{"id":3383,"date":"2018-03-01T11:51:46","date_gmt":"2018-03-01T11:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3383"},"modified":"2018-08-31T17:51:00","modified_gmt":"2018-08-31T15:51:00","slug":"pflegeentwicklung-in-quartier-gemeinde-und-nachbarschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3383","title":{"rendered":"\u201ePflegeentwicklung in Quartier, Gemeinde und Nachbarschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Das Diakonissendenkmal: Zur\u00fcck zum Quartier<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Marktplatz vor der Kirche in Rotenburg\/Fulda steht das Bronzedenkmal einer Frau in Tracht mit einem Korb und Dackel an der Leine. Eingeweihte erkennen die alte Gemeindeschwester in Diakonissentracht. Sie erinnern sich an das blauwei\u00dfe P\u00fcnktchen-Kleid und die gef\u00e4ltete Haube? Als ich das sympathische Denkmal entdeckte, war ich so fasziniert, dass ich ein Foto auf Facebook postete \u2013 und ich wurde belohnt: Freunde aus Hessen erz\u00e4hlten, warum die B\u00fcrger von Rotenburg Schwester Margarete das Denkmal gesetzt hatten. Die Kasseler Diakonisse, die damals Gemeindeschwester in Rotenburg war, hatte nicht nur f\u00fcr die Kranken und Alten, die Kinder und Sterbenden in der Stadt gesorgt. Sie hatte sich auch um die Stadt selbst verdient gemacht. 1945, in den letzten Kriegstagen, hatte sie auf dem Kirchturm die wei\u00dfe Fahne gehisst. Frieden f\u00fcr die Stadt, ein gutes Miteinander f\u00fcr ihre Menschen.<\/p>\n<p>Als ich das Foto machte, feierte die Diakoniestation gerade Jubil\u00e4um \u2013 und nat\u00fcrlich trug keine der Mitarbeiterinnen mehr Tracht und Haube. Aber das Bild der Diakonisse hat seine Attraktivit\u00e4t nicht verloren &#8211; im Gegenteil. Noch immer sehnen sich viele zur\u00fcck nach diesen Frauen, die Pflegende und Sozialarbeiterinnen, Netzwerkerinnen und Seelsorgerinnen in einer Person waren. Sie waren Quartiermanagerinnen, lange bevor der Name erfunden wurde \u2013 und zugleich das lebendige Zeichen einer diakonischen Kirche.<\/p>\n<p>Als ich in den 1980er Jahren Gemeindepfarrerin in M\u00f6nchengladbach war, erinnerte man sich noch gern an Schwester Johanna. Die hatte nach dem Krieg den vielen Fl\u00fcchtlingsfrauen aus Ostpreu\u00dfen und Schlesien geholfen, sich zu integrieren: mit Suppenk\u00fcche, Kindergarten und N\u00e4hstube \u2013 und schlie\u00dflich mit dem Neuaufbau unseres Gemeindesaals. Alles f\u00fcr ein Taschengeld\u00a0\u2013 und vermutlich ohne eigene Freizeit. Aber nat\u00fcrlich nicht allein\u00a0\u2013 denn wie viele Gemeindeschwestern hatte sie ein ausgekl\u00fcgeltes System ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen aufgebaut \u2013 eine sorgende Gemeinschaft. Meine damals alt gewordenen Frauenhilfsfrauen, die Bezirksfrauen in den Nachbarschaften und die Gruppenleiterinnen waren immer zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wurde. Und wenn sie die Kinder oder die Alten einluden zu einem Ausflug, einem Fest, dann platzte der Saal aus allen N\u00e4hten.<\/p>\n<p>In diesen 1980 er Jahren wurde Schwester Meta, die damalige Gemeindeschwester, Teil des Teams der neuen Diakoniestation. Seitdem habe ich viele grundlegende Ver\u00e4nderungen in diesem Feld miterlebt und zum Teil mitgestalten d\u00fcrfen. Ich war Leiterin der Abteilung Sozialwesen im Diakonischen Werk Rheinland, als die Pflegeversicherung aufgebaut wurde und sp\u00e4ter Theologischer Vorstand und Vorsteherin der Schwesternschaft in der Kaiserswerther Diakonie, wo die Geschichte der Gemeindepflege von Beginn an in Bildern und Dokumenten pr\u00e4sent ist wie an kaum einem anderen Ort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Von der Gemeindeschwester zum Versorgungsnetzwerk<\/strong><\/p>\n<p>Als Kaiserswerth gegr\u00fcndet wurde, in der Zeit der Industrialisierung, brachen f\u00fcr viele Menschen die sozialen Zusammenh\u00e4nge, die sie getragen hatten, zusammen. Die Schattenseite der neuen Produktivit\u00e4t, des Anwachsens der St\u00e4dte und des steigenden Wohlstandes waren Arbeitslosigkeit und Armut, Wohnungsnot und in der Folge oft Probleme mit Alkohol und Kriminalit\u00e4t, allein gelassene und verwahrloste Kinder und Kranke. Theodor Fliedner und seine Ehefrau Friederike versuchten \u00e4hnlich wie Johann Hinrich Wichern in Hamburg auf die Herausforderungen zu antworten. In Kaiserswerth wurden Frauen aus allen Schichten zu Krankenpflegerinnen oder Erzieherinnen und Lehrerinnen ausgebildet. Das Prinzip bestand darin, den Menschen eine Gemeinschaft zu bieten, in der sie Halt und Orientierung fanden \u2013 nicht zuletzt dadurch, dass sie eine Aufgabe und eine Ausbildung bekamen und selbst f\u00fcr andere t\u00e4tig werden konnten.