{"id":3387,"date":"2018-03-15T21:03:07","date_gmt":"2018-03-15T21:03:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3387"},"modified":"2018-04-06T19:41:16","modified_gmt":"2018-04-06T19:41:16","slug":"transformation-reformation-aufbrueche-in-umbruechen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3387","title":{"rendered":"Transformation \u2013 Reformation: Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Risse im Gem\u00e4uer <\/strong><\/p>\n<p>\u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c \u2013 so beschrieb der Prophet Jesaja einen zun\u00e4chst kaum wahrnehmbaren Ver\u00e4nderungsprozess von grundst\u00fcrzenden Ausma\u00dfen in Israel, der schlie\u00dflich zum Kollaps des Reiches f\u00fchrte. 2009, kurz nach der Finanzkrise, griff der Rat der EKD dieses Zitat auf. \u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c wurde der Titel einer Stellungnahme zur globalen Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklung. Der Riss, von dem der Prophet spricht (Jes 30), ist zun\u00e4chst kaum sichtbar, aber er frisst sich ins Gem\u00e4uer, bis der M\u00f6rtel rieselt, der die Steine h\u00e4lt, und am Ende die ganze Mauer einst\u00fcrzt. Inzwischen haben viele da Gef\u00fchl, dass etwas \u00e4hnliches passiert\u00a0\u2013 die Schutzmauern brechen. Der Rahmen, in dem sich unser Leben bisher abspielte, hat Br\u00fcche. Der Zusammenhalt zerbr\u00f6selt. Wir erleben eine gro\u00dfe gesellschaftliche Transformation\u00a0\u2013 nicht erst in der Finanzkrise von 2007\/8 haben wir den Riss gesp\u00fcrt; auch der Anschlag auf das World Trade Center 2001 und der Zusammenbruch der Sowjetunion um 1989 markieren den Umbruch \u2013 genauso wie zuletzt die so genannte Fl\u00fcchtlingskrise von 2015.<\/p>\n<p>Als Gro\u00dfe Transformation bezeichnete der ungarisch-\u00f6sterreichische Wirtschaftssoziologe Karl Polanyi 1944 den Wandel der westlichen Gesellschaftsordnung im 19. und 20. Jahrhundert vorwiegend am Beispiel Englands in der Zeit der Industrialisierung. Damals kam es zu tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen &#8211; zur Herausbildung von Marktwirtschaften und von Nationalstaaten. Auch in Deutschland brachen f\u00fcr viele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten, zusammen. Die Schattenseite der neuen Produktivit\u00e4t, des Anwachsens der St\u00e4dte und des steigenden Wohlstandes waren Arbeitslosigkeit und Armut, Wohnungsnot und in der Folge oft Kriminalit\u00e4t, allein gelassene und verwahrloste Kinder und Kranke. Damals suchten die Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder der neuzeitlichen Diakonie wie Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth oder Johann Hinrich Wichern in Hamburg kirchliche und soziale Antworten auf diese neuen Herausforderungen. Sie gingen in die Armutsquartiere, nahmen Menschen, die aus dem Gef\u00e4ngnis kamen, bei sich auf, und sie reisten durch Europa, im die Auswirkungen der Krise dort zu studieren, wo die Probleme sich besonders deutlich zeigten. Nach England zum Beispiel oder in die Niederlande. Denn die damalige Transformation war europaweit zu beobachten. Zu den Hauptproblemen geh\u00f6rten die \u00dcberforderung der Familien, Nachbarschaften und Kommunen \u2013 die Institutionen, die Halt gaben, trugen nicht mehr, weil die Welt durchgesch\u00fcttelt wurde.<\/p>\n<p>Es hat lange gedauert, bis am Ende des Jahrhunderts nationale Sicherungssysteme entstanden, die unseren Sozialstaat heute noch konturieren. Vom Vorm\u00e4rz bis zu Bismarck gab es heftige gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen. Aber Gott sei Dank gab es auch christliche B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die aus ihrem Glauben heraus neue Initiativen entwickelten &#8211; wie Raiffeisen, Amalie Sieveking oder die Fliedners. Sie gr\u00fcndeten Vereine, sie schufen Genossenschaften, Gemeinschaften und Wahlfamilie, Kinderg\u00e4rten und Pflegeeinrichtungen, dazu neue Berufe und Ausbildungsg\u00e4nge und Quartierskonzepte f\u00fcr die St\u00e4dte. Diese Offenheit f\u00fcr neue Ideen, das b\u00fcrgerschaftliche Engagement von Stadtr\u00e4ten, Unternehmern, adeligen und b\u00fcrgerlichen Frauen und die \u00dcberzeugung, von Gott gebraucht zu werden, haben mich immer begeistert. Das alles hat schlie\u00dflich dazu gef\u00fchrt, dass sich in Innerer Mission und Caritas neue Netzwerke bildeten, auf denen auch die Politik weiter aufbauen konnte.<\/p>\n<p>Das macht mir Mut, wenn ich auf die Ver\u00e4nderungsprozesse schaue, die wir gerade erleben. Zu reden ist von unsicheren Arbeitssituationen, von steigenden Mieten in den Innenst\u00e4dten, von Migration und Mobilit\u00e4t und \u2013 wie damals \u2013 von \u00fcberforderten Familien. Von Menschen, die nicht mithalten konnten in der immer schneller sich drehenden Arbeitswelt nicht mithalten k\u00f6nnen, deren traditionelle Bezugssysteme ins Wanken geraten sind. Von der Angst vieler \u00e4lterer Menschen, keine gute Pflege zu bekommen \u2013 und der Sorge der Jungen, dass die Rente nicht mehr ausreichen wird, wenn sie darauf angewiesen sind.<\/p>\n<p>Dis-embedding ist eine Schl\u00fcsselkategorie der Moderne. Der klar und verl\u00e4sslich gezeichnete Rahmen, in dem viele von uns noch aufgewachsen sind, hat sich aufgel\u00f6st \u2013 das gilt f\u00fcr Geschlechterrollen wie f\u00fcr Familienbilder, f\u00fcr Biographien wie f\u00fcr Berufswege. Heute wohnen die allermeisten Menschen nicht mehr an dem Platz, an dem sie arbeiten, ja\u00a0\u2013 sie wechseln Wohnort und Arbeitsplatz und auch Familienkonstellation und Lebensform oft mehrfach im Leben. Wir erleben, wie Ehen und Partnerschaften zerbrechen, und wie auch der Glaube sich verfl\u00fcchtigt in unserer s\u00e4kularen, vielf\u00e4ltigen Welt. Die Verbundenheit mit der Kirche geht zur\u00fcck, die Identifikation mit dem christlichen Abendland w\u00e4chst. Was also kann die Kirche, k\u00f6nnen Christinnen und Christen heute zum Wandel beitragen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Auf der Suche nach Heimat und Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>20 Jahre ist es nun her, da stand ich im Osten Londons, in einem herunter gekommenen Hafenviertel, vor