{"id":3391,"date":"2018-03-15T21:09:17","date_gmt":"2018-03-15T21:09:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3391"},"modified":"2018-04-06T19:42:51","modified_gmt":"2018-04-06T19:42:51","slug":"ehe-fuer-alle-lebenspartnerschaften-in-einer-sich-oeffnenden-gesellschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3391","title":{"rendered":"Ehe f\u00fcr alle \u2013 Lebenspartnerschaften in einer sich \u00f6ffnenden Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Eine unverw\u00fcstliche Lebensform? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein gl\u00fcckliches Familienleben und eine stabile Partnerschaft geh\u00f6ren zu den sehnlichsten W\u00fcnschen der allermeisten Menschen<\/strong>. Das gilt, wie Umfragen zeigen, gerade f\u00fcr die Jungen. <strong>2013 w\u00fcnschten sich 82% aller Befragten Kinder und bei einer Befragung des Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach erkl\u00e4rten 84 Prozent der Bev\u00f6lkerung, der Zusammenhalt im engen Familienkreis sei stark oder sehr stark.<\/strong> Angesichts gravierender gesellschaftlicher Umbr\u00fcche wird die Familie als Schutzraum erfahren, als Ressource erlebt. \u201e<strong>Familien werden dabei vielf\u00e4ltige Aufgaben zugetraut und zugemutet:<\/strong> Kinder sollen so erzogen werden, dass sie das Leben in einer auf Individualisierung angelegten Wissensgesellschaft bestehen. Ehe und Lebenspartner sollen sich gegenseitig erm\u00f6glichen, pers\u00f6nliches Gl\u00fcck zu erfahren und zu genie\u00dfen und einander eine St\u00fctze sein. Kranke und alte Menschen sollen versorgt werden, verwandtschaftliche, nachbarschaftliche und freundschaftliche Netze wollen gepflegt und weiterentwickelt werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Das Zitat stammt aus der Orientierungshilfe der EKD zur Familienpolitik, die 2013 unter dem Titel \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde. Der Titel beschreibt das zentrale Spannungsfeld.<\/strong> Laut einer Allensbach-Studie lehnen 64 Prozent der Deutschen mit einem Kind, aber nur 27 Prozent der Franzosen weiteren Nachwuchs ab. In Deutschland, meint Christine Eichel in ihrem Buch \u201eDeutschland &#8211; Lutherland\u201c spuke die Idee einer idealen Familie in den K\u00f6pfen, \u201eein trautes Heim mit Pr\u00e4senz m\u00f6glichst beider Eltern, viel Zeit f\u00fcr Erziehung, Bildung und gemeinsame Unternehmungen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Auf dem Hintergrund der Widerspr\u00fcche und Zerrei\u00dfproben, in denen Familien heute stehen, hatte der Rat der EKD 2009 eine Ad-hoc-Kommission berufen, die kirchliche Empfehlungen<\/strong> f\u00fcr die aktuellen familienpolitischen Herausforderungen erarbeiten sollte. Die Kommission unter Leitung der ehemaligen Familienministerin Dr. Christine Bergmann bekam den Auftrag, sich mit der offensichtlichen Spannung zwischen dem Wunsch nach stabilen Ehen und Familien einerseits und der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit hohen Scheidungsrate und einer gro\u00dfen Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender andererseits auseinander zu setzen. <strong>Es ist n\u00e4mlich durchaus strittig, ob man von einem Bedeutungsverlust der Ehe sprechen kann, oder ob sogar umgekehrt von einer gesteigerten Erwartungshaltung gesprochen werden muss. Und ob sich in den niedrigen Geburtenraten nicht gerade eine sehr bewusste elterliche Verantwortung zeigt. <\/strong>G\u00fcnter Burghardt spricht von der \u201eKrise einer unverw\u00fcstlichen Lebensform\u201c, um deutlich zu machen, dass Ehe und Familie nach wie vor zentrale Lebenswerte f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung sind &#8211; auch wenn sie inzwischen neben anderen Lebensformen stehen und auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen unter Druck geraten sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Was wir erleben: Die vier gro\u00dfen Herausforderungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.1 Erwerbsarbeit und sp\u00e4te Familiengr\u00fcndung <\/strong><\/p>\n<p>Lange Ausbildungszeiten und Berufseinstiegsphasen, aber auch mangelnde Unterst\u00fctzungsangebote haben dazu gef\u00fchrt, dass die Familiengr\u00fcndung immer weiter hinausgeschoben wird. <strong>Das Durchschnittsalter der Erstgeb\u00e4renden liegt gegenw\u00e4rtig bei 29 Jahren (Ostdeutschland: 27 Jahre). Die Zeit f\u00fcr Familiengr\u00fcndung ist knapp geworden 60% der Kinder werden von M\u00fcttern zwischen 26-35 geboren<\/strong>. Dabei spielt Reproduktionsmedizin eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle.<\/p>\n<p><strong>Wenn alle erwachsenen Erwerbst\u00e4tigen \u2013 Frauen wie M\u00e4nner, unabh\u00e4ngig von ihren familialen Verpflichtungen \u2013 dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen sollen, wie es sowohl im SGB II als auch im Unterhaltsrecht vorausgesetzt wird, dann brauchen Familien mehr Unterst\u00fctzung bei Erziehung und Bildung, bei der Pflege und in Krisensituationen. <\/strong>Fehlende Betreuungseinrichtungen, aber auch die nach wie vor unterschiedlichen Einkommen von M\u00e4nnern und Frauen f\u00fchren zurzeit dazu, <strong>dass vor allem Frauen ihre beruflichen Ambitionen zur\u00fcckstellen, sobald Kinder geboren werden. Auch Paare mit anfangs partnerschaftlicher Rollenteilung geben diese sp\u00e4testens mit der Geburt des zweiten Kindes zugunsten traditioneller Formen au<\/strong>f. Frauen \u00fcbernehmen den Hauptteil der Familien- und Hausarbeit. Laut Brigitte-Studie von Jutta Allmendinger stimmten im Jahr 2012 53% der Frauen der Aussage zu: \u201eWer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen.\u201c (bei der Vorl\u00e4uferstudie 2007 sagten das nur 36%). Die befragten M\u00fctter f\u00fchlten sich beruflich ausrangiert. Kinder und Erwerbsarbeit sind immer noch schwer zu vereinbaren. Offenbar stimmen weder die finanziellen noch die zeitpolitischen Voraussetzungen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.2.Vielfalt der Familienformen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Vielfalt des Familienlebens nimmt zu. <strong>Ein Drittel aller Kinder werden nichtehelich geboren. Das sind doppelt so viele, wie noch vor zwanzig Jahren<\/strong>. Hier besteht allerdings ein markanter deutsch-deutscher Unterschied: Im Westen sind es n\u00e4mlich nur 27% der Kinder, im Osten 61%. Der Zusammenhang von Eheschlie\u00dfung und Geburten \u2013 und damit auch der zwischen Ehe und Familie l\u00f6st sich. Ehe ist nicht mehr Voraussetzung, sondern Folge gemeinsamer Kinder. Zwar sind noch 72% der Familien Ehepaare mit Kindern (BMFSFJ 2012: 22), aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. <strong>Familie ist nicht einfach Schicksalsgemeinschaft, sondern mehr und mehr \u201eHerstellungsgemeinschaft\u201c, <\/strong>auf bewussten, oft spannungsreichen Entscheidungen gegr\u00fcndet- von der Familienplanung bis zu den Patchworkfamilien.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.3 Polarisierung der Lebensformen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dabei w\u00e4chst drittens die gesellschaftliche und \u00f6konomische Spreizung<\/strong> &#8211; nicht nur deshalb, weil sich die sozialen Milieus in Deutschland in hohem Ma\u00dfe auseinanderentwickeln. <strong>Auff\u00e4llig ist die Polarisierung sozialer Lebenslagen zwischen Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten, vor allem aber zwischen denen, die f\u00fcr Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben<\/strong>. Familienarbeit wird finanziell nur dann honoriert, wenn sie Ehe- oder Lebenspartnerschaft basiert ist. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten k\u00f6nne, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von Einkommensarmut betroffen. Laut Stiftung f\u00fcr Zukunftsfragen schrecken 67 Prozent der jungen Leute die Kosten f\u00fcr Kinder, 60 Prozent wollen frei bleiben und 57 Prozent f\u00fcrchten um ihre Karriere.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong>2.4 Kulturell-ethnische Vielfalt in der Einwanderungsgesellschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>Fast jede dritte Familie im Westen hat inzwischen einen Migrationshintergrund<\/strong> (30 Prozent in West-, 14 Prozent in Ostdeutschland, BMFSFJ 2010: 18). Zu diesen Familien z\u00e4hlen alle Eltern-Kind-Gemeinschaften, bei denen mindestens ein Elternteil eine ausl\u00e4ndische Staatsangeh\u00f6rigkeit besitzt oder die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit beispielsweise durch Einb\u00fcrgerung erhalten hat. <strong>Knapp ein Viertel der zugewanderten Familien kommt aus der T\u00fcrkei. Etwa ein F\u00fcnftel stammt aus Osteuropa, ein weiteres F\u00fcnftel aus s\u00fcd- oder westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern<\/strong> (BMFSFJ 2010: 19). Wenn man sich vorstellt, dass noch in der Nachkriegszeit Ehen daran scheiterten, dass die Paare nicht \u201edas gleiche Gesangbuch\u201c hatten, l\u00e4sst sich ahnen, welche Herausforderung in der religi\u00f6sen Vielfalt steckt, die damit verbunden ist. Zugleich kehren mit den Migrantenfamilien auch traditionelle Rollenbilder in unsere Gesellschaft zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Zusammenfassung: Ver\u00e4nderungsprozesse und Bed\u00fcrfnisse<\/strong><\/p>\n<p>Hinter den aktuellen Statistiken stehen l\u00e4ngerfristige Ver\u00e4nderungsprozesse: <strong>die medizinischen M\u00f6glichkeiten der Familienplanung haben die l\u00e4ngst schon begonnenen Emanzipationsbewegungen von Frauen in der Erwerbsarbeit beschleunigt, w\u00e4hrend zugleich die Bedeutung von Erwerbsarbeit in den entwickelten Gesellschaften zunahm. Tats\u00e4chlich lebt die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung inzwischen nicht mehr in Familienhaushalten<\/strong>. Und allen W\u00fcnschen nach heiler Familie zum <strong>Trotz nimmt die \u201eVersingelung\u201c der westlichen Gesellschaften zu<\/strong>. Alleinleben scheint der beste Weg, die modernen Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben, so der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg nach einer Untersuchung des Time-Magazins zu den Trends unserer Zeit. Single-Sein bedeute Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle, eben Autonomie. Auch viele Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Immerhin jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren \u2013 also in der Zeit der Familiengr\u00fcndung- ist betroffen, und f\u00fcr viele ist das der selbstverst\u00e4ndliche Preis f\u00fcr berufliche Mobilit\u00e4t und Karriere. In ihrem Buch: \u201eLiebe aus dem Koffer\u201c nennt Alexandra Berg die Lebensformen der Mobilen beim Namen: <strong>\u201eWeiblich, mobil, kinderlos\u201c, \u201eM\u00e4nnlich, mobil, Kinder\u00a0\u2013 ein Lebensmodell auf Kosten der Frau\u201c \u2013 und \u201eMobiles Paar, verpasstes Familienleben.