<\/p>\n<p>Was ich hier als Bild der \u201eklassischen\u201c Gemeindeschwester gezeichnet habe, erscheint den meisten Menschen heute nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df, angefangen vom Leben in einer christlichen Gemeinschaft bis hin zu der Tatsache, dass die Diakonissen unter ihnen nur ein Taschengeld bekamen. Dennoch gibt es einiges daran, das auch f\u00fcr uns heute eine Inspiration sein kann. Denn auch in den heutigen St\u00e4dten und Gemeinden, in denen die Menschen im Durchschnitt deutlich wohlhabender sind als zu Zeiten von Wichern oder der Fliedners, in denen M\u00fcllabfuhr, flie\u00dfendes Wasser und Zentralheizungen selbstverst\u00e4ndlich sind, gibt es erhebliche soziale Herausforderungen. Auch heute sind viele Menschen haltlos aus den verschiedensten Gr\u00fcnden, viele aus der jungen Generation, darunter gerade die Alleinerziehenden, sind \u00fcberfordert, neben der Arbeit noch Kinder und alte Eltern zu versorgen, das Miteinander zwischen Menschen verschiedener Kulturen stellt vor Herausforderungen, viele alte Menschen sind einsam und mit dem t\u00e4glichen Alltag \u00fcberfordert. Hier werden Menschen gebraucht und es werden Plattformen gebraucht, um zu helfen, aber auch um Netzwerke herzustellen, damit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einander gegenseitig helfen k\u00f6nnen \u2013 das erkl\u00e4rt den neuen Aufbruch in Richtung \u201eSorgende Gemeinschaften\u201c.<\/p>\n<p>Diakoniestationen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass Menschen in ihrer Wohnung, in ihrem angestammten Quartier bleiben k\u00f6nnen. Aber jeder wei\u00df: die wenigen kurzen Besuche gen\u00fcgen nicht. Viele gehen am Ende in eine station\u00e4re Einrichtung, weil sie ihren Alltag nicht mehr allein bew\u00e4ltigen; sich selbst nicht mehr versorgen und mit ihren chronischen Erkrankungen nicht mehr richtig umgehen k\u00f6nnen oder weil sie ihre knappen Finanzen nicht mehr \u00fcbersehen, mit Antr\u00e4gen \u00fcberfordert sind. Diese \u201eL\u00f6sung\u201c ist extrem teuer, nicht nur f\u00fcr die Betroffenen selbst sondern auch f\u00fcr die Kommunen.<\/p>\n<p>Wenn wir wollen, dass wir alle auch im Alter m\u00f6glichst lange in unserem Umfeld bleiben k\u00f6nnen, dann braucht es gute Pflegeberatungsangebote. Au\u00dferdem Angebote mit Pools von Haushaltshilfen und anderen Dienstleistern, aber auch Ehrenamtlichen in der Nachbarschaft. Dann muss die selbstverst\u00e4ndliche Zusammenarbeit und der \u00dcbergang zwischen ambulanter Pflege, Betreutem Wohnen, Tagespflege und Kurzzeitpflege bis hin zu station\u00e4ren Angeboten, Rehazentren und geriatrischen Stationen im Sinne einer integrierten Versorgung entwickelt werden. Dabei ist klar: Was hier zu tun ist, reicht weit hinein in die Gesundheits- und Sozialpolitik. Eine quartiersbezogene Finanzierungskomponente, eine regelhafte Planung sowie Angebote der Beratung stehen in Altenhilfe und Pflegeversicherung genauso an wie zuvor in der Jugendhilfe und der Behindertenhilfe. Anders als dort geht es hier allerdings um die Schnittstellen zwischen dem Bundes-System der Sozialversicherungen und der Planung f\u00fcr Einrichtungen und Wohnquartiere in den Kommunen wie bei \u00fcber\u00f6rtlichen Tr\u00e4gern.<\/p>\n<p>Notwendig ist zudem eine tragf\u00e4hige Infrastruktur vor Ort mit der notwendigen Versorgung, \u00f6ffentlichem Nahverkehr und R\u00e4umen der Begegnung, aber auch: eine aktive B\u00fcrgerschaft und die Beteiligung von Zugeh\u00f6rigen und Nachbarn. Das erinnert in manchem an die sorgenden Gemeinschaften des 19. Jahrhunderts: damals gingen die neu gegr\u00fcndeten Mutter- oder Br\u00fcderh\u00e4user in die Kirchengemeinden, um gemeinsam neue Initiativen zu starten und Menschen, denen man bis dahin nicht viel zutraute, bekamen eine neuen Aufgabe. Aber nat\u00fcrlich hatte diese Entwicklung auch ihre Schattenseiten\u00a0\u2013 und wenn wir die \u00fcbersehen, kann der neue Aufbruch nicht gelingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Problemanzeigen: Vor der Behandlung die Diagnose<\/strong><\/p>\n<p>Eine gute Behandlung setzt die richtige Diagnose voraus. Woran liegt es aber, dass der Grundsatz \u201eambulant vor station\u00e4r\u201c zwar so alt ist wie die Pflegeversicherung, dass aber die Umsetzung so schwerf\u00e4llt? Und wie kommt es, dass sich noch immer Menschen nach der alten Gemeindeschwester zur\u00fccksehnen? Es gibt inzwischen Gemeinden, die neue Modelle einer professionellen, nebenamtlichen diakonischen Mitarbeiterin, einer Gemeindeschwester neuer Form, entwickelt haben. In der Wittener Schwesternschaft gibt es daf\u00fcr inzwischen eine Weiterbildung. Die Anstellung durch eine Kirchengemeinde erfolgt allerdings oft im Rahmen eines 450 Euro Jobs. Die 25 Frauen, die dort inzwischen ausgebildet worden, nehmen vielf\u00e4ltige Aufgaben der offenen Altenarbeit, Familienhilfe, Pflegebegleitung und Pr\u00e4vention wahr.