und Kr\u00e4nkungen aufzuarbeiten, die mit der Kirchenspaltung verbunden waren. Nach 500 Jahren ist es Zeit zur Vers\u00f6hnung. Wenn die Kirchen es nicht schaffen, einander mit der je eigenen Geschichte und Perspektive anzuerkennen \u2013 wer denn dann? In \u201eeiner Zeit, in der die Menschheit durch tiefe Risse verwundet ist und neue Formen von Ausschlie\u00dfung und Ausgrenzung erf\u00e4hrt\u201c, haben die Kirchen eine besondere Verantwortung, betonte der Papst.<\/p>\n<p>Die Bilder aus Rom wecken Erwartungen: Bedford-Strohm und der Papst, wie sie sich an der Hand halten und gemeinsam in der neuen Luther-Bibel lesen, dem Gastgeschenk der evangelischen Delegation. Der Kelch, der beim Abendmahl in der evangelischen Christuskirche kreist \u2013\u00a0ein Gastgeschenk des Papstes bei seinem Besuch im Herbst 2015. Damals hatte ihn jemand nach dem Abendmahl in konfessionsverbindenden Ehen gefragt. Jeder solle pr\u00fcfen, wie die Teilnahme den gemeinsamen Weg st\u00e4rken k\u00f6nne, hatte der Papst geantwortet. Und hinzugef\u00fcgt: \u201eSprecht mit dem Herrn und geht weiter.\u201c<\/p>\n<p>An der Basis haben das viele l\u00e4ngst getan. \u00dcberall in Deutschland lassen sich Katholiken zum evangelischen Abendmahl einladen, Evangelische nehmen an der Eucharistie teil. Diakonische Einrichtungen fusionieren, Seelsorger arbeiten \u00f6kumenisch und auch an evangelischen H\u00e4usern ist der Segen der Sternsinger zu finden. L\u00e4ngst wird auch die Taufe wechselseitig anerkannt \u2013\u00a0und nat\u00fcrlich auch Taufpaten aus der anderen Konfession. Wo Gemeinden zusammengelegt und Kirchen geschlossen werden, engagiert man sich gemeinsam f\u00fcr Kinder und Jugendliche, in Besuchsdiensten oder an Tafeln. Auch gemeinsame Sorgen verbinden.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach Einheit ist nicht neu. Sie wird dringender da, wo nur noch eine Minderheit zur Kirche geh\u00f6rt. Schon Jesus selbst betete um Einheit, damit die Welt glaubt. \u00d6kumene ist schlie\u00dflich keine Selbstbesch\u00e4ftigung der Christen \u2013\u00a0es geht um die Welt. Mitten in unserer s\u00e4kularen und pluralistischen Gesellschaft kehrt gerade der Kampf ums Christliche zur\u00fcck. Im Namen des christlichen Abendlandes bringen manche das Kreuz in Stellung \u2013\u00a0gegen alle, die anders sind.<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind gemeinsam auf dem Weg&#8220;, so Bedford-Strohm im vorigen Jahr, &#8222;Wie schnell dieser Weg geht und wann dieser Weg am Ziel der sichtbaren Einheit ist, kann niemand sagen.\u201c Die sichtbare Einheit ist Gottes Sache \u2013 ich glaube, sie steht am Ende der Zeiten. Aber unterwegs gehen uns immer \u00f6fter die Augen auf so wie den J\u00fcngern Jesu auf ihrem Weg nach Emmaus. Beim Brotbrechen, beim Vater Unser, bei einer Taufe sp\u00fcren wir Gottes N\u00e4he und die Gemeinschaft, die st\u00e4rker ist als alles Trennende. Nein, das gemeinsame Abendmahl ist noch nicht in Sicht. Und bis eine katholische Bisch\u00f6fin da steht, wo am Montag Annette Kurschus stand, wird es noch dauern. Ein Meilenstein war\u2018s wohl nicht am Montag. Aber das Bild macht Hoffnung darauf, dass die Spitzen der Kirche der Basis langsam folgen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Wenn Sie mit mir \u00fcber \u00d6kumene sprechen wollen, k\u00f6nnen Sie mich bis acht Uhr anrufen unter der Telefonnummer 030 325 321 344. Oder diskutieren Sie mit auf Facebook unter \u201edeutschlandradio.evangelisch\u201c.<\/p>\n<p>_______<\/p>\n<p><strong>6. Morgenandacht am 11.02.2017 im DLF<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Wanderstab und Walkingst\u00f6cke<\/strong><\/h2>\n<p>Vor der Haust\u00fcr in unserem Flur steht ein alter Steinkrug mit Schirmen und St\u00f6cken. Die St\u00f6cke f\u00fcrs Walking stehen da, damit sie immer griffbereit sind. Vor allem am Wochenende, wenn endlich Zeit ist, mal richtig raus zu gehen. Die St\u00f6cke f\u00fcr Bergtouren, die man klein zusammenschrauben und an den Rucksack h\u00e4ngen kann. Und auch der alte Wanderstock von meinem Vater, den ich als Kind so geliebt habe. So ein Stock, an den man kleine Metallpl\u00e4ttchen wie Troph\u00e4en nageln konnte. Als ich Kind war, waren wir in Mittenwald und auf der Zugspitze, im Rothaargebirge und an der Ostsee \u2013 und der Stock erz\u00e4hlt von all diesen Orten, von jeder Station unserer Wege. Auch jetzt noch, nachdem mein Vater schon lange nicht mehr lebt.<\/p>\n<p>Der alte Wanderstock als Erinnerung. Die Walkingst\u00f6cke als Aufforderung, endlich mal wieder raus zu gehen. Der Steinkrug im Flur erz\u00e4hlt vom Unterwegssein. Braucht man dazu einen Stock? Interessanterweise wurde schon zwischen den Evangelisten dar\u00fcber gestritten. Als Jesus seine J\u00fcnger aussandte, sagt Matth\u00e4us, soll er ihnen verboten haben, einen Wanderstab mit zu nehmen \u2013 sogar barfu\u00df sollten sie gehen. Markus dagegen meint, Sandalen seien erlaubt gewesen und auch ein Stock. \u201eEr gebot ihnen, au\u00dfer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im G\u00fcrtel, kein zweites Hemd und an den F\u00fc\u00dfen nur Sandalen.\u201c<\/p>\n<p>Klar ist also: Wanderstab und Sandalen an den F\u00fc\u00dfen machen das Unterwegssein leichter. Darum sieht man zunehmend \u00c4ltere, die die Walkingst\u00f6cke in der Stadt nutzen. Sie entlasten den R\u00fccken, man kann sich darauf abst\u00fctzen. Die St\u00f6cke der \u00c4lteren haben Tradition \u2013\u00a0sie zeigen W\u00fcrde und manchmal sogar Macht. Der alte H\u00e4uptlingsstab im gro\u00dfen Tonkrug vor meiner Haust\u00fcr erinnert mich daran \u2013 auch er ein St\u00fcck aus dem v\u00e4terlichen Erbe. Ein Geschenk aus Afrika. Aus knorrigem Holz und mit Liebe geschnitzt. Fast wie ein Bischofsstab \u2013\u00a0nur viel nat\u00fcrlicher. Oben im Griff ist ein Stein eingewachsen &#8211; als sei alles Harte besiegt.<\/p>\n<p>Auch, wenn zuerst dar\u00fcber gestritten wurde, ob die J\u00fcnger Jesu einen Wanderstock mitnehmen sollten oder nicht &#8211; schon bald wurde der Stab zum Zeichen des Bischofs. Und bis heute signalisiert er die F\u00fchrerschaft auf dem Weg. Aber die Bischofsst\u00e4be und die \u00c4btissinnenst\u00e4be sehen schon lange ganz anders aus als der H\u00e4uptlingsstab in meinem Krug. Meist sind sie nicht aus einfachem Holz, nicht knorrig und geschnitzt, sondern unbeugsam aus Metall und oft golden verziert. Viel zu gro\u00df, um sich darauf zu st\u00fctzen &#8211; Bischofsst\u00e4be dienen dazu, anderen den Weg zu weisen. Im Alltag werden sie nicht gebraucht, auch nicht im Auto unterwegs \u2013 nur wenn katholische Bisch\u00f6fe die Messe er\u00f6ffnen, kann man ihn sehen, den Bischofsstab. Solche St\u00e4be dienen dazu, Orientierung zu geben. Mose hatte so einen auf dem Weg durch die W\u00fcste. Und Hirten haben einen, um ihre Herde voran zu treiben.<\/p>\n<p>Wenn ich am Wochenende die Walkingst\u00f6cke aus dem Steinkrug nehme und auf meine Stocksammlung sehe, dann denke ich manchmal dar\u00fcber nach, worauf ich mich st\u00fctze auf meinem Weg. Welche Wege ich gegangen bin, und welche ich anderen zeigen will. Welche Wegmarken mir wichtig sind in meiner Geschichte \u2013 und was ich nicht vergessen will. Was macht mich stark, wenn neue Herausforderungen vor mir liegen?<\/p>\n<p>In Gedanken nagele ich die Plaketten auf meinen inneren Wanderstab &#8211; meine geistige Orientierungshilfe, meine geistliche Wegzehrung. Ich denke an die Orte, die mich gepr\u00e4gt haben \u2013\u00a0die Kirche, in der ich getraut wurde, das Diakonieunternehmen, in dem ich gearbeitet habe, den Gemeindeladen in Wickrath, die Gedenkst\u00e4tte in Ausschwitz-Birkenau, die Gemeinden im Nahen Osten. Und die Briefmarken fallen mir ein, die ich \u00fcber viele Jahre bei jeder Reise in meine Konfirmationsbibel geklebt habe \u2013\u00a0als eine Erinnerung an so viele pr\u00e4gende Augenblicke. Vielleicht ist ja die Bibel mein Wanderstock. Ich st\u00fctze mich auf die Erfahrungen, die ich mir ihr gemacht habe \u2013 ich lerne an denen, von denen sie erz\u00e4hlt. So wie ich meinen R\u00fccken beim Walken trainiere.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><em><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/herz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2617\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/herz.jpg\" alt=\"herz\" width=\"580\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/herz.jpg 580w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/herz-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/th.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2616\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/th.jpg\" alt=\"th\" width=\"110\" height=\"110\" \/><\/a>1.1.2017, Deutschlandfunk<\/em>\u00a0DLF, Sonntagmorgen 8.35 \u2013 8.57 Uhr<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Ich schenke Euch ein neues Herz<\/strong><\/h2>\n<h3><strong>Was die Kirche zum gesellschaftlichen Wandel beitragen kann<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Autorin 1:<br \/>\n<\/strong>Im M\u00e4rchen ist es eine Prinzessin, die wider Willen einen Frosch von ihrem Tellerchen essen und in ihrem Bettchen schlafen l\u00e4sst &#8211; einfach weil sie es versprochen hat und weil ihr Vater darauf besteht, dass man Versprechen einhalten muss? Sie h\u00e4lt es aber nicht aus und schleudert den unangenehmen Frosch schlie\u00dflich mit Karacho gegen die Wand.<\/p>\n<p><strong>Sprecher 1:<br \/>\n<\/strong><strong>\u201e<\/strong>Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein K\u00f6nigssohn mit sch\u00f6nen und freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erz\u00e4hlte er ihr, er w\u00e4re von einer b\u00f6sen Hexe verw\u00fcnscht worden, und niemand h\u00e4tte ihn aus dem Brunnen erl\u00f6sen k\u00f6nnen als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren, mit acht wei\u00dfen Pferden bespannt, die hatten wei\u00dfe Strau\u00dffedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen K\u00f6nigs, das war der treue Heinrich. Der hatte sich so betr\u00fcbt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspr\u00e4nge. Und als sie ein St\u00fcck Wegs gefahren waren, h\u00f6rte der K\u00f6nigssohn, dass es hinter ihm krachte, als w\u00e4re etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief: &#8222;Heinrich, der Wagen bricht!&#8220;<br \/>\n\u201eNein, Herr, der Wagen nicht,<br \/>\nEs ist ein Band von meinem Herzen,<br \/>\nDas da lag in gro\u00dfen Schmerzen\u201c.<br \/>\nNoch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der K\u00f6nigssohn meinte immer, der Wagen br\u00e4che, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erl\u00f6st und gl\u00fccklich war.\u201c<\/p>\n<p><strong><em>Musik 1 Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt : Tr.9 Louisa, Wolke 7<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Autorin 2:<br \/>\n<\/strong>Endlich wieder frei atmen k\u00f6nnen. Einander mit freundlichen Augen anschauen. Einander von Verw\u00fcnschungen befreien. Den Liebsten umarmen und miteinander tanzen. Was f\u00fcr sch\u00f6ne Bilder das alte M\u00e4rchen f\u00fcr das Gl\u00fcck findet \u2013 und wie treffend es das Ungl\u00fcck beschreibt. Eiserne Ringe ums Herz &#8211; aus Stress und Kurzatmigkeit, aus Angst und Abwehr. Das schn\u00fcrt einem die Lebensfreude ab. Traurigkeit und Ekel vor der Welt &#8211; als ob alle nur etwas von mir wollen: von meinem Tellerchen essen, in meinem Bettchen schlafen&#8230;<\/p>\n<p>So geht es vielen in unserer Gesellschaft, wie Umfragen zeigen. Pers\u00f6nlich erhoffen sie sich ein gutes und erfolgreiches neues Jahr &#8211; aber auf die politische Entwicklung sehen sie mit Angst. Unsichere Arbeit und Renten, steigende Mieten, immer mehr Druck und all die vielen, die nicht mithalten k\u00f6nnen. Wie lassen sich die Herausforderungen bew\u00e4ltigen, wie lernt man damit so umzugehen, dass man daran wachsen kann?<\/p>\n<p>Angst breitet sich aus &#8211; vor Fl\u00fcchtlingen und Migranten, aber auch vor neuem Nationalismus und rechter Gewalt. Vor Terror und Anschl\u00e4gen, aber auch vor \u00dcberwachung und Einschr\u00e4nkungen der Freiheit. Mit der Angst w\u00e4chst auch die Angst vor der Angst\u2026 Und unter der Angst verwandeln sich Menschen in Schreckgespenster. Wer Angst hat, verkriecht sich in einem Panzer. Die Bibel nennt das Herzensh\u00e4rte &#8211; ein Herz aus Stein. Und das f\u00fchlt sich nicht gut an. Aber Gott verspricht seinem Volk ein neues Herz, ein Herz aus Fleisch und Blut. Gebrochene Herzen sollen heilen, verzagte getr\u00f6stet werden, unruhige Ruhe finden. Mehr als tausendmal findet sich dieses Versprechen in der Bibel. Und die Jahreslosung f\u00fcr 2017 nimmt es auf \u2013 mit einem Zitat des Propheten Hesekiel<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>: \u201eIch schenke Euch ein neues Herz und lege meinen neuen Geist in Euch\u201c, sagt Gott.<\/p>\n<p><strong>Musikakzent:\u00a0<em>Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt \u201eElemente\u201c Tr. 6 \u201eErde\u201c ab Beginn<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Vor wenigen Wochen habe ich an einer Diskussion \u00fcber das hessische Integrationsgesetz teilgenommen. Ich war positiv \u00fcberrascht, wieviel gute Ideen, Geld und Kraft die dortige Landesregierung einsetzt, um Zuziehende zu integrieren \u2013 und denen, die schon lange hier leben, die Angst zu nehmen. Neue Lehrerinnen und Lehrer werden eingestellt, zus\u00e4tzliche Kita-Pl\u00e4tze geschaffen, ein gro\u00dfes Wohnungsbauprogramm steht an und die F\u00f6rderung des Ehrenamts. Da haben Menschen zusammen gesessen, die nicht nur einen klaren Blick f\u00fcr die notwendigen Integrationsanstrengungen haben, sondern auch f\u00fcr die liegen gebliebenen politischen Aufgaben. Aber am Ende wird es darauf ankommen, dass die Stimmung im Land nicht kippt. Dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Vertrauen in die Zukunft und auch in ihre Institutionen haben und dass sie weiterhin bereit sind, sich zu engagieren. Politische Programme sind wichtig \u2013 entscheidend ist aber, die Herzen zu bewegen. Deswegen wird \u00fcberlegt, eine Kampagne mit dem Hessischen L\u00f6wen zu starten: Der \u201eL\u00f6we im Herzen\u201c. Stark und mutig sollen die Hessen in die Zukunft gehen. Vielleicht nicht der L\u00f6we, aber doch dessen Mut und St\u00e4rke w\u00fcrde allen Menschen gut stehen. Mich besch\u00e4ftigt, was die Kirche zu diesem neuen Gemeinsinn beitragen kann.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sprecher 2<\/strong>:<br \/>\nDer Theologe Ernst Lange hat sich schon in den 60er und 70er Jahren mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie Ver\u00e4nderungsprozesse gelingen k\u00f6nnen. Er hat Befragungen der Kirchenmitglieder durchf\u00fchren lassen und Reformprojekte in der Kirche analysiert. Letztlich kommt es darauf an, dass Interessen und Konflikte transparent und tabufrei benannt werden, meint Ernst Lange. Alles muss auf den Tisch &#8211; gerade deshalb, weil gesellschaftliche Konflikte meist kein Streit zwischen Gleichen sind, sondern Macht- und Herrschaftskonflikte zwischen Ungleichen. Der Weg zur Vers\u00f6hnung f\u00fchrt darum oft genug \u201e\u00fcber Krise, Polarisierung und Konfrontation\u201c. Ernst Lange spricht in diesem Zusammenhang von Exorzismus.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Autorin 3<\/em><\/strong><em>:<br \/>\n<\/em>Manchmal muss man offenbar den Frosch gegen die Wand werfen &#8211; und das hat mit Gef\u00fchlen zu tun. Wer den amerikanischen Wahlkampf beobachtet hat, die Debatten um die Stimmungsdemokratie, der wei\u00df, dass es im Augenblick nicht mehr um intellektuelle Diskurse geht. Und das es vorbei ist mit Mainstream und Harmonie.<\/p>\n<p><strong><em>Sprecher 3:<br \/>\n<\/em><\/strong>Die Kirchen, meint Ernst Lange, m\u00fcssten in solchen Situationen daf\u00fcr sorgen, dass auch die Minderheiten zu Wort kommen. Und dass die Widerspr\u00fcche benannt werden. Es reicht nicht, wenn Bisch\u00f6fe den Weg weisen oder wenn kirchliche Gruppen zeigen, was m\u00f6glich ist. Es geht um einen umfassenden Lern- und Orientierungsprozess- \u00fcber die Erfahrung und sinnliche Wahrnehmung des Augenblicks hinaus. Es geht darum, dass die Gewissen der Mehrheiten sich transzendieren.\u00a0<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>Wo Reformer und Bewahrer sich misstrauen, wachsen die Feindbilder. Neues entsteht nur, wenn alle offen und ehrlich ins Gespr\u00e4ch kommen. Daf\u00fcr ist Vertrauen n\u00f6tig, auch Gottvertrauen<em>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Autorin4:<br \/>\n<\/strong>Tats\u00e4chlich, es geht um einen neuen Geist. Nicht nur f\u00fcr einige wenige, sondern f\u00fcr alle. Ich denke dar\u00fcber nach, was der Theologe Ernst Lange mit Exorzismus meint \u2013 er hat ja Recht: man muss die b\u00f6sen Geister austreiben, damit ein neues Leben Raum gewinnt- ein Leben ohne Angst. Und dazu reicht es nicht, es an Silvester knallen zu lassen, wie es diese Nacht viele getan haben. Es geht darum, die Verfluchten und Verw\u00fcnschten zu erl\u00f6sen &#8211; fast so wie im M\u00e4rchen. Ganz ohne Zauber, aber mit Klarheit und vor allem mit Liebe. Dazu kann die Kirche viel beitragen \u2013 mit Klarheit, mit Liebe, und wenn es gut geht mit beidem gleicherma\u00dfen.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Musik:\u00a0<em>Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt \u201eElemente\u201c Tr. 5 \u201eFeuer\u201c ab Beginn, bis z.B. ca. 0\u201844\u2018\u2018\u00a0<\/em><\/strong><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Autorin 5:<br \/>\n<\/strong>Es geht nicht immer harmonisch zu in der Kirche, auch wenn viele sich das w\u00fcnschen. Ob es um die Fl\u00fcchtlings- und Europapolitik geht oder um den Umgang mit Familie, Ehe und Homosexualit\u00e4t \u2013 oft prallen ganz unterschiedliche Einstellungen aufeinander. Aber der Streit um die Wahrheit ist kein Ungl\u00fcck, sondern der Versuch, sich gemeinsam dem Zentrum zu n\u00e4hern. Die Kirche ist schlie\u00dflich der Ort, wo Menschen mit Bezug auf die biblischen Texte danach fragen, was heute richtig ist &#8211; und wenn es sein muss, auch dar\u00fcber streiten, was heute richtig ist. Das kann vor Irrwegen sch\u00fctzen, die auch die Kirche gegangen ist. Im Jahr des Lutherjubil\u00e4ums denke ich an den Antijudaismus der Kirche, der mitverantwortlich war f\u00fcr den menschenm\u00f6rderischen Antisemitismus. Und weil Politik und Gesellschaft gerade heftig dar\u00fcber diskutieren, wie die Teilhabe von Menschen mit Behinderung aussehen soll, denke ich an den mangelnden Schutz, den die Kirchen diesen Menschen im Dritten Reich gegeben haben &#8211; wegen des staatlichen Drucks, vielleicht aber auch wegen einer falsch verstandenen, paternalistischen F\u00fcrsorge in den diakonischen Anstalten, die ja oft drau\u00dfen vor der Stadt lagen. Eine selbstkritische Kirche nimmt die eigene Verantwortung wahr und versteckt ihre Konflikte nicht. Deshalb ist Reformation auch nie erledigt, sondern immer neu auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Nein, es geht nicht immer harmonisch zu in der Kirche. Schlie\u00dflich war es die reformatorische Wiederentdeckung des Priestertums aller Getauften, die der evangelischen Kirche ihr Profil gab. Aber ich bin \u00fcberzeugt: das Engagement der Mitglieder tr\u00e4gt dazu bei, dass am Ende gemeinsame Wege gefunden werden &#8211; nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft. Und solches Engagement tr\u00e4gt auch ganz praktisch. Wie die unz\u00e4hligen Basis-Initiativen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge &#8211; die Kleiderkammern und Deutschkurse, die Patenschaften und die vielen Familien, die minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge aufgenommen haben.<\/p>\n<p><strong>Musikakzent :\u00a0<em>Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt \u201eElemente\u201c Tr. 5 \u201eFeuer\u201c ab ca. 3\u201844\u2018\u2018)<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Als gro\u00dfe Bereicherung erleben auch Ehrenamtliche selbst ihren Einsatz, das zeigt die sozialwissenschaftliche Forschung. Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen und eine positive Grundeinstellung sich selbst, anderen &#8211; auch Fremden &#8211; gegen\u00fcber. Das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, gibt dem Leben Sinn. Und es macht selbst die stark, die sich sonst nur als Hilfeempf\u00e4nger erleben &#8211; Menschen mit Behinderung zum Beispiel oder \u201eKunden\u201c der Tafeln. Es gibt gro\u00dfartige Projekte, in denen Fl\u00fcchtlinge zu Museumsf\u00fchrern werden oder Obdachlose zu Stadtf\u00fchrern. Da ist das Oben und Unten, das die Gesellschaft so spaltet, wenigstens auf Zeit aufgehoben. Selbstverst\u00e4ndlich ist das auch in der Kirche nicht. Aber hier und da wird doch ernst gemacht mit der biblischen Erkenntnis, dass auch \u2013 und vielleicht gerade &#8211; die, die als schwach gelten, eine Berufung mitbringen. Und dass jeder gebraucht wird.