einer verrammelten Kirche. Eine Gruppe rheinischer Theologinnen und Theologen auf der Suche nach Impulsen f\u00fcr die Kirche der Zukunft &#8211; auf Erkundungsreise, wie vor uns schon Fliedner und andere. Was damals in der Church of England geschah, ist inzwischen Alltag auch hier: Kirchen werden geschlossen, aufgegeben und verkauft. Und manche werden umgewidmet \u2013 sie werden zu Synagogen, zu Moscheen oder zu Gemeinschaftsh\u00e4usern. Wie wichtig die Kirchen f\u00fcr das Quartier sind, das war damals in London schon sp\u00fcrbar. Unsere Gruppe traf sich mit einer B\u00fcrgerinitiative, die um den Erhalt der verschlossenen Kirche k\u00e4mpfte. Mitten in einem globalisierten Viertel mit Menschen aller Hautfarben und Religionen, in dem die Armut offensichtlich gro\u00df war. Es war verst\u00e4ndlich, dass der Bischof von London zur \u00dcberzeugung gekommen war, diese Kirche werde nicht mehr gebraucht und sei auch nicht mehr zu finanzieren \u2013 oder? Nun, die Menschen, die wir trafen, waren ganz anderer Auffassung. Es stimmte, viele lebten nicht mehr hier. Aber diese Kirche war der Ort, wo sie getauft und getraut worden waren, wo sie auch ihre Kinder hatten taufen lassen. Hier waren sie gesegnet worden, hatten dazu geh\u00f6rt. Hier war ihre Heimat. So etwas gibt man nicht einfach auf.<\/p>\n<p>\u201eWir lassen der Dom in K\u00f6lle\u201c, singen die Black F\u00f6\u00f6s, und ganz \u00e4hnlich geht es den Hamburgern mit ihrem Michel und den M\u00fcnchnern mit der Frauenkirche. Auch f\u00fcr Menschen, die selbst kaum noch hingehen, bleiben die Kirchen eng mit ihrer Heimat verbunden. Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden wurde zum zentralen Symbol f\u00fcr den Neuaufbau der Stadt. Noch immer geben die Kirchen in Europa Orientierung in Raum und Zeit &#8211; Kircht\u00fcrme lassen uns sicher durch die St\u00e4dte navigieren und wenn die Glocken den Sonntag einl\u00e4uten, stellt sich ein sentimentales Heimatgef\u00fchl ein &#8211; die Erinnerung an einen Lebensrhythmus, der so ganz anders ist als die 24\/7-Gesellschaft von heute. Kirchen sind Teil unserer kulturellen Identit\u00e4t. Daran erinnern auch die Kirchenkuratoren und Kirchenkuratorinnen, die heute daf\u00fcr sorgen, dass Dorfkirchen in Brandenburg oder in Mitteldeutschland saniert werden \u2013 die Orgelpaten suchen, Veranstaltungen planen, die Kirchen offen halten, auch wenn sie selbst gar nicht Mitglied sind.<\/p>\n<p>Aber dass Familien \u00fcber mehrere Generationen an einem Ort wohnen, ist l\u00e4ngst keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger beweglichen\u00a0\u2013 h\u00e4ufig mit Wohneigentum, das sich in schrumpfenden Regionen kaum verkaufen l\u00e4sst. V\u00e4ter pendeln von Ost nach West zur Arbeit\u00a0\u2013 wo bereits Kinder in der Familie leben, sind es dann h\u00e4ufig die M\u00fctter, die bleiben. Und auch kinderlose Paare kennen Lebensphasen, in denen sie aus beruflichen Gr\u00fcnden \u00fcber lange Zeit getrennt leben. Wer h\u00e4ufig umzieht, verliert leicht die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft und damit auch den Zugang zu Kirche und Gemeinde. Das Zerbrechen der hergebrachten sozialen Bez\u00fcge ist dabei nicht nur eine emotionale Herausforderung. Alleinerziehende mit kleinen Kindern, aber auch alte oder pflegebed\u00fcrftige Menschen geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen, Nachbarn und Freunden zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Nur noch ein Viertel der erwachsenen Kinder wohnt mit den Eltern am gleichen Ort\u00a0\u2013 und so geht auch die M\u00f6glichkeit, kleine Alltagsdienste zu \u00fcbernehmen, signifikant zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und auch die Nachbarschaften ver\u00e4ndern sich, weil Menschen von anderswoher zuziehen \u2013 als Arbeitssuchende, Migranten oder Gefl\u00fcchtete. Manche, wie die Einwanderer der 60er Jahre aus S\u00fcdeuropa oder aus der T\u00fcrkei, geh\u00f6ren mit ihren Familien seit Generationen dazu; und dennoch hat sich noch nicht \u00fcberall ein echtes Miteinander entwickelt. Ich erinnere mich an die w\u00fctenden Briefe, die ich vor 20 Jahren im rheinischen Landeskirchenamt erhielt, als es um den lautsprecherverst\u00e4rkten Muezzinruf in Duisburg ging. Wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, wo viele leben, die von Transfereinkommen abh\u00e4ngen, w\u00e4chst die Angst vor dem Verlust des \u201eEigenen\u201c \u2013 des eigenen Arbeitsplatzes, der eigenen Kultur, der gewohnten Nachbarschaft, ja auch der eigenen Kirche. Da wird sp\u00fcrbar, was Heimat ausmacht: sich auskennen, gebraucht werden, dazugeh\u00f6ren. Im Duisburger oder Essener Norden aber leben Menschen zusammen, die sich alle auf ihre Weise ausgeschlossen f\u00fchlen &#8211; als Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Pflegebed\u00fcrftige, Migrantinnen, oder kinderreiche Familien. \u201eGemeinsam ist ihnen, dass sie die \u00dcberzeugung gewonnen haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt.\u201c, schreibt der Soziologe Heinz Bude. Die Erfahrung von Entwurzelung und Identit\u00e4tsverlust geh\u00f6rt zu den Schattenseiten der gro\u00dfen Transformation heute wie im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Die Zeichen deuten \u2013 die Zeit verstehen<\/strong><\/p>\n<p>In den gegenw\u00e4rtigen politischen Debatten erscheint der September 2015 als der Zeitpunkt, an dem die Ver\u00e4nderung in Deutschland begann. Ein Wendepunkt \u2013 nicht nur f\u00fcr die Beliebtheit der Kanzlerin und den Aufstieg der AFD. Aber solche Wendepunkte haben eben auch eine Vorgeschichte. Es war ja nicht allein der Tsumami, der zum Atomausstieg f\u00fchrte\u00a0\u2013 nach Jahrzehnten des Ringens war die Zeit reif f\u00fcr die Energiewende. Und auch der Fall der Mauer, den wir im November 1989 erlebten, hatte eine lange politische Vorgeschichte \u2013 wer hellsichtig war, konnte die Risse l\u00e4ngst sehen. Dennoch: in solchen Augenblicken bekommen die Umbr\u00fcche ein Gesicht \u2013 mit Folgen bis in unser pers\u00f6nliches Leben, mit Konsequenzen f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze und Lebensplanung, f\u00fcr den Umgang mit Energie und auch f\u00fcr die Sozialsysteme.