{"id":3379,"date":"2018-02-23T18:12:46","date_gmt":"2018-02-23T18:12:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3379"},"modified":"2018-08-31T17:49:27","modified_gmt":"2018-08-31T15:49:27","slug":"lebenslagen-und-milieu-diagnoseinstrumente-als-grundlage-kirchlicher-seniorenarbeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3379","title":{"rendered":"Lebenslagen und Milieu \u2013 Diagnoseinstrumente als Grundlage kirchlicher Seniorenarbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Iris Apfel oder \u201eDas Beste kommt noch\u201c <\/strong><\/p>\n<p><em>Kennen Sie Iris Apfel?<\/em> Die \u00e4ltere Frau mit dem faltigen Gesicht und den gro\u00dfen roten Brillen, die die verr\u00fccktesten Sachen tr\u00e4gt, als sei sie in ihren 20ern? Sie hat viele andere inspiriert, sich so zu kleiden, wie sie sich f\u00fchlen und attraktiv finden. Gro\u00dfe Statementketten, witzige H\u00fcte! Street-Art macht vor, wohin die Richtung geht. Ich erinnere mich, dass mein Onkel und meine Tante in den 60-er Jahren mit ihrer Familie in die USA nach Minnesota zogen \u2013 zu einem Austauschjahr im Pfarramt. Die dortige Pfarrfamilie zog also f\u00fcr ein Jahr in deren Wohnung ein und geh\u00f6rte fortan zu unserer Familie \u2013 mit den T\u00f6chtern Paula und Gretchen und mit der Gro\u00dfmutter. Es war die Gro\u00dfmutter, die mich besonders beeindruckt hat. Als ich sie zum ersten Mal sah, trug sie eine bunte Karohose \u2013 dazu knallrote Lippen und Fingern\u00e4gel. Das war damals hierzulande f\u00fcr eine Frau \u00fcber 65 nicht denkbar gewesen.<\/p>\n<p>Heute gehen die 68-er Frauen selbstbewusst, kritisch und voll Energie in die neue Lebensphase \u2013 nicht anders als die Beat- und Rockgr\u00f6\u00dfen von Udo Lindenberg bis zu den Rolling Stones und David Bowie. Der Hundertj\u00e4hrige, der aus dem Fenster stieg&#8230;\u201c wurde zum Bestseller und \u201eSein letzter Lauf\u201c zu einem der beliebtesten Filme der letzten Jahre. Fernsehspiele zeigen Rentnerbands, die ein Altenzentrum auf den Kopf stellen und eine Wohngemeinschaft, die den Studenten im Haus zeigt, wie es gelingen kann, barmherzig mit den eigenen Schw\u00e4chen umzugehen. Und Zeitschriften wie \u201eBrigitte WIR\u201c transportieren den Mentalit\u00e4tswandel zur\u00fcck in den Alltag. Unter dem Motto \u201eDas Beste kommt noch\u201c machen Sie Mut, der Vorstellung zu widerstehen, dass es mit dem Alter automatisch bergab geht.<\/p>\n<p><em>Und trotzdem frage ich mich. Ob Iris Apfel heute in einer durchschnittlichen Kirchengemeinde ihren Platz f\u00e4nde?<\/em> Oder w\u00e4re sie noch immer zu selbstbewusst, zu exaltiert? In meiner Wohnortgemeinde kommt eine solche Frau gelegentlich in meine Gottesdienste. Nach und nach kamen wir ins Gespr\u00e4ch &#8211; und neulich erz\u00e4hlte sie mir, dass sie lange in Frankreich gelebt hatte. Als sie in unser Dorf gezogen sei, h\u00e4tten die Nachbarn sie allemal besucht und nach ihr gefragt \u2013 als man aber gewusst habe, wer sie sei, habe sich keiner mehr f\u00fcr sie interessiert. Sie sei eben einfach anders.<\/p>\n<p><em>Und ich frage auch, ob wir wirklich \u00fcberzeugt sind, dass das Beste noch kommt? Zumindest im Blick auf die Themen Rente und Wahlverhalten scheint der Belastungsdiskurs noch immer im Vordergrund zu stehen. <\/em>Aktuell ging es wieder um steigende Belastungen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung auf dem Hintergrund des demographischen Wandels. Und auch im Blick auf das Wahlverhalten wird zunehmend h\u00e4ufiger der Zeitpunkt beschworen, in dem die W\u00e4hlerschaft demographisch \u201ekippt\u201c. Dennoch: der Potenzial-Diskurs