<\/p>\n<p>Im letzten FWS wurde zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt. Es ging also nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege \u2013 auch wenn der \u00dcbergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Immerhin 25 Prozent der Befragten engagieren selbstorganisiert, spontan oder \u00fcber l\u00e4ngere Zeit sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten oder Kinderbetreuung\u00a0\u2013 und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. In der Befragung wird deutlich: die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten. Die so entstandenen Kontakte zu unterst\u00fctzen und in den Nachbarschaften Netzwerke zu bilden, geh\u00f6rt auch zu den Aufgaben der Diakonissen neuer Form \u2013 wie zu denen von Quartiersmanagern oder Sozialp\u00e4dagogen in ambulanten Pflegediensten. Dennoch sind alle diese Dienste bislang \u00f6konomisch schlecht abgesichert und h\u00e4ufig auf Zeit konzipiert.<\/p>\n<p>Bleibt die Verkn\u00fcpfung von Pflege und Quartier also ein Traum? Seit Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung ist der Trend zur station\u00e4ren Pflege kaum abgemildert. Der prozentuale Anteil der Pflegebed\u00fcrftigen in Heimen ist nur geringf\u00fcgig gesunken; die absoluten Zahlen steigen ohnehin. Dahinter steht ein gesellschaftlicher Wandel, der mit dem demographischen einhergeht: Die zunehmende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, die wachsende berufliche Mobilit\u00e4t und geringere Kinderzahlen haben die famili\u00e4ren Netze fragiler gemacht. Und die wachsende Zahl von Single\u2013 und kinderlosen Paarhaushalten l\u00e4sst erwarten, dass der Bedarf an professionellem Dienstleistungen in der Pflege weiter steigt.<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft ist eine Erwerbsgesellschaft\u00a0\u2013 Aufstiegschancen, Armutsvermeidung und Konsumm\u00f6glichkeiten wie eben auch die soziale Sicherung \u2013 insbesondere in der Rente\u00a0\u2013 h\u00e4ngen von der Erwerbst\u00e4tigkeit ab. Angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels am Arbeitsmarkt und in der Familie sprach schon der Siebte Familienbericht \u00fcber das \u201eerhebliche Defizit an F\u00fcrsorge\/Care\u201c. Dabei werden noch immer zwei Drittel der Pflegebed\u00fcrftigen oder 1.5 Mio. Menschen in Deutschland von Angeh\u00f6rigen gepflegt. Die Schwiegert\u00f6chter, die die kranke Mutter \u00fcber Jahre pflegen, die M\u00e4nner, die ihre Frauen pflegen &#8211; sie verzichten auf eigenes Einkommen und Karriere und werden oft nicht einmal gesehen. Sie verschwinden einfach aus dem Kollegen- und Freundeskreis, haben keine Zeit und kein Geld mehr f\u00fcr Einkaufsbummel und Geburtstagsbesuche, f\u00fcr Urlaub oder den Friseur. Neun Jahre dauert die h\u00e4usliche Pflege im Durchschnitt. Und damit steigt das Armutsrisiko erheblich. Im Vorfeld der jetzigen Tarifauseinandersetzungen hat die IG Metall ihre Mitglieder zu diesem Thema befragt. Da zeigte sich: 84 Prozent der Befragten fordern eine finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr diejenigen, die wegen Kindererziehung oder der Pflege von Angeh\u00f6rigen ihre Arbeitszeit reduzieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mit dem l\u00e4ngeren Verbleib im Erwerbsleben und der steigenden Zahl pflegebed\u00fcrftiger Hochaltriger stehen immer mehr Menschen vor der Herausforderung, Berufs- und Sorget\u00e4tigkeiten vereinbaren zu m\u00fcssen. Das Vereinbarkeitsproblem, das wir meist im Kontext von Erziehungsaufgaben der 20-40-j\u00e4hrigen Eltern denken, gilt inzwischen f\u00fcr die Altersgruppe der 40- bis 65-j\u00e4hrigen Frauen , wenn es um die Betreuung der Enkel, die Unterst\u00fctzung der betagten Eltern oder um h\u00e4usliche Pflege geht. Unter den Bedingungen einer Erwerbsgesellschaft ist klar: Ohne eine gute Infrastruktur und bezahlbare Dienstleistungen, ohne \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung wie Vereinbarkeitsregeln in der Wirtschaft ist die Pflege Angeh\u00f6riger nicht zu leisten. Dabei gen\u00fcgt es nicht, auf freiwillige Vereinbarungen zu setzen. Pflegende Angeh\u00f6rige brauchen Rechtssicherheit.<\/p>\n<p>Es geht um eine neue Anerkennung der Care- und F\u00fcrsorgearbeit &#8211; in der Familie wie im Beruf. Mit dem Professionalisierungsschub, der die alte Rolle der generalistischen Gemeindeschwester zur Pflegekraft vorantrieb, wurde Pflege Teil des Gesundheitssystems. Sie ist abh\u00e4ngig nicht nur von den fachlichen, sondern auch von den \u00f6konomischen Standards, die dort gesetzt werden. Klar festgelegte Zeiten f\u00fcr die einzelnen Leistungen, oftmals lange Wege, Nachweise und Controlling setzen die Mitarbeiterinnen in Sozialstationen genauso unter Druck wie die Fachkr\u00e4fte in Krankenh\u00e4usern oder Altenhilfeeinrichtungen.