<\/p>\n<p>Aber letztlich sind es nicht die vielen Einzelnen, die Kirche ausmachen &#8211; es ist es das aktive, gelebte Mit-Einander und F\u00fcr-Andere. Gemeinsam singen und feiern, bitten, beten, F\u00fcrbitte halten f\u00fcr Opfer, Helfer und auch T\u00e4ter und sich einsetzen f\u00fcr andere\u2026 Das macht eine Zusammengeh\u00f6rigkeit sp\u00fcrbar, die Grenzen \u00fcberschreiten kann &#8211; Milieugrenzen, Sprachgrenzen, auch kulturelle Grenzen. Ich wei\u00df, manche Gemeinden wirken immer noch wie eine geschlossene Gesellschaft. Man kennt sich und kommt aus \u00e4hnlichen Milieus, man f\u00fchlt sich wohl im Miteinander, als sei die Kirche ein Verein. Das hat auch mit der Trennung zwischen Kirche und Diakonie zu tun. Es sieht ja manchmal so aus, als sei f\u00fcr Menschen mit Problemen und in Notlagen allein die Diakonie da \u2013 f\u00fcr Kranke oder Pflegende, Obdachlose, f\u00fcr \u00fcberforderte Familien oder Menschen mit Behinderung. Als geh\u00f6rten diese Menschen nicht in die Gemeinden. Nur intakte Familien, nur Einheimische und Leute, die gut f\u00fcr sich selbst sorgen k\u00f6nnen. Aber das stimmt ja nicht &#8211; und gerade die Kirche muss sehr konkret dar\u00fcber nachdenken, wie sie dieses Schubladendenken \u00fcberwinden kann. Wie Nachbarschaften, Gemeinden und soziale Dienste die Teilhabe aller f\u00f6rdern k\u00f6nnen. Nicht nur, weil das politisch n\u00f6tig ist. Sondern weil Jesus das so wollte. In den alten Hospitalkirchen konnten die Kranken in ihren Betten an Gottesdienst und Abendmahl teilnehmen und wurden damit als Teil der Gemeinde sichtbar. Heute brauchen Gemeinden neue Formen, um deutlich zu machen, dass wenigstens in der Kirche nicht die einen in der Mitte sind und die anderen nur Rand.\u00a0<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><strong>Musikakzent:\u00a0<\/strong><strong><em>Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt \u201eElemente\u201c Tr. 5 \u201eFeuer\u201c z.B. ab 5\u201842\u2018\u2018,<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die \u00c4rztin Beate Jakob, die in Indien mit Basis-Gesundheitsprojekten gearbeitet hat, versteht Gemeinden als Orte des Zuh\u00f6rens, wo mehr zu finden ist als praktische Hilfe. Wo zu sp\u00fcren ist, dass Menschen bei einem sind, die neuen Mut und Energie geben. Und wo im gemeinsamen Gebet Gottes Geist als Kraftquelle erfahrbar ist- auch um unerwartete, neue L\u00f6sungen zu entdecken.<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1:<br \/>\n<\/strong>\u201eMein Anliegen ist, dass in Gemeinden \u201egesch\u00fctzte R\u00e4ume\u201c entstehen. Im Englischen spricht man von \u201esafe\u201c oder \u201esacred spaces\u201c und meint damit Orte, an denen sich Menschen frei und offen begegnen und austauschen k\u00f6nnen, anstatt eine Rolle spielen zu m\u00fcssen. Das kann ein Gespr\u00e4chsangebot sein, ein Hauskreis, ein Jugendtreff, eine Trauergruppe. Orte, wo Menschen sich nicht als stark und als \u201eSieger\u201c pr\u00e4sentieren m\u00fcssen, sondern auch einmal ihre Masken ablegen und ihre Schwachheit und Hilfsbed\u00fcrftigkeit benennen d\u00fcrfen. Dadurch w\u00e4chst in Gemeinden auch das Bewusstsein, nicht eine Gemeinschaft von Starken zu sein, sondern von Un-Perfekten, die alle auf Gottes Gnade angewiesen sind.\u201c\u00a0<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p><strong>Autorin 6:<br \/>\n<\/strong>Ein Schutzraum also. In unsicheren Zeiten k\u00f6nnen Gemeinden wie Herbergen sein, Oasen in der W\u00fcste, wo Menschen einander begegnen, zusammen am Tisch sitzen und ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. In den Stadtteill\u00e4den und Vesperkirchen wird davon schon etwas sp\u00fcrbar. Die Theologin Dorothee S\u00f6lle beschreibt das so:<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 2<em>:<br \/>\n<\/em><\/strong>\u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen T\u00fcren gerade f\u00fcr die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen. Mein Haus w\u00fcnsche ich mir nicht als eine f\u00fcr andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen T\u00fcren. Heimat, die wir nur f\u00fcr uns selbst besitzen, macht uns eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selbst nicht haben. Heimat und Exil geh\u00f6ren zusammen, weil wir ganz zu Hause auch im sch\u00f6nsten Haus nicht sind.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p><strong>Autorin 7:<br \/>\n<\/strong>In Hannover, Berlin und anderswo sind schon \u201eH\u00e4user der Religionen\u201c entstanden<sup>,-\u00a0<\/sup>&#8211; oft sind es alte Kirchen, die damit in einem tieferen Sinne zu Orten der Begegnung wurden. Da wird gemeinsam diskutiert, auf welche Weise Traditionen, Kulturen und Werte jeweils aus den jeweiligen heiligen Texten abgeleitet werden \u2013 welche Bedeutung zum Beispiel Morgenland und Abendland f\u00fcr das Christentum haben.<\/p>\n<p>Denn mit Religion hat nicht nur die seelsorgliche Begleitung Sterbender zu tun, sondern auch die Pflege; nicht nur das Fest der Taufe, sondern auch die Art, wie Familie gelebt wird; nicht nur das Abendmahl, sondern auch die Tafel, an der die Armen eine gute Mahlzeit bekommen. Das alles geh\u00f6rt zusammen, ist Ort und Ausdruck des Glaubens. Diesen Zusammenhang hat Kirche lange verdr\u00e4ngt. Nicht nur die Gesellschaft, auch Diakonie und Caritas haben auf Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit gesetzt, auf Konzepte und Zust\u00e4ndigkeiten. Aber die Herausforderungen, vor denen wir stehen, lassen sich nicht allein mit ausgekl\u00fcgelten Konzepten und ausk\u00f6mmlichen Finanzierungen bew\u00e4ltigen. Die Menschen sind es, die den Unterschied machen. Menschen, die bereit sind, sich auf neue Wege einzulassen.<\/p>\n<p><strong>Musikakzent\u00a0<em>Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt \u201eElemente\u201c Tr. 6 \u201eErde\u201c, ab 3\u201800\u2018\u2018<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Seit einigen Jahren h\u00e4ngt an meinem Schl\u00fcsselbund eine Metallmarke &#8211; das Markenzeichen des Calvin College in Michigan. Das Siegel des Genfer Reformators Johannes Calvin. Eine ausgestreckte Hand mit einem brennenden Herzen. Mir zeigt das ganz deutlich: Lieber ein brennendes als ein Herz aus Stein! Es ist merk-w\u00fcrdig, beide Reformatoren &#8211; Calvin wie Luther \u2013 haben ein Herz in ihrem Wappen. \u201eIch schenke euch ein neues Herz und lege meinen neuen Geist in Euch\u201c lautet auch die Jahreslosung f\u00fcr 2017. Sie passt zum Reformationsjahr. Und rund um Calvins Siegel l\u00e4uft der passende Wahlspruch: \u201eCor meum tibi offero domine, prompte et sincere \u2013 ich schenke Dir mein Herz, Gott, entschieden und aufrichtig.\u201c.<\/p>\n<p>Nimm dein Herz in die Hand! Und tausche Angst gegen Lebendigkeit. Misstrauen gegen Gemeinsinn. Dieses Gottvertrauen ist das wichtigste, was die Kirche zum gesellschaftlichen Wandel beitragen kann. Oder besser: Was jeder und jede von uns dazu beitragen kann.<\/p>\n<p><strong>Schlussmusik\u00a0<em>Ralf Benschu &amp; Jens Goldhardt \u201eWolke 7\u201c Tr. 9 \u201eLuisa auf Wolke 7\u201c ab Beginn\u00a0<\/em>(ab 20\u2018 Sendel\u00e4nge freistehend bis Ende, mind. f\u00fcr ca. 3\u2018),<\/strong><\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Hesekiel 36, 26<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0Ernst Lange, Sprachschule f\u00fcr die Freiheit, Bildung als Problem und Funktion der Kirche, M\u00fcnchen 1980, S. 155<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0E. Lange an Hans J\u00fcrgen Schultz, 31.7.1974 in : Werner Simpfend\u00f6rfer, Ernst Lange, Versuch eines Portr\u00e4ts, Berlin 1997<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0Gute Beispiele finden sich in: Cornelia Coenen-Marx \u201e Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen &#8211; Christsein und Kirche in der Transformation\u201c, G\u00f6ttingen 2016<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\">www.seele-und-sorge.de<\/a>\u00a0\/ Pilgerorte-Blog<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0<sup>[6]<\/sup>\u00a0Dorothee S\u00f6lle, Mutanf\u00e4lle, Hamburg 1994<\/h5>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><strong><span class=\"s1\">SR2 Kulturradio \u201eLebenszeichen\u201c<br \/>\nvom 22.10.2016,\u00a0<\/span><\/strong><strong>10.55 bis 11 Uhr<\/strong><\/h2>\n<h2><strong>Berufung<\/strong><\/h2>\n<p>Der Berliner Jesuitenpartner Christian Herwartz hat die Stadtexerzitien entwickelt. Kleine Gruppen entdecken dabei Pilgerwege durch unbekannte Stadtlandschaften \u2013 \u00fcber Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, die den allermeisten im Alltag verschlossen bleiben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0Angeleitet von wohnungslosen Stadtf\u00fchrern pilgern die Gruppen zum Beispiel am Gef\u00e4ngnis oder an der Notunterkunft f\u00fcr Wohnungslose vorbei. Sie nehmen sich Zeit, in den Schuhen von anderen zu gehen, deren Gef\u00fchlen zu folgen, versch\u00fctteten Erinnerungen. &#8222;Vielleicht&#8220;, sagt Christian Herwartz, &#8222;vielleicht entdeckt jemand auf diesem Weg Gott, mitten in Stadt.\u201c An der Notaufnahme des Krankenhauses, in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft. Oder auf dem Spielplatz, auf dem noch Bierflaschen und Kondome vom Vorabend liegen. Manchmal beginnt ein Ort zu sprechen, erz\u00e4hlt eine Geschichte. Wer sp\u00fcrt, wie sein Herz brennt, bleibt stehen, zieht die Schuhe aus und h\u00f6rt auf die Stimme.<\/p>\n<p>So, wie Mose es einst ergangen ist. \u201eZieh Deine Schuhe aus. Denn der Boden auf dem Du stehst, ist heiliges Land\u201c. Die Stimme, die damals zu Mose sprach kam aus einem brennenden Dornbusch. Und sich hat sich in Moses Herz eingebrannt. Es war, als riefe jemand seinen Namen- er f\u00fchlte sich wie magisch angezogen. Die Bibel erz\u00e4hlt, dass Mose der Stimme folgte, dass er die Schuhe auszog und sein Gesicht in einem Tuch verh\u00fcllte. Am liebsten h\u00e4tte er sich wohl verkrochen. Er, der Rebell. Der einen Mann erschlagen hatte; einen der Aufseher beim Bau der Pyramiden. Es war einfach unertr\u00e4glich f\u00fcr Mose, wie man dort mit den hebr\u00e4ischen Sklaven umging. Schlie\u00dflich war er selbst Hebr\u00e4er. Und nun, mitten in der W\u00fcste, wo er sich eigentlich in Sicherheit gew\u00e4hnt hatte, war das alles pl\u00f6tzlich wieder da. \u201eIch habe das Schreien der Israeliten geh\u00f6rt und ich habe gesehen, wie sie von den \u00c4gyptern unterdr\u00fcckt werden\u201c, sagte die Stimme aus dem Dornbusch. Und: \u201eDu sollst mein Volk, die Israeliten, aus \u00c4gypten f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht kennen Sie diese Erfahrung. Dass da pl\u00f6tzlich Erinnerungen wieder hoch kommen. So stark und m\u00e4chtig, dass man die Wirklichkeit ganz anders wahrnimmt: brutaler, intensiver, tiefer. So etwas passiert bei einer Begegnung, die uns ersch\u00fcttert, bei einem gro\u00dfen Umbruch in Politik und Gesellschaft. Es ist dann, als fiele ein anderes Licht auf unser Leben, als \u00f6ffne sich ein weiter Horizont. Wir h\u00f6ren auf, uns um uns selbst zu drehen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0\u201eDu wirst gebraucht\u201c, sagt eine Stimme \u201egenau Du\u201c. Ausweichen gilt nicht.<\/p>\n<p>Veronika Scott hat das erlebt. Die Amerikanerin hat einen Mantelschlafsack erfunden. Tags\u00fcber ein Mantel und nachts ein Schlafsack gibt er Obdachlosen im Winter W\u00e4rme und auch ein St\u00fcck W\u00fcrde. Der Mantel ist wasserdicht und l\u00e4sst sich im Sommer zu einer Umh\u00e4ngetasche zusammenfalten. Die 100 Dollar, die ein Mantel kostet, werden durch Spenden finanziert. 15.000 M\u00e4ntel konnten inzwischen hergestellt werden. Und zwar durch wohnungslose Frauen, die damit Geld verdienen und sich so eine Wohnung mieten und ihre Kinder wieder zur Schule schicken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Veronika Scott konnte einfach nicht wegsehen, als sie eines Tages ein M\u00e4dchen im Schlafsack unter der Br\u00fccke sah. Sie wusste, wie sich das anf\u00fchlt; vor Jahren hatte sie selbst mit ihrer Mutter auf der Stra\u00dfe gelebt. Und sie wusste, wie schnell das gehen kann, wenn man seinen Job verliert. Zumal in den USA, wo das Sozialsystem nicht so ausgebaut ist wie in Deutschland. Aber auch hier landen Menschen in der Obdachlosigkeit. Einige von ihnen werden nun in Berlin zu Stadtf\u00fchrern auf den Pilgerwegen. Mit ihnen entdecken manche Menschen den brennenden Dornbusch mitten in der W\u00fcste der Stadt.<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0Ursula Richard, Stille in der Stadt, M\u00fcnchen 2011, S. 106 ff.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0Vgl. Die lebensver\u00e4ndernde Kraft von Krisen, Kathleen Mc Gowan, Psychologie heute-<\/h5>\n<h5>Kompakt &#8211; ziemlich stark. S. 18 ff.<\/h5>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2><span class=\"s1\">SR2 vom 30.07.2016<\/span><\/h2>\n<h3><strong>\u201eIch bin dann mal weg\u201c.<\/strong><\/h3>\n<p>\u201eIch bin dann mal weg\u201c. Der kleine Satz, ganz l\u00e4ssig dahin geworfen, ist zum gefl\u00fcgelten Wort geworden, seit Hape Kerkeling sein Buch \u00fcber den Jakobsweg schrieb. Kurz vor dem Urlaub, wenn es Zeit ist, mal wieder Abstand zu gewinnen, kann man ihn besonders oft h\u00f6ren. Manche sehnen sich einfach nach Sonne. Andere machen eine lange Radtour oder arbeiten auf der Alp. Und einige gehen ein St\u00fcck auf dem Jakobsweg. Jetzt ist die Zeit, sich einen Traum zu erf\u00fcllen. Der eigenen Sehnsucht nachzusp\u00fcren oder sich einfach zu fragen, wohin wir eigentlich unterwegs sind. Auf dem Jakobsweg und in unserem Alltag.<\/p>\n<p>Der Weg nach Santiago geht auf Jakob, den J\u00fcnger Jesu zur\u00fcck. Aber auch der Jakob des Alten Testaments kann uns ein Beispiel sein. Die V\u00e4tergeschichten der Bibel erz\u00e4hlen von dem Zweitgeborenen Jakob, der seinem Zwillingsbruder Esau das Erbe abluchste \u2013und seinem Vater Isaak den Segen. Ein junger Mann, voller Hunger nach Leben, dem jedes Mittel Recht scheint, um zu bekommen, was das Schicksal ihm verweigert: Land und Herden, die dem Erstgeborenen zustehen, eine gro\u00dfe Familie und viele Nachkommen, eben Erfolg und Segen. Der Schwindel fliegt auf und Jakob muss fliehen. Er k\u00e4mpft sich durch die Widrigkeiten der kommenden Jahre und es gelingt ihm tats\u00e4chlich, sich nach und nach den Reichtum aufzubauen, von dem er getr\u00e4umt hat \u2013 am Ende scheint es, als h\u00e4tte er gewonnen, was er sich erschlichen hatte: Gl\u00fcck und Segen. Als st\u00fcnde ihm der Himmel offen. Wie in dem Traum von der Himmelsleiter, den er auf der Flucht getr\u00e4umt hatte.<\/p>\n<p>Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Denn die Bibel l\u00e4sst uns diesem Jakob noch einmal begegnen \u2013 gegen Ende seines Lebens. Da ist er auf dem Weg zur\u00fcck nach Hause. Er kehrt heim, um sich mit seinem Bruder zu vers\u00f6hnen. Seine Herden, seine Frauen und Kinder hat er zur\u00fcck gelassen; er ist allein, als er nachts den Fluss Jabbok durchwatet und um sein Leben k\u00e4mpft. Eine unbekannte Macht will ihn niederringen \u2013 als h\u00e4tten sich all seine \u00e4u\u00dferen und inneren Feinde vereint. Noch einmal geht es um den Segen- um Erfolg und Misserfolg. Um Betrug und Integrit\u00e4t. Um den Sinn seines Ringens, seines Weges. Am Ende ist Jakob verletzt \u2013 er hinkt, aber er geht der Sonne entgegen. Nach all den Wandlungen ist er endg\u00fcltig ein anderer geworden oder in einem tieferen Sinne er selbst: von jetzt an tr\u00e4gt er den Namen Israel.<\/p>\n<p>Wenn Sie einmal am Ende Ihres Lebens stehen- Was m\u00f6chten Sie dann erreicht haben? Das wurde ich k\u00fcrzlich in einem Interview gefragt. Welche Tr\u00e4ume habe ich noch, welche W\u00fcnsche will ich mir erf\u00fcllen? Da fiel mir Hildegard von Bingen ein, die gegen Ende Ihres Lebens eine ungew\u00f6hnliche Entscheidung getroffen hat. Sie verlie\u00df das Kloster, in dessen Aufbau sie ihr ganzes Leben investiert hat, verlie\u00df den Konvent und ihre Rolle als \u00c4btissin und brach zu Pferd auf eine Seelsorgereise auf. Allein- nur von wenigen Freunden begleitet. Vielleicht besteht die Herausforderung des \u00c4lterwerdens genau darin, loszulassen, was wir erarbeitet haben, und noch einmal frei zu werden. So frei wie Jakob, als er alles, was er hat, zur\u00fcckl\u00e4sst und ganz allein durch den Fluss geht.<\/p>\n<p>Jakobs Weg ist ein Symbol f\u00fcr unsere Lebensreise. Wir werden herausgerufen aus dem Gewohnten, m\u00fcssen Pr\u00fcfungen und K\u00e4mpfe bestehen, haben Erfolge &#8211; und dann treten wir mit allem, was wir gewonnen haben, den R\u00fcckweg an und m\u00fcssen noch einmal eine Schwelle \u00fcberschreiten \u2013 jetzt z\u00e4hlt nicht mehr, was wir erarbeitet haben, sondern, was wir geworden sind. Alle, die jetzt auf dem Weg nach Santiago sind, und auch die, die anderswo pilgern, sp\u00fcren dem nach.<\/p>\n<p>Unser Leben ist eine Reise \u2013 durch manche Dunkelheiten dem Licht entgegen. Jetzt im Sommer, wenn viele aufbrechen, wird diese Sehnsucht besonders sp\u00fcrbar. Einfach aufbrechen und loslassen, was uns hindert, zum Ziel zu kommen. Wer wollte das nicht? Ich bin dann mal weg.<\/p>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2>WDR 5: Sonntag, 28.8.2016, 8.35 Uhr<\/h2>\n<h3><strong>\u201eDritte\u201c Lebensh\u00e4lfte<\/strong><\/h3>\n<p>\u201eSch\u00f6n. Jetzt ist die Zeit, wesentlich zu werden\u201c, sagt meine Freundin. Sie hat gerade ihren 63. Geburtstag gefeiert. Als Geburtstagsgeschenk hat sie ein Zeitschriftenabo bekommen. Eine Frauenzeitschrift f\u00fcr die Frau ab 60. Es gibt immer mehr Magazine, die Lust auf die so genannte \u201edritte\u201c Lebensh\u00e4lfte machen &#8211; diese geschenkte Zeit, in der wir uns gesund genug f\u00fchlen, um noch einmal aufzubrechen. Alter und Gebrechlichkeit \u2013 sie scheinen noch weit entfernt. Die Sixties sind interessant geworden &#8211; nicht nur f\u00fcr Reiseunternehmen, Architekten und Stadtplaner oder f\u00fcr die Mode- und Kosmetikindustrie. Sondern auch f\u00fcr die Gesellschaft.<br \/>\nPower-Ager nennt man sie auch, diese Generation 60plus. Denn sie sind kraftvoll. Tragen soziale Initiativen und Start up-Unternehmen. Sie machen sich auf die Reise, arbeiten im Ausland als Au pair oder Seniorenberater. Oder entdecken neue Welten im eigenen Land. Sie engagieren sich in der Fl\u00fcchtlingsarbeit, lernen Menschen aus anderen L\u00e4ndern und Milieus kennen oder kn\u00fcpfen neue Netze in der Nachbarschaft \u2013 als \u201eLeih-Omas\u201c, Stadtteilm\u00fctter oder Mentoren f\u00fcr Sch\u00fcler, in Familienzentren und Generationenh\u00e4usern. Und beinahe zuf\u00e4llig entstehen neue Freundschaften.<br \/>\n\u201eIm Alter neu werden \u201c \u2013 das ist kein frommer Wunsch. Das geht wirklich.<\/p>\n<p>\u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c \u2013 so hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine Denkschrift zum Thema Altern genannt, die sie vor einigen Jahren herausgegeben hat. (1) Es geht darum, wie das Altern gelingen kann. Was ich selbst tun kann, das Alter aktiv zu gestalten. Wer noch ein Drittel des Lebens vor sich hat, der will nicht nur \u00fcber Seniorenwohnen und Pflegedienste nachdenken und sich mit Testament und Patientenverf\u00fcgung auseinander setzen \u2013 der will Energie sch\u00f6pfen f\u00fcr eine neue, spannende und herausfordernde Lebensphase. Und diese Energie, die sch\u00f6pfen manche aus ihrer Spiritualit\u00e4t. Viele denken, Religion habe es vor allem mit Tod und Sterben zu tun und schieben das Thema erst mal weit weg. Nach dem Motto: Kirche, das ist was f\u00fcr alte Leute- und \u00e4lter werden wir sp\u00e4ter. Mag sein, dass die Kirche selbst zu dieser Vorstellung beigetragen hat. Jetzt aber lernt sie von den jungen Alten: Das Alter ist auch eine Art Geburt.<\/p>\n<p>\u201eKann man denn im Alter noch einmal neu geboren werden?\u201c Diese Frage treibt Nikodemus um. Er ist ein hoher j\u00fcdischer W\u00fcrdentr\u00e4ger. Heimlich besucht er Jesus in der Nacht, weil die Frage ihm peinlich ist \u2013 und doch nicht losl\u00e4sst. Und Jesus antwortet: \u201eJa, man kann im Alter noch einmal neu geboren werden.\u201c Er spricht vom Neuanfang aus dem Geist Gottes.