hat in den letzten 20 Jahren an Gewicht gewonnen\u00a0\u2013 vorangetrieben nicht zuletzt durch die Altenberichte der Bundesregierung, die konsequent danach fragen, welche Ressourcen und Perspektiven \u00e4ltere Menschen in die Gesellschaft einbringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Ein Blick auf die Lebenslagen<\/strong><\/p>\n<p>Die Untersuchungen der letzten Alterssurveys zu Familie, Engagement, Gesundheit und Wohlbefinden zeigen: Ein negatives Altersstereotyp trifft nicht das Selbstbild \u00e4lter werdender und alter Menschen. Im Gegenteil:<\/p>\n<p>Noch nie in der Geschichte sind Menschen so gesund alt geworden, noch nie war die Breite der Bev\u00f6lkerung so gut ausgebildet, so kompetent und selbst\u00e4ndig wie heute, noch nie gab es auch so viele M\u00f6glichkeiten, sich zu vernetzen und gut zu organisieren. Wir haben im Schnitt zehn gesunde Jahre hinzugewonnen. Legt man den Alterssurvey von 2014 zugrunde, sind 70-j\u00e4hrige kaum weniger leistungsf\u00e4hig als gesunde 55-j\u00e4hrige. Und 73 Prozent der Befragten ab 60 Jahren f\u00fchlen sich j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Mehr als ein Drittel der 55- bis 69-j\u00e4hrigen hat keine oder h\u00f6chstens eine Erkrankung und noch die H\u00e4lfte der 70- bis 85-j\u00e4hrigen f\u00fchlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund. Gleichwohl zeigen sich im Jahr Alterssurvey 2014 deutliche Gruppenunterschiede: Insbesondere Personen mit niedriger Bildung, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund sind bei allen Gesundheitsdimensionen benachteiligt. <strong><em>Wir haben alle 10 gesunde Jahre dazu gewonnen\u00a0\u2013 aber es lohnt sich, noch einmal genauer hinzuschauen: auf Menschen mit niedriger Bildung, geringen Abschl\u00fcssen und prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Ein zweites: 40 Prozent der \u00c4lteren leben allein. Entgegen h\u00e4ufigen Bef\u00fcrchtungen, dass die Mehrzahl der \u00c4lteren einsam ist, haben die meisten aber stabile Bezugsnetze.<\/em> Zwar nehmen traditionelle Formen der Partnerschaft ab, dennoch teilen die meisten ihr Leben bis ins hohe Alter mit einer Partnerin oder einem Partner. Zwar sinkt auch bei den 55- bis 69-J\u00e4hrigen der Anteil der Verheirateten \u2013 wie in der gesamten Gesellschaft steigt die Zahl der Geschiedenen beziehungsweise Getrenntlebenden. Zugleich zeichnet sich aber einer Verschiebung von der ehelichen zur nichtehelichen Partnerschaft ab. Und die steigende Lebenserwartung erm\u00f6glicht, wie sich bei den 70- bis 85-J\u00e4hrigen zeigt, ein l\u00e4ngeres Zusammenleben im Alter: Im Jahr 2014 waren weit weniger Menschen im Alter zwischen 70 und 85 Jahren verwitwet (24,0 Prozent) als im Jahr 1996 (39,1 Prozent). Und schlie\u00dflich spielen Freudinnen, Freunde und Wahlverwandtschaften eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle<strong><em>. Einsamkeit ist f\u00fcr die Mehrheit kein Problem: Aber es gibt sie, die Singles ohne Partnerschaft und Kontakte in die Nachbarschaft. Und im Blick auf die anderen ist es f\u00fcr Kirche sicher wichtig, den Blick zu weiten &#8211; alternative Formen von Familie und Partnerschaft sind inzwischen auch im Alter normal<\/em><\/strong><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein drittes: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist in der zweiten Lebensh\u00e4lfte kontinuierlich gestiegen.