{"id":3464,"date":"2018-03-26T10:40:42","date_gmt":"2018-03-26T10:40:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3464"},"modified":"2019-01-24T11:45:33","modified_gmt":"2019-01-24T10:45:33","slug":"die-beduerfnisse-von-familien-und-der-auftrag-der-kirche","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3464","title":{"rendered":"Die Bed\u00fcrfnisse von Familien und der Auftrag der Kirche"},"content":{"rendered":"<p><strong>1.Familiengl\u00fcck- Wunsch und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNirgendwo in Europa ist der Anspruch, wie das Familienleben zu gestalten sei, derart hochgesteckt wie bei uns\u201c, schreibt Christine Eichel. Dabei spielt nach Meinung der Autorin eine entscheidende Rolle, dass Luther die Themen Elternschaft und Erziehung ins Zentrum seines Nachdenkens \u00fcber Familie gesetzt hat. Im Verh\u00e4ltnis der Eltern zu ihren Kindern sah er das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Mensch abgebildet: \u201eGott befiehlt Vater und Mutter das Amt, dass sie Kinder erziehen, wobei man lernen und gleichwie in einem Spiegel sehen kann, wie Gott uns gegen\u00fcber gesinnt ist\u2026 Wie des Vaters Herz gegen\u00fcber den Kindern, so steht Gottes Herz dir gegen\u00fcber. Daher kommt das Sprichwort und ist wohl auch wahr, dass Vater und Mutter an den Kindern den Himmel und die H\u00f6lle verdienen k\u00f6nnen, je nachdem, ob sie ihnen gut oder \u00fcbel vorstehen.\u201c Kinder zu erziehen, ist also eine Lebensaufgabe und darin zugleich ein geistliches Amt. F\u00fcr Luther sind die Eltern \u201eApostel, Bisch\u00f6fe und Pfarrer\u201c f\u00fcr ihre Kinder, Familie ist der Mikrokosmos g\u00f6ttlicher Herrschaft, Keimzelle der Gesellschaft. Sie ist bis heute in allen Umbr\u00fcchen die \u201eW\u00e4rme \u2013 und Werteinsel\u201c, die Kontinuit\u00e4t und Solidarit\u00e4t versprach.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geh\u00f6ren \u2013 allen Trennungen und Scheidungen zum Trotz\u00a0\u2013 ein gl\u00fcckliches Familienleben und eine stabile Partnerschaft zu den sehnlichsten W\u00fcnschen der allermeisten; das gilt, wie Umfragen zeigen, gerade f\u00fcr die Jungen. Angesichts gravierender gesellschaftlicher Umbr\u00fcche wird die Familie als Schutzraum erfahren, als Ressource erlebt. \u201eFamilien werden dabei vielf\u00e4ltige Aufgaben zugetraut und zugemutet: Kinder sollen so erzogen werden, dass sie das Leben in einer auf Individualisierung angelegten Wissensgesellschaft bestehen. Ehe und Lebenspartner sollen sich gegenseitig erm\u00f6glichen, pers\u00f6nliches Gl\u00fcck zu erfahren und zu genie\u00dfen und einander eine St\u00fctze sein. Kranke und alte Menschen sollen versorgt werden, verwandtschaftliche, nachbarschaftliche und freundschaftliche Netze wollen gepflegt und weiterentwickelt werden.\u201c Als Gemeinschaft soll die Familie vielf\u00e4ltige gesellschaftliche Anforderungen ausbalancieren.<\/p>\n<p>Das Zitat stammt aus der Orientierungshilfe der EKD zur Familienpolitik, die 2013 unter dem Titel \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde. Der Titel beschreibt das zentrale Spannungsfeld. Laut einer Allensbach-Studie lehnen 64 Prozent der Deutschen mit einem Kind, aber nur 27 Prozent der Franzosen weiteren Nachwuchs ab. In Deutschland, meint Eichel, spuke die Idee einer idealen Familie in den K\u00f6pfen, \u201eein trautes Heim mit Pr\u00e4senz m\u00f6glichst beider Eltern, viel Zeit f\u00fcr Erziehung, Bildung und gemeinsame Unternehmungen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Was wir erleben: Die f\u00fcnf gro\u00dfen Herausforderungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.1 Erwerbsarbeit und sp\u00e4te Familiengr\u00fcndung <\/strong><\/p>\n<p>Lange Ausbildungszeiten und Berufseinstiegsphasen, aber auch mangelnde Unterst\u00fctzungsangebote haben dazu gef\u00fchrt, dass die Familiengr\u00fcndung immer weiter hinausgeschoben wird. Das Durchschnittsalter der Erstgeb\u00e4renden liegt gegenw\u00e4rtig bei 29 Jahren (Ostdeutschland: 27 Jahre). Die Zeit f\u00fcr Familiengr\u00fcndung ist knapp geworden. 60% der Kinder werden von M\u00fcttern zwischen 26-35 geboren. Dabei spielt Reproduktionsmedizin eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle.<\/p>\n<p>Wenn alle erwachsenen Erwerbst\u00e4tigen \u2013 Frauen wie M\u00e4nner, unabh\u00e4ngig von ihren familialen Verpflichtungen \u2013 dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen sollen, wie es sowohl im SGB II als auch im Unterhaltsrecht voraus gesetzt wird \u2013 und wie es nach der j\u00fcngsten \u201eBrigitte-Studie\u201c von Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum heute junge M\u00e4nner wie Frauen f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten \u2013 dann brauchen Familien mehr Unterst\u00fctzung bei Erziehung und Bildung, bei der Pflege und in Krisensituationen. Fehlende Betreuungseinrichtungen, aber auch die nach wie vor unterschiedlichen Einkommen von M\u00e4nnern und Frauen f\u00fchren zurzeit dazu, dass vor allem Frauen ihre beruflichen Ambitionen zur\u00fcckstellen, sobald Kinder geboren werden. Auch Paare mit anfangs partnerschaftlicher Rollenteilung geben diese sp\u00e4testens mit der Geburt des zweiten Kindes zugunsten traditioneller Formen auf. Frauen \u00fcbernehmen den Hauptteil der Familien- und Hausarbeit. Laut Brigitte-Studie von Jutta Allmendinger stimmten im Jahr 2012 53% der Frauen der Aussage zu: \u201eWer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen.\u201c (bei der Vorl\u00e4uferstudie 2007 sagten das nur 36%). Die befragten Frauen, die Kinder bekommen haben, f\u00fchlten sich beruflich ausrangiert. Nach einer Studie des Instituts f\u00fcr Arbeit und Besch\u00e4ftigung (IAB) im Zusammenhang mit dem j\u00fcngsten Familienbericht der Bundesregierung w\u00fcnschen sich Frauen zwar eine l\u00e4ngere Arbeitszeit, n\u00e4mlich die so genannte lange Teilzeit von 30 Stunden &#8211; aber M\u00e4nner w\u00fcnschen sich das gleiche.<\/p>\n<p>Kinder, K\u00fcche und Erwerbsarbeit sind immer noch schwer zu vereinbaren. Offenbar stimmen weder die finanziellen noch die zeitpolitischen Voraussetzungen. Und wenn man die alte Formel noch einmal anschaut: Erwerbsarbeit auf der einen Seite und Kinder, K\u00fcche und Kirche auf der anderen &#8211; \u00d6konomie also auf der einen und Familie und Religion auf der anderen, dann wird uns bewusst: Es ist eben auch eine Frage der Zeit, ob Kirche und Religion zwischen K\u00fcche und Erwerbsarbeit \u00fcberhaupt noch eine Rolle spielen. Nach wie vor ist Familie die wichtigste religi\u00f6se Sozialisationsinstanz, aber f\u00fcr das Abendgebet, den Sonntag, f\u00fcr Feste brauchen Familien gemeinsame Zeit. Diese Zeit ist bedroht. Und das bedeutet f\u00fcr die Kirche: die religi\u00f6se Funktion der Familien ist von erheblichen Traditionsabbr\u00fcchen bedroht. Dabei ist deutlich: Mehr als Familien Kirche brauchen, braucht Kirche Familien, sie lebt von Familienleistungen &#8211; von der religi\u00f6sen Erziehung bis zu F\u00fcrsorge und Ehrenamt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.2 Vielfalt der Familienformen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu. Ein Drittel aller Kinder werden nichtehelich geboren. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zwanzig Jahren. Hier besteht allerdings ein markanter deutsch-deutscher Unterschied: Im Westen sind es n\u00e4mlich nur 27% der Kinder, im Osten 61%. Der Zusammenhang von Eheschlie\u00dfung und Geburten \u2013 und damit auch der zwischen Ehe und Familie l\u00f6st sich. Ehe ist nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder. Zwar sind noch 72% der Familien Ehepaare mit Kindern (BMFSFJ 2012: 22), aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. Die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu. Familie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr \u201eHerstellungsgemeinschaft\u201c, auf bewussten, oft spannungsreichen Entscheidungen gegr\u00fcndet &#8211; von der Familienplanung bis zu den Patchworkfamilien.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.3 Polarisierung der Lebensformen von Familien<\/strong><\/p>\n<p>Dabei w\u00e4chst drittens die gesellschaftliche und \u00f6konomische Spreizung &#8211; nicht nur deshalb, weil sich die sozialen Milieus in Deutschland in hohem Ma\u00dfe auseinanderentwickeln. Auff\u00e4llig ist die Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die f\u00fcr Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Familienarbeit wird finanziell nur dann honoriert, wenn sie Ehe- oder Lebenspartnerschaft basiert ist. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten k\u00f6nnen, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von Einkommensarmut betroffen. Laut Stiftung f\u00fcr Zukunftsfragen schrecken 67 Prozent der jungen Leute die Kosten f\u00fcr Kinder, 60 Prozent wollen frei bleiben und 57 Prozent f\u00fcrchten um ihre Karriere.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.4 Kulturell-ethnische Vielfalt in der Einwanderungsgesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Fast jede dritte Familie hat inzwischen einen Migrationshintergrund (30 Prozent in West-, 14 Prozent in Ostdeutschland, BMFSFJ 2010: 18). Zu diesen Familien z\u00e4hlen alle Eltern-Kind-Gemeinschaften, bei denen mindestens ein Elternteil eine ausl\u00e4ndische Staatsangeh\u00f6rigkeit besitzt oder die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit beispielsweise durch Einb\u00fcrgerung erhalten hat. Knapp ein Viertel der zugewanderten Familien kommt aus der T\u00fcrkei. Etwa ein F\u00fcnftel stammt aus Osteuropa, ein weiteres F\u00fcnftel aus s\u00fcd- oder westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern (BMFSFJ 2010: 19). Wenn man sich vorstellt, dass noch in der Nachkriegszeit Ehen daran scheiterten, dass die Paare nicht \u201edas gleiche Gesangbuch\u201c hatten, l\u00e4sst sich ahnen, welche Herausforderung in der religi\u00f6sen Vielfalt steckt, die damit verbunden ist.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.5 Mobilit\u00e4t und unterschiedliche Zeitregime<\/strong><\/p>\n<p>In einem Artikel f\u00fcr \u201eLe Monde diplomatique\u201c kommt der Soziologe Eric Klingenberg zu dem Ergebnis, dass Alleinleben der beste Weg ist, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle, eben Autonomie. Single zu sein ist l\u00e4ngst kein Durchgangsstadium mehr, sondern eine Lebensform &#8211; genauso wie Alleinerziehend zu sein. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren ist betroffen &#8211; und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. In ihrem Buch: \u201eLiebe aus dem Koffer\u201c nennt Alexandra Berg die Lebensformen der Mobilen beim Namen: \u201eWeiblich, mobil, kinderlos\u201c, \u201eM\u00e4nnlich, mobil, Kinder &#8211; ein Lebensmodell auf Kosten der Frau\u201c \u2013 und \u201eMobiles Paar, verpasstes Familienleben.\u201c Zur\u00fcck bleiben die Immobilen, die Alten und oft genug die Kinder, die eben, die in besonderem Ma\u00dfe auf andere angewiesen sind. Auf dem Hintergrund zunehmender Mobilit\u00e4t schwindet die M\u00f6glichkeit, an einem Ort wirklich Wurzeln zu schlagen, und die schiere Zahl der Lebens- und Arbeitsbeziehungen bedroht die Dauer der Bindungen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Zusammenfassung: Ver\u00e4nderungsprozesse und Bed\u00fcrfnisse<\/strong><\/p>\n<p>Hinter den aktuellen Statistiken stehen l\u00e4ngerfristige Ver\u00e4nderungsprozesse: die medizinischen M\u00f6glichkeiten der Familienplanung haben die l\u00e4ngst schon begonnenen Emanzipationsbewegungen von Frauen in der Erwerbsarbeit beschleunigt, w\u00e4hrend zugleich die Bedeutung von Erwerbsarbeit in den entwickelten Gesellschaften zunahm. Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft, wie Hannah Arendt bereits Anfang der 1960er Jahre festgestellt hat. Denn tats\u00e4chlich lebt ja die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ja inzwischen nicht mehr in Familienhaushalten. Und allen W\u00fcnschen nach heiler Familie zum Trotz nimmt die \u201eVersingelung\u201c der westlichen Gesellschaften zu. Alleinleben scheint der beste Weg, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben, so der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg nach einer Untersuchung des Time-Magazins zu den Trends unserer Zeit. Single-Sein bedeute Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle, eben Autonomie. Trotz aller Junggesellenabschiede: Allein zu leben ist l\u00e4ngst kein Durchgangsstadium mehr. Single zu sein, ist eine Lebensform und auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren \u2013 also in der Zeit der Familiengr\u00fcndung &#8211; ist betroffen, und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. Zur\u00fcck bleiben die Immobilen \u2013 die \u00c4lteren, die ihre H\u00e4user in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen k\u00f6nnen, die M\u00fctter mit kleinen Kindern &#8211; eben alle, die in besonderem Ma\u00dfe auf andere angewiesen sind. Wenn die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt in Frage steht, wird alles zur Disposition gestellt, was Menschen bindet &#8211; Wohnort, Haus und Familie.<\/p>\n<p>Angesichts der niedrigen Geburtenrate, des kommenden Fachkr\u00e4ftemangels und des tiefgreifenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt stehen allerdings nicht nur die Einzelnen vor der Frage, wie Bildung, Erwerbsarbeit und famili\u00e4re F\u00fcrsorge im Lebenslauf besser zu vereinbaren und gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen sind. Darin liegt auch eine gro\u00dfe sozialpolitische Herausforderung, die weit \u00fcber das Feld der klassischen Familienpolitik hinausgeht. Denn die Ver\u00e4nderungsdynamik nimmt zu, die Erwartung an Mobilit\u00e4t w\u00e4chst: Wo in der Moderne berufliche Wechsel und Statusver\u00e4nderungen noch von Generation zu Generation sich vollzogen, haben Menschen in der Postmoderne mehrere Berufe, oft mehrere Partnerschaften im Laufe des eigenen Lebens. Die schiere Zahl der Arbeits- und Lebensbeziehungen nimmt zu und die M\u00f6glichkeit, an einem Ort Wurzeln zu schlagen und Heimat zu finden, schwindet. Jedenfalls richtet sich die Sehnsucht vieler darauf, sich verorten zu k\u00f6nnen in den gro\u00dfen und manchmal verst\u00f6renden Transformationsprozessen, sich zu Hause f\u00fchlen zu k\u00f6nnen in einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft \u2013 in Familie, Heimat, Freundschaften. Aber auch im Mikrokosmos zeigen sich Individualisierung und Beschleunigung: in der Familie kollidieren die unterschiedlichen Zeitrhythmen und Zeitregime von Wirtschaft, Schule und Freizeit.<\/p>\n<p>Familienpolitik betrifft alle Ressorts- Arbeitsm\u00e4rkte wie Gesundheitssystem, Bildung wie Altenhilfe und ist damit vom frauenpolitischen Sonderthema zu einer zentralen Querschnittsaufgabe geworden. Familien brauchen Unternehmen, die der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hohe Priorit\u00e4t einr\u00e4umen, Ganztagsangebote in der Bildung und soziale Dienste, die partnerschaftlich mit ihnen zusammenarbeiten. Und Kirchengemeinden, die ihnen zur Seite stehen. Wenn allerdings die sozialpolitischen Rahmenbedingungen mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht Schritt halten, geraten Familien in Zerrei\u00dfproben oder zerbrechen gar an \u00e4u\u00dferer und innerer \u00dcberforderung.<\/p>\n<p>Viel bewusster als in fr\u00fcheren Generationen m\u00fcssen deshalb Familien selbst die Form ihres Zusammenlebens immer wieder auf den Pr\u00fcfstand stellen. Rollen, Aufgaben und Beziehungen wandeln sich mit den inneren und \u00e4u\u00dferen Herausforderungen. Was ist gerade wichtiger: Zeit f\u00fcr Familie und F\u00fcrsorge oder ein stabiles, besseres Einkommen f\u00fcr alle? Stimmt die Arbeitsteilung zwischen den Partnern noch? L\u00e4sst die Pendelbeziehung gen\u00fcgend Raum f\u00fcr gemeinsame Zeiten? Welche Rolle spielt der Wohnort f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der Netze?