{"id":3305,"date":"2017-12-20T10:52:28","date_gmt":"2017-12-20T10:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3305"},"modified":"2018-04-06T19:15:11","modified_gmt":"2018-04-06T19:15:11","slug":"engagement-mit-profil","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3305","title":{"rendered":"Engagement mit Profil"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Empathisch, effizient und leise? Das kirchliche Engagement wird neu entdeckt <\/strong><\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte gedacht, dass die Kirchen noch einmal so attraktiv w\u00fcrden? Vor zwei Jahren war es soweit. Empathisch, effizient und leise \u2013 so organisierten die Kirchen ihre Hilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge bis in einzelne Gemeinden hinein, schrieb der Freitag Ostern 2016 in einem Dossier \u00fcber soziales Engagement. Da hatte die Berliner Caritas gerade ein halbes Dutzend Engagierte aus der Basisinitiative \u201eMoabit hilft\u201c eingestellt und damit den Engagierten im Quartier Struktur und Stabilit\u00e4t zur Verf\u00fcgung gestellt. Die Kirche und ihre Mitglieder, schrieb Christian F\u00fclling, wirkten als Organisatoren allt\u00e4glicher Barmherzigkeit tief in die Gesellschaft hinein und der Staat greife wie selbstverst\u00e4ndlich auf sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eTue Gutes und schweige dar\u00fcber\u201c war der Artikel \u00fcberschrieben \u2013 fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Der Titel erinnert an das \u201estille\u201c Ehrenamt, das in den Umbr\u00fcchen des 19. Jahrhunderts propagiert wurde. Um dieser Tradition willen galten die Kirchen lange Zeit als verstaubte Institutionen mit einem veralteten Ehrenamtsbegriff \u2013 die Engagementszene setzte stattdessen auf neue Initiativen, attraktive Projekte und eine moderne \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Dabei geh\u00f6ren die Kirchen nach dem Sport und gleichauf mit der Bildung noch immer zu den drei gr\u00f6\u00dften Engagementtr\u00e4gern in unserem Land. Der j\u00fcngste Freiwilligensurvey zeigt, dass die Zahl der ehrenamtlich Engagierten zwischen 1999 und 2014 nicht nur in der gesamten Gesellschaft, sondern auch in den Kirchen gestiegen ist, obwohl die Mitgliederzahlen in den Kirchen zur\u00fcckgehen. 48,7% aller Evangelischen engagieren sich freiwillig\u00a0\u2013 gegen\u00fcber 43,6% in der gesamten Gesellschaft\u00a0\u2013 und sogar 66,7% von denen, die sich stark mit der Kirche verbunden f\u00fchlen. Nach wie vor gilt die Kirche als vertrauensw\u00fcrdige Institution: als kompetenter Tr\u00e4ger f\u00fcr zahlreiche soziale und kulturelle Initiativen, als Ankn\u00fcpfungspunkt, Plattform und B\u00fcndnispartner f\u00fcr ehrenamtliches Engagement. Darin zeigt sich eine starke Traditionslinie der evangelischen Kirche: christlicher Glaube und Engagement f\u00fcr den N\u00e4chsten sind hier besonders eng miteinander verbunden. Luther sprach vom Priestertum aller; Johann Hinrich Wichern sp\u00e4ter vom Diakonentum aller Christinnen und Christen. Gerade in gesellschaftlichen Krisenzeiten und in biografischen Umbruchsituationen wird die distanzierte Zugeh\u00f6rigkeit wieder aktiviert. Der Glaube kann helfen, kritische Erfahrungen zu deuten, sich mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen und die eigene Identit\u00e4t neu zu gr\u00fcnden. 70% der Ehrenamtlichen sehen in ihrer Arbeit \u201eeine Aufgabe, die dem eigenen Leben einen Sinn gibt.\u201c Und wo das sp\u00fcrbar wird, da werden gerade Ehrenamtliche zu glaubw\u00fcrdigen Akteuren des Evangeliums \u2013 anders als Hauptamtliche werden sie nicht als Lobbyisten f\u00fcr die Kirche als Institution wahrgenommen.<\/p>\n<p>Aber auch die Kirchen selbst k\u00f6nnen in Umbruchzeiten gewinnen. Sie sind vor allem da stark und attraktiv, wo staatliche Strukturen noch fehlen, wenn es darum geht, mit neuen Herausforderungen umzugehen, wenn Problemlagen zun\u00e4chst diffus erscheinen und alles darauf ankommt, flexibel neue Konzepte zu entwickeln \u2013 ausgehend von der unmittelbaren Wahrnehmung und nicht von festgelegten Strategien und refinanzierbaren Modulen. So war es vor 40 Jahren im Westen mit den Arbeitsloseninitiativen und Eine-Welt-L\u00e4den. Aber auch innovative Projekte brauchen eine Infrastruktur, die Spielr\u00e4ume erm\u00f6glicht. Notwendig ist eine grundlegende Verl\u00e4sslichkeit, sind offene R\u00e4ume und Anlaufpunkte, ein Mindestma\u00df an hauptamtlich Mitarbeitenden und eine finanzielle Grundausstattung, vor allem aber Vertrauen und Erfahrung. Das alles bringen die Kirchen mit \u2013 und es wurde lange f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich gehalten. In der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise aber wurde auch den Medien klar, dass die Kirchen gerade deswegen so effizient helfen konnten, weil sie Anlaufstellen an jedem Ort haben \u2013 allenfalls die Sparkassen k\u00f6nnen da noch mithalten. Und weil sie dar\u00fcber hinaus eine jahrzehntelange Erfahrung einbringen mit Quartierscaf\u00e9s, Mittagstischen und Kleiderkammern, Hausaufgabenhilfen und Arbeitsloseninitiativen, Kirchenasyl, Eine-Welt-Arbeit und Patenschaften. Und die sonst gelegentlich sp\u00fcrbare Konkurrenz zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen hat in der so genannten Fl\u00fcchtlingskrise so gut wie keine Rolle gespielt: Beide Gruppen waren sich sehr bewusst, wie stark sie aufeinander angewiesen sind. Ehrenamtliche klagten eine hauptamtliche Unterst\u00fctzungsstruktur ausdr\u00fccklich ein, Hauptamtliche k\u00e4mpften um Supervision f\u00fcr Ehrenamtliche und Synoden und Kirchenleitungen investierten in Fonds oder richteten zus\u00e4tzliche Diakonen- und Diakoninnenstellen ein.<\/p>\n<p>Angesichts der leerer werdenden \u00f6ffentlichen Kassen ist der Einsatz von Ehrenamtlichen zur Zeit \u00fcberall in der Gesellschaft hoch willkommen \u2013 auch in der Tafelarbeit oder in Hospizdiensten. \u201eDas Problem ist, dass aus spontaner Hilfebereitschaft, wie jetzt in der Fl\u00fcchtlingsfrage, dauerhafte Strukturen entwickelt werden, um den geschrumpften \u00f6ffentlichen Sektor im Allgemeinen und den Sozialstaat im Besonderen zu entlasten. Der \u00f6ffentliche Dienst, die Pflege, die Bildung, die St\u00e4dte &#8211; alles ist strukturell unterfinanziert\u00a0\u2013 und die Ehrenamtlichen sollen es richten,\u201c schreibt Claudia Pienl auf der Diskussionsplattform <em>Ehrenamt. Evangelisch<\/em>. Sind die Ehrenamtlichen also die Ausputzer des Sozialstaats? Die letzten beiden Freiwilligensurveys der Bundesregierung zeigen aber auch: B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger wollen gesellschaftliche Anliegen selbst in die Hand nehmen, Gesellschaft mitgestalten. Vielleicht nur auf Zeit, vielleicht nur f\u00fcr ein ganz bestimmtes Projekt. Das Pflichtmotiv spielt keine gro\u00dfe Rolle mehr\u00a0\u2013 aber es ist also keineswegs so, dass die neuen Ehrenamtlichen nur an Selbstverwirklichung interessiert sind. Vielmehr haben wir es mit einem Motivmix zu tun: Freiwillig Engagierte verbinden selbstbezogene und altruistische Motive. Es geht um ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.<\/p>\n<p>Wer sich engagiert, gewinnt neue Beziehungen. Menschen, die sich in Gruppen engagieren, entwickeln ein \u00fcberdurchschnittlich hohes Vertrauen, eine positive Grundeinstellung in der Begegnung mit anderen. Und das gilt auch gegen\u00fcber Fremden und Andersartigen. Das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, macht uns stark. Wir erleben Lebensvertiefung und Lebenssinn, und wir gewinnen neue Kompetenzen \u201eSpa\u00df haben, Menschen helfen, und Gesellschaft ver\u00e4ndern\u201c geh\u00f6ren zu den wichtigsten Motiven f\u00fcr ehrenamtliches Engagement. Dabei liegt die durchschnittliche Dauer des Engagements noch immer bei 10,2 Jahren. Vielleicht h\u00e4ngt das zusammen mit der Verbindlichkeit, die in einer Gruppe entsteht und mit dem Gl\u00fcck, gebraucht zu werden. In einer Welt, in der wir die Jobs und Positionen, die Wohnorte, Familien und Freundeskreise oft mehrfach im Leben wechseln, fragen sich viele, was der Sinn ihres Lebens ist und wof\u00fcr sie gebraucht werden. Und die Sorge f\u00fcreinander kann uns helfen, reicher, lebendiger und sinnvoller zu leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Die Kraft der Verb\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p>Von Amalie Sieveking im Hamburg und Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth bis zu Brigitte Schr\u00f6der, der Gr\u00fcnderin der gr\u00fcnen Damen oder Cecily Saunders, der Initiatorin der Hospizarbeit, haben gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen immer mit einzelnen Frauen und M\u00e4nnern begonnen, die die Initiative ergriffen. Die diakonischen Einrichtungen und Unternehmen, die wir heute kennen, gingen aus Initiativen hervor, in denen engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sich im Namen christlicher N\u00e4chstenliebe um diejenigen k\u00fcmmerten, die bei der Industrialisierung auf der Strecke blieben \u2013 um Migranten genauso wie um unversorgte Kranke und Sterbende, \u00fcberforderte Familien oder arbeitslose Jugendliche. Die Vereine, Verb\u00e4nde und Genossenschaften, die damals in Diakonie, Frauen- und Jugendarbeit gegr\u00fcndet wurden, waren zentral f\u00fcr die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland und wurden zugleich zum Motor f\u00fcr die Entwicklung neuer sozialer und p\u00e4dagogischer Berufe. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen Diakonissen oder Gemeindeschwestern und Frauenhilfsgruppen ist ein gutes Beispiel.<\/p>\n<p>Allerdings scheint die Kraft der Verb\u00e4nde zu erlahmen, w\u00e4hrend die Bedeutung von Initiativen wieder steigt. Tats\u00e4chlich engagieren sich schon 10 Prozent aller Ehrenamtlichen ganz selbstbestimmt &#8211; und das Internet spielt dabei eine gro\u00dfe Rolle. Ich erinnere an Projekte wie \u201eHeute ein Engel\u201c oder die \u201eDigitale Nachbarschaft\u201c. Wo neue Verbandstrukturen entstehen, bilden sie sich quer zu konfessionell oder weltanschaulich gepr\u00e4gten Traditionen: im Mittelpunkt stehen akute Problemlagen. Beispiele daf\u00fcr sind die Hospizbewegung oder die Inklusionsbewegung. Zum Teil von Sponsoren aus der Wirtschaft unterst\u00fctzt, wie bei der Tafelbewegung, fordern sie Kirche und freie Wohlfahrtspflege heraus und geben neue Anst\u00f6\u00dfe. Um sich heute freiwillig zu engagieren, ist auch die Verbundenheit mit einer Kirche l\u00e4ngst nicht mehr Voraussetzung. Die christliche Begr\u00fcndung des Helfens hat keinen Monopolanspruch mehr\u00a0\u2013 und neben die christlichen Verb\u00e4nde sind andere getreten. Zun\u00e4chst andere Wohlfahrtsverb\u00e4nde wie AWO und Rotes Kreuz, andere Gruppierungen wie die Frauenbewegung, heute auch Engagierte aus anderen Religionen. Und tats\u00e4chlich spielt auch bei der Ehrenamtsstatistik das Engagementfeld die wichtigste Rolle: Frauenverb\u00e4nde oder Elterngruppen geh\u00f6ren zu einer Kategorie, Kirche zu einer anderen. Aber auch die Engagierten selbst sind in der Regel in mehreren Organisationen aktiv: in Schule und Sportverein, in Kirche und Nachbarschaft. Sie \u201egeh\u00f6ren\u201c keiner Organisation &#8211; im Gegenteil: sie sind es, die den Kern aller Wohlfahrt bilden, die mit ihren Ideen Bewegungen in Gang setzen.<\/p>\n<p>In Kirchengemeinden findet sich allerdings ein ausgepr\u00e4gtes \u201eMehrfachengagement\u201c\u00a0\u2013 die einzelnen haben im Schnitt 4 Ehren\u00e4mter; manche bis zu 14. Eine solche \u201eMilieuverengung\u201c schw\u00e4cht die Vernetzungskraft. Aus der Angst heraus, keinen Nachwuchs mehr zu finden, werden n\u00e4mlich andere gesellschaftliche und politische Ehren\u00e4mter in Schule, Sport oder Kommunalpolitik tendenziell als \u201eKonkurrenz\u201c empfunden. Dabei ger\u00e4t v\u00f6llig aus dem Blick, wie viele sich nach wie vor der Kirche verbunden f\u00fchlen, auch wenn sie sich in anderen Feldern engagieren. Und umgekehrt gilt: nicht allen, die sich in den verschiedenen Arbeitsfeldern von Kirche und Diakonie engagieren \u2013 bei den Tafeln, in Hospizen, in der Gospelbewegung oder als Kirchenkuratoren beispielsweise \u2013 sind Kirchenmitglieder. Kirchliche Verb\u00e4nde haben heute auch die Aufgabe, Engagierten Herberge und Heimat zu geben. Denn immer weniger w\u00e4chst das Engagement aus Zugeh\u00f6rigkeit und Tradition, immer h\u00e4ufiger wird es umgekehrt sein: wer im Ehrenamt ein starkes Netzwerk erlebt, wer sich verbunden f\u00fchlt, kommt auch \u00fcber Sinn- und Glaubensfragen ins Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Kirchen, Vereine und Verb\u00e4nde m\u00fcssen sich darauf einrichten, dass Ehrenamtliche sich heute nicht mehr als \u201eHelfer von Wohlfahrtsorganisationen\u201c verstehen. Sie wollen sich professionell und effektiv einbringen, ihre Zeit und ihren Einsatz planen k\u00f6nnen. Viele ehrenamtlich Engagierte sind oder waren selbst berufst\u00e4tig und erwarten ganz selbstverst\u00e4ndlich klare Strukturen, Respekt vor ihren Kompetenzen und Entscheidungs- und Mitgestaltungsspielr\u00e4ume bei der Planung von Projekten. Es geht um ein sinnvolles, wie selbstbewusstes Tun, das in der Erwerbsarbeit oft vermisst wird. Ehrenamt soll sich deshalb von der Fremdbestimmung und vom Konkurrenzverhalten der Arbeitswelt abheben.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens sind berufliche \u00dcberlastung und Mobilit\u00e4t immer h\u00e4ufiger der Grund f\u00fcr die Beendigung des Ehrenamts. Ehrenamtliches Engagement bietet aber auch die Chance, \u00dcberg\u00e4nge zwischen Schule und Beruf, beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit, nach einem Umzug oder am Ende der Erwerbst\u00e4tigkeit erfolgreich zu gestalten. Viva, die Zeitschrift f\u00fcr Leute um die F\u00fcnfzig, die leider vor kurzem eingestellt wurde, erz\u00e4hlte am Anfang eines jeden Hefts von mutigen Aufbr\u00fcchen: Da wird aus dem Banker ein Lehrer, aus dem Anwalt ein Spieleunternehmer, aus der Sekret\u00e4rin die Fotografin. Manche Menschen lassen sich auf einer Reise inspirieren und bewegen, andere durchleben eine Krankheit, landen in einer Sackgasse und