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckseite traten diejenigen Aspekte der Gemeindeschwesternarbeit, die eher Sozialarbeit waren oder auch Beratungscharakter oder Seelsorgecharakter hatten, in den Hintergrund. Wenn wir von Quartierspflege reden, geht es also darum, diese Aspekte in neuen Netzwerken wieder zu gewinnen. Die ambulante Palliativversorgung zeigt die Richtung \u2013 da finden sich gemischte Teams von Pflegenden, Psychologinnen, Sozialarbeitern, die mit Haus\u00e4rzten und Kliniken, mit Seelsorgerinnen und Ehrenamtlichen zusammenarbeiten \u2013 allerdings im System der Krankenkassen und mit Wahrnehmung auch der spirituellen Dimension von Pflege. Von einer \u00e4hnlichen Integration von ambulantem und station\u00e4ren System, unterschiedlicher Versicherungsleistungen wie auch der Seelsorge sind wir in der Pflegeversicherung noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Die Probleme sind dr\u00e4ngend. Pflege ist unterfinanziert und leidet unter erheblichem Fachkr\u00e4ftemangel. \u201eWir haben jetzt schon einen Notstand \u2013 aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was kommt\u201c, sagt der Bremer Gesundheits\u00f6konom Heinz Rothgang. Die Zahl der Pflegebed\u00fcrftigen wird in den kommenden 30 Jahren von rund drei Millionen auf f\u00fcnf Millionen Menschen steigen. Ausgehend vom heutigen Verh\u00e4ltnis der in der Pflege Besch\u00e4ftigten zu den Pflegebed\u00fcrftigen tut sich bis zum Jahr 2030 eine L\u00fccke von 350.000 Vollzeitstellen auf.<\/p>\n<p>Umso beeindruckender ist es, was Pflegekr\u00e4fte leisten, sowohl in rein fachlicher Hinsicht als auch dar\u00fcber hinaus im Sinne der Zuwendung und Menschlichkeit. Dass sie daf\u00fcr im Verh\u00e4ltnis schlecht bezahlt werden &#8211; Heinz Bude spricht inzwischen von dem neuen Dienstleistungsproletariat &#8211; hat nicht nur mit einem durch demografischen Wandel und medizinischen Fortschritt \u00fcberforderten Gesundheitssystem zu tun, sondern auch mit dem unguten Erbe, dass Pflege \u2013 ebenso wie die Erziehung \u2013 traditionell die Aufgabe von Frauen war. An der Wurzel der Pflegegeschichte in der Diakonie steht die \u00dcberzeugung, dass die Erziehungs-und Pflegeberufe eine Art Ersatz f\u00fcr die Arbeit der Ehefrau in der Familie sind. Damit schlie\u00dft sich der Kreis.<\/p>\n<p>Die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland, insbesondere die Pflegeversicherung, sind im Blick auf eine m\u00e4nnliche Vollzeiterwerbst\u00e4tigkeit und weibliche, private Sorge hin kalkuliert. Diese Vorstellung ist an eine Grenze gekommen. Die Forderung der IG -Metall, die M\u00f6glichkeit zur Reduktion der Arbeitszeit mit Lohnausgleich zu kombinieren, zeigt: unser Verst\u00e4ndnis von Arbeit ist im Wandel. Sorgearbeit in der Familie wie in der Zivilgesellschaft muss als Arbeit anerkannt werden\u00a0\u2013 mit Konsequenzen in der Rente und anderen Versicherungssystemen.<\/p>\n<p>Das allerdings muss \u00fcber kurz oder lang zu steigenden Beitragss\u00e4tzen in der Pflegeversicherung f\u00fchren &#8211; zumal es nach der Einf\u00fchrung der integrativen Ausbildung &#8211; oder den ersten Schritten in diese Richtung &#8211; auf Dauer nicht m\u00f6glich sein wird, Altenpflege und Krankenpflege unterschiedlich zu bezahlen. Allein die Anhebung der Entgelte von Pflegenden in der Altenhilfe auf das Niveau der Kliniken w\u00fcrde aber bereits jetzt einen halben Prozentpunkt ausmachen. Weil die Pflege aber nur eine Teilversicherung ist, treffen die Kostensteigerungen allerdings nicht alle in gleicher Weise. Sie betreffen zwar alle Beitragszahler, vor allem aber die Pflegebed\u00fcrftigen selbst, ihre Angeh\u00f6rigen und die Kommunen, die die Hilfe zur Pflege zahlen. Die Zahl der Menschen, die Hilfe zur Pflege beantragen mussten, steigt deshalb bei steigenden Beitr\u00e4gen ebenfalls kontinuierlich. Dabei war Armutsvermeidung und Unabh\u00e4ngigkeit von der Sozialhilfe einst das Motiv zur Gr\u00fcndung der Pflegeversicherung. Anders als die Krankenversicherung war die Pflege bewusst als \u201eTeilkasko-Versicherung\u201c geplant &#8211; als Kombination von famili\u00e4rer, privater Eigenleistung mit Geld- und Sachleistungen aus Versicherung und Kommunen. Und das bedeutet unter heutigen Gesichtspunkten: als Kombination von Familie und Pflegemarkt, die viele nicht nur finanziell \u00fcberfordert, sondern auch allein l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Alte Muster verlassen: Wie Pflege Zukunft hat<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts des demographischen Wandels und der Ver\u00e4nderung von Familien und Arbeitswelt m\u00fcssen wir neu \u00fcber die Lastenverteilung in Erziehung, Pflege und Rente nachdenken. Das gilt f\u00fcr das Miteinander zwischen den Geschlechtern und in den Familien, es gilt aber auch gesamtgesellschaftlich. Und es betrifft auch die Balance zwischen privater Sorge und Erwerbsarbeit.