{"id":3374,"date":"2018-02-13T16:17:01","date_gmt":"2018-02-13T16:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3374"},"modified":"2018-08-31T17:48:25","modified_gmt":"2018-08-31T15:48:25","slug":"die-reife-reise-pastoraltheologische-ueberlegungen-zur-spiritualitaet-im-alter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3374","title":{"rendered":"Die reife Reise \u2013 Pastoraltheologische \u00dcberlegungen zur Spiritualit\u00e4t im Alter"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Das Land des langen Lebens <\/strong><\/p>\n<p>Deutschland ist ein Land des langen Lebens. Neugeborene M\u00e4dchen haben zurzeit eine Lebenserwartung von 83 Jahren, Jungen von 78 Jahren. 60 ist die neue 50. 73 Prozent der Befragten ab 60 Jahren f\u00fchlen sich jedenfalls j\u00fcnger, als sie es vom kalendarischen Alter her sind, und zwar im Durchschnitt 5,5 Jahre. Mehr als ein Drittel der 55- bis 69-j\u00e4hrigen hat keine oder h\u00f6chstens eine Erkrankung und noch die H\u00e4lfte der 70- bis 85-j\u00e4hrigen f\u00fchlen sich trotz der einen oder anderen Krankheit funktional gesund. Noch nie in der Geschichte sind Menschen so gesund alt geworden, noch nie war die Breite der Bev\u00f6lkerung so gut ausgebildet, so kompetent und selbst\u00e4ndig wie heute, noch nie gab es auch so viele M\u00f6glichkeiten, sich zu vernetzen und gut zu organisieren<strong>. Schon ist mit Blick auf die 68er-Generation, die jetzt in Rente geht, von Power-Agern die Rede<\/strong>. Was es bedeutet, alt zu sein, ist aber nicht nur eine Frage nach dem biologischen Alter oder der gesundheitlichen Situation \u2013 es betrifft immer auch die gesellschaftlichen Vorstellungen vom Alter und die damit verbundenen Erwartungen an andere wie an sich selbst. Und das betrifft alle Lebensvollz\u00fcge: Arbeit und Familie genauso wie Kleidung und Mobilit\u00e4t \u2013 und auch das Thema Religion. Alter ist auch eine soziale Konstruktion, ganz \u00e4hnlich wie das Geschlecht. Konsequenterweise reden Soziologen von \u201eDoing Aging\u201c \u2013 so wie man von \u201eDoing Gender\u201c oder \u201eDoing Family\u201c spricht.<\/p>\n<p>Eine kleine Geschichte soll deutlich machen, was ich meine: Die amerikanische Firma Vita Needle stellt seit einigen Jahren gezielt \u00e4ltere Arbeitnehmer ein. Das Gesch\u00e4ftsmodell basiert darauf, dass der Staat die Anteile der Renten- und Krankenversicherung f\u00fcr die \u00e4lteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer \u00fcbernimmt, w\u00e4hrend das Unternehmen lediglich die anteiligen Lohnkosten nach dem Mindestlohn zahlt. Im Gegenzug achtet das Unternehmen darauf, dass die Arbeitspl\u00e4tze den gesundheitlichen und zeitlichen M\u00f6glichkeiten der Mitarbeitenden flexibel angepasst werden. Schon bald stellte sich heraus, dass die Produktivit\u00e4t mit dem Alter seiner Mitarbeitenden nicht fiel, sondern stieg. Die \u00c4lteren liefern hochwertige Arbeit und haben Spa\u00df am Job &#8211; Arbeit ist f\u00fcr sie ganz offenbar keine Last, sondern verbunden mit dem guten Gef\u00fchl, gebraucht zu werden. <strong>In einem Interview lehnte es einer der Mitarbeiter, der 84-j\u00e4hrige Alan Lewis ab, in ein Altenzentrum zu gehen. Er k\u00f6nnte sich anstecken, meint er. Und auf die Frage, womit denn, ist die Antwort: \u201eMit dem Alter.\u201c Denn Alter, sagt er, werde einem beigebracht.<\/strong> \u201eMan ist umgeben von alten Leuten und so lernt man, dass man so werden wird. Das muss man aber gar nicht.\u201c Auf den Hinweis, dass er doch auch bei Vita Needle mit alten Leuten zusammenarbeitet, sagt er: \u201eDie sind nicht alt, die sind anders.\u201c<\/p>\n<p>Nicht nur das Alter hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant ver\u00e4ndert; auch die Alternsbilder \u00e4ndern sich und m\u00fcssen sich \u00e4ndern. (Altersbericht der Bundesregierung) Bis in die 60er Jahre hat man den Ruhestand als Feierabend begriffen, er war Erholung von einem aktiven Arbeitsleben. In den 70ern dann, der gro\u00dfen Zeit des Wohlfahrtsstaats, wurde die Rente zur Belohnung f\u00fcr ein aktives Leben \u2013 mit Freizeit und Reisen. Heute ist die nachberufliche Phase l\u00e4nger geworden und bietet damit viel mehr Chancen, den eigenen Interessen nachzugehen, eigene Aufgaben souver\u00e4n zu gestalten. Immer mehr \u00e4ltere Menschen sind auch in der Rentenphase erwerbst\u00e4tig, eine steigende Zahl engagiert sich ehrenamtlich. Die \u00dcberg\u00e4nge werden flie\u00dfend. W\u00e4hrend \u00fcbrigens der Alterssurvey ganz bewusst von der ersten und zweiten Lebensphase spricht \u2013 also von den unter und den \u00fcber 40-j\u00e4hrigen \u2013, wird sonst oft von nachberuflichen Zeit als einer neuen, dritten Lebensphase gesprochen. Tats\u00e4chlich differenzieren sich die Lebensalter aber immer weiter aus \u2013 inzwischen unterscheiden wir die \u201ejungen Alten\u201c, die \u201eHochaltrigen\u201c und die \u201eLanglebigen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Ein neuer Aufbruch: Die dritte Lebensphase <\/strong><\/p>\n<p>Psychologie heute hat im August 2016 eine Untersuchung zum \u00dcbergang in die dritte Lebensphase vorgelegt. Im Ergebnis zeigen sich <strong>drei Wege, den Neubeginn zu gestalten<\/strong>. Es gibt die <strong>\u201eWeitermacher<\/strong>\u201c, die als Seniorberater, Freiberufliche oder Honorarkr\u00e4fte oder auch ehrenamtlich weiter in ihrem Arbeitsfeld unterwegs sind. Sie sind gefragt, solange sie nah genug dran bleiben an den innovativen Entwicklungen im Feld. Daneben gibt es die <strong>\u201eAnkn\u00fcpfer<\/strong>\u201c, die aus ihren bisherigen Kompetenzen etwas Neues entwickeln. Wir kennen das von Sportlerkarrieren: vom Spieler zum Manager oder zum Sportartikelhersteller. Und schlie\u00dflich die <strong>\u201eBefreiten<\/strong>\u201c, die froh sind, endlich raus zu kommen aus einem Job, den sie als entfremdet erlebt haben. Sie finden ihr Gl\u00fcck vielleicht auf einer Reise, beim Lesen oder bei der Gartenarbeit oder auch in einem Ehrenamt, im Sportverein oder in der Hospizarbeit.<\/p>\n<p>So oder so: \u00c4lterwerden h\u00e4lt noch einmal <strong>neue Entwicklungs- und Ver\u00e4nderungschancen<\/strong> bereit. Was liegen geblieben ist, vergessen oder auch verdr\u00e4ngt wurde, kann nun noch einmal aufgegriffen, angepackt, integriert werden. Ich kenne eine \u00c4rztin, die mit Mitte 50 nach Afrika ging. Sie wollte dort ausbauen, was sie fr\u00fcher in Ferieneins\u00e4tzen bei \u00c4rzte ohne Grenzen erlebt hatte. In Ostafrika half sie, ein Krankenhaus nach westlichen Standards aufzubauen, was Labor und Operationstechnik angeht. Zugleich arbeitete sie viel mit den Frauen der Basisgesundheitsdienste zusammen. Und lernte dabei ein ganz anderes Verst\u00e4ndnis von Krankheit und Heilung kennen. In charismatischen Gemeinden erlebte sie die Kraft der Gebete. Sie schrieb mir einen ermutigenden Satz: \u201eAlter ist eine einmalige und neue Form der Freiheit, die verstanden und gelebt werden will.