entdecken dann einen alten Traum, einen neuen Lebenssinn. Es geht darum, etwas zu finden, was unseren Einsatz und unsere Hingabe lohnt. Eine Aufgabe, die auch die eigene Seele f\u00fcttert \u2013 und nicht nur das Konto f\u00fcllt. Immerhin 30% derer, die sich noch nicht freiwillig engagieren, sind dazu bereit. Die entsprechenden Angebote m\u00fcssen deshalb biographisch passend und vielf\u00e4ltig gestaltet sein. Das gilt auch f\u00fcr Einsatzzeit und \u2013Dauer und die passenden Fortbildungsangebote. Engagement-Tr\u00e4ger wie die Kirchen und ihre Verb\u00e4nde stehen also vor gro\u00dfen Herausforderungen, was ihre Kultur angeht\u00a0\u2013 sie m\u00fcssen sich wieder neu als Ehrenamtsorganisationen begreifen, in denen Hauptamtliche die Engagierten unterst\u00fctzen. Wenn Ehrenamtspreise vergeben werden, zeigt sich, wie wichtig das Engagement der Einzelnen ist: Initiatoren, Gr\u00fcnderinnen und Stifter, Menschen, die etwas \u00e4ndern wollen. So hat ja soziale Innovation immer begonnen, so entstanden Verb\u00e4nde: mit einzelnen Menschen, die die Initiative ergriffen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Soziales Engagement \u2013 ein Frauenthema? <\/strong><\/p>\n<p>Ehrenamtliche sind die \u201cDetektoren\u201d f\u00fcr neue soziale Notlagen und offene gesellschaftliche Fragen. Was w\u00e4ren Tageseinrichtungen und Schulen ohne ehrenamtliches Engagement? Was die Palliativstationen und Hospize ohne die Bereitschaft von Menschen, sich Sterblichkeit aktiv zu stellen, um das Leben neu zu entdecken? Wie s\u00e4he die Integration behinderter Kinder aus ohne den wunderbaren Einsatz der Eltern, die sie zu den trotz vieler schmerzhaften Erfahrungen zur Welt gebracht und erzogen haben? Wer w\u00fcrde die Alzheimer-Erkrankung zum gesellschaftlichen Thema machen, wenn nicht die Angeh\u00f6rigen?<\/p>\n<p>Die wichtigsten Akteure im sozialen Ehrenamt sind Frauen &#8211; in Kirche und Diakonie stellen sie noch immer etwa 70 Prozent der Ehrenamtlichen. Aber diese geschlechtsspezifische Rollenteilung ver\u00e4ndert sich und wird auch die Ehrenamtskultur der Kirche ver\u00e4ndern: Die wachsende Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, aber auch neue Familienmodelle machen es n\u00f6tig, \u00fcber neue Zug\u00e4nge zum Ehrenamt und eine gerechtere Verteilung nachzudenken. Denn nach wie vor setzt die Gesellschaft auf das unentgeltliche ehrenamtliche Engagement der Familienfrauen, w\u00e4hrend zugleich der Fachkr\u00e4ftemangel in der Wirtschaft w\u00e4chst. Und obwohl ein berufliches Einkommen f\u00fcr alle Erwachsenen normal und auch notwendig geworden ist, weil auch die Sozialversicherungen an die Erwerbst\u00e4tigkeit gebunden sind.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu wirklichen Zerrei\u00dfproben. Denn trotz Erwerbsbeteiligung von Frauen \u00fcbernehmen sie weiterhin die Hauptverantwortung in der Haus- und Pflegearbeit. Wenn wir \u00fcber Vereinbarkeitsprobleme reden, dann denken wir meist an die jungen Familien, die Beruf und Erziehung vereinbaren m\u00fcssen. Aber die Herausforderung gilt inzwischen f\u00fcr die Altersgruppe der 40- bis 65-j\u00e4hrigen Frauen in gleicher Weise \u2013 hier geht es um die Betreuung der Enkel, die Unterst\u00fctzung der betagten Eltern oder um h\u00e4usliche Pflege. Und durch den l\u00e4ngeren Verbleib im Erwerbsleben und die steigende Zahl pflegebed\u00fcrftiger Hochaltriger wird der Anteil derer, die Berufs- und Sorget\u00e4tigkeiten vereinbaren m\u00fcssen, zunehmen. Wir brauchen also eine neue Flexibilit\u00e4t in der Arbeitswelt, eine Ver\u00e4nderung der Rollenerwartungen und viel mehr Unterst\u00fctzung in Pflege- und Erziehungszeiten.<\/p>\n<p>Eine neue soziale Ordnung, in der M\u00e4nner wie Frauen erwerbst\u00e4tig sein sollen, braucht aber auch neue Rahmenbedingungen f\u00fcr das Ehrenamt. In der Vergangenheit waren es oft Familienfrauen, die sich ehrenamtlich engagieren. Das Ehegattensplitting und die Mitversicherung von Ehefrauen und Kindern st\u00fctzten auch das Ehrenamt. In einer Zeit, in der jede dritte Frau geschieden wird und die bisher m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Erwerbsverl\u00e4ufe als normal gelten, haben gerade Frauen, die sich f\u00fcr Familie und Quartier engagieren immer h\u00e4ufiger das Gef\u00fchl, um eine gerechte Alterssicherung betrogen zu werden. Die \u201e\u00d6konomie der Aufmerksamkeit\u201c ist die wertvollste Ressource f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aber sie braucht eine bessere \u00f6konomische Absicherung \u2013 zum Beispiel bei der Ber\u00fccksichtigung von Versicherungszeiten in Rente und Sozialversicherung. Viele Frauenverb\u00e4nde pl\u00e4dieren deshalb f\u00fcr eine Anerkennung in der Rente oder