<\/p>\n<p>Wie lernen wir, zu sehen, was \u201edran\u201c ist und wozu sie herausgefordert sind. Nach 1933, als der Nationalsozialismus die Gesellschaft in Deutschland mehr und mehr pr\u00e4gte, wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer zu einer USA-Reise eingeladen. Viele bedr\u00e4ngten ihn, dort zu bleiben, so wie andere Emigranten es taten. Er entschied sich, nach Deutschland zur\u00fcckzukehren, wo er kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. \u201eDienet der Zeit\u201c, schreibt er. \u201e\u2026Es hei\u00dft nur die tiefe reine Gestalt dieser Zeiten zu verstehen und in unserer Lebensf\u00fchrung darzustellen, so werden wir mitten in unserer Zeit auf die heilige Gegenwart Gottes sto\u00dfen.\u201c Der Zeit dienen, bedeutet: die Zeit verstehen. Mitten hinein gehen in die Umbr\u00fcche &#8211; aber auch von au\u00dfen drauf sehen \u2013 auf einer Reise zum Beispiel wie Bonhoeffer, Fliedner oder Wichern. \u201eMan muss die Tiefe der Wirklichkeit mit den klaren Augen des Glaubens sehen, um sie mit den rettenden Armen der Liebe gestalten zu k\u00f6nnen\u201c, schrieb Wichern.<\/p>\n<p>Ein Versuch, unsere Zeit zu verstehen, ist der Blick auf die globalen Ver\u00e4nderungsprozesse. Wissenschaftler unterscheiden mehrere gro\u00dfe, einander bedingende Krisen: Die <strong>\u00f6kologische Krise<\/strong>, die sich in einem beschleunigenden Klimawandel, wachsenden Konflikten um Rohstoffe und einem fortschreitenden R\u00fcckgang der Biodiversit\u00e4t zuspitzt. <strong>Dann die Ern\u00e4hrungskrise<\/strong>, die immer mehr Menschen mit Hunger bedroht und durch die weltweite Spekulation mit Land und Nahrung noch verst\u00e4rkt wird. <strong>Die Finanzkrise<\/strong>, die bei fehlender politische Regulierung und Kontrolle der Finanzm\u00e4rkte zu einer Destabilisierung von Demokratie, Wirtschaft und Besch\u00e4ftigung f\u00fchrt. Und <strong>die Staatsschuldenkrise<\/strong>, die vor allem in S\u00fcdeuropa dazu f\u00fchrt, dass Staaten handlungsunf\u00e4hig und Gesellschaften in Geiselhaft der Finanzm\u00e4rkte genommen werden. Schlie\u00dflich Globalisierung und Digitalisierung und <strong>die Krise der Arbeit<\/strong>, die sich weltweit in der Ausweitung prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung, Arbeitslosigkeit und informeller T\u00e4tigkeit zeigt und zu einer Zuspitzung der Ungleichheiten zwischen Arm und Reich f\u00fchrt, <strong>und die schwelende Sozialstaatskrise, <\/strong>die Menschen Angst macht, dass Rente und Arbeitslosengeld nicht mehr sicher sind. Seit 2015 ist vor allem <strong>die so genannte \u201eFl\u00fcchtlingskrise<\/strong>\u201c. Die Kriege und die \u00f6kologischen und wirtschaftlichen Katastrophen, vor denen sie fliehen, sind ihrerseits mitbegr\u00fcndet durch die weltweiten Konflikte um Nahrung, Wasser und Energie und die Stellvertreterkriege in Nahost und Afrika. Tats\u00e4chlich stellen die Migrationsbewegungen selbst eine wachsende Herausforderung dar: F\u00fcr die Gefl\u00fcchteten, die L\u00e4nder, in denen sie ankommen, und letztlich auch f\u00fcr Europa, das um die Zukunft seiner national ausgerichteten Sozial- und Wohlfahrtsstaaten ringt. F\u00fcr die Industriestaaten ist n\u00e4mlich noch ein wesentlicher Faktor zu ber\u00fccksichtigen, der <strong>sogenannte demografische Wandel <\/strong>mit seinen Herausforderungen f\u00fcr die sozialen Sicherungs- und die Pflegesysteme.<\/p>\n<p>Eine Hydra mit acht K\u00f6pfen \u2013 jeder Versuch, das eine oder andere Problem in gewohnter Weise zu l\u00f6sen, scheint in Widerspr\u00fcche zu f\u00fchren. Die Debatte um den Kohleabbau und den Erhalt von Arbeitspl\u00e4tzen hat das in j\u00fcngster Zeit jedem vor Augen gef\u00fchrt. Die Ohnmacht, die viele angesichts solcher Dilemmata empfinden, entl\u00e4dt sich in Wut oder Resignation, im Desinteresse an Politik. So mancher hat jetzt das Gef\u00fchl, das unser ganzer Lebensstil von den Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika in Frage gestellt wird. Wenn der Hass sich nicht ausbreiten soll, brauchen wir tragf\u00e4hige Formen des Miteinanders, Konzepte notwendig, die \u00fcber Wohnungsbau und Integrationsklassen hinausreichen. Nicht zuletzt geht es um Fragen der Religion und Kultur.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst k\u00f6nnen wir auf den Stadtpl\u00e4nen verfolgen, wie die soziale Segmentierung sich ausweitet. Die zunehmende Spreizung der Einkommen, die wachsenden sozialen Unterschiede zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Hilfebeziehern, zwischen Einheimischen und Migranten, zwischen Bildungsgewinnern und Bildungsverlierern und auch von jungen, arbeitsf\u00e4higen und alten Menschen f\u00fchren zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. Wohin es f\u00fchren kann, wenn Stadtteile zu Ghettos werden, l\u00e4sst sich an den Vorst\u00e4dten von Paris beobachten. Viele Soziologen gehen davon aus, dass die Radikalisierung, die hinter den Anschl\u00e4gen in Paris 2015 und von Br\u00fcssel 2016 steckte, dort ihren Anfang nahm. Stadtplanung ist gefragt, gemischte Quartiere werden gebraucht und Quartiersarbeit wie schon einmal zu Wicherns Zeiten. Aber die Kommunen \u00e4chzen unter dem finanziellen Druck, der vor allem durch die hohen Kosten f\u00fcr Transferleistungen entsteht: Eine wachsende Zahl der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ist von solchen Leistungen abh\u00e4ngig \u2013 weil das Arbeitseinkommen nicht reicht, um die Familie zu ern\u00e4hren, weil Langzeitarbeitslose vom Aufschwung am Arbeitsmarkt nicht profitieren, weil die Pflegeversicherung die Kosten f\u00fcr die Pflege nicht deckt. Viele Kommunen haben deshalb l\u00e4ngst die Notbremse ziehen m\u00fcssen: haben Verkehrs- und Energiebetriebe und auch den Wohnungsbestand verkauft. Heute aber zeigt sich: Damit schwindet die Infrastruktur, die f\u00fcr ein gutes Zusammenleben n\u00f6tig ist. \u00d6ffentliche Aufgaben, Gemeing\u00fcter, der \u00f6ffentliche Raum wird privatisiert. Unsere Fahrt nach London hat mich daran erinnert, dass die Kirche noch immer \u00fcber \u00f6ffentlichen Raum verf\u00fcgt \u2013 fast in jeder Gemeinde gibt es Kirchen und