{"id":3466,"date":"2018-03-26T10:45:55","date_gmt":"2018-03-26T10:45:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3466"},"modified":"2018-08-31T17:53:09","modified_gmt":"2018-08-31T15:53:09","slug":"lebenssatt-das-leben-satt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3466","title":{"rendered":"Lebenssatt \u2013 das Leben satt."},"content":{"rendered":"<p><strong>Vom guten Abschiednehmen im hohen Alter<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Ich habe genug<\/strong><\/p>\n<p>Der bekannte Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels glaubt an die Zukunft der Oper als Kunstform. \u201eIch glaube, die Oper wird noch sehr lange leben. Vielleicht nicht gerade in der musiktheaterm\u00e4\u00dfigen, kritischen Auseinandersetzung, wie es viele meiner Generation versucht haben, aber schon als genussvolles Unterhaltungsformat\u201c, sagt der 77-j\u00e4hrige in einem Interview. Das Gespr\u00e4ch fand war kurz vor einer Premiere in der Staatsoper Unter den Linden statt. Was seine eigene Zukunft angeht, denkt er aber durchaus \u00fcbers Aufh\u00f6ren nach.\u201eIch inszeniere im Sommer bei den Salzburger Festspielen \u201ePique Dame\u201c von Tschaikowsky und dann h\u00f6re ich wahrscheinlich auf. Ich habe genug.\u201c \u201eIch habe genug\u201c \u2013 wer denkt dabei nicht an die bekannte Bachkantate. Da singt der Bass:<\/p>\n<p><em>Ich habe genug, Ich habe den Heiland, das Hoffen der Frommen, auf meine begierigen Arme genommen; Ich habe genug.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich hab ihn erblickt, Mein Glaube hat Jesum ans Herze gedr\u00fcckt; Nun w\u00fcnsch ich noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden. Ich habe genug.<\/em><\/p>\n<p>Die Urauff\u00fchrung der Kantate fand \u00fcbrigens in der Leipziger Nikolaikirche statt \u2013 und zwar am 2. Februar 1727, zu Maria Lichtmess. An Mari\u00e4 Lichtmess, einem katholischen Fest, wird der Weg Marias in den Tempel gefeiert, der erste Gang nach der Geburt des Sohnes zum Fest der Beschneidung. Das Neue Testament erz\u00e4hlt, wie Maria und Josef ihren erstgeborenen Sohn in den Tempel bringen, um ihn beschneiden zu lassen\u00a0\u2013 zwei Turteltauben erwerben sie als Opfergaben. Aber schon bevor der Priester die drei in Empfang nehmen kann, werden sie am Eingang von zwei alten Menschen empfangen, von Simeon und Hanna. Eine alte Frau, die keine eigenen Kinder hatte, und ein Prophet am Ende seines Lebens. Der nimmt den kleinen Jesus auf den Arm wie ein eigenes, lang erwartetes Kind \u2013 das Kind einer anderen Familie wird ihm zum Zeichen der Hoffnung. Ganz offenbar sieht er mit seinen alten Augen weiter in die Zukunft. \u201eJetzt also kann ich in Frieden gehen\u201c, sagt er, \u201edenn ich habe den Erl\u00f6ser gesehen \u2013 mit meinen eigenen Augen.\u201c Simeon und Hanna sehen \u00fcber ihre Zeit hinaus \u2013 und sind zugleich getragen von einer Sehnsucht, die lange vor ihrer Gegenwart begann. Diesen Traum sehen sie in einer Zukunft erf\u00fcllt, an der Sie nicht mehr teilhaben \u2013 und die doch von ihnen gesegnet sein will wie ein hilfebed\u00fcrftiges Kind.<\/p>\n<p>Es ist dieser Augenblick, den Johann Sebastian Bach in seiner Bass-Arie aufgenommen hat. Wir sehen das Kind in Simeons Armen, seinen segnenden Blick &#8211; es ist der Augenblick, in dem die Sehnsucht dem Ersehnten begegnet, der Augenblick der Erf\u00fcllung. \u201eIch hab ihn erblickt, mein Glaube hat Jesum ans Herze gedr\u00fcckt; Nun w\u00fcnsch ich noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden. Ich habe genug.\u201c Was soll auch noch kommen?<\/p>\n<p>Wenn Sie einmal am Ende Ihres Lebens stehen\u00a0\u2013 Was m\u00f6chten Sie dann erreicht haben? Was steht auf Ihrer \u201eL\u00f6ffelliste\u201c? \u201eHaben Sie einen Wunsch, den Sie sich noch erf\u00fcllen m\u00fcssen?\u201c, hat auch Iris Radisch den Schriftsteller Andrej Bitow gefragt. \u201eIch m\u00f6chte immer nur das n\u00e4chste tun, das n\u00e4chste von allem, was ich noch nicht getan habe. Ich m\u00f6chte, dass es eine Fortsetzung gibt\u201c, antwortet er. \u201eAber im Grunde denke ich, dem Wesentlichen kann man nichts hinzuf\u00fcgen. Das Wesentliche kann man nicht erreichen. Man kann darum herum schreiben, sch\u00f6ne Verse machen, guten Wein trinken, einen guten Stuhl bauen. Mehr schafft man nicht\u201c, so Bitow. \u201eWenn Sie einmal am Ende Ihres Lebens stehen &#8211; Was m\u00f6chten Sie dann erreicht haben?\u201c Was w\u00fcrde Simeon sagen? Vielleicht das: Man kann seiner Sehnsucht nachgehen, sich offen halten f\u00fcr das, was wirklich z\u00e4hlt. Und immer wieder genau hinsehen auf das, was kommt. Und man kann glauben, dass es Gott ist, der uns entgegenkommt.\u201c Eigentlich ist dann alles erreicht. Mehr brauchen wir nicht als diese Offenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Die neue Geburt<\/strong><\/p>\n<p>Zu den beliebtesten Texten der letzten Jahre geh\u00f6rt Hermann Hesses Gedicht \u201eStufen.\u201c Wie jede Bl\u00fcte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, bl\u00fcht jede Lebensstufe, bl\u00fcht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern\u2026\u201c Der Text ist ein Aufruf, dem Ruf des Lebens zu folgen, Stufe f\u00fcr Stufe \u2013 einen Schritt ins offene zu tun, den anderen loszulassen. Das Bild das sich dabei einstellt, ist das einer Treppe, die immer weiter ins Offene, ja eigentlich ins Unendliche f\u00fchrt: \u201eEs wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen R\u00e4umen jung entgegensenden; des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimmt Abschied und gesunde.\u201c Nicht Sterblichkeit, sondern \u201eGeb\u00fcrtlichkeit\u201c, wie die Philosophin Hannah Arendt es nennt, ist das vorherrschende Gef\u00fchl in diesem Gedicht. Abschied ist immer auch Neubeginn. Und auch der Tod ist f\u00fcr eine neue Geburt, ein letztes Werden zu sich selbst.