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich ist die Bibel voll von solchen Neuanf\u00e4ngen. Wahrscheinlich kennen Sie die Geschichte von Abraham und Sara, die in hohem Alter aufbrechen in das Gelobte Land und sp\u00e4t noch den ersehnten Sohn zur Welt bringen \u2013 so sp\u00e4t, dass Sara schon allein den Gedanken an eine Schwangerschaft l\u00e4cherlich findet. 127 Jahre soll sie alt geworden sein &#8211; ein legend\u00e4res Alter. Aber die Zahl der \u00fcber 100\u2013J\u00e4hrigen w\u00e4chst heute.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Sara ist also gar nicht so unwahrscheinlich \u2013 es gibt sie, die alternden Frauen, die im Aufbruch noch einmal jung werden. Einem Traum geht Sara nach mit ihrem Abraham. Nachts unter dem Sternenhimmel hat Gott ihm versprochen, dass sie eine neue, eine bessere Zukunft finden w\u00fcrden &#8211; und dass ihre Nachkommen so zahlreich sein w\u00fcrden wie die Sterne am Himmel. Dieses Glitzern und Leuchten und Aufblitzen eines neuen Lebens \u2013 das hat Sara nie vergessen. Selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht, dass einer seinen Tr\u00e4umen folgt. Sich auf den Weg macht Schritt f\u00fcr Schritt. Es muss ein schwerer Weg gewesen sein durch die W\u00fcste. Voll Fremdheitserfahrungen, Misstrauen und der Angst, allein gelassen zu werden, zu versagen und sich l\u00e4cherlich zu machen. Aber Sara hat dem Unwahrscheinlichen eine Chance gegeben. Sie hat Gott eine Chance gegeben.<\/p>\n<p>Wenn ich etwas ganz Neues beginne, dann muss ich mein Leben so einrichten, dass ich meinen Traum auch verwirklichen kann. Das wurde dem franz\u00f6sischen Soziologen Roland Barthes klar, als seine Mutter gestorben war. Bei aller Trauer des Abschieds &#8211; in diesem Augenblick begann f\u00fcr ihn ein neues Leben. Er wollte endlich tun, was ihm l\u00e4ngst vorschwebte \u2013 er wollte einen Roman schreiben. Aber das neue Leben beginnt nicht einfach von selbst; es braucht einen bewussten Entschluss. Man muss den Alltagstrott verlassen, die eigenen Routinen \u00fcberpr\u00fcfen. Dem eigenen Leben einen neuen, grundlegenden Inhalt geben. Ich muss innehalten, meine Erfahrungen reflektieren und meinen Hoffnungen trauen.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass viele beim Start in die dritte Lebensphase eine Reise unternehmen oder ein Buch schreiben. Das sind M\u00f6glichkeiten, die innere Bewegung im Au\u00dfen sichtbar und greifbar zu machen. Produktiv zu werden jenseits der sonst \u00fcblichen Vorstellungen von Produktivit\u00e4t. Jetzt muss ich nicht mehr effizient sein wie im Beruf oder funktionieren wie in der Familie. In der ersten Lebensh\u00e4lfte geht es noch darum, ein Heim und eine Familie aufzubauen, ein sicheres Fundament f\u00fcr das Leben. Dann aber besteht die Herausforderung darin, das alles loszulassen und noch einmal frei zu werden. Wer jetzt noch einmal neu startet, will eine andere Produktivit\u00e4t entdecken. Ein neues Lebenstempo, eine andere Kultur, eine Kunst vielleicht, die er bisher nicht beherrscht hat. Vielleicht auch sich einsetzen, damit es anderen gut geht. Wesentlich werden &#8211; aber nicht einfach auf den bekannten Kern schrumpfen, sondern einem neuen Samen Raum zum Leben geben. Und dabei kann die Religion, kann die Spiritualit\u00e4t helfen. Lars Tornstam, der in Schweden Untersuchungen zur Spiritualit\u00e4t \u00e4lterer Menschen durchgef\u00fchrt hat, spricht von Ego-Transzendenz oder auch von Gero-, also Alters-Transzendenz. Er meint: Das Alter bietet die Chance, sich selbst zu \u00fcberschreiten. Transzendenz hat es nicht nur mit dem Jenseits zu tun; vielmehr geht es darum, mich grunds\u00e4tzlich offen zu halten f\u00fcr ganz neue M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Klar, dazu geh\u00f6rt die bewusste Auseinandersetzung mit meiner eigenen Begrenztheit und Endlichkeit \u2013 nicht erst am Ende des Lebens: Denn wenn ich Angst habe, mich zu verlieren, kann ich weder lieben noch Kinder in die Welt setzen noch \u00fcberhaupt etwas Neues beginnen. Und am Ende auch nicht sterben. Das Thema Sterblichkeit geht also immer mit.<\/p>\n<p>Wer die Frage nach dem Ende einfach in die so genannte vierte Lebensphase verschiebt, tut sich selbst nichts Gutes. Zu erkennen: Mein Leben ist endlich \u2013 und sinnvoll. Mein Leben ist begrenzt &#8211; und erf\u00fcllt, das l\u00e4sst uns wesentlich werden. Das ist der wirkliche Gewinn des Alterns. Und das gilt am Ende auch f\u00fcr die vierte Lebensphase, die so genannte Hochaltrigkeit. Eine Studie der Universit\u00e4t Heidelberg zeigt: Bei mehr als Dreiviertel der Befragten zwischen 80 und 99 steht die Todesn\u00e4he nicht im Vordergrund. Die meisten freuen sich, wenn sie sich noch f\u00fcr andere Menschen engagieren k\u00f6nnen und sie besch\u00e4ftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation \u2013 der Enkel und Urenkel zum Beispiel.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich daran, wie meine Urgro\u00dftante Hulda auf mich aufpasste, wenn meine Eltern abends unterwegs waren. Sie sa\u00df dann mit ihren steifen Beinen &#8211; sie hatte Arthritis \u2013\u00a0auf einem B\u00e4nkchen vor meinem Bett und las oder sang mir vor. An einem Abend rutschte sie von diesem B\u00e4nkchen herunter und blieb auf dem Boden sitzen \u2013 und ich war zu klein, ihr wieder aufzuhelfen. Aber sie hatte Humor. Sie sang auf dem Fu\u00dfboden das Gesangbuch von vorn bis hinten durch \u2013 und ich genoss es. Urgro\u00dftante Huldas Gelassenheit und ihr Gottvertrauen haben mich lange \u00fcber ihren Tod hinaus getragen. Und als sie mit weit \u00fcber 80 starb, lag mein n\u00e4chstes Weihnachtsgeschenk von ihr schon bereit. F\u00fcr mich ist Tante Hulda ein Beispiel daf\u00fcr, wie Religion \u00fcber die Generationen weitergegeben wird \u2013 ganz selbstverst\u00e4ndlich, als Lebenserfahrung im Alltag und zumeist von den \u00c4lteren zu den J\u00fcngeren.<\/p>\n<p>Der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift \u201ePsychologie heute\u201c, Heiko Ernst, spricht in diesem Zusammenhang von Generativit\u00e4t. Normalerweise wird der Begriff verwandt, wenn es darum geht, Kinder in die Welt zu setzen &#8211; die n\u00e4chste Generation. F\u00fcr Heiko Ernst geht es aber um mehr: um das Weitergeben von Erfahrung, die Sorge um die Zukunft. Generativit\u00e4t sei \u201eunser Zukunftssinn\u201c, sagt er. \u201cWir richten das Denken \u00fcber die eigene Existenz hinaus. Generativit\u00e4t ist die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen, f\u00fcr andere da zu sein und damit die Zukunft zu gestalten.\u201c (2) Das h\u00e4ngt nicht davon ab, ob wir eigene Kinder in die Welt gebracht haben so wie Sara, die sp\u00e4t noch Mutter wurde.<\/p>\n<p>Ich habe neulich von einer \u00e4lteren Frau getr\u00e4umt, die eine gro\u00dfe Gr\u00fcnlilie umpflanzte &#8211; in viele kleine Blument\u00f6pfchen. Sie wollte die Pfl\u00e4nzchen zu ihrem 80. Geburtstag verschenken &#8211; etwas aus ihrem Haus f\u00fcr alle, die ihr lieb sind. Lebendiges Erbe \u2013 Sie wissen, Gr\u00fcnlilien schlagen Luftwurzeln und lassen sich ganz leicht in neue Erde verpflanzen. Das ist es dachte ich, was jetzt dran ist: loslassen und weitergeben, damit aus dem Alten Neues w\u00e4chst auf der neuen Erde.<\/p>\n<p>Abrahams und Saras Kraft zum Aufbruch war so stark, dass sie nicht zur\u00fcck wollten in die alte Heimat. Als Sara starb, kaufte Abraham ihr ein Grab im neuen Land \u2013 es war das erste eigene St\u00fcck Boden, auf das die Kinder und Enkel ihre F\u00fc\u00dfe setzten. So wurde ihr Traum von einem neuen Anfang Realit\u00e4t f\u00fcr viele, die nach ihr kamen. Sarah hatte ihr Ziel erreicht. W\u00e4hrend ich das sage, merke ich: Es ist gar nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich, von einem Lebensziel zu sprechen. Aber auch heute verstehen viele das Leben als Reise.<\/p>\n<p>Aber was hilft mir, mein Ziel im Auge zu behalten? Als f\u00fcr mich selbst die dritte Lebensphase begann, fiel mir ein Buch mit geistlichen \u00dcbungen in die Hand. (3) Es geht um die Offenheit f\u00fcr Gottes N\u00e4he, um die Erfahrung des Einswerdens mit mir selbst, das Ja- Sagen zum Leben. Aber auch um die Gef\u00fchle, die uns voneinander und von uns selbst entfremden. Hass, Angst, Wut, Neid und Zweifel schneiden uns von unserer Wesensmitte ab. Wir merken das, wenn unser Alltag sich leblos anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>Eine der M\u00f6glichkeiten, mich zu zentrieren und Gelassenheit und Frieden zu finden, ist das orthodoxe Herzensgebet. Es geht dabei nicht um viele Worte. Schon eine einfache Gebetsformel reicht. Zum Beispiel \u201eLiebe umgibt mich\u201c. Diese Form des Gebets hat viel gemeinsam mit der mystischen Versenkung im Buddhismus. Hier wie da geht es um die Konzentration auf den Atemrhythmus, um Gesten und Gehen. Das kann ich im Alltag \u00fcben &#8211; beim Aufwachen und Einschlafen wie auch in Pausenzeiten am Bus oder auf dem Fahrrad. Dabei kann ich f\u00fchlen, dass Gott mir nah ist.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Unbekannte ist es gut, sich einfach aus der Erfahrung der Gottesn\u00e4he f\u00fchren zu lassen. (4) Wie Abraham und Sara, die sich im Alter noch einmal aufmachten, um ihrer Hoffnung zu folgen. Ohne zu wissen, wo das gelobte Land lag. Auf ihrem Weg durch die W\u00fcste haben sie Angst und Zweifel reichlich erlebt. Ob Sara in solchen Situationen zu den Sternen gesehen hat? Oder lieber in das Gesicht ihres Sohnes? Manches, was jetzt noch unglaublich scheint, hat vielleicht morgen schon Hand und Fu\u00df. Nehmen Sie sich ruhig ab und an Zeit, Ihre Sterne zu z\u00e4hlen- ich mache das auch. Das w\u00fcnscht Ihnen Ihre Cornelia Coenen-Marx von der evangelischen Kirche.<\/p>\n<h5>(1) Im Alter neu werden k\u00f6nnen. Evangelische Perspektiven f\u00fcr Individuum, Gesellschaft und Kirche. Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD, 2010, Hrsg. G\u00fctersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-05912-9 .<\/h5>\n<h5>(2) Heiko Ernst in Psychologie heute, compact, 9\/2003.<\/h5>\n<h5>(3) Sabine Bobert, Mystik und Coaching, M\u00fcnsterschwarzbach 2011.<\/h5>\n<h5>(4) Was das in den aktuellen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen bedeutet, darum geht es in meinem neuen Buch: Cornelia Coenen-Marx: \u201eAufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen, Christsein und Glaube in der Transformation\u201c , G\u00f6ttingen 2016, ISBN 978- 38469- 0252-3.<\/h5>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2>WDR 5:\u00a0Freitag, 26.8.2016, 6.35 Uhr<\/h2>\n<h3>Hamster deutschlandweit restlos vergriffen<\/h3>\n<p>\u201eHamster deutschlandweit restlos vergriffen\u201c titelte das Satiremagazin \u201eDer Postillion\u201c Anfang der Woche. Da hatten die Medien gemeldet, dass die Bundesregierung das Zivilschutzkonzept neu auflegt und B\u00fcrgern r\u00e4t, sich Vorr\u00e4te f\u00fcr den Notfall anzulegen. Innerhalb weniger Stunden, so \u201eDer Postillion\u201c, h\u00e4tten besorgte Menschen s\u00e4mtliche Hamster in deutschen Zoohandlungen aufgekauft. \u201eDie Leute sind unsicher, wie viele Hamster man f\u00fcr 10 Tage braucht\u201c, wird ein Zooh\u00e4ndler zitiert \u2013 schlie\u00dflich waren Hamsterk\u00e4ufe in Deutschland schon l\u00e4nger nicht mehr n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Als Kind der 50er Jahre kenne ich noch Vorratskeller. Damals war es selbstverst\u00e4ndlich, gen\u00fcgend Wasser, Reis und Gries, Konserven und Kn\u00e4ckebrot im Haus zu haben &#8211; auch Aspirin und etwas Bargeld. Und Kerzen nat\u00fcrlich, wenn der Strom ausf\u00e4llt. Als meine Schwestern an die Ostk\u00fcste der USA zogen, habe ich erlebt, wie sinnvoll das ist. Auch f\u00fcr die ganz normalen Katastrophen: f\u00fcr Schnee- und Wirbelst\u00fcrme oder f\u00fcr den Fall, dass ein Baum auf die Stromleitung f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Es ist gar nicht schlecht, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass das scheinbar Selbstverst\u00e4ndliche nicht selbstverst\u00e4ndlich ist. Trotzdem war die Aufregung in dieser Woche gro\u00df. Katastrophenschutz? Terrorgefahr? Sind wir denn so bedroht, dass man \u00fcber Hamsterk\u00e4ufe nachdenken muss? Die Opposition spricht von Angstmache und Panikstimmung.<\/p>\n<p>Aber die meisten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger blieben gelassen. Wir f\u00fchlen uns doch ziemlich sicher in diesem Land. Und in der Regel funktioniert ja alles. Allerdings ist es nicht mehr schwer, sich andere Szenarien vorzustellen. Die Finanzkrise in Griechenland, der Amoklauf in M\u00fcnchen \u2013 die Bilder liegen schon in unseren K\u00f6pfen bereit. Stillstehende U-Bahnen, Schlangen vor Geldautomaten, ausverkaufte Superm\u00e4rkte und K\u00fchlschr\u00e4nke, in denen die Ware ungenie\u00dfbar wird. Mangel in einem reichen Land. Was g\u00e4be man da f\u00fcr einen Kleingarten.<\/p>\n<p>Die Bibel erz\u00e4hlt von einer D\u00fcrreperiode in Ph\u00f6nizien. Ein Jahr ohne Regen, das Korn trug nicht, die Tiere starben, die Vorr\u00e4te waren knapp geworden. Besonders f\u00fcr die Armen. Da gab es eine Witwe in Zarpat, die kurz vor dem Verhungern war. Sie hatte kaum noch \u00d6l und Mehl f\u00fcr sich und ihren einzigen Sohn, als ein Fremder sie ansprach. Er bat nur um das N\u00f6tigste. Aber kann man Hilfe erwarten, wenn der andere selbst nicht wei\u00df, wie er \u00fcberleben soll? Das mutet der Fremde ihr zu. Sie soll ihm ein Fladenbrot backen. Das letzte, was sie hat, soll sie nun auch noch teilen. \u201eHab keine Angst\u201c, sagt er, \u201cmein Gott, der Gott Israels, hat es versprochen: &#8218;Der Mehltopf wird nicht leer und das \u00d6l im Krug versiegt nicht, bis ich es wieder regnen lasse.'&#8220;<\/p>\n<p>Und die Verhei\u00dfung des Fremden erf\u00fcllt sich. Es ist \u00fcbrigens der Prophet Elia. Die Witwe vertraut ihm und teilt. Und das Teilen wirkt Wunder. Vielleicht ist es das einzig Vern\u00fcnftige, wenn es ums \u00dcberleben geht. In Rum\u00e4nien und in Pal\u00e4stina und im Sudan habe ich solche Gastfreundschaft erlebt. Vielleicht, weil die Menschen dort wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es ist nicht nur egoistisch, es ist kurzsichtig, nur f\u00fcr sich selbst zu sorgen. Vertrauen ist am Ende doch st\u00e4rker als die Angst, die sammelt und hortet. Das ist eine zentrale Botschaft der Bibel. Und die Geschichte vom reichen Kornbauern erz\u00e4hlt, wie dieser vor seinen vollen Scheunen stand und glaubte, nun k\u00f6nne ihm nichts mehr passieren. Aber sein Reichtum nutzte nichts. Und Vorr\u00e4te geben nur begrenzt Sicherheit.<\/p>\n<p>Sollen wir also keine Vorr\u00e4te anlegen? Zivilschutzgesetz hin oder her? Ich denke, es kommt auf die Haltung an. Immer genug Wasser im Haus zu haben, Kn\u00e4ckebrot und ein paar Konserven &#8211; das ist vern\u00fcnftig. Aber ich wei\u00df, dass unser Leben nicht daran h\u00e4ngt. Und ich mag es, wie gelassen der Humor mit dem Thema umgeht. Auf Facebook hat ein Freund ein Foto von seinen Vorr\u00e4ten gemacht: 10 Nutelladosen f\u00fcr die ganze Familie.<\/p>\n<p>Was steht auf Ihrer Einkaufsliste? Wenn Sie mit mir sprechen wollen \u2013 Sie erreichen mich bis 8 Uhr unter der Telefonnummer 030 \u2013 325 321 344. Oder diskutieren Sie mit auf Facebook unter \u201adeutschlandradio.evangelisch\u2018.<\/p>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2>DLF:\u00a026.\u00a0Juni.2016, \u00a08.35 \u2013 8.50 Uhr<\/h2>\n<h3><b>Von Seelenlust und K\u00f6rperzeichen \u2013\u00a0<\/b><b>Was Leib und Seele zusammenh\u00e4lt<\/b><\/h3>\n<p>Udo Lindenberg feiert das \u00dcberleben. \u201e St\u00e4rker als die Zeit\u201c, wie der Titel seines neuen Albums, scheint auch sein K\u00f6rper zu sein. Ein Stehaufm\u00e4nnchen wie Udo selbst. Mir gef\u00e4llt es, wie er hier inneh\u00e4lt und auf seinen K\u00f6rper sieht \u2013 auf dessen Kraft und wunderbare Widerstandsf\u00e4higkeit. Und auch darauf, was er seinem K\u00f6rper so alles angetan hat. Es gef\u00e4llt mir \u2013 und ich kann es nachvollziehen. Ich bin zwar kein Feiervogel, der die Exzesse liebt, aber ein Feuervogel bin ich schon- ich wei\u00df, wie es sich anf\u00fchlt, wenn man an beiden Seiten brennt. Und alle Ressourcen ausbeutet. Stress, zu wenig Schlaf, trotzdem weitermachen mit Kaffee und Kopfschmerztablette- das kenne ich auch.<\/p>\n<p>Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo die Gesundheit nicht mehr mitmacht. Wenn und solange unser K\u00f6rper funktioniert, solange die Energie reicht, denken wir nicht viel dar\u00fcber nach. Gesundheit sei \u201adas selbstvergessene Weggegebensein an das Leben\u2018, hat der Philosoph Hans-Georg Gadamer gesagt. Stimmt &#8211; erst wenn die ersten \u201eWarnsignale des K\u00f6rpers \u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00a0sich bemerkbar machen, wenn der Druck steigt und das Herz rast, dann sp\u00fcren wir, dass unser Leib mehr ist als ein jederzeit verf\u00fcgbares Instrument<strong>.\u00a0<\/strong>Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin spricht von der verleiblichten Seele. Auch unsere Sprache kennt diesen Gedanken: es l\u00e4uft uns etwas \u00fcber die Leber, es bricht uns das Herz.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Personaltrainerin Andrea Lautenbach gibt es Wege, die krank machen, und es gibt Wege, die gesund machen. Sie hat sich mit dem Konzept der Salutogenese besch\u00e4ftigt. Statt nur auf die Krankheits- und Leidensgeschichten zu schauen, achtet die Salutogenese auf die gesunden Anteile: Gesundheit und Krankheit sind kein Entweder- Oder, sondern ein Kontinuum. Wir haben gesunde und kranke Anteile, solange wir leben \u2013 auch noch im Sterben gilt das. Was hilft, gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden ist das Gef\u00fchl von Koh\u00e4renz: verstehen, was mit uns geschieht; das Gef\u00fchl haben, Leid und Krankheit bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen und schlie\u00dflich einen Sinn darin sehen. Wie gesund wir uns f\u00fchlen, das hat also auch mit unseren Beziehungen zu tun. Auch mit der Beziehung zu unserem eigenen K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Unser K\u00f6rper kann uns helfen, achtsam mit unserer Gesundheit umzugehen, sagt Personaltrainerin Andrea Lautenbach:<\/p>\n<p><em>\u201eEntscheidend ist die innere Einstellung, dass mein K\u00f6rper mein Freund ist und nicht mein Feind. Wenn Leib und Seele zusammenarbeiten, entstehen Synergieeffekte. Denn Emotionen sind ja erst durch den K\u00f6rper erfahrbar- schlie\u00dflich haben wir unsere f\u00fcnf Sinne daf\u00fcr bekommen, das Leben zu erf\u00fchlen. Leider denken, entscheiden und handeln wir nur oft an unseren Bed\u00fcrfnissen vorbei.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber die K\u00f6rperarbeit f\u00fchlen wir, was uns gut tut: Wenn wir uns entspannen und beweglicher werden, kann auch die Seele aufatmen. Es gibt Halt und Stabilit\u00e4t, wenn wir in unserem K\u00f6rper zu Hause sind.<\/p>\n<p>Ich bin mein Leib. Mein Gang, meine Haltung, meine Verletzungen und Schmerzen erz\u00e4hlen von meiner Lebensgeschichte, von meiner Stimmung. Wir kommunizieren \u00fcber unseren K\u00f6rper, wir pr\u00e4sentieren uns damit \u2013 kein Wunder, dass manche ihn wie ein Objekt behandeln, um die eigenen Chancen zu verbessern- ihn optimieren, trainieren, aufh\u00fcbschen . Ariadne von Schirach<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0erz\u00e4hlt in ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren\u201c von den Hungerm\u00e4dchen, die den Models nacheifern, von Stressk\u00f6rpern und Fitnessleibern und von den Best Agern, die das \u00c4lterwerden wie eine l\u00e4stige Krankheit verdr\u00e4ngen. Wir fliehen vor der Endlichkeit, sagt sie, dabei w\u00e4re es besser, sich den Leib zum Verb\u00fcndeten zu machen, &#8211; auch wenn er Macken hat oder uns scheinbar zur Unzeit eine Krankheit pr\u00e4sentiert. Unser Body meint es gut mit uns- allerdings dauert es meist eine Weile, bis wir das begreifen. Eine Trainerin wie Andrea Lautenbach kann dabei hilfreich sein. Mir hat sie neu bewusst gemacht: Der Weg ins Gegenw\u00e4rtig-Sein f\u00fchrt \u00fcber den K\u00f6rper. Unsere K\u00f6rpersinne- Sehen und H\u00f6ren, Schmecken und F\u00fchlen sind zuverl\u00e4ssige Begleiter in die Wirklichkeit. Und auch im Atmen, Sitzen, Gehen sp\u00fcren wir Pr\u00e4senz \u2013 ein Einssein mit dem Leben.<\/p>\n<p><em>Ey, mein Body, Du und ich<br \/>\nHey, wir lassen uns nicht im Stich!<br \/>\nUnd sind die Zeiten auch manchmal hart<br \/>\nWir bleiben lange noch am Start!<br \/>\nMein K\u00f6rper, Du und ich<br \/>\nSowas wird&#8217;s nie wieder geben<br \/>\nWei\u00dft Du, was wir beide sind?<br \/>\nWir sind die Meister im \u00dcberleben!