eine Form der Lebensleistungsrente, die gerade Frauen mit kleiner Rente den R\u00fccken f\u00fcr ihr Engagement frei h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt durch engagementpolitische Initiativen, aber auch durch staatliche Gesetzgebung hat sich inzwischen eine Grauzone zwischen dem klassischen Ehrenamt und prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen entwickelt. So erhalten \u00c4ltere mit kleinen Renten oder Empf\u00e4nger von SGB-II-Bez\u00fcgen inzwischen h\u00e4ufiger eine \u00dcbungsleiterpauschale oder das Minijobsal\u00e4r f\u00fcr ihren ehrenamtlichen Einsatz, den sie sich ansonsten eben nicht leisten k\u00f6nnten, den sie aber mit so viel Ernsthaftigkeit aus\u00fcben wie andere ihren Beruf. Die sogenannte \u201eMonetarisierung\u201c des Ehrenamts geh\u00f6rt zu den Herausforderungen der Zukunft. Nach Meinung des CSI in Heidelberg (Centrum Soziale Innovation) handelt es sich um eine \u201edritte Kategorie\u201c zwischen Erwerbsarbeit und Ehrenamt \u2013 dabei gehe es um Menschen, die Kirche und Gesellschaft mit ihrem Engagement und ihrer Empathie und Lebenserfahrung mit tragen wollen, denen aber die finanziellen Ressourcen und sozialen Netzwerke fehlen, um den R\u00fcckenfrei zu haben f\u00fcr das Ehrenamt. Sie \u00fcber einen solchen niedrigschwelligen Dienst \u201eeinzubinden\u201c, kann ein entscheidender Schritt hin zu einer nachbarschaftlichen und diakonischen Kirche sein. Ich kenne Gemeinden, die mit geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigen Stadtteilm\u00fcttern oder Gemeindeschwestern neuen Typs f\u00fcr Vernetzung der \u00c4lteren im Stadtteil sorgen &#8211; mit Besuchen, Telefonketten und Mittagstischen. Das ist kein Pl\u00e4doyer, die ehrenamtliche Arbeit insgesamt zu monetarisieren.<\/p>\n<p>Aber immerhin 44% der Freiwilligen fordern eine bessere steuerliche Absetzbarkeit der Unkosten, 22% sogar eine bessere Verg\u00fctung f\u00fcrs Ehrenamt \u2013 meistens sind das Arbeitslose oder Personen mit geringem Einkommen. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Ehrenamtlichen ist darauf nicht angewiesen: sie sind eher gut situiert und wirtschaftlich unabh\u00e4ngig. Ihnen liegt daran, dass ihre pers\u00f6nliche, intrinsische Motivation wenigstens im Ehrenamt keiner extrinsischen Kontrolle unterzogen, eben nicht \u00f6konomisiert wird. \u201eW\u00fcrde ich daf\u00fcr bezahlt, w\u00fcrde ich es nicht machen\u201c, ist eine typische \u00c4u\u00dferung. Ehrenamtliche, so Mieg und Wehner in einer Untersuchung, entscheiden sich f\u00fcr die Arbeit und die Beziehung \u2013 und nicht f\u00fcr den Lohn. Sie folgen der \u00d6konomie der Aufmerksamkeit, die im Gegensatz zu der des Geldes steht, und lassen sich f\u00fcr ihr Engagement ebenso wenig bezahlen, wie man f\u00fcr Freundschaften zahlen kann. Aufwandsentsch\u00e4digungen, Reisekosten und die \u00dcbernahme von Fortbildung und Supervisionskosten geh\u00f6ren gleichwohl dazu.<\/p>\n<p>Was wird aber auf Dauer aus dem sozialen Ehrenamt in Nachbarschaftshilfe und Quartiersarbeit, was aus der \u00dcbernahme von Verantwortung in Verb\u00e4nden und Kuratorien in einer immer st\u00e4rker \u00f6konomisch ausgerichteten Gesellschaft? Im letzten FWS wurde zum ersten Mal die informelle, au\u00dferfamiliale Unterst\u00fctzung in Freundschaft und Nachbarschaft abgefragt, soweit sie eben unentgeltlich und au\u00dferhalb beruflicher T\u00e4tigkeiten erfolgt. Es ging also nicht um gering bezahlte \u201eJobs\u201c in der Pflege \u2013 auch wenn der \u00dcbergang manchmal unscharf und der gesellschaftliche Druck gerade hier immens ist. Immerhin 25 Prozent engagieren sich in der nachbarschaftlichen Hilfe bei Eink\u00e4ufen, Handwerksdiensten bis Kinderbetreuung erbringen &#8211; und es sind, bis auf die Unterst\u00fctzung Pflegebed\u00fcrftiger, mehr M\u00e4nner als Frauen und eher J\u00fcngere als \u00c4ltere. In der Befragung wird deutlich: die wechselseitigen Unterst\u00fctzungsleistungen verbessern die Lebensqualit\u00e4t aller Beteiligten.<\/p>\n<p>In vielen neuen Quartiersprojekten, in Familienzentren, Seniorenwohngemeinschaften, Mehrgenerationenh\u00e4usern und Stadtteilzentren entwickelt sich zur Zeit eine neue Gestalt des Sozialen: die Sorgenden Gemeinschaften. Menschen Unterst\u00fctzungsleistungen in den Nachbarschaften selbst in die Hand und entwickeln daraus nicht zuletzt politische Initiativen. Themen, die \u00fcber lange Zeit als Frauenthemen begriffen wurden: Familie, Erziehung, Nachbarschaft und Pflege, r\u00fccken auf diese Weise in den gesellschaftlichen Fokus. Das Private wird politisch. Aber die neuen Sorgenden Gemeinschaften sind auf Sorgestrukturen angewiesen.