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts der niedrigen Geburtenrate, des kommenden Fachkr\u00e4ftemangels und des tiefgreifenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt stehen allerdings nicht nur die Einzelnen vor der Frage, wie Bildung, Erwerbsarbeit und famili\u00e4re F\u00fcrsorge im Lebenslauf besser zu vereinbaren und gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen sind. <strong>Darin liegt auch eine gro\u00dfe sozialpolitische Herausforderung, die weit \u00fcber das Feld der klassischen Familienpolitik hinausgeht. Denn die Ver\u00e4nderungsdynamik nimmt zu, die Erwartung an Mobilit\u00e4t w\u00e4chst<\/strong>: Die schiere Zahl der Arbeits- und Lebensbeziehungen explodiert &#8211; zugleich schwindet die M\u00f6glichkeit, an einem Ort Wurzeln zu schlagen und Heimat zu finden. Dabei richtet sich die Sehnsucht vieler darauf, <strong>sich verorten zu k\u00f6nnen in den gro\u00dfen und manchmal verst\u00f6renden Transformationsprozessen, sich zu Hause f\u00fchlen zu k\u00f6nnen in einer verl\u00e4sslichen Gemeinschaft \u2013 in Familie, Heimat, Freundschaften<\/strong>. Aber auch im Mikrokosmos zeigen sich Individualisierung und Beschleunigung<strong>: 63% der M\u00e4nner und 37% der Frauen geben an, zu wenig Zeit f\u00fcr Kinder zu haben, bei alleinerziehenden M\u00fctter liegt der Anteil bei 47%.<\/strong><\/p>\n<p>Familien brauchen Unternehmen, die der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hohe Priorit\u00e4t einr\u00e4umen, Ganztagsangebote in der Bildung und soziale Dienste, die partnerschaftlich mit ihnen zusammenarbeiten. Und Kirchengemeinden, die ihnen zur Seite stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Der Streit um Leitbilder <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ehe und Familie d\u00fcrfen nicht als ewige Ordnungen missdeutet werden (Dietrich Bonhoeffer). Es geht vielmehr um die Beziehung zwischen den Partnern als fundamentale Entsprechung der Beziehung zwischen Gott und Mensch<\/strong>. Im Mittelpunkt steht also nicht die Geschlechterdifferenz, sondern die Angewiesenheit. <strong>Das ist die Basis der Orientierungshilfe f\u00fcr das Ja zu \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c, das der Rat im letzten Jahr beschlossen hat &#8211; auch wenn das Thema Lebenspartnerschaften keinesfalls das Zentrum der Orientierungshilfe war<\/strong>.<\/p>\n<p>Wer die derzeitige Debatte um die \u00f6ffentliche Segnung in W\u00fcrttemberg wahrnimmt, sp\u00fcrt noch einmal die Heftigkeit der Auseinandersetzungen in der Kirche<strong>. Dabei geht es durchaus nicht nur um kirchliche, sondern eben auch um gesellschaftliche Fragen. Denn es waren die Gleichstellungsentscheidungen in Europa und die Beschl\u00fcsse des Bundestages, die die Gem\u00fcter erregten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Fragen zur Familienpolitik, die damit verbunden sind, sind politisch noch keinesfalls erledigt<\/strong>. Das gilt f\u00fcr das <strong>Thema Adoption in lesbischen Ehen, aber auch f\u00fcr die Fragestellungen, die im Kontext von Reproduktionsmedizin, Samenspende und Leihmutterschaft auf dem Weg sind. Kann es bei einer Samenspende rechtlich betrachtet eine Elternschaft zu dritt geben<\/strong> wie in Gro\u00dfbritannien &#8211; <strong>oder auch zu viert, wenn ein lesbisches und ein schwules Paar gemeinsam Kinder haben?<\/strong> Und wie steht es dabei um die Rechte der Kinder? Dabei geht es auch um die Frage, <strong>ob mit Art. 6 GG ein bestimmtes Ehe- und Familienbild verbunden ist. Und welche Funktion dieser Artikel f\u00fcr die Familienpolitik in Deutschland hat<\/strong>. Die Einrichtung eines entsprechenden Ministeriums war in den 50er Jahren durchaus strittig. Dabei hatten die Kirchen, vor allem die katholische, einen wesentlichen Anteil am Zustandekommen.<\/p>\n<p>Erst in der sozialpolitischen Zusammenarbeit mit anderen Kirchen in Europa ist mir deutlich geworden: Vor allem die L\u00e4nder, die Erfahrungen mit totalit\u00e4ren Regimen hatten, legen Wert auf die <strong>politische Unterst\u00fctzung von Familien, aber auch auf die Eigenst\u00e4ndigkeit und den Eigensinn der Familien. Dass der Staat nicht hineinregiert, dass Vielfalt m\u00f6glich ist, ist f\u00fcr die Bundesrepublik immer wichtig gewesen. F\u00fcr die Mehrheit der Deutschen bedeutet das heute eben auch: Vielfalt der Lebensformen und \u201eEhe f\u00fcr alle<\/strong>\u201c. Und auch aus anderen Gr\u00fcnden ist es unverzichtbar, den Blick zum \u00fcber Deutschland hinaus auf Europa hin zu weiten<strong>. Es ist letztlich die europ\u00e4ische Rechtssitzung, die das Verh\u00e4ltnis von individueller Gleichstellung \u2013 zum Beispiel ehelicher und nichtehelicher Kinder oder homo- und heterosexueller Menschen &#8211; und dem Schutz von Ehe und Familie als sorgende Gemeinschaften auch in Deutschland ver\u00e4ndert hat.