<\/p>\n<p>Das neue Leben w\u00e4chst schon in uns heran. Wenn es reif ist f\u00fcr diese Welt, kommt der Geburtsprozess in Gang. Dabei ist wichtig, dass das Kind mitmacht, auch wenn man nicht von einem bewussten Willensakt sprechen kann. Ganz \u00e4hnlich kann es am Ende des Lebens sein. Nicht, wenn ein Ungl\u00fcck Menschen mitten aus dem Leben rei\u00dft, wohl aber im Sterbeprozess am Ende eines langen Lebens. Wenn der Lebenswille erlischt, kann, nein sollte keiner mehr das Ende aufhalten. Sterben und geboren werden. Beides ist ein \u00dcbergang ins Ungewisse. Wie die Geburt kann auch der Durchgang ins neue Leben schmerzhaft sein. Im Unterschied zum Ungeborenen wissen wir das. Und das macht vielen Angst.<\/p>\n<p>Die Theologin und Therapeutin Monika Renz leitet die Psychoonkologie in Sankt Gallen. Sie hat die Zeugnisse von Sterbenden aufgeschrieben, die sie selbst begleitet hat. Nach der Machtlosigkeit von Patienten gefragt, sagt sie: \u201eDie wenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute H\u00e4nde geben kann. Es gibt eine innere Schwelle, danach ist es sch\u00f6n, ein Flie\u00dfen, ein Friede.\u201c Die erfahrene Sterbebegleiterin vergleicht Geburt und Todesn\u00e4he. Und sie sagt: Irgendwann muss man hindurch. Seelisch und k\u00f6rperlich. Das macht den Menschen in einer Weise gl\u00fccklich, die ich im Leben nicht kenne\u201c. Sp\u00fcren, wenn der letzte Schritt ansteht &#8211; sich vorbereiten, bereit sein und dann loslassen k\u00f6nnen. Einfach, weil es genug ist. Und dann darauf hoffen, dass dieser Schritt kein Weg ins Nichts ist, sondern eine neue Geburt. Dass da auf der anderen Seite einer ist, der uns erwartet und in den Arm nimmt.<\/p>\n<p>\u201eAlt und lebenssatt\u201c \u2013 so bezeichnet die Bibel das Ideal vom Ende unseres irdischen Lebens. Im ersten Buch der Bibel &#8211; es geht um den Tod Abrahams &#8211; hei\u00dft es w\u00f6rtlich: \u201eDas ist die Zahl der Lebensjahre Abrahams: Hundertf\u00fcnfundsiebzig Jahre wurde er alt, dann verschied er. Er starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint.\u201c 175 Jahre sind nun wirklich alt, aber interessanter ist doch das Wort lebenssatt. Auch das nimmt den Gedanken auf, dass es irgendwann genug sein kann. Der Alttestamentler Gerhard von Rad spricht von Todesreife. \u201eEs gibt\u201c, so schreibt er, \u201eein innerliches Damit-zu-Ende-kommen, einen Zustand der S\u00e4ttigung, einen Punkt, an dem das von Gott Zugemessene ausgesch\u00f6pft ist. Dies ist dann der Augenblick der Todesreife.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Sterblich sein<\/strong><\/p>\n<p>Aber das Ideal kann kaum noch gelebt werden. Im Zeitalter der Apparatemedizin ist das Sterben in Pflegeheimen oder im Krankenhaus f\u00fcr viele zum Schreckgespenst geworden\u00a0\u2013 nach einer aktuellen Umfrage w\u00fcnschen sich weniger als 10 Prozent einen Aufenthalt in einer station\u00e4ren Einrichtung; dabei sterben 80 Prozent dort. Der hohe Anteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die den assistierten Suizid bef\u00fcrworten, zeigt in aller Sch\u00e4rfe die Herausforderung. Viele von uns haben das Gef\u00fchl, dass dem Tod eine lange Phase der Ohnmacht vorausgeht: Die medizinische und technische Entwicklung hat dazu gef\u00fchrt, dass wir den Todeszeitpunkt nach hinten verschieben k\u00f6nnen. Zugleich ist die gesellschaftliche Toleranz f\u00fcr das liberale Ideal gewachsen: dass n\u00e4mlich die Einzelnen den Zeitpunkt ihres Todes f\u00fcr sich selbst bestimmen sollen. So diskutieren wir dar\u00fcber, ob nicht gerade diese Freiheit zu neuer Unfreiheit f\u00fchren kann &#8211; dass n\u00e4mlich Druck entsteht, aus dem Leben zu scheiden, bevor wir hilfe- und pflegebed\u00fcrftig werden und damit der Gesellschaft Kosten ersparen. Und die belgische Statistik \u00fcber die aktive Sterbehilfe zeigt zum einen wachsende Zahlen &#8211; so stieg die Zahl zwischen 2013 und 2014 um 27 Prozent-, sondern auch, dass die meisten Betroffenen zwischen 70 und 90 Jahre alt sind. Deswegen k\u00f6nnen wir \u00fcber diese Rechtsfragen nicht sprechen ohne zugleich \u00fcber die Pflegeentwicklung zu sprechen. Und dar\u00fcber, was es bedeutet, neben den Chancen auch die Grenzen der Medizin zu akzeptieren.<\/p>\n<p>Atul Gawande ist Facharzt f\u00fcr Chirurgie an einer Klinik in Boston. Vor seiner medizinischen Ausbildung an der Harvard Medical School studierte der Sohn zweier \u00c4rzte Philosophie und Ethik. In seinem eindrucksvollen Buch \u201eSterblich sein\u201c geht es um die Grenzen der Medizin \u2013 und um die Notwendigkeit, Menschen zu begleiten, damit sie dem Unab\u00e4nderlichen tapfer begegnen k\u00f6nnen. Ungew\u00f6hnlich offen spricht er dar\u00fcber, was es bedeutet, alt zu werden, wie man mit Krankheiten und Gebrechen umgehen kann und was wir an unseren westlichen Gesundheitssystemen \u00e4ndern m\u00fcssen, um unser Leben w\u00fcrdevoll zu Ende zu bringen. Ein mutiges und weises Buch voll eigener Erfahrungen, das uns hilft, die Geschichte unseres Lebens gut zu Ende zu erz\u00e4hlen. Gawande erz\u00e4hlt vom Sterben seines Vaters, der selbst Mediziner war\u2013 und nat\u00fcrlich ist es nicht das Wissen, das uns unterscheidet \u2013 oder auch von der Klavierlehrerin seiner Tochter, die bis in die letzte Woche hinein unterrichtete und am Ende noch ein wunderbares Abschlusskonzert mit ihren Sch\u00fclern veranstaltete. Am Beispiel eines seiner ersten Patienten erz\u00e4hlt er, was geschieht, wenn wir falsche Hoffnungen in eine Behandlung oder Operation setzen, weil wir uns w\u00fcnschen, dass wir wieder so werden k\u00f6nnen wie fr\u00fcher, so kraftvoll und jung, so beweglich und gesund \u2013 und damit oft das Gegenteil erreichen. Wir treiben den Prozess des Sterbens nur schneller voran. Wir treiben uns selbst in Ohnmacht und Abh\u00e4ngigkeit hinein und nehmen uns die Chance, die letzte Lebenszeit zu gestalten.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eLeben d\u00fcrfen- leben m\u00fcssen\u201c mit Argumenten gegen die Sterbehilfe erinnert Heinrich Bedford Strohm an die biblische Urgeschichte. Als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, folgt die Vertreibung aus dem Paradies. Gott sagt: \u201eNun aber, dass der Mensch nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch vom Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich.\u201c \u201eDie Weisheit, die in diesen S\u00e4tzen liegt, ist verbl\u00fcffend\u201c, schreibt der Bischof. \u201eWo der Mensch krampfhaft versucht, seine Endlichkeit zu \u00fcberwinden, und dabei jedes Mittel anwendet, da verfehlt er das gelingende Leben, das Gott ihm zugedacht hat\u2026 Dass ewiges Leben eine Kategorie ist, die die Grenzen unseres Zeitverst\u00e4ndnisses sprengt, hat seinen guten Sinn. Wer um dieses ewige Leben wei\u00df, gewinnt die Basis daf\u00fcr, die Endlichkeit unserer irdischen Existenz anzunehmen.\u201c Soweit Bedford-Strohm.<\/p>\n<p>In den Begriffen \u201ealt und lebenssatt\u201c schwingt beides mit: die Freude am Leben und an der Welt und die Akzeptanz f\u00fcr die Endlichkeit. Dankbarkeit und Loslassen k\u00f6nnen. Wenn Menschen in Patientenverf\u00fcgungen festlegen, dass sie die moderne Medizin nur bis zu einer bestimmten Grenze in Anspruch nehmen wollen, dann bringen sie damit auch zum Ausdruck, dass sie die Endlichkeit des Lebens akzeptieren, das Sterben annehmen wollen. Ein kleines Beispiel daf\u00fcr ist der Verzicht auf eine Magensonde. Dass Sterbende am Ende von sich aus aufs Essen und sp\u00e4ter auch aufs Trinken verzichten, das haben wir wahrscheinlich alle schon erlebt. Es ist gut, wenn Angeh\u00f6rige und Profis bereit sind, zu akzeptieren, dass sterbender ein Mensch wirklich lebenssatt ist und dass er Abschied nehmen will. Aber nat\u00fcrlich kann auch das Sterbefasten eine Suizidmethode sein: der Film \u201eSterbefasten, die Freiheit zum Tod\u201c \u00fcber eine 57-j\u00e4hrige zeigt diesen Prozess in aller Klarheit. Hier geht es um eine Verweigerung, die Sehnsucht nach dem Tod, weil das Leben gerade nicht satt gemacht hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Vom Segen der Gemeinschaft <\/strong><\/p>\n<p>Wenn meine Eltern abends unterwegs waren, passte meine Urgro\u00dftante auf mich auf. Sie sa\u00df dann mit ihren steifen Beinen &#8211; sie hatte Arthritis &#8211; auf einem kleinen B\u00e4nkchen und oder sang mir vor. Eines Abends Abend rutschte sie von diesem B\u00e4nkchen herunter und konnte sich nicht mehr allein aufrichten \u2013 und auch ich war zu klein und zu schwach, ihr zu helfen. So sa\u00df sie den gesamten Abend und sang das Choralbuch von vorn bis hinten durch \u2013 und ich genoss es. Zur ihren Lieblingsliedern geh\u00f6rten \u201eIch bin durch die Welt gegangen\u201c und \u201eStern, auf den ich schaue\u201c, beides sehr emotionale Glaubenslieder. In der letzten Strophe von \u201eStern, auf den ich schaue\u201c hei\u00dft es: \u201eDrum, so will ich wallen, meinen Weg dahin, bis die Glocken schallen und daheim ich bin. Dann mit neuem Klingen rum ich froh Dir zu: nichts hab ich zu bringen \u2013 alles, Herr bist Du.\u201c Dieses Gottvertrauen, diese Gelassenheit haben mich lange \u00fcber ihren Tod hinausgetragen und tragen noch.<\/p>\n<p>Aber \u201edie Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinschaft zu bleiben\u201c, sagt Prof. Eckart Hammer aus dem Beirat des Projekts \u201eAlter neu gestalten\u201c: Und das stimmt. Dabei sollten wir uns allerdings f\u00fcr einen Augenblick klarmachen, dass von den 75-79-j\u00e4hrigen nur 7 Prozent von Demenz betroffen sind, von den 80-84-j\u00e4hrigen nur 15 Prozent und bei den 85-89j\u00e4hrigen 26 Prozent. Und auch Pflegebed\u00fcrftigkeit geh\u00f6rt nicht notwendig zum Alter dazu.. Zwar steigt die Pflegebed\u00fcrftigkeit mit dem Alter, aber die Mehrheit ist nicht davon betroffen. Bei den 70\u201375-j\u00e4hrigen sind es etwa 5 Prozent, bei den 75\u201380-j\u00e4hrigen 10 Prozent, bei den 80 bis 86-j\u00e4hrigen 20 Prozent und erst \u00fcber 85 steigt der Prozentsatz auf 40 Prozent. Trotzdem haben die meisten \u00e4lteren Menschen Angst, dass nicht gut f\u00fcr sie gesorgt sein wird, wenn sie allein nicht mehr zurechtkommen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich leben mehr als 40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen allein &#8211; und nicht alle k\u00f6nnen auf tragf\u00e4hige Freundschaften und Nachbarschaftsnetze zur\u00fcckgreifen. Dahinter steht der gesellschaftliche Wandel, der mit dem demographischen einhergeht: Die zunehmende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, die wachsende berufliche Mobilit\u00e4t und geringere Kinderzahlen haben die famili\u00e4ren Netze fragiler gemacht. Die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hat in den letzten Jahren st\u00e4ndig zugenommen. Nur noch ein Viertel der Befragten geben an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen und bei einem weiteren Viertel sind die Wohnungen mehr als zwei Stunden voneinander entfernt. Zwar haben die allermeisten Familien w\u00f6chentlich Kontakt zueinander \u2013 aber im Vergleich der letzten Jahre erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe. Und die wachsende Zahl von Single\u2013 und kinderlosen Paarhaushalten l\u00e4sst erwarten, dass der Bedarf an haushaltsnahen Dienstleistungen weiter steigt.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir verhindern, dass Menschen nur deswegen in station\u00e4re Einrichtungen ziehen, weil die Wohnung nicht barrierefrei ist oder die Versorgung zu Hause nicht gew\u00e4hrleistet. \u201eEin Zuhause ist der einzige Ort, wo die eigenen Priorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben\u201c, schreibt Atul Gawande. \u201eZu Hause entscheidet man selbst, wie man seine Zeit verbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden Platz aufteilt und wie man den eigenen Besitz verwaltet.\u201c Wenn wir wollen, dass wir im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, dann brauchen wir neben barrierearmen Wohnungen auch Pools von Haushaltshilfen und anderen Dienstleistern vom Einkauf bis zur Gartenarbeit. An dieser Stelle sind inzwischen mit dem Pflegest\u00e4rkungsgesetz erste Schritte getan. Pr\u00e4ventive Hausbesuche und eine gute Pflegeberatung geh\u00f6ren ebenfalls dazu.