<\/p>\n<p>Die Frage nach der Versorgung im Alter steht im Sorgenbarometer der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ganz oben. Und bei den J\u00fcngeren nimmt das Vertrauen in die Stabilit\u00e4t und Nachhaltigkeit der Sozialen Sicherungssysteme ab. Die pflegenden T\u00f6chter und Schwiegert\u00f6chter sind heute im Schnitt 55 Jahre. Und wer wird die Kinderlosen pflegen, die in der Generation der Babyboomer immerhin 30 Prozent ausmachen?<\/p>\n<p>Das Berlin-Institut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsentwicklung hat bereits 2010 eine Prognose ver\u00f6ffentlicht, nach der die Pflegesituation zur Jahrhundertmitte nicht mehr durch station\u00e4re Einrichtungen aufzufangen sein wird \u2013 selbst dann nicht, wenn die fehlenden Pflegekr\u00e4fte importiert werden k\u00f6nnten, wie es jetzt schon im Graubereich der h\u00e4uslichen Pflege geschieht. Denn auch in den Gesellschaften Osteuropas w\u00e4chst die Zahl der pflegebed\u00fcrftigen \u00c4lteren und Demenzerkrankten &#8211; und sie w\u00e4chst sogar, wie in allen weniger entwickelten L\u00e4ndern, noch schneller als bei uns.<\/p>\n<p>Die Fragen der Generationensolidarit\u00e4t, die Zukunft der Pflege und die Sorge um ein Sterben in W\u00fcrde geh\u00f6ren deshalb ganz oben auf der politischen Agenda. Der hohe Anteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die den assistierten Suizid bef\u00fcrworten, zeigt in aller Sch\u00e4rfe die Herausforderung: Die Befragten bezweifeln, dass f\u00fcr sie gesorgt sein wird, wenn sie allein nicht mehr zurechtkommen. Das Sterben in Pflegeheimen oder im Krankenhaus ist f\u00fcr viele zum Schreckgespenst geworden &#8211; nach einer aktuellen Umfrage w\u00fcnschen sich weniger als 10 Prozent einen Aufenthalt in einer station\u00e4ren Einrichtung dabei sterben 80 Prozent dort.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig ist also der Begriff der \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c popul\u00e4r geworden. In unserer Gesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstoptierung, angesichts der Vermarktlichung des Sozial- und Gesundheitssystems, in dem Zug\u00e4nge zunehmend \u00fcber Geld und Wissen gesteuert werden, geht es um ein Gegengewicht: um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung.<\/p>\n<p>Viele sp\u00fcren inzwischen deutlich: Wir m\u00fcssen die alten Muster verlassen, die Pfade wechseln und umdenken. Es darf nicht l\u00e4nger sein, dass im Familienministerium Pflegezeitmodelle diskutiert werden, im Gesundheitsministerium ein neuer Pflegebed\u00fcrftigkeitsbegriff, neue Pflegeschl\u00fcssel und Abrechnungsmodalit\u00e4ten entwickelt werden und im Finanzministerium \u00fcber die private Zusatzversicherung nachgedacht wird. So gut es ist, wenn die soziale Landschaft sich bunt und vielf\u00e4ltig entwickelt &#8211; die verschiedenen Systeme m\u00fcssen ineinanderpassen. Eine realistische St\u00e4rkung der ambulanten Dienste, eine quartiersnahe Versorgung, eine viel bessere Vernetzung von privater und professioneller Sorge, von Pflege und Reha, braucht eine Verzahnung von Familien-, Gesundheits- und Sozialversicherungspolitik im Sinne einer neuen, geschlechter- und generationengerechten Sozialkultur. Dabei geht es auch um neue Schwerpunkte zwischen hochtechnisierter Medizin und pflegerischer Versorgung. In Zukunft muss aber der Pflegebegriff noch deutlicher so gestaltet werden, dass er auf den Grad der verbliebenen Selbstst\u00e4ndigkeit ausgerichtet ist. Anders als in der Eingliederungshilfe umfasst der Pflegebed\u00fcrftigkeitsbegriff das Ziel der Bef\u00e4higung zur Teilhabe an der Gesellschaft bislang nicht \u2013 geschweige denn Budgets, die eine Gesamtverantwortung erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Teilhabe st\u00e4rken\u00a0\u2013 Sorgende Gemeinschaften bilden<\/strong><\/p>\n<p>Kann es gelingen, die professionelle Pflege wieder neu in Sorgende Gemeinschaften einzubringen &#8211; oder bleibt das ein Traum? Angesicht der knappen Ressourcen ist klar: das Team der Pflegekr\u00e4fte ist auf die Zusammenarbeit mit Beratungseinrichtungen und anderen Berufsgruppen in der Quartiersarbeit angewiesen. Und es