{"id":3395,"date":"2018-03-15T21:15:10","date_gmt":"2018-03-15T21:15:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3395"},"modified":"2018-04-06T19:45:26","modified_gmt":"2018-04-06T19:45:26","slug":"aeltere-und-die-kirche-wohin-geht-die-reise-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3395","title":{"rendered":"\u00c4ltere und die Kirche \u2013 wohin geht die Reise?"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. \u201eDritte Orte\u201c schaffen\u00a0\u2013 die \u00dcbersehenen wahrnehmen<\/strong><\/p>\n<p>Ich werde sie nicht vergessen, die arbeitslose Schuhverk\u00e4uferin, die eines Tages in den Gemeindeladen kam, weil sie einfach keine Lust mehr hatte, zu Hause zu sitzen. Ob sie bei uns ehrenamtlich mitarbeiten k\u00f6nnte, wollte sie wissen. Sie hatte geh\u00f6rt, dass wir gerade eine neue Kleiderkammer er\u00f6ffnet hatten\u00a0\u2013 eigentlich war\u2019s ein richtig schicker Second-Hand-Shop. Und Menschen zeigen, was zu ihnen passt, das konnte sie. Jede, die aus der Umkleide herauskam und sich vor dem Spiegel drehte, hatte ein L\u00e4cheln auf den Lippen. Und unsere Schuhverk\u00e4uferin hatte einfach eine Begabung: sie konnte sehen, was einer Kundin passte, was ihr stand und sie zum Strahlen brachte. Eine tolle Frau \u2013 sie wohnte bei uns in der Gemeinde, aber wir kannten uns noch nicht. In der Kirche mitarbeiten, sagte sie, da ginge es doch meistens ums Reden oder ums Singen. Daf\u00fcr w\u00e4re sie nicht gemacht. Und auch Besuche seien nicht ihre Sache; so gern sie Menschen m\u00f6ge. Im Caf\u00e9 bedienen oder im Second-Hand-Shop, das k\u00f6nnte sie sich aber gut vorstellen. Ehrlich gesagt: ich konnte das nachvollziehen. Damals hatte ich das Gef\u00fchl, unser Gemeindeaufbau sei an eine Grenze gesto\u00dfen\u00a0\u2013 die Milieugrenze eben. Ins Gemeindehaus kamen vor allem die Bodenst\u00e4ndigen, die gut vernetzt waren in der Kleinstadt, sich gern mit anderen trafen und sich auch f\u00fcr andere engagierten.<\/p>\n<p>Eine von ihnen war Frau P. Zu meinem 30. Geburtstag \u2013 es war noch ein typischer Pfarrgeburtstag in der Kleinstadt-Gemeinde, kam sie dreimal: morgens als Frauenhilfsmitglied, nachmittags als Leitung des Besuchsdienstes und abends dann mit ihrem Mann als Kirchenvorstandsfrau. Beim dritten Mal machte sie selbst einen Scherz \u00fcber ihre Vielfalt an Funktionen\u00a0\u2013 vielleicht, weil ihr bewusst wurde, dass sie ein starker Knoten im Netzwerk der Gemeinde war. Und dabei sind drei Funktionen, \u00c4mter oder Dienste gar nicht ungew\u00f6hnlich. Eine Untersuchung des SI zu den Aufgaben Ehrenamtlicher in der Kirche zeigte vor ein paar Jahren, dass solche Insider bis zu 14 verschiedene Engagements haben k\u00f6nnen. So sch\u00f6n es sein kann, gebraucht zu werden und Gemeinde mit zu gestalten\u00a0\u2013 so wird die Gemeindehauswelt schnell zur geschlossenen Gesellschaft. Manche f\u00fcrchten, ehe sie sich versehen, vereinnahmt zu werden. Und andere f\u00fchlen sich von Anfang an gar nicht zugeh\u00f6rig. So wie die Sozialhilfeempf\u00e4ngerin, Frau I., der ich damals \u00fcber das Gemeindenetzwerk einen Job verschaffen konnte. Zu einer Veranstaltung ins Gemeindehaus kommen, das wollte sie nicht \u2013 sie f\u00fcrchtete, andere k\u00f6nnten sie vor allem als Hilfeempf\u00e4ngerin sehen. Aus ihrer Perspektive geh\u00f6rten die Mitglieder, die sich im Gemeindehaus trafen, zu den Etablierten.<\/p>\n<p>Der Gemeindeladen, den wir damals gr\u00fcndeten, war im doppelten Sinne ein \u201eanderer Ort\u201c. Der indische Theoretiker Homi Bhabha hat das Konzept des \u201edritten Ortes\u201c entworfen, eines Ortes, der keiner Gruppe eindeutig zuzuschreiben ist, an dem sich die Verschiedenen ohne Hierarchisierung begegnen und ihre Anliegen aushandeln k\u00f6nnen. Dritte Orte sind leicht zug\u00e4nglich und offen; eine Reservierung ist nicht n\u00f6tig, die Teilnahme kostet nichts. Ein Nachbarschaftsladen kann so ein \u201edritter Ort\u201c sein. Der Wickrather Gemeindeladen war es \u2013 urspr\u00fcnglich ein Tante-Emma-Laden in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, war er ganz selbstverst\u00e4ndlich niedrigschwellig. Wer eintrat, musste nicht schon bekannt sein, aber er konnte andere kennenlernen\u00a0\u2013 im Caf\u00e9, beim B\u00fccherausleihen, in einem Kurs. So konnte sich die Schuhverk\u00e4uferin ins Spiel bringen, aber auch Frau I. fand hier weitere Hilfsangebote, denn das Diakonische Werk hatte eine Sprechstunde.