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eViel, allzu viel Leben, das auch h\u00e4tte gelebt werden k\u00f6nnen, bleibt vielleicht in den Rumpelkammern verstaubter Erinnerungen liegen, manchmal sind es gl\u00fchende Kohlen unter der Asche\u201c, hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung geschrieben<\/strong>. Denn das Erreichen eines Ziels, des beruflichen Aufstiegs zum Beispiel, erfolgt eben immer auch auf Kosten der Totalit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit: Wir funktionieren, passen uns an, \u00fcbernehmen eine Rolle. Wenn die Kinder erwachsen sind, ein weiterer Aufstieg nicht m\u00f6glich ist, wenn wir gesundheitlich an Grenzen sto\u00dfen, k\u00f6nnen wir den sozialen Panzer ablegen und andere Aspekte der eigenen Person zum Zuge kommen lassen.<\/p>\n<p><strong>Der Philosoph Thomas Rentsch spricht vom Altern als einem \u201eWerden zu sich selbst<\/strong>\u201c. Jetzt, wo die K\u00fcrze des Lebens und seine \u00dcberschaubarkeit sichtbar und erfahrbar werden, gilt es, zu begreifen, dass sie nicht schrecken m\u00fcssen. Dass nun die Chance besteht, das menschlich Wichtige vom vielen Unwichtigen dauerhaft zu unterscheiden. \u201eIch kann als Philosoph nicht unmittelbar an positive theologische Redeweisen ankn\u00fcpfen\u201c, schreibt er, \u201eich sage jedoch: Viel w\u00e4re vom Sinn dieser Reden schon bewahrt, wenn wir das Alter als eine Lebenszeit verstehen, in der die innige Verschr\u00e4nktheit von Endlichkeit und Sinn, Begrenztheit und Erf\u00fcllung erkennbar und einsichtig werden kann.\u201c<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass viele beim Start in die dritte Lebensphase eine Reise unternehmen oder ein Buch schreiben. Das sind M\u00f6glichkeiten, die innere Bewegung im Au\u00dfen sichtbar und greifbar zu machen. Produktiv zu werden jenseits der sonst \u00fcblichen Vorstellungen von Produktivit\u00e4t. Jetzt muss ich nicht mehr effizient sein wie im Beruf oder funktionieren wie in der Familie. In der ersten Lebensh\u00e4lfte geht es noch darum, ein Heim und eine Familie aufzubauen, ein sicheres Fundament f\u00fcr das Leben. Dann aber besteht die Herausforderung darin, das alles loszulassen und noch einmal frei zu werden. Wer jetzt noch einmal neu startet, will eine andere Produktivit\u00e4t entdecken. Ein neues Lebenstempo, eine andere Kultur, eine Kunst vielleicht, die er bisher nicht beherrscht hat. Vielleicht auch sich einsetzen, damit es anderen gut geht. Wesentlich werden &#8211; aber nicht einfach auf den bekannten Kern schrumpfen, sondern einem neuen Samen Raum zum Leben geben. Dabei geht es in einem existenziellen Sinne um spirituelle Erfahrungen. <strong>Lars Tornstam, der in Schweden Untersuchungen zur Spiritualit\u00e4t \u00e4lterer Menschen durchgef\u00fchrt hat, spricht von Ego-Transzendenz oder auch von Gero-Transzendenz<\/strong>. Er meint: Das Alter bietet die Chance, sich selbst zu \u00fcberschreiten. In der Fachsprache: sich selbst zu transzendieren. So gesehen, hat es Transzendenz nicht nur mit einem Jenseits au\u00dferhalb unserer Welt zu tun; vielmehr geht es darum, mich grunds\u00e4tzlich offen zu halten f\u00fcr ganz neue M\u00f6glichkeiten &#8211; neue Erfahrungen und Bilder von der Welt, von mir selbst und auch von Gott.<\/p>\n<p>Mich hat dabei Margarete von Trottas Film \u00fcber Hildegard von Bingen inspiriert. Sie erz\u00e4hlt, wie die bekannte Klostergr\u00fcnderin gegen Ende ihres Lebens eine ungew\u00f6hnliche Entscheidung trifft. Sie verl\u00e4sst das Kloster, in dessen Aufbau sie ihr ganzes Leben investiert hat, verl\u00e4sst den Konvent und ihre Rolle als \u00c4btissin und bricht zu Pferd auf eine Predigt- und Seelsorgereise auf. Allein, nur von wenigen Freunden begleitet. \u201eWir sind hier, um das, was uns gegeben wurde, vollst\u00e4ndig und freiwillig zur\u00fcck zu geben\u201c, sagt der Franziskanerpater Richard Rohr \u00fcber die reife Reise des \u00c4lterwerdens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Im Alter neu werden k\u00f6nnen <\/strong><\/p>\n<p>Auch die j\u00fcngste <strong>EKD-Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt: 75 Prozent der 60- 69 \u2013j\u00e4hrigen blicken zuversichtlich auf ihr weiteres Leben; und \u00fcber ein Drittel geht davon aus, dass noch ein Neuanfang stattfinden kann<\/strong>. Viele machen sich noch einmal auf den Weg und helfen international als Au-pair, im Senior Expert Service oder \u00fcbernehmen einen freiwilligen Einsatz in Krisengebieten. Andere engagieren sich jetzt in der Fl\u00fcchtlingsarbeit, lernen Menschen aus anderen sozialen und kulturellen Kontexten kennen oder arbeiten mit am Entstehen neuer Netzwerke \u2013 als \u201eLeih-Omas\u201c, Stadtteilm\u00fctter, Senior-Mentoren f\u00fcr Sch\u00fcler und Azubis, in Familienzentren und Generationenh\u00e4usern. Und oft entstehen dabei tragf\u00e4hige neue Freundschaften und Liebesbeziehungen.<\/p>\n<p><strong>\u201eIm Alter neu werden k\u00f6nnen<\/strong>\u201c \u2013 so hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Orientierungshilfe zum Thema Altern genannt, die sie vor einigen Jahren herausgegeben hat. (1) Es geht darum, was jeder Einzelne und was die Kirche zum gelingenden Altern beitragen k\u00f6nnen. \u201e<strong>Kann man denn im Alter noch einmal neu geboren werden?\u201c<\/strong> Diese Frage treibt Nikodemus um. Er ist ein hoher j\u00fcdischer W\u00fcrdentr\u00e4ger. Heimlich besucht er Jesus in der Nacht, weil die Frage ihm peinlich ist \u2013 und doch nicht losl\u00e4sst. Und Jesus antwortet: \u201eJa, man kann im Alter noch einmal neu geboren werden.\u201c Er spricht vom Neuanfang aus dem Geist Gottes.<\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich ist die Bibel voll von solchen Neuanf\u00e4ngen. Denken Sie nur an die Geschichte von Abraham und Sara<\/strong>, die in hohem Alter aufbrechen in das Gelobte Land und sp\u00e4t noch den ersehnten Sohn zur Welt bringen \u2013 so sp\u00e4t, dass Sara schon allein den Gedanken an eine Schwangerschaft l\u00e4cherlich findet. 127 Jahre soll sie alt geworden sein &#8211; ein legend\u00e4res Alter. Aber die Zahl der \u00fcber 100\u2013J\u00e4hrigen w\u00e4chst. Und einer davon soll ja sogar aus dem Fenster gestiegen sein, um ein neues Leben zu beginnen. Das Altenheim war ihm zu eng geworden. Vielleicht kennen Sie das Buch, das die Bestsellerlisten erklommen hat. Die Geschichte von Abraham und Sara ist also gar nicht so unwahrscheinlich \u2013 es gibt sie, die alternden Frauen und M\u00e4nner, die im Aufbruch noch einmal jung werden.