<\/em><\/p>\n<p>Ohne Selbstsorge kann auch die Sorge f\u00fcr andere auf Dauer nicht gelingen. Paradoxerweise ist das gerade in der Gesundheitsbranche besonders schwer. Wie andere Dienstleistungsbereiche auch leiden Krankenh\u00e4user und Pflegedienste in besonderer Weise unter Kostendruck. Die Zeit, in der Dienstleistung das teuerste Gut, wird knapp. Wer aber Hilfebed\u00fcrftige nur noch ein kleines St\u00fcck auf dem Weg begleiten kann und nicht mehr sieht, wie es weiter geht, wer sich immer neu einlassen und schnell wieder abgeben muss, verliert das Kostbarste, was diese Berufe ausmacht: die Erfahrung heilender Begegnungen. Wer einen anderen ber\u00fchrt, r\u00fchrt ja immer auch an Erfahrungen, die sich tief in den K\u00f6rper eingepr\u00e4gt haben. Dass wir kranke und sterbende Menschen im wahrsten Sinne des Wortes behandeln, das hat nat\u00fcrlich auch mit der Vorstellung des beseelten Leibes zu tun. Ganz besonders deutlich wird das in der Sterbebegleitung. Ehrenamtlich Engagierte im Hospiz erleben, dass Menschen sich entspannen, wenn jemand ihre Hand h\u00e4lt, und noch einmal aufbl\u00fchen, wenn sie sich auf etwas oder auf jemanden freuen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>\u201eEs sind manchmal so simple, kleine Dinge. Es kann ein Eis sein; einer Dame habe ich Erdbeeren mitgebracht, als sie schon im Sterben lag. Aber noch einmal Erdbeeren zu essen, das war eine ganz wichtige Geschichte. Ihr hat das diesen letzten Weg erleichtert\u2026\u201c\u00a0<\/em>sagt Martin Quel vom Hospizdienst Pusteblume. Er erz\u00e4hlt aber auch, wie wichtig es sei, einfach da zu sein und es mit dem anderen auszuhalten.\u00a0<em>\u201eDass jemand wei\u00df, da sitzt einer und der ist jetzt einfach nur da \u2013 das ist eine ganz wichtige, beruhigende Situation.\u201c<\/em>\u00a0( 26, 11)<\/p>\n<p>\u201eWie ich ber\u00fchre, so bin ich ber\u00fchrt\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>\u00a0\u2013 aber wenn ich niemanden mehr wirklich begleiten und begegnen kann, werde ich auch selbst k\u00e4lter und distanzierter, nehme auch den eigenen K\u00f6rper kaum noch wahr. Oder ist es umgekehrt- weil ich mich selbst vor \u00dcberforderung kaum noch sp\u00fcre, kann ich mich auch nicht mehr in andere einf\u00fchlen? Jedenfalls haben die Ehrenamtlichen auch die Beobachtung gemacht \u2013 dass Pflegende oft kaum die Zeit und Kraft haben, ganz da zu sein f\u00fcr den Patienten. Martin Quel fordert:<\/p>\n<p><strong>Martin Quel:\u00a0<\/strong><em>\u201eWir brauchen mehr Mitarbeiter in der Pflege \u2013\u00a0<\/em><em>dann nehmen sie den Einzelnen auch anders wahr. Es kann nicht sein, dass da zwei Mitarbeiter mit zwanzig\/drei\u00dfig Bewohnern auf der Station alleine sind<\/em>\u201c. ( 34)<\/p>\n<p>Manchmal werde ich gefragt, ob es f\u00fcr Kirche und Diakonie nicht an der Zeit w\u00e4re, unter diesen Umst\u00e4nden aus dem Gesundheitsmarkt auszusteigen. Dann denke ich an Theodor Fliedner, den Gr\u00fcnder der Kaiserswerther Diakonie. Der hatte damals klare Kriterien, wann er seine Diakonissen aus einem Krankenhaus zur\u00fcckzog. Es ging ihm um Qualit\u00e4t und Ethik der Pflege, um gute Versorgung und medizinische Behandlung. Und genau deswegen ging es ihm auch um die Gesundheit der Schwestern, darum, dass sie Zeit genug zur Erholung hatten. Eine Studie \u00fcber die Kraftquellen von Pflegenden zeigt auch heute: Was f\u00fcr Pflegebed\u00fcrftige wichtig ist, das brauchen die Pflegenden auch. Tragf\u00e4hige Netze, Zeit f\u00fcr Zuwendung und Orte, an denen man Kraft sch\u00f6pfen kann. Und R\u00fcckzugszeiten, um Priorit\u00e4ten zu kl\u00e4ren, sich vielleicht auch neu zu orientieren. \u201eEinkehrtage\u201c nannte man das in der Diakonissentradition. \u201eAuftanken\u201c w\u00fcrden wir heute sagen.<\/p>\n<p>\u201eTu Deinem Leib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen\u201c, sagt Theresa von Avila, eine spanische Mystikerin aus dem 16. Jahrhundert. Sie versteht den Leib als Tempel der Seele. Wir k\u00f6nnten nicht singen und nicht tanzen ohne unseren K\u00f6rper, wir sp\u00fcrten die Sonne nicht auf der Haut und k\u00f6nnten den V\u00f6geln nicht zuh\u00f6ren. Wir k\u00f6nnten einander nicht ber\u00fchren, k\u00fcssen und festhalten. Die Personaltrainerin Andrea Lautenbach zitiert Hildegard von Bingen:<strong>\u00a0<\/strong><em style=\"line-height: 1.5;\">\u201eMeine Seele jubelt im Fleisch\u2026O mein Fleisch und meine Glieder in denen ich Wohnung nahm, wie sehr freue ich mich, dass ich zu Euch geschickt wurde&#8230; Der Seele Freude ist es, im Leibe wirksam zu sein.&#8220;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>So wie wir nur in einer bestimmten Sprache sprechen k\u00f6nnen, wie wir nur in einem festgelegten Alphabet schreiben k\u00f6nnen, so finden auch unsere Beziehungen und Gef\u00fchle Ausdruck \u00fcber den K\u00f6rper- den eigenen, unvollkommenen K\u00f6rper. So zerbrechlich und endlich wie er ist. Wer m\u00f6chte nicht manchmal aus der Haut fahren, strapaziert nicht die eigene Gesundheit, \u00fcberfordert sich nicht. Und dennoch bin ich in diesem K\u00f6rper in meiner Zeit- und er erm\u00f6glicht mir, ganz da zu sein, auch vor Gott. Kniend, singend, mit ausgestreckten Armen oder sitzend in der Stille. Auch beim Beten und erst recht beim Segnen sind wir im Leib.<\/p>\n<p>\u201e\u00a0<em>Was ich in meine Begleitungsarbeit eingebracht habe, kommt von meiner Gro\u00dfmutter: Sie hat mir immer mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet \u2013 und so mache ich es heute bei anderen. Besonders wichtig ist mir das, wenn der Abschied naht- und ich stelle immer wieder fest, dass das gern aufgenommen wird. Und dann erkl\u00e4re ich das: Meine Gro\u00dfmutter hat immer gesagt, das hei\u00dft: Gott befohlen. Dann kommt ganz oft zur\u00fcck: \u201eJa, das ist sch\u00f6n\u201c,\u00a0<\/em>\u2026erz\u00e4hlt Martin Quel von seinen Erfahrungen in der Hospizarbeit. ( 45)<\/p>\n<p>Und noch unseren Verstorbenen falten wir die H\u00e4nde. Am Umgang mit unseren Toten zeigt sich, dass wir den K\u00f6rper eben nicht nur als Materie verstehen \u2013\u00a0wir wollen, dass unsere Angeh\u00f6rigen w\u00fcrdig zur letzten Ruhe gehen.<\/p>\n<p><strong>Martin Quel:\u00a0<\/strong><em>\u201eMan kann nicht etwas, mit dem man 88, 87 Jahre rumgelaufen ist, ablegen wie ein altes Kleid..\u201c ( 1.08).\u201c Das ist nicht egal- ich komme weg und werde einge\u00e4schert; ich bin das ja dann nicht mehr- Nein, so ist das nicht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich sagt es auch etwas \u00fcber das Verst\u00e4ndnis von Leib und Seele aus, wenn wir den toten K\u00f6rper eines Menschen heute tendenziell als verf\u00fcgbares Gut verstehen. Als Bank f\u00fcr Genmaterial, als Lager f\u00fcr Organe. Dass sich bei vielen etwas dagegen str\u00e4ubt, ist in den Debatten um die Organspende deutlich zu sp\u00fcren. Ertr\u00e4glich wird das Ganze nur, wenn wir die Gabe mit der Vorstellung verbinden, anderen Leben zu schenken. \u201eMein Leib &#8211; f\u00fcr Euch gegeben\u201c, sagt Jesus, als er beim letzten Abendmahl das Brot bricht und es seinen J\u00fcngern gibt. In dieser Tischgemeinschaft dr\u00fcckt sich die Hingabe ganz leiblich aus \u2013 ein starkes Symbol, das zum Kern des christlichen Glaubens geh\u00f6rt. Und sp\u00e4ter erkennen die J\u00fcnger den auferstandenen Jesus an seiner Art, das Brot zu brechen. Sie erkennen ihn an einer Geste, aber auch an seiner Stimme und an seinen Wunden, den Zeichen der Folter an seinem K\u00f6rper. Denn auch der auferstandene Jesus ist im Leib \u2013 erl\u00f6st und befreit, aber doch erkennbar er selbst. Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches, hie\u00df es deshalb fr\u00fcher im Glaubensbekenntnis. Wie das gehen soll? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Aber ich wei\u00df: Die Trennung von Leib und Seele, die Abspaltung unseres K\u00f6rpers passt nicht zu unserem Glauben- sie kommt aus der platonischen Philosophie. In seinem neuen Buch \u201eGottesk\u00f6rper\u201c hat Christoph Markschies<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0beschrieben, wie sich diese Philosophie ganz allm\u00e4hlich im Christentum eingenistet hat- mit ihrer Verachtung von Lebenslust und Leiblichkeit. Und mit der Spaltung von Seelsorge und Leibsorge- und der Missachtung der Pflegearbeit. Die Sch\u00f6pfungsgeschichte aber erz\u00e4hlt, dass der Atem Gottes durch unseren K\u00f6rper flie\u00dft. Und es ist gut, wenn wir ab und an innehalten und diese Energie wahrnehmen. Widerstandskraft pur. Lebenskraft bis zum Ende- und dar\u00fcber hinaus. Warum nicht auch mal danke sagen so wie Udo Lindenberg.<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Vgl. z.B. Volker Fintelmann, Marcela Ullmann, Warnsignale des K\u00f6rpers, Beschwerden von K\u00f6rper und Seele ganzheitlich verstehen, M\u00fcnchen 2004<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0Ariadne von Schirach, Du sollst nicht funktionieren &#8211; F\u00fcr eine neue Lebenskunst, M\u00fcnchen 2014<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0Klaus M. Meyer-Albich.<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0Christoph Markschies, Gottesk\u00f6rper, M\u00fcnchen 2016<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<hr \/>\n<h5><\/h5>\n<h2>DLF: 06.\u00a0Mai\u00a02016<\/h2>\n<h3><strong>Einmal kommt alles ans Licht \u2013 Gedanken zur Woche\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Einmal kommt alles ans Licht. Edward Snowden belegte das Ausma\u00df der NSA-Spionage. Schweizer Banker lieferten deutschen Steuerbeh\u00f6rden CDs mit den Namen der Steuerfl\u00fcchtigen. Und seit kurzem liegen die Panama-Papers in Buchhandlungen aus \u2013 auch Briefkastenfirmen bleiben auf Dauer nicht anonym.<\/p>\n<p>Einmal kommt alles an die \u00d6ffentlichkeit. Das Internet und die weltweiten Netze investigativer Journalisten beschleunigen die Prozesse. Was mit Wikileaks begann, hat in dieser Woche mit den internen Protokollen der TTIP-Verhandlungen einen neuen H\u00f6hepunkt gefunden. Und viele finden: es war h\u00f6chste Zeit. Es weckt nun einmal Misstrauen, wenn Wirtschaftsabkommen, die uns alle angehen, hinter verschlossenen T\u00fcren verhandelt werden. Fairer Handel braucht auch faire Verhandlungen.<\/p>\n<p>Der Verhandlungsstand best\u00e4tigt, was viele f\u00fcrchten: Dass unter dem Motto \u201eKotfl\u00fcgel gegen Chlorh\u00e4hnchen und Genmais\u201c Verbraucherrechte eingeschr\u00e4nkt werden. Die europ\u00e4ischen Agrarstandards stehen amerikanischen Exportinteressen im Weg. Das kann niemanden erstaunen, der harte Gesch\u00e4ftsverhandlungen kennt. Und wer mit der deutschen Exportwirtschaft vertraut ist, der wei\u00df auch, dass der Freihandel bislang Garant unseres Wohlstands war. Wenn es allerdings um Lebensmittelsicherheit geht, dann fragen sich viele doch, was der Wohlstand kosten darf.<\/p>\n<p>Diese Debatte muss \u00f6ffentlich gef\u00fchrt werden. Wo Wirtschaft und Finanzgebaren sich der politischen Kontrolle entziehen, da werden wir zu Recht unruhig. Schlie\u00dflich ist die demokratische Kontrolle lange erk\u00e4mpft worden \u2013 die der Geheimdienste und auch die der Wirtschaft. In der globalen Wirtschaft wird das aber immer schwieriger. Schlie\u00dflich sind manche der transnationalen Firmen finanzst\u00e4rker und m\u00e4chtiger als Staaten. Auch Lebensmittelkonzerne geh\u00f6ren dazu. Deshalb st\u00f6rt mich an dem derzeitigen Verhandlungsstand von TTIP noch etwas anderes. N\u00e4mlich der Vorschlag, spezielle internationale Schiedsgerichte mit Streitigkeiten \u00fcber Wettbewerbsnachteile f\u00fcr Investoren zu betrauen. Vertreter der Kirchen, Gewerkschaften und Umweltverb\u00e4nde, aber auch die europ\u00e4ischen Verhandlungspartner sehen das seit langem kritisch, wenn Richter nicht \u00f6ffentlich ernannt werden und europ\u00e4ischen Gerichten die letzte Kompetenz nicht erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Es geht um die Bedeutung Europas als Wirtschaftsraum und um die Zukunft westlicher Standards in der globalen Wirtschaft. Deshalb ist es gut, dass der Streit nun in der \u00d6ffentlichkeit angekommen ist. Um Chlorh\u00fchnchen und Kotfl\u00fcgel, und auch um die Schiedsgerichte. Denn es ist ja nicht nur der Wohlstand, der unser Land lebenswert macht, sondern auch und vielleicht viel mehr der Rechtsstaat.<\/p>\n<p>Was das bedeutet, habe ich erst begriffen, als ich dienstlich im Nahen Osten unterwegs war. Dass hierzulande niemand verschwindet. Dass jeder vor Gericht einen Pflichtverteidiger bekommt und die Richter unabh\u00e4ngig sind; dass man gegen Urteile in Revision gehen kann \u2013 was f\u00fcr Errungenschaften. Und dazu geh\u00f6ren auch \u00f6ffentliche Debatten und die freie Presse.<\/p>\n<p>Nichts bleibt auf Dauer im Verborgenen. Ich wei\u00df, das w\u00fcnscht man sich nicht, wenn es um die unangenehmen Seiten im eigenen Leben geht &#8211; und das sind ja nicht nur dunkle Gesch\u00e4fte, sondern vielleicht auch Krankheiten oder andere schmerzhafte Erfahrungen. Niemand m\u00f6chte, dass so etwas ans Licht gezerrt wird \u2013 und niemand steht gern vor Gericht. Aber wenn es passiert, dann kommt es darauf an, dass wir gute Anw\u00e4lte haben. Der christliche Glaube macht mir in dieser Hinsicht Mut: wann immer wir bedr\u00e4ngt werden, wenn die Gerechtigkeit leidet \u2013 dann k\u00f6nnen wir uns darauf verlassen, dass Jesus selbst unser F\u00fcrsprecher ist. Beim j\u00fcngsten, dem letzten Gericht, wenn alles ans Licht kommt, und auch schon jetzt. Er hat die Geschichte der V\u00f6lker im Blick \u2013 und er sieht sie nicht nur von oben, sondern auch von unten, aus der Sicht der Opfer. Das haben wir gestern gefeiert \u2013 am Himmelfahrtstag.<\/p>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/7wo2016_aktionsmotiv_rgb.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1412 size-medium aligncenter\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/7wo2016_aktionsmotiv_rgb-300x233.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"233\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/7wo2016_aktionsmotiv_rgb-300x233.jpg 300w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/7wo2016_aktionsmotiv_rgb-1024x796.jpg 1024w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/7wo2016_aktionsmotiv_rgb.jpg 1476w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/h2>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/7wochenohne.evangelisch.de\/content\/liebe-mitfastende\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">weitere Informationen unter: www.7wochenohne.evangelisch.de<\/a><\/p>\n<h3>DLF: 08. \u00a0bis 13. Februar 2016<\/h3>\n<h3><strong>\u201eNur die Liebe z\u00e4hlt\u201c: Rosenmontag<\/strong><\/h3>\n<p>In dieser Woche beginnt in den Kirchen die Fastenzeit. Sieben Wochen bewusstes Leben. \u201eGro\u00dfes Herz \u2013 Sieben Wochen ohne Enge\u201c, hei\u00dft diesmal das evangelische Motto. Schon seit ein paar Tagen h\u00e4ngt der Fastenkalender in unserer K\u00fcche \u2013 das Titelbild zeigt eine Frau mit lachendem, offenem Gesicht, die mit beiden H\u00e4nden Konfetti f\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Das passt schon heute gut, obwohl die Fastenzeit noch gar nicht angefangen hat. Es ist Rosenmontag &#8211; im Rheinland, in der Pfalz oder in Frankfurt stehen die Menschen an den Stra\u00dfen und fangen Kamellen. S\u00fc\u00dfe Sachen, die von den Karnevalswagen in die Menge geworfen werden. Ich erinnere mich an das kleine Dorf in der Eifel, wo meine Familie ein Ferienhaus hatte \u2013 ein altes Bauernhaus. Beim Karnevalszug in diesem Dorf machte jeder mit \u2013 in der Fu\u00dfgruppe, auf dem Wagen oder auch an den St\u00e4nden, die am Rand der Stra\u00dfe standen. Mit Waffeln und nat\u00fcrlich auch mit Bier &#8211; und Limonade f\u00fcr die Kinder. Seit Wochen war dar\u00fcber gesprochen worden, wer welches Kost\u00fcm trug: die Frauen n\u00e4hten, die M\u00e4nner bauten Wagen \u2013 seit nach St. Martin die neue Session begonnen hatte, gab es kein anderes Thema mehr. Im \u00fcbrigen waren der Martinsverein, der Sch\u00fctzen- und der Karnevalsverein sowieso identisch. Immer die gleichen Leute \u2013 aber am Rosenmontag eben doch ganz anders. An den Kindern lie\u00dfen sich ihre Tr\u00e4ume ablesen: \u00fcberall Cowboys und Prinzessinnen. Sch\u00f6nheit und St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Sich ausprobieren, neue Freiheiten entdecken &#8211; raus aus der Enge des Alltags. Wenn dann das Bier schon reichlich geflossen ist, bleibt von der harmlosen Kinderei oft nicht viel \u00fcbrig. Der Name Rosenmontag kommt ja nicht von den bunten Bl\u00fctenbl\u00e4ttern, er kommt von der Raserei, die eben auch zum Winterbrauchtum geh\u00f6rt. Sich vergessen und \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen. Den wilden Kerl markieren &#8211; bei der Fasnacht im S\u00fcden auch mit Pelzen und Schellen. Klar, dass gleich nach den Silvester-\u00dcbergriffen in K\u00f6ln neue Sicherheitsma\u00dfnahmen f\u00fcr Karneval angek\u00fcndigt wurden. Anmache und frauenfeindliche Gewalt gab es an diesen Tagen schon immer. Und schon immer sahen viele weg. Aber nach dem Ausbruch von Gewalt am K\u00f6lner Hauptbahnhof muss damit Schluss sein.<\/p>\n<p>\u201eSchenk mir Dein ganzes Herz und bleib bei mir\u201c singt die Karnevalsgruppe \u201eDie H\u00f6hner\u201c. F\u00fcr hei\u00dfe Liebesgeschichten braucht man heute eigentlich keinen Rosenmontag mehr. Auch nicht f\u00fcr Rollentausch und Kleiderwechsel &#8211; nicht, um sich selbst neu auszuprobieren. Unsere Gesellschaft l\u00e4sst vieles zu und es ist schon schwer, die Grenze zu beschreiben, die einst so klar markiert war \u2013 mit Beginn der Fastenzeit war alles vorbei. \u201eSchenk mir Dein Herz, ich schenk Dir meins \u2013 nur die Liebe z\u00e4hlt\u201c, hei\u00dft es in dem Lied der H\u00f6hner. Vielleicht ist damit die Grenze markiert. Es ist eben nicht liebevoll, jemand gegen seinen Willen zu begrapschen. Oder den Partner hinterr\u00fccks zu betr\u00fcgen.<\/p>\n<p>\u201eLiebe und tu, was Du willst\u201c, schreibt der Kirchenvater Augustinus. Auch er hatte vor seiner Konversion zum Christentum so ziemlich alles probiert und dabei viele entt\u00e4uscht &#8211; und er kennt kein anderes Kriterium f\u00fcr das Gl\u00fcck als die Liebe. Er wusste, wie lieblos es ist, auf der Suche nach sich selbst die Menschen im Stich zu lassen, die einen brauchen. Oder einen anderen zu begehren und zu benutzen &#8211; nur als Schmuck f\u00fcr das eigene Ego. Es kann aber auch lieblos sein, Regeln und Ordnung \u00fcber alles zu stellen \u2013 und so alle Menschlichkeit zu vergessen. Das hat Jesus gezeigt, als er sich mit den Verachteten und Ge\u00e4chteten an einen Tisch setzte: den Freund der Z\u00f6llner und S\u00fcnder nannten sie ihn, einen Fresser und Weins\u00e4ufer. Er liebte es, die Perspektive zu wechseln; lie\u00df sich von einem Z\u00f6llner einladen, von einer freiz\u00fcgigen Frau die F\u00fc\u00dfe waschen. Ein bisschen davon steckt bis heute im Karneval: in den fr\u00f6hlichen Feiern, in der Umkehr des Blickwinkels. Ob Jesus mitgefeiert h\u00e4tte? In meinem kleinen Eifeldorf, wo die Kinder in ihren Kost\u00fcmen in die Kirche kamen, bestimmt. Wo alles au\u00dfer Rand und Band ger\u00e4t, ganz sicher nicht. Es ist die Liebe, die z\u00e4hlt.<\/p>\n<h3><strong>Veilchendienstag \u2013\u00a0Katzenjammer<\/strong><\/h3>\n<p>M\u00fcde, ersch\u00f6pft und ein bisschen verkatert. Mancher wird heute so wach geworden sein. Nach den Karnevalspartys am Wochenende oder gestern, nach Rosenmontag. Genug gefeiert jetzt &#8211; auch, wer von Karneval nichts h\u00e4lt, kennt das Gef\u00fchl. Ein Katerfr\u00fchst\u00fcck tut jetzt gut &#8211; mit viel Wasser und Kaffee. Und dann ein langer Spaziergang. Durchatmen und sich sortieren, ehe der Alltag wieder beginnt. Morgen ist Aschermittwoch und alles vorbei. Egal, wie sch\u00f6n es war.<\/p>\n<p>Alles vorbei. Wenn auf den Traumurlaub der Alltag folgt. Wenn eine Liebe zu Ende geht, eine Illusion zerplatzt. Wenn Offenheit umschl\u00e4gt in Angst. Wenn ich pl\u00f6tzlich mit einer L\u00fcge konfrontiert werde, eine allt\u00e4gliche Gemeinheit mich kr\u00e4nkt, wenn ich die eigene Grenzen sp\u00fcre. Ich f\u00fchle mich dann, als h\u00e4tte die Welle, auf der ich eben noch reiten konnte, mich mit der Flut an Land geschleudert. Himmelhoch jauchzend &#8211; zum Tode betr\u00fcbt, wie es bei Goethe hei\u00dft. Eben noch getragen vom Lebensgl\u00fcck, voll Hochgef\u00fchl und Begeisterung, bin ich pl\u00f6tzlich schutzlos, den Fragen ausgeliefert: Wie wird es weitergehen? Wie finde ich wieder Kraft, meinen Alltag zu bew\u00e4ltigen? Was kann ich tun f\u00fcr meine innere Balance, im Auf und Ab des Lebens?