<\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie am \u201edritten Orten\u201c er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, die Mauer zwischen den verschiedenen \u201eWelten\u201c einzurei\u00dfen. Zwischen den Etablierten hier und den Prek\u00e4ren dort. Zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen. Denen, die dazugeh\u00f6ren und denen, die um Respekt ringen. Mittwoch nachmittags, wenn ich einfach gespr\u00e4chsbereit im Caf\u00e9bereich sa\u00df, habe ich sie kennengelernt: Die geschiedenen Frauen, die sich immer wie das dritte Rad am Wagen ihrer Freundinnen in Paarbeziehungen f\u00fchlten. Die pflegenden T\u00f6chter, die sich eingeschlossen f\u00fchlten in der Enge ihrer Elternbeziehungen. Alleingelassen, oft auch mit Gewalterfahrungen. Viele solcher Gespr\u00e4che machten mit klar, als wie stark die Normen und die Tabus in den Kirchengemeinden empfunden werden. Familie, die heile Familie, wird nach wie vor stark mit der Kirche verbunden. Als eine Gruppe im Laden mit einem Sonntagstreff f\u00fcr \u00c4ltere startete, als sie auch am Heiligabend eine gemeinsame Feier anboten, war das zu sp\u00fcren \u2013 so mancher kam nicht, weil er das Stigma f\u00fcrchtete. Dennoch: Hier war und ist auch Raum f\u00fcr Alleinstehende, f\u00fcr Pflegende Angeh\u00f6rige, f\u00fcr Sozialberatung &#8211; genauso wie f\u00fcr Kurse der Erwachsenenbildung. Und heute trifft sich dort das Seniorennetzwerk 55+, das sich unter anderem f\u00fcr die Entwicklung der alternsgerechten Stadt einsetzt und einen Stadtplan gestaltet, in dem sich die Caf\u00e9s und B\u00e4nke genauso finden wie die Stufen und Schwellen oder die \u00f6ffentlichen Toiletten. Hier werden \u00c4ltere beteiligt \u2013 sie nehmen ihre Projekte selbst in die Hand und koordinieren sie im Team. B\u00fcrgerschaftliches Engagement, wie es auch in der Kirche selbstverst\u00e4ndlich werden sollte.<\/p>\n<p>Barrierefreie Anlaufstellen \u2013 und das meine ich vor allem unter sozialen Aspekten &#8211; k\u00f6nnen Sondierungsorte sein, an denen Kirchengemeinden die \u00dcbersehenen wiederentdecken \u2013 und deutlich sichtbar rausgehen aus den angestammten Milieus. Dabei kann die Diakonie, die ja geradezu Spezialistin f\u00fcr die \u201eanderen\u201c ist, die notwendigen Br\u00fccken bauen und T\u00fcren \u00f6ffnen. So wie bei \u201eAltonavi\u201c in Hamburg-Altona, einer barrierefreien offenen Quartiersberatungsstelle mit vier Mitarbeitenden. In der Tr\u00e4gerschaft Diakonie, mitgesponsert von der Stadt, aber von AWO, Aktion Mensch, der Nordmetall-Stiftung und vielen anderen. Die Mitarbeitenden von Altonavi informieren \u00fcber \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzungsangebote und bringen Hilfesuchende und Hilfeanbietende zusammen\u00a0\u2013 beispielsweise f\u00fcr die Begleitung bei Arztbesuchen, f\u00fcr Hausaufgabenhilfe oder f\u00fcr Beratung, wenn Angeh\u00f6rige an Demenz erkrankt sind. Aber auch f\u00fcr Mietfragen oder f\u00fcr Familien, die auf der Suche nach Kinderbetreuung sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Vertraute Orte \u2013 eine Chance f\u00fcr die Bodenst\u00e4ndigen <\/strong><\/p>\n<p>In der evangelischen Kirche in W\u00fcrttemberg gab es in den letzten drei Jahren das Modellprojekt \u201eAlter neu gestalten\u201c. Neben vielen Aufbr\u00fcchen mit den jungen Alten war es Eckart Hammer aus dem Beirat wichtig, \u201edass vor allem die eigentlich Alten, die Menschen jenseits von 80\/85 Jahren im Fokus stehen. Die Hochbetagten, Dementen und Pflegebed\u00fcrftigen sind von zunehmender Exklusion betroffen und brauchen Unterst\u00fctzung, um auch weiterhin Teil der Gemeinde zu bleiben\u201c (Eckart Hammer). Und das gilt auch dann, wenn wir uns f\u00fcr einen Augenblick noch einmal klarmachen, dass von den 75-79-j\u00e4hrigen nur 7 Prozent von Demenzbetroffen sind, von den 80-84-j\u00e4hrigen nur 15 Prozent und bei den 85- 89j\u00e4hrigen 26 Prozent. Auch in diesem Alter leidet also die Mehrheit von 84 Prozent nicht an Demenz. Und das gilt auch bei den \u00fcber 90-j\u00e4hrigen, wo der Prozentsatz dann auf 40 Prozent ansteigt.<\/p>\n<p>Annegret Zander von der Fachstelle Zweite Lebensh\u00e4lfte der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck hat dazu ermutigt, den Seniorenkreis abzuschaffen, wo er nicht mehr gefragt ist. Nat\u00fcrlich nicht ohne den langj\u00e4hrigen Mitarbeitenden zu danken. Daf\u00fcr mit Mut zur Offenheit und zur L\u00fccke. Denn es ist klar: Nach einem erf\u00fcllten und oft auch anstrengenden Leben in Beruf und Familie wollen sich die jungen Alten nicht nur versorgen oder betreuen lassen, sie haben vielmehr Lust auf Leben und einen neuen Aufbruch. Wer sechs und mehr Jahrzehnte Leben hinter sich hat, dem muss man nicht erkl\u00e4ren, wie das Leben funktioniert. Aus Berufst\u00e4tigkeit und Familie, aus Vereins- und Nachbarschaftserfahrungen bringen die Leute Kompetenzen mit, die sie gern auch in neue Kontexte einbringen. Die jungen Alten gehen selbstbewusst, kritisch und noch immer voll Energie in die dritte Lebensphase. Sie werden gebraucht und umworben. Sportvereine und Parteien, Schulen und Hospizvereine wissen: Mit den Angeh\u00f6rigen dieser so gesellschafts- und politikerfahrenen Generation l\u00e4sst sich einiges auf die Beine stellen. Noch organisieren sich Freiwillige \u00fcber f\u00fcnfundsechzig in Kirche und Religion st\u00e4rker als in irgendeinem anderen Bereich. Das ist ein Potenzial. Und eine Herausforderung, auf die ich gleich noch einmal zur\u00fcckkomme.