Gemeindeh\u00e4user, Pfarrg\u00e4rten und Grundst\u00fccke: Heimat f\u00fcr die Eingesessenen, ein Gasthaus f\u00fcr die Ankommenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Inspiration Reformation<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Reformationszeit hat die Kirche eine gro\u00dfe Transformation entscheidend mitgestaltet. Denn mit dem Aufkommen des internationalen Handels, des Geld- und Bankenwesens war auch die Reformationszeit von erheblichen \u00f6konomischen Umbr\u00fcchen gepr\u00e4gt. Der Preisverfall einheimischer Erze entzog den Bergleuten die Existenzgrundlage. Der Paradigmenwechsel von der Naturalien- zur Geldwirtschaft wirkte sich dramatisch aus. Und die Verelendung betraf nicht nur die bekannten Randgruppen der Gesellschaft wie Arme, Alte oder Kranke, sondern auch geachtete St\u00e4nde wie Bauern, Bergleute oder Handwerker. Die Aufl\u00f6sung der St\u00e4ndegesellschaft im Fr\u00fchkapitalismus forderte eine Verantwortung, die auch die Bed\u00fcrfnisse der Verlierer sicherte. Denn auf der einen Seite drohten Aufst\u00e4nde, auf der anderen lie\u00df die Spendenfreude nach \u2013 auch deshalb, weil man sich angesichts der neuen protestantischen Theologie nicht mehr sicher war, ob die Gabe f\u00fcr die Armen das eigene Seelenheil sichern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein Symbol f\u00fcr den Paradigmenwechsel der Reformationszeit ist die \u201eLeisniger Kastenordnung\u201c von 1523, \u201edas erste Sozialpapier der Welt\u201c, die von Luther selbst entwickelt wurde. Luther verband die Frage nach der sozialen Verantwortung von Staat und Kirche mit der nach der Zukunft des Besitzes der mit der Reformation aufgel\u00f6sten Kl\u00f6ster und Stiftungen. Seine Antwort bestand in der Zusammenf\u00fchrung religi\u00f6ser und weltlicher Verantwortung, die gleich mehrere Probleme l\u00f6ste: \u201edie prek\u00e4re Lage der \u00c4rmsten, die nachlassende Spendenfreude und die gerechte Verteilung ehemals papstkirchlicher Besitzt\u00fcmer\u201c. Zu den Einnahmen der Stadt Leisnig z\u00e4hlten nun die Eink\u00fcnfte aus Zinsen, die Abgaben der D\u00f6rfer genauso wie das Verm\u00f6gen der Pfarrgemeinde &#8211; die Ausgaben waren f\u00fcr Infrastruktur genauso wie die f\u00fcr Waisenkinder, Arme, alte und bed\u00fcrftige Fremde bestimmt. Diese umlagefinanzierte Kastenordnung ist die Wurzel des modernen Konzepts einer staatlichen Solidargemeinschaft, in der die Bed\u00fcrftigen eben nicht mehr Bettler, sondern unterst\u00fctzungsberechtigte Mitb\u00fcrger sind.<\/p>\n<p>Auch im Blick auf Ehe und Familie ging es Luther um die Rechte der Mehrheit &#8211; und auch hier hat er f\u00fcr eine neue institutionelle Grundlage gesorgt. Denn damals stand die Ehe gar nicht allen offen: Denen, die nicht \u00fcber die Meisterw\u00fcrde verf\u00fcgten, fehlten schlicht die \u00f6konomischen Grundlagen. Knechte und M\u00e4gde bedurften der Zustimmung des Hausvaters. Oft wurden deshalb Familien einfach dadurch begr\u00fcndet, dass Mann und Frau Tisch und Bett \u00f6ffentlich teilten. Aber auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbr\u00fcche war diese Lebensform prek\u00e4r geworden. Die alten Dorfgemeinschaften und Z\u00fcnfte hatten ihre Funktionsf\u00e4higkeit und die Wanderungsbewegungen f\u00fchrten zu Mehrfachehen. In dieser Situation baute Luther die Zahl der Ehehindernisse radikal ab; er forderte die \u00f6ffentliche Eheschlie\u00dfung f\u00fcr jedermann und st\u00e4rkte die Bedeutung des wechselseitigen Versprechens von Braut und Br\u00e4utigam. \u201eEin weltlich Ding\u201c sei die Ehe, sagte er &#8211; und es ging ihm um eine neue gesellschaftliche Ordnung, bei der die Beziehungen in Ehe und Familie eine entscheidende Rolle spielen.<\/p>\n<p>Dabei wertete er die Rolle der Hausfrau und Mutter auf \u2013 er verstand die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als Gott gegeben. Und diese Rollenverteilung hat unser Familienbild, unseren Sozialstaat bis heute gepr\u00e4gt. Gerade in Deutschland, sagt Christine Eichel, wurde die Familie zur \u201eW\u00e4rme- und Werteinsel, die Kontinuit\u00e4t und Solidarit\u00e4t verspricht.\u201c Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Zerrei\u00dfproben in den Blick nehmen, die Familien heute erleben. Die diakonischen Einrichtungen, die im 19. Jahrhundert Kinderg\u00e4rten und Pflegeheime schufen, standen in dieser Tradition.<\/p>\n<p>Und noch ein dritter Impuls aus der Reformationszeit kehrt in der Transformation wieder \u2013 heute wie schon im 19. Jahrhundert: Das Priestertum aller Getauften. Die Aufbr\u00fcche in der neuzeitlichen Diakonie w\u00e4ren nicht m\u00f6glich gewesen ohne Wicherns dreifaches Verst\u00e4ndnis der Diakonie. F\u00fcr Wichern gab es die staatliche Diakonie \u2013 also die Gestaltung der Daseinsf\u00fcrsorge, die schon Luther mit der Leisniger Kastenordnung am Herzen lag &#8211; die b\u00fcrgerschaftliche Diakonie in den Einrichtungen und Diensten und schlie\u00dflich das Diakonentum aller, das sich f\u00fcr ihn aus Luthers Priestertum aller Getauften ergibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Zeit, Geld und Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage nach dem gn\u00e4digen Gott und das neue Verst\u00e4ndnis von Arbeit, Familie und Gesellschaft, dass die Reformation bestimmte, hatte eine Vorgeschichte. In ihrem Buch \u201eDas Leben als letzte Gelegenheit\u201c, zeigt die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer, dass die Pestepidemie Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ein wesentlicher Ausl\u00f6ser f\u00fcr ein neues Zeitgef\u00fchl war. Damals starben in Europa je nach Region zwischen drei\u00dfig und f\u00fcnfzig Prozent der Bev\u00f6lkerung. Wenn das nicht, wie zun\u00e4chst manche dachten, das J\u00fcngste Gericht war, dann fiel es schwer, \u00fcberhaupt noch an einen gn\u00e4digen Gott und an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Vielleicht gab es gar kein Jenseits? Vielleicht blieben eben nur diese wenigen Jahre im Hier und Jetzt? Dann galt es, die kostbare Zeit zu nutzen. In den Zeiten der Renaissance und der Reformation entwickelten sich die Naturwissenschaften in atemberaubender Geschwindigkeit, neue Welten wurden entdeckt, die Globalisierung begann, der Einzelne trat in den Vordergrund, die Arbeitsgesellschaft entstand. \u201eUnd wenn morgen die Welt unterginge\u201c, soll Luther gesagt haben, \u201eso will ich doch heute noch mein Apfelb\u00e4umchen pflanzen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHeute muss ein junger Amerikaner mit mindestens zweij\u00e4hrigem Studium damit rechnen, in 40 Arbeitsjahren wenigstens 11mal die Stelle zu wechseln und dabei sein berufliches Wissen mindestens 3mal auszutauschen.