<\/em> Das gilt vor allem f\u00fcr die 54- 59-j\u00e4hrigen und auch f\u00fcr die 60- bis 65-J\u00e4hrigen, bei denen auch die Erwerbsbeteiligung seit 1996 um etwa 20 Prozentpunkte gestiegen ist. Zugleich haben sich die Unterschiede in den Erwerbsquoten zwischen M\u00e4nnern und Frauen verringert. Allerdings kommen immer mehr B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in die Situation, Beruf und Haushalts- beziehungsweise Sorget\u00e4tigkeiten vereinbaren zu m\u00fcssen. Betroffen sind vor allem die 50 \u2013 65- j\u00e4hrigen Frauen, die die Betreuung der Enkelkinder und der Unterst\u00fctzung ihrer betagten Eltern \u00fcbernehmen. Ihr Anteil hat sich zwischen 1996 und 2014 vervierfacht. <strong><em>Wirtschaftlich geht es dieser Generation so gut wie lange keiner \u2013 allerdings gibt es eine Zielgruppe, die gerade die Gemeinden nicht aus dem Blick verlieren sollten: die \u00e4lteren Frauen, die sich aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckziehen, weil sie Erziehungs- und Pflegeaufgaben \u00fcbernehmen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Werden also die Altersgruppen feiner analysiert, verliert sich die Gleichheit<em>.<strong> Die 50- 70-j\u00e4hrigen sind zwar heute die relativ wohlhabendste Altersgruppe in Deutschland. 54 Prozent besitzen Wohneigentum oder Verm\u00f6gensr\u00fccklagen. Von den anderen 46 Prozent allerdings lebt die H\u00e4lfte von relativ niedrigen Einkommen<\/strong><\/em><strong>. <\/strong>Sie waren Arbeiter, geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigte oder kleine Selbst\u00e4ndige, sie sind eben alleinstehende oder geschiedene Frauen, die heute wegen der Kinder, die sie versorgt haben, eine kleine Rente haben<em>. <\/em>Bei den 70- bis 85-j\u00e4hrigen Frauen in Ostdeutschland zeigt sich das am deutlichsten: sie haben etwa ein Drittel weniger Geld zur Verf\u00fcgung. Bei diesen Gruppen ist auch die Mobilit\u00e4t besonders gering.<\/p>\n<p><strong><em>Und schlie\u00dflich: Die moderne Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, die Entwicklung der Technik und die Akzeptanz ganz unterschiedlicher Lebensentw\u00fcrfe machen es grunds\u00e4tzlich leichter, bis ins hohe Alter mobil zu bleiben und selbstbestimmt zu leben<\/em><\/strong>. Wer nicht mehr mobil ist, kann zumindest virtuell Kontakte kn\u00fcpfen und pflegen. Inzwischen gibt es mehr und mehr Projekte der digitalen Nachbarschaft &#8211; wie z.B. das Portal \u201eNebenan.de\u201c. Es ist auch nicht ehrenr\u00fchrig, sich Unterst\u00fctzung zu organisieren &#8211; vom Einkaufsservice bis zum W\u00e4schedienst nutzen das auch die vielen mobilen Berufst\u00e4tigen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Bildungs- und Verm\u00f6gensunterschiede uns dann eben doch unterschiedlich altern lassen. Wer von der Grundsicherung lebt, hat weit weniger M\u00f6glichkeiten, sich zus\u00e4tzliche Freiheit zu \u201ekaufen\u201c. Aber was ich nicht kaufen kann, kann ich vielleicht tauschen oder teilen \u2013 und manches l\u00e4sst sich auch gemeinsam mit Freunden und Nachbarn organisieren. Das braucht allerdings ein soziales Netz, Kontakte und die Bereitschaft zum Engagement. <strong><em>Nicht nur das \u00f6konomische, auch das Sozialkapital ist ungleich verteilt \u2013 Bildung und Beziehungen haben auch mit den \u00f6konomischen Ressourcen zu tun.