geht darum, professionelle Dienste und lebenspraktische Hilfen zu verschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erhalten \u00c4ltere, wenn sie hilfsbed\u00fcrftig werden, vielf\u00e4ltige praktische Hilfe von Angeh\u00f6rigen \u2013 von Einkauf, Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen und Arztbesuchen und Instandhaltung der Wohnung bis hin zur Pflege. Aber die Wohnentfernung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern hat in den letzten Jahren st\u00e4ndig zugenommen. Der letzte Alterssurvey zeigt: Nur noch ein Viertel der Befragten geben an, dass ihre erwachsenen Kinder noch am selben Ort wohnen und bei einem weiteren Viertel sind die Wohnungen mehr als zwei Stunden voneinander entfernt. An der Verbundenheit hat das zwar nichts ge\u00e4ndert. Immer noch geben 80 Prozent der Befragten an, dass sie w\u00f6chentlich Kontakt zueinander haben \u2013 aber im Vergleich der letzten Jahre erhalten die \u00fcber 70-j\u00e4hrigen immer seltener praktische Hilfe; die Quote sank um 8 Prozentpunkte von 19, 5 Prozent 1996 auf 11,7 Prozent 2014.<\/p>\n<p>Mehr als 40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen leben allein und nicht alle k\u00f6nnen auf tragf\u00e4hige Freundschaften und Nachbarschaftsnetze zur\u00fcckgreifen. Auch deshalb wird die h\u00e4usliche Pflege inzwischen von ca. 300.000 privaten Haushaltshilfen und Pflegekr\u00e4ften aus Osteuropa gest\u00fctzt. Deswegen ist es ein wichtiger Schritt, dass im PSG II neben der Pflege nun auch Hauswirtschafts- und Betreuungsleistungen anerkannt und wenigstens zum Teil refinanziert werden.<\/p>\n<p>Und auch Stadtplanung, Architekturb\u00fcros und Wohnungsbaugesellschaften machen inzwischen ernst damit, dass in den neuen Wohnquartieren Rollatoren wie Kinderwagen \u00fcber die Schwelle kommen und H\u00e4user so barrierefrei sein m\u00fcssen, dass auch Rollstuhl oder Krankenbett Platz finden. Aber nach wie vor leben die wenigsten \u00e4lteren Menschen in barrierearmen Wohnungen. Und die Refinanzierungsstrukturen in unseren Sozialsystemen machen eine integrierte Arbeit schwer. Initiativen wie das SONG-Netzwerk, das von der Bertelsmann-Stiftung initiiert wurde oder Wohnquartier hoch 4 in Rheinland-Westfalen-Lippe geben seit Jahren Anst\u00f6\u00dfe, rund um die Lebensbereiche Wohnen, Gesundheit, Bildung und Freizeit neue Netzwerke zu organisieren \u2013 also nicht l\u00e4nger an Defiziten, sondern an Dimensionen des allt\u00e4glichen Lebens orientiert. Allerdings verlangt die Arbeit in solchen Modellen ein Grenzen \u00fcberschreitendes Denken. Denn die Leistungen unserer sozialen Sicherungssysteme sind bisher an Zielgruppen mit bestimmten Bedarfslagen entlang organisiert: an Kranken, Arbeitslosen, Gef\u00e4hrdeten\u2026 So wichtig wie die Zusammenarbeit der sozialen Dienste ist aber die Entwicklung der Quartiere und Stadtteile selbst. Wo es weder Einkaufsm\u00f6glichkeiten noch B\u00fcrgertreffpunkte gibt, wo nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig Busse fahren, wo man sich ohne Auto nicht mehr selbst versorgen kann, entscheiden sich auch Menschen, die ansonsten gut zu Hause bleiben k\u00f6nnten, f\u00fcr eine station\u00e4re Einrichtung.<\/p>\n<p>In Kaiserswerth, wo ich sechs Jahre Vorsteherin war, leben viele der \u00e4lteren Diakonissen in sogenannten Feierabendh\u00e4usern. Das Konzept glich bis vor kurzem dem der heutigen Seniorenwohngemeinschaften und Mehrgenerationenh\u00e4user: offene Gemeinschaften mit einem Hauswirtschaftsangebot und einem Hausmeisterdienst und der M\u00f6glichkeit, sich selbst zu versorgen und ambulante Pflege zu bekommen. Sch\u00f6n zu sehen, wie viele J\u00fcngere aus der Gemeinschaft, aber auch aus der Mitarbeiterschaft, dorthin zu Besuch kamen und sich Rat und Unterst\u00fctzung holten. \u201eWenn ich selbst nicht zum Einkaufen komme\u201c, sagte k\u00fcrzlich eine j\u00fcngere, berufst\u00e4tige Schwester \u201ekaufen meine Feierabendschwestern f\u00fcr mich ein.\u201c Umgekehrt gilt: Am Leben der J\u00fcngeren Anteil zu nehmen, ist f\u00fcr die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ein zentraler Lebensinhalt. Was f\u00fcr eine Gro\u00dffamilie normal war und ist, zeichnet auch diese Wahlfamilien aus.