<\/p>\n<p>Ich feiere keinen Karneval. Aber ich bin im Rheinland gro\u00df geworden und konnte der Ausgelassenheit kaum entgehen \u2013 nicht den Rosenmontagsz\u00fcgen und nicht den Abgest\u00fcrzten auf den Stra\u00dfen. Inzwischen nutzen viele die Zeit f\u00fcr einen kurzen Urlaub &#8211; weit weg von Alaaf und Helau. Aber heute tobt sich ohnehin jeder aus, wo und wie er will. Karneval wird ganz einfach zur Party &#8211; die Traditionen verlieren an Bedeutung. Weniger Umz\u00fcge auf den D\u00f6rfern, weniger Sitzungen im Fernsehen. Und wie viele Katholiken werden morgen in die Messe gehen und sich das Aschekreuz auf die Stirn zeichnen lassen? Das alte Zeichen der Gef\u00e4hrdung und der Grenzen unseres Lebens verblasst. Dabei k\u00f6nnen wir diese Erinnerung brauchen. Denn die Wellen schlagen ja gerade hoch in unserem Land. Die Wellen der Begeisterung und die der Emp\u00f6rung.<\/p>\n<p>Viele beschw\u00f6ren jetzt das Ende der Willkommenskultur. Ist da wieder eine Illusion geplatzt? Ich geh\u00f6re zu denen, die daf\u00fcr eintreten, die Grenzen nicht zu schlie\u00dfen. Aber nat\u00fcrlich sto\u00dfe ich auch an meine eigenen Grenzen. Und wenn ich nicht mehr weiter wei\u00df, wird auch in mir alles eng. Wenn der Katzenjammer kommt, will ich nur noch f\u00fcr mich sein. Schluss mit der Offenheit, alles vorbei? An solchen Tagen w\u00fcnsche ich mir ein festes Herz. Keins aus Stein, aber auch keins, das sich \u00fcbernimmt. Dann tut es gut, erst einmal zur Ruhe zu kommen. Das Auf und Ab meines Lebens vor Augen. Offenheit, ausgelassene Freude und tiefe Entt\u00e4uschung. Gro\u00dfes Gl\u00fcck und Grenzerfahrungen. Manchmal muss ich meinem Katzenjammer Raum geben und vielleicht auch die Tr\u00e4nen flie\u00dfen lassen. Das hilft. Und dann ein Herzensgebet. Nur wenige Wort: Kyrie eleison. Weiteratmen und den Faden nicht loslassen, der mich mit Gottes Barmherzigkeit verbindet. Mit dem Blutkreislauf der Liebe.<\/p>\n<p>Die Liebe hat viele Gestalten. Beim Karneval werden nur wenige sichtbar \u2013 Amor, Erotik und Sex. Aber Liebe ist mehr. Sie ist auch Caritas und N\u00e4chstenliebe. Vater und Mutter, die sich tagaus tagein um ihre Kinder k\u00fcmmern, Nachbarn, die den Fl\u00fcchtlingen bei den ersten Wegen helfen, Kolleginnen und Kollegen, die da sind, damit wir nach einer Entt\u00e4uschung zur\u00fcck finden in den Alltag. An Tagen mit Katzenjammer, m\u00fcde von den gro\u00dfen Gef\u00fchlen, ist diese allt\u00e4gliche Liebe der beste Weg zur\u00fcck ins Leben. Den Kindern das Schulbrot streichen, der kranken Freundin einen Brief schreiben, mit Fl\u00fcchtlingen Deutsch \u00fcben &#8211; das sind Kleinigkeiten, aber sie erden und sie weiten das Herz. Damit keiner verzweifelt. Sie machen auf stille und unspektakul\u00e4re Weise gl\u00fccklich. \u00dcbrigens sah das auch Goethe so, der das Auf und Ab der Gef\u00fchle so gut kannte : \u201eFreudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein; Langen und bangen in schwebender Pein; Himmelhoch jauchzend, zum Tode betr\u00fcbt; Gl\u00fccklich allein ist die Seele, die liebt\u201c.<\/p>\n<h3><strong>Aschermittwoch \u2013\u00a0Mit Grenzen leben<\/strong><\/h3>\n<p>Heute ist der Tag der ungeschminkten Wahrheiten. Im Bad vor dem Spiegel: das m\u00fcde Gesicht ist grau und ersch\u00f6pft. Die kleinen Falten, die Augenringe \u2013 da f\u00e4llt es schwer, sich selbst ermunternd zuzul\u00e4cheln. Lieber nicht so genau hinsehen und erst mal unter die Dusche. Es ist nicht so leicht, mit den eigenen Grenzen, dem eigenen Altern zurecht zu kommen.<\/p>\n<p>Aber heute ist der Tag der ungeschminkten Wahrheiten. Das gilt auch auf der politischen B\u00fchne. Es ist Aschermittwoch. Zeit zur offenen Abrechnung mit der Politik im Land f\u00fcr Parteien und Sozialverb\u00e4nde. Auch am sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen wird es heute Veranstaltungen geben, in denen Rednerinnen und Redner die Situation im Land kritisch beleuchten. Ich hoffe auf klare Worte &#8211; mit Witz und Sch\u00e4rfe, aber ohne Beleidigungen. Jeder wei\u00df: wenn uns die Wahrheit um die Ohren geschlagen wird wie ein nasser Lappen, dann sch\u00fctzen wir uns und weichen lieber aus.<\/p>\n<p>Ich muss allerdings zugeben: der Aschermittwoch hat schon eine drastische Symbolik. Allein das Aschekreuz, das den Besuchern der Messe traditionell auf die Stirn gezeichnet wird. Du bist sterblich, hei\u00dft das. Dein Leben vergeht. Es stimmt ja leider \u2013 ich sehe das jeden Morgen im Spiegel. Der erste Anblick ist zunehmend gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Gewaschen und geschminkt n\u00e4here ich mich meinem freundlichen Selbstbild wieder an. Aber der Aschermittwoch verlangt ja das Gegenteil: Abschminken, kahlscheren, die Masken absetzen und mich der nackten Wahrheit stellen. \u201eBedenke, Mensch, dass Du Staub bist und wieder zum Staub zur\u00fcckkehren wirst\u201d, hei\u00dft es bei der Austeilung der Aschenkreuze.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Alles ist verg\u00e4nglich. Wir sind verletzlich. Und wir gehen nicht immer angemessen damit um. Viele Probleme entstehen ja deshalb, weil wir unsere Grenzen \u00fcberschreiten und schlie\u00dflich tricksen, um st\u00e4rker zu erscheinen, als wir sind. Das gilt f\u00fcr die Einzelnen, aber zum Beispiel auch in der Wirtschaft.<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir also alle in Sack und Asche gehen? Bu\u00df\u00fcbungen sind jedenfalls nicht von gestern. Sie werden auch von Staatschefs in Japan oder von globalen Managern verlangt wie j\u00fcngst vom VW-Chef in Amerika. Wenn Grenzen \u00fcberschritten sind, ist Demut angesagt. Hoffentlich nicht nur als Ritual, sondern als Haltung. Diese Haltung zu entwickeln, darum geht es in der Fastenzeit, die heute beginnt. Fasten kann empfindlicher machen f\u00fcr die Grenzen unseres K\u00f6rpers und unserer Gesundheit. Vielleicht auch empf\u00e4nglicher f\u00fcr das, was die Menschen um uns bewegt. Solidarischer mit den Schw\u00e4chen der anderen. Das wei\u00df jeder, der schon einmal ge\u00fcbt hat, auf Alkohol oder Zigaretten oder auch nur auf Kaffee zu verzichten. Am Anfang steht der Kampf mit der eigenen M\u00fcdigkeit und \u00dcbellaunigkeit, man f\u00fchlt sich d\u00fcnnh\u00e4utig und verletzlich, bis diese Empfindlichkeit endlich zu einer neuen St\u00e4rke wird: wer ohne Suchtmittel auskommt, seine Nahrung umstellt, sich mehr Zeit nimmt f\u00fcr Sport und Bewegung, kann hellsichtiger werden und hellh\u00f6riger. Fasten richtet uns neu aus \u2013 es erdet und \u00f6ffnet zugleich.<\/p>\n<p>Ich denke an den jungen Mann, der, wie es in der Bibel hei\u00dft, in Saus und Braus lebte und sein ganzes Erbe verprasst hat. Die meisten kennen die Geschichte vom verlorenen Sohn. Er wird sich wirklich verloren gef\u00fchlt haben, als er am Ende weit weg von zu Hause als Schweinehirt arbeiten musste und auf der nackten Erde schlief. An den eigenen Tr\u00e4umen gescheitert. Aber genau in dieser Situation, als er ganz am Boden war, da richtet er sein Leben neu aus. \u201eIch will heimkehren und zu meinem Vater gehen\u201c, hei\u00dft es im Gleichnis. Und er hat das Gl\u00fcck, dass sein Vater ein gro\u00dfes Herz hat. Er wird ihm entgegenkommen und ihn umarmen, diesen abgerissenen, m\u00fcden und verzweifelten jungen Mann. Er wird in sein Gesicht schauen, ihn anl\u00e4cheln und seinen Sohn in ihm erkennen. Er wird ihn neu einkleiden und ihm einen Ring an den Finger stecken. Kein Wunder, dass diese Geschichte so bekannt ist, dass so viele sie lieben: sie macht Mut, die eigenen Grenzen zu akzeptieren und auch die der anderen. Und dann gemeinsam neu zu beginnen. Vielleicht gerade heute \u2013 am Aschermittwoch.<\/p>\n<h3><strong>Fastendonnerstag \u2013\u00a0Gro\u00dfes Herz- eine Fastenaktion<\/strong><\/h3>\n<p>Es gab schon merkw\u00fcrdige Fastenbr\u00e4uche in fr\u00fcheren Jahrhunderten. In Halberstadt wurde am Aschermittwoch ein armer Misset\u00e4ter als \u201ealter Adam\u201d aus der Kirche gejagt. Er musste dann w\u00e4hrend der ganzen Fastenzeit barfu\u00df betteln. Sieben Wochen lang bekam er Speise an den Kirchent\u00fcren, bis er endlich am Gr\u00fcndonnerstag beim Abendmahlsgottesdienst friedlich wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Als neuer Mensch, den die Fastenzeit gereinigt und ver\u00e4ndert hatte. Ein Einzelner als Sinnbild f\u00fcr die ganze Stadt.<\/p>\n<p>Wie mag man entschieden haben, wer da in Sack und Asche gehen sollte? Gab es heimliche oder \u00f6ffentliche S\u00fcndenregister? Oder wurde einfach gelost? Und wie mag man den Ausgesto\u00dfenen angesehen haben, wenn er einem begegnete \u2013 auf den Stra\u00dfen oder an der Kirchent\u00fcr? Hatte man das Gef\u00fchl, dass es jedem so gehen k\u00f6nnte? War der arme S\u00fcnder eine Mahnung an die mit der reinen Weste, das eigene Leben unter die Lupe zu nehmen? Oder sah man eben doch auf ihn herab? Ich wei\u00df es nicht &#8211; aber diese Fragen besch\u00e4ftigen mich nicht nur in der Fastenzeit.<\/p>\n<p>Was denken wir, wenn wir Obdachlosen begegnen in unserer Stadt. Sind sie ein Sinnbild f\u00fcr das Auseinanderdriften von Reichtum und Armut in unserem Land? Eine Erinnerung daran, wie leicht man abst\u00fcrzen kann? Sehen wir sie \u00fcberhaupt, wenn sie morgens ihr Nachtlager am Bahnhof ordnen oder mit dem Hund vor dem Einkaufszentrum sitzen, die Harmonika in der Hand, den Pappbecher mit Kleingeld vor sich? K\u00fcrzlich hat jemand vorgeschlagen, sich selbst einmal an diese Stelle zu setzen &#8211; nur diesmal mit einem gef\u00fcllten Becher. Und mit einer Einladung: \u201eGreifen Sie zu \u2013 ich bin reich beschenkt\u201c. Eine spannende Idee. Wie lange dauert es, bis jemand hinschaut, wenn einer einfach mal die Rollen tauscht? Mein Friseur hat einem der Obdachlosen, der immer an der gleichen Stelle Musik macht, statt Geld eine Bartcreme mitgebracht. Sein langer Bart, meinte er, w\u00e4re eigentlich besonders sch\u00f6n, weil er weniger Chemie brauchte als andere, die dauernd unter der Dusche stehen. Es kann eben auch zum Zwang werden, sich zu reinigen. Oder, schlimmer noch, die Gemeinschaft zu reinigen, in dem man andere ausschlie\u00dft. Die Bettler aus der Stadt oder die S\u00fcnder vom Abendmahl.<\/p>\n<p>Die Evangelien selbst erinnern daran, wie furchtbar das enden kann. Am Ende wurde Jesus selbst aus der Stadt gejagt &#8211; als Gottesl\u00e4sterer gebrandmarkt starb er vor den Toren am Kreuz. Besser einer als das ganze Volk, meinten die M\u00e4chtigen. Dass er damit f\u00fcr alle starb, das passte dann aber doch. Denn er hatte sie alle an seinen Tisch eingeladen: die Kranken und Obdachlosen, die Z\u00f6llner und S\u00fcnder, die die Gemeinschaft ausgeschlossen hatte. Offen und gro\u00dfherzig.<\/p>\n<p>\u201eGro\u00dfes Herz\u201c hei\u00dft die Fastenaktion der evangelischen Kirche in diesem Jahr. Eine Einladung, auf andere zuzugehen und sie direkt anzusprechen, offen und gro\u00dfherzig. Die Journalistin Jenni Roth zum Beispiel, die in einem Mietshaus in Berlin\u2013Neuk\u00f6lln wohnt, hat sich drei Wochen Zeit genommen, um ihre Nachbarn kennen zu lernen. Manche hat sie auf der Treppe angesprochen, bei anderen hat sie sich getraut zu klingeln. Hier hat sie sp\u00e4ter Marmelade verschenkt, dort einmal Kinder geh\u00fctet. Und pl\u00f6tzlich nahm sie war, wie Gemeinschaft entsteht \u2013 und wieviel verbindende F\u00e4den es schon gab in diesem Haus. Zwei machten Musik miteinander, jemand kaufte f\u00fcr den anderen ein. Das Treppenhaus mit den unbekannten Namen an den Klingeln, wurde allm\u00e4hlich zum Treffpunkt. Und am Ende entstand ein Gruppenfoto mit vielen lachenden Gesichtern. T\u00fcren \u00f6ffnen statt Mauern ziehen, das weitet das Herz und auch den Blick.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re doch was, wenn wir in dieser Fastenzeit unseren Blick ver\u00e4ndern. Auf unsere Nachbarn, auf die Menschen ohne Wohnung und Quartier und auch auf uns selbst. Wei\u00dfe Westen gibt es nicht viele zu verteilen. Aber in manchen St\u00e4dten stehen junge Leute an der Stra\u00dfe und verteilen free hugs, eine einfache Umarmung f\u00fcr die, die sich allein f\u00fchlen. Wenn wir heute Herz zeigen und einen Menschen umarmen, das w\u00e4re ein Anfang f\u00fcr diese Fastenzeit.<\/p>\n<h3><strong>Fastensamstag \u2013 Gro\u00dfreinemachen<\/strong><\/h3>\n<p>Zeit f\u00fcr den Hausputz \u2013 \u00e4u\u00dferlich und auch innerlich. Die Fastenzeit ist perfekt, einmal wieder aufzur\u00e4umen, \u00dcberblick und Klarheit zu schaffen. Und \u00dcberfl\u00fcssiges loszuwerden. Ein Zimmer, ein Schrank nach dem anderen: Brauche ich das noch? Habe ich es im letzten Jahr benutzt? Oder h\u00e4ngen wertvolle Erinnerungen dran? Soziologen stellen fest, dass die Zahl der Dinge in unserem Leben in den letzten Jahrzehnten um ein Mehrfaches gestiegen ist. Pioniere eines neuen Lebensstils beschreiben, wie gut man mit einer Beschr\u00e4nkung lebt. Weniger ist mehr: das macht beweglicher, klarer und freier.<\/p>\n<p>Also: drei gro\u00dfe Kisten: eine zum Verschenken, eine zum Wegwerfen, eine f\u00fcr den Keller- und\u00a0<strong>dann<\/strong>\u00a0geht es los. Manche entwickeln eine richtige Lust am Wegwerfen und schlie\u00dfen gleich noch einen Hausputz an, bis alles gl\u00e4nzt und die Frische duftet. Andere m\u00fcssen sich zwingen, so wie ich, und k\u00e4mpfen mit verbissenen Z\u00e4hnen um die n\u00f6tige Disziplin. Ich erinnere mich an die Umz\u00fcge, die hinter mir liegen. Und wei\u00df: sp\u00e4testens beim n\u00e4chsten Umzug wird in der Wegwerfkiste landen, wovon ich mich jetzt so schwer trenne. Und ich wei\u00df auch, wie sch\u00f6n es ist, bei einem Neuanfang all den alten Krempel hinter mir zu lassen. Mich neu einzurichten mit dem, was wirklich zu mir geh\u00f6rt. Kein Neuanfang ohne Gro\u00dfreinemachen.<\/p>\n<p>Die Bibel erz\u00e4hlt, wie Jesus im Tempel von Jerusalem aufr\u00e4umt. Er st\u00f6\u00dft die Tische der Verk\u00e4ufer um, die am Rand der heiligen Hallen eine Art Markt aufgebaut haben. Geldwechsler, Andenkenverk\u00e4ufer, andere mit Tauben und Schafen, die zum Opfern gebraucht werden. Geldgeklapper, Schafe bl\u00f6ken, Marktgebr\u00fcll. \u201eMein Haus soll ein Bethaus sein, aber Ihr habt daraus eine R\u00e4uberh\u00f6hle gemacht\u201c, schreit Jesus, und w\u00fctet weiter. Ja, das muss man wohl so sagen &#8211; Jesus erweist sich als Berserker beim Aufr\u00e4umen. Er macht das sozusagen mit Anlauf &#8211; offenbar wei\u00df er genau, was n\u00f6tig ist zum Beten, und was eben nicht. Wer aufr\u00e4umt, braucht diese Klarheit, und er braucht auch ein Ziel. Hier geht es um einen Neuanfang mit Gott.<\/p>\n<p>Das passt gut in die Fastenzeit. Schlie\u00dflich geht es darum, zu pr\u00fcfen, was wir brauchen und woran unser Herz h\u00e4ngt. Darum geht es, wenn wir auf Kaffee oder Alkohol verzichten, aber eben auch, wenn wir unsere Wohnung oder unser Leben aufr\u00e4umen. Auch den Kalender kann man entmisten, damit Zeit bleibt f\u00fcr das, was wirklich wichtig ist. Es reicht, einfach an einer Ecke anzufangen. Dann kommt eine Bewegung in Gang, die \u00fcberrascht. Was wir essen und trinken, wie wir wohnen und reisen, das sind eben nicht nur \u00c4u\u00dferlichkeiten.<\/p>\n<p>Auch in den alten Fastenbr\u00e4uchen spielen die \u00e4u\u00dferen und die inneren Reinigungsrituale eine gro\u00dfe Rolle. Zum Aschermittwoch lie\u00dfen sich Gl\u00e4ubige kahl scheren, verzichteten auf Bier und Fleisch, wuschen ihren Geldbeutel aus und h\u00e4ngten ihn an die W\u00e4scheleine. Loslassen sichtbar gemacht. Soviel Freiheit kann auch be\u00e4ngstigend sein. Ich denke deshalb noch einmal zur\u00fcck an Jesus. Von denen, die ihm nachfolgten, erwartete er, dass sie radikal loslie\u00dfen, was ihnen bis dahin wichtig war: ihre H\u00e4user und Familien, ihren Besitz. So wie er, ein Wanderprediger, unterwegs zu einer ganz neuen Welt. Er hatte klare Vorstellungen dar\u00fcber, was seine Freunde mitnehmen sollten: keine Schuhe, keinen Beutel \u2013 stattdessen immer einen Freund an der Seite. Und den Wunsch nach Frieden.<\/p>\n<p>Ich muss zugeben: ich reise mit gr\u00f6\u00dferem Gep\u00e4ck. Soviel Mut, soviel Freiheit traue ich mir nicht zu. Aber sie beeindruckt mich. Und mir gef\u00e4llt, wie Jesus einmal seine J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen fragt, ob sie denn je Mangel empfunden h\u00e4tten. Sie antworten mit einem klaren Nein. Seine N\u00e4he ist ihnen genug, seine Worte machen satt. Daran will ich in dieser Fastenzeit denken: im Loslassen erkennen, was wirklich satt macht. Beim Wegwerfen sp\u00fcren, was das Leben wirklich ausf\u00fcllt. So ein Hausputz ist eine echte Chance.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Gen. 3, 19<\/p>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2><strong>Kinder auf der Flucht<\/strong><\/h2>\n<h3>DLF: 12.02.2016<\/h3>\n<p>Im Londoner Museum of Childhood liegt eine K\u00e4the-Kruse-Puppe. Fast 80 Jahre alt und ziemlich ramponiert. Sie geh\u00f6rt Stephanie Shirley, einer englischen Dame, die selbst schon \u00fcber 80 ist. Beide haben eine weite Reise hinter sich und vor kurzem erst wieder zusammen gefunden. Es begann im Sommer 1939, als Steve Shirley f\u00fcnf war, am Bahnhof in Wien. Da setzten ihre Eltern sie mit ihrer Schwester Renate in den Zug \u2013 auf einen der Kindertransporte nach London. Ein kleines M\u00e4dchen, das nichts mehr zum Festhalten hat als die Schwester und die geliebte Puppe. Steve hie\u00df damals noch Vera Buchthal. Knapp 1000 Kinder waren im Zug \u2013 und nur zwei Erwachsene. Als Vera und Renate endlich in London aussteigen, ist die Puppe weg. Im Durcheinander verloren gegangen.<\/p>\n<p>Es ist ein kleines Wunder, dass sie heute im Museum liegt. Und ein gro\u00dfes, dass aus Vera Buchthal Stephanie Shirley wurde, eine britische, adlige und erfolgreiche Unternehmerin, Multimillion\u00e4rin und bekannte Wohlt\u00e4terin. Auf ihrem Weg hat sie harte K\u00e4mpfe durchstehen m\u00fcssen. Angstschwei\u00df und Tr\u00e4nen, nicht nur damals auf der Flucht vor den Nazis, sondern auch sp\u00e4ter als Frau auf dem Weg an die Spitze eines IT-Unternehmens und als Mutter mit einem autistischen Sohn. Zerrissen zwischen Management und Mutterliebe, manchmal dem Selbstmord nahe. Aber immer war da dieses Gef\u00fchl, dass die Rettung, die sie erlebt hat, einen Sinn haben musste. Shirley wollte etwas aus ihrem Leben machen und sie wollte Britin werden. Denn der Kontakt zur alten Heimat war abgerissen &#8211; auch der zu ihren eigenen Eltern, obwohl schlie\u00dflich beide den Holocaust \u00fcberlebten. Sie hatte eine wunderbare Gastfamilie gefunden, aber sie konnte lange nicht damit zurechtkommen, dass die eigenen Eltern sie weggeschickt hatten. Erst heute, gegen Ende ihres Lebens, sieht sie das anders. Sie hat ihren Sohn verloren, ihre Firma abgegeben, einen gro\u00dfen Teil ihres Verm\u00f6gens gespendet &#8211; die K\u00e4mpfe sind vorbei, sie ist angekommen. \u201eDas Beste, was meine Mutter f\u00fcr mich tun konnte\u201c, sagt sie, \u201ewar, mich loszulassen\u201c.<\/p>\n<p>Diese Woche stritt die Politik \u00fcber den Familiennachzug f\u00fcr Fl\u00fcchtlingskinder. Ich kann es auch bald nicht mehr h\u00f6ren, wie m\u00fchsam die Abstimmungen in der Asyl- und Fl\u00fcchtlingspolitik sind. Aber dass nun die Kinder zum Mittelpunkt des Streits zwischen Parteien und Ministerien wurden, das hat mich so ge\u00e4rgert, dass ich genauer hinh\u00f6rte. Die einen f\u00fcrchten, dass die Kinder nur vorgeschickt w\u00fcrden, um die Erwachsenen nachzuholen. Die anderen verweisen darauf, wie verletzlich Kinder sind, wenn sie von ihren Familien getrennt werden.<\/p>\n<p>Was stimmt, ist: Menschen sind keine Einzelg\u00e4nger. Und gerade Kinder brauchen einen Schutzraum, ein Beziehungsnetz, eine gemeinsame Geschichte. Heimat eben. Und Familie. Das alles verlassen und sich neu verorten zu m\u00fcssen, ist eine riesige Herausforderung. Erst recht f\u00fcr ein Kind. Denn ein Kind kann nicht verstehen, warum seine Eltern es gehen lassen. Auch wenn das manchmal das Beste ist, was sie tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, dem politischen Gezerre zuzuh\u00f6ren. Schlie\u00dflich geht es um Familie, die unter besonderem Schutz unseres Grundgesetzes steht. Um Kinderschutz und Kinderrechte. Endlich scheint nun klar: in der Frage des Familiennachzugs f\u00fcr Fl\u00fcchtlingskinder mit subsidi\u00e4rem Status kann es Einzelfallpr\u00fcfungen geben. Ob das funktionieren kann, das wei\u00df ich nicht. Aber dass uns allen die einzelnen Kinder vor Augen stehen, das finde ich richtig. Sie geh\u00f6ren in die Mitte &#8211; nicht als symbolischer Abschreckungsversuch von Fl\u00fcchtenden, sondern in das Zentrum der n\u00f6tigen Integrationsanstrengungen. So wie Jesus einmal ein Kind in die Mitte gestellt hat. \u201eWer ein Kind aufnimmt in meinem Namen\u201c, sagt er, \u201eder nimmt mich auf\u201c. Die englischen Gasteltern der j\u00fcdischen Kinder aus Deutschland und \u00d6sterreich haben das getan &#8211; f\u00fcr Shirley und viele andere.