<\/p>\n<p>Vor 25 Jahren hat Klaus D\u00f6rner mit seinem Wusch \u201eIch will leben und sterben, wo ich dazu geh\u00f6re\u201c viel angesto\u00dfen: Seitdem haben sich die Einrichtungen der Altenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, aber auch mit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen im Quartier. Das Caf\u00e9 im Altenzentrum, der Treff im Dorfladen kann ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr Alleinlebende sein. Wichtig ist: der Treffpunkt muss fu\u00dfl\u00e4ufig sein. Bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ist der Anteil der Frauen, die den F\u00fchrerschein besitzen, noch immer nicht so hoch wie in j\u00fcngeren Altersgruppen. 3,1 Mio. M\u00e4nner, 2,3 Mio. Frauen zwischen 70 und 79 haben eine Fahrerlaubnis. Sie sind schnell in ihrem Bewegungsradius eingeschr\u00e4nkt, wenn der Auto fahrende Partner pflegebed\u00fcrftig wird oder stirbt. So gewinnt der Nahbereich zunehmende Bedeutung. Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen deshalb immer \u00f6fter ernst damit, dass gemischte Wohnquartiere entstehen, in denen Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen. Und auch ganz neue Wohnmodelle werden erprobt, Seniorenwohngemeinschaften, die vielleicht an studentische Erfahrungen erinnern, aber auch Mehrgenerationenh\u00e4user.<\/p>\n<p>Die Idee dahinter: starke Nachbarschaften, in denen man einander unterhalb der Schwelle professioneller und bezahlter Dienstleistungen wechselseitig hilft. In diesen Nachbarschafts- und Quartiersprojekten, bei den Mittagstischen und in den Dorfl\u00e4den ist die Idee der Sorgenden Gemeinschaften popul\u00e4r geworden. In unserer Gesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstoptierung, geht es um ein Gegengewicht: um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung. Im letzten Freiwilligensurvey wurde zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt. Es ging dabei nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent helfen Nachbarn bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. Dabei zeigt sich: Die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern das Miteinander in der Nachbarschaft und damit die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die Feierabendh\u00e4user der Diakonissen in Kaiserswerth. Das Konzept glich einer offenen Wohngemeinschaft mit der M\u00f6glichkeit, sich selbst zu versorgen und ambulante Pflege zu bekommen. Es war sch\u00f6n zu sehen, wie viele J\u00fcngere aus der Gemeinschaft sich dort Rat und Unterst\u00fctzung holten. \u201eWenn ich selbst nicht zum Einkaufen komme\u201c, sagte letztes Jahr eine j\u00fcngere, berufst\u00e4tige Schwester \u201edann kaufen meine Feierabendschwestern f\u00fcr mich ein.\u201c Am Leben der J\u00fcngeren Anteil zu nehmen, ist f\u00fcr die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ein zentraler Lebensinhalt. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-j\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen Menschen, 61 Prozent im Engagement f\u00fcr andere Menschen und 60 Prozent haben das Bed\u00fcrfnis, \u2013 vor allem von den j\u00fcngeren Generationen \u2013 auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden. In ihrem Buch Vita Aktiva betont Hannah Arendt, wie wichtig es f\u00fcr jeden Menschen ist, sich mit anderen auszutauschen und am Leben teilzuhaben. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr hochaltrige, pflegebed\u00fcrftige und demenzkranke Menschen.<\/p>\n<p>Besonders auff\u00e4llig ist folgendes: Bei mehr als Dreivierteln der Heidelberger Befragten zwischen 80 und 99 steht die Todesn\u00e4he nicht im Vordergrund. Es ist auch nicht unbedingt die Pflegesituation \u2013 es ist das Gef\u00fchl, isoliert zu sein vom Leben, abh\u00e4ngig und dabei allein, das vielen Menschen so gro\u00dfe Angst macht. 85 Prozent der Befragten besch\u00e4ftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation \u2013 der Enkel und Urenkel. Der ehemalige Chefredakteur von Psychologie heute, Heiko Ernst, spricht in diesem Zusammenhang von Generativit\u00e4t. Dabei geht es nicht nur um die eigenen Kinder \u2013 es geht wie bei Simeon und Hannah um die Zukunft der n\u00e4chsten Generationen, die Zukunft unserer St\u00e4dte und D\u00f6rfer, das Leben der Natur. \u201eGenerativit\u00e4t\u201c, sagt Heiko Ernst, \u201eist unser Zukunftssinn. Wir richten das Denken \u00fcber die eigene Existenz hinaus. Generativit\u00e4t ist die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen, f\u00fcr andere da zu sein, sein Wissen und seine Erfahrungen weiter zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang vom Segen. Abraham, von dem es hei\u00dft, er sei alt und lebenssatt gestorben, hat sein Leben als gesegnet erlebt. \u201eDu sollst ein Segen sein\u201c &#8211; das war die Zusage, die ihn noch im Alter zum Aufbruch ins gelobte Land ermutigt hatte. Zahlreich wie die Sterne am Himmel w\u00fcrden seine Nachkommen sein, versprach Gott dem kinderlosen Abraham. Er ermutigt ihn, von einer Zukunft zu tr\u00e4umen, die noch gar nicht sichtbar ist. Dass Abram und Sara diesem Ruf des Lebens folgen, das macht sie zum inspirierenden Vorbild der Glaubenden, zu den Stammeltern von Juden, Christen und Muslimen. Und immer da, wo V\u00e4ter und M\u00fctter, wo die Alten den Jungen etwas von diesem Segen weitergeben, da \u00f6ffnen sie ihnen Zukunft &#8211; so wie meine Tante Hulda mir. Es gibt so viele M\u00f6glichkeiten das zu tun: mit der eigenen Lebensgeschichte, mit einem Erbst\u00fcck, mit einem Brief, den die Enkel oder Urenkel vielleicht erst in Zukunft lesen, aber auch mit einer Geste, einem Blick. Genauso wichtig ist aber, dass da Menschen sind, die den Segen annehmen und nach dem Fragen, was die Alten zu geben haben: Eine Gemeinschaft, ein Netzwerk, das bis hinein in die Pflegeeinrichtungen tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Winterarbeit: Vergeben und Vers\u00f6hnen <\/strong><\/p>\n<p>\u201eHaben Sie schon einmal getr\u00e4umt, sie m\u00fcssten sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen\u201c, hei\u00dft es in Max Frischs ber\u00fchmten Fragebogen. \u201eWas Sie hinterlassen? Die Weltlage? Eine Landschaft? Dass alles eitel war? Was ohne Sie nie zustande gekommen w\u00e4re? Die Unordnung in den Schubladen?