<\/p>\n<p>Einem Traum geht Sara nach mit ihrem Abraham. Nachts unter dem Sternenhimmel hat Gott ihm versprochen, dass sie eine neue, eine bessere Zukunft finden w\u00fcrden &#8211; und dass ihre Nachkommen so zahlreich sein w\u00fcrden wie die Sterne am Himmel. Selbstverst\u00e4ndlich ist es nicht, dass einer seinen Tr\u00e4umen folgt. Sich auf den Weg macht Schritt f\u00fcr Schritt. Es muss ein schwerer Weg gewesen sein durch die W\u00fcste. Voll Fremdheitserfahrungen, Misstrauen und der Angst, allein gelassen zu werden, zu versagen und sich l\u00e4cherlich zu machen. Aber Abraham und Sara haben dem Unwahrscheinlichen eine Chance gegeben. Sie haben Gott eine Chance gegeben.<\/p>\n<p><strong>Wenn ich etwas ganz Neues beginne, dann muss ich mein Leben so einrichten, dass ich meinen Traum auch verwirklichen kann<\/strong>. Das wurde dem franz\u00f6sischen Soziologen Roland Barthes klar, als seine Mutter gestorben war. Bei aller Trauer des Abschieds &#8211; in diesem Augenblick begann f\u00fcr ihn ein neues Leben. Er wollte endlich tun, was ihm l\u00e4ngst vorschwebte \u2013 er wollte einen Roman schreiben. Aber das neue Leben beginnt nicht einfach von selbst; es braucht einen bewussten Entschluss. Man muss den Alltagstrott verlassen, die eigenen Routinen \u00fcberpr\u00fcfen. Ich muss innehalten, meine Erfahrungen reflektieren loslassen, was war, und meinen Hoffnungen trauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Sterblichkeit und Geb\u00fcrtlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Zu den beliebtesten Texten der letzten Jahre geh\u00f6rt <strong>Hermann Hesses Gedicht \u201eStufen.\u201c<\/strong> Wie jede Bl\u00fcte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, bl\u00fcht jede Lebensstufe, bl\u00fcht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern\u2026\u201c Der Text ist ein Aufruf zu immer neuen Aufbr\u00fcchen; es geht darum, dem Ruf des Lebens zu folgen, loszulassen und weiterzugehen &#8211; Stufe f\u00fcr Stufe. <strong>Das Bild der Lebensalter, das sich dabei einstellt, ist eine Treppe, die immer weiter ins Offene, ja eigentlich ins Unendliche f\u00fchr<\/strong>t: \u201eEs wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen R\u00e4umen jung entgegensenden; des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimmt Abschied und gesunde.\u201c<\/p>\n<p>Diesen Neubeginn assoziieren die meisten Menschen heute auch mit dem Beginn der dritten Lebensphase. <strong>Was man fr\u00fcher mit dem Alter verband, Gebrechlichkeit und Pflegebed\u00fcrftigkeit, verschieben wir gedanklich in die letzte, die vierte Lebensphase, die statistisch gesehen erst mit Mitte 80 beginnt<\/strong>. Eine religionssoziologische Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt: <strong>Nicht Sterblichkeit, sondern \u201eGeb\u00fcrtlichkeit\u201c,<\/strong> wie die Philosophin Hannah Arendt es nennt, ist das vorherrschende Gef\u00fchl der dritten Lebensphase \u2013auch wenn das der Thema Endlichkeit wie eine gegenl\u00e4ufige Unterstr\u00f6mung sp\u00fcrbar ist<strong>.<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<strong>Mit dem Alter kommt der Psalter<\/strong>\u201c, hie\u00df ein altes Sprichwort \u2013 so als ob \u00c4ltere automatisch fr\u00f6mmer w\u00fcrden. Als Gemeindepfarrerin in den 1980-er Jahren hatte ich den Auftrag, alle Gemeindemitglieder zu besuchen, wenn sie 70, 75 oder 80 plus wurden. Manchmal habe ich dabei ungeheuer spannende Lebensgeschichten geh\u00f6rt \u2013 aber selten kam es zu Gespr\u00e4chen \u00fcber Glauben und Religion. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die \u00fcberkommenen Erwartungen an Pfarrer und Kirche mit ganz bestimmten Alternsbildern verbunden sind. <strong>Die alten Lieder und Liturgien vermitteln den Eindruck, die letzte Lebensphase diene vor allem der Vorbereitung auf Tod und Ewigkeit.<\/strong> Christine Westermann, die zu Ihrem 65. Geburtstag das Buch \u201eDa geht noch was\u201c geschrieben hat, erz\u00e4hlt, wie sie sich aufregt, weil eine Reportage, die sie kurz vorher \u00fcber einen Klosteraufenthalt gedreht hat, mit folgenderma\u00dfen beworben wurde: Christine Westermann: \u201eWieviel Leben bleibt mir noch?\u201c M\u00f6glichkeit 1, meint sie: Sie hat eine todbringende Krankheit. M\u00f6glichkeit 2: Sie ist stark vergreist und verabschiedet sich mit dieser Dokumentation. Und dann: \u201eWie viel Leben bleibt mir noch?\u201c Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht mir nicht um das Wieviel. Das Wohin ist das Entscheidend, die Richtung, die ich meinem Leben noch geben will. Nur deshalb habe ich mich auf die Suche eingelassen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Im 19. Jahrhundert waren die sogenannten Lebenstreppen popul\u00e4r<\/strong>. Wie auf einem Schwippbogen stellten sie den Lebenslauf als auf und ab dar &#8211; meist in zehn Stufen zu je zehn Jahren. Ganz unten an den Seiten standen Kind und Greis, unm\u00fcndig das Kind, hilfebed\u00fcrftig der Greis &#8211; auf dem H\u00f6hepunkt in der Mitte die Menschen in den so genannten besten Jahren zwischen 40 und 50. \u201eVon da an ging\u2018s bergab\u201c, wie Hildegard Knef einmal gesungen hat. Da hie\u00df es, zur\u00fcckzutreten und der neuen Generation Platz zu machen &#8211; in der Firma, auf dem Hof, als Gro\u00dfeltern auf dem \u201eAltenteil\u201c. Die Lebenstreppen sind in den Museen verschwunden, aber in unserem Denken werfen sie noch Schatten. <strong>Tats\u00e4chlich stehen ja noch immer die \u201ehart arbeitenden Menschen\u201c, die Fitten und Mobilen, die Sportlichen und die Steuerzahler in der gesellschaftlichen Rangliste ganz oben<\/strong>; der technische Fortschritt hat Berufs- wie Lebenserfahrung entwertet. Stattdessen erleben wir die so genannte Juvenalisierung der Gesellschaft: Eltern \u00fcbernehmen Kleidungsstil, Sprache und Sportarten ihrer \u201eKids\u201c. Inzwischen gibt es nicht nur \u201ejunge V\u00e4ter\u201c im Gro\u00dfvateralter, sondern auch M\u00fctter von Mitte 40, Trennungen und Scheidungen nach der \u201eSilberhochzeit\u201c sind nicht mehr ungew\u00f6hnlich und sp\u00e4te Lebenspartnerschaften fast schon erwartbar. Vieles ist m\u00f6glich in jedem Alter &#8211; im Lebensstil wie in der Kleidung ist eine gro\u00dfe Freiheit zu finden. Und sie gibt uns jenseits festgelegter Altersrollen die M\u00f6glichkeit, den eigenen Lebensruf zu h\u00f6ren, den eigenen Begabungen zu folgen.<\/p>\n<p>Ein \u201ezu sp\u00e4t\u201c scheint es dabei nicht zu geben. <strong>Tats\u00e4chlich aber gibt es Aufgaben der einzelnen \u201eLebensstufen\u201c, die sich nur um den Preis einer eigenen Entwicklung verweigern und auch nicht beliebig nachholen lassen.