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Familie, Kirche, Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind von einer solchen Bedeutung, dass sie bereits in der Bibel zum Symbol f\u00fcr die Gottesbeziehung werden. Das Zusammenleben in der Familie hat entscheidenden Einfluss auf das Gottesbild wie auf die Entwicklung des Glaubens. Dabei sind Familie und christliche Gemeinde von Anfang an aufeinander bezogen, insofern die Gemeinde eine erweiterte \u201eFamiliarit\u00e4t\u201c erm\u00f6glicht, die auch Alleinlebende einschlie\u00dft und zugleich Familien in vielf\u00e4ltiger Weise unterst\u00fctzen kann. Insofern haben auch die familienkritischen Aussagen gerade des Neuen Testaments eine wesentliche Funktion \u2013 hier ist Familie nicht nur Gemeinschaft des Blutes, sondern Wahlverwandtschaft in Gott (\u201eDie den Willen meines Vaters tun, die sind meine Mutter und Schwestern und Br\u00fcder\u201c). Deshalb konnten und k\u00f6nnen auch kirchliche Gemeinschaften die Rolle der Familie \u00fcbernehmen \u2013 so wie in den Kl\u00f6stern oder den Einrichtungen der Gemeinschaftsdiakonie des 19. Jahrhunderts, als die Kleinfamilien w\u00e4hrend der industriellen Transformation schon einmal \u00fcberfordert waren. Heute muss die religi\u00f6se Erziehung in der Familie erg\u00e4nzt werden; Gro\u00dfeltern brauchen Unterst\u00fctzung bei der Glaubensvermittlung und das Patenamt muss neu interpretiert werden; Eltern unterschiedlicher Konfession und Religion m\u00fcssen darin gest\u00e4rkt werden, mit Vielfalt zu leben, und Kinder brauchen Ermutigung, ihrer religi\u00f6sen Neugier zu folgen.<\/p>\n<p>Beziehungen in der Familie bilden \u201edie Folie, ohne die eine F\u00fclle biblischer Geschichten und Texte anscheinend nicht ausreichend verstanden werden k\u00f6nnen\u201c, hei\u00dft es in der Familienschrift der EKM. Wir denken Gott als Vater und Mutter, Jesus stellt Kinder in die Mitte des J\u00fcngerkreises und was Vergebung und Neuanfang bedeutet, wird an Geschichten vom Ehebruch deutlich. Umgekehrt pr\u00e4gt unser Gottes- und Menschenbild auch unsere Kommunikation miteinander. Albert Biesinger spricht in diesem Zusammenhang von \u201eGotteskommunikation\u201c &#8211; Gotteskommunikation ist das Abendgebet genauso wie die Meditation am Morgen. Gotteskommunikation ist aber auch, \u201ewenn der erwachsene Enkel Silvester mit den gebrechlichen Gro\u00dfeltern feiert, wenn er die Zerstreutheit und die Phantasien der Oma, die fr\u00fcher doch so eine starke Frau war, wahrnimmt\u201c. Oder \u201e, wenn die 18-j\u00e4hrige nicht bereit ist, in die l\u00e4ngst gebuchten Ferien abzufliegen, ohne vorher ihre\u2026 krebskranke Freundin auf der Intensivstation zu besuchen.\u201c \u201eFamilien sind origin\u00e4rer Ort der Gotteskommunikation, weil sie der Ort erster und eindr\u00fccklicher Beziehungen \u00fcberhaupt sind\u201c, so Biesinger.<\/p>\n<p>Die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der EKD unterscheidet bei der religi\u00f6sen Kommunikation eine eher informativ-intellektuelle, eine praktisch-handlungsorientierte und eine existenzielle Dimension. \u201eExistenziell-religi\u00f6se Kommunikation wird hier mit der Frage nach dem verbalen Austausch \u00fcber den Sinn des Lebens operationalisiert \u2013 und diese wird von den Befragten eindeutig im Privaten verortet. Das Gespr\u00e4ch \u00fcber den Sinn des Lebens geh\u00f6rt nicht in die \u00d6ffentlichkeit, sondern ist offenbar ein pers\u00f6nliches, als intim empfundenes Thema, das in erster Linie mit dem Partner\/der Partnerin besprochen wird, dann auch mit Freunden\/Freundinnen. An dritter Stelle wird die (erweiterte) Familie genannt. Der Austausch \u00fcber religi\u00f6se Themen erfolgt also prim\u00e4r in Mikronetzwerken von Wahlverwandten und engsten Vertrauten, denen man sich in hohem Ma\u00df verbunden f\u00fchlt und die sich in der Regel zudem auch untereinander kennen.\u201c Familie ist zentraler Ort von Glaubenserfahrung und Gespr\u00e4ch \u00fcber den Glauben. Da muss es beunruhigen, dass es bei den evangelischen Kirchenmitgliedern \u201e\u00fcber die Generationen hinweg zu einer kontinuierlichen Abnahme sowohl der Verbundenheit mit der Kirche als auch der Religiosit\u00e4t kommt. Ein zentraler Grund hierf\u00fcr liegt in der abnehmenden Breitenwirkung der religi\u00f6sen Sozialisation: Je j\u00fcnger die Befragten sind, umso seltener geben sie an, religi\u00f6s erzogen worden zu sein. Von den Evangelischen ab 60 Jahren wurden nach eigene Angaben etwa 83% religi\u00f6s erzogen, von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren sagen das nur noch 55 %. Unabh\u00e4ngig vom Lebensalter der Befragten erscheint die jeweilige Herkunftsfamilie als der zentrale Ort, an dem religi\u00f6se Sozialisation wirksam stattfindet.