<\/p>\n<p>Aber Beteiligungsorientierung ist inzwischen auch in der Arbeit mit Hochaltrigen wichtig. Susanne Fetzer betont mit Recht, dass die bisherige Betreuungsperspektive, f\u00fcr die der Seniorenkreis sind, einen diskriminierenden Aspekt hat. Und dennoch: F\u00fcr die traditionell-konservativen Gruppen sind solche Treffpunkte nach wie vor wichtig: F\u00fcr Menschen im Alter von plus\/minus 80, Frauen und M\u00e4nner, die unter zunehmenden Einschr\u00e4nkungen leiden und kaum noch mobil sind. F\u00fcr sie kann das Gemeindehaus, kann die Seniorengruppe der Ort sein, wo ihr Geburtstag gefeiert wird. Vielleicht gibt es immer wieder mal etwas Besonderes zu essen &#8211; jahreszeitlich vielleicht mit Erdbeerkuchen oder auch mal mit Wein und Zwiebelkuchen im Herbst. Wo nach ihnen gefragt wird, wenn sie fehlen. Hier gibt es vielleicht Menschen, die sie im Krankenhaus anrufen oder auch im Pflegeheim noch einmal besuchen.<\/p>\n<p>Bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ist der Anteil der Frauen, die den F\u00fchrerschein besitzen, noch immer nicht so hoch wie in j\u00fcngeren Altersgruppen. 3,1 Mio. M\u00e4nner, 2,3 Mio. Frauen zwischen 70 und 79 haben eine Fahrerlaubnis. Sie sind schnell in ihrem Bewegungsradius eingeschr\u00e4nkt, wenn der Auto fahrende Partner pflegebed\u00fcrftig wird oder stirbt. So gewinnt der Nahbereich zunehmende Bedeutung. Und damit auch die Kirchengemeinde, die oft noch fu\u00dfl\u00e4ufig erreichbar ist. Da, wo die Sparkassen sich zur\u00fcckziehen, wo es kaum noch \u00c4rzte oder Einzelhandelsgesch\u00e4fte gibt, ist das ein gro\u00dfes Pfund f\u00fcr die Kirche. Wer nicht mehr mobil ist, erlebt mit Trauer und Sorge, wie die Wohnquartiere sich ver\u00e4ndern &#8211; das Schrumpfen der l\u00e4ndlichen R\u00e4ume, der demographische Wandel, aber auch Migration spielen dabei eine Rolle. So kann die alte Heimat fremd werden &#8211; und damit das \u201eIdentifikationsgeh\u00e4use\u201c, der Ort, wo wir uns geistig, emotional und kulturell zu Hause f\u00fchlen und einen Referenzrahmen f\u00fcr Austausch und Teilhabe finden. Traditionell bietet Kirche einen solchen Referenzrahmen. Und dabei spielen auch die Orte eine Rolle: Die Kirchen und Gemeindeh\u00e4user sind Kristallisationsort f\u00fcr Feste und Feiern, f\u00fcr herausgehobene Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte, aber auch f\u00fcr Traditionen, die Halt geben.<\/p>\n<p>Das bedeutet aber nicht, dass alles bleiben kann, wie es ist. Im Gegenteil: Tats\u00e4chlich stammt die Tradition der Seniorenarbeit, wie Fetzer schreibt, aus der \u201eguten alten Zeit\u201c. Und die Entwicklung von Alternativen zum Seniorenkreis gleicht einer Zeitreise aus den 60-er und 70er Jahren direkt ins Jahr 2020. F\u00fcr diese Zielgruppe braucht es heute attraktive Angebote \u2013 denn im Blick auf Bildung oder Unterhaltung gibt es Konkurrenz vom Fernsehen bis zu Reiseanbietern. Die H\u00e4user brauchen barrierefreie Zug\u00e4nge &#8211; im Blick auf die Architektur genauso wie auf Kommunikation, was Einschr\u00e4nkungen im Sehen oder H\u00f6ren betrifft. Die Gruppen brauche Abholdienste, kleine B\u00fcrgerbusse vielleicht.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es eine F\u00fclle von neuen Modellen, die die Richtung weisen: Viertelj\u00e4hrige Geburtstagsfeiern f\u00fcr alle \u00fcber 70 gibt es schon l\u00e4nger. Seit einigen Jahren kommen vielerorts w\u00f6chentliche Mittagstische im Gemeindehaus dazu, wo oft abwechselnd gekocht wird &#8211; manchmal einfach f\u00fcr eine Gruppe von \u00c4lteren, die nicht l\u00e4nger f\u00fcr sich allein kochen wollen. Oder auch im gr\u00f6\u00dferen Stil \u2013 vielleicht vernetzt mit einer Tafel, vielleicht mit einem Angebot f\u00fcr den nahegelegenen Kindergarten. Das kann dann allerdings nicht gelingen ohne ein gut organisiertes Ehrenamtsteam. Mir gefallen aber auch ganz einfache neue Ideen \u2013 Stadtspazierg\u00e4nge mit Rollstuhl und Rollator wie der W\u00e4gelestreff in G\u00fcltlingen, Erz\u00e4hlcaf\u00e9s und Biografiewerkst\u00e4tten. In Hamburg-Eilbeck gibt es eine S\u00fctterlinstube, wo \u00c4ltere f\u00fcr \u00dcbersetzungsdienste zur Verf\u00fcgung stehen, anderswo entstehen Schm\u00f6kerstuben bei Caf\u00e9 und Musik in der Gemeindeb\u00fccherei \u2013 ganz \u00e4hnlich, wie es jetzt auch Stadtteilbibliotheken anbieten. Spannend finde ich auch die Entwicklung von Begegnungscaf\u00e9s auf dem Friedhof wie in Kornwestheim. Denn tats\u00e4chlich ist ja der Friedhof, oft noch Gemeindefriedhof, ein weiterer traditionell kirchlicher Anlaufpunkt, den wir als Kirche, aber auch als Gesellschaft vielleicht zu lange aus den Augen verloren hatten. Erst die Hospizbewegung mit ihren Trauergruppen und mit neuen Ritualen hat die Friedh\u00f6fe und die Friedhofskapellen in eine neues Licht ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Zugeh\u00f6rigkeit gestalten \u2013 Das Quartier im Blick<\/strong><\/p>\n<p>Mit ihren Angeboten in Gemeinden, Diakonie und Erwachsenenbildung hat die Kirche ganz besondere Chancen, wenn sie Ortsn\u00e4he, Professionalit\u00e4t und Beteiligungschancen verkn\u00fcpft. Zugegeben, das ist nicht einfach, denn noch gibt es jede Menge \u00fcberkommener Bruchlinien\u00a0\u2013 zwischen beruflicher und ehrenamtlicher Arbeit, zwischen Gemeinschaft und Service, zwischen \u201eAltenhilfe\u201c und emanzipativer Seniorenbewegung, zwischen Betreuung und einem neuen Verst\u00e4ndnis von B\u00fcrgerengagement.