<\/strong> Im Blick auf Kinder ist uns das heute sehr bewusst \u2013 es gilt aber durchaus auch im sp\u00e4teren Lebensalter. Auf die Phasen der Produktivit\u00e4t und Reproduktion folgen Zeiten des Loslassens und Weitergebens &#8211; bis wir verstehen, dass beides Teil eines umfassenden Engagements f\u00fcr das Leben ist. Solange wir lernen und uns ver\u00e4ndern, bleiben unser Gehirn wie unser Lebensstil plastisch. Noch im Alter k\u00f6nnen wir uns neu erfinden. Dazu geh\u00f6rt aber auch, dass wir Vers\u00e4umtes verabschieden und Verlorenes betrauern &#8211; Kinderlosigkeit oder der Verlust eines Lebenstraums sind eben nicht einfach \u201ereparierbar\u201c. <strong>James Fowler hat Anfang der 80er Jahre auf dem Hintergrund einer spirituellen Psychologie beschrieben, dass wir solche Entwicklungsschritte auch im Glauben durchlaufen &#8211; <\/strong>vom intuitiven und mythischen \u201eKinderglauben\u201c \u00fcber die reflektierte Auseinandersetzung mit Religion bis hin zu einer universellen Perspektive, in der wir die blo\u00dfe Identifikation mit den eigenen Traditionen \u00fcberwinden und zu einer umfassenden Liebe, einem \u201egrenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Seins\u201c finden k\u00f6nnen. Eine Studie katholischer Soziologen zeigt: \u201eDer strenge Vater-Gott der Kindheit macht immer mehr einer Vorstellung von Gott Platz, in welcher der Mensch als Partner ernst genommen wird\u201c (F\u00fcrst u.a. 2003). 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Gestalt ihres Glaubens im Lauf des Lebens ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr Fowler geht es darum, jene \u201eAltersweisheit\u201c zu finden, die die westlichen Gesellschaften lange aus dem Blick verloren hatten. In Personen wie dem hochaltrigen Stephane Hessel, der mit seinem Buch \u201eEngagiert Euch\u201c einen Blick in die Zukunft er\u00f6ffnete, begegnen wir ihr wieder. Er konnte in der letzten Finanzkrise auch und gerade J\u00fcngere inspirieren<strong>. Denn die unterschiedlichen Lebensalter stehen eben nicht nur f\u00fcr sich, sie haben Auftr\u00e4ge aneinander. Es geht darum, voneinander zu lernen und einander zu st\u00fctzen, das Generationenerbe weiter zu geben und die Zukunft offen zu halten \u2013 nicht nur individuell, sondern generativ<\/strong>. Die Aufgaben der Lebensalter erschlie\u00dfen sich letztlich nur dann, wenn wir weder uns selbst und unsere eigene Entwicklung noch die eigene Zeit absolut setzen, sondern uns in Beziehung zueinander sehen \u2013 in der vergehenden Zeit mit ihren jeweiligen Herausforderungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Familie, Freundschaft, Nachbarschaft \u2013 Sorgende Gemeinschaften<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn die meisten von uns lange j\u00fcnger, k\u00f6rperlich leistungsf\u00e4higer und sozial aktiv bleiben &#8211; <strong>wir d\u00fcrfen nicht \u00fcbersehen, dass mit der Zahl der Hochaltrigen auch die der pflegebed\u00fcrftigen Menschen weiter w\u00e4chst. <\/strong>Tats\u00e4chlich steht <strong>die Frage nach der Versorgung im Alter<\/strong> im Sorgenbarometer der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ganz oben. <strong>Dabei sind Alter und Pflegebed\u00fcrftigkeit keinesfalls deckungsgleich<\/strong>, wie manche immer noch meinen. Zwar steigt die Pflegebed\u00fcrftigkeit mit dem Alter, sie betrifft aber nicht die Mehrheit. Bei den 70 \u2013 75-j\u00e4hrigen sind es etwa 5 Prozent, bei den 75 \u2013 80-j\u00e4hrigen 10 Prozent, bei den 80 bis 86-j\u00e4hrigen 20 Prozent und erst bei den Hochaltrigen \u00fcber 85 steigt der Prozentsatz auf 40 Prozent. <strong>Dennoch wird die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger in der Sozialen Pflegeversicherung bis 2040 auf mindestens 2,98 Mio. steigen \u2013 gegen\u00fcber dem Jahr 2000, als es 1,86 Mio. waren, um 61 Prozent. <\/strong><\/p>\n<p>Der hohe Anteil der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die den assistierten Suizid bef\u00fcrworten, zeigt in aller Sch\u00e4rfe die Herausforderung: <strong>Die Befragten bezweifeln, dass f\u00fcr sie gesorgt sein wird, wenn sie allein nicht mehr zurechtkommen.<\/strong> Und wer in der nachfolgenden Generation keine Angeh\u00f6rigen oder Freunde hat, wird m\u00f6glicherweise einsam alt. Schon heute leben mehr als 40 Prozent der 70- bis 85-j\u00e4hrigen allein und nicht alle k\u00f6nnen auf tragf\u00e4hige Freundschaften und Nachbarschaftsnetze zur\u00fcckgreifen. Die pflegenden T\u00f6chter und Schwiegert\u00f6chter sind heute im Schnitt 55 Jahre. Und wer wird die Kinderlosen pflegen, die in der Generation der Babyboomer immerhin 30 Prozent ausmachen? Aktuell wird die h\u00e4usliche Pflege von etwa 300.000 privaten Haushaltshilfen und Pflegekr\u00e4ften aus Osteuropa gest\u00fctzt. Das Sterben in Pflegeheimen oder im Krankenhaus ist f\u00fcr viele zum Schreckgespenst geworden &#8211; nach einer aktuellen Umfrage w\u00fcnschen sich weniger als 10 Prozent einen Aufenthalt in einer station\u00e4ren Einrichtung; dabei sterben 80 Prozent dort. <strong>Nicht zuf\u00e4llig ist also der Begriff der \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c popul\u00e4r geworden.<\/strong> In unserer Gesellschaft, die stark gepr\u00e4gt ist vom Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstoptierung, angesichts der Vermarktlichung des Sozial- und Gesundheitssystems, in dem Zug\u00e4nge zunehmend \u00fcber Geld und Wissen gesteuert werden, geht es um ein Gegengewicht: um <strong>wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst, f\u00fcr andere und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung.<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal sehe ich mich im Appartement meiner Mutter in \u201eihrem Stift\u201c sitzen und erz\u00e4hlen. In ihrem letzten halben Jahr, sie war durch eine Demenzerkrankung verwirrt, hatten wir viele solcher ruhigen halben Stunden, wenn ich abends nach Feierabend bei ihr vorbeifuhr. Manchmal musste ich sie dann zun\u00e4chst einmal suchen &#8211; irgendwo im Haus, vielleicht auch in einem anderen Appartement. Dann legten wir eine ihrer geliebten Platten mit klassischer Chormusik auf, kochten einen Tee und sch\u00e4lten \u00c4pfel oder Apfelsinen. Ihre H\u00e4nde hatten nicht vergessen, wie man kunstvoll sch\u00e4lt \u2013 m\u00f6glichst in einem einzigen Schalenst\u00fcck &#8211; selbst wenn sich der Kopf nur noch an Bruchteile von Geschichten erinnerte. An solchen Tagen war ich froh &#8211; \u00fcber die Erinnerungen, die wir teilen konnten. <strong>Die Begleitung von Menschen mit Demenz oder von schwer Pflegebed\u00fcrftigen stellt unser Denken \u00fcber Leistung, Produktivit\u00e4t und Lebenssinn sehr grunds\u00e4tzlich in Frage.