\u201c Dass Eltern und Gro\u00dfeltern f\u00fcr die Weitergabe des Glaubens wichtiger sind als Pfarrerinnen, Erzieherinnen oder Lehrer, haben bereits fr\u00fchere Untersuchungen nachgewiesen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>4.1 Gotteskommunikation im Alltag<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur in konfessionsverbindenen Ehen oder in Partnerschaften, in denen nur einer einer Kirche angeh\u00f6rt, sondern auch der wachsenden Zahl von bikulturellen Familien gilt es, fremde Traditionen kennen zu lernen und \u00fcber Rituale zu \u201everhandeln\u201c &#8211; oft mit dem Ergebnis, dass auf eine explizit religi\u00f6se Erziehung verzichtet wird. F\u00fchlten sich viele Familien schon in konfessionsverbindenden Ehen \u00fcberfordert und oft genug von den Kirchen allein gelassen, wenn es etwa um die Taufe oder die Teilnahme an der Eucharistie ging &#8211; so ist die Unsicherheit im Blick auf Hochzeiten religionsverschiedener Paare oder Beschneidung doppelt gro\u00df. Vielen werden die eigenen religi\u00f6sen Pr\u00e4gungen erst in der Begegnung mit dem Partner, der Partnerin wirklich bewusst. Die traditionelle in Deutschland Rollenteilung, nach der M\u00fctter f\u00fcr die religi\u00f6se Erziehung zust\u00e4ndig sind (\u201eKinder, K\u00fcche, Kirche\u201c) wird deutlich erschwert, wenn die religi\u00f6se \u201eMuttersprache\u201c und das gesellschaftliche Umfeld nicht \u00fcbereinstimmen. Wer aber die Kinder von den religi\u00f6sen Wurzeln der Familien trennt, enth\u00e4lt ihnen spirituelle Erfahrungen und Lebenskr\u00e4fte vor, die f\u00fcr die Entwicklung der eigenen Identit\u00e4t Bedeutung haben. Dabei bietet bikulturelles Aufwachsen die Chance, Lebensdeutungen unterschiedlicher Kulturen und Religionen verstehen, deuten zu k\u00f6nnen, die eigenen Werte zu \u00fcberpr\u00fcfen und das eigene Weltverst\u00e4ndnis zu erweitern. Das Zusammenleben mit anderen Religionen kann gerade Protestanten deutlich machen, dass Religion alle wesentlichen Lebenszusammenh\u00e4nge betreffen kann \u2013 von Speisen und Fasten bis zur Kleidung, von Tischgebeten und Abendliedern bis zu Hochzeiten und Beerdigungen.<\/p>\n<p>Dass sich religi\u00f6se \u00dcberzeugungen heute f\u00fcr viele immer schon im Plural darstellen, muss kein Nachteil sein, solange Kinder in ihrer eigenen Tradition Heimat empfinden. Dabei l\u00e4sst sich von den Prozessen der innerdeutschen \u00d6kumene lernen: Dass Symbole aus dem katholischen oder lutherischen Kontext inzwischen in allen evangelischen Gemeinden eine Rolle spielen, ist eine Bereicherung. Ich denke an Kerzenb\u00e4nke, geschm\u00fcckte Taufbecken oder an Taufkerzen, die in den Familien bewahrt und am Tauftag angez\u00fcndet werden k\u00f6nnen. Auf institutioneller wie pers\u00f6nlicher Ebene kann der Dialog nicht nur Bereicherung, sondern auch Befreiung bedeuten. Die Kl\u00e4rung der anstehenden Fragen, die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kirchen, mit Ritualen und religi\u00f6ser Erziehung bietet Gelegenheit, das eigene Gottesbild noch einmal zu \u00fcberpr\u00fcfen und zu einem eigenen Weg zu finden. \u201eZum christlichen Glauben geh\u00f6rt die F\u00e4higkeit, sich selbst und anderen Rechenschaft \u00fcber diesen Glauben geben zu k\u00f6nnen; das setzt heute insbesondere Dialogf\u00e4higkeit und die Offenheit gegen\u00fcber anderen Religionen und Weltanschauungen voraus &#8211; mithin die \u201eBereitschaft, sich angesichts bleibender Differenzen der wechselseitig kritischen Auseinandersetzung zu stellen.\u201c<\/p>\n<p>Schon die \u201e\u00f6kumenische\u201c Trauung mit den je unterschiedlichen Erwartungen beider Kirchen an die religi\u00f6se Erziehung zeigt auf paradoxe Weise: Familien sind Subjekt ihrer Spiritualit\u00e4t und Theologie. Eltern unterschiedlicher Konfession und Religion, kirchlich Verbundene wie Suchende m\u00fcssen darin gest\u00e4rkt werden, mit Vielfalt zu leben, eigene Antworten zu finden und Traditionen zu entwickeln. Und Kinder brauchen Ermutigung, ihrer religi\u00f6sen Neugier und Sehnsucht zu folgen. Kirchengemeinden und kirchliche Erwachsenenbildung tun gut daran, mit ihren Bildungsangeboten die je eigene und eigensinnige \u201eFamilientheologie\u201c zu unterst\u00fctzen, die sich im allm\u00e4hlichen Reflektieren spiritueller Erfahrungen herausbildet &#8211; aus Kinderfragen, dem religi\u00f6sen Wissen der Erwachsenen und gemeinsamen Erlebnissen.<\/p>\n<p>Die Shell Jugendstudien zeigen, dass sich das Klima in den Familien in den letzten Jahren \u201eerw\u00e4rmt\u201c hat \u2013 vielleicht auch deswegen, weil die Partner bei gro\u00dfen Konflikten eher auseinandergehen. Auch die Generationenkonflikte in Familien haben abgenommen. Heute erleben Jugendliche ihre Eltern immer h\u00e4ufiger als Partner, nehmen deren Hilfe in Problemsituationen gern in Anspruch und ziehen sp\u00e4ter von zuhause aus.<\/p>\n<p>\u201eWir brauchen einander, wir helfen einander, wir verlassen uns aufeinander\u201c, wie Wagener\u2013Esser\/Esser schreiben. Eine gemeinsame Mahlzeit am Tag, heute vielleicht eher das Abendessen, ist mehr als Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme. \u201eWir teilen und verteilen nicht nur die Lebensmittel, sondern wir teilen uns unser Leben mit. Jedem in der Familie ist wichtig, wie es den anderen geht. Es ist ihm oder ich nicht egal. Hier ist der zentrale Ort, an dem sich Gemeinschaft konstituiert\u201c. In meiner Kindheit war das gemeinsame Mittagessen zugleich der Ort, die Geschichten aus der Kinderbibel vorzulesen, so wie morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck die Losung gelesen wurde. Heute hat das Vorlesen eher seinen Platz beim Zubettgehen. Gleichwohl kann ein \u201eTischritual\u201c wie das Anz\u00fcnden einer Kerze, ein Gebetsw\u00fcrfel, von dem Reihum Gebete gesprochen werden oder das H\u00e4ndereichen zur \u201egesegneten Mahlzeit\u201c das gemeinsame Essen aus dem Alltag herausheben.