<\/p>\n<p>Hier liegen besondere Chancen f\u00fcr die Frauenhilfen, die ja traditionell eng mit den Kirchengemeinden kooperieren und auf die R\u00e4ume, die Strukturen und auch auf hauptamtliche Unterst\u00fctzung zur\u00fcck greifen k\u00f6nnen. Die Geschichte der Frauenhilfen zeigt, worauf es ankommt: gemeinsam mit den ehemaligen Gemeindeschwestern, den fr\u00fchen Quartiersmanagerinnen, leisteten sie in Umbruchzeiten Hilfe zur Selbsthilfe \u2013 mit N\u00e4hstuben und Mittagstischen, mit Integrationsprojekten f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, mit Kinderg\u00e4rten und h\u00e4uslicher Pflege. Sie organisierten Besuchsdienste und Frauengruppen. Das alles ist aktuell wie je. Aber der Nachwuchs fehlt oder geht nicht mehr die gleichen Wege. Die j\u00fcngeren Frauen von heute selbst auf Unterst\u00fctzung angewiesen, um ihren Alltag durchhalten zu k\u00f6nnen. Sie brauchen neue Br\u00fcckenschl\u00e4ge zwischen Beruf, Familie und Nachbarschaft und sind auf Gro\u00dfelternprojekte angewiesen: Leihomas und Mentoring-Projekte bl\u00fchen. Gefragt sind heute also die \u00c4lteren. Sie also \u2013 und die, die sich in Ihren Gruppen finden.<\/p>\n<p>Die Ausstellung \u201eGewonnene Jahre. Neues ZeitAlter f\u00fcr Frauen\u201c hat k\u00fcrzlich daran erinnert, dass Gro\u00dfm\u00fctter in Afrika zum Teil die Elterngeneration ersetzen und die Enkel versorgen, weil die Eltern an Aids gestorben sind. Im Jahr 2004 gab es in den USA ein Treffen der indigenen \u201eGro\u00dfm\u00fctter\u201c aus aller Welt, die sich angesichts von Seuchen und Armut, von Klimawandel und Naturzerst\u00f6rung um die Zukunft der Erde und der Menschheit sorgen &#8211; darunter Stammes\u00e4lteste, Schamaninnen, Buddhistinnen und Christinnen. Und auch in Deutschland wurde 2009 ein Rat der Gro\u00dfm\u00fctter gegr\u00fcndet. Ihre \u201eMachtworte\u201c richten sich gegen Machbarkeitswahn und Gewalt und Profitgier. F\u00fcr den Soziologen Reimer Gronemeyer liegen die Chancen des Altwerdens darin, dass wir lernen, uns einer Leistungs- und Konsumgesellschaft zu widersetzen, die keine andere St\u00e4rke als die der Ellenbogen kennt. Gelassenheit und Entschleunigung, nichts mehr beweisen zu m\u00fcssen und \u00fcber den Tag hinaus zu denken, geh\u00f6ren f\u00fcr ihn zu den Qualit\u00e4ten des \u00c4lterwerdens \u2013 darin steckt auch die Kraft, die aus der Ruhe kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Neue Chancen f\u00fcr die jungen Alten<\/strong><\/p>\n<p>Die so genannten \u201ejungen Alten\u201c sind h\u00e4ufig sozial und oft auch politisch engagiert; bei ihnen schl\u00e4gt das Herz der neuen, generationen\u00fcbergreifenden und gemeinwohlorientierten Bewegung. Engagierte zwischen 60 und 69 bilden die zweitgr\u00f6\u00dfte Ehrenamtsgruppe in der Kirche; sie tragen die neuen Nachbarschaftsprojekte. Die Dorfladenbewegung und die B\u00fcrgerbusse, die Mehrgenerationenh\u00e4user und die Mittagstische, bei denen reihum gekocht wird, die Reparaturwerkst\u00e4tten, wo Handwerker, Bastler, Handarbeiterinnen anderen die Kunst beibringen, achtsam mit den Alltagsdingen umzugehen\u00a0\u2013 sie alle setzen auf Regionalit\u00e4t. Die \u00c4lteren tragen entscheidend dazu bei, dass die Wohnquartiere lebendig und lebenswert bleiben. Die Generation der 55- 69-j\u00e4hrigen engagiert sich im lokalen B\u00fcrgerengagement besonders stark. In Vereinen und Verb\u00e4nden, wo die jungen Mobilen schwer Anschluss finden, aber zunehmend auch in B\u00fcrgerinitiativen und Genossenschaften. Als Freiwillige in Sozial- und Diakoniestationen leisten sie Nachbarschaftshilfe, bei \u201eRent a Grant\u201c arbeiten sie als Leihomas, in Mehrgenerationenh\u00e4usern geben sie den Kindern ein St\u00fcck Kontinuit\u00e4t in wechselnden Alltagsmustern.<\/p>\n<p>\u201eIm Alter bekommen die K\u00f6rper eine andere Bedeutung \u2013 sie werden anf\u00e4lliger und zeigen Schw\u00e4che\u201c, schreibt Lisa Frohn. (Ran ans Alter) \u201eDas hei\u00dft auch, dass der Ort, an dem sich der K\u00f6rper befindet und die Umst\u00e4nde an diesem Ort wichtiger werden. Weil es um Wohlergehen, Gesundheit, Versorgung und Betreuung geht. \u00c4ltere bringen ein, was im Gl\u00fcck-Index zur wichtigsten W\u00e4hrung wird: Zeit. Und sie sind interessiert an den n\u00e4chsten Generationen, kn\u00fcpfen kleine Netze des Zusammenhalts in der Nachbarschaft. Sie haben die F\u00e4higkeit, von sich selbst abzusehen &#8211; f\u00fcr andere da zu sein und ihre Erfahrungen in die Gesellschaft einzubringen. Heiko Ernst, der ehemalige Chefredakteur von Psychologie heute, spricht in diesem Zusammenhang von \u201eGenerativit\u00e4t\u201c als unserem \u201eZukunftssinn\u201c. Generativit\u00e4t, sagt er, k\u00f6nnte die Schl\u00fcsseltugend f\u00fcr das 21. Jahrhundert werden, denn sie gebe Antwort auf zwei Fragen: Wie geht es mit mir weiter? Und: wie geht es mit meinem Umfeld weiter?