<\/strong> Denn das Bild vom immer wachen, gesunden und leistungsstarken Menschen, der nicht auf andere angewiesen ist \u2013 dieses Bild von Freiheit und Autonomie h\u00e4lt am Ende nicht stand. Andreas Kruse und Thomas Klie schreiben: <strong>\u201eDie mit einer Gesellschaft des langen Lebens verbundenen Herausforderungen verlangen nach einer Auseinandersetzung mit Fragen des Menschseins, mit dem Verst\u00e4ndnis von W\u00fcrde und mit den Vorstellungen eines guten und sinnerf\u00fcllten Lebens unter Bedingungen der Vulnerabilit\u00e4t<\/strong>. Vorstellungen von Leben und Autonomie, die den Beziehungscharakter menschlichen Lebens und dessen Angewiesenheit auf andere nicht einbezieht, sind unvollst\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n<p><strong>In ihrem Buch Vita activa betont Hannah Arendt, wie wichtig es f\u00fcr jeden Menschen ist, sich mit anderen auszutauschen und am Leben teilzuhaben. Das gilt auch f\u00fcr hochaltrige, pflegebed\u00fcrftige und demenzkranke Menschen.<\/strong> Ich erinnere mich an die Feierabendh\u00e4user der Diakonissen hier in Kaiserswerth. Das Konzept glich lange einer offenen Wohngemeinschaft mit der M\u00f6glichkeit, sich selbst zu versorgen und ambulante Pflege zu bekommen. Es war sch\u00f6n zu sehen, wie viele J\u00fcngere aus der Gemeinschaft dorthin zu Besuch kamen und sich Rat und Unterst\u00fctzung holten. \u201eWenn ich selbst nicht zum Einkaufen komme\u201c, sagte letztes Jahr eine j\u00fcngere, berufst\u00e4tige Schwester \u201edann kaufen meine Feierabendschwestern f\u00fcr mich ein.\u201c <strong>Am Leben der J\u00fcngeren Anteil zu nehmen, ist f\u00fcr die allermeisten alten und auch sehr alten Menschen ein zentraler Lebensinhalt<\/strong>. Die Hochaltrigenstudie der Universit\u00e4t Heidelberg von 2013 zeigt: 76 Prozent der befragten 80- bis 99-j\u00e4hrigen empfinden Freude und Erf\u00fcllung in emotional tieferen Begegnungen mit anderen Menschen, 61 Prozent im Engagement f\u00fcr andere Menschen und 60 Prozent haben das Bed\u00fcrfnis, \u2013 vor allem von den j\u00fcngeren Generationen \u2013 auch weiterhin gebraucht und geachtet zu werden. <strong>Diese Ergebnisse sprechen eine ganz andere Sprache als unsere \u00c4ngste und Vorurteile<\/strong>. W\u00e4hrend die meisten von uns das Thema Hochaltrigkeit weit wegschieben und eine Pflegesituation als \u201eAnfang vom Ende\u201c verstehen, zeigen sich in den Antworten der Befragten Lebendigkeit, Teilhabe und Engagement. Und ein gro\u00dfes Interesse an der Zukunft. Bei mehr als Dreivierteln der Befragten zwischen 80 und 99 steht die Todesn\u00e4he nicht im Vordergrund. Die meisten freuen sich, wenn sie sich noch f\u00fcr andere Menschen engagieren k\u00f6nnen, und 85 Prozent der Befragten besch\u00e4ftigen sich intensiv mit den Lebenswegen der nachfolgenden Generation \u2013 der Enkel und Urenkel. <strong>Und ich habe selbst erfahren, wie sich diese Sorge in der F\u00fcrbitte ausdr\u00fccken kann. F\u00fcrbitte ist wie der Segen vielleicht die reinste Form des Engagements.<\/strong><\/p>\n<p>Das Neue Testament erz\u00e4hlt, als Maria und Josef ihren erstgeborenen Sohn zur Beschneidung in den Tempel brachten, seien sie am Eingang von zwei alten Menschen empfangen worden, von <strong>Simeon und Hanna<\/strong>. Eine alte Frau, die keine eigenen Kinder hatte, und ein Prophet am Ende seines Lebens. Er nimmt den kleinen Jesus auf den Arm wie ein eigenes, lang erwartetes Kind \u2013 das Kind einer anderen Familie, ein Zeichen der Hoffnung \u201eJetzt also kann ich in Frieden gehen\u201c, sagt er, \u201edenn ich habe den Erl\u00f6ser gesehen \u2013 mit meinen eigenen Augen.\u201c Dass wir nicht f\u00fcr uns allein leben, sondern nach vorn und hinten in einer Lebenskette stehen, kann uns \u00fcber uns hinaussehen lassen \u2013 und ein tiefes Lebensvertrauen schenken, das mit Gottvertrauen verbunden ist. <strong>Simeon und Hanna jedenfalls sehen ihren Traum in einer Zukunft erf\u00fcllt, an der Sie nicht mehr teilhaben \u2013 und die doch wie ein hilfebed\u00fcrftiges Kind von ihnen gesegnet sein will. Ihre Hoffnung, die tief aus der Gottes Geschichte kommt, gibt der Zukunft einen Energieschub.<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich daran, wie meine Urgro\u00dftante auf mich aufpasste, wenn meine Eltern abends unterwegs waren. Sie sa\u00df dann mit ihrem steifen Beinen &#8211; sie hatte Arthritis &#8211; auf einem kleinen B\u00e4nkchen und las mir vor oder sang mir vor. An einem Abend rutschte sie von diesem B\u00e4nkchen herunter und konnte sich nicht mehr allein aufrichten \u2013 und auch ich war zu klein und zu schwach, ihr zu helfen. So sa\u00df sie den gesamten Abend und sang das Choralbuch von vorn bis hinten durch \u2013 und ich genoss es. Das wichtigste, was sie mir gegeben hat, war vielleicht das Gef\u00fchl, das man auch mit Angewiesenheit gut leben kann. Ihre Lebenserfahrung und Gelassenheit und ihr Gottvertrauen haben mich lange \u00fcber ihren Tod hinausgetragen.<\/p>\n<p><strong>Der ehemalige Chefredakteur von Psychologie heute, Heiko Ernst, spricht in diesem Zusammenhang von Generativit\u00e4t. Dabei geht es nicht nur um die eigenen Kinder, sondern um die Zukunft der n\u00e4chsten Generationen<\/strong>. Um die Zukunft unserer St\u00e4dte und D\u00f6rfer. \u201eGenerativit\u00e4t\u201c, sagt Heiko Ernst, \u201eist unser Zukunftssinn. Wir richten das Denken \u00fcber die eigene Existenz hinaus. Generativit\u00e4t ist die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen, f\u00fcr andere da zu sein, sein Wissen und seine Erfahrungen in die Gesellschaft einzubringen und etwas weiter zu geben. Generativit\u00e4t gibt Antwort auf zwei Fragen: Wie geht es mit mir weiter? Und: wie geht es mit meinem Umfeld weiter?\u201c Und sie k\u00f6nnte die Schl\u00fcsseltugend f\u00fcr das 21. Jahrhundert werden. In diesem Sinne braucht die Gesellschaft die Alten \u2013 und sie bringen ihre Erfahrungen gern ein.