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Ost-West-Vergleich macht ebenfalls deutlich, in welchem Ma\u00dfe auch die Lebensformen gesellschaftlich und politisch gepr\u00e4gt sind<\/strong>. Er spielt deshalb auch in der Orientierungshilfe eine Rolle \u2013 und zwar zum ersten Mal in der Reihe der EKD-Denkschriften. Die Philosophin Rahel Jaeggi ist deshalb der Auffassung, dass es n\u00f6tig ist, eben auch die scheinbar privaten Lebensformen politisch zu diskutieren. <strong>Das westdeutsche Modell der Familienpolitik, das mit Ehegattensplitting und Mitversicherung von Frauen und Kindern auch weiterhin den politischen Pfad bestimmt, geht traditionell von der Familie als Erwerbs- und F\u00fcrsorgegemeinschaft aus. Mit dem Ehemann als vollerwerbst\u00e4tiger Familienvorstand und der Hausfrau und Mutter, die f\u00fcr Erziehung und Pflege sorgte<\/strong>. Dabei baute auch das Bildungssystem von Kinderg\u00e4rten bis Halbtagsschulen darauf, dass einer der Ehepartner, und das waren und sind in der Regel die Frauen, allenfalls halbtags arbeitete. <strong>Diese familienpolitischen Rahmenbedingungen gelten in den Grundz\u00fcgen bis heute &#8211; zugleich aber hat sich das Leitbild der heute 20-40 \u2013j\u00e4hrigen, wie Untersuchungen des WZB zeigen, grundlegend ver\u00e4ndert<\/strong>: Junge M\u00e4nner wie Frauen w\u00fcnschen sich f\u00fcr beide die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.<\/p>\n<p><strong>Die Gleichberechtigung von M\u00e4nnern und Frauen in der Erwerbsarbeit galt lange Zeit als \u201eeine der gr\u00f6\u00dften Errungenschaften\u201c der DDR und wurde seit den 1970er Jahren durch ein ganzes B\u00fcndel sozialpolitischer Ma\u00dfnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gest\u00fctzt<\/strong>. Damit sollte sowohl der \u201aWille zum Kind\u2019 gest\u00e4rkt werden; es ging aber auch um die Rekrutierung von Frauen f\u00fcr den Arbeitsmarkt.<strong> Tats\u00e4chlich lag die Frauenerwerbsbeteiligung im Osten 1989 bei fast 90% im Gegensatz zu 55% in Westdeutschland. Inzwischen liegt sie bei 70% in Gesamtdeutschland &#8211;<\/strong> gleichwohl ist die Erwerbsstundenzahl nicht gewachsen &#8211; der Normalfall ist nach wie vor die Teilzeit f\u00fcr Frauen, die im Steuersystem strukturell gef\u00f6rdert wird. Angesichts des demografischen Wandels geht es nun in ganz Deutschland um eine h\u00f6here Erwerbsbeteiligung von Frauen und zugleich um die Steigerung der Geburtenrate.<\/p>\n<p><strong>Dabei steht das deutsche Modell familienpolitisch in der Mitte &#8211; zwischen hoher Frauenerwerbst\u00e4tigkeit, Individualbesteuerung, staatlicher F\u00fcrsorge und Ganztagsschulen im staatlich-lutherischen Skandinavien oder im laizistisch-zentralistischen Frankreich einerseits und einer noch st\u00e4rkeren Privatisierung von Familien und F\u00fcrsorgeleistungen im katholischen Italien oder Spanien.<\/strong> Dabei zeigt sich noch deutlicher als im Ost-West-Vergleich: <strong>Wo Infrastrukturleistungen Erwerbst\u00e4tigkeit erm\u00f6glichen, ist die Geburtenrate h\u00f6her<\/strong>, wo sie fehlen, besonders niedrig- und zwar ganz offensichtlich unabh\u00e4ngig von dem Familienbild, das religi\u00f6s-normativ vertreten wird.<\/p>\n<p><strong>Dabei ist klar: eine vollst\u00e4ndige Delegation der Sorgearbeit in Erziehung und Pflege ist nicht denkbar und auch nicht w\u00fcnschenswert &#8211;<\/strong> vor allem weil es bei den Care-Aufgaben um mehr als um bezahlbare Dienstleistungen geht. <strong>Zwar hat die Familie schon in der Moderne wesentliche politische und \u00f6konomische sowie rechtliche Funktionen verloren, doch hat sie nach wie vor entscheidende Bedeutung f\u00fcr die Sozialisation und soziale Reproduktion.<\/strong> Die Weitergabe von Werten und Traditionen, Erziehung und Betreuung von Kindern, F\u00fcrsorge und Pflege, das Teilen gemeinsamer Aufgaben und die Solidarit\u00e4t zwischen den Generationen kennzeichnen Familien, werden dort einge\u00fcbt. Es geht um Gemeinschaftserfahrungen, die f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt unentbehrlich sind.<\/p>\n<p><strong>Aber &#8222;das Sozial- und Steuersystem benachteiligt Familien. Die Ideale und Anspr\u00fcche, denen die Kindererziehung gerecht werden soll, sind dagegen sehr hoch. Das alles erschwert es den Menschen, das Wagnis des Lebens in Ehe und Familie einzugehen\u201c,<\/strong> hei\u00dft es in der gemeinsamen Erkl\u00e4rung der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Erzdi\u00f6zese Freiburg zur Zukunft der Familie. (16.4.2008)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Familienpolitik und Kirche<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNach evangelischem Verst\u00e4ndnis d\u00fcrfen Autonomie und Angewiesenheit, berufliche Entwicklung und f\u00fcrsorgliche Beziehungen nicht gegeneinander ausgespielt werden, hei\u00dft es in der Orientierungshilfe der EKD. Leitlinie einer evangelisch ausgerichteten Familienpolitik m\u00fcsse deshalb die konsequente St\u00e4rkung aller f\u00fcrsorglichen Beziehungen sein\u201c, hei\u00dft es in der Orientierungshilfe. \u201eDie Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, darf dabei nicht entscheidend sein. <strong>Alle famili\u00e4ren Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit aneinander binden, f\u00fcreinander Verantwortung \u00fcbernehmen und eine verl\u00e4ssliche Partnerschaft eingehen, m\u00fcssen auf die evangelische Kirche bauen k\u00f6nnen.<\/strong>\u201c (Orientierungshilfe)<\/p>\n<p><strong>An Passagen wie dieser hat sich die Debatte um die Orientierungshilfe entz\u00fcndet. Viele haben eine st\u00e4rkere Hervorhebung der Ehe als Leitbild jeder verbindlichen und verl\u00e4sslichen Lebensform vermisst.