<\/p>\n<p>Gemeinsame Mahlzeiten, freie Stunden am Wochenende, selbst Familienbesuche oder der gemeinsame Urlaub m\u00fcssen angesichts der vielf\u00e4ltigen Anforderungen oft langfristig geplant werden. Dabei hat die gemeinsam verbrachte Zeit gerade f\u00fcr Kinder eine herausragende Bedeutung: Sie stiftet N\u00e4he, erm\u00f6glicht gegenseitige Anteilnahme, Unterst\u00fctzung und F\u00fcrsorge. Nicht zu untersch\u00e4tzen sind die beil\u00e4ufigen und nicht geplanten Zeiten, in denen Familienmitglieder einfach nur zusammen an einem Ort sind, ohne gezielt etwas Gemeinsames zu unternehmen. Nur wer den genauen Blick auf die Erfahrungen des Alltags wagt, kann die Spuren Gottes darin entdecken.\u201c Am besten gelingt das sicher, wenn wir als Erwachsene uns auf die Erfahrungswelt der Kinder einlassen. Dazu braucht es die verl\u00e4ssliche Anwesenheit der Eltern zu den Zeiten, in denen Erfahrungen geteilt werden k\u00f6nnen &#8211; vor allem abends und am Wochenende.<\/p>\n<p>Dabei geht es darum, zwischen den gro\u00dfen Fragen des \u201eWoher komme ich \u2013 wohin gehe ich?\u201c und den allt\u00e4glichen Lebensvollz\u00fcgen eine Br\u00fccke zu bauen. Es geht um die Erfahrung, dass die allt\u00e4glichen Augenblicke sinnerf\u00fcllt sein k\u00f6nnen. Die W\u00fcrde des Augenblicks zu erfahren und zu gestalten, ist eine, wenn nicht die wesentliche Aufgabe religi\u00f6ser Erziehung im Alltag. Martin Buber spricht in diesem Kontext von \u201eUmfassungserfahrungen\u201c &#8211; die Art, wie wir aufstehen und den Tag beginnen, Schutz und liebevolle Pflege in Krankheitsphasen, Streit und Vers\u00f6hnung, Spielen und Feiern: In der religi\u00f6sen Erziehung in der Familie werden die elementaren Lebensvollz\u00fcge transparent f\u00fcr einen leuchtenden Hintergrund.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>4.2 Zug\u00e4nge zur Spiritualit\u00e4t in der Familie<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Martin Horstmann hat Familienspiritualit\u00e4t drei gro\u00dfe Zug\u00e4nge: den Jahreskreis, bestimmte Praktiken und schlie\u00dflich Lebenshaltungen, die Spiritualit\u00e4t n\u00e4hren, bildlich gesprochen \u201eWurzeln\u201c. Dazu z\u00e4hlt er Verbundenheit und Mitgef\u00fchl, Sch\u00f6pferisch sein, Achtsamkeit und Staunen. Familie lebt von Kontinuit\u00e4t, von Rhythmen und Ritualen, die die gemeinsame Identit\u00e4t und Kultur pr\u00e4gen: das Zubettbringen, das Sonntagsfr\u00fchst\u00fcck, der Heiligabend. Rituale st\u00e4rken Familien; der Angstpegel sinkt und die Konflikte nehmen ab, wo ein Gutenacht-Ritual von beiden Eltern getragen wird. Wer allerdings so besch\u00e4ftigt ist, dass er sich auch selbst nicht mehr sp\u00fcrt, kann kaum spirituelle Erfahrungen machen. Darum sind Wochenende und Sonntag so wichtig: sie er\u00f6ffnen Familien Zeit f\u00fcr Gemeinschaft, Zeit f\u00fcr andere Menschen, f\u00fcr sich selbst und im Besonderen f\u00fcr Gott. Anders als andere freie Tage ist der Sonntag auch gesellschaftlich aus dem Alltag \u201eausgegrenzt\u201c und respektiert. Die Geschichte des j\u00fcdischen Sabbats zeigt: nicht die Familien haben den Sabbat getragen \u2013 sondern der Sabbat die Familien.<\/p>\n<p>Je vielf\u00e4ltiger aber die Zeitrhythmen in den Familien werden, je mehr Patchworkfamilien zur Normalit\u00e4t werden, desto mehr wird es n\u00f6tig, das Miteinander auszuhandeln. Was die Ver\u00e4nderung der Familienstrukturen f\u00fcr die Gestaltung von Familienfesten und Familientraditionen und damit f\u00fcr die religi\u00f6se Sozialisation bedeutet, beginnen wir erst allm\u00e4hlich zu begreifen. Traditionen erodieren \u2013 und w\u00e4hrend die einen gleich ganz auf Rituale verzichten, gestalten andere sie neu und liebevoll, aber eben individuell. Dazwischen finden sich die vielen, die sich gro\u00dfe M\u00fche geben, um der Kinder willen alte Rituale in neuen Konstellationen zu gestalten \u2013 als Geschiedene die Konfirmation der Kinder gemeinsam feiern, Weihnachten zwischen den unterschiedlichen Feiern pendeln, die Gottesdienste verschiedener Konfessionen besuchen und dabei h\u00e4ufig Zerrissenheit empfinden. Noch ist nicht sichtbar, wie Verschiedenheit auch religi\u00f6s als Bereicherung erlebt werden kann. Tats\u00e4chlich scheint sie \u201eh\u00e4ufig zu Unsicherheiten bei der religi\u00f6sen Erziehung zu f\u00fchren, da es den Beteiligten an Bearbeitungsstrategien fehlt oder \u00fcber strittige oder Streit ausl\u00f6sende Fragen in Familien lieber geschwiegen wird.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Kochschulen des Glaubens: Was k\u00f6nnen Gemeinden tun?