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie Lebensphase \u201eAlter\u201c begr\u00fcndet also keine einheitliche Lebenslage; vielmehr differenzieren sich die Lebenslagen auch im Alter weiter aus\u201c, hei\u00dft es im Vorwort zum 7. Altenbericht. Dabei betreffen soziale Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen \u00e4lterer Menschen finanzielle Ressourcen, Bildung, Wohnbedingungen, soziale Netze und Gesundheit. Eine Auseinandersetzung mit Sorgearrangements f\u00fcr \u00e4ltere und mit \u00e4lteren Menschen muss die Verschiedenheit der Lebenslagen und Bedarf ber\u00fccksichtigen\u201c<strong><em>. Es geht also um Zugangsvoraussetzungen f\u00fcr gesellschaftliche Teilhabe <\/em><\/strong>\u2013 um die Beteiligung an Entscheidungsprozessen und die Artikulation eigener Interessen. <strong><em>Dabei geht der Altenbericht davon aus, dass der Anteil derer, die \u00f6konomisch, sozial und in der Folge h\u00e4ufig auch gesundheitlich benachteiligt sind, zuk\u00fcnftig \u201ein erheblichem Ma\u00dfe\u201c ansteigen wird \u2013 dass also das Alter deutlich ungleicher wird.<\/em><\/strong> <strong><em>Dabei geht es nicht nur um die in den Milieustudien ber\u00fccksichtige vertikale Dimension der sozio\u00f6konomischen Faktoren, sondern auch um horizontale wie Geschlecht oder Migration.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Milieus als Diagnoseinstrument: Sinusstudie \u201eAlter\u201c 2002, KMU 2008, Sinus 55 plus, 2010<\/strong><\/p>\n<p>Richten wir also jetzt den Blick wieder auf Werte, Sozialkultur und Lebensstil \u2013 die unterschiedlichen Einstellungen, Verhaltensweisen, Kommunikationsformen und Gemeinschaftsformaten bis hin zum Musikgeschmack \u2013 wobei es durchaus einen wechselseitigen Bedingungs-, Stabilisierungs-und Reproduktionszusammenhang von Milieus und Lebenslagen gibt. Ein Blick auf das Feld Gesundheitsvorsorge macht schnell deutlich, was das bedeutet. Es sind vor allem die gesellschaftlichen Leitmilieus der Etablierten und Postmateriellen, die aktive Gesundheitsvorsorge betreiben mit dem Ziel, ihre Leistungsf\u00e4higkeit zu erhalten. Dagegen ist diese Bereitschaft in der modernen Unterschicht deutlich weniger ausgepr\u00e4gt. Das l\u00e4sst sich im Blick auf Adipositas, Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen weiter differenzieren. Dabei zeigt sich dann, wie wesentlich die jeweiligen Alltagskulturen sind.<\/p>\n<p><strong>Nehmen wir das Beispiel: Gesundheitsvorsorge<\/strong>: Die Sinusstudien zeigen, welche Auswirkungen Ern\u00e4hrungsgewohnheiten, der Umgang mit Experten, die Bereitschaft, neue gesellschaftliche Trends zu \u00fcbernehmen f\u00fcr bestimmte Krankheiten haben. So finden sich Adipositas und Diabetes vor allem in traditionellen Milieus, Allergien vor allem im expeditiven. Was kann das f\u00fcr den Lebensbereich Religion, Spiritualit\u00e4t und Kirche bedeuten?<\/p>\n<p>Schauen wir uns jetzt aber die Altersverteilung der unterschiedlichen Milieus an, wie sie die Sinus-Studie von 2002 skizziert. Leider sind die Zahlen von 2002 die j\u00fcngsten im Blick auf die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung<em>. <strong>Die Senioren, die zur Zeit der Sinus-Studie 2002 60 Jahre und \u00e4lter waren, geh\u00f6rten zum gr\u00f6\u00dften Teil zu den Milieus der Hochkulturellen, der Bodenst\u00e4ndigen und der Zur\u00fcckgezogenen.<\/strong> <strong>Es waren 93,8 Prozent der \u00fcber 70 -j\u00e4hrigen, bei den 60 \u2013 69 -j\u00e4hrigen immerhin noch 82 Prozent<\/strong>.<\/em> Da seitdem 16 Jahre vergangen sind, werden wir uns gleich einige Befunde zu den Personen 55 plus anschauen &#8211; also zu denen, die die Beteiligung von \u00c4lteren heute und in der Zukunft bestimmen. Denn klar ist<strong><em>: Die konservativ-traditionelle Grundhaltung ist zwar noch dominierend und wird vielleicht gerade in und von der Kirche erwartet und gest\u00fctzt, doch zeigt sich im Alter l\u00e4ngst ein viel bunteres Spektrum an Lebensstilen<\/em><\/strong>. Und wenn man auf die Untersuchung von 2002 schaut, zeigt sich tats\u00e4chlich ein Abbruch bei den 50- 59 -j\u00e4hrigen, ein kleiner Erdrutsch, sagt Susanne Fetzer, die ein Buch \u00fcber die Zukunft der Seniorenarbeit geschrieben hat. <strong><em>Denn bei den 50- 59-j\u00e4hrigen hatte sich der Anteil der traditionellen Milieus praktisch halbiert<\/em>. <\/strong>Als Beispiel sei hier der Musikstil angef\u00fchrt: H\u00f6rten im Jahr 2006 noch 62 Prozent der 60 \u2013 60-j\u00e4hrigen gern Blasmusik, waren es schon 2015 nur noch 41 Prozent.