<\/strong> Das Sozialwissenschaftliche Institut, das eine Untersuchung zur die Familienpolitik in Landeskirchen durchgef\u00fchrt hat, sah <strong>den Bedarf, \u201eein orientierendes evangelisches Leitbild zu entwickeln, das weder an der gesellschaftlichen Realit\u00e4t von Familie vorbeiredet, noch mit unterschwelligen Normalit\u00e4tskonzepten Menschen benachteiligt, die in anderen Familienformen (als der traditionellen) leben.<\/strong>\u201c Auch die j\u00fcngeren Texte verschiedener Landeskirchen setzen sich n\u00e4mlich nicht mehr so stark mit Familienformen auseinander; vielmehr <strong>geht es um die Aufgaben und Leistungen, die Familien \u00fcbernehmen \u2013 um das \u201edoing family<\/strong>\u201c. Erschienen die vielf\u00e4ltigen Familienrealit\u00e4ten zun\u00e4chst als Gef\u00e4hrdung des \u201eeigentlichen\u201c Leitbilds oder als \u201eunvollkommen\u201c, gewann in den letzten Jahren die \u00dcberzeugung an Kraft, dass Gef\u00e4hrdungen weniger in einer bestimmten Gestalt der Familie liegen, als darin, wie das Familienleben gestaltet wird.<\/p>\n<p>Das zeigte sich schon vor der Orientierungshilfe an den Ver\u00e4nderungen im EKD-Pfarrdienstrecht, das einen Rahmen f\u00fcr die Landeskirchen setzt. Da es Gliedkirchen gibt, die inzwischen auch ein gleichgeschlechtliches Paar in eingetragener Lebensgemeinschaft im Pfarrhaus leben lassen, w\u00e4hrend andere \u00fcber dieser Fragestellung fasst zerbrechen, hat man sich im EKD-Rahmen darauf geeinigt, die Werte zu beschreiben, unter denen die Lebensbeziehung von Pfarrerinnen und Pfarrern gestaltet werden soll: <strong>Verbindlichkeit, Verl\u00e4sslichkeit, Verantwortlichkeit. Das sind die Beziehungsrelationen, die im theologischen Kapitel der Orientierungshilfe wieder aufgenommen werden. Dabei wird die Institution Ehe als besonders geeigneter rechtlicher Schutzraum f\u00fcr dieses Miteinander gesehen. Denn tats\u00e4chlich braucht ja auch die Sorgearbeit rechtliche Ankn\u00fcpfungspunkte und \u00f6konomische Unterst\u00fctzung.<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegensatz zu diesem funktionalen Verst\u00e4ndnis betont die katholische Kirche den sakramentalen und Institutionellen Aspekt von Familie. Die damit verbundenen Probleme im Blick auf die Trauung und die Kommunion Geschiedener und Wiederverheirateter werden ja ebenfalls \u00f6ffentlich diskutiert. Auf der PK zur Herausgabe der Orientierungshilfe <strong>hat der Ratsvorsitzende betont, angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des famili\u00e4ren Zusammenlebens entspr\u00e4chen ein normatives Verst\u00e4ndnis der Ehe als \u201eG\u00f6ttliche Stiftung\u201c und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen \u201eSch\u00f6pfungsordnung weder der Breite des biblischen Zeugnisses noch unserer Theologie<\/strong>\u201c. Die Orientierungshilfe setze das geschichtliche Gewordensein und den Wandel der Leitbilder voraus. <strong>Dabei k\u00f6nne sie sich auch auf Martin Luther beziehen, der bei aller Hochsch\u00e4tzung als \u201ag\u00f6ttlich Werk und Gebot\u2018 die Ehe zum \u201eweltlich Ding\u201c erkl\u00e4rt<\/strong>, das von den Partnern gestaltbar ist und gestaltet werden m\u00fcsse, so Schneider. Im evangelischen Eheverst\u00e4ndnis k\u00f6nne deshalb eine neue Freiheit auch im Umgang mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen erwachsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Protestantische Freiheit und \u00d6ffnung der Ehe<\/strong><\/p>\n<p>Wie sehr eine kirchliche Schrift zur Familienpolitik heute noch die Gem\u00fcter bewegen konnte, fasziniert mich noch immer. <strong>Insbesondere dieses Luther-Zitat hat dabei eine Rolle gespielt: das \u201eweltlich Ding<\/strong>\u201c. Bei aller Hochsch\u00e4tzung als g\u00f6ttlich Werk und Gebot verstand Luther die Ehe eben nicht mehr als heilsnotwendiges Sakrament. Das Reformationsjubil\u00e4um hat mich motiviert, noch einmal genauer hinzuschauen. <strong>Die gro\u00dfe \u201eHaushaltsfamilie\u201c Luther- v. Bora aber war nicht neu &#8211; sie war typisch f\u00fcr die damalige Oberschicht. Der \u201eFamilienvertrag\u201c, der den Hausstand begr\u00fcndete, wurde normalerweise zwischen Brautvater und Br\u00e4utigam geschlossen<\/strong>. Die herrschenden Familien machten ihre eigene Familienpolitik. Jenseits aller Romantik ging es um ganz schn\u00f6de und dabei elementare Themen wie Eigentum, Erbe und Unterhalt.<\/p>\n<p><strong>Die Kirche war bis ins 13. Jahrhundert erst nachtr\u00e4glich beteiligt &#8211; durch den Brautsegen. Dabei gab es eine F\u00fclle kirchlicher Heiratsbeschr\u00e4nkungen wie das Verbot der Verwandten-, der Schwager- und Patenehe. Aber auch aus anderen Gr\u00fcnden stand die Institution Ehe nicht allen offen: Denen, die nicht \u00fcber die Meisterw\u00fcrde verf\u00fcgten, fehlten schlicht die \u00f6konomischen Grundlagen. Knechte und M\u00e4gde bedurften der Zustimmung des Hausvaters<\/strong>. Oft wurden deshalb Familien einfach dadurch begr\u00fcndet, <strong>dass Mann und Frau Tisch und Bett \u00f6ffentlich teilten. Diese Lebensform war jedoch zunehmend prek\u00e4r geworden<\/strong>. Die alten Dorfgemeinschaften und Z\u00fcnfte verloren ihre Funktionsf\u00e4higkeit. Neue Wirtschaftsformen entstanden, zugleich aber wuchs die gesellschaftliche Spaltung und die Wanderungsbewegungen f\u00fchrten zu Mehrfachehen.