<\/p>\n<hr \/>\n<h2><a href=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Venedig-Hinter-Glas-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-436\" src=\"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Venedig-Hinter-Glas-1.jpg\" alt=\"Venedig- Hinter Glas-1\" width=\"392\" height=\"294\" srcset=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Venedig-Hinter-Glas-1.jpg 500w, https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Venedig-Hinter-Glas-1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><\/a><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2><strong>Unterwegs Richtung Heimat<\/strong><\/h2>\n<h3>SR2 Kulturradio \u201eLebenszeichen\u201c:\u00a007.11.2016<\/h3>\n<p>Wer schon \u00f6fter umgezogen ist, der wei\u00df, welche Pl\u00e4tze die ersten Anlaufstellen sind in der neuen Stadt. Die L\u00e4den, in denen man Putz- und Lebensmittel kaufen kann, muss man zuerst finden. Dann Arbeitsplatz, Schule und Kindergarten, \u00c4rzte muss man kennen und nat\u00fcrlich die Nachbarn, die die k\u00fcrzesten Wege wissen. Man brauche 33 Menschen, um sich irgendwo zu Hause zu f\u00fchlen, habe ich neulich gelesen. Im Schnitt dauere es ein Jahr, bis man die mit Namen kennt.<\/p>\n<p>Dass Familien \u00fcber mehrere Generationen an einem Ort wohnen, ist l\u00e4ngst keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Nicht erst die beiden Weltkriege haben die Deutschen durcheinander gewirbelt, auch zuvor schon die Industrialisierung. Und auch heute ziehen junge Leute auf der Suche nach Arbeit vom Land in die St\u00e4dte. Berufst\u00e4tige V\u00e4ter pendeln zwischen zwei Orten hin und her &#8211; M\u00fctter und Kinder bleiben daheim. Jedes dritte Paar in der ersten Berufsphase f\u00fchrt eine Wochenendbeziehung. Wer h\u00e4ufig umzieht, verliert leicht die Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Hinzu kommt, dass nicht nur wir selbst unsere Wohnorte wechseln, auch die jeweiligen Nachbarschaften \u00e4ndern ihr Gesicht. Fremde ziehen zu &#8211; als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge auf der Suche nach einer neuen Heimat. Bei einigen Einheimischen w\u00e4chst deshalb die Angst vor dem Verlust des Eigenen. Der eigenen Kultur, der eigenen Religion und letztlich auch: der eigenen Identit\u00e4t. Wenn dann noch Kirchen geschlossen oder umgewidmet werden, weil die Gemeinden schrumpfen, dann haben viele ein Gef\u00fchl von Heimatverlust.<\/p>\n<p>Dieses Gef\u00fchl geh\u00f6rt zu den Schattenseiten des gesellschaftlichen Wandels. Umziehen, Pendeln, Unterwegssein, sich st\u00e4ndig auf neue Menschen, Kulturen und Situationen einstellen zu m\u00fcssen &#8211; das ist f\u00fcr viele heute normal geworden. Auch f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Aber ich wei\u00df, was ich im Gep\u00e4ck haben muss, um mich zu Hause zu f\u00fchlen: mein kleines Kissen, meinen Teekocher, ein Buch und mein Handy. Denn das hilft mir, die Verbindung zu halten zu den 33 Menschen daheim, die ich brauche. Und auch der Kontakt zu einer christlichen Gemeinde verschafft mir immer wieder ein Heimatgef\u00fchl \u2013 ganz gleich, in welcher Stadt, in welchem Land. Da sp\u00fcre ich mitten in allem Wandel meine Wurzeln in einer langen Tradition. Durch die Jahrhunderte hindurch sind christliche Gemeinden immer wieder zur neuen Heimat geworden f\u00fcr Menschen, die ihre alte \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 verlassen mussten. Mit ihren Kirchen und Nachbarschaftsnetzen, mit gastlicher Aufnahme, einem hilfreichen Gespr\u00e4ch und auch mit vertrauten Liedern und Gebeten.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr liegt im Verst\u00e4ndnis von Heimat. F\u00fcr Christen ist sie mehr als dieser oder jener lange vertraute Ort. \u201eWir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zuk\u00fcnftige suchen wir\u201c, hei\u00dft es im Neuen Testament. Heimat ist ein Sehnsuchtsort. Pilgerwege erinnern bis heute daran. Wer auf dem Jakobsweg wandert, unterwegs nach Santiago de Compostella, wei\u00df: der Ort, wo die Seele Heimat findet, liegt vor uns, wir sind noch nicht da. Heimat finden wir in der Gemeinschaft mit anderen Pilgern, in Gespr\u00e4chen und wechselseitiger Hilfe. Wie stark diese Verbindung sein kann, die gemeinsame Glaubensheimat, das habe ich bei einem meiner vielen Besuche in Kairo gelernt. Einige Jahre lang war ich als Pfarrerin f\u00fcr die deutschen Gemeinden im Nahen Osten zust\u00e4ndig. In Kairo hatte ich damals mit einer Kollegin den Flieger verpasst \u2013 und der n\u00e4chste ging erst am folgenden Tag.<\/p>\n<p>Da standen wir also, fernab der Heimat, auf dem \u00fcberf\u00fcllten Flughafen &#8211; es war Ramadan und nicht einfach, eine Unterkunft zu finden. Aber wir fanden alles, was wir brauchten, bei einer Familie, die ich aus der deutschen Gemeinde kannte: ein frisch bezogenes Bett, eine warme Suppe, ein aufheiterndes Gespr\u00e4ch, ein gemeinsames Tischgebet. Es wurde dann ein wunderbarer Abend. Der Glaube verbindet, wo immer wir sind. Wir sp\u00fcren das besonders, wenn wir unterwegs sind. Von Heimat zu Heimat bis zur letzten bei Gott.<\/p>\n<hr \/>\n<h2>Morgenandacht I (Mo) \u2013 Allerseelen<\/h2>\n<h3>DLF:\u00a02. \u2013 7. November 2015<\/h3>\n<p>Wenn die letzte Ernte eingefahren ist und auch die bunten Bl\u00e4tter schon blass am Boden liegen, wenn die Sonne tief steht und die Nebel aufsteigen, ist der sch\u00f6ne (Teil vom) Herbst wohl endg\u00fcltig vor\u00fcber. Kaum jemand mag den November. Wenn die B\u00e4ume wie schwarze Scherenschnitte im Nebel erscheinen und die Feiertage samt und sonders mit Tod und Trauer zu tun haben. Es f\u00fchlt sich an, als sei der dunkelste aller Monate gekommen \u2013 noch ganz ohne Lichter in den Stra\u00dfen. Kaum vorstellbar, dass die Kelten jetzt Neujahr feierten. Das Halloween-Fest ist davon \u00fcbrig geblieben. Mit K\u00fcrbislichtern und Gespenstern. In dieser Zeit soll die Grenze zwischen Himmel und Erde besonders d\u00fcnn sein. Und auch die zwischen Leben und Tod. Das macht verletzlich, ja, es macht Angst. Die Geister und Gespenster sollen vor dem B\u00f6sen sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Aber auch zwei kirchliche Feste werden in diesen Tagen gefeiert \u2013 gestern war Allerheiligen, heute ist Allerseelen. Das Doppelfest ist vermutlich im 10. Jahrhundert an die Stelle des alten keltischen Totenfestes getreten. Seit meiner Kindheit im Rheinland liebe ich es, wenn jetzt in der Abendd\u00e4mmerung kleine Lichter auf den Friedh\u00f6fen brennen. Rote L\u00e4mpchen mit flackernden Kerzen auf den Gr\u00e4bern, den katholischen jedenfalls \u2013 (als) Zeichen der Liebe und auch der Hoffnung auf ewiges Leben. Dann scheint der graue und herbstliche Friedhof pl\u00f6tzlich ganz lebendig. Im Vergleich kam es mir immer trist vor bei uns Evangelischen. Totensonntag mit Kr\u00e4nzen, aber ohne Kerzen. Gr\u00e4ber unter Tannengr\u00fcn. Sch\u00f6n, dass sich allm\u00e4hlich die Kulturen mischen; auch bei uns tauchen Lichter zwischen den Gestecken auf. Nur dieses rote Flammenmeer, das ich als Kind \u00fcber den Gr\u00e4bern leuchten sah, das gibt es kaum noch. L\u00e4ngst wohnen die meisten Familien nicht mehr am gleichen Ort. Es ist keiner da, der die Kerzen am Abend anz\u00fcndet.<\/p>\n<p>Aber \u00fcberall auf der Welt beten heute Katholiken f\u00fcr die Seelen ihrer Verstorbenen. Ich gebe zu: ich habe Schwierigkeiten mit der Idee, dass wir unsere Toten aus dem Fegefeuer \u201eherausbeten\u201c sollen &#8211; das ist \u00fcbrigens der Grund daf\u00fcr, dass die evangelische Kirche das Fest nicht begeht &#8211; aber ich glaube doch, dass unsere Lieben bei Gott lebendig sind. Die Schriftstellerin und Filmemacherin Doris D\u00f6rrie erz\u00e4hlt in ihrem Buch \u201eDas blaue Kleid\u201c von einer jungen Witwe, die den Tod ihres Mannes betrauert. Erst auf einer Reise nach Mexiko wacht sie aus der Starre auf. Da erlebt sie, wie fr\u00f6hlich man die Toten in diesen Tagen feiern kann &#8211; mit Skelettprozessionen und Picknick an den geschm\u00fcckten Gr\u00e4bern und mit Geschenken f\u00fcr die Toten. In dieser Nacht l\u00e4sst man dort T\u00fcren und Fenster auf, damit die Seelen der Toten sich frei bewegen k\u00f6nnen. Ohne Mauern, ohne Grenze zwischen Himmel und Erde.<\/p>\n<p>Es ist, als w\u00fcrde der Deckel einmal aufgemacht, mit dem sonst unter Verschluss halten, was wir doch wissen: dass die Wand zwischen Leben und Tod nicht so dick ist, wie wir glauben. Dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind, auch wenn wir das normalerweise verdr\u00e4ngen. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst in Wologda, im Norden Russlands. Mitten in der Kirche war ein Verstorbener aufgebahrt. Der offene Sarg stand zwischen den Gemeindegliedern, als die Eucharistie ausgeteilt wurde \u2013 die Trauernden in schwarzer Kleidung um den Sarg, alte Frauen mit Kopftuch, kleine Kinder auf dem Arm ihrer M\u00fctter, und \u00fcber allem die Heiligen auf der Ikonostase. Im Kerzenschein wirkten sie ganz lebendig &#8211; und w\u00e4hrend die Gemeinde wieder und wieder das Kyrie sang, hatte ich das Gef\u00fchl, in einer gro\u00dfen Gemeinde mit den Lebenden und Toten zusammen zu feiern.<\/p>\n<p>Gerade jetzt in den dunklen Wochen, wenn unsere Seele vielleicht verletzlicher ist als sonst, tut es gut, einen Blick \u00fcber die Gr\u00e4ber zu werfen. Und \u00fcber sie hinaus: Auf das gro\u00dfe Lichtermeer all der Heiligen und von Gott Geliebten, die auch zu unserem Leben geh\u00f6ren. Heute ist Allerseelen. F\u00fcr viele sicher ein ganz normaler Tag. Ich nutze ihn, um an den Erinnerungsfotos meiner Lieben eine Kerze aufzustellen.<\/p>\n<h2>MA II (Di): Bruder Esel<\/h2>\n<p>Es gibt diese Tage, an denen man sich erst mal m\u00fchsam ins Leben k\u00e4mpft. Mir geht es so, wenn ich mit Kopfschmerzen aufwache. Dann brauche ich eine Zeit, bis das offene Fenster, ein hei\u00dfer Tee und eine warme Dusche, mir helfen, es mit dem Morgen aufzunehmen. Ein kleiner Gang kann manchmal Wunder wirken &#8211; tief durchatmen, wieder zu mir finden. Aber immer gelingt das nicht. Es gibt auch diese unertr\u00e4glichen Schmerzen, gegen die kein Mittel ankommt.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr einen Augenblick gelingt es mir, die Schmerzen weit weg zu schicken &#8211; ins Universum. Aber das Universum ist zersprungen\u201c, schrieb die franz\u00f6sische Philosophin Simone Weil, auch sie von Migr\u00e4ne geplagt. \u201eDie Schmerzen kommen wieder und sie sind st\u00e4rker als vorher. Aber pl\u00f6tzlich merke ich: etwas in mir ist unverletzlich &#8211; wie das Universum.\u201c Starke Schmerzen k\u00f6nnen uns alles rauben \u2013\u00a0den Verstand, unser Selbstgef\u00fchl und das Vertrauen ins Leben. Sie k\u00f6nnen f\u00f6rmlich die Seele aus dem K\u00f6rper springen lassen. (Menschen, die Folter erlebt haben, berichten, dass sie sich selbst nicht mehr kannten.) Aber es gibt auch eine andere Erfahrung: ein Aufgehoben sein trotz Schmerz. Als h\u00e4tte unsere Seele noch einen anderen Ort, an dem sie unverletzlich ist, was auch geschieht. Menschen, die Nahtod-Erfahrungen gemacht haben, erz\u00e4hlen, dass sie von oben auf ihren K\u00f6rper hinab sehen konnten \u2013 selbst w\u00e4hrend einer traumatischen Verletzung. Das beweist gar nichts; aber es weist wom\u00f6glich auf etwas hin. Wir sind im Leib \u2013 und sind doch mehr als das. (Ist unser K\u00f6rper das Gef\u00e4ngnis der Seele, wie die antiken Philosophen dachten? Oder ganz anders: ihr Tempel?) Wir pflegen unseren K\u00f6rper und wir qu\u00e4len ihn; wir k\u00e4mpfen mit ihm, damit er leistet, was wir uns vorgenommen haben. Die Philosophin Ariadne von Schirach erz\u00e4hlt in ihrem j\u00fcngsten Buch, wie Menschen ihren K\u00f6rper zurichten f\u00fcr den Markt &#8211; den Bewerbermarkt, den Heiratsmarkt. Von den Hungerm\u00e4dchen erz\u00e4hlt sie, die den Models nacheifern, von Stressk\u00f6rpern und Fitnessleibern und den Best Agern, die das \u00c4lterwerden wie eine l\u00e4stige Krankheit verleugnen. Es ist ja wahr, dass Alter und Gesundheit unsere M\u00f6glichkeiten bestimmen. Ob wir wollen oder nicht &#8211; wir pr\u00e4sentieren uns \u00fcber unseren K\u00f6rper, wir werden nach unserem Aussehen beurteilt \u2013 da liegt es nahe, ihm Zeit zu widmen, ihn stark zu machen und aufzuh\u00fcbschen. Und wehe, wenn er nicht mitspielt. Und sei es nur, dass er uns mit Kopfschmerzen stoppt, obwohl wir die gerade gar nicht brauchen k\u00f6nnen, weil wir ohnehin schon mitten im Stress sind. Dass der Leib uns auch mit unseren Grenzen konfrontiert, das ertragen wir schwer.<\/p>\n<p>Viele kennen die alte Geschichte von Bileam<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>, dem Propheten, der mit seinem Esel unterwegs ist, als das Tier pl\u00f6tzlich stehen bleibt. Bileam gibt ihm einen Klaps, er br\u00fcllt den Esel an, schlie\u00dflich pr\u00fcgelt er ihn, aber der Esel steht &#8211; alle Hufe fest am Boden. Denn im Unterschied zu Bileam sieht er den Engel, der den Weg versperrt. Ein Warnsignal \u2013 die beiden sind auf Abwegen. Bileams Esel ist nicht einfach nur st\u00f6rrisch, er nimmt mehr wahr als der Prophet. Er sch\u00fctzt ihn vor einem gro\u00dfen Fehler. Franziskus von Assisi hat unseren Leib mit diesem Esel verglichen: kl\u00fcger oft als unser Kopf mit all seinen Pl\u00e4nen. Bruder Esel nennt er ihn. Er erinnert uns daran, dass Leben mehr ist als funktionieren.<\/p>\n<p>Unser K\u00f6rper ist kein Objekt, das wir modellieren und optimieren. Er ist auch kein Gef\u00e4ngnis f\u00fcr unseren unb\u00e4ndigen Willen. Er ist ein zerbrechliches Gef\u00e4\u00df, verg\u00e4nglich wie alles Leben. Aber das macht uns nicht klein, das muss uns nicht entmutigen. Jeder kennt Menschen, denen man ihr Alter oder eine Behinderung nicht anmerkt, weil ihre Ausstrahlung alles \u00fcberstrahlt, weil ihre Seele leuchtet. Menschen, die das Leben akzeptieren, wie es ist. Und den Bruder Esel achten, f\u00fcttern und pflegen. \u201eTu Deinem Leib Gutes, damit Deine Seele Lust hat, darin zu wohnen\u201c, sagt die Mystikerin Theresa von Avila. Sie verstand den Leib als Tempel der Seele \u2013 weil Gottes unverg\u00e4nglicher Atem in ihm wohnt. Man kann das sp\u00fcren morgens \u2013\u00a0am offenen Fenster, im Blick auf den Himmel, im Gebet. Und manchmal auch trotz Schmerzen.<\/p>\n<h2>MA III (Mi): Was Leib und Seele zusammenh\u00e4lt<\/h2>\n<p>Was ist das Geheimnis eines langen Lebens? Kein Nikotin? Kein Alkohol, viel Sport? Seit Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler die Lebensbedingungen an den Orten, wo die Menschen besonders alt werden. Das Ergebnis ist meist eine neue Di\u00e4t. Nach der Entdeckung der Hochaltrigen im Kaukasus z\u00fcchteten viele Kefir-Pilze in ihrer K\u00fcche. Sp\u00e4ter gab es einen Japan-Hype \u2013 mit Sushi und Meeresfr\u00fcchten. In den 60er Jahren entdeckte man Roseto, ein kleines Dorf in Pennsylvania. Da war damals die Sterberate bei den unter 65-j\u00e4hrigen besonders niedrig &#8211; sie lag mit 30 \u2013 35 Prozent unter dem Durchschnitt. Zuerst dachte man, es sei das gute Oliven\u00f6l \u2013 Roseto war ein Dorf italienischer Migranten. Aber dann stellte sich heraus, dass die Leute dort 41 Prozent Fett zu sich nahmen. Auch am Trinkwasser lag es nicht \u2013 und nicht an den Genen. Keine Hypothese hielt der Forschung stand. Das Geheimnis von Roseto wurde erst in den 70ern gel\u00fcftet. Da war der erste junge Mann schon an einem Herzinfarkt gestorben. Und das Dorf hatte seinen Charakter verloren. Die jungen Leute waren in die Stadt gezogen, man ging nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig zur Kirche und abends a\u00df man nicht zusammen auf der Piazza. Der lange Tisch auf der Piazza, an dem jung und alt sich getroffen hatten, blieb leer. Das war das Geheimnis: Essen und Trinken h\u00e4lt Leib und Seele zusammen &#8211; aber eben nicht nur wegen der N\u00e4hrstoffe.<\/p>\n<p>Schon wenn Babys gestillt werden, geht es nicht nur um Nahrung. Mutter und Kind erleben intensive Momente der N\u00e4he \u2013 mit Blicken und K\u00f6rperkontakt tauschen sie sich aus. Und der schreiende S\u00e4ugling kann nicht unterscheiden, ob die Bauchschmerzen, die ihn plagen, Hunger oder Sehnsucht sind. Er sp\u00fcrt nur diese schmerzende Leere. Wir kennen das auch als Erwachsene &#8211;\u00a0<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>\u00a0die Zeiten, in denen wir nur noch ein inneres Vakuum empfinden. Wenn unser K\u00f6rper gestresst ist und unsere Seele auftanken muss. Vor lauter Anforderungen in Beruf, Familie, Nachbarschaft haben wir uns selbst verloren. Wir funktionieren noch, aber wir sp\u00fcren uns nicht mehr \u2013 es sei denn mit Schmerzen. Die Mitte fehlt &#8211; wie den jungen Leuten aus Roseto, die keine Zeit mehr hatten f\u00fcr die Tafel auf der Piazza.<\/p>\n<p>Diese Art von Hunger wird durch Essen nicht gestillt. Jedenfalls durch das schnelle Stressessen nicht. Aber dass Kochen wieder Konjunktur hat, das ist kein Zufall. Viele, die mit Fastfood unterwegs sind oder nur noch schnell beim Discounter vorbeihasten, nehmen sich am Wochenende Zeit f\u00fcr eine selbst gekochte Mahlzeit mit Freunden. Sie wollen einfach wieder sp\u00fcren, was dran ist \u2013 die Jahreszeit wahrnehmen, die Geschichten der anderen h\u00f6ren, sich Zeit nehmen, um wirklich satt zu werden.<\/p>\n<p>Mahlzeit \u2013 der verst\u00fcmmelte Gru\u00df auf dem Weg zur Kantine erinnert daran, dass da mal mehr war: \u201eeine gesegnete Mahlzeit\u201c; ja, dass Segen im gemeinsamen Essen liegt. Das gilt auch und vielleicht gerade f\u00fcr die, die allein leben oder kein Geld f\u00fcr saisonale Lebensmittel haben. Bei den internationalen G\u00e4rten in meiner Nachbarschaft hat man angefangen, an einem Abend in der Woche Gerichte aus der Heimat zu kochen &#8211; t\u00fcrkische, arabische, deutsche \u2013 und die anderen dazu einzuladen. Da werden Erinnerungen und Sehnsucht geteilt &#8211; wie das dampfende Essen in den Sch\u00fcsseln. Und eine Gruppe \u00e4lterer Frauen hat das Essen auf R\u00e4dern abbestellt und trifft sich mittags im Gemeindehaus, um f\u00fcreinander zu kochen. Die K\u00fcche ist gro\u00df genug. Und die Tafel wird jeden Tag gr\u00f6\u00dfer. Bald werden sie im Kirchraum decken \u2013 das passt gut. F\u00fcr sich allein h\u00e4tte sie keine Lust zu kochen &#8211; oft nicht einmal Lust, aufzustehen, erz\u00e4hlt eine der Frauen. Aber jetzt gehe sie immer fr\u00fch zum Markt. Als ich ihr zuh\u00f6rte, fiel mir ein, dass es im Vater Unser hei\u00dft: \u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c \u2013 nicht mein eigenes. Das Brot will geteilt werden, auch und gerade in einer Gemeinde. Der Segen gilt mir nicht allein. Er ermuntert mich, auch selbst f\u00fcr andere da zu sein &#8211; beim Kochen, beim Austeilen oder einfach im Zuh\u00f6ren. Denn wir leben eben nicht allein vom Brot. Und die beste Di\u00e4t reicht nicht f\u00fcr ein gutes Leben.<\/p>\n<h2>MA IV (Do): Gastfreundschaft<\/h2>\n<p>Vor einiger Zeit erz\u00e4hlte ein alter Freund meines Vaters, er sei meinen Eltern bis heute dankbar. Als er Ende der 50er Jahre als Missionar nach Indonesien ausreiste, hatten sie ihm und seiner Frau angeboten, die Kinder eine Weile bei uns aufzunehmen. Es kam dann nicht dazu &#8211; die Kinder konnten dort auf ein Internat. Ich hatte das damals gar nicht mitbekommen. Aber in meinem Elternhaus war es normal, dass G\u00e4ste aus dem Ausland, Pflegekinder oder auch pflegebed\u00fcrftige Menschen eine Weile mit uns lebten \u2013 manchmal f\u00fcr ein ganzes Jahr oder l\u00e4nger. In dem alten Fachwerkhaus gab es zwei kleine Einliegerwohnungen und ein gro\u00dfes Fremdenzimmer. So hie\u00df das in meiner Kindheit noch, bevor man von G\u00e4stezimmern sprach. In vielen Pfarrh\u00e4usern war es normal, dass Menschen mit ganz anderen Lebensgeschichten am Mittagstisch sa\u00dfen. G\u00e4ste aus Krisengebieten in Afrika oder Lateinamerika, aber auch Menschen, die eine Familienkrise erlebten.<\/p>\n<p>Gastfreundschaft ist eine alte kirchliche Tradition. Die reisenden Apostel wohnten selbstverst\u00e4ndlich bei Mitgliedern der Gemeinde. Und sp\u00e4ter waren die Kl\u00f6ster Orte der Immunit\u00e4t, wo Durchreisende einen Teller Suppe und ein Bett bekamen und Verfolgte Schutz. Wo man die Kranken aufnahm und pflegte. Bis schlie\u00dflich auch diakonische Einrichtungen ihre H\u00e4user als Hospize verstanden, lange bevor dieser Name f\u00fcr christliche Gasth\u00e4user und dann f\u00fcr die Sterbebegleitung genutzt wurde. \u201eDass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause\u201c \u2013 darin sah Friedrich von Bodelschwingh, der Gr\u00fcnder von Bethel, den Sinn aller Gastfreundschaft.