\u201c<\/p>\n<p>Die Fragen, die sich die jungen Alten stellen, die Antworten, die sie geben, haben \u00fcbrigens auch mit der Zukunft unserer Kirche zu tun haben: \u00dcberschaubare Beziehungsnetze und eine gute Verortung, freiwilliges Engagement und die \u00d6ffnung nach au\u00dfen sind auch entscheidende Voraussetzungen f\u00fcr wachsende Gemeinden, sagt Michael Herbst nach einer Untersuchung in der anglikanischen Kirche. Dazu braucht es aber Gemeinden, die offen f\u00fcr Neues sind\u00a0\u2013 neugierig auf das, was die neuen Alten an Ideen einbringen &#8211; jenseits der bekannten Angebote und der alten Rollenmuster. Aus Berufst\u00e4tigkeit und Familie, aus Vereins- und Nachbarschaftserfahrungen bringen die \u00c4lteren Kompetenzen mit, die sie gern in neue Kontexte einbringen. Daf\u00fcr gilt es in den Gemeinden Raum zu geben und Raum zu schaffen: mit zug\u00e4nglichen Kirchenr\u00e4umen, klaren Kompetenzen f\u00fcr Ehren- wie Hauptamtliche und mit transparenten Strukturen im Blick auf Konzepte, Finanzierung und Entscheidungen. Annegret Zander von der Fachstelle Zweite Lebensh\u00e4lfte der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck ermutigt dazu, den Seniorenkreis abzuschaffen, wo er nicht mehr gefragt ist. Nat\u00fcrlich nicht ohne den langj\u00e4hrigen Mitarbeitenden zu danken. Aber mit Mut zur Offenheit und zur L\u00fccke. Denn wir jungen Alten wollen uns nicht nur versorgen oder betreuen lassen, wir haben Lust auf Leben und einen neuen Aufbruch.<\/p>\n<p>Wir erleben gerade eine neue Frauenbewegung; die der \u00e4lteren Frauen. Die 68-er Power-Ager gehen selbstbewusst, kritisch und noch immer voll Energie in die neue Lebensphase und setzen sich noch einmal neu mit den alten Themen auseinander: mit dem Verst\u00e4ndnis von Arbeit, mit K\u00f6rper und Kleidung und nat\u00fcrlich mit dem Thema M\u00fctterlichkeit. Viele von ihnen sind l\u00e4ngst Gro\u00dfm\u00fctter \u2013 aber auf die Gro\u00dfmutter-Rolle will sich keine mehr reduzieren lassen; sowenig sie sich fr\u00fcher \u201enur\u201c als M\u00fctter verstanden haben. Und dennoch erlebt so manche das \u201eRabenmuttersyndron\u201c noch einmal, wenn sie sich weigert, jederzeit f\u00fcr die \u00fcberlastete T\u00f6chtergeneration zur Verf\u00fcgung zu stehen und noch einmal L\u00fccken zu f\u00fcllen, die die Familienpolitik nicht schlie\u00dft. \u201eWarum begreifen wir Frauen das Alter als Gef\u00e4ngnis\u201c, fragt die Mode-Designerin Miuccia Prada, inzwischen 68 Jahre, in einem Interview mit der NY Times. Und antwortet sich gleich selbst: \u201eIch glaube, f\u00fcr dieses Drama m\u00fcssen wir eine L\u00f6sung finden. Wir haben ja nicht mehr nur ein Leben, nein, es sind mittlerweile zwei oder drei. Und es wird die Zukunft unserer Gesellschaft enorm beeinflussen, wie wir selbst mit dem \u00c4lterwerden umgehen.\u201c<\/p>\n<p>Ob wir also den Blick nach vorn richten auf das Neue, das kommt\u00a0\u2013 oder ob wir das Alter als Abstellgleis begreifen. Ob wir selbstbewusst, kritisch und voll Energie in die neue Lebensphase gehen. Oder ob wir die heimliche Verachtung f\u00fcr das Alter \u00fcbernehmen und uns auf traditionelle Rollen festlegen lassen. Gro\u00dfeltern sein\u00a0\u2013 ja, die allermeisten von uns sind gern Gro\u00dfeltern f\u00fcr die eigenen Enkel und auch f\u00fcr andere Kinder-, aber nicht jederzeit verf\u00fcgbar. Ehrenamtlich arbeiten, ja\u00a0\u2013 die meisten engagieren sich gern, aber nicht als billiger Jakob, wo hauptamtliche Unterst\u00fctzung gefragt w\u00e4re. Den Ruhestand genie\u00dfen\u00a0\u2013 ja, jenseits von Funktions- und Zeitdruck der Erwerbsarbeit. Aber einfach nur ausruhen wollen wir nicht. Tats\u00e4chlich werden wir ja gerade jetzt gebraucht \u2013 und durchaus umworben. Sportvereine und Parteien, Schulen und Hospizvereine wissen: mit den Angeh\u00f6rigen dieser so gesellschafts- und politikerfahrenen Generation l\u00e4sst sich einiges auf die Beine stellen.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir nicht allein bleiben und nicht nur privatisieren wollen\u201c, schreibt Lisa Frohn in ihrem Twitter-Buch \u201eRan ans Alter\u201c, dann brauchen wir R\u00e4ume, wo wir hingehen k\u00f6nnen. Um andere zu treffen. Um uns auszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als gesellschaftliche Wesen zu erleben.\u201c \u201eNehmen wir mal an, einige interessieren sich f\u00fcr ein gemeinsames Wohnprojekt. Andere f\u00fcr ein Kulturzentrum. Nehmen wir mal an, Sie sind sich einige, dass Sie das, was Sie wollen, selbst gr\u00fcnden m\u00fcssen. K\u00f6nnte da nicht Freude aufkommen? Ja, Begeisterung?