<\/p>\n<p>Was grunds\u00e4tzlich f\u00fcr die aktuellen Ver\u00e4nderungsprozesse der Gemeinden gilt, das wird in der Arbeit von und mit \u00c4lteren besonders sp\u00fcrbar. Denn einerseits verf\u00fcgt diese Zielgruppe st\u00e4rker als andere \u00fcber ihre Zeit, sie bringen vielf\u00e4ltige Kompetenzen aus Beruf und Familie mit und nicht zuletzt sind sie oft Kennerinnen und Kenner des Quartiers. Viele engagieren sich auch, um die Eckpfeiler des nachbarschaftlichen Lebens aufrechtzuerhalten, etwa Dorfl\u00e4den, Nachbarschaftscaf\u00e9s oder B\u00fcrgerbusse. Bei der Kommunalwahl im letzten Jahr wurde mir klar, dass die allgemeine gesellschaftliche Debatte um Nahverkehr, Schwimmb\u00e4der und \u00c4rzte im l\u00e4ndlichen Raum, um Energieversorgung und Abfallwirtschaft gerade hier entschieden wird \u2013 von Menschen in meiner Nachbarschaft. Und dass viele von denen, die sich engagieren, Freiberufler, Hausfrauen und Migranten sind \u2013 oder eben Menschen \u00fcber 60. Die Generation der 55- 69-j\u00e4hrigen engagiert sich besonders stark im sozialen Ehrenamt und im lokalen B\u00fcrgerengagement. In Vereinen und Verb\u00e4nden, wo junge Leute immer schwerer Anschluss finden, halten die Bodenst\u00e4ndigen die Netze zusammen, w\u00e4hrend sich die Kritischen in B\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften organisieren. Wenn Gemeinden darin Konkurrenz f\u00fcr ihre eigene Arbeit sehen, haben sie m.E. ihren Auftrag nicht begriffen, und schon gar nicht Herausforderungen der Arbeit im Quartier. Denn andererseits sind vor allem \u00c4ltere in besonderer Weise auf Unterst\u00fctzung und soziale Netze angewiesen.<\/p>\n<p>Die famili\u00e4ren Netze d\u00fcnnen aus: Die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hat in den letzten Jahren st\u00e4ndig zugenommen. Nur noch ein Viertel der Befragten geben an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen und bei einem weiteren Viertel sind die Wohnungen mehr als zwei Stunden voneinander entfernt. Zwar geben immer noch 80 Prozent der Befragten an, dass sie in der Familie w\u00f6chentlich Kontakt zueinander haben \u2013 aber im Vergleich der letzten Jahre erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe; die Quote sank um 8 Prozentpunkte von 19,5 Prozent 1996 auf 11,7 Prozent 2014. Und waren es vor 10 Jahren noch 74 Prozent der Bev\u00f6lkerung, die sagten, sie k\u00f6nnten sich in Notlagen auf Familie und Freunde verlassen, so sind es heute nur noch 64 Prozent. Die traditionelle Familienorientierung der Kirche kommt hier an ihre Grenze: umso mehr ist Kirche als Familiaritas gefragt.<\/p>\n<p>Klaus D\u00f6rner hat mit seinem Wusch \u201eIch will leben und sterben, wo ich dazu geh\u00f6re\u201c tats\u00e4chlich viel angesto\u00dfen: Seitdem haben sich die Einrichtungen der Altenhilfe differenziert; mit betreutem Wohnen und Kurzzeitpflege, ambulanter Pflege und hauswirtschaftlichen Hilfen, aber auch mit Caf\u00e9s und vielf\u00e4ltigen Kooperationen im Quartier. Und auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen \u00f6fter ernst damit, dass in den neuen Wohnquartieren Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen. Schlie\u00dflich geben Initiativen wie das SONG\u2013Netzwerk oder Wohnquartier hoch 4, getragen von Diakonie und Erwachsenenbildung in Rheinland- Westfalen- Lippe seit einigen Jahren Anst\u00f6\u00dfe, die Angebote nicht mehr an Defiziten zu orientieren, sondern an Lebensbereichen wie Wohnen, Gesundheit, Bildung und Freizeit. Es geht darum, das alte \u201eSchubladendenken\u201c zu \u00fcberwinden \u2013 dazu geh\u00f6rt auch die Zuordnung von Menschen in Kirche und Diakonie als Gemeindeglieder und als Klienten oder Kunden im Sozialsystemen in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Interessanterweise haben die Kirchengemeinden sich damals nicht provoziert gef\u00fchlt durch die Thesen von Klaus D\u00f6rner. Sie haben insgesamt kaum reagiert auf das Konzept vom dritten Sozialraum und D\u00f6rners neue Wertsch\u00e4tzung der Kirchengemeinden. Meine Vermutung ist: die Kirche hatte die hilfe- und pflegebed\u00fcrftigen \u00c4lteren l\u00e4ngst an die Diakonie delegiert\u00a0\u2013 nicht nur aus Gr\u00fcnden der Professionalit\u00e4t, sondern auch aus Refinanzierungsgr\u00fcnden\u00a0\u2013 und sie damit oft exkludiert. Ganz allm\u00e4hlich erst, mit den notwendigen Ver\u00e4nderungen in der ambulanten Pflege wie mit den kommunalen Konzepten des siebten Altenberichts, wird klar: Es geht auch um eine Ver\u00e4nderung der Nachbarschaften und Gemeinden. Um den Ort, wo Menschen zu Hause sind. \u201eEin Zuhause ist der einzige Ort, wo die eigenen Priorit\u00e4ten unbeschr\u00e4nkte Geltung haben\u201c, schreibt Atul Gawande in seinem Buch \u201eSterblich sein\u201c, in dem er sich mit der Altenhilfe auseinandersetzt. \u201eZu Hause entscheidet man selbst, wie man seine Zeit verbringen will, wie man den zur Verf\u00fcgung stehenden Platz aufteilt und wie man den eigenen Besitzt verwaltet.