\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht kennen Sie diesen Fragebogen aus Frischs Tageb\u00fcchern\u00a0\u2013 zu Freundschaft und Liebe, zum Geld und zum Tod. Wer ihn schon \u00f6fter gelesen hat, hat vielleicht entdeckt, wie sich die eigenen Antworten im Laufe des Lebens ver\u00e4ndern. So wie sich die eigene \u201eL\u00f6ffelliste\u201c ver\u00e4ndert- die Liste auf der Menschen notieren, was sie vor dem Tod noch sehen, erleben oder erreichen wollen, die \u201e Bucket-List\u201c der beiden alten M\u00e4nner aus dem Film \u201e Das Beste kommt noch\u201c: Klavierspielen lernen, nach Indien reisen, Vers\u00f6hnung suchen: Manches stellt sich als unwichtig heraus \u2013 anderes wird immer dr\u00e4ngender. Mit den Jahren verschieben sich auch die Priorit\u00e4ten \u2013 es trennt sich die Spreu vom Weizen.<\/p>\n<p>\u201eIm Alter erz\u00e4hlt man sich sein Leben neu\u201c, sagt die Autorin Ruth Kl\u00fcger \u2013 \u201eich beurteile die Menschen anders, als ich sie vorher beurteilt habe. Das Alter gibt die Chance, auf das Ganze zu sehen, offener zu werden und gro\u00dfz\u00fcgiger. Ich muss keine Angst um mein Ego mehr haben \u2013 ich kann einen Schritt zur\u00fccktreten und mich freuen, an dem was wird und geworden ist. Durch mich und auch durch andere\u201c. Es geht um Integrit\u00e4t \u2013 f\u00fcr E. Erikson die entscheidende Herausforderung des Alterns. Um \u201edie Bereitschaft, seinen einen und einmaligen Lebenszyklus zu akzeptieren und ebenso die Menschen, die f\u00fcr ihn bedeutsam geworden sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWinterarbeit\u201c nannte Kurt Rose, ein inzwischen verstorbener Freund, sein letztes Buch. Der Dichter vieler Kirchentagslieder, dessen Texte sogar im evangelischen Gesangbuch abgedruckt wurden, erinnerte sich in den letzten Jahren seines Lebens an die Auszeit, die er nach dem Krieg genommen hatte. Auf der Suche nach Orientierung lebte er damals mit seiner jungen Frau ein ganzes Jahr an einem finnischen See. In einer Holzh\u00fctte ohne Strom und Licht aber mit einem Kamin. In Einfachheit und Einsamkeit wollten die beiden sich klarmachen, was ihnen wirklich wichtig war \u2013 so wie jetzt noch einmal, bei der \u201eWinterarbeit. Wenn die Bl\u00e4tter fallen und die \u00c4ste kahl in den Himmel ragen, werden auch die Konturen deutlicher; wir sehen klarer. Was zeitbedingt war, tritt zur\u00fcck, Strukturen werden erkennbar \u2013 und die wesentlichen Fragen werden noch einmal zeitlos und pr\u00e4zise gestellt. Wozu sind wir hier? Was ist das Leben wert? Worauf d\u00fcrfen wir hoffen? Ein neuer, offener Raum entsteht, auch der innere Raum weitet sich \u2013 wir gewinnen \u201eDurchblick\u201c. Was war wichtig, worauf ist man stolz? Was ist einem nicht gelungen? Was soll in Erinnerung bleiben? Was sollen die, die man zur\u00fcckl\u00e4sst, vom Leben verstehen?<\/p>\n<p>Jetzt geht es darum, wahrzunehmen und zugleich hinter uns zu lassen, was uns an Vergangenheit oder Gegenwart \u201ekleben\u201c l\u00e4sst, und so zu innerer Ruhe und Freiheit zu finden. Es geht darum, dass wir von Barrieregef\u00fchlen frei werden, schreibt die Theologin Sabine Bobert \u2013 von Gef\u00fchlen wie Hass, Angst, Wut, Neid, L\u00e4hmung und Zweifel. Solche Gef\u00fchle entfremden uns voneinander und von uns selbst; sie schneiden uns von unserer Wesensmitte ab &#8211; und auch von der Gotteserfahrung. Im Alltagsstress unterdr\u00fccken wir sie oft \u2013 aber bei einer Krankheit oder im Urlaub, wenn pl\u00f6tzlich Zeit und Raum daf\u00fcr ist, werden sie dann wach. Und im Alter k\u00f6nnen die alten Gespenster noch einmal richtig munter werden. Dann kann es helfen, noch einmal den Weg nach innen zu gehen und sich in Erinnerung zu rufen, woher die versteckte Wut und die Bitterkeit r\u00fchren, die uns noch immer blockieren. Die alten Gef\u00fchle \u201ewollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen\u201c, schreibt Brigitte Hieronimus in ihrem Buch \u201eMut zum Lebenswandel\u201c. Situationen und Menschen, die uns schwierige Erfahrungen in Erinnerung rufen, nennt sie \u201eEntwicklungshelfer\u201c, weil sie dazu beitragen, das Blockierte in uns wieder wahrzunehmen und uns auszus\u00f6hnen mit den Ecken und Kanten des eigenen Lebens.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen wir uns bis ans Ende des Lebens entwickeln. Ja, die Zeit des Sterbens kann noch einmal ein ganz besonderer Entwicklungsschub auf das Neue hin sein \u2013 auf Liebe und Vers\u00f6hnung. Dazu geh\u00f6rt aber auch, dass wir Vers\u00e4umtes verabschieden und Verlorenes betrauern &#8211; Kinderlosigkeit oder der Verlust eines Lebenstraums sind eben nicht einfach \u201ereparierbar\u201c. Es hat bis in die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gedauert, bis klar war: Seelsorge und Psychotherapie haben auch im hohen Alter Sinn. Anfang der 80er Jahre hat James Fowler beschrieben, dass Menschen auch im Glauben Entwicklungsschritte durchlaufen &#8211; vom intuitiven und mythischen \u201eKinderglauben\u201c \u00fcber die reflektierte Auseinandersetzung mit Religion bis hin zu einer universellen Perspektive, in der wir die blo\u00dfe Identifikation mit den eigenen Traditionen \u00fcberwinden und zu einer umfassenden Liebe, einem \u201egrenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Seins\u201c finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Lernprozess steht an, der uns helfen kann, Gottes verborgene Gegenwart wieder zu sp\u00fcren. Sich auss\u00f6hnen, vergeben lernen, die Dinge nun noch einmal aus der Sicht unserer Widersacher zu sehen. \u201eEs geht darum, zu reifen und zu vergeben\u201c, sagt der Jesuit Piet von Bremen: \u201eVom Zustand des passiven Opfers ohne Kontrolle \u00fcber die Gef\u00fchle hin zur Einsicht, dass wir selbst die Quelle unserer Gef\u00fchle sind. Vergebung ist die langsam wachsende Einsicht, dass wir den anderen Menschen nicht unter Kontrolle haben k\u00f6nnen.