\u201c Auch an jedem einzelnen Tag versuchen wir m\u00f6glichst viel zu schaffen, m\u00f6glichst viel zu erleben. Die st\u00e4ndige Beschleunigung hat eine starke wirtschaftliche Komponente, die sich verdichtet in der Formel \u201eZeit ist Geld\u201c. Da geht es um immer h\u00f6here Taktzahlen an den Maschinen, um schnell zur\u00fcckgelegte Wege \u2013 zu schweigen von den nur noch von Computern zu realisierenden Aktivit\u00e4ten an den Finanzm\u00e4rkten. Die Herrschaft \u00fcber die Zeit geht so weit, dass sich l\u00e4ngst auch Geburt und Tod unter dem Zugriff des Menschen ver\u00e4ndert haben: Schwangerschaften und Geburten werden so gelegt, dass sie in die Lebensplanung passen, auch der Todeszeitpunkt unterliegt mehr und mehr menschlicher Planung. Unsere Krankenh\u00e4user sind davon nicht ausgenommen &#8211; denn zur Geschichte der Diakonie geh\u00f6rt auch die zunehmende \u00d6konomisierung und Funktionalisierung. Im Gesundheitssystem steht Effizienz im Vordergrund &#8211; Begegnung und Beziehung bleiben dahinter zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Kurz: Wirtschaft, Politik, Gesundheit, Familie und Religion folgen nicht mehr verschiedenen, je eigenen Logiken \u2013 sie sind alle unter das Gesetz der Beschleunigung und der \u00d6konomie geraten. 28 Prozent aller US-Haushalte sind heute Singlehaushalte, verglichen mit 9 Prozent in den 1950er Jahren \u2013 ein enormer Anstieg. In Schweden sind es \u00fcbrigens sogar siebenundvierzig Prozent, in Gro\u00dfbritannien vierunddrei\u00dfig. Alleinleben ist offenbar der beste Weg, die Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Drei Jahre lang haben mein Mann und ich eine Pendelbeziehung gef\u00fchrt. Am Wochenende war es meist er, der pendelte &#8211; zwischen M\u00f6nchengladbach und Hannover. In der Woche war ich selbst viel unterwegs, zum Teil am im Ausland. \u201eWochenendehe\u201c, \u201eFernbeziehung\u201c \u2013 wie immer man dieses Lebensmodell nennt &#8211; wir haben es mit vielen geteilt. Jedes achte Paar im deutschsprachigen Raum lebt die \u201eLiebe aus dem Koffer\u201c, jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren. In achtzig Prozent der Wochenendehen sind beide Partner berufst\u00e4tig. Oft sind es die Kinder oder pflegebed\u00fcrftige Eltern, die den einen &#8211; oder meist die eine &#8211; der beiden zum Bleiben bewegen.<\/p>\n<p>Aber Erwerbsarbeit deckt ja nur einen Teil unserer Alltagsarbeit ab. Auch sorgende und f\u00fcrsorgliche T\u00e4tigkeiten in der Familie sind Arbeit. Wer Kinder zu versorgen hat oder sich um Pfleggebed\u00fcrftige k\u00fcmmert, steht im Schatten unserer Arbeitsgesellschaft. Haushalte, in denen nur eine Person verdient, verf\u00fcgen proportional \u00fcber deutlich weniger Geld als Zweiverdienerhaushalte. Familienarbeit wird finanziell ja nur honoriert, wenn sie auf einer Ehe basiert, eben durch das Ehegattensplitting. Auch deshalb sind Alleinerziehende, die kaum in Vollzeit arbeiten k\u00f6nnen, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig von Einkommensarmut betroffen. Das gilt leider auch f\u00fcr die traditionellen Frauenberufe in Hauswirtschaft, Erziehung und Pflege, die die Familienarbeit professionell erg\u00e4nzen. Diese Gerichtsch\u00e4tzung der Carearbeit, die auf die Vorstellung zur\u00fcckgeht, die N\u00e4chstenliebe geh\u00f6re zur Natur der Frau, f\u00fchrt bis heute zu eklatanten Ungerechtigkeiten \u2013 beim Lohn wie bei der Altersversorgung.<\/p>\n<p>Die Kommission f\u00fcr den Siebten Familienbericht der Bundesregierung hat darauf aufmerksam gemacht, dass ein Caredefizit droht, wenn es nicht gelingt, den absoluten Vorrang des \u00f6konomischen Denkens in Frage zu stellen. Nicht nur die demographischen Folgen &#8211; Geburtenr\u00fcckgang und die so genannten \u00dcberalterung sind bedrohlich &#8211; sondern auch das Schwinden der privaten F\u00fcrsorge in Familie, Nachbarschaft und Gemeinden. Offensichtlich ist an dieser Bruchlinie etwas aus der Balance geraten. Und auch das ist \u2013 wie die Fragen nach Heimat und Identit\u00e4t, ein Thema, das die Kirche unmittelbar angeht. Es geht um einen neuen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Rahmen.<\/p>\n<p>Mit ihrer Kampagne f\u00fcr die 28-Stunden-Woche wirbt die IGM um eine Arbeit, die dem Leben dient. Und immer mehr St\u00e4dte und Gemeinden denken dar\u00fcber nach, wie sie Netzwerke f\u00fcr \u00c4ltere oder Sorgende Gemeinschaften bilden k\u00f6nnen. Es geht um die Frage, was Leben wirklich lebenswert macht. Es geht um Lebensgemeinschaften und um Rhythmen, um Zeit f\u00fcr Familien und Engagement. Es geht darum, dass wir leben statt zu funktionieren. Dass wir geben und nehmen k\u00f6nnen, ohne ein Gesch\u00e4ft daraus zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Gemeinschaft der Freunde\u00a0\u2013 Kirche als Netzwerk<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEine Zeit, die ihre soziale Energie auf die Fragen nach N\u00fctzlichkeit oder Verf\u00fcgbarkeit reduziert, ist nicht nur widerw\u00e4rtig, sondern beraubt die ihr unbedacht Folgenden auch aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c, schreibt die Philosophin Ariadne von Schirach in ihrem Buch \u201eDu sollst nicht funktionieren.\u201c Und der Theologe Andreas Heller schreibt: \u201eWir brauchen eine Kultur der Freundschaft. Freundschaft begr\u00fcndet sich in dem Wissen, dass wir wohl immer mehr empfangen, als wir zu geben in der Lage sind.