\u201c<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass das Thema \u201eWohnen\u201c so viel Gewicht bekommen hat \u2013 von den Seniorenwohngemeinschaften bis zu den Mehrgenerationenh\u00e4usern. Junge Studierende wohnen g\u00fcnstig bei \u00e4lteren, kaufen im Gegenzug ein daf\u00fcr einkaufen oder den Garten pflegen. So wichtig es ist, Dienstleister f\u00fcr Hauswirtschaft, Pflege, Einkaufsdienste ins Quartier zu bringen, so sehr kommt es eben auch darauf an, dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit wechselseitigen Diensten und Hilfen f\u00fcreinander einstehen &#8211; auch \u00fcber die Generationen hinweg. Im letzten FWS wurde zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt. Es ging also nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege \u2013 auch wenn der \u00dcbergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Dabei zeigte sich: immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. In der Befragung wird deutlich: die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Und darin steckt auch eine gro\u00dfe Chance im Blick auf unser Selbstverst\u00e4ndnis. \u201eDie mit einer Gesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach einer Auseinandersetzung mit Fragen des Menschseins, mit dem Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde und mit den Vorstellungen eines guten und sinnerf\u00fcllten Lebens unter Bedingungen der Vulnerabilit\u00e4t. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die den Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf andere nicht einbezieht, sind unvollst\u00e4ndig\u201c, schreiben Thomas Klie und Andreas Kruse.<\/p>\n<p>In den Nachbarschaften zeigen sich aber auch die Grenzen des Informellen. Die Sorgenden Gemeinschaften brauchen Sorgestrukturen. Und Kirchengemeinden, das ist die Hoffnung, k\u00f6nnten Caring Communities werden. Und es gibt auch daf\u00fcr gute Beispiele: Telefonketten f\u00fcr Alleinstehende. Ein Friedhofsmobil f\u00fcr die Fahrt zu Friedhofsbesuchen. Die Werkst\u00e4tten f\u00fcr kleine Reparaturen. Oder auch eine Organisation wie die \u201eInklusive Solidarische Gemeinde in Reute\u201c mit ganz unterschiedlichen Angeboten und \u00fcber 80 Ehrenamtlichen aus allen Generationen. Ein B\u00fcrgerverein mit \u00fcber 500 Mitgliedern unter dem Dach der katholischen Gemeinde, der vom Fahrdienst bis zum Besuchsdienst oder zu Oma-Opa-Enkel-Wanderungen immer neues organisiert\u00a0\u2013 getragen von Beitr\u00e4gen und Drittmitteln.<\/p>\n<p>Die EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c, formuliert, es gehe um \u201edie Re-Sozialisierung und Revitalisierung von Kirchengemeinden, damit sie eben nicht erst auf soziale Notlagen reagieren, sondern aktiv daran mitarbeitet, funktionierende Sozialr\u00e4ume zu gestalten und Notlagen pr\u00e4ventiv zu verhindern.\u201c Das gilt auch f\u00fcr die D\u00f6rfer. Mit dem Projekt <a href=\"http:\/\/www.unser-dorf-mooc.de\">www.unser-dorf-mooc.de<\/a> haben die Evangelischen Kirchen in Hessen im Herbst 2016 einen Online-Kurs zur Dorfentwicklung gestartet, in dem man von Expertinnen lernen kann, einen Dorfladen oder ein Caf\u00e9 zu entwickeln. In den Massiv Open Online Course (MOCC) investieren die Teilnehmenden eine bis f\u00fcnf Stunden pro Woche f\u00fcr Fortbildung und Begleitung. Dazu gibt es Expertengespr\u00e4che, einen Online-Chat und Videos, aber auch weiterf\u00fchrende Links und Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Soziales Engagement \u2013 Die Benachteiligten im Focus<\/strong><\/p>\n<p>Die Revitalisierung der Nachbarschaften lebt vom b\u00fcrgerschaftlichen Engagement. Und tats\u00e4chlich organisieren sich Freiwillige \u00fcber 65 noch immer besonders in Kirche und Religion. Die Rolle der \u201e\u00c4ltesten\u201c, die in der Kirche eine lange Tradition hat, kehrt wieder in den vielen Mentorenaufgaben, die in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden. Es gibt unglaublich viele spannende Projekte in Kirche und Diakonie. Die Leihomas und Lesepaten geh\u00f6ren dazu. Die Pflegebegleiter, die in Abstimmung mit einer Sozialstation f\u00fcr hauswirtschaftliche und nachbarschaftliche Dienste sorgen. Oder die Jobpaten, die schwer vermittelbaren Jugendlichen durch die Ausbildung bis in ein festes Arbeitsverh\u00e4ltnis begleiten. Und neben denen, die sich im sozialen Ehrenamt engagieren, stehen die kulturell Interessierten: die Kirchenkuratoren, aber auch Friedhofspaten oder Stifterinnen und Stifter aus den etablierten Milieus. Auf ganz unterschiedliche Weise kn\u00fcpfen sie die losen F\u00e4den zwischen den Generationen wieder neu &#8211; ganz unmittelbar im sozialen Ehrenamt oder auch mittelbar mit ihrem Einsatz f\u00fcr Kultur und Geschichte vor Ort.<\/p>\n<p>Die letzten beiden Freiwilligensurveys der Bundesregierung zeigen einen Trend weg von der Ausrichtung auf Geselligkeit hin zu Engagement f\u00fcr das Gemeinwohl: B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger aus traditionellen wie aus modernen Milieus nehmen gesellschaftliche Anliegen selbst in die Hand und gestalten sie auf eigene Weise. Es griffe aber zu kurz, b\u00fcrgerschaftliches Engagement vor allem nach seinem gesellschaftlichen, sozialen oder kirchlichen Nutzen zu beurteilen. Menschen schenken Zeit f\u00fcr eine Aufgabe, die ihnen am Herzen liegt. Alle Versuche, dieses Engagement zu stark einzuhegen und zu kanalisieren, um es effektiver zu gestalten, sto\u00dfen deshalb auch an Grenzen. Ehrenamt braucht Information, Unterst\u00fctzung, Fortbildung und Kostenerstattung. Glaubt man Studien aus diesem Bereich, dann