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse der <strong>EKD-KMU zum Thema Milieus<\/strong> stammen <strong>aus dem Jahr 2008 und nutzen etwas andere Kategorien.<\/strong> Ich beziehe mich im Folgenden auf die Studie \u201eMilieus praktisch\u201c von Claudia Schulz und anderen. <strong>Dabei zeigte sich bei den 60- 69-j\u00e4hrigen wie bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen ein deutlicher Schwerpunkt bei den Bodenst\u00e4ndigen: bei den 60 \u2013 69-j\u00e4hrigen waren es 34 Prozent, bei den \u00fcber 70-j\u00e4hrigen sogar \u00fcber 45 Prozent.<\/strong> Ihre sozialen Kontakte in Familie, Nachbarschaft und Vereinen sind f\u00fcr die Gemeindearbeit von ganz besonderer Bedeutung. Aus dieser Gruppe speist sich auch das soziale Ehrenamt der Frauen. Gerade hier zeigt sich aber auch eine besondere Herausforderung f\u00fcr Gemeinden: Wo diese eher einkommensschwachen Frauen wegen der privaten Sorgearbeit geringe Renten haben, steht die Frage an, ob soziale Ehren\u00e4mter nicht auch finanziell gest\u00fctzt werden m\u00fcssen &#8211; zum Beispiel mit \u00dcbungsleiterpauschalen. <strong>Bei den 50- 59-j\u00e4hrigen wurden nur noch 14,6 Prozent dieser Gruppe zugeordnet. Es kommen die Geselligen \u2013 mit immerhin 17 Prozent. <\/strong>Menschen mit durchschnittlichem bis h\u00f6herem Bildungsstand und etwas \u00fcberdurchschnittlichem Einkommen. Auch sie pflegen Kontakte am Wohnort und engagieren sich in ihrem Lebensumfeld. Sie sind bereit, sich fortzubilden \u2013 aber sie m\u00f6chten das Leben eben auch genie\u00dfen, Sport treiben, Musik h\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Die zweite gro\u00dfe Gruppe in der KMU 2008 waren die Hochkulturellen: ihr konnten 29 bzw. 27 Prozent der beiden Gruppen zugeordnet werden. Aus dieser Gruppe speisen die kirchlichen Kulturangebote ihre Teilnehmergruppen: <\/strong>die Konzerte und Akademietagungen oder die Literaturkreise. Aber auch hier gab und gibt es eine gro\u00dfe Bereitschaft, sich sozial zu engagieren &#8211; von Lesepaten \u00fcber Ausbildungsmentoren bis zu Stiftungen. <strong>Unter den 50 \u2013 59-j\u00e4hrigen fanden sich allerdings schon 2002 nur noch 16,7 Prozent, die dieser Zielgruppe zugeordnet werden konnten. An Bedeutung gewannen unter den 50- 59 -j\u00e4hrigen die \u201eKritischen\u201c mit fast 21 Prozent<\/strong>. Auch sie sind kulturell interessiert- nun aber mit breitem Musikgeschmack, sie gehen ins Kino, treiben Sport, leben mit dem Internet &#8211; und ja, sie bringen sich auch in Diskussionen ein und engagieren sich f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Insgesamt verteilt sich also diese Altersgruppe viel gleichm\u00e4\u00dfiger auf die Milieus mit traditioneller und moderner Werteorientierung. <strong>Und bei denen, die damals 2002 40- 49-Jahre alt waren, sehen wir bereits eine deutliche Verschiebung vom traditionellen zum modernen Lebensstil. Das ist die Altersgruppe, die in den n\u00e4chsten Jahren in Rente gehen wird.<\/strong><\/p>\n<p>Nehmen wir den Musikgeschmack als Indikator, dann waren es bei den 50-59-j\u00e4hrigen 2006 noch 56 Prozent, die gern Rock-und Popmusik h\u00f6rten, so waren es 2015 schon 75 Prozent. Sender wie WDR4, die bis vor einigen Jahren vor allem deutsche Schlagermusik im Programm hatten, haben sich inzwischen darauf eingestellt.