<\/p>\n<p>\u00c4ltere Menschen sind st\u00e4rker ortsgebunden; sie engagieren sich in Vereinen und Verb\u00e4nden, wo junge Leute immer schwerer Anschluss finden, aber zunehmend auch in B\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften oder in der Kommunalpolitik. \u00dcbrigens engagieren sich Freiwillige \u00fcber 65 st\u00e4rker als in anderen Bereichen in Kirche und Religion \u2013 genau sind es 22 Prozent dort gegen\u00fcber 13 Prozent in allen anderen Bereichen. Vielleicht ist noch zu sp\u00fcren, dass die Rolle der \u201e\u00c4ltesten\u201c in der Kirche eine lange Tradition hat. Fr\u00fcher wurden Kirchenvorsteher so genannt. Heute kehrt die Rolle wieder in den vielen Mentorenaufgaben, die in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden. Ausbildungsmentoren, Lesepaten, ehrenamtliche Betreuer, Kulturpaten und Stadtteilm\u00fctter. Die Pflegebegleiter, die f\u00fcr hauswirtschaftliche und nachbarschaftliche Dienste sorgen. Es gibt inzwischen zahlreiche Projekte, in denen mit innovativen Konzepten hilfreiche Angebote im Quartier geschaffen werden. <strong>Hier sind Kirche und Diakonie besonders gefragt. Thomas Klie sagt das so: \u201eGemeinschaft bedeutet mehr als wohlfahrtspluralistische Arrangements. Gemeinschaften sind gepr\u00e4gt durch Zugeh\u00f6rigkeit, durch gemeinsame Werte, durch Reziprozit\u00e4t, durch Verantwortungsbeziehungen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>6. Der Weg nach innen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Leben als Reise, als Pilgerschaft<\/strong> ist f\u00fcr viele heute zu einem spirituellen Bild geworden. Es passt in eine Zeit der Mobilit\u00e4t und Migration und der immer neuen Aufbr\u00fcche &#8211; beruflich wie privat. Und es hat zu tun mir der Frage nach dem Wohin, die auch Christine Westermann stellt. <strong>Fr\u00fchere Generationen haben den Weg weiter gedacht bis in eine Ewigkeit, die wir uns trotz aller Erfahrung nicht vorstellen k\u00f6nnen<\/strong>. \u201eIch preise dich, mein Erretter, dass du mir auf der Erde kein Vaterland und keine Wohnung gegeben hast, so dass ich mit David sage: \u201eIch bin dein Pilgrim und dein B\u00fcrger\u201c, hei\u00dft es bei Johann Amos Comenius. \u201eDu hast mich vor der Torheit bewahrt, das Zuf\u00e4llige f\u00fcr das Wesentliche, den Weg f\u00fcr das Ziel, das Streben f\u00fcr die Ruhe, die Herberge f\u00fcr die Wohnung, die Wanderschaft f\u00fcr das Vaterland zu halten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eAuch das geht vor\u00fcber\u201c ist einer der neuen, buddhistisch gepr\u00e4gten Slogans f\u00fcr die Stufen auf unserem Weg. Aber was bleibt? Und worauf kommt es am Ende an?<\/strong> \u201eEs lohnt sich nur der Weg nach innen\u201c, hei\u00dft eines der B\u00fccher von Sam Keen \u00fcber \u201eDas kreative Potenzial der Langeweile\u201c. Keen legt den Finger in die Wunde einer Zeit, in der immer etwas los sein muss, damit man sich sp\u00fcrt. Nur keinen Stillstand aufkommen lassen, nur nicht zur Ruhe kommen. Dabei ist genau das die Voraussetzung, unsere Erfahrungen zu reflektieren und uns zu ver\u00e4ndern. Nichtstun und Tr\u00e4ume haben, anderen mit Empathie begegnen &#8211; f\u00fcr Sam Keen sind das Haltungen auf dem Weg nach \u201eoben\u201c, zu mehr Gesundheit, Lebendigkeit und Engagement.<\/p>\n<p><strong>Darum geht es, wenn Menschen im Alter noch einmal neu beginnen und f\u00fcr andere, aber auch f\u00fcr sich selbst Verantwortung \u00fcbernehmen &#8211; nun aber in einem Sinne, dass sie sich selbst zugleich realisieren und \u00fcberschreiten.<\/strong> So wie <strong>Jakob, der nach Hause kommt \u2013 nun aber einen neuen Namen tr\u00e4gt<\/strong>. Sie erinnern sich an den Zweitgeborenen, der seinem Bruder Esau das Erbe abluchste \u2013und seinem Vater Isaak den Segen. Ein junger Mann, voller Hunger nach Leben, dem jedes Mittel Recht scheint, um zu bekommen, was das Schicksal ihm verweigert: Land und Herden, die dem Erstgeborenen zustehen, eine gro\u00dfe Familie und viele Nachkommen, eben Erfolg und Segen. Der Schwindel fliegt auf und Jakob flieht durch die W\u00fcste zu seinem Onkel Laban. Er wird sich durchk\u00e4mpfen durch die Widrigkeiten der kommenden Jahre und es wird ihm tats\u00e4chlich gelingen, sich nach und nach den Reichtum aufzubauen, von dem er getr\u00e4umt hatte \u2013 und es scheint tats\u00e4chlich, als st\u00fcnde ihm der Himmel offen. Davon erz\u00e4hlt der Traum von der Himmelsleiter, den er auf der Flucht getr\u00e4umt hatte.<\/p>\n<p>Interessanterweise l\u00e4sst uns die Geschichte diesem Jakob noch einmal begegnen \u2013 in einer anderen Nacht, gegen Ende seines Lebens. Es ist eine Art Gegengeschichte \u2013 denn Jakob ist auf dem Weg zur\u00fcck, um sich mit Esau zu vers\u00f6hnen. Seine Herden, seine Frauen und Kinder hat er am Ufer gelassen; er ist allein, als er in der Nacht am Fluss Jabbok mit seiner unbekannten Macht ringt. Noch einmal geht es um den Segen &#8211; jetzt aber nicht mehr in diesem \u00e4u\u00dferen Sinne von Erfolg, Land und Besitz, sondern in einem inneren Sinn. <strong>Es geht um die eigene Integrit\u00e4t, um das Akzeptiertwerden &#8211; nicht nur von der Familie, sondern letztlich von Gott<\/strong>. Am Ende ist Jakob verletzt \u2013 er hinkt, aber er geht der Sonne entgegen. Und er ist ein anderer geworden oder in einem tieferen Sinne er selbst: von jetzt an tr\u00e4gt er den Namen Israel.<\/p>\n<p><strong>Der Maler Max Beckmann hat die beiden Gottesbegegnungen Jakobs in einem einzigen Holzschnitt dargestellt<\/strong> \u2013 er zeigt Gott mit Jakob auf der Leiter. Wie Jakob sich festh\u00e4lt an dieser Gottesgestalt und doch zu fallen droht in die Tiefe und Dunkelheit des Flusses. Von oben aber, von der Spitze der Leiter, strahlt Licht ins Bild &#8211; die aufgehende Sonne. Es ist, als z\u00f6ge sie den Fallenden nach oben. <strong>\u201eIch bin in meinem Leben oft gefallen, sei es in Beziehungen oder im Beruf, emotional oder k\u00f6rperlich, doch immer gab es einen Trampolineffekt, der bewirkte, dass ich letztlich nach oben gefallen bin\u201c, schreibt dazu der Franziskanerpater Richard Rohr.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jakobs Weg wird beschrieben wie eine Schrittfolge in einem Coaching-Prozess<\/strong>; sie ist mir zum Symbol f\u00fcr Wege des Wandels und der Ver\u00e4nderung geworden: Wir werden herausgerufen aus dem Gewohnten. Wir finden Mentoren, die uns \u00fcber die Schwelle begleiten. Wir m\u00fcssen Pr\u00fcfungen und K\u00e4mpfe bestehen und haben Erfolge. Und dann kehren wir mit allem, was wir erreicht haben, den R\u00fcckweg an und m\u00fcssen noch einmal eine Schwelle \u00fcberschreiten \u2013 uns auch mit unseren Schatten auseinandersetzen \u2013 und mit unserer tiefsten Sehnsucht. Und dabei wird sp\u00fcrbar: wir sind ein anderer geworden<strong>. W\u00e4hrend wir im Au\u00dfen unterwegs waren, sind wir zugleich einen inneren Weg gegangen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong>7. Herzensgebet und Achtsamkeit <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eWinterarbeit\u201c nannte Kurt Rose, ein inzwischen verstorbener Freund, sein letztes Buch. Ich denke dabei an die Erfahrung der \u201eEntlaubung\u201c, die Hannah Arendt im Alter beschrieb<\/strong>. Es ging um den Verlust von Freunden, um das Gef\u00fchl, auf der Welt ohne die gewohnten und geliebten Gesichter, nicht mehr zu Hause zu sein. Im Dezember 1973 schrieb sie an ihre enge Freundin Mary McCarthy, sie habe nichts dagegen, sich auf das eigene Sterben als einen Prozess der Transformation einzulassen, aber das, was ihr wirklich etwas ausmache, sei die \u201estufenweise\u201c Transformation der vertrauten Welt in eine Art W\u00fcste. Winterw\u00fcste. Aber wenn die Bl\u00e4tter fallen und die \u00c4ste kahl in den Himmel ragen, werden auch die Konturen deutlicher; wir sehen klarer<strong>. Was zeitbedingt war, tritt zur\u00fcck \u2013 aber die wesentlichen Fragen werden zeitlos und pr\u00e4zise gestellt. Wozu sind wir hier? Was ist das Leben wert? Worauf d\u00fcrfen wir hoffen?