wird es entscheidend sein, einerseits den Wunsch nach Bildung ernst zu nehmen, andererseits aber die die P\u00e4dagogisierung des Ehrenamts zu \u00fcberwinden. Denn Selbstwirksamkeitserfahrungen sind die wesentliche Triebfeder des Engagements. Das muss Konsequenzen haben f\u00fcr den Umgang der Kirchenvorst\u00e4nde, Pfarrerinnen und Diakonen mit den Engagierten. Ehrenamtliches Engagement erm\u00f6glicht Teilhabe, st\u00e4rkt die Verwurzelung in der Nachbarschaft und Selbstbewusstsein \u201eIch f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr mich. Ich mit anderen f\u00fcr andere. Andere mit anderen f\u00fcr mich\u201c schreibt Margret Schunk aus W\u00fcrttemberg. \u201eWeil wir uns vorgenommen haben, etwas gemeinsam zu tun, was uns allen n\u00fctzt, was uns allen hilft\u201c. Eine Gemeinschaft, ein Netzwerk soll entstehen und wachsen k\u00f6nnen, das uns allen etwas bringt.\u201c<\/p>\n<p>Michael B\u00fcrsch, der langj\u00e4hrige Vorsitzende des Unterausschusses f\u00fcr B\u00fcrgerschaftliches Engagement im Bundestag, hat deshalb von einem \u201eRecht auf Engagement\u201c gesprochen. Im Blick auf \u00c4ltere gilt es, bei zwei Gruppen genau hinzuschauen. Zum einen: Auch Hochaltrige k\u00f6nnen sich engagieren und tun es. Dass wir das hohe Alter fast automatisch mit Hilfebed\u00fcrftigkeit verkn\u00fcpfen, ist einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr Isolation und Einsamkeit. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-j\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen. Die andere Gruppe, \u00fcber die wir uns als Kirche Gedanken machen m\u00fcssen, sind die sozial engagierten \u00e4lteren Frauen, von denen viele gerade wegen ihrer Sorgearbeit nur niedrige Renten haben. Bei diakonischen Tr\u00e4gern erhalten sie inzwischen h\u00e4ufiger eine \u00dcbungsleiterpauschale oder das Minijobsal\u00e4r f\u00fcr ihren ehrenamtlichen Einsatz, den sie sich ansonsten eben nicht leisten k\u00f6nnten. Und vor allem in den neuen Bundesl\u00e4ndern nehmen viele \u00c4ltere am Bundesfreiwilligendienst teil. Um die Debatte um die sogenannte \u201eMonetarisierung\u201c des Ehrenamts kommt also auch die Kirche nicht herum. Ich kenne Gemeinden im Ruhrgebiet, die mit geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigen, aber gut ausgebildeten Stadtteilm\u00fcttern und Gemeindeschwestern neuen Typs f\u00fcr Vernetzung der \u00c4lteren im Stadtteil sorgen &#8211; mit Besuchen, Telefonketten und Mittagstischen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfm\u00fctter sind en vogue, auch und gerade weil Gro\u00dfm\u00fctter heute ganz anders aussehen als noch vor 40 Jahren. Viele sind jung, stehen mitten im Beruf, m\u00fcssen mobil und flexibel sein. Andere stecken fr\u00fcher als geplant mit der eigenen Berufst\u00e4tigkeit zur\u00fcck, um T\u00f6chter oder Schwiegert\u00f6chter zu unterst\u00fctzen. Manche werden Wahlgro\u00dfm\u00fctter oder ehrenamtliche Teilzeit- Omas und Patinnen &#8211; vielleicht haben sie selbst keine Kinder, entdecken aber nun die Mutterschaft in einem viel umfassenderen Sinne. F\u00fcr die Christenheit waren Pflegekinder und Pflegeeltern, Lebensgemeinschaften und erweiterte Pfarrfamilien \u00fcber Jahrhunderte selbstverst\u00e4ndlich. Es wird darauf ankommen, dass die Gemeinden diese Kraft zu Begegnung und Erneuerung, zu Respekt und wechselseitiger Sorge neu entdecken. Denn gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Gruppierungen hat die Kirche den gro\u00dfen Vorteil, generations\u00fcbergreifend zu arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Es geht um das Wohin\u00a0\u2013 Glaube und Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Christine Westermann, die zu Ihrem 65. Geburtstag das Buch \u201eDa geht noch was\u201c geschrieben hat, erz\u00e4hlt, wie sie sich aufregt, weil eine Reportage, die sie kurz vorher \u00fcber einen Klosteraufenthalt gedreht hat, mit folgenderma\u00dfen beworben wurde: Christine Westermann: \u201eWieviel Leben bleibt mir noch?\u201c M\u00f6glichkeit 1, meint sie: Sie hat eine todbringende Krankheit. M\u00f6glichkeit 2: Sie ist stark vergreist und verabschiedet sich mit dieser Dokumentation. Und dann: \u201eWie viel Leben bleibt mir noch?\u201c Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht mir nicht um das Wieviel. Das Wohin ist das Entscheidend, die Richtung, die ich meinem Leben noch geben will.\u201c (Christine Westermann)<\/p>\n<p>Das Leben als Reise, als Pilgerschaft ist f\u00fcr viele heute zu einem spirituellen Bild geworden. Viele gehen in \u00dcberg\u00e4ngen oder auf der Suche nach neuen Wegen den Jakobsweg. Es passt in eine Zeit der Mobilit\u00e4t und Migration und der immer neuen Aufbr\u00fcche\u00a0\u2013 beruflich wie privat. Und es hat zu tun mir der Frage nach dem Wohin, die auch Christine Westermann stellt. Fr\u00fchere Generationen haben den Weg weiter gedacht bis in eine Ewigkeit, die wir uns trotz aller Erfahrung nicht vorstellen k\u00f6nnen. \u201eIch preise dich, mein Erretter, dass du mir auf der Erde kein Vaterland und keine Wohnung gegeben hast, so dass ich mit David sage: \u201eIch bin dein Pilgrim und dein B\u00fcrger\u201c, hei\u00dft es bei Johann Amos Comenius. \u201eDu