<\/p>\n<p>Es waren vor allem Politikerinnen und Politiker wie Henning Scherf oder Malu Dreyer, die solche Wohnprojekte popul\u00e4r gemacht haben. Die Idee hinter den Mehrgenerationenh\u00e4usern, Wohngemeinschaften, Genossenschaften: starke Nachbarschaften, in denen man einander unterhalb der Schwelle professioneller und bezahlter Dienstleistungen wechselseitig hilft. So wie in den neuen Modellen des Zusammenwohnens von \u00c4lteren und Studentinnen, in denen die einen mietfreies Wohnen genie\u00dfen und die anderen den einen oder anderen Dienst in ihrem Alltag. Aber auch in den Stadtteilcaf\u00e9s, in Quartiersprojekten und bei Mittagstischen und Tafeln sind Sorgende Gemeinschaften entstanden. Und nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch ganz normale Nachbarschaften und Vereine zu Sorgenden Gemeinschaften werden. So wie es fr\u00fcher in den Kranzvereinen der Fall war, wo Nachbarn sich ganz selbstverst\u00e4ndlich in der ersten Trauer und Bestattungsphase unterst\u00fctzen und wie es heute die neuen Bestattungsvereine versuchen.<\/p>\n<p>Die so genannten jungen Alten tragen entscheidend dazu bei, dass Nachbarschaften wiederbelebt werden. \u00c4ltere Menschen sind st\u00e4rker ortsgebunden; sie engagieren sich in Vereinen, wo junge Leute immer schwerer Anschluss finden, aber zunehmend auch in B\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften oder in der Kommunalpolitik. Die Freiwilligensurveys der letzten Jahre zeigen: Wer sich engagiert, gewinnt zugleich neue Beziehungen und eigene Netzwerke, Lebensvertiefung und soziale Kompetenzen. Inzwischen sind es vor allem die jungen Alten, die f\u00fcr den Aufbau von Sorgenden Gemeinschaften gebraucht werden. Sie sind es, die sich in besonderer Weise ehrenamtlich f\u00fcr das Gemeinwesen engagieren und daf\u00fcr auch Kompetenzen und Zeit mitbringen. Allerdings bewegen sich manche mit \u00dcbungsleiterpauschalen, 450-Euro-Jobs und Bundesfreiwilligendienst in der Grauzone zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt \u2013das CSI in Heidelberg spricht von einer dritten Form der Besch\u00e4ftigung &#8211; weil ihre Renten einfach zu niedrig sind.<\/p>\n<p>Wenn sich der Staat seiner Verantwortung entzieht, warnt Thomas Klie, \u201ewerden klassische Frauenrollen\u201c &#8211; und ich erg\u00e4nze: klassische Gro\u00dfelternrollen &#8211; \u201ereaktiviert. Dann gibt es einen \u201eR\u00fcckschritt\u201c in Richtung Deprofessionalisierung und Romantisierung gegenseitiger Solidarit\u00e4t.\u201c Tats\u00e4chlich erf\u00e4hrt das Engagement der jungen Alten, die im Augenblick einen gro\u00dfen Teil des sozialen Ehrenamts leisten, aber noch wenig Anerkennung und Unterst\u00fctzung. Klar ist: Care-Arbeit in Familien und Sorgende Gemeinschaften in der Zivilgesellschaft k\u00f6nnen nur nachhaltig sein, wenn die finanziellen Ressourcen gegeben sind &#8211; eine sichere und ausk\u00f6mmliche Grundrente und eine tragf\u00e4hige Infrastruktur. Die F\u00f6rderung \u201eSorgender Gemeinschaften\u201c muss eingebettet sein in ein breit angelegtes Kommunalentwicklungsprogramm. Die Sozial- und Gesundheitspolitik des Bundes zum Beispiel in der Pflegeversicherung muss die \u00f6rtlichen Entwicklungspotenziale aufnehmen und neue Modelle und Verantwortungsgemeinschaften st\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Sorgende Gemeinde werden: Die Verantwortung der Kirchengemeinden<\/strong><\/p>\n<p>Die Herausforderung, die professionelle Pflege nicht nur mit Hauswirtschaft und Betreuung, sondern auch mit anderen Dienstleistungen im Quartier und mit b\u00fcrgerschaftlichem Engagement zu verkn\u00fcpfen, geht Kirche und Diakonie in besonderer Weise an.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind Alter und Pflegebed\u00fcrftigkeit keinesfalls deckungsgleich, wie manche immer noch meinen. Zwar steigt die Pflegebed\u00fcrftigkeit mit dem Alter, sie betrifft aber nur wenige. Bei den 70 \u2013 75-j\u00e4hrigen sind es etwa 5 Prozent, bei den 75 \u2013 80-j\u00e4hrigen 10 Prozent, bei den 80 bis 86-j\u00e4hrigen 20 Prozent und erst bei den Hochaltrigen \u00fcber 85 steigt der Prozentsatz auf 40 Prozent. Und damit ist noch immer nicht jeder Zweite betroffen. Nein, Alter und Pflegebed\u00fcrftigkeit sind nicht deckungsgleich. Wenn wir uns aber noch einmal daran erinnern, wie viele Menschen sich schon mit 55 plus Sorgen um ihren Hilfebedarf im Alter machen und wie viele pflegende Angeh\u00f6rige von der Situation betroffen sind, dann wird deutlich: Hier gibt es Bedarf an Seelsorge, Netzwerken und Pr\u00e4vention. Es ist notwendig, gemeinsam die Nachbarschaft zu st\u00e4rken und es w\u00e4re t\u00f6richt, wenn Kirchengemeinden die Frage nach der Pflege ausblenden und an die Diakonie delegieren. Genau das ist aber geschehen, seit die ambulante Pflege refinanziert und von Diakoniestationen getragen wurde.