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>5.1 Genau hinsehen<\/strong><\/p>\n<p>Zwar werden Ortsgemeinden oft von einigen wenigen Familien getragen, deren Mitglieder sich in Kirchenvorstand, Jugendarbeit oder auf Freizeiten engagieren, doch lebt die Beziehung der meisten zur Gemeinde eher punktuell zu den Kasualien auf. Das distanzierte Verh\u00e4ltnis hat verschiedene Gr\u00fcnde. Familien sind in ihrer religi\u00f6sen Orientierung nur noch selten homogen. Neben der unterschiedlichen und unterschiedlich intensiven kirchlichen Bindung spielt das Gef\u00fchl eine Rolle, mit der eigenen Form des Familienlebens als konfessionsverschiedene, Patchwork- oder Regenbogenfamilie, Alleinerziehende oder Pendler nicht wirklich \u201edazuzugeh\u00f6ren\u201c. Hinzu kommen die Zerrei\u00dfproben und \u00dcberlastungen in der Rushhour des Lebens &#8211; gerade w\u00e4hrend der Konfirmandenphase tritt der Sonntagsgottesdienst in zeitliche Konkurrenz nicht nur zum Sport, sondern auch zum Familienfr\u00fchst\u00fcck. Kirche wird dabei oft genug als Anforderung an ein \u201eheiles Familienleben\u201c, nicht aber als Unterst\u00fctzung in Krisenzeiten erlebt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist politisch wie rechtlich alles zu tun, um nicht nur ehe- oder partnerschaftsbasierte Familien, sondern Sorgegemeinschaften zu st\u00e4rken, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und die Partnerschaft von Tageseinrichtungen, Schulen und Pflegediensten mit Familien zu f\u00f6rdern. Zugleich aber ist die Kirche gefordert, mit Seelsorge und Beratungs- und Bildungsangeboten, Familienzentren und einer besseren Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie Familien in ihrem Wunsch nach verl\u00e4sslicher Gemeinschaft zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>5.2 Dasein in Ritualen und Krisen<\/strong><\/p>\n<p>Mitarbeitende in Kirche und Diakonie begegnen Familien vor allem in Festzeiten und in Krisensituationen. Bei Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen bei Kindergartenentlassungen und Einschulungsfeiern oder bei der Schulentlassung, in der Jugendarbeit oder auch, wenn Kinder und Jugendliche durch die Scheidung ihrer Eltern belastet werden. Wenn dabei Vertrauen w\u00e4chst, entsteht ein Bogen der Lebensbegleitung, der weitertr\u00e4gt. Das kann gelingen, wenn in der Vorbereitung und Gestaltung von Kasualien Offenheit und Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die tats\u00e4chliche Lebenssituation der jeweiligen Familien sp\u00fcrbar wird, wenn deren Hoffnungen und W\u00fcnsche zu Wort kommen, so dass gerade in Umbr\u00fcchen Verstehen, Vers\u00f6hnung und Neuanf\u00e4nge m\u00f6glich werden. Immer h\u00e4ufiger zeigt sich, dass \u00fcber die bekannten Kasualien hinaus zaghaft neue entstehen oder alte neugestaltet werden: bei Ein- und Ausz\u00fcgen, bei Trennung und Scheidung oder bei gemeindlichen Tauf- und Konfirmationsfeiern, die viele Familien in der Gemeinde zusammenf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>5.3 R\u00e4ume und Orte f\u00fcr alle Generationen schaffen<\/strong><\/p>\n<p>Gemeinden entdecken sich als Familiaritas aller Generationen: Wenn es um die Weitergabe von Glauben und Werten, Traditionen und Erfahrungen geht, brauchen Familie und Gesellschaft alle Generationen. Wo die n\u00e4chsten Verwandten fehlen, brauchen nicht nur junge Familien, sondern auch Familien mit pflegebed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen nachbarschaftliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre belastende Situation. Hier kann Gemeinde mit dem Aufbau von Netzwerken viel zur Entlastung beitragen. Sie kann wieder Wahlfamilie werden, so wie sie es neutestamentlich war. Dabei l\u00e4sst sich an die alten Erfahrungen der Patenschaft ankn\u00fcpfen. Das gilt nicht nur im Blick auf Taufpatenschaften, sondern auch f\u00fcr soziale Partnerschaften. \u00dcberall werden Menschen Lesepaten, \u00fcbernehmen Mentorate f\u00fcr junge Auszubildende oder Verantwortung als Leihomas und Hausaufgabenbetreuer. Die Bereitschaft, f\u00fcr das Gemeinwohl und die Nachbarschaft einzustehen, w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Mit Kinderg\u00e4rten und Gemeindeschwestern hat die evangelische Kirche schon in der ersten industriellen Revolution \u00fcberforderte Familien unterst\u00fctzt. Damals schufen die Mutterh\u00e4user Ersatzfamilien, Diakonissen gr\u00fcndeten Frauenhilfen, Schwestern st\u00fctzten die jungen M\u00fctter. Heute m\u00fcssen sich Kindertageseinrichtungen und Schulen, aber auch Kirchengemeinden als Partner f\u00fcr Familien verstehen. Dabei ist die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie entscheidend. Solange Kirchengemeinden nur auf die so genannten klassischen Familien schauen und alle anderen Formen als Problemanzeigen der Diakonie zuweisen, wird sich nichts \u00e4ndern. Nicht nur Patchwork- und Trennungsfamilien, auch von Armut betroffene und Alleinerziehende, Pflegefamilien und gleichgeschlechtliche Partnerschaften und auch Singles sollten ein Zuhause in der Gemeinde finden k\u00f6nnen. Dazu m\u00fcssen Gemeinden sich selbst als Familiaritas neu entdecken. Die alte Tradition der Patenschaft kann dabei helfen: mit Lesepatenschaften, Mentoringprogrammen und nicht zuletzt mit einem neuen Verst\u00e4ndnis der Lebensbegleitung von Taufpaten. Und auch die besondere Rolle der Gro\u00dfeltern f\u00fcr die religi\u00f6se Sozialisation muss wiederentdeckt werden \u2013 auch \u201eLeihomas\u201c k\u00f6nnen dabei eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>5.4 Bildungsangebote f\u00fcr Glauben in s\u00e4kularer