hast mich vor der Torheit bewahrt, das Zuf\u00e4llige f\u00fcr das Wesentliche, den Weg f\u00fcr das Ziel, das Streben f\u00fcr die Ruhe, die Herberge f\u00fcr die Wohnung, die Wanderschaft f\u00fcr das Vaterland zu halten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch das geht vor\u00fcber\u201c ist einer der neuen, buddhistisch gepr\u00e4gten Slogans f\u00fcr die Stufen auf unserem Weg. Aber was bleibt? Und worauf kommt es am Ende an? Alter neu gestalten\u2026 Bekannte treffen, andere Menschen kennen lernen, die auch ihre Herausforderungen bestehen, ihre Chancen nutzen wollen. Was f\u00fcllt mein Leben aus? Was suche ich? Was machen andere? Geht da was zusammen? Und wie ist es mit dem Glauben? James Fowler hat Anfang der 80er Jahre auf dem Hintergrund einer spirituellen Psychologie beschrieben, dass wir Entwicklungsschritte auch im Glauben durchlaufen &#8211; vom intuitiven und mythischen \u201eKinderglauben\u201c \u00fcber die reflektierte Auseinandersetzung mit Religion bis hin zu einer universellen Perspektive, in der wir die blo\u00dfe Identifikation mit den eigenen Traditionen \u00fcberwinden und zu einer umfassenden Liebe, einem \u201egrenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Seins\u201c finden k\u00f6nnen. Eine Studie katholischer Soziologen zeigt: \u201eDer strenge Vater-Gott der Kindheit macht immer mehr einer Vorstellung von Gott Platz, in welcher der Mensch als Partner ernst genommen wird\u201c (F\u00fcrst u.a. 2003). 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Gestalt ihres Glaubens im Lauf des Lebens ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Die Kieler Praktische Theologin Sabine Bobert sieht das orthodoxe Herzensgebet als eine M\u00f6glichkeit, uns auf das Wesentliche zu zentrieren und Ruhe, Gelassenheit und Frieden zu finden. Es geht dabei nicht um viele Worte, sondern eigentlich nur um eine Gebetsformel wie das 1500 Jahre alte \u201eJesus Christus, erbarme dich meiner\u201c oder das \u201eLiebe umgibt mich\u201c aus der Wolke des Nichtwissens. Diese Form des Gebets und der Meditation hat viel gemeinsam mit der mystischen Versenkung und den Mantren im Buddhismus, der die Generation der 68er Blumenkinder mitgepr\u00e4gt hat. Auch hier geht es um die Konzentration auf den Atemrhythmus, eine Erfahrung von F\u00fchrung aus der Mitte, die gerade im \u00dcbergang in einen neuen Lebensabschnitt sehr wichtig ist.<\/p>\n<p>Das Christentum der Zukunft wird mystisch sein, schrieb J\u00f6rg Zink Ich bin dankbar, dass die christliche Tradition mir einen Deutungsrahmen gibt, in dem ich zu Hause bin, den ich zugleich immer neu f\u00fcllen kann. F\u00fcr die alten Lieder und Chor\u00e4le, die ich gelernt habe. Aber ich freue mich auch daran, religi\u00f6se Traditionen des Judentums und des Islam erlebt zu haben: die Ramadan-Leuchten in den Stra\u00dfen von Kairo oder Beirut, die festlichen Iftar-Essen, die Stille auf den Stra\u00dfen am Gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag in Jerusalem. Und auch die buddhistischen Tempelglocken in Thailand. Das alles hat auch meinen Blick auf das Christentum bereichert \u2013 auf das Fasten und Feiern, auf Ver\u00e4nderung und Vers\u00f6hnung. Ich kann dem Gedanken von Willigis J\u00e4ger viel abgewinnen, der Religion mit einem Glasfenster vergleicht. \u201eEs bleibt dunkel, wenn es nicht von hinten durch das Licht erhellt wird. Dieses Urlicht ist selbst nicht sichtbar, bekommt aber im Glasfenster der Religion Struktur und wird f\u00fcr jeden Menschen begreifbar. (\u2026) Wir sollten aber \u201enie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet.<\/p>\n<p>\u201eDie mystische Erfahrung der Unio setzt voraus, dass wir von Barrieregef\u00fchlen frei geworden sind\u201c, schreibt sie \u2013 von Gef\u00fchlen wie Hass, Angst, Wut, Neid, L\u00e4hmung und Zweifel. Solche Gef\u00fchle entfremden uns voneinander und von uns selbst; sie schneiden uns von unserer Wesensmitte und von Gott ab. Im Alltagsstress unterdr\u00fccken wir sie oft, schieben sie einfach beiseite \u2013 aber wenn pl\u00f6tzlich Zeit und Raum daf\u00fcr ist, am Beginn der dritten Lebensphase zum Beispiel, k\u00f6nnen die alten Gespenster noch einmal richtig munter werden. \u201eSie wollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen\u201c, schreibt Brigitte Hieronimus in ihrem Buch \u201eMut zum Lebenswandel\u201c, das dabei helfen will, die biographischen Erfahrungen im Alter sinnvoll zu nutzen. Situationen und Menschen, die uns schwierige Erfahrungen in Erinnerung rufen, nennt sie deshalb \u201eEntwicklungshelfer\u201c, \u201eweil sie dazu beitragen, das Blockierte in uns wieder wahrzunehmen.\u201c Und zu vers\u00f6hnen mit alten Widersachern, uns auszus\u00f6hnen auch mit den Ecken und Kanten auch des eigenen Lebens.