\u201c<\/p>\n<p>Selbstwirksamkeitserfahrungen sind die wesentliche Triebfeder des Engagements. Ehrenamtliches Engagement erm\u00f6glicht Teilhabe, st\u00e4rkt die Verwurzelung in der Nachbarschaft, schafft Selbstbewusstsein und vertieft das Verst\u00e4ndnis zwischen den Generationen, die Toleranz gegen\u00fcber anderen Lebenssituationen. Ja, Engagement bringt uns neu auf die Spur unseres Glaubens, unserer Lebenskraft. Denn anderen Mut machen, sich anderen in Liebe zuwenden, st\u00e4rkt auch die eigenen Liebes- und Hoffnungskr\u00e4fte. Das sind die Erfahrungen, die tief in der Geschichte der Frauenhilfe verankert sind. Es gilt, sie zu reaktivieren.<\/p>\n<p><strong>Kapitel 5: Herausforderungen und Chancen (Zusammenfassung) <\/strong><\/p>\n<p><strong>5.1. Frauenhilfe als Teil der Kirche<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Glaube und Engagement sind gerade in der evangelischen Kirche stark verbunden<\/li>\n<li>In Umbruch- und Krisenzeiten kann die distanzierte Zugeh\u00f6rigkeit aktiviert werden<\/li>\n<li>Kirchen bieten Verl\u00e4sslichkeit, eine gute Infrastruktur (R\u00e4ume, hauptamtlich Mitarbeitende, breite Erfahrung und Vernetzung im Quartier)<\/li>\n<li>Kirchliches Ehrenamt muss heute basis- und gabenorientiert gedacht; das Engagement fokussiert sich auf bestimmte Herausforderungen.<\/li>\n<li>Christliche Ehrenamtliche sind aber nur in Kirche engagiert; auch sie sind breiter vernetzt. Darin liegt eine Chance, wenn Kirche sich ins Gemeinwesen \u00f6ffnet.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>5.2. Frauenhilfe als Verband <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die Bedeutung von Verb\u00e4nden nimmt ab; die von Initiativen w\u00e4chst<\/li>\n<li>Dabei spielen schnellere Lebensrhythmen, Mobilit\u00e4t und elektronische Vernetzung eine Rolle<\/li>\n<li>Wo sich neue Verb\u00e4nde bilden, entwickeln sie sich problemzentriert und Lager-\u00fcbergreifend<\/li>\n<li>Ehrenamtliche verstehen sich nicht mehr zuerst als \u201eHelfende\u201c in Verb\u00e4nden \u2013 sie nutzen Verb\u00e4nde und Genossenschaften, um eigene Anliegen stark zu machen und Netzwerke zu kn\u00fcpfen.<\/li>\n<li>Ehrenamtliche erwarten strukturierte, effiziente Arbeit \u2013 zugleich aber soll sich der Einsatz vom beruflichen unterscheiden (z.B. Kooperation statt Konkurrenz, sinnerf\u00fcllte Arbeit statt \u201ePersonaleinsatz\u201c).<\/li>\n<li>Das Engagementfeld ist wichtiger als die Tradition &#8211; aber FH kann auf starke Traditionen zur\u00fcckgreifen: Tafeln und Mittagstische, Kleiderl\u00e4den und Welcome-Projekte etc.<\/li>\n<li>Verb\u00e4nde k\u00f6nnen mit Interessierten Initiativen starten, Genossenschaften gr\u00fcnden etc.<\/li>\n<li>Sie m\u00fcssen sich mit Gleichgesinnten vernetzen: Frauenhilfe ist genauso Frauen- oder Sozialverband wie Kirche<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>5.3. Soziales Ehrenamt\u00a0\u2013 Frauensache? <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die neue soziale Ordnung macht es n\u00f6tig, \u00fcber eine bessere Verteilung der Sorgeaufgaben nachzudenken<\/li>\n<li>Tats\u00e4chlich aber nehmen die Zerrei\u00dfproben zu: nicht nur bei jungen Frauen in der Erziehungszeit, sondern auch sp\u00e4ter wegen Pflegeaufgaben<\/li>\n<li>\u00c4ltere Frauen f\u00fchlen sich nach langen Jahren Care-Arbeit um ihren Einsatz betrogen \u2013 Frauenverb\u00e4nde fordern zu Recht Ver\u00e4nderungen bei Steuern und Sozialversicherungen<\/li>\n<li>J\u00fcngere Frauen in den Zerrei\u00dfproben brauchen Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t<\/li>\n<li>Eine der aktuellen Herausforderungen ist die Monetarisierung des Ehrenamts<\/li>\n<li>Eine der Chancen: Sorgende Gemeinschaften. Hier kann die Frauenhilfe durch ihre Verbindung mit den Kirchengemeinden punkten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>5.4. Power-Ager- Frauenhilfe als Teil der neuen Frauenbewegung<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Die jungen Alten bilden die zweitgr\u00f6\u00dfte Ehrenamtsgruppe in der Kirche<\/li>\n<li>Sie engagieren sich zugleich besonders stark im Quartier<\/li>\n<li>Die Zeit der Seniorenclubs ist vorbei: es geht um generations\u00fcbergreifende Arbeit<\/li>\n<li>Gefragt ist ein neues Selbstbewusstsein &#8211; und ein neues Generationenbewusstsein<\/li>\n<li>\u201eWenn wir nicht allein bleiben und nicht nur privatisieren wollen, dann brauchen wir R\u00e4ume, wo wir hingehen k\u00f6nnen. Um andere zu treffen. Um uns auszutauschen. Um gemeinsam etwas zu tun. Um uns als gesellschaftliche Wesen zu erleben.\u201c (Lisa Frohn).<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx, Soest, 6.11.17<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Empathisch, effizient und leise? 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