<\/strong> Ein neuer, ein offener Raum entsteht, auch der innere Raum weitet sich \u2013 wir gewinnen \u201eDurchblick\u201c \u2013 unser Blick auf Gott und die Welt \u00e4ndert sich. Die Geschichten von Simeon und Hanna und auch die von Jakob zeigen: es geht dabei auch um eine neue Geburt.<\/p>\n<p><strong>Ist es also doch die bewusste Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, die dem Altern Tiefe gibt<\/strong>? Jedenfalls kann die k\u00fcrzer werdende Zeit auch ein Energieschub sein, die Neuanf\u00e4nge ganz bewusst wahrzunehmen und zu gestalten. Und umgekehrt: Wenn unser Alltag neue Tiefe gewinnt, lernen wir m\u00f6glicherweise ganz nebenbei, mit unserer Sterblichkeit umzugehen. <strong>Die Kieler Praktische Theologin Sabine Bobert sieht das orthodoxe Herzensgebet als eine M\u00f6glichkeit<\/strong>, uns auf das Wesentliche zu zentrieren und Ruhe, Gelassenheit und Frieden zu finden. Es geht dabei nicht um viele Worte, sondern eigentlich nur um eine Gebetsformel wie das 1500 Jahre alte \u201eJesus Christus, erbarme dich meiner\u201c oder das \u201eLiebe umgibt mich\u201c aus der Wolke des Nichtwissens. <strong>Diese Form des Gebets und der Meditation hat viel gemeinsam mit der mystischen Versenkung und den Mantren im Buddhismus, der die Generation der 68er Blumenkinder mitgepr\u00e4gt hat<\/strong>. Auch hier geht es um die Konzentration auf den Atemrhythmus, eine Erfahrung von F\u00fchrung aus der Mitte, die gerade im \u00dcbergang in einen neuen Lebensabschnitt sehr wichtig ist.<\/p>\n<p><strong>Ich bin dankbar, dass die christliche Tradition mir einen Deutungsrahmen gibt, in dem ich zu Hause bin, den ich zugleich immer neu f\u00fcllen kann<\/strong>. F\u00fcr die alten Lieder und Chor\u00e4le, die ich gelernt habe. <strong>Aber ich freue mich auch daran, religi\u00f6se Traditionen des Judentums und des Islam erlebt zu haben<\/strong>: die Ramadan-Leuchten in den Stra\u00dfen von Kairo oder Beirut, die festlichen Iftar-Essen, die Stille auf den Stra\u00dfen am Gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag in Jerusalem. Und auch die buddhistischen Tempelglocken in Thailand. Das alles hat auch meinen Blick auf das Christentum bereichert \u2013auf das Fasten und Feiern, auf Ver\u00e4nderung und Vers\u00f6hnung<strong>. Ich kann dem Gedanken von Willigis J\u00e4ger viel abgewinnen, der Religion mit einem Glasfenster vergleicht<\/strong>. \u201eEs bleibt dunkel, wenn es nicht von hinten durch das Licht erhellt wird. Dieses Urlicht ist selbst nicht sichtbar, bekommt aber im Glasfenster der Religion Struktur und wird f\u00fcr jeden Menschen begreifbar. (\u2026) Wir sollten aber \u201enie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet.<\/p>\n<p>Das Christentum der Zukunft wird mystisch sein, schrieb J\u00f6rg Zink. Und Sabine Bobert will mit ihren \u00dcbungen einladen, sich ganz und offen auf das Leben, auf Gott einzulassen. \u201eDie<strong> mystische Erfahrung der Unio setzt voraus, dass wir von Barrieregef\u00fchlen frei geworden sind\u201c, schreibt sie \u2013 von Gef\u00fchlen wie Hass, Angst, Wut, Neid, L\u00e4hmung und Zweifel<\/strong>. Solche Gef\u00fchle entfremden uns voneinander und von uns selbst; sie schneiden uns von unserer Wesensmitte und von Gott ab. Im Alltagsstress unterdr\u00fccken wir sie oft, schieben sie einfach beiseite \u2013 <strong>aber wenn pl\u00f6tzlich Zeit und Raum daf\u00fcr ist, am Beginn der dritten Lebensphase zum Beispiel, k\u00f6nnen die alten Gespenster noch einmal richtig munter werden. \u201eSie wollen uns keine Angst einjagen; vielmehr wollen sie endlich in Rente gehen\u201c<\/strong>, schreibt Brigitte Hieronimus in ihrem Buch \u201eMut zum Lebenswandel\u201c, das dabei helfen will, die biographischen Erfahrungen im Alter sinnvoll zu nutzen. <strong>Situationen und Menschen, die uns schwierige Erfahrungen in Erinnerung rufen, nennt sie deshalb \u201eEntwicklungshelfer\u201c, \u201eweil sie dazu beitragen, das Blockierte in uns wieder wahrzunehmen<\/strong>.\u201c Und zu vers\u00f6hnen mit alten Widersachern, uns auszus\u00f6hnen auch mit den Ecken und Kanten auch des eigenen Lebens.<\/p>\n<p>Der Weg bildet sich im Gehen. Das entspricht unserer heutigen Alternserfahrung, die ja gerade nicht so selbstverst\u00e4ndlich auf gepr\u00e4gte Altersbilder zur\u00fcckgreifen kann. Auch wenn ich nicht wei\u00df, woher der Wind demn\u00e4chst weht und wie hoch die Wellen schlagen werden \u2013 ich verlasse mich darauf, dass sie mich am Ende ans Ufer sp\u00fclen ich meine F\u00fc\u00dfe wieder auf Land setzen kann. <strong>Surfer empfehlen, sich im schlimmsten Fall den Wellen lieber zu \u00fcberlassen, als dagegen anzuk\u00e4mpfen \u2013 und einfach nur darauf zu achten, dass man gen\u00fcgend Luft bekommt und atmet. Und darauf zu vertrauen, dass das Wasser tr\u00e4gt. Dieses Vertrauen ist eine entscheidende Dimension der Spiritualit\u00e4t. I<\/strong>n der Praxis zeigt es sich in der Meditation und im Singen von Chor\u00e4len wie in Gebeten, im Tagebuchschreiben wie auf Wegen durch die Natur und auch in der Begleitung anderer. Es geht darum, von Zukunftsangst frei zu werden und im eigenen Hier und Jetzt die Gegenwart der Ewigkeit zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8. Und nun \u2013 wie weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Seit 2015 kommen die Babyboomer ins Rentenalter. Und in noch einmal 20 Jahren, 2050, wird die Zahl der \u00dcber-60-J\u00e4hrigen zwischen 35 und 42 Prozent liegen. Entsprechend steigt auch die Zahl der Hochbetagten &#8211; je nach H\u00f6he der Lebenserwartung von 3,0 Millionen 1998 auf eine Zahl zwischen 9,9 und 13,1 Millionen im Jahr 2050. Im Jahr 2030 werde ich selbst bald die Hochaltrigkeit erreicht haben. Der Prozentsatz der unter 20-j\u00e4hrigen in Deutschland liegt dann wahrscheinlich bei unter 20 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet das f\u00fcr die Kirche, die pastorale Begleitung und die Entwicklung sorgender Gemeinschaften? Ich w\u00fcnsche mir eine Kirche, die Menschen ganz bewusst darin