<\/p>\n<p>\u201eMut zum Lebenswandel\u201c: auch der spirituelle Weg des Alterns bildet sich im Gehen. Das entspricht unserer heutigen Alternserfahrung, die ja gerade nicht so selbstverst\u00e4ndlich auf gepr\u00e4gte Altersbilder zur\u00fcckgreifen kann. Auch wenn ich nicht wei\u00df, woher der Wind demn\u00e4chst weht und wie hoch die Wellen schlagen werden \u2013 ich verlasse mich darauf, dass sie mich am Ende ans Ufer sp\u00fclen und ich meine F\u00fc\u00dfe wieder auf Land setzen kann. Surfer empfehlen, sich im schlimmsten Fall den Wellen lieber zu \u00fcberlassen, als dagegen anzuk\u00e4mpfen \u2013 und einfach nur darauf zu achten, dass man gen\u00fcgend Luft bekommt und atmet. Und darauf zu vertrauen, dass das Wasser tr\u00e4gt. Dieses Vertrauen ist eine entscheidende Dimension der Spiritualit\u00e4t. In der Praxis zeigt es sich in der Meditation und im Singen von Chor\u00e4len wie in Gebeten, im Tagebuchschreiben wie auf Wegen durch die Natur und auch in der Begleitung anderer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Kirche im Aufbruch: Wohin geht die Reise?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWarum begreifen wir Frauen das Alter als Gef\u00e4ngnis\u201c, fragt die Mode-Designerin Miuccia Prada, inzwischen 68 Jahre, in einem Interview mit der NY Times. Und antwortet sich dann selbst: \u201eIch glaube, f\u00fcr dieses Drama m\u00fcssen wir eine L\u00f6sung finden. Wir haben ja nicht mehr nur ein Leben, nein, es sind mittlerweile zwei oder drei. Und es wird die Zukunft unserer Gesellschaft enorm beeinflussen, wie wir selbst mit dem \u00c4lterwerden umgehen.\u201c Ob wir also den Blick nach vorn richten auf das Neue, das kommt &#8211; oder ob wir das Alter als Abstellgleis begreifen. Ob wir selbstbewusst, kritisch und noch immer voll Energie in die neue Lebensphase gehen. \u201eWenn wir nicht allein bleiben und nicht nur privatisieren wollen\u201c, schreibt Lisa Frohn in ihrem Twitter-Buch \u201eRan ans Alter\u201c, dann brauchen wir R\u00e4ume, wo wir hingehen k\u00f6nnen. Um andere zu treffen. Um uns auszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als gesellschaftliche Wesen zu erleben.\u201c \u201eNehmen wir mal an, einige interessieren sich f\u00fcr ein gemeinsames Wohnprojekt. Andere f\u00fcr ein Kulturzentrum, einen Club. Nehmen wir mal an, Sie sind sich einige, dass Sie das, was Sie wollen, selbst gr\u00fcnden m\u00fcssen. K\u00f6nnte da nicht Freude aufkommen? Ja, Begeisterung?\u201c Und: \u201eAlter neu gestalten\u201c schreibt einer der Engagierten in W\u00fcrttemberg, Wolfang Schnabel: \u201eMir ist wichtig, dass noch viele Ideen frischen Wind in die kirchliche Arbeit mit \u00c4lteren wehen\u201c.<\/p>\n<p>Kann die Kirche dieser Begeisterung Raum bieten? Wird sie die Freiheit geben, unterschiedliche Wege und Formen der Selbstorganisation und auch der Spiritualit\u00e4t ausprobieren? Das verlangt ein erneuertes Selbstverst\u00e4ndnis, das aufr\u00e4umt mit der versteckten Abwertung der \u00c4lteren und vor allem \u00e4lterer Frauen, sondern deren sozialen Beitrag, deren Belastungen und ihren Lebensertrag sch\u00e4tzt. In den fr\u00fchen Gemeinden wurden aus hilflosen Armen und unversorgten Witwen Frauen, die ein anerkanntes F\u00fcrsorgeamt hatten. Auch heute geht es im sozialen Ehrenamt der \u00c4lteren um eine neue Entdeckung von Solidarit\u00e4t in der \u00e4lteren Generation selbst, aber auch zwischen den Generationen, die nicht nur auf den Austausch von materiellen Leistungen, sondern auch auf Einf\u00fchlung und Weitergabe von Erfahrung zielt. Hier haben die Kirchen ein starkes Pfund einzubringen. \u201eMein Traum vom \u00c4lterwerden gestalten w\u00e4re, dass Menschen jeden Alters zusammen kommen und zusammen wachsen, so selbstverst\u00e4ndlich wie dies in vielen Familien geschieht. Vor Ort w\u00e4re mein Wunsch, dass Alter weder Krankheit noch Tabu ist.\u201c (Erika Haffner)<\/p>\n<p>Doch ist es realistisch, dass wir in einer Gesellschaft leben werden, in der sich die Menschen nicht nur f\u00fcr Wohnung, Home Entertainment und Karriere interessieren, sondern auch f\u00fcr ihr Viertel und f\u00fcr das globale Dorf? Der Freizeitforscher Horst Opaschowski diagnostiziert &#8222;den radikalsten Wertewandel seit 30 Jahren&#8220; und sieht eine &#8222;\u00c4ra der Verantwortung&#8220; kommen\u00a0\u2013 f\u00fcr die Gemeinschaft, die Umwelt, die n\u00e4chste Generation. Das Sinus-Institut erkennt Anzeichen daf\u00fcr, &#8222;dass wir uns auf einem dritten Weg&#8216; befinden, der \u00fcber den scheinbar un\u00fcberwindbaren Gegensatz von wirtschaftlicher Liberalisierung und Sozialstaatsbewahrung hinausgeht.\u201c Es w\u00e4re doch gro\u00dfartig, wenn sich in der Kirche etwas davon zeigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, 08.02.2018, N\u00fcrnberg, Landeskonferenz zur Altersarbeit 2018 in Bayern<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. \u201eDritte Orte\u201c schaffen\u00a0\u2013 die \u00dcbersehenen wahrnehmen Ich werde sie nicht vergessen, die arbeitslose Schuhverk\u00e4uferin, die eines Tages in den&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3395\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":482,"menu_order":94,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3395","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3395"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3395"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3396,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3395\/revisions\/3396"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/482"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}