\u201c \u00c4ndern k\u00f6nnen wir nur uns selbst. Der Jesuit und Seelsorger wei\u00df wohl, was f\u00fcr eine Herausforderung in dieser erneuten Konfrontation steckt &#8211; und ermutigt zugleich, \u00fcber den eigenen Schatten zu springen, damit wir uns nicht endlos im Kreis drehen und die erlittene Kr\u00e4nkung beklagen. Dabei geht es vor allem um einen inneren Prozess \u2013 er h\u00e4ngt nicht davon ab, ob die Menschen, die uns verletzt haben, f\u00fcr uns erreichbar sind oder \u00fcberhaupt noch leben. Und trotzdem wird es nicht gelingen, alles auszur\u00e4umen, was uns oder andere belastet &#8211; mancher Schmerz, mancher \u00c4rger begleitet uns lebenslang wie ein alter Bruch, eine tiefe Narbe. Es gen\u00fcgt, zu akzeptieren, dass auch das zu uns geh\u00f6rt. Und damit Frieden zu machen.<\/p>\n<p>In Seelsorge, Besuchsdienst und Hospizarbeit d\u00fcrfen wir Menschen in diesem Prozess begleiten &#8211; hin zu der \u201eAltersweisheit\u201c, die die westlichen Gesellschaften lange aus dem Blick verloren hatten. In Personen wie J\u00f6rg Zink oder Marianne Mitscherlich begegnen wir ihr wieder. Stephane Hessel, der mit seinem Buch \u201eEngagiert Euch\u201c einen Blick in die Zukunft er\u00f6ffnete, konnte damit auch und gerade J\u00fcngere inspirieren. Denn die unterschiedlichen Lebensalter haben Auftr\u00e4ge aneinander. F\u00fcr \u00c4ltere geht es darum, das Generationenerbe weiter zu geben und die Zukunft offen zu halten \u2013 nicht nur individuell, sondern generativ. J\u00fcngere k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass diese Erfahrungen geh\u00f6rt werden und Raum bekommen. Und dazu sind auch ganz praktische Schritte und Angebotsstrukturen n\u00f6tig: Erz\u00e4hlcaf\u00e9s zum Beispiel, biographisches Schreiben oder Feste, bei denen das Leben der \u00c4lteren im Mittelpunkt steht. Es geht um mehr als um Besuchsdienste in Einrichtungen der Altenhilfe &#8211; es geht um R\u00e4ume, in denen die \u00c4lteren zum Subjekt werden und geben k\u00f6nnen. Das kann ein Samstagnachmittag sein, an dem Konfirmanden und ihre Gro\u00dfeltern \u00fcber ihre Konfirmationsspr\u00fcche ins Gespr\u00e4ch kommen. Oder eine Erz\u00e4hlwerkstatt \u00fcber Fluchterfahrungen oder auch \u00fcber die Nachkriegsgeschichte des Ortes. Wer keinen Platz im Leben der anderen mehr hat, wer nicht mehr geben kann, der muss sich \u00fcberfl\u00fcssig f\u00fchlen \u2013 des Lebens \u00fcberdr\u00fcssig. Kirchengemeinden und Diakonie haben viele M\u00f6glichkeiten, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen sich austauschen &#8211; auf Augenh\u00f6he im Geben und Nehmen. Im Mehrgenerationenhaus, in der Nachbarschaft, im Gemeindehaus oder Quartierskaffee oder auch im Appartement des Pflegeheims.<\/p>\n<p>Jeder, der das letzte Kapitel des eigenen Lebens bewusst gestalten will, sollte die notwendige Unterst\u00fctzung bekommen, um Beziehungen abzuschlie\u00dfen, das eigene Erbe zu regeln, mit Gottvertrauen ins Offene zu gehen und denen, die bleiben, Segen zu hinterlassen. Dabei k\u00f6nnen Angeh\u00f6rige, aber auch Freunde und Freiwillige eine wichtige Rolle spielen. So wie Sie &#8211; die Mitarbeitenden in ambulanten Hospizdiensten, in Besuchsdiensten oder bei den \u201eGr\u00fcnen Damen und Herren\u201c. Aber auch Musikerinnen und Musiker, die Konzerte in Altenheimen anbieten, oder Autorinnen, die Biographien gestalten. Der Liedermacher Martin Buchholz hat die Besucher seiner Konzerte gebeten, Augenblicke des Gl\u00fccks auf einer Postkarte aufzuschreiben und ihm zu schicken. Tausende haben das getan. In dem Buch \u201eTage mit Goldrand\u201c findet sich eine inspirierende Auswahl daraus. Neben den Karten stehen Interviews, darunter ein Gespr\u00e4ch mit Kathrin Fester, die als Malerin die blinde 106-j\u00e4hrige Frieda Mayer\u2013Melikowa in einem Seniorenheim gezeichnet hat. \u201eIch empfinde meine Bilder als meine pers\u00f6nliche W\u00fcrdigung des Lebens von Frau Mayer-Melikowa\u201c, sagt Kathrin Feser, \u201eeine W\u00fcrdigung, die ihr in den langen Jahren ihres Lebens nicht zugekommen ist. (\u2026) Vielleicht wird ja eines Tages eine ganz besondere Zeichnung entstehen und man wird sagen: Das war Frau Mayer-Melikowa. Sie ist sehr alt geworden und sie hat sehr viel in ihrem Leben durchgemacht. Aber sie hat an ihrem Glauben festgehalten. Und sie war ein liebenswerter Mensch.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Dankbar loslassen<\/strong><\/p>\n<p>Im Aufbruch zum dritten Lebensabschnitt habe ich von einem \u00e4lteren Paar getr\u00e4umt, das gemeinsam eine gro\u00dfe Gr\u00fcnlilie umpflanzte\u00a0\u2013 in viele kleine Blument\u00f6pfchen. Mein Mann und ich besuchten die beiden im Traum\u00a0\u2013 wir waren noch jung und sahen uns selbst in ihnen. Die Frau wollte die Pfl\u00e4nzchen zu ihrem 80. Geburtstag verschenken\u00a0\u2013 etwas aus ihrem Haus f\u00fcr alle, die ihr lieb sind. Lebendiges Erbe \u2013 Gr\u00fcnlilien schlagen Luftwurzeln und lassen sich ganz leicht in neue Erde verpflanzen. Das ist es, dachte ich, was jetzt dran ist: loslassen und weitergeben, damit aus dem Alten Neues w\u00e4chst auf der neuen Erde. Damit weiter Bl\u00fcten und Fr\u00fcchte wachsen. So wie in der Ballade vom alten Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, in dessen Garten ein Birnbaum stand. Wie der Alte sich listig eine Birne mit ins Grab geben lie\u00df, weil er dem eigenen Sohn nicht traute, aber sicherstellen wollte, dass auch die n\u00e4chste Generation der Nachbarskinder Birnen ernten konnte, das hat mich schon als Sch\u00fclerin beeindruckt. Und ich kenne eine Gruppe \u00e4lterer Diakonissen, die an dieser Ballade durchgespielt hat, was weitergehen soll von dem, was sie bewegt hat, wenn die eigene Tradition zu Ende geht. Und wie sie selbst mit Klugheit daf\u00fcr sorgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der alte Diakonissenspruch f\u00e4llt mir ein, den ich vor einiger Zeit in Gallneukirchen im Fenster der fr\u00fcheren Mutterhauskapelle wiederentdeckte. \u201eMein Lohn ist, dass ich darf\u201c, hei\u00dft es da. \u201eIch diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dankbarkeit und Liebe\u2026 Und wenn ich dabei alt werde? So wird mein Herz gr\u00fcnen wie ein Palmbaum und der Herr wird mich s\u00e4ttigen mit Gnade und Erbarmen. Ich gehe mit Frieden und sorge nichts.