unterst\u00fctzt, das Alter mit all seinen Ver\u00e4nderungen souver\u00e4n zu gestalten und damit auch anderen Mut zu machen zum Leben und Sterben<\/strong>. Das kann nur gelingen, wenn wir im Dritten Lebensalter das Vierte nicht verdr\u00e4ngen. Wenn Angeh\u00f6rige, Nachbarn und Ehrenamtliche aktiv werden und ihre Erfahrungen miteinander teilen. Wenn also Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch \u00c4rztinnen und Pflegende sich als Unterst\u00fctzer von Nachbarschaften, Pflegebed\u00fcrftigen und Angeh\u00f6rigen verstehen und wenn Kirchengemeinden, Pflegedienste und station\u00e4re Einrichtungen zusammenarbeiten. Wir wissen, dass Alter heute sehr viel differenzierter und bunter ist als in fr\u00fcheren Generationen. <strong>Das kann aber nun nicht hei\u00dfen, immer mehr und differenzierte Angebote nur f\u00fcr diese Zielgruppe zu machen &#8211; vielmehr geht es um generationen\u00fcbergreifende Arbeit<\/strong>. In manchen Gemeinden gibt es inzwischen Konfirmandenarbeit mit Goldkonfirmanden &#8211; und ich w\u00fcnsche mir viel mehr Gelegenheiten, bei denen sich die Generationen auch \u00fcber ihre Glaubenserfahrungen austauschen. Auf einer lebendigen Suche nach dem lebendigen Gott \u2013 Zweifel eingeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Die \u00c4rztin Beate Jakob vom DIFAEM, die in Indien an Gesundheitsprojekten mit Kirchengemeinden arbeitete, versteht Gemeinden als Orte des Zuh\u00f6rens, wo mehr zu finden ist als praktische Hilfe oder das gemeinsame Finden von L\u00f6sungen. Wo zu sp\u00fcren ist, dass Menschen bei einem sind, die neuen Mut und Energie geben.<\/strong> Und wo im gemeinsamen Gebet Gottes Geist als Kraftquelle erfahrbar ist. \u201eMein Anliegen ist, dass in Gemeinden \u201egesch\u00fctzte R\u00e4ume\u201c entstehen\u201c, sagt Beate Jakob in einem Interview auf meinem Pilgerorte \u2013Blog. \u201eIm Englischen spricht man von \u201esafe\u201c oder \u201esacred spaces\u201c und meint damit Orte\/R\u00e4ume\/Begegnungsm\u00f6glichkeiten, an denen sich Menschen frei und offen begegnen und austauschen k\u00f6nnen, anstatt eine Rolle spielen zu m\u00fcssen. Das kann zum Beispiel ein Gespr\u00e4chsangebot sein, ein Hauskreis, eine Trauergruppe usw. \u2013 Orte, wo Menschen sich nicht als stark und als \u201eSieger\u201c pr\u00e4sentieren m\u00fcssen, sondern auch einmal ihre Masken ablegen und ihre Schwachheit und Hilfsbed\u00fcrftigkeit benennen d\u00fcrfen. Dadurch w\u00e4chst in Gemeinden auch das Bewusstsein, nicht eine Gemeinschaft von Starken zu sein, sondern von Un-Perfekten, die alle auf Gottes Gnade angewiesen sind.\u201c Ein sch\u00f6ner Gedanke: Sich vers\u00f6hnen mit dem Un-Perfekten! Das steht an im Alter: nicht Selbstoptimierung, sondern Selbstakzeptanz. \u201eAm Ende der Suche und der Frage nach Gott\u201c, schrieb Dorothee S\u00f6lle, \u201esteht keine Antwort, sondern eine Umarmung.\u201c<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, 04.02.2018, Kaiserswerther Tagung \u201eTheologie des Alters\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Literatur:<\/h5>\n<h5>Hannah Arendt: Vita activa oder Vom t\u00e4tigen Leben, Z\u00fcrich 2013 [The Human Condition, Chicago 1958; deutsch M\u00fcnchen 1967].<\/h5>\n<h5>Petra-Angela Ahrens: \u201eUns geht\u2019s gut\u201c Generation 60 plus. Religiosit\u00e4t und kirchliche Bindung, M\u00fcnster 2011<\/h5>\n<h5>Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Der Siebte Altenbericht der Bundesregierung. Sorge und Mitverantwortung in der Kommune Aufbau und Sicherung zukunftsf\u00e4higer Gemeinschaften, Berlin 2016. Brosch\u00fcre zu Themen und Zielen des Siebten Altenberichts im Internet: <a href=\"https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf\">https:\/\/www.siebter-altenbericht.de\/index.php?eID=tx_nawsecuredl&amp;u=0&amp;g=0&amp;t=1478256145&amp;hash=e061c4e0e9811a8655963338a9ee22eb59bb0cd7&amp;file=fileadmin\/altenbericht\/pdf\/Broschuere_Themen_Ziele_Siebter_Altenbericht.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Sechster Bericht zur Lage der \u00e4lteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland: Altersbilder in der Gesellschaft, Berlin 2010. Im Internet zug\u00e4nglich: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/blob\/77898\/a96affa352d60790033ff9bbeb5b0e24\/bt-drucksache-sechster-altenbericht-data.pdf\">https:\/\/www.bmfsfj.de\/blob\/77898\/a96affa352d60790033ff9bbeb5b0e24\/bt-drucksache-sechster-altenbericht-data.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>Deutsches Zentrum f\u00fcr Altersfragen: Deutscher Alterssurvey 2014. Zentrale Befunde, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf\">https:\/\/www.dza.de\/fileadmin\/dza\/pdf\/DEAS2014_Kurzfassung.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>Bernhard G\u00fcckel: Politische Implikationen des demografischen Wandels, in: Bev\u00f6lkerungsforschung aktuell. Informationen \u00fcber aktuelle bev\u00f6lkerungswissenschaftliche Themen und Nachrichten aus dem BiB \/ Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung. Bd. 37\/2016<\/h5>\n<h5>Thomas Klie: Caring Community \u2013 Verst\u00e4ndnis und Voraussetzungen von Verantwortungs\u00fcbernahme in lokalen Gemeinschaften, in: Beate Hofmann, Cornelia Coenen-Marx (Hg.): Drama, Symphonie oder Powerplay &#8211; Haupt- und Ehrenamt in der Kirche\u200e, Kohlhammer April 2017<\/h5>\n<h5>Andreas Kruse: Der \u00c4ltesten Rat. Generali Hochaltrigenstudie: Teilhabe im hohen Alter. Eine Erhebung des Instituts f\u00fcr Gerontologie der Universit\u00e4t Heidelberg mit Unterst\u00fctzung des Generali Zukunftsfonds; PDF im Internet: <a href=\"http:\/\/www.uni-heidelberg.de\/md\/presse\/news2014\/generali_hochaltrigenstudie.pdf\">http:\/\/www.uni-heidelberg.de\/md\/presse\/news2014\/generali_hochaltrigenstudie.pdf<\/a><\/h5>\n<h5>Caitrin Lynch: Geht\u2019s noch? \u2013 Die Rentner-GmbH, Bielefeld 2016<\/h5>\n<h5>Ralf Mai: Die Alten der Zukunft. Eine bev\u00f6lkerungsstatistische Datenanalyse, Wiesbaden 2003<\/h5>\n<h5>Julia Simonson, Claudia Vogel und Clemens Tesch-R\u00f6mer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland \u2013 Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016. Kurzfassung im Internet: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254\">https:\/\/www.bmfsfj.de\/bmfsfj\/service\/publikationen\/freiwilliges-engagement-in-deutschland-\/96254<\/a><\/h5>\n<h5>Cornelia Coenen-Marx, Die Seele des Sozialen, Neukirchen 2013<\/h5>\n<h5>Cornelia Coenen-Marx, Aufbr\u00fcche in Umbr\u00fcchen, G\u00f6ttingen 2016<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Das Land des langen Lebens Deutschland ist ein Land des langen Lebens. 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