<\/p>\n<p>Von einer Gruppe habe ich noch nicht gesprochen &#8211; von den Zur\u00fcckgezogenen. Das waren 2002 in allen befragen Altersgruppen um die 20 Prozent, bei den 50-59-j\u00e4hrigen aber 24 Prozent &#8211; was vermutlich auch mit der h\u00f6heren Belastung in den letzten Berufsjahren zu tun hat \u2013 die \u00fcbrigens, wie der j\u00fcngste Alterssurvey zeigt, noch weitergewachsen ist. Wer \u00fcber kirchliche Angebote nachdenkt, wird diese Zielgruppe m\u00f6glicherweise vernachl\u00e4ssigen &#8211; wenn es aber um Fragen der Sorgenetzwerke oder der Beteiligung in der Nachbarschaft geht, w\u00e4re das nicht ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Schauen wir zun\u00e4chst noch einmal auf <strong>zwei Charts zur Sinusstudie von 2010: zum Thema \u201e55 plus\u201c <\/strong><\/p>\n<p><strong>Zum einen sehen wir hier noch einmal deutlich die Differenzierung und Verschiebung: <\/strong>neben den traditionellen Milieus werden jetzt die b\u00fcrgerliche Mitte, aber auch die sozial-\u00f6kologischen und die prek\u00e4ren Milieus wichtig.<\/p>\n<p><strong>Und schaut man auf die Repr\u00e4sentanz der Altersgruppe \u00fcber 50 in den unterschiedlichen Milieus, <\/strong>dann sind es immer noch 30 Prozent, die wir im traditionellen Milieus finden, immerhin aber bereits 21 Prozent in der b\u00fcrgerlichen Mitte.<\/p>\n<p><strong>Ein drittes Chart<\/strong> \u00fcber die historischen Wurzeln der Altersgruppen zeigt die gesellschaftspolitischen Pr\u00e4gungen der Generationen<\/p>\n<p><strong>Es lohnt sich, dar\u00fcber nachzudenken, dass und wie Kirche selbst den \u00dcbergang in den <em>Postmaterialismus und ins sozial-\u00f6kologische Milieu mitgepr\u00e4gt hat. Hier spielen die 60er Jahre mit ihren Reformprojekten und auch der Kirchentag eine entscheidende Rolle. Dass die heutigen jungen Alten sich nicht mehr unbedingt mit traditionellen kirchlichen Formen identifizieren, bedeutet also nicht unbedingt, dass sie nicht religi\u00f6s sind:<\/em><\/strong> ihr Engagement und ihr Lebensstil sind h\u00e4ufig gepr\u00e4gt in der kirchlichen Jugendarbeit oder bei Kirchentagsbesuchen. In der zivilgesellschaftlichen Bewegung oder auch in der Politik habe ich sie immer wieder gefunden und ihre innere Verbundenheit wahrgenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Milieus und Kirche: KMU 5 und Sinusstudie f\u00fcr Baden und W\u00fcrttemberg<\/strong><\/p>\n<p>Wie sieht es aber mit der Beziehung zur Kirche selbst aus? An dieser Stelle lohnt noch ein Blick auf die Ergebnisse der 5. KMU (\u201eEngagement und Indifferenz\u201c &#8211; Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis), die allerdings die unterschiedlichen sozialen Milieus nicht differenziert, sowie auf die Sinusstudie Evangelisch in Baden und W\u00fcrttemberg von 2012. Es ist ja deutlich: <strong>Die absolute Zahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich, Kasualien werden seltener begehrt und mit jeder nachr\u00fcckenden Generation wird die Relevanz von Glaube und Kirche in der Gesellschaft undeutlicher\u201c<\/strong>, so Thies Gundlach zur KMU 5. Die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der EKD unterscheidet bei der religi\u00f6sen Kommunikation eine eher informativ-intellektuelle, eine praktisch-handlungsorientierte und eine existenzielle Dimension. \u201eExistenziell-religi\u00f6se Kommunikation, das Gespr\u00e4ch \u00fcber den Sinn des Lebens gilt als pers\u00f6nliches, intim empfundenes Thema, das in erster Linie mit dem Partner\/der Partnerin besprochen wird, dann auch mit Freunden\/Freundinnen und schlie\u00dflich mit der Familie. Dabei zeigt sich, dass es \u201e\u00fcber die Generationen hinweg zu einer kontinuierlichen Abnahme sowohl der Verbundenheit mit der Kirche als auch der Religiosit\u00e4t kommt. <strong>Je j\u00fcnger die Befragten sind, umso seltener geben sie an, religi\u00f6s erzogen worden zu sein. Von den Evangelischen ab 60 Jahren wurden nach eigene Angaben etwa 83% religi\u00f6s erzogen, von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren sagen das nur noch 55%.