\u201c Der Spruch stand in Neuendettelsau, in Kaiserswerth und in vielen anderen Mutterh\u00e4usern auf den Nachttischen der Probeschwestern genauso wie in den Schul- und Liederb\u00fcchern. \u201eMein Lohn ist, dass ich darf.\u201c Im R\u00fcckblick hat sich mancher der Verantwortlichen daf\u00fcr gesch\u00e4mt. Denn bis heute erhalten Erzieherinnen und Pflegende zu wenig Lohn f\u00fcr ihre Arbeit. Trotzdem liegt eine tiefe Wahrheit in dem alten Spruch: Wer Gutes erfahren hat, wer begriffen hat, was im Leben wirklich tr\u00e4gt, m\u00f6chte das anderen weitergeben<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn ich dabei alt werde, so wird mein Herz gr\u00fcnen wie ein Palmbaum\u2026\u201c Der Diakonissenspruch enth\u00e4lt ein gro\u00dfes Gl\u00fccksversprechen. Dass wir lebendig bleiben, wenn wir unsere Erfahrungen reflektieren und das Gute weitergeben. Dass wir so Frieden machen mit dem Leben und schlie\u00dflich gut abschlie\u00dfen k\u00f6nnen. \u201eAbdanken\u201c nennt man in der Schweiz nicht nur den R\u00fccktritt, sondern auch die Beerdigung \u2013 oft die letzte Gelegenheit, an das Gute zu erinnern, dass unser Leben getragen hat. Immer mehr Menschen denken inzwischen nicht nur \u00fcber ihr Sterben, sondern auch \u00fcber ihre Beerdigung nach, gestalten die Todesanzeige und das Fest im Voraus. \u201eWenn ich die Chance dazu bekomme, m\u00f6chte ich gern auf meiner eigenen Trauerfeier etwas sagen- per Video, wie das ja l\u00e4ngst m\u00f6glich ist\u201c, schreibt die Journalistin Christine Westermann, die dieses Jahr 70 wird. \u201eChance hei\u00dft, wenn ich bewusst sterben kann. Wenn abzusehen ist, dass mein Leben zu Ende geht. Ich m\u00f6chte etwas dazu sagen, wie es war, mein Leben zu leben.\u201c Meine Pl\u00e4ne f\u00fcr mein Begr\u00e4bnis sind weit gediehen. Die Musik ist noch ein unsicherer Faktor, sie wechselt von der Fledermausouvert\u00fcre \u00fcber das Trinklied aus La Traviata bis hin zu Eric Claptons \u201eAutumn leaves\u201c \u2013 ein Lied, das mich zu Lebzeiten zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt. Und wenn alle Tr\u00e4nen geweint sind, soll es fr\u00f6hlich und ausgelassen zu gehen bei meinem Leichenschmaus.\u201c<\/p>\n<p>Ich finde es gut, schon vor der Beerdigung zu danken. Mit einem Brief, einem Blumenstrau\u00df oder auch mit einem Fest. Die Menschen, mit denen ich verbunden bin, an den gedeckten Tisch einzuladen, sich gemeinsam zu erinnern, Musik zu h\u00f6ren und zu tanzen und schlie\u00dflich das Glas zu erheben auf das, was war und was kommt. \u201eDer \u00dcberschwang eines dankbaren Herzens ehrt Gott, selbst wenn es sich nicht in Worten an ihn wendet. Der Ungl\u00e4ubige, den Dankbarkeit f\u00fcr sein Dasein erf\u00fcllt, ist kein Ungl\u00e4ubiger mehr\u201c, hat der Theologe Paul Tillich geschrieben. Dankbar sein zu k\u00f6nnen, bedeutet eben immer schon, sich mit dem eigenen Leben auf andere, ja, auf ein Ganzes zu beziehen.<\/p>\n<p>\u201eNicht alles steht uns vor Augen, aber manche Fr\u00fcchte d\u00fcrfen wir noch erkennen\u201c, hei\u00dft es in einer Gottesdienstordnung zum Abschied von kirchlichen Mitarbeitern. Dabei stelle ich mir das Vierfache Ackerfeld aus dem Gleichnis Jesu vor Augen: Welche Saat aufgeht, welche eingeht, das wissen wir nicht vorher und es liegt nicht nur an uns.\u201c Aber im R\u00fcckblick kann Dankbarkeit wachsen. Wir erkennen einen Strom des Gedeihens, der durch uns hindurch zu anderen f\u00fchrt &#8211; und von weither zu uns kommt. Diese Art von Dankbarkeit \u00fcberflutet mich, wenn ich erlebe, dass meine Initiativen \u201eweiter leben\u201c, dass und wie fr\u00fchere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich entwickeln, wie Konfirmandinnen und Konfirmanden sich nach vielen Jahren wieder melden.<\/p>\n<p>\u201eDankbarkeit verhindert, dass ich alles Gute, das mir widerf\u00e4hrt, als Selbstverst\u00e4ndlichkeit annehme; etwas, auf das ich schlie\u00dflich auch Anspruch habe\u201c, schreibt Sabine Asgodom \u2013 sie sieht in der Dankbarkeit einen der zw\u00f6lf Schl\u00fcssel zur Gelassenheit. Das Symbol daf\u00fcr ist eine Schale, in der wir das Gute einsammeln, das wir unverdient empfangen haben \u2013 gute und schwierige Erfahrungen, Lehrer und gute Begleiter auch in Krisensituationen, Menschen an unserer Seite und vielleicht auch die Sonne auf unserer Haut und das Glas Wasser, das unsere Lebensgeister weckt. Wer auch die kleinen Gl\u00fccksmomente bewusst einsammelt wie die Glasmurmeln, die manche von der linken in die rechte Hosentasche wandern lassen, der wird am Ende des Tages dankbar entdecken, dass seine Schale gef\u00fcllt ist. Bis an den Rand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Abschied nehmen<\/strong><\/p>\n<p>Letzte Woche war ich auf einer Coaching-Fortbildung, bei der es immer wieder auch darum ging, das eigene Leben zu reflektieren. Die eigenen Erfahrungen\u00a0\u2013 die eigenen Erwartungen. Wir waren zu zehnt \u2013 f\u00fcnf M\u00e4nner, f\u00fcnf Frauen. Am letzten Tag bekam jeder Mann in der Runde einen Zollstock, den er unterhalb der 90 cm durchbrechen und dann mit einer Frau teilen sollte. Das St\u00fcck, das ich dann in der Hand hielt, war etwa 85 cm lang. Da beginnt nach unserer offiziellen Rechnung die Hochaltrigkeit.<\/p>\n<p>Neugeborene M\u00e4dchen haben zurzeit eine Lebenserwartung von 83 Jahren, Jungen von 78 Jahren. 