\u201c Freundschaften gewinnen an Bedeutung. Teams und Projekte, Arbeits- und Lebensorte wechseln &#8211; umso mehr suchen wir Menschen, auf die wir uns verlassen, denen wir vertrauen k\u00f6nnen. Freunde eben. Unter Freunden gibt es keine \u00dcber- und Unterordnung, kein hierarchisches Gef\u00e4lle. Freunde stehen zueinander, wenn andere Beziehungen wechseln, sie entlasten einander und muten einander, wo m\u00f6glich, die Wahrheit zu. Wo der Kontakt zu Angeh\u00f6rigen sich lockert, werden Freundeskreise zu Wahlfamilien. Das gilt f\u00fcr die ganz Jungen, die ihren \u201eTribe\u201c haben, mit dem sie viel Zeit verbringen, aber auch f\u00fcr die \u00c4lteren, die eine Gegenkraft gegen das Alleinleben, eine neue Wohngemeinschaft suchen.<\/p>\n<p>Solche Freundeskreise geh\u00f6ren auch zur Geschichte der Kirche. Die ersten Christen, die oft ihre Familien um des Glaubens willen verlassen hatten, bildeten Wahlfamilien. Sie wurden den neu hinzukommenden Paten und geistliche V\u00e4ter und M\u00fctter, sie nannten sich Br\u00fcder und Schwestern &#8211; und zwar quer \u00fcber die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten hinweg. Ja, sogar \u00fcber die Geschlechterschranken hinweg: \u201eHier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Mann noch Frau, nicht Sklave noch Freier\u2026\u201c schreibt Paulus im Galaterbrief. Was f\u00fcr eine Tradition &#8211; und was f\u00fcr eine Vision, wenn es darum geht, Br\u00fccken zu bauen zwischen den Parallelgesellschaften und die Blasen platzen zu lassen, in denen wir uns bewegen! Leider sind aber auch Gemeinden heute oft eher geschlossene Gesellschaften. Man kennt sich, kommt aus \u00e4hnlichen Milieus, f\u00fchlt sich wohl im Miteinander, als sei die Kirche ein Verein oder ein Club. Das hat nicht zuletzt mit der inzwischen auch mental etablierten Trennung zwischen Kirche und Diakonie zu tun. Danach geh\u00f6ren im Bildungsbereich allgemeinbildende Schulen, h\u00e4ufig Gymnasien, in kirchliche Tr\u00e4gerschaft, F\u00f6rderschulen in diakonische Tr\u00e4gerschaft. Im Blick auf Familien finden Angebote f\u00fcr Alleinerziehende, Welcome-Programme, Mutter-Kind-Kuren in der Diakonie statt, Tageseinrichtungen in der Kirchengemeinde. Und \u00e4hnlich in der Beratung: Ehe- und Lebensberatung in der Kirche, Schuldner- und Suchtberatung in der Diakonie.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen also sehr konkret dar\u00fcber nachdenken, was wir tun k\u00f6nnen, um dieses Schubladendenken zu \u00fcberwinden. Wie Kirchengemeinden sich \u00e4ndern k\u00f6nnen, um sorgende Gemeinschaften zu werden und die Teilhabe ganz unterschiedlicher Menschen zu f\u00f6rdern. Es geht um die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie mit Kommunen, Initiativen und Organisationen im Gemeinwesen, wie sie in Projekten wie \u201eKirche findet Stadt\u201c oder \u201eWir sind Nachbarn. Alle\u201c modellhaft erprobt wird. \u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen T\u00fcren\u201c, schreibt Dorothee S\u00f6lle.<\/p>\n<p>In einer Welt, in der das Unterwegssein f\u00fcr viele zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist, k\u00f6nnten Kirchengemeinden tats\u00e4chlich wie Gasth\u00e4user sein, wo Menschen einander begegnen, ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. F\u00fcr die, die von nah und fern zuziehen. Und f\u00fcr alle, die bisher nicht viel mit der Kirche anfangen konnten. Die offenen Stadtkirchen, die Stadtteill\u00e4den und Vesperkirchen, die Diakoniel\u00e4den sind Herbergen am Weg. Um dort anzukommen, muss man nicht schon immer am Ort zu Hause sein. Man kann kommen und auch wieder gehen.<\/p>\n<p>Noch immer hat die Kirche enorme, auch materielle Ressourcen. Neben den Geb\u00e4uden geh\u00f6ren dazu Grundst\u00fccke, Ackerland und auch Bauland. Vielerorts entstehen auf diesen Fl\u00e4chen neue, auch integrative Wohnprojekte, Mehrgenerationenh\u00e4user, Wohnanlagen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Studenten. Anderswo werden die kirchlichen Fl\u00e4chen f\u00fcr \u00f6kologischen Landbau oder f\u00fcr neue Energiegewinnung genutzt. So kann die Kirche Vorbild sein in Sachen Transformation. Wo das gelingt, da erlebe ich auch neue Aufbr\u00fcche \u2013 nicht nur f\u00fcr Gesellschaft und Stadtteile, sondern auch und gerade f\u00fcr die Kirchengemeinden. So hat in Ludwigsburg ein Architektennetzwerk die Gemeinde beim Zukunftsforum Kreuzkirche unterst\u00fctzt, bei dem es um den Umbau des Gemeindehauses zum Stadtteilhaus ging \u2013 ganz unterschiedliche Stakeholder aus Kirchengemeinde und B\u00fcrgerschaft nahmen teil. Und die Evangelische Gemeinde in Lindlar dokumentiert ihr Engagement f\u00fcr die Quartiersentwicklung unter dem Motto \u201eDie Zukunft im Blick\u201c. Die \u00f6kumenische Aktion \u201eKirche findet Stadt\u201c hat viele dieser Aufbr\u00fcche und Modelle begleitet und dokumentiert.<\/p>\n<p>Wo sich Gemeinden aufmachen in Richtung Gemeinwesen, wo sie ihre R\u00e4ume f\u00fcr andere \u00f6ffnen, geht es allerdings nicht immer ohne Konflikte. Manchmal kommt es zum Streit zwischen \u201eVereinsgemeinde\u201c und Engagementgruppen, zwischen Traditionsgemeinde und Quartiersbewegung. Es geht darum, das Gemeindebild zu kl\u00e4ren, und zwar nicht nur im Sinne von Leitbild- und Strategieentwicklung, sondern im biblischen, im spirituellen Sinne. Wer sind wir als Kirche und wohin sind wir unterwegs? \u201eDie \u201aChristenheit\u2018 hat ihr Wesen und ihren Zweck nicht in sich selber und nicht in ihrer eigenen Existenz, sondern lebt von etwas und ist f\u00fcr etwas da, das weit \u00fcber sie hinausreicht. Will man das Geheimnis ihrer Existenz und ihrer Handlungsweisen begreifen, so muss man nach ihrer Sendung fragen. Will man ihr Wesen ergr\u00fcnden, so muss man nach ihrer Zukunft fragen, auf die sie ihre Hoffnungen und Erwartungen setzt. Ist die Christenheit selber in den neuen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen unsicher und orientierungslos geworden, so muss sie sich wieder darauf besinnen, wozu sie da ist und worauf sie aus ist\u201c, schrieb J\u00fcrgen Moltmann bereits 1964.