<\/strong> Anders noch als fr\u00fcheren KMUs, die den Blick auf die distanzierten Mitglieder lenkte, betont die j\u00fcngste die in pers\u00f6nliche Netzwerke eingebundene Praxis der Mitgliedschaft. Jetzt, wo die traditionellen Motive von Pflicht und Konvention zur\u00fccktreten, wird die Teilnahme am Gottesdienst nun aber als aktive Teilnahme verstanden. Aus meiner Sicht bleiben dabei allerdings noch viele Fragen offen.<\/p>\n<p>Die Sinus-Studie f\u00fcr Baden und W\u00fcrttemberg macht auf die notwendige Differenzierung aufmerksam. Schaut man tiefer in die Daten hinein, wird sichtbar, dass sowohl das Hedonistische als auch das prek\u00e4re Milieu der Kirche kritisch gegen\u00fcber steht &#8211; aber aus v\u00f6llig unterschiedlichen Motivationslagen. Die einen w\u00fcrden gerne mit leben in Kirche, aber ihnen fehlen vielfach die Ressourcen. Die anderen sehen in Kirche den Inbegriff von Konvention und B\u00fcrgerlichkeit und lehnen sie deshalb als \u201eSpa\u00dfbremse\u201c ab. Und f\u00fcr die Pragmatischen ist Kirche schlicht nicht relevant f\u00fcr die eigenen Lebenszusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p><strong>Heinzpeter Hempelmann h\u00e4lt im Vergleich der Studien fest, dass der Zusammenhang zwischen Verbundenheit mit der Kirche, Glaube und Engagement unterschiedlich aussehen kann<\/strong>.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Es gibt eine hohe Verbundenheit mit der Kirche ohne aktive Praxis &#8211; wie es schon beim Typus des traditionellen Kirchg\u00e4ngers der Fall ist.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Es gibt hohe Verbundenheit mit christlichem Glauben und eine entsprechende ehrenamtliche Praxis, verbunden mit einer deutlichen Distanz zur verfassten Kirche.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Und es gibt intensive religi\u00f6se Praxis ohne Engagement im Raum der verfassten Kirche<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Kurz: Kirchlichkeit, Engagement und Spiritualit\u00e4t k\u00f6nnen auseinanderfallen.<\/p>\n<p>Und auch Religiosit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t m\u00fcssten noch einmal unterschieden werden, betont Hempelmann. Der Mitgliedschaftstypus des spirituell Suchenden, v.a. im expeditiven Milieu beheimatet, sei weder an der Institution Kirche als solcher interessiert, noch an ehrenamtlichem Engagement, er sei aber sehr offen f\u00fcr alles, was Kirche im weitesten Sinne hier zu bieten hat.<\/p>\n<p>Hempelmann empfiehlt im Ergebnis, die wachsende Fragmentierung gesellschaftlicher Entwicklung auch im Blick auf kirchliche Angebote wahr zu nehmen und sich nicht zu sehr auf die kleinen Netze in Kirchengemeinde und Nachbarschaft zu konzentrieren. Auf diesem Hintergrund kritisiert er auch einige Items der KMU wie z.B. die Gruppe der Geselligen. Geselligkeit meint er, sei eigentlich kein Item, sondern eine Eigenschaft. Viel sinnvoller ist es, nach Gemeinschaftsformaten zu fragen. Geselligkeit sei nur eine davon. \u201eKaffee und Kuchen, B\u00f6tchen fahren und nett plaudern, ist aber nur f\u00fcr einen Bruchteil der Menschen in Kirche und Gesellschaft