60 ist die neue 50. Drei Viertel der Befragten ab 60 Jahren f\u00fchlen sich jedenfalls j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Und immerhin die H\u00e4lfte der 70- bis 85-j\u00e4hrigen f\u00fchlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund. Noch nie in der Geschichte sind Menschen so gesund alt geworden, noch nie war die Breite der Bev\u00f6lkerung so gut ausgebildet, so kompetent und selbst\u00e4ndig wie heute, noch nie gab es auch so viele M\u00f6glichkeiten, sich zu vernetzen und gut zu organisieren. Und wie schon an anderer Stelle gesagt: die Wahrscheinlichkeit, dass wir dement oder pflegebed\u00fcrftig werden, ist l\u00e4ngst nicht so hoch, wie viele bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Und trotzdem gilt es, sich damit auseinanderzusetzen, dass die Kr\u00e4fte nachlassen, auch wenn wir das lange hinausz\u00f6gern k\u00f6nnen. F\u00fcr gute Rahmenbedingungen zu sorgen, damit wir nicht nur deswegen in eine station\u00e4re Einrichtung gehen m\u00fcssen, weil wir uns nicht mehr selbst versorgen k\u00f6nnen. Und St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Abschied zu nehmen, wenn der Abschied dran ist. Von einer Rolle, die nicht mehr passt. In der Familie oder im Beruf. Von dem Haus, das wir nicht mehr wirklich bewohnen und brauchen. Von Dingen, die uns l\u00e4ngst \u00fcber den Kopf wachsen. Von einem Lebenstraum, der nicht realistisch war.<\/p>\n<p>Atul Gawande erz\u00e4hlt von seinem Gro\u00dfvater, einem alten Inder, der es gewohnt war, jeden Morgen um die Felder zu reiten, die zu seinem Gut geh\u00f6rten \u2013 um sich zu versichern, dass alles seinen Gang ging. Als er dabei vom Pferd gefallen war und sich verletzt hatte, empfahl ihm niemand aus der Verwandtschaft, diese Gewohnheit zu \u00e4ndern, die doch so sehr zu seinem Selbstsein geh\u00f6rte. Sie kauften ihm stattdessen ein Pony. Gelingendes Altern, so die Psychologen Baltes und Baltes, l\u00e4sst sich nach dem Modell SOK beschreiben: Selektion, Optimierung, Kompensation: Wir machen uns unsere wichtigsten Ziele klar, wir passen mit dem \u00c4lterwerden unsere Strategien an und suchen nach Kompensation, wenn es auf dem alten Weg nicht mehr geht. Also: Pony statt Pferd. Wohnung mit Aufzug statt Haus. Bahnhofsn\u00e4he statt eigenes Auto.<\/p>\n<p>\u201eManchmal ist es federleicht\u201c, hei\u00dft das Buch von Christine Westermann. Es geht darin um freiwillige und unvermeidliche Abschiede. Um den Abschied von ihrer Sendung \u201eZimmer frei\u201c, den Abschied von Kollegen und Freundinnen. Christine Westermann erz\u00e4hlt, wie befreiend es sein kann, einen Wohnort oder eine Aufgabe hinter sich zu lassen, wie schmerzhaft, Freunde zu verlieren. Schlie\u00dflich geht es um den eigenen Abschied. Was w\u00e4re, wenn sie um ihren Sterbetag, ihr Sterbejahr w\u00fcsste? Loslassen also \u2013 wir \u00fcben ja schon. \u201eDas, was unter das Stichwort Erbe f\u00e4llt, w\u00fcrde ich zu Lebzeiten unter die Leute bringen. Und wenn noch was \u00fcbrigbleibt, ein Haus mit Blick aufs Meer mieten. Ach, mutiger w\u00fcrde ich sein, mir selbst vertrauen. W\u00e4hrend ich das formuliere, frage ich mich, worauf warte ich noch? Ich habe doch nur noch ein paar tausend Tage. Erreiche ich das rein statistische Durchschnittsalter f\u00fcr Frauen, sind es von jetzt an gerechnet noch 13 Jahre \u2013 4745 Tage.\u201c<\/p>\n<p>Loslassen und beschenkt werden\u00a0\u2013 das gilt es zu \u00fcben, wenn wir alt und lebenssatt sterben wollen. Und manchmal kann das sehr weh tun. Erinnern Sie sich an die Geschichte von Hiob, der sein ganzes Gut und auch seine S\u00f6hne verlor und schlie\u00dflich unter einer schweren und entw\u00fcrdigenden Krankheit litt. Der dann sogar seine Freunde verlor, weil er den falschen Trost nicht mehr h\u00f6ren konnte? Trotzdem hei\u00dft es am Ende der Geschichte: \u201eHiob lebte 140 Jahre. Und er sah seine Kinder und seine Kindeskinder, vier Generationen. Und er starb, alt und der Tage satt.\u201c<\/p>\n<p>Wie kann das sein? Ist das ein Traum \u2013 ein Traum vom Alter oder einer von einer neuen Welt? Die Bibel erz\u00e4hlt, wie Hiobs Geschick sich wendet. Er wird gesund und die Geschwister und Freund kehren zur\u00fcck\u00a0\u2013 sie besuchen ihn, bekunden ihm ihre Anteilnahme und tr\u00f6sten ihn &#8211; und sie schenken ihm jeder einen goldenen Ring. So lebt er wieder in der Gemeinschaft. \u201eUnd er bekam vierzehntausend Schafe und sechstausend Kamele und tausend Gespanne Rinder und tausend Eselinnen. Und es wurden ihm sieben S\u00f6hne und drei T\u00f6chter geboren. Und er gab der ersten den Namen Jemima und der zweiten den Namen Kezia und der dritten den Namen Keren-Happuch. Und so sch\u00f6ne Frauen wie die T\u00f6chter Hiobs fand man im ganzen Land nicht. Und ihr Vater gab ihnen ein Erbteil mitten unter ihren Br\u00fcdern. Und Hiob sah seine Kinder und seine Kindeskinder, vier Generationen. Und Hiob starb, alt und der Tage satt.\u201c<\/p>\n<p>Am Ende also heilen die Wunden \u2013 darauf d\u00fcrfen wir uns freuen. Am Ende steht die Erfahrung, beschenkt zu werden. Und Lebensfreude pur. Es lohnt sich dar\u00fcber nachzudenken, was wir f\u00fcr uns und f\u00fcr andere tun k\u00f6nnen, um das zu erfahren. F\u00fcr die einen ist es ein Fest, f\u00fcr die anderen eine Reise zum Haus am Meer\u00a0\u2013 vielleicht schauen Sie selbst noch mal auf ihre L\u00f6ffelliste. Und fragen die Menschen, die Ihnen anvertraut sind, danach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Bad Rappenau, 19.3.18<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom guten Abschiednehmen im hohen Alter 1. Ich habe genug Der bekannte Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels glaubt an die&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3466\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":466,"menu_order":96,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3466","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3466"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3466"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3529,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3466\/revisions\/3529"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}