<\/p>\n<p>Das Gemeindeschwesternmodell, dem viele bis heute nachtrauern, lebte aus einer Kooperation von Gemeinden und Mutterh\u00e4usern. Und es gewann seinen Charme daraus, dass Pflege eine selbstverst\u00e4ndliche Hilfeleistung unter anderen war \u2013 so selbstverst\u00e4ndlich wie Familienhilfen oder Mittagstische. In Hamburg-Altona ist die Diakonie einer der Partner, die das Projekt Altonavi gegr\u00fcndet haben, eine barrierefreie offene Quartiersberatungsstelle mit vier Mitarbeiterstellen \u2013 mitgesponsert von der Stadt, aber auch von AWO, Aktion Mensch, der Nordmetall-Stiftung und vielen anderen Tr\u00e4gern. Die Mitarbeitenden von Altonavi informieren \u00fcber \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzungsangebote und bringen Hilfesuchende und Hilfeanbietende zusammen beispielsweise f\u00fcr die Begleitung bei Arztbesuchen, f\u00fcr Hausaufgabenhilfe oder f\u00fcr Beratung, wenn Angeh\u00f6rige an Demenz erkrankt sind.<\/p>\n<p>Aber die Kirche ist auch mit ihren R\u00e4umen und ihren hauptamtlich Mitarbeitenden gefragt \u2013 und das hei\u00dft mit ihren eigenen Ressourcen. Es geht um die Aufgabenbeschreibungen von Gemeindep\u00e4dagogen, Diakoninnen, Sozialp\u00e4dagogen, aber auch mit K\u00fcstern oder Musikern, es geht aber auch um den Umbau von Gemeindeh\u00e4usern zu Gemeinwesenzentren. Dazu m\u00fcssen Gemeinden sich allerdings \u00f6ffnen, sich nicht nur als Gastgeber verstehen, sondern auch als Dienstleister &#8211; am besten als Gemeinde mit der Diakonie zusammen den \u201edritten Sozialraum\u201c entwickeln.<\/p>\n<p>Die evangelische Kirchengemeinde Lindlar im Rheinisch-Bergischen Kreis hat vorgemacht, was das bedeutet: Sie nahm nicht nur die Situation ihrer Mitglieder, sondern auch die der Immobilien in der Gemeinde unter die Lupe und zog Konsequenzen. Die Kirche auf dem H\u00fcgel, die erst nach dem Krieg f\u00fcr die Heimatvertriebenen gebaut worden war, f\u00fcllte sich nicht mehr wie fr\u00fcher. Viele Gemeindemitglieder waren \u00e4lter geworden, sie brauchten Hilfe, um das Haus zu verlassen. Es fehlten alternsgerechte Wohnungen, Haushaltshilfen, aber auch ein Ort der Begegnung zwischen den Generationen. So entschied sich der Kirchenvorstand f\u00fcr einen radikalen Neuanfang: Das Pfarrhaus auf dem Kirchenh\u00fcgel wurde abgerissen und ein Teil des Landes verkauft. In Zusammenarbeit mit einer kirchlichen Wohnungsbaugenossenschaft wurden barrierefreie Wohnungen errichtet. Von dem erzielten Gewinn wurde das Jubilate-Zentrum errichtet \u2013 ein Treffpunkt der Generationen. In das Wohnprojekt zog ein Pflegedienst ein und, das war der Clou des Ganzen, mit Hilfe des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) wurde ein Aufzug hinunter in die Innenstadt gebaut, damit auch \u00c4ltere wieder die Chance hatten, gut zum Einkaufen zu kommen. Das Konzept hat nicht nur die Gemeinde neu belebt, es hat auch ihren Einfluss in der Kommune gest\u00e4rkt, den sie nun f\u00fcr die Entwicklung zur alternsgerechten Stadt nutzt.<\/p>\n<p>\u201eMein Anliegen ist, dass in Gemeinden \u201egesch\u00fctzte R\u00e4ume\u201c entstehen\u201c, hat Beate Jakob gesagt. Im Englischen spricht man von \u201esafe\u201c oder \u201esacred spaces\u201c und meint damit Orte\/R\u00e4ume\/Begegnungsm\u00f6glichkeiten, an denen sich Menschen frei und offen begegnen und austauschen k\u00f6nnen, anstatt eine Rolle spielen zu m\u00fcssen. Orte, wo Menschen sich nicht als stark und als \u201eSieger\u201c pr\u00e4sentieren m\u00fcssen, sondern auch einmal ihre Masken ablegen und ihre Schwachheit und Hilfsbed\u00fcrftigkeit benennen d\u00fcrfen. Dadurch w\u00e4chst in Gemeinden auch das Bewusstsein, nicht eine Gemeinschaft von Starken zu sein, sondern von Un-Perfekten, die alle auf Gottes Gnade angewiesen sind.\u201c.Da liegt die spirituelle Quelle der sorgenden Gemeinschaften und eine der ganz gro\u00dfen St\u00e4rken unserer Kirchengemeinden. Hier ist Raum f\u00fcr Seelsorge und Biographiearbeit, Raum zur Selbsthilfe und zum Netzwerkekn\u00fcpfen. Raum zu entdecken, dass keiner mit dieser Situation allein ist und allein bleiben muss.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst ist eine Angeh\u00f6rigenbewegung im Gange, die die Mauern durchbricht &#8211; Stella Braam oder Arno Geiger begreifen Demenzerkrankte als Gegen\u00fcber, von dem wir lernen k\u00f6nnen, wie sehr wir alle auf Beziehung und Zusammenhalt, auf Einf\u00fchlung und Respekt angewiesen sind\u00a0\u2013 nicht nur in der Pflege und nicht erst, wenn wir hochaltrig werden. Und auch Pflegende haben sich neu organisiert, um die Not endlich zur Sprache zu bringen. Es lohnt sich, das zu entdecken\u00a0\u2013 bei Pflege- in -Bewegung zum Beispiel oder auf der Plattform CareSlam. Gemeinsam k\u00f6nnen wir Vorreiter sein f\u00fcr eine neue, humane Gesellschaft. Und Kirche und Diakonie haben viel dazu beizutragen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Tutzing, 10.01.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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