erstrebenswert. Performer, Expeditive sind aber auch Kirchenmitglieder. Sie fallen voll durchs Netz des \u201eInteresses an Geselligkeit\u201c. Zumal die Studie selbst betone, dass es eine \u201egro\u00dfe Zahl der weniger an Geselligkeit Interessierten unter den Kirchenmitgliedern (32% der Frauen und 43% der M\u00e4nner) gibt. Letztlich spiegele sich in solchen Merkmalen eben auch ein Bild von Kirche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Alter, Milieus und Kirchenbilder <\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn wir also \u00fcber das Thema Alter und Milieus sprechen: <strong>Letztlich kommen wir nicht darum herum, \u00fcber unser Bild von Kirche zu reden<\/strong>. Dabei haben Sie, die die Breite der \u00c4lteren mit ihren Interessen und Problemlagen im Blick haben, eine besondere Verantwortung. <strong>In den letzten Jahren wird in der Seniorenarbeit vor allem der \u201eAbschied vom Seniorenkreis\u201c diskutiert<\/strong>. Das zeigt sich sowohl in unserer EKD-Orientierungshilfe \u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen\u201c als auch in der Vielfalt der Modelle und Aktivit\u00e4ten. <strong>Das Thema \u201eGeselligkeit\u201c zeigt aber, dass es nicht gen\u00fcgt, lediglich \u00fcber neue Formen von Gemeinschaftsbildung zu sprechen. Auch andere Aspekte wie die sozialen Netze in der Nachbarschaft oder das kommunalpolitische Engagement f\u00fcr und mit \u00c4lteren in der Kirche m\u00fcssen in den Blick kommen &#8211; genauso wie neue Angebote zur Spiritualit\u00e4t im Alter. <\/strong><\/p>\n<p>Susanne Fetzer, die sich auf dem Hintergrund der traditionellen Seniorenkreis-Arbeit mit neuen Formen und Angeboten befasst, betont gleichwohl, dass es auch im Blick auf die Gemeinschaftsformen einen Paradigmenwechsel gibt: <strong>Gemeinschaft muss sich wandeln von der Betreuungsperspektive zum Miteinander auf Augenh\u00f6he und vom Bildungsangebot zum Begegnungsangebot. I<\/strong>n einer Zeit, in der es an Unterhaltungsangebote nicht mangle, gehe es darum, Leben miteinander zu teilen und Begegnung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Vor allem aber gilt: \u201eSelbst organisieren statt versorgt werden<\/strong>\u201c \u2013 das ist auch f\u00fcr Annegret Zander von der \u201eFachstelle zweite Lebensh\u00e4lfte\u201c in Hessen, die das Heft \u201eAbschied vom Seniorenkreis\u201c geschrieben hat, der zentrale Paradigmenwechsel. Ihr zentraler Satz \u201cMenschen in der nachberuflichen Phase, ganz gleich welchen Alters, die keine oder nur wenig Hilfe im Alltag ben\u00f6tigen, k\u00f6nnen sich wunderbar selbst organisieren. Und wir als Kirche k\u00f6nnen ihnen daf\u00fcr Raum geben.\u201c F\u00fcr Zander geht es darum, die nachbarschaftlichen Bez\u00fcge der Kirchengemeinden zu st\u00e4rken. \u201eAls<strong> Kirchengemeinde sind wir Teil der Gemeinschaft vor Ort, kein besonderes Wesen. Wir leben alle am selben Ort, sind in Vereinen, auf dem Markt, in Gesch\u00e4ften unterwegs, stolpern \u00fcber dieselben Schwellen, beobachten wunderlich gewordene Nachbarn.\u201c<\/strong> Dabei wird zweierlei noch einmal deutlich: Wir kommen nicht umhin, \u00fcber unser Kirchenbild zu reden. Und: wir sind es, um die es geht. Fangen wir also bei uns an. Es ist immer wieder dieselbe Frage: Welche Kirche w\u00fcnschen wir uns, wenn wir \u00e4lter werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, 08.02.2018, N\u00fcrnberg, Landeskonferenz zur Altersarbeit 2018 in Bayern<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Iris Apfel oder \u201eDas Beste kommt noch\u201c Kennen Sie Iris Apfel? 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