<\/p>\n<p>Inzwischen sind unsere Pfarrwohnungen oft zu klein. Und auch die diakonischen Dienste m\u00fcssen alles planen und berechnen. Aber die alte Tradition der Gastfreundschaft ist trotzdem quicklebendig. Oft sind es Ehrenamtliche, die uns das in Erinnerung rufen. In den 70er Jahren machten Cecily Saunders und die Hospizbewegung deutlich, dass es nicht gen\u00fcgt, Sterbende so lange wie m\u00f6glich medizinisch zu versorgen. Sie brauchen Begleitung, Gespr\u00e4che und Menschen, die ihnen helfen, den Abschied zu gestalten. Fast gleichzeitig entstanden die ersten Stadtteill\u00e4den in den Wohnquartieren und Kirchengemeinden. Wer zuzog, wer einsam war oder einfach Hilfe brauchte, sollte eine offene Anlaufstelle finden. In unserem Gemeindeladen gab es eine Kleiderkammer, und ich wei\u00df noch, mit wieviel Liebe die Ehrenamtlichen den Besuchern halfen, etwas Sch\u00f6nes f\u00fcr sich zu finden. Und auch jetzt sind es Ehrenamtliche, die Fl\u00fcchtlinge mit allem N\u00f6tigen versorgen &#8211; mit Nahrung und Kleidung, mit Laptops und Handys \u2013 und sie schlie\u00dflich einladen zum Willkommensfest.<\/p>\n<p>Gastfreundschaft ist Teil unserer christlichen Tradition; aber sie geht weiter dar\u00fcber hinaus. Schon Homers Odyssee erz\u00e4hlt von den Regeln der Xenia bei den alten Griechen. Ein guter Gastgeber bereitet seinem Gast ein Bad, er stellt ihm frische Kleider zur Verf\u00fcgung und deckt ihm den Tisch &#8211; er nimmt den Fremden auf wie einen verlorenen Sohn oder Bruder. Die Gastfreundschaft zu verletzen, bedeutete Frevel gegen\u00fcber den G\u00f6ttern. Schlie\u00dflich k\u00f6nnten sich die Fremden sich ja selbst als G\u00f6tter erweisen \u2013 incognito sozusagen. Fremde aufzunehmen war deshalb ein Akt der Fr\u00f6mmigkeit. Tischdecken und Betten machen ein Gebet; das Willkommensfest ein Gottesdienst. \u201eGastfrei zu sein, vergesst nicht, haben doch einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>, hei\u00dft es auch in der Bibel &#8211; im Brief an die Hebr\u00e4erinnen und Hebr\u00e4er. Da schwingt die Erz\u00e4hlung von Abraham und Sara mit, die im Hain von Mamre drei Fremde als G\u00e4ste empfangen. Sie waschen ihnen die F\u00fc\u00dfe und decken ihnen den Tisch und begreifen erst viel sp\u00e4ter, dass in diesen G\u00e4sten Gott selbst gegenw\u00e4rtig ist \u2013 das merken sie an einem ganz besonderen Gastgeschenk. Die drei verhei\u00dfen ihnen den Sohn, mit dem sie nicht mehr gerechnet hatten. Kaum zu glauben \u2013 fast schon eine Zumutung, dann aber doch ein Segen. Wer die T\u00fcr f\u00fcr Fremde aufmacht, kann mit \u00dcberraschungen rechnen. Ein neuer Blick auf das Leben, eine erstaunliche Wendung, vielleicht sogar die N\u00e4he Gottes \u2013 incognito. Unter unseren G\u00e4sten.<\/p>\n<h2>MA V (Sa): Seelenorte<\/h2>\n<p>Die Grotte des Heiligen Franziskus in Assisi, Hildegard von Bingens Kloster auf dem Disibodenberg und das Labyrinth in Chartres &#8211; das sind nur einige der Kraftpl\u00e4tze, die uns die Psychoanalytikerin Ingrid Riedel<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>\u00a0in ihrem sehr pers\u00f6nlich geschriebenen Buch vorstellt: \u201eBeseelte Orte\u201c. Orte, die ihrer stimmigen Ganzheit das Gef\u00fchl von Ganzheit in ihr selbst geweckt haben. Unwillk\u00fcrlich habe ich beim Lesen meine eigenen Seelenorte hinzugef\u00fcgt: die sogenannte Klagemauer in Jerusalem geh\u00f6rt dazu, das Mutterhaus in Kaiserswerth, der Mont St. Michel in der Normandie &#8211; und die Tempelanlage in Palmyra.<\/p>\n<p>Ingrid Riedels Buch fiel mir ein, als der IS vor einigen Wochen begann, die antike Stadt zu zerst\u00f6ren. Es ist mehr als 20 Jahre her, dass wir am Abend unter dem Vollmond \u00fcber die alte Prachtstra\u00dfe gingen &#8211; aber ich erinnere mich an das Gef\u00fchl, noch einmal einzutauchen in die unzerst\u00f6rte Sch\u00f6nheit des klassischen Altertums, die ich schon als Sch\u00fclerin liebte. Als ich Studentin war, erz\u00e4hlte mir eine alte Freundin, dass sie vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs durch das damalige Deutschlands gereist war, um ihre heiligen Orte noch einmal zu sehen: den Dom in K\u00f6nigsberg, die Frauenkirche in Dresden, die Festung Marienberg. Ich habe die Geistesgegenwart bewundert, mit der diese junge Frau sich angesichts der Bedrohung ihre Seelenorte in Erinnerung rief.<\/p>\n<p>Was bedeutet schon ein Bauwerk gegen ein Menschenleben, haben mich viele gefragt, als ich um Palmyra trauerte. Orte kann man wieder aufbauen \u2013 so wie die Dresdner Frauenkirche. Wenn Menschen verletzt sind und sterben, geht etwas unwiederbringlich zu Ende. Das stimmt. Und dennoch hat sich der Leiter der Antikenverwaltung in Palmyra lieber k\u00f6pfen lassen, als die Stadt zu verlassen. Solche Pl\u00e4tze sind eben auch Ged\u00e4chtnisorte, Spiegel unserer Kultur, R\u00e4ume unsere Tr\u00e4ume. Die Seele baut sich die Tempel, um ein Zuhause zu haben.<\/p>\n<p>\u201eWoher mag es kommen, dass wir in den letzten Jahrzehnten eine solche Faszination durch beseelte Orte erfahren?\u201c, fragt Ingrid Riedel in ihrem Buch. Sie meint, es m\u00fcsse mit einer Art von Heimweh zu tun haben, das viele ergreift. In einer Welt, die sich rasch ver\u00e4ndert und uns haltlos hin und hertreibt, suchen wir nach Wurzeln, die \u00fcber die Lebensabschnitte, ja \u00fcber unsere individuelle Geschichte hinausreichen. Darum wohl sind vielen auch die Kirchen wieder wichtig geworden, in denen sie einmal getauft, getraut oder konfirmiert wurden. Auch Menschen, die gar nicht Mitglied sind, spenden f\u00fcr die Sicherung der D\u00e4cher oder den Erhalt von Orgeln. \u201eGottes Wort braucht keine Dome\u201c, hat der rheinische Pr\u00e4ses Peter Beier in seiner Predigt nach der Renovierung des Berliner Doms gesagt. Wohl wahr \u2013 (auch das Judentum hat nach der Zerst\u00f6rung des Jerusalemer Tempels \u00fcberlebt, ja, es hat sich vielleicht erst in der Diaspora wirklich entfaltet. Und doch w\u00fcnscht man sich bis heute an jedem Sederabend: \u201en\u00e4chstes Jahr in Jerusalem\u201c.) Gott braucht keine Tempel \u2013 aber wir Menschen beten mit dem Leib. Wer schon einmal versucht hat, in Stille und Meditation den Ort aufzusuchen, an dem seine Seele zur Ruhe kommt, der wei\u00df das.<\/p>\n<p>Wir tragen unsere heiligen Orte wie eine Heimat in uns &#8211; auch wenn wir sie \u00e4u\u00dferlich verloren haben. Das wird auch den Fl\u00fcchtlingen aus Syrien so gehen, wo jetzt auch die \u00e4ltesten christlichen Kl\u00f6ster dem Erdboden gleichgemacht werden. Die Mystikerin Theresa von Aquila spricht von der inneren Burg, in der unsere Seele aufatmen kann. F\u00fcr sie ein Schutzraum mit sieben dicken Mauern wie eine mittelalterliche Kirchenburg. Mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass meine innere Kapelle den Kirchen der Mutterhausdiakonie gleicht: ganz ausgeschm\u00fcckt mit Sternen auf blauem Grund. Ich habe dieses Seelenbild wohl mitgenommen aus meiner diakonischen Arbeit, aus Kaiserswerth, Bethel oder Neuendettelsau. Da zeigt sich n\u00e4mlich die Ganzheit, von der Ingrid Riedel spricht &#8211; die Einheit von Spiritualit\u00e4t und sozialem Engagement, die mir wichtig ist. Eine meiner Wurzeln, die auch im Unterwegssein Halt geben. Dass wir sie nicht vergessen &#8211; unsere heiligen Orte &#8211; auch das geh\u00f6rt zur Seelenpflege.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a04. Mose 22, 21 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0Marco von M\u00fcnchhausen, Wo die Seele auftankt, Frankfurt 2004<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0Hebr.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0Ingrid Riedel, Beseelte Orte, Stuttgart 2001<\/p>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2><strong>Chillen<\/strong><\/h2>\n<h4>SR2 Lebenszeichen,\u00a008.08.2015<\/h4>\n<p>Ein neues Wort hat sich in unsere Sprache eingeschlichen und ziemlich schnell Karriere gemacht. Es sind vor allem Teenager und j\u00fcngere Leute bis Anfang Drei\u00dfig, die es benutzen. \u201eWas macht ihr denn so heute Abend\u201c, frage ich, und sie antworten: &#8222;Chillen&#8220;. Eigentlich hei\u00dft das auf englisch abk\u00fchlen &#8211; aber chillen kann man auch auf dem Balkon bei einem sch\u00f6nen Gl\u00e4schen Rotwein. Es muss dabei nicht besonders kalt sein. Es geht darum, auszusteigen aus dem Hamsterrad, die Dauerberieselung und Dauerverf\u00fcgbarkeit hinter sich zu lassen und endlich einmal abzuschalten, wie wir fr\u00fcher gesagt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Nichtstun also. Zu Hause oder am Strand. Das Rauschen der B\u00e4ume im Ohr, die Wellen des Meeres, den Wind auf der Haut sp\u00fcren, sich von der Sonne bescheinen lassen. Inzwischen kann man das auch in der Stadt &#8211; mit Sand und Liegest\u00fchlen, Musik und Drinks irgendwo am Flussufer oder auf dem Flachdach eines Hochhauses. Einfach chillen.<\/p>\n<p>Dass harte Arbeit nicht unbedingt zum Erfolg f\u00fchrt, haben die 20 bis 30-j\u00e4hrigen von heute schon fr\u00fch gelernt. Die Generation \u201ePraktikum\u201c, wie manche sie nennen, wei\u00df aus eigener Erfahrung: Ein erfolgreicher Studienabschluss mit einer Reihe von Auslandssemestern garantiert noch keine Stelle; und ein Praktikum noch l\u00e4ngst keine Anschlussbesch\u00e4ftigung. Oft genug folgt Befristung auf Befristung und die Sicherheit, die man sich w\u00fcnscht, um eine Familie zu gr\u00fcnden, l\u00e4sst auf sich warten. Und wer endlich Kinder zur Welt bringt, merkt dann schnell, dass selbst das beste Zeitmanagement nicht ausreicht, Beruf und Karriere zu vereinbaren. Hektik und Stress bestimmen den Alltag.<\/p>\n<p>Nichtstun, die Dinge einmal liegen lassen, der Natur Zeit zur Erholung geben, Chillen also &#8211; das sind deshalb wichtige \u00dcberlebens-Strategien.<\/p>\n<p>Arianna Huffington, die Chefin eines rasant gewachsenen Medienunternehmens, hatte vor drei Jahren einen totalen Zusammenbruch. Was ihr damals klar wurde, hat sie in einem Bestseller festgehalten. Das Buch hei\u00dft: \u201eDie Neuerfindung des Erfolgs\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>. Huffington schreibt darin: \u201eJe st\u00e4rker wir eine Violinenseite dr\u00fccken, desto weniger sp\u00fcren wir sie. Je lauter wir spielen, desto weniger h\u00f6ren wir\u2026 Wenn ich zu spielen \u201aversuche\u2018, schl\u00e4gt das fehl&#8230; Der einzige Weg zur St\u00e4rke ist die Verwundbarkeit.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Den Panzer ablegen, die Anspannung loslassen. Einmal nicht um Erfolg k\u00e4mpfen, sondern einfach nur da sein. Leben und leben lassen. Wer das verlernt, kann am Ende nur scheitern. Er verliert die Lust am Dasein, die Liebe zum Leben. Das ist die Energie, die wir brauchen, um die Welt zu gestalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bibel ist der siebte Tag der Woche, der Sabbat, die Krone der Sch\u00f6pfung. An diesem Tag hat Gott selbst nach Erschaffung der Welt geruht und sich an seinen Werken erfreut. \u201eUnd Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut\u201c, hei\u00dft es gleich am Anfang, wenn die Bibel. Am Sabbat d\u00fcrfen wir, ja, wir sollen noch einmal etwas sp\u00fcren von dem Paradies, das Gott geschaffen hat und uns einfach daran freuen. Dem Rauschen der B\u00e4ume zuh\u00f6ren, dem Zwitschern der V\u00f6gel, Wind und W\u00e4rme sp\u00fcren auf unserer Haut. Und alle Pflichten hinter uns lassen.<\/p>\n<p>Das kleine Wort Chillen hat mich daran erinnert, wie wichtig das ist. Es hat dem Feierabend einen neuen Namen gegeben. In einer Zeit, in der es kaum noch Orte und Zeiten gibt, in denen die Arbeitswelt keinen Zugriff auf uns hat. Selbst am Strand sitzen ja viele mit Laptop und Handy. Das war einmal anders &#8211; der Urlaub und der Sonntag erinnern daran: Wir brauchen Zeiten zum Tr\u00e4umen und Spielen, zum Reden und Beten, Zeiten, in denen wir \u00e4u\u00dferlich abschalten und innerlich auf Empfang gestellt sind. Ora et labora, beten und arbeiten hei\u00dft das in der alten M\u00f6nchsregel \u2013 und bis heute leisten sich die Klostergemeinschaften auch mitten am Tag solche Unterbrechungen f\u00fcr Gebet und Meditation. Unmodern? Vielleicht \u2013 aber n\u00f6tiger denn je.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Chillen Sie sch\u00f6n!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Ariana Huffington, Die Neuerfindung des Erfolgs, M\u00fcnchen 2014<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0A.a. O, S. 129<\/p>\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2><strong>\u201eGott ist in den kleinen Dingen\u201c<\/strong><\/h2>\n<h4><strong>Morgenandachten im DLF 23.2. \u2013 28.2.15<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Montag, 23.2.:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Eine Dusche genie\u00dfen (4009)<\/strong><\/p>\n<p>Am Morgen zu duschen \u2013 wie herrlich das ist!<\/p>\n<p>Nicht duschen zu k\u00f6nnen, tagelang nur Katzenw\u00e4sche &#8211;\u00a0<em>das<\/em>\u00a0ist eine Qual. Wenn Sie schon einmal einen Arm in Gips oder den R\u00fccken angeknackst hatten, dann wissen Sie, was ich meine. Ich habe das vor ein paar Wochen erlebt, als ich im Krankenhaus lag. Eine Wassersch\u00fcssel und ein Waschlappen waren der ganze Luxus am Morgen und am Abend- selbst beim Z\u00e4hneputzen. Vielleicht geht es manchem von Ihnen auch gerade so. Und ich wei\u00df: ganz viele Menschen in Fl\u00fcchtlingslagern und W\u00fcstenlandschaften w\u00fcrden sich freuen \u00fcber einen Brunnen in der N\u00e4he mit genug Wasser, um wenigstens eine Kanne voll \u00fcber Kopf und K\u00f6rper flie\u00dfen zu lassen. Wie viele Menschen m\u00fcssen Wasser erst m\u00fchsam herbeischaffen, in einer Sch\u00fcssel auffangen um es ganz sparsam zu verwenden. Ich wei\u00df, wie privilegiert wir in Europa sind und wie kostbar das Wasser ist.<\/p>\n<p>Aber nun die wunderbare Erfahrung, wieder duschen zu k\u00f6nnen. Ich stehe wie unter einem Wasserfall und h\u00f6re das Rauschen um mich herum. Ganz eingeh\u00fcllt bin ich in den warmen Nebel. Vom Kopf bis zu den Zehen. Und ich sp\u00fcre mit allen Sinnen, wie das Wasser auf den ganzen K\u00f6rper prasselt. Was f\u00fcr ein Genuss. Ich richte mich auf und strecke den Kopf dem Wasser entgehen. Rieche den erfrischen Duft von Orangen, der mich jetzt umgibt. Und bewege die Zehen im Wasser, das sich am Boden gesammelt hat. Selten habe ich so sehr gesp\u00fcrt, wie mein K\u00f6rper sich nach Wasser sehnt, wie er sich im Wasser belebt.<\/p>\n<p>Manche Menschen singen unter der Dusche- wahrscheinlich nicht nur, weil da niemand zuh\u00f6rt, sondern auch, weil man da so gut atmen kann, so viel Freiheit sp\u00fcrt. Ich erinnere mich, dass ich selbst eine Zeitlang unter der Dusche gesungen habe &#8211; keine Schlager, sondern Chor\u00e4le, die ich auswendig kenne. \u201eBefiehl Du Deine Wege\u201c und \u201e Du meine Seele, singe\u201c zum Beispiel. Es war nach dem pl\u00f6tzlichen Tod meines Vaters vor einigen Jahren. In den ersten Tagen schien mir alles weh zu tun- Herzschmerzen, Brustenge. Das Wasser weitete meine Lungen und ich konnte singen. Die Chor\u00e4le aber verbanden mich mit meinem verstorbenen Vater und mit allen, mit denen ich sie zusammen gesungen hatte. In der Familie und in den Gemeinden. Und ich f\u00fchlte mich gesch\u00fctzt, belebt, getragen.<\/p>\n<p>Es schien, als g\u00e4ben diese Lieder und Texte meiner Seele Kraft wie das Wasser meinem K\u00f6rper. Nie ist mir das Bibelwort vom lebendigen Wasser so einleuchtend gewesen wie in dieser Zeit. \u201eWer an mich glaubt\u201c, sagt Jesus, \u201evon dessen Leib werden Str\u00f6me des lebendigen Wassers flie\u00dfen\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Ich denke dar\u00fcber nach, wenn ich morgens unter der Dusche stehe. Jesus spricht vom Heiligen Geist &#8211; von der Kraft, die Geist und Seele belebt, auf die das Herz so antwortet wie der K\u00f6rper mit allen Zellen auf das Wasser. Der Heilige Geist l\u00e4sst auftanken und aufatmen, er macht die Seele weit und \u00f6ffnet neue Horizonte. Die Ruach, wie es in der hebr\u00e4ischen Bibel hei\u00dft, heilt inneren Wunden und Verletzungen. Sie h\u00fcllt in Gottes Liebe ein.<\/p>\n<p>Es war wohl der achte Tag des j\u00fcdischen Laubh\u00fcttenfestes, als Jesus diese Worte sagte. An diesem Tag f\u00fcllte der Hohepriester den goldenen Krug an der Quelle Siloa, er brachte ihn in den Tempel und goss das Wasser am Altar aus. Das Quellwasser wurde zum Lebenswasser. Daran wird Jesus gedacht haben. Ganz sicher aber sind Jesu Gedanken auch weiter zur\u00fcck gegangen in die Zeit, als Israel durch die W\u00fcste zog und wie durch ein Wunder Wasser aus einem Felsen sprang. Ein Wasserfall in der W\u00fcste. Leben und Hoffnung f\u00fcr alle, die Angst vor dem Verdursten hatten.<\/p>\n<p>\u201eWer an mich glaubt, von dessen Leib werden Str\u00f6me lebendigen Wassers flie\u00dfen\u201c, sagt Jesus. Ja, Durst nach Leben wird gestellt &#8211; aber es soll noch mehr passieren: wir k\u00f6nnen f\u00fcr andere zu einer Quelle der Hoffnung werden. F\u00fcr Kranke, die ihr Bett nicht verlassen k\u00f6nnen. F\u00fcr die Menschen in den Fl\u00fcchtlingslagern im Nahen Osten, die kaum zu essen und zu trinken haben. Wer schon einmal voller Sehnsucht nach Leben, wer fast ohne Hoffnung war, der wei\u00df, was ich meine.<\/p>\n<p><strong>Dienstag, 24.2.:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein ganz besonderes Fr\u00fchst\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch bin so knallvergn\u00fcgt erwacht. \/Ich klatsche meine H\u00fcften.\/ Das Wasser lockt. Die Seife lacht.\/ Es d\u00fcrstet mich nach L\u00fcften..\u201c Nein, ich rede nicht von mir. Ich bin, offen gestanden, kein Morgenmensch. Ich zitiere ein Gedicht von Joachim Ringelnatz &#8211; \u201eMorgenwonne\u201c hei\u00dft es. Und ich mag es gern, vielleicht gerade, weil ich keine Lerche bin. Das Gedicht von Ringelnatz endet so: \u201eAus meiner tiefsten Seele zieht\/ mit Nasenfl\u00fcgelbeben\/ ein ungeheurer Appetit \/ nach Fr\u00fchst\u00fcck und nach Leben\u201c.<\/p>\n<p>Bei mir reicht es meist nur zu einem Tee und einem Toast auf die Schnelle. Und es gibt viele Morgen, an denen mir ein kleines M\u00fcsli oder ein Porridge gen\u00fcgt. Ich finde es immer faszinierend, wie die Italiener auf dem Weg zur Arbeit schnell noch irgendwo an einer Bar einen Espresso trinken.<\/p>\n<p>Aber ich habe auch ganz andere Erfahrungen gemacht &#8211; da hat der Morgen meine Nasenfl\u00fcgel beben lassen, mit einem ganz besonderen Fr\u00fchst\u00fcck. Hin und wieder ist es das Sonntagsfr\u00fchst\u00fcck mit der ganzen Familie: Durch das Haus zieht schon der Duft nach Kaffee und jemand ruft \u201eFr\u00fchst\u00fcck\u201c, laut und verf\u00fchrerisch und auch ein bisschen ungeduldig. Das Br\u00f6tchen knackt beim Aufschneiden, das H\u00f6rnchen schmeckt so gut, wenn man es mit wenig Butter in Honig tunkt und die Sonntagseier sind genau lang genug gekocht. Oder der Geburtstagsbrunch in einem sch\u00f6nen Lokal. Jeder genie\u00dft das Buffet von Marmelade bis Salat. Wir sitzen lange, reden und lachen und genie\u00dfen den Tag.<\/p>\n<p>Einen reich gedeckten Tisch braucht es nicht, um dieses Gl\u00fcck zu sp\u00fcren- den Appetit auf das Leben. Das sch\u00f6nste Fr\u00fchst\u00fcck meines Lebens war ganz einfach. Aber selten haben mir ein St\u00fcck Brot und etwas Honig so gut geschmeckt. Es war ein strahlender Morgen &#8211; wir hatten zum Sonnenaufgang einen der Schweizer Berge bestiegen. Durch die Dunkelheit waren wir nachts hinauf geklettert und dabei ordentlich ins Schwitzen gekommen. Ziemlich ersch\u00f6pft, aber rundum zufrieden und voller Jubel sa\u00dfen wir oben am Gipfel. Die Sonne f\u00e4rbte den Himmel rot, dann stieg sie aus der D\u00e4mmerung auf. Eine Jugendgruppe sang Morgenlieder. Und jetzt, nach dem Abstieg, sitzen wir auf einer Holzbank vor einer Bergh\u00fctte im Sonnenlicht. Es gibt frisch gebr\u00fchten Kaffee, Butter von der H\u00fctte und Honig vom Imker. Und dazu dieses\u00a0\u00a0 Krustenbrot, das so herrlich zwischen den Z\u00e4hnen knackt. Alles schmeckt frisch wie der neuen Tag &#8211; wie beim ersten Mal.<\/p>\n<p>So muss sich Elia gef\u00fchlt haben, der Prophet aus der Fr\u00fchzeit Israels, als er nach einer langen W\u00fcstenwanderung m\u00fcde, zerschlagen und ausgehungert wach wurde. Er war aus seiner Heimat geflohen, weil er sich mit dem K\u00f6nig angelegt hatte. Er musste fliehen, weil man ihm nach dem Leben trachtete- und unterwegs \u00fcberkam ihn die Verzweiflung. Halbtot hatte er sich unter einen Wacholderstrauch gelegt und w\u00e4re am liebsten nie mehr aufgewacht. Die Bibel erz\u00e4hlt, ein Engel h\u00e4tte am Morgen Wasser und Brot gebracht und ihn leise angesprochen: \u201eSteh auf und iss\u201c. Elia, der nicht wusste, wie ihm geschah, nahm einen Bissen, trank einen Schluck und schlief wieder ein.