<\/p>\n<p><strong>Luther baute die Zahl der Ehehindernisse radikal ab; er forderte die \u00f6ffentliche Eheschlie\u00dfung f\u00fcr jedermann und st\u00e4rkte die Bedeutung des wechselseitigen Versprechens von Braut und Br\u00e4utigam.<\/strong> Es ging ihm um eine neue gesellschaftliche Ordnung, bei der die Beziehungen in Ehe und Familie eine entscheidende Rolle spielen. <strong>Dabei wertet er die Rolle der Hausfrau und Mutter auf &#8211; er versteht sie als Beruf und Amt. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung begreift er als Gott gegeben <\/strong>&#8211; eben mit der Sch\u00f6pfungsordnung begr\u00fcndet. Die Liebe aber kann auch die Rollenzuweisungen \u00fcberschreiten: \u201eWenn ein Mann hinginge und w\u00fcnsche die Windeln oder t\u00e4t sonst am Kindere ein ver\u00e4chtliches Werk, und jedermann spottete sein und hielt ihn f\u00fcr einen \u2026Frauenmann, so er\u2019s doch t\u00e4t in christlichen Glauben\u2026\u201c<\/p>\n<p><strong>Was wir unter Familie verstehen, ist in einem dauernden Wandel begriffen &#8211; und es w\u00e4re viel zu kurz gegriffen, diesen Wandel als Verfallsgeschichte zu verstehen. Denn er ging eben auch mit wachsenden Rechten f\u00fcr Frauen, Kinder, homosexuell Liebende und mit einem gro\u00dfen Zugewinn an Freiheit einher.<\/strong> Dabei haben allerdings die Kirchen eine zwiesp\u00e4ltige Rolle gespielt. Ihre Bedeutung als politische Akteure l\u00e4sst sich am Beispiel von Ehe und Familie in Deutschland besonders gut nachverfolgen. <strong>Ob es um Elternrechte und Kindererziehung, oder auch um die Rolle der Frau als Mutter ging &#8211; die Kirchen haben sich immer wieder positioniert. Und auch das subsidi\u00e4re familienpolitische Modell in Deutschland ist ganz wesentlich von der christlichen Soziallehre gepr\u00e4gt.<\/strong> Weil die Kirche f\u00fcr Familienpolitik steht, aber auch f\u00fcr die Entwicklung von Erziehung und Pflege in Deutschland wesentlich Verantwortung tr\u00e4gt, hat sie eine besondere Verantwortung in diesem Feld.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Biblische Einspr\u00fcche? Zum theologischen Hintergrund<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kritiker der Orientierungshilfe sahen den Text in einer Linie mit der Entwicklung der Urteile des BVG zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe. Auch das \u2013 und vielleicht sogar vor allem das &#8211; war von vielen mit der Anbiederung an den Zeitgeist gemeint.<\/strong> Dabei beziehen sie sich theologisch vor allem auf <strong>drei \u201eEcksteine\u201c: auf die \u201eSch\u00f6pfungsordnung\u201c, das \u201cScheidungsverbot\u201c Jesu und die Ablehnung von \u201ehomosexuellem Verhalten<\/strong>\u201c in den antiken biblischen Texten. Tats\u00e4chlich enth\u00e4lt die Orientierungshilfe in allen diesen F\u00e4llen implizit oder explizit eine andere \u201eEinordnung\u201c. <strong>Die Polarit\u00e4t der Sch\u00f6pfung wird eben nicht nur als Geschlechterpolarit\u00e4t verstanden, das Scheidungsverbot wird vor allem als Schutz der Schw\u00e4cheren interpretiert, die biblische Ablehnung der Homosexualit\u00e4t wird darin begr\u00fcndet, dass ein, unserem heutigen vergleichbares Konzept homosexueller Liebe auf Augenh\u00f6he nicht existierte<\/strong>. Dazu sei einer theologischen der Verteidiger der Orientierungshilfe zitiert, der Alttestamentler J\u00fcrgen Ebach. Er schreibt f\u00fcr viele sicher provokativ: \u201eBei Licht besehen, dreht sich die Sache um. Nicht der weite Familienbegriff der Orientierungshilfe verabschiedet sich von biblisch-theologischen Grundlagen; vielmehr mangelt es dem lange herrschenden kirchlichen Bild von Ehe und Kleinfamilie an biblischer Begr\u00fcndung. Diese Ehe- und Familienform geht nicht auf die Bibel zur\u00fcck, sondern auf das B\u00fcrgertum des sp\u00e4ten 18. und 19. Jahrhunderts\u2026Das hei\u00dft aber nicht, dass die Bibel zur gegenw\u00e4rtigen Familienthematik nichts zu sagen hat. Denn\u2026 gerade das Alte Testament \u00f6ffnet den Blick daf\u00fcr, dass es da f\u00fcr viele scheinbar heute neue Familien- und Lebensformen Vor-Bilder gibt.\u201c Ebach erinnert wie schon die Orientierungshilfe an Jakobs Patchwork-<strong>Familie mit Lea und Rahel und den Sklavinnen als eine Art \u201eLeihm\u00fctter\u201c, an Moses und seine \u00e4gyptische Adoptivmutter, ja, sogar an die Schwagerpflicht zur \u201eSamenspende\u201c. Er ruft die vielen Ehelosen von Elia \u00fcber Jesus bis zu Paulus in Erinnerung<\/strong>, die doch nicht ohne Familie sind, und auch die Neutestamentlerin Christine Gerber erinnert daran, dass das Neue Testament famili\u00e4re Bindungen angesichts der kommenden Gottesherrschaft relativiert und dass \u201eFamilia\u201c f\u00fcr eine Hausgemeinschaft steht, die auch Sklaven einschlie\u00dft.<\/p>\n<p><strong>Sowenig wir heute alles guthei\u00dfen und leben, was in der Bibel beschrieben wird \u2013 von der Polygamie bis zum Umgang mit Sklavinnen\u00a0\u2013 so wenig m\u00fcssen wir unser Nachdenken \u00fcber Homosexualit\u00e4t von den wenigen (Lev. 18, 22 und 20, 12) einschl\u00e4gigen Stellen bestimmen lassen<\/strong>. Denn in der Antike wurde Homosexualit\u00e4t nicht als Anlage, sondern als frei bestimmtes Verhalten verstanden &#8211; dabei galt es als Entehrung eines Mannes, bei einem anderen \u201ewie bei einer Frau\u201c zu liegen.