Umwelt<\/strong><\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich schlie\u00dflich auch die alten Erfahrungen der Patenschaft ankn\u00fcpfen. Das gilt nicht nur im Blick auf Taufpatenschaften, sondern auch f\u00fcr soziale Patenschaften und Mentorate. Wie in der Urgemeinde brauchen Familien in einer s\u00e4kularen und multireligi\u00f6sen Umwelt \u00fcberzeugte Christinnen und Christen an ihrer Seite \u2013 als geistliche Begleitung, aber auch als Br\u00fccke zu einer Kirchengemeinde. Klar ist: Die religi\u00f6se Erziehung in Familie, Tageseinrichtungen, Schulen und Konfirmandenarbeit muss erg\u00e4nzt werden durch Wege erwachsenen Glaubens; auch hier gilt \u2013 wie im Beruf &#8211; das Prinzip lebenslangen Lernens. Und schlie\u00dflich brauchen Gro\u00dfeltern Unterst\u00fctzung bei der Glaubensvermittlung an ihre Enkel. Angesichts des Zerbrechens von Partnerschaften, bilden die Generationenbeziehungen oft die entscheidende und gewisserma\u00dfen unk\u00fcndbare Stabilit\u00e4t begegnen, wo Familien mit Kindern Paten-Gro\u00dfeltern finden und \u00e4ltere Menschen ihre beruflichen Erfahrungen als Mentoren weitergeben, wo Eltern sich wechselseitig unterst\u00fctzen und Alleinerziehende ein hilfreiches Netzwerk kn\u00fcpfen. R\u00fcdiger Maschwitz vergleicht diesen Prozess der geistlichen Begleitung mit dem Kochenlernen &#8211; dem Einkaufen, Zubereiten, Essen gemeinsam mit einem erfahrenen Koch. Wo Familien in diesem Sinne das Kochen verlernt haben, brauchen sie die Gemeinden als Kochschulen &#8211; als Impulsgeber f\u00fcr einen gemeinsamen, lustvollen Neubeginn.<\/p>\n<p>Die religi\u00f6se Erziehung in der Familie muss erg\u00e4nzt werden durch Wege erwachsenen Glaubens; Eltern unterschiedlicher Konfession und Religion m\u00fcssen darin gest\u00e4rkt werden, mit Vielfalt zu leben und Kinder brauchen Ermutigung, ihrer religi\u00f6sen Neugier und Sehnsucht zu folgen; Gro\u00dfeltern brauchen Unterst\u00fctzung bei der Glaubensvermittlung an ihre Enkel und das Patenamt muss aus dem Schatten der Jahrhunderte geholt und entstaubt werden. Paten sind die geistlichen Begleiter in ein christliches Leben in einer pluralen Welt: was in der Antike galt, bekommt heute wieder Zukunft.<\/p>\n<p>Das Neue Testament betont, dass unsere Gottesbeziehung voraussetzungslos ist, die ersten Christengemeinden haben mit religi\u00f6sen Normen gebrochen, weil sie ihren Glauben als Befreiung empfanden, sie haben alles darangesetzt, Menschen aus den unterschiedlichsten Traditionen f\u00fcr einen Weg mit Christus zu gewinnen das gilt es neu zu entdecken; es fordert die Gemeinden aber auch heraus.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>5.5 Tageseinrichtungen und Familienzentren pflegen<\/strong><\/p>\n<p>Gemeinden punkten mit der Tr\u00e4gerschaft von Tageseinrichtungen und Familienzentren: Angesichts der Schwierigkeiten der in vielen F\u00e4llen finanzschwachen Kommunen, allein das quantitative Ausbauziel zu erreichen, droht die Verbesserung der Qualit\u00e4t der angebotenen Bildungs- und Betreuungspl\u00e4tze zu kurz zu kommen. Gerade hier ist die Kirche gefragt &#8211; immerhin war sie die allererste Tr\u00e4gerin von Kinderg\u00e4rten im 19. Jahrhundert, als Familien in der ersten Industrialisierungswelle \u00fcberfordert waren.<\/p>\n<p>Pflege wie die Hilfsangebote bei famili\u00e4ren Krisen und Problemen werden heute der Diakonie zugeordnet &#8211; das gilt f\u00fcr soziale und \u00f6konomische Notlagen, genauso wie f\u00fcr die Arbeit mit Alleinerziehenden oder Adoptivfamilien. Die damit verbundene Spaltung in die klassische Familie und \u201eDefizitmodelle\u201c aller Art verhindert den offenen Blick auf die Wirklichkeit in den Gemeinden, zu denen die Pendler-Paare genauso geh\u00f6ren wie Singles, die Familien mit behinderten Kindern und die Seniorenwohngemeinschaften genauso wie die Pflegefamilien, die Regenbogenfamilie und ambulante Wohngruppe der Einrichtung f\u00fcr Menschen mit Behinderung. Jede Familie ist anders &#8211; und es geht darum, genau und sensibel hinzusehen, und Familien mit den passenden Angeboten anzusprechen. Das kann nur gelingen, wenn Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen sich noch st\u00e4rker vernetzen.<\/p>\n<p>Die Reihe, die heute startet, weist den Weg \u2013 in der gemischten Gruppe wie in der Zusammensetzung der Teilnehmenden. Ich w\u00fcnsche Ihnen viele gute Entdeckungen und gemeinsame Ideen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Erlangen, 19.01.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.Familiengl\u00fcck- Wunsch und Wirklichkeit \u201eNirgendwo in Europa ist der Anspruch, wie das Familienleben zu gestalten sei, derart hochgesteckt wie bei&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3464\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":492,"menu_order":92,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3464","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3464"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3464"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3464\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3465,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3464\/revisions\/3465"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3464"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}