<\/p>\n<p>Das kenne ich aus Krankheitstagen, wenn mein Mann mir das Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett bringt, bevor er zur Arbeit f\u00e4hrt. Manchmal werde ich sp\u00e4t wach, wenn der Tee schon kalt ist, und wundere mich, dass ich schon ein paar Schluck getrunken habe. So muss der Engel noch einmal kommen, noch einmal und eindringlicher fl\u00fcstern: \u201eSteh auf und iss, denn du hast einen weiten Weg vor Dir\u201c \u2013 bis der Prophet dann aufsteht und sich st\u00e4rkt. Ich wei\u00df nicht, ob Elia seinen Engel gesehen, ob er seine Ber\u00fchrung gesp\u00fcrt hat. War da eine Lichtgestalt? Kam ein Hirte vorbei? Wer war es, der dem ersch\u00f6pften Elia wieder auf die Beine half? Sicher ist: mit jedem Bissen bekommt er neue Energie und neuen Lebensmut. Liebe und Leben gehen durch den Magen- das gilt auch f\u00fcr die Liebe Gottes. Ein guter Grund, das Fr\u00fchst\u00fcck einmal ganz bewusst zu genie\u00dfen &#8211; heute und morgen oder auch am n\u00e4chsten Sonntag.<\/p>\n<p><strong>Mittwoch, 25.2.:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Liebe Gr\u00fc\u00dfe (3961)<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal, wenn mein Computer nicht auf stumm gestellt ist, h\u00f6re ich das Pling, mit dem die Mails eingehen. Wenn auf Facebook neue Nachrichten eingehen, erkenne ich das an der Zahl. Und hin und wieder, wenn ich bis gegen Mittag zu Hause bin, kann ich es h\u00f6ren- das Plopp, mit dem die Post in unseren Briefkasten f\u00e4llt. Ach, ich liebe es, Post zu bekommen, und ich schreibe auch gern. Aber es gibt Tage, da stapeln sich die Briefe auf dem K\u00fcchentisch, die Mappen auf dem Schreibtisch und die Mailbox quillt \u00fcber. Von Facebook-Nachrichten, SMS und Anrufen auf dem Anrufbeantworter einmal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Aber dann finde ich ihn doch \u2013 den kleinen bunten Zettel auf dem n\u00fcchternen Papier : \u201eF\u00fcr Sie\u201c, steht drauf &#8211; \u201eich dachte, das k\u00f6nnte Sie interessieren.\u201c Und im Briefkasten liegt unter all den Druckerzeugnissen eine altmodische Ansichtskarte &#8211; Freunde aus im Urlaub, oder jemand schreibt von einer Dienstreise- einfach nur so. Die Karte h\u00e4ngt dann l\u00e4nger am Pinboard, der Zettel klebt am PC &#8211; pers\u00f6nliche Gr\u00fc\u00dfe muntern mich auf, wenn ich im Stress bin. Wenn die eingegangenen Mails die 100 \u00fcberschreiten, wenn der Tunnelblick immer enger wird und alles nur noch auf schnelles Antworten ausgerichtet ist. Dann schreibe ich selbst nur noch lG -liebe Gr\u00fc\u00dfe Deine Cornelia. Klick und weg.<\/p>\n<p>Was ein lieber Gru\u00df wirklich bedeuten kann, das habe ich letztes Jahr im Krankenhaus erlebt. Da haben mich die Briefe und Mails von Kollegen, Freundinnen und Freunden- ja, auch von Facebookfreunden, durch den Tag getragen. Besuche waren mir meist zu viel &#8211; aber mit den Briefen und Mails war ich nicht allein. Und die Postkarten, die neben dem kleinen Rosenstrau\u00df auf meinem Nachttisch standen, halfen mir auch dann, wenn\u2019s richtig schwierig wurde. Da ist die Karte mit dem Foto vom Erdbeerkuchen: sie ermuntert mich, das Leben zu genie\u00dfen- trotz allem. Und die Engel-Karte mit den Unterschriften aus einer Arbeitsgruppensitzung, die mir sagt: Du warst in unseren Gedanken dabei. Der Genesungswunsch an dem bunten Blumenstrau\u00df , das Herz aus Holzperlen und das Buch, das mich die Zeit vergessen lie\u00df. Solche Gr\u00fc\u00dfe sind wie Gebete.<\/p>\n<p>Als es noch keine Mails und kein Telefon gab, kein Facebook und noch nicht einmal Ansichtskarten, schon da haben Christinnen und Christen ein Netz aus Gr\u00fc\u00dfen \u00fcber Europa gespannt. Man gr\u00fc\u00dfte einander in Krankheit und in Gefangenschaft, man wurde f\u00fcr andere zum Gastgeber, ja, zur Familie, und unterst\u00fctzte sich. Wie heute noch wurden Gr\u00fc\u00dfe m\u00fcndlich weitergegeben, sie reisten aber auch in Briefen mit. Im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom findet sich eine Gru\u00dfliste, die mir besonders gut gef\u00e4llt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0\u201e Gr\u00fc\u00dft Priska und Aquila\u201c, hei\u00dft es da, \u201eMitstreiterin und Mitstreiter im Messias Jesus, die f\u00fcr mein Leben ihren eigenen Hals hingehalten haben. Gr\u00fc\u00dft Mirjam, die oftmals schwere Arbeit f\u00fcr Euch geleistet hat, Andronikus und Junia, die mit mir in Gefangenschaft waren. Gr\u00fc\u00dft die Sklavinnen und Sklaven aus dem Hause des Narzissus, die zur Gemeinschaft geh\u00f6ren, und die geliebt Persis. Gr\u00fc\u00dft Rufus, den in der Gemeinschaft Ausgezeichneten, und seine Mutter, die auch f\u00fcr mich eine Mutter ist\u201c. Insgesamt 28 Namen stehen auf der Liste, und noch viele andere, die dazu geh\u00f6ren, werden genannt. Und am Ende ist zu lesen, wer die Gr\u00fc\u00dfe ausrichte: \u201eEs gr\u00fc\u00dfen Euch Timotheus, mit dem ich zusammenarbeite, und Luzius, Jason und Sosopater, meine Verwandten. Und ich gr\u00fc\u00dfe Euch, Tertius, der Schreiber dieses Briefes. Es gr\u00fc\u00dft auch Gaius, mein Gastgeber. Wir preisen die Quelle der Kraft, die Euch st\u00e4rkt.\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe sind wie F\u00fcrbitten: sie geben etwas weiter von dieser Energie, die uns st\u00e4rkt. Weil ich selbst diese Erfahrung gemacht habe, schreibe ich mir jede Woche eine kleine Gru\u00dfliste ins Notizbuch. Freunde, die krank sind oder trauern, Menschen, f\u00fcr die etwas Neues beginnt- wie damals f\u00fcr die Gemeinde in Rom- und andere, denen ich danken will. Liebe Gr\u00fc\u00dfe, schreibe ich darunter, deine Cornelia.<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 26.2.:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rollatoren, Walker und Nomaden \u2013 Ein Lob auf Aina Wifalk (3997)<\/strong><\/p>\n<p>Hat eigentlich schon jemand ein Lob des Rollators geschrieben? Ich kenne keinen solchen Text, kein Lied oder Gedicht \u00fcber diesen wunderbaren Gehwagen. Aber ich finde, er ist eine wirklich bahnbrechende Erfindung &#8211; nicht weniger wichtig als einst der Kinderwagen. Aber es gibt ihn ja auch noch gar nicht so lange. Der Rollator wurde erst 1978 von der Schwedin Aina Wifalk erfunden- sie war selbst aufgrund einer Kinderl\u00e4hmung gehbehindert. Es wundere sie nicht, dass eine Frau das Gef\u00e4hrt erfunden habe, schreibt Luise Pusch in einer Glosse, wir h\u00e4tten eben viel mehr Erfahrungen mit Kinder- und Einkaufswagen und l\u00e4ngst erkannt, dass sie sich auch als Gehhilfe nutzen lasse. Ganz \u00e4hnlich wie die rollbaren Koffer, die Trollies. Die haben sich ja inzwischen so durchgesetzt, dass kaum noch jemand einen Koffer schleppt. Aber auch die Rollatoren haben in den letzten Jahren einen unaufhaltsamen Siegeszug angetreten. Es wird Zeit, dass in Bussen und Z\u00fcgen Platz daf\u00fcr geschaffen wird &#8211; so selbstverst\u00e4ndlich wie f\u00fcr Koffer, Kinderwagen und Fahrr\u00e4der.<\/p>\n<p>Auf Englisch hei\u00dft die Gehhilfe einfach \u201e walker\u201c. Das erinnert mich an mein geliebtes Nordik Walking. In den letzten Monaten war ich froh, dass es Nordik-Walking-St\u00f6cke, Rollatoren und nat\u00fcrlich auch Rollst\u00fchle gibt. Ich lag mit einem Wirbelbruch im Krankenhaus und konnte das Bett lange nicht verlassen \u2013 und ich hatte ungeheure Sehnsucht, raus zu gehen. Es war Advent, drau\u00dfen lagen Lichterketten um die B\u00e4ume und die kleine Einkaufsstra\u00dfe in der N\u00e4he des Krankenhauses strahlte im Winterglanz. Ich wollte so gern an den Schaufenstern vorbei gehen, Christstollen kaufen und Lebkuchen und vielleicht ein neues Buch. Ohne Rollstuhl und sp\u00e4ter ohne Rollator w\u00e4re das gar nicht m\u00f6glich gewesen. Und ich fand es gro\u00dfartig, die klare Luft zu atmen, den Duft der Weihnachtsb\u00e4ckerei zu riechen und mir endlich wieder die Stra\u00dfe zu erobern. Und Wochen sp\u00e4ter noch genie\u00dfe ich es, meinen Weg gehen zu k\u00f6nnen- mit und ohne Nordik-Walking-St\u00f6cke.<\/p>\n<p>Wer nach dem Stichwort \u201eWeg\u201c in der Bibel sucht, der wird mit Fundstellen \u00fcbersch\u00fcttet. Das ist kein Wunder- schlie\u00dflich spielen die Geschichten, um die es da geht, in den Nomadengesellschaften des Alten Orients. \u201eEin umherwandernder Aram\u00e4er war mein Vater\u201c, hei\u00dft es in einem der \u00e4ltesten j\u00fcdischen Bekenntnisse. Auch Jesus war ein Wanderprediger. Und die ersten Christen waren wie Paulus unterwegs, um in halb Europa von ihm zu erz\u00e4hlen. Wer eine Bibel zur Hand nimmt und die Landkarten ganz hinten aufschl\u00e4gt, der kann die Wege nachvollziehen, die diese Menschen gegangen sind- zu Fu\u00df, auf Eseln, Kamelen und Pferden aber auch zu Schiff. Es ist sicher kein Zufall, dass einer der beliebtesten Konfirmationsspr\u00fcche ein Weg-Wort ist: \u201eBefiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn; er wird&#8217;s wohl machen.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Der Glaube schickt auf den Weg &#8211; raus aus der Komfortzone, in unbekannte R\u00e4ume, zu Menschen, die wir noch nicht kennen. Man sp\u00fcrt den biblischen Texten ab, dass sie ohne Illusionen sind. Sie erz\u00e4hlen von W\u00fcstenwanderungen und Stolpersteinen &#8211; aber sie machen Mut, loszugehen und sich auf Gottes Begleitung zu verlassen.<\/p>\n<p>Ich brauche immer wieder Hilfe, damit das gelingt. Im Advent brauchte ich einen Menschen, der den Rollstuhl schob. Sp\u00e4ter eine Gehhilfe, einen Walker. Manchmal aber auch einen Freund zum Reden, eine Seelsorgerin oder einen Coach, um mich auszurichten- Hirten eben in finsteren T\u00e4lern, wie der beliebte Psalm es sagt. Aber es ist gut, unterwegs zu sein, ich liebe es, die Komfortzone zu verlassen und ich wei\u00df: Gott fordert heraus, in die Welt zu gehen und sich immer neu mit ihr auseinanderzusetzen. Der Glaube ist welthaltig. Er steckt voller Erinnerungen an spannende Wege. Und er hinterl\u00e4sst Spuren in der Realit\u00e4t &#8211; nicht nur auf Landkarten. Es ist einfach wunderbar, raus zu gehen und Neues zu entdecken , selbst wenn Beine oder R\u00fccken nicht mitspielen. Auch wenn ich keinen Rollator mehr brauche: Aina Wifalk, die Erfinderin des Walkers, sie lebe hoch.<\/p>\n<p><strong>Freitag, 27.2.15<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das geht uns alle an \u2013 Gedanken zur Woche<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es waren die Masern. Dienstag hat es die Charit\u00e9 best\u00e4tigt<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[4]<\/a>: Der kleine Junge aus Berlin starb vorige Woche im Krankenhaus an einer Maserninfektion. Seitdem haben wir eine neue Debatte in Deutschland. \u00dcber Schutzimpfungen, Impfregister und Impfflicht. Fast 600 Masernf\u00e4lle gab es in den letzten Monaten in Berlin. Am vergangenen Montag wurde eine Schule geschlossen. Und manche Tageseinrichtung verlangt inzwischen eine Impfbescheinigung, bevor sie ein Kind aufnimmt.<\/p>\n<p>Eine Impfpflicht wird immer dringlicher gefordert. F\u00fcr Kinder gilt in den Vereinigten Staaten: \u201eno shots, no school\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[5]<\/a>: Ohne bestimmte Impfungen d\u00fcrfen dort keine \u00f6ffentlichen Schulen besucht werden; in vielen Bundesl\u00e4ndern auch keine Kinderg\u00e4rten.<\/p>\n<p>Impfl\u00fccken gibt es in Deutschland aber vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Kommentare sind sich einig: Die Schutzlosen zu sch\u00fctzen sei eine Pflicht: Kinder sind, bevor sie selbst geimpft werden k\u00f6nnen, nur durch die Immunit\u00e4t ihrer Kontaktpersonen gesch\u00fctzt. W\u00e4hrend nun Justiz- und Gesundheitsminister die Impfpflicht ins Spiel bringen, sprechen Impfgegner vom Impf-Mobbing<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[6]<\/a>, von Einsch\u00fcchterung und von ihren Freiheitsrechten. Und manche suchen die Verantwortung ganz woanders \u2013 Masern und andere Infektionskrankheiten seien von au\u00dfen eingeschleppt, durch Fl\u00fcchtlinge und Migranten.<\/p>\n<p>Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der das Thema Impfung immer wachgehalten wurde. Auf dem Schreibtisch meiner Mutter stand das Foto ihres kleinen Bruders Wilhelm, ein strahlender 8-J\u00e4hriger mit blonden Locken. Er starb an Keuchhusten, Wilhelm war nicht geimpft. Die Impfdebatte ist kein neues Thema &#8211; und auch die Tatsache nicht, dass Menschen rund um die Welt unterwegs sind. In meinem Elternhaus waren die Impfp\u00e4sse deshalb immer zur Hand. Wir Kinder bekamen alle n\u00f6tigen Impfungen &#8211; gegen Keuchhusten, Mumps, Tetanus und Kinderl\u00e4hmung. Das Foto auf dem Schreibtisch meiner Mutter erinnerte daran, was diese Krankheiten anrichten konnten. Nat\u00fcrlich waren wir trotzdem krank. Ich erinnere mich an die langen Wochen, die ich mit Masern im Kinderzimmer verbracht habe &#8211; bei zugezogenen Vorh\u00e4ngen. Eine Masernimpfung gab es noch nicht.<\/p>\n<p>Lange Zeit gab es kein anderes Mittel als die Isolation. Schon im 3. Buch Mose, dem Gesetzbuch des alten Israel, wird detailliert beschrieben, was geschehen muss, wenn bei einem Menschen Aussatz festgestellt wird: Wer betroffen ist, soll abgesondert wohnen, und wenn er \u00fcber die Stra\u00dfe geht, soll er rufen: \u201eUnrein, unrein\u201c. Die Anweisungen an den Priester, der den Aussatz feststellen musste, habe ich jetzt noch einmal nachgelesen; ich war beeindruckt \u00fcber die Sorgfalt, mit der die Krankheit diagnostiziert wurde. Kein vorschnelles &#8211; und auch kein endg\u00fcltiges Urteil. Es wird deutlich &#8211; der Vorgang ist f\u00fcr alle Beteiligten schmerzlich &#8211; vor allem f\u00fcr die Betroffenen, die aus der Gemeinschaft heraus genommen wurden. Dass Jesus dann Auss\u00e4tzige heilt und sie damit in die Gemeinschaft zur\u00fcckholt, ist ganz zentral f\u00fcr sein Wirken. Dabei schickt er die Geheilten \u00fcbrigens immer zuerst zum Priester. Priester waren damals die entscheidende medizinische Instanz, sozusagen das Gesundheitsamt.<\/p>\n<p>Nach dem Tod ihres Bruders studierte meine Mutter Medizin- sie wollte verstehen, helfen, Leiden mindern. Dass ihr Bruder nicht geimpft war, hat sie den Eltern nicht vorgeworfen. Mit Schuld-Debatten kann man \u00c4ngsten nicht begegnen. Auch nicht allein mit medizinischen Argumenten. Wir m\u00fcssen neu begreifen, dass es Krankheiten gibt, die nicht nur den Einzelnen, sondern alle betreffen. Die Gemeinschaft ist entscheidend \u2013 sie sch\u00fctzt und muss gesch\u00fctzt werden. Deshalb ist jeder f\u00fcr die Gesundheit des anderen mit verantwortlich . Solidarit\u00e4t ist n\u00f6tig, auch wenn das vom Einzelnen Opfer verlangt.<\/p>\n<p>Wenn Sie mit mir \u00fcber die Frage sprechen wollen, ob eine Impfpflicht dabei hilft \u2013 Sie erreichen mich in den n\u00e4chsten zwei Stunden unter 05131462761. Oder diskutieren Sie mit auf Facebook unter \u201adeutschlandradio.evangelisch\u2018.<\/p>\n<p><strong>Samstag, 28.2. (4039)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gott ist in den kleinen Dingen<\/strong><\/p>\n<p>So lange ich mich erinnern kann, stand in meinem Elternhaus ein h\u00f6lzerner Brotteller auf dem Tisch. Irgendwann war er mal mit einer Kerze in Ber\u00fchrung gekommen &#8211; eine Stelle am Rand war ganz schwarz. Aber man konnte gut lesen, was rund um den Rand ins Holz geschnitzt war: \u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c. Lange Zeit dachte ich, wir w\u00e4ren die einzige Familie mit so einem Brotteller. Heute wei\u00df ich: gerade in den Aufbaujahren nach dem Krieg wollten sich viele auf diese Weise daran erinnern, dass ein voller Brotkorb nicht selbstverst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p>Wenn mein Mann und ich zusammen fr\u00fchst\u00fccken, steht der alte Teller mit der Vater-Unser-Bitte wieder auf dem Tisch. Wir sprechen ein Tischgebet und sp\u00fcren, dass in unserem Essen und Trinken etwas Verbindendes liegt. Zwischen uns beiden, mit Gott, dem wir alles verdanken, mit den Eltern, die l\u00e4ngst nicht mehr leben. Es ist unglaublich, was so ein einfacher Teller f\u00fcr Gef\u00fchle wecken kann.<\/p>\n<p>Vielleicht ist Gott ja \u00fcberhaupt viel mehr in den kleinen Dingen als in den gro\u00dfen Ereignissen.<\/p>\n<p>Jedenfalls meint das der Religionswissenschaftler Andreas Feldtkeller.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[7]<\/a>\u00a0\u201eEs ist an der Zeit, dass wir uns von einem weit verbreiteten Missverst\u00e4ndnis \u00fcber Religion verabschieden\u201c, schreibt er. \u201eVon dem Missverst\u00e4ndnis, Religion sei in unserem Leben allenfalls die Nische f\u00fcr das Au\u00dfergew\u00f6hnliche. Genau das Gegenteil ist der Fall: Religion ist geformt aus den selbstverst\u00e4ndlichsten unter den menschlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten.\u201c<\/p>\n<p>Aus Essen und Trinken also, Herzschlag und Atem, aus Aufstehen und Einschlafen, dem Mondzyklus und dem Jahreslauf. Wir sehr auch der Kalender von spirituellen Rhythmen gepr\u00e4gt ist, das ist jetzt wieder sp\u00fcrbar. Es ist Fastenzeit, f\u00fcr viele eine Zeit des Verzichts, Und auch Menschen, die nicht religi\u00f6s sind, empfinden das als sinnvoll und wohltuend nach G\u00e4nsebraten und Christstollen in der Weihnachtszeit. Selbst die gro\u00dfen Feste verbinden Menschen mit kleinen Dingen &#8211; mit dem, was dem Alltag Glanzlichter aufsetzt. Mit Speisen, D\u00fcften und traditionellem Schmuck. Wenn jetzt in den Superm\u00e4rkten und an den Rastst\u00e4tten die bunt gef\u00e4rbten Eier zu kaufen sind, dann denke ich daran, dass schon das F\u00e4rben am Ostersamstag ein kleines Fest f\u00fcr uns Kinder war: ich rieche noch einmal den Essiggeruch in der K\u00fcche und freue mich an der Schale mit Ostergras und den vielen rot gef\u00e4rbten Eiern. Und bald schon werden wir die Osterstr\u00e4u\u00dfe mit den ausgeblasenen Eiern aus der Lausitz schm\u00fccken &#8211; keiner hat so sch\u00f6ne Muster wie die Sorben. Einfach nur Eier- kleine Dinge, aber zu Ostern erz\u00e4hlen sie die gro\u00dfe Geschichte vom neuen Leben.<\/p>\n<p>\u201eNur vom Selbstverst\u00e4ndlichen her k\u00f6nnen wir verstehen, was wir mit Religion anfangen k\u00f6nnen\u201c, schreibt Andreas Feldtkeller. Dass er Recht hat, das zeigen die Geschichten und Gleichnisse Jesu, der Menschen f\u00fcr Gott \u00f6ffnen konnte wie kein anderer. Er erz\u00e4hlt von dem Bauern, der auf dem steinigen Acker s\u00e4t, und von dem Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht. Von der Frau, die ein verlorenes Geldst\u00fcck sucht. Von den Ehrenpl\u00e4tzen am Tisch und von Flicken auf einem alten Kleid. Und von der Kerze, die unter einem Scheffel ausgeht. Wer ihm zuh\u00f6rt, wird entdecken, wie durchsichtig unser Alltagsgrau sein kann f\u00fcr den Goldgrund der Gottesn\u00e4he.<\/p>\n<p>Gott ist in den kleinen Dingen. Oder besser: nicht in den Dingen selbst, sondern in den Erfahrungen und Erinnerungen, den Hoffnungen und Gebeten, die in sie eingeschrieben sind. Also nicht im verlorenen Groschen, sondern in der Freude am Wiederfinden. Nicht im Licht unter dem Scheffel sondern in der Erfahrung, wie dunkel es wird, wenn ein Strahlen erstickt. Nicht im Osterei, sondern in der Hoffnung auf neues Leben , ja in der Gewissheit der Auferstehung. Und auch nicht in unserem Brotteller daheim &#8211; aber in dem Gebet, das um seinen Rand steht. Ein voller Brotkorb ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich &#8211; aber ich w\u00fcrde das leicht vergessen, wenn der alte Teller nicht w\u00e4re.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Johannes 7, 38<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0R\u00f6mer 16 in Ausz\u00fcgen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0Psalm 37,5<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[4]<\/a>\u00a0S\u00fcddeutsche Zeitung vom 25.2.15 , Seite 8<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[5]<\/a>\u00a0Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.2.15, Seite 1<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[7]<\/a>\u00a0So auf www.impfkritik.de<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[7]<\/a>\u00a0Andreas Feldtkeller, Warum denn Religion, Eine Begr\u00fcndung, G\u00fctersloh 2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.9.2017 8.35 \u2013 8.50 Uhr,\u00a0Deutschlandfunk\u00a0DLF Auftanken! 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