<\/p>\n<p><strong>Damit ist auch schon die Frage nach der Sch\u00f6pfungsordnung ber\u00fchrt, die ja von den Kritikern ebenfalls angef\u00fchrt wird. \u201eH\u00f6rt Gottes Wort von der Stiftung und Ordnung des Ehestandes\u201c hei\u00dft oder hie\u00df es jedenfalls in der Trauagende, die viele noch im Ohr haben. Agendarische Deutungen biblischer Texte dienen ja oft als Gel\u00e4nder,<\/strong> wenn es darum geht, in der verwirrenden und manchmal auch widerspr\u00fcchlichen Vielfalt biblischer Texte Orientierung zu finden.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs ist nicht gut, dass der Mensch allein sei\u201c,<\/strong> zitiert die Orientierungshilfe die Sch\u00f6pfungsgeschichten und betont: Wir sind Beziehungswesen \u2013 oder, um es mit Plessner zu sagen: \u201eWir sind in das Gl\u00fcck der anderen hineingeboren.\u201c Wir brauchen jemanden, der uns versteht und unsere Sprache spricht, ein Gegen\u00fcber auf Augenh\u00f6he, einen Menschen, der spannungsreich anders und doch gleich ist. Davon erz\u00e4hlen die Sch\u00f6pfungsgeschichten. Im Gl\u00fcck sexueller Begegnung \u201eerkennen\u201c wir den oder die andere als \u201eFleisch von meinem Fleisch\u201c, in der k\u00f6rperlichen Hingabe erleben wir ein Angewiesensein jenseits von Hilfebed\u00fcrftigkeit. Im anderen finde ich eine Erg\u00e4nzung, an die zu binden mich gerade nicht unfrei macht, sondern viel von dem frei setzt, was mich als Person ausmacht. Erst im Du finde ich wirklich zum Ich, zu meiner eigenen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Warum also, wurde von den Kritikern gefragt, wird der zweite Teil des Satzes aus Gen. 2, 18 nicht immer mit zitiert: \u201eIch will ihm eine Gef\u00e4hrtin schaffen, die um ihn sei\u201c? Warum wurde nicht betont, was in Gen. 1, 27 steht, dass Gott den Menschen als Zweiheit schuf &#8211; m\u00e4nnlich und weiblich?<\/strong> In der Tat h\u00e4ngt an dieser Frage viel &#8211; nicht nur der Gedanke der Sch\u00f6pfungsordnung mit der allein fruchtbaren Geschlechterpolarit\u00e4t ist damit verbunden, sondern <strong>auch die Geschlechterordnung und Geschlechterhierarchie, die alles Nachdenken \u00fcber Ehe und Familie bis ins letzte Jahrhundert bestimmt hat<\/strong>. In der damaligen Gesellschaft war die biblische Legitimation der Unterordnung der Frau von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Auf diesem Hintergrund ist die Orientierungshilfe eher vorsichtig, wenn die Bibel benutzt wird, um zu begr\u00fcnden, dass die Ehe gleichsam in die Natur des Menschen eingeschrieben sei. <\/strong>Die Vorstellung von bestimmten \u201enaturgem\u00e4\u00dfen\u201c Lebensformen, die meistens klassische Vater-Mutter-Kind-Bilder zum Ma\u00dfstab nahmen, reibt sich an der Wahrnehmung, dass Menschen gelingendes gemeinsames Leben in vielf\u00e4ltiger Weise gestalten k\u00f6nnen. F\u00fcr Dietrich Bonhoeffer erhalten Ehe und Familie erst als \u201eg\u00f6ttliche Mandate\u201c ihre Geltung &#8211; dabei geht es darum, wie wir die Institutionen leben. Weder lassen sie sich aus der Natur des Menschen ablesen noch d\u00fcrfe man sie als ewige Ordnungen missdeuten, so Bonhoeffer.<\/p>\n<p>Er betont aber, dass in der Relationalit\u00e4t die fundamentale Entsprechung zwischen Gott und Mensch bestehe. <strong>Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen liegt nach Bonhoeffer darin, dass er wie sein Sch\u00f6pfer frei und zugleich auf den anderen bezogen ist. Auch Gott ist nicht frei an sich, sondern frei f\u00fcr den Menschen. Er hat sich in seiner Freiheit an uns gebunden und kann uns gerade so befreien<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Orientierungshilfe geht also nicht von naturrechtlichen \u00dcberlegungen aus. Wer <strong>ontologische \u00dcberlegungen der Geschlechterdifferenz zugrunde legt, um zu beschreiben, dass der Mensch auf ein Gegen\u00fcber angewiesen ist, wird Homosexualit\u00e4t oder Transsexualit\u00e4t als Abweichung betrachtet. Dabei ist es, medizinisch und psychologisch gesehen, mit der Polarit\u00e4t der Geschlechter nicht so einfach, wie einige glauben m\u00f6chten &#8211; manche sprechen von insgesamt 8 Geschlechtern<\/strong>. Es geht also um die Frage, ob wir von \u201eNormalit\u00e4t\u201c und \u201eAnderssein\u201c oder von Vielfalt ausgehen \u2013 eine Frage, die unsere Gesellschaft z. Zt. in vielerlei Hinsicht herausfordert- in Genderfragen, Inklusion und Kultur. <strong>Und auch das Generativit\u00e4tsverhalten \u2013 \u201eSeid fruchtbar und mehret Euch\u201c &#8211; hat sich seit Pille und Reproduktionsmedizin radikal ver\u00e4ndert<\/strong>, so radikal, <strong>dass seit den 70er Jahren 100.000 Samenspenderkinder <\/strong>zur Welt kamen. Einerseits wird also das Geschlechterschicksal<strong>, die \u201eNatur der Frau\u201c, l\u00e4ngst nicht mehr als zwingend erlebt \u2013 andererseits haben Menschen viel mehr mit Entscheidungen Grenzerfahrungen,<\/strong> Scheitern, Einsamkeit zu tun. Mit <strong>den Schattenseiten der Herstellungsgemeinschaft wie der Autonomie.<\/strong> Immerhin: schaut man auf die Geschlechterdifferenz, hat sich die \u00dcberzeugung durchgesetzt, <strong>dass die Gottesebenbildlichkeit in gleicher Weise f\u00fcr beide Geschlechter gilt.