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7. Kirche in Bewegung: Zur Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements<\/strong><\/p>\n<p>Mit ihren Fl\u00fcchtlingsinitiativen ist die Kirche in den letzten beiden Jahren sichtbar zu ihrem \u00f6ffentlichen Auftrag zur\u00fcck. Dabei waren es vor allem freiwillig Engagierte, die den Gefl\u00fcchteten Unterkunft und Kleidung, Sprachkurse und Begleitung im Alltag anboten und daf\u00fcr auf Strukturen und R\u00e4ume der Kirche zur\u00fcckgreifen konnten. Mich hat das an die Anf\u00e4nge der Diakonie im neunzehnten Jahrhundert erinnert, als sich engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger um diejenigen k\u00fcmmerten, die bei der Industrialisierung auf der Strecke blieben \u2013 um Migranten genauso wie um unversorgte Kranke und Sterbende, \u00fcberforderte Familien oder arbeitslose Jugendliche. Inzwischen haben die Wohlfahrtsverb\u00e4nde in den Augen vieler einen eher \u201estaatsanalogen\u201c oder inzwischen auch marktf\u00f6rmigen Charakter bekommen. Aber die Ehrenamtlichen in Stadtteill\u00e4den, Fl\u00fcchtlingsinitiativen oder Tafeln geben heute wieder Impulse zur Erneuerung und Ver\u00e4nderung. Das hat neben der positiven auch eine problematische Seite. Denn der Einsatz von Ehrenamtlichen ist ja auch deshalb hoch willkommen, weil die \u00f6ffentlichen Kassen leer sind. Zugleich aber zeigen die letzten Freiwilligensurveys der Bundesregierung auch einen neuen Aufbruch &#8211; von Ich- und Wir-Orientierung, von der Ausrichtung auf Geselligkeit hin zu Engagement f\u00fcr das Gemeinwohl. Das Engagement von Ehrenamtlichen ist wie ein Seismograph f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen. Ehe noch Programme und Strukturen entwickelt werden, ehe Hauptamtliche eingestellt werden, engagieren sich Menschen in ihrer Freizeit, wo es brennt.<\/p>\n<p>Und damit ver\u00e4ndern sie auch die Kirche. So war es in der Diakonie des 19. Jahrhunderts, mit den Jugendverb\u00e4nden und sp\u00e4ter auch mit der Erwachsenenbildung, denen es von Anfang an um M\u00fcndigkeit im Glauben ging. Aber auch in der Friedens- und \u00d6kologiebewegung, in der Frauen- und Hospizbewegung haben sich Christinnen und Christen eingebracht und von dort eigene Impulse in die Kirche getragen. Die sogenannte Amtskirche braucht Menschen, die nah dran an den gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen und pers\u00f6nlichen Notlagen sind, die die Organisation von au\u00dfen sehen k\u00f6nnen, andere berufliche Erfahrungen und Kompetenzen einbringen. Die Kirchentagsbewegung ist geradezu ein Symbol f\u00fcr dieses Bem\u00fchen, die Debatten der Zeit aufzunehmen, der Kirche den Spiegel vorzuhalten, innezuhalten und die anstehenden Herausforderungen auch theologisch zu reflektieren.<\/p>\n<p>Wie lassen sich solche Ans\u00e4tze weiterdenken? Wie k\u00f6nnen Ehrenamtliche in der Seelsorge unterst\u00fctzt werden? Was wird in Zukunft an Fortbildung und Supervision f\u00fcr diese Aufgaben gebraucht? Und wo sind die Grenzen der Funktionalisierung? Welche Angebote und welche Anerkennungs- und Finanzierungsformen k\u00f6nnen die Schwelle senken, damit auch Hartz-IV-Empf\u00e4nger oder Menschen mit Behinderung ihre Gaben einbringen? Und welche Budgetverteilung wird in Zukunft n\u00f6tig werden, um Ehrenamtliche mit Fortbildungsangeboten oder Supervision zu unterst\u00fctzen? Mit Ehrenamtsakademien, Ehrenamtsstandards und Internetangeboten sind erste Anf\u00e4nge gemacht. Aber es gibt noch viel zu tun, damit das verl\u00e4sslich und fl\u00e4chendeckend gelingt. Und es gibt eine doppelte Herausforderung: Zum einen brauchen wir eine Antwort auf den nicht unberechtigten Vorwurf, dass die Ehrenamtlichen zum billigen Jakob von Kirche und Sozialstaat geworden sind. Und genauso auf die Situation derer, die sich Ehrenamt wegen niedriger Renten eigentlich gar nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn die Zukunft des kirchlichen Ehrenamts ist eng mit den Herausforderungen und Ver\u00e4nderungsprozessen verbunden. Nicht nur in der Kirche sind Frauen die wichtigsten Akteure im sozialen Ehrenamt. Die zunehmende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, neue Familienmodelle und die Zerrei\u00dfproben einer mangelnden Vereinbarkeit von Berufst\u00e4tigkeit, Erziehung und Pflege machen es n\u00f6tig, \u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner auch in der Berufst\u00e4tigkeit und \u00fcber eine andere Verankerung des Ehrenamts in den Umbr\u00fcchen des Lebens nachzudenken. Es geht um das freiwillige Jahr zwischen Schule und Beruf, das Engagement w\u00e4hrend der Elternzeit oder beim \u00dcbergang in die dritte Lebensphase.<\/p>\n<p>Die Reformprozesse, die vor uns liegen, f\u00fchren auch zu Ver\u00e4nderungen im Profil hauptamtlicher Arbeit. Hauptamtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakone, Gemeindep\u00e4dagoginnen und Jugendmitarbeiterinnen sehen sich immer mehr in der Rolle der Coaches, verstehen sich als Moderatoren von Ver\u00e4nderungsprozessen. Davon profitieren alle Beteiligten von der Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Diakonie, Erwachsenenbildung und Jugendarbeit &#8211; und auch Schulen m\u00fcssen mehr in den Blick kommen. Anstelle getrennter Funktionsbereiche ist heute Netzwerkdenken angesagt. Das Neben- und Miteinander unterschiedlicher Leitungsaufgaben in der Kirche wurde \u00fcbrigens bereits zur Reformationszeit in der Kaufmannsstadt Genf gedacht, in die damals \u2013 wie Calvin \u2013 viele Glaubensfl\u00fcchtlinge aus Frankreich kamen. Pfarrer, Lehrer, Diakone und Gemeindeleiter bildeten ein Team, je nachdem in der sogenannten \u201eDrei-\u00c4mter-\u201c oder \u201eVier-\u00c4mter-Lehre\u201c der reformierten Tradition beschrieben. Die alten Hierarchien waren f\u00fcr die dortigen Christen \u00fcberholt. Angesichts der selbstbewussten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger musste auch die Kirche sich modern organisieren.