<\/strong> Die damit verbundene <strong>Vorstellung von der Gleichheit macht nun &#8211; anders als zu biblischen Zeiten &#8211; m\u00f6glich, eine gleichgeschlechtliche Beziehung als ebenb\u00fcrtige zu denken.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Angewiesenheit aufeinander wie auf den Segen Gottes, die die Freiheit nicht in Frage stellt, sondern in einem tieferen Sinne erst erm\u00f6glicht, steht deshalb im Mittelpunkt der theologischen \u00dcberlegungen der Orientierungshilfe<\/strong>. Angesichts der Umbr\u00fcche, die wir erleben, angesichts von Scheitern und Grenzerfahrung, aber auch von unerf\u00fcllten W\u00fcnschen ist diese Segensorientierung wichtig. <strong>Dabei geht es nicht nur um den Sch\u00f6pfungssegen, sondern um den immer wieder erneuerten Segensbund Gottes, dem unser menschlicher Bund entsprechen soll. <\/strong>In seiner kirchlichen Dogmatik (KD IV\/1,57-70) nimmt Karl Barth den Bundesgedanken auf, wenn er<strong> die Gottesebenbildlichkeit des Menschen darin entdeckt, dass Menschen Beziehungswesen sind \u2013<\/strong>\u00a0<strong>was sich eben auch und besonders in der Bezogenheit von Mann und Frau zeigt. In der Gemeinschaft, die Gott seinem Volk in immer neuen Bundeszusch\u00fcssen zuspricht und zuletzt in seiner Menschwerdung bekr\u00e4ftigt, ist ein tiefer Grund f\u00fcr die Gemeinschaftsf\u00e4higkeit des Menschen gelegt\u00a0\u2013 und zugleich wird darin deutlich, dass trotz Br\u00fcchen und Versagen immer neue Vergebung und Vers\u00f6hnung m\u00f6glich wird.<\/strong> Auf diesem Hintergrund betont die Orientierungshilfe im Blick auf das Scheidungsverbot Jesu vor allem <strong>die Schutz- und Anspruchsrechte der Schwachen\u00a0\u2013 damals der Frauen, heute der Kinder, die auf den Rechtscharakter funktionierender Institutionen angewiesen sind. <\/strong>Von den Kindern her begr\u00fcndet Bernhard Laux unsere Hoffnung und Erwartung auf eine dauerhafte Beziehung, das Leitbild der verl\u00e4sslichen Gemeinschaft in der Ehe oder Partnerschaft. Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind von einer solchen Bedeutung, dass sie in der gesamten Bibel zum Symbol f\u00fcr die Gottesbeziehung werden<strong>. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Anfang an sind aber auch Familie und Christliche Gemeinde aufeinander bezogen.<\/strong> Die ersten J\u00fcnger haben ihre Herkunftsfamilien verlassen, die ersten Christengemeinden haben mit religi\u00f6sen Normen gebrochen, weil sie ihren Glauben als Befreiung empfanden, sie haben alles daran gesetzt, Menschen aus den unterschiedlichsten Traditionen f\u00fcr einen Weg mit Christus zu gewinnen. Das gilt es neu zu entdecken; es fordert die Gemeinden aber auch heraus. Die religi\u00f6se Erziehung in der Familie muss erg\u00e4nzt werden durch Wege erwachsenen Glaubens; Eltern unterschiedlicher Konfession und Religion m\u00fcssen darin gest\u00e4rkt werden, mit Vielfalt zu leben und Kinder brauchen Ermutigung, ihrer religi\u00f6sen Neugier und Sehnsucht zu folgen; Gro\u00dfeltern brauchen Unterst\u00fctzung bei der Glaubensvermittlung an ihre Enkel und das Patenamt muss aus dem Schatten der Jahrhunderte geholt und entstaubt werden. Leihomas, Ausbildungsmentoren, Wahlv\u00e4ter oder -m\u00fctter k\u00f6nnen fehlende Rollen in der Familie erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erm\u00f6glicht<strong> die Gemeinde auch heute wieder eine erweiterte \u201eFamiliarit\u00e4t\u201c, die auch Alleinlebende einschlie\u00dft und zugleich Familien in vielf\u00e4ltiger Weise unterst\u00fctzen kann<\/strong>. So betrachtet, <strong>haben auch die familienkritischen Aussagen gerade des Neuen Testaments eine wesentliche Funktio<\/strong>n &#8211; Jesus betont die Bedeutung der J\u00fcngerschaft als Wahlverwandtschaft &#8211; und relativiert die, Familie als Gemeinschaft des Blutes: \u201eDie den Willen meines Vaters tun, die sind meine Mutter und Schwestern und Br\u00fcder.\u201c <strong>Deshalb konnten und k\u00f6nnen eben auch kirchliche Gemeinschaften die Rolle der Familie \u00fcbernehmen \u2013 so wie in den Kl\u00f6stern oder den Einrichtungen der Gemeinschaftsdiakonie<\/strong> des 19. Jahrhunderts, als die Kleinfamilien w\u00e4hrend der industriellen <strong>Transformation schon einmal vollkommen \u00fcberfordert waren. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ist Familie unverw\u00fcstlich, trotz allem Wandel? Wenn wir Familie als Sorgegemeinschaft der Generationen verstehen und dabei die verschiedenen Formen der Partnerschaft und auch christliche Wahlfamilien einbeziehen, ganz sicher<\/strong>. Beginnend mit dem Sch\u00f6pfungssegen, \u00fcber das Zeichen des Regenbogens bis zum Sinaibund und den Segenshandlungen Jesu lassen sich die biblischen Texte als Zuspruch lesen, das Leben zu wagen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und anderen zu verl\u00e4sslichen B\u00fcndnispartnern und zum Segen zu werden. <strong>Dass dieser Segen erfahrbar wird, dazu kann auch die Kirche beitragen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Hermannsburg 1.3.18<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Eine unverw\u00fcstliche Lebensform? Ein gl\u00fcckliches Familienleben und eine stabile Partnerschaft geh\u00f6ren zu den sehnlichsten W\u00fcnschen der allermeisten Menschen. 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