<\/p>\n<p>Ehrenamt hat auch die Dimension, Engagierten einen Platz und eine Heimat zu geben \u2013 anders als das Ehrenamt in den traditionellen Vereinen basiert es nicht mehr nur darauf, dass Menschen sich aus Zugeh\u00f6rigkeit engagieren. Nicht alle, die sich in Kirche und Diakonie engagieren, sind Kirchenmitglieder. Wie viel Verantwortung d\u00fcrfen sie in kirchlichen Strukturen \u00fcbernehmen? Welche Rolle spielt dabei die Taufe? Bei uns begr\u00fcndet in der Regel die Kindertaufe die Mitgliedschaft und damit die M\u00f6glichkeit, in Gremien mitzuarbeiten. Was ist aber mit denen, deren Eltern schon nicht Mitglied waren? Kann nicht gerade das Engagement in der Gemeinde den Weg zur Taufe ebnen? W\u00e4re \u2013 wie in der Schweiz angedacht \u2013 eine Kirchenmitgliedschaft auf Probe denkbar? F\u00fcr die Zukunft der Kirche wird jedenfalls entscheidend sein, wie sie Engagierte und Suchende auf ihrem Weg zum Glauben begleiten kann und welche Rolle dabei nicht nur die funktionale und fachliche, sondern eben auch die religi\u00f6se Bildung spielt. Das ehrenamtliche Engagement bietet die Chance, Gemeinschaft zu erfahren und dabei Glauben ganz neu zu entdecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8. In Ritualen Umbr\u00fcche bearbeiten<\/strong><\/p>\n<p>Mit der zunehmenden Individualisierung, der Ver\u00e4nderung von Familien, der wachsenden Mobilit\u00e4t und der Kirchenferne von immer mehr Menschen erodieren die alten Rituale wie Trauung und Beerdigung oder sie wandeln sich &#8211; denken wir nur an die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr Beerdigungen: Nicht nur die Zahl der Ein\u00e4scherungen, sondern auch die der anonymen Bestattungen nimmt zu; die Tradition der Familiengr\u00e4ber ist bald schon vergessen. Dabei ver\u00e4ndert der soziale Wandel nicht nur die Rituale; umgekehrt schw\u00e4chen die fehlenden Rituale den sozialen Zusammenhalt. Denn die Anl\u00e4sse, bei denen Gro\u00dffamilien und Freundeskreise zusammenkommen, um gemeinsam nach Sinn zu fragen und Beziehungen zu st\u00e4rken, werden weniger. \u201eDer moderne Individualismus steht meines Erachtens nicht nur f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Impuls, sondern auch f\u00fcr einen sozialen Mangel, einen Mangel an Ritualen. [\u2026| Die moderne Gesellschaft hat die durch Rituale hergestellten Bindungen geschw\u00e4cht\u201c, schreibt der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett in einem Buch Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Viele sp\u00fcren diesen Mangel. \u201eAndere Zeiten\u201c im Advent oder vor Ostern, Projektch\u00f6re f\u00fcr eine Bach-Passion und neue Formen der Osternacht, Segenshandlungen beim Einzug ins Altenheim, beim Sterben dort oder im Krankenhaus sind neu entstanden. Viele Gemeinden verbinden inzwischen Tauf- oder Konfirmationsfeste mit einer Einladung ins Gemeindehaus an alle, die nicht allein in der Kleinfamilie feiern wollen \u2013 sei es, weil es schwierig ist, das Fest in einer Patchworkfamilie zu gestalten, sei es, weil die finanziellen Mittel fehlen. Wie Trauungen werden Taufen nun auch (wieder) im Freien gefeiert \u2013 bei einem Sommerfest am Fluss oder am nahegelegenen See. Kindergartenabschluss und Schulanfang, oft mit einem Gottesdienst gefeiert, gewinnen f\u00fcr alle Generationen an Bedeutung und Abifeiern werden zu Festen, f\u00fcr die man ganze Hallen mietet. Alte und neue \u00dcberg\u00e4nge verlangen mehr denn je, nach einer sinn-vollen und f\u00fcr alle sichtbaren Gestalt.<\/p>\n<p>In einem lebendigen Gottesdienst vollzieht sich geradezu idealtypisch das, was der Philosoph Hartmut Rosa Resonanz nennt: das Gef\u00fchl, dass man sich auf der gleichen Wellenl\u00e4nge bewegt und sich in dem, was ein anderer sagt, erkannt und verstanden f\u00fchlt. Lebendige Beteiligung ist ein Schl\u00fcssel zum Gelingen \u2013 ein Grund, warum die Kirchen der Reformation ihre Gottesdienste in der Landessprache hielten und den Gemeindegesang f\u00f6rderten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>9. Nur Mut: Alle sind gefragt<\/strong><\/p>\n<p>In seinen Augen \u00f6ffnendem Buch \u201eDas Flo\u00df der Medusa\u201c zeigt Wolfgang Schmidtbauer, wie gef\u00e4hrlich es sein kann, wenn wir in einer Situation notwendiger Ver\u00e4nderungsprozesse sprichw\u00f6rtlich den Kopf in den Sand stecken. Die gegenw\u00e4rtige H\u00e4ufung von Krisen \u2013 Klima, Energie, Geldwirtschaft, Terror und Fl\u00fcchtlingselend &#8211; sei ohne Vorbild in der Geschichte, schreibt Schmidtbauer, und er ist sich sicher, die Menschen m\u00fcssten Gruppen bilden, gemeinsam lernen, das Gemeinwesen neu organisieren und versch\u00fcttete Begabungen freilegen. So k\u00f6nnten wir neue Fl\u00f6sse bauen. Das Buch dreht sich um eine Schiffskatastrophe \u2013 um den Untergang der franz\u00f6sischen Fregatte \u201eMedusa\u201c, die 100 Jahre vor der Titanic sank. Die Berichte der wenigen \u00dcberlebenden zeigen: Grund f\u00fcr die Katastrophe war eine F\u00fchrung, die Angst hatte vor dem Verlust der Schiffsladung, und ein unsachgem\u00e4\u00dfes Festhalten an Status und Macht. Wer sich angesichts kommender Herausforderungen in Machtk\u00e4mpfe verstrickt, auf Positionen beharrt, um seinen Besitz f\u00fcrchtet, kann die Zukunft nicht gewinnen. \u201eEs gelang der F\u00fchrung nicht, die Menschen an Bord dabei zu unterst\u00fctzen, ihre F\u00e4higkeiten f\u00fcr eine Rettungsaktion zu koordinieren\u201c, schreibt Schmidtbauer. \u201eIm Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein\u201c, hei\u00dft es in einem unserer Lieder. Nur gemeinsam k\u00f6nnen wir F\u00e4hrleute sein, um Menschen zu helfen, in Zeiten der Verunsicherung Neues zu wagen. Das kann gelingen, wenn wir uns unserer eigenen Fragen und Unsicherheiten nicht sch\u00e4men. Denn F\u00e4hrleute kennen die Untiefen. Und sie bringen Erfahrung mit.<\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Saarbr\u00fccken, 16.02.2018<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Risse im Gem\u00e4uer \u201eWie ein Riss in einer hohen Mauer\u201c \u2013 so beschrieb der Prophet Jesaja einen zun\u00e4chst kaum&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3387\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":533,"menu_order":97,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3387","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3387"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3387"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3525,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3387\/revisions\/3525"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/533"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}