{"id":3151,"date":"2017-10-13T09:27:18","date_gmt":"2017-10-13T09:27:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3151"},"modified":"2018-04-06T19:14:07","modified_gmt":"2018-04-06T19:14:07","slug":"diakonie-als-lebensform-und-lebensinhalt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3151","title":{"rendered":"Diakonie als Lebensform und Lebensinhalt"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Einfach leben \u2013 die neue Bewegung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSimplify your life!\u201c Seit der Jahrtausendwende ist eine neue Bewegung in Gang. Junge Leute machen keinen F\u00fchrerschein mehr, St\u00e4dte planen Mobilit\u00e4tskonzepte mit weniger Autos. Architekten konzipieren small houses f\u00fcr die Innenst\u00e4dte und Eltern schicken ihre Kinder in Waldkinderg\u00e4rten. Und immer mehr Leute versuchen, sich von Unn\u00f6tigen zu trennen und ihren Besitz auf weniger als 1000 Dinge zu reduzieren. Man erkennt sie schon am Aussehen: Rucksack und Sneakers, dazu das Klappfahrrad und die Wasserflasche, Handy und St\u00f6psel in den Ohren \u2013 dazu veganes Essen, so kommst Du \u00fcberall hin. Loslassen und einfach leben ist die Devise. Erlebnisse sammeln\u00a0\u2013 nicht Dinge. Die Zeit der gro\u00dfen Gier scheint vorbei.<\/p>\n<p>\u201eDetox your life!\u201c \u201eWenn die gesamte Lebenswirklichkeit dem Gewinnstreben unterworfen wird, verkehrt sich der \u00f6konomische Nutzen in einen Verlust an Lebenswert\u201c, sagt Gerhard Scherhorn von der Humboldt-Universit\u00e4t, Berlin. \u201eDer gesellschaftliche Wohlstand sinkt, das Gemeinwohl zerf\u00e4llt, die Umweltzerst\u00f6rung nimmt zu. Ein Weiter so w\u00e4re fatal\u201c. Mit unserem Wirtschaften verbrauchen wir Ressourcen und Lebenschancen armer Bev\u00f6lkerungsgruppen im S\u00fcden; wir versch\u00e4rfen die \u00f6kologische Krise und damit auch die Fluchtbewegungen. Es scheint, als seien die Forschungsergebnisse des Club of Rome nun \u2013 nach dem Klimagipfel in Paris &#8211; in weiten Teilen der westlichen Welt endlich angekommen: \u201eErst wenn die Nachfrage nach \u00d6l sinkt, lohnt es nicht mehr, F\u00f6rderzonen im Urwald zu erschlie\u00dfen; erst wenn der Wasserdurst von Plantagen und Fabriken abklingt, bleibt gen\u00fcgend Grundwasser f\u00fcr Brunnen in den D\u00f6rfern; erst wenn der Wunsch nach Rindersteaks zur\u00fcckgeht, braucht nicht mehr Boden f\u00fcr Weiden und Futtermittelanbau vereinnahmt zu werden.\u201c, hei\u00dft es in der Studie \u201eZukunftsf\u00e4higes Deutschland\u201c. Die Zukunft h\u00e4ngt auch von uns ab. Von unserem Lebensstil.<\/p>\n<p>\u201eSimplify your life. Detox your life. Small is beautiful!\u201c Regionales Wirtschaften hat Konjunktur. Mit genossenschaftlich gef\u00fchrten Dorfl\u00e4den kehren die Tante-Emma-L\u00e4den zur\u00fcck. B\u00fcrgerbusse sorgen f\u00fcr Mobilit\u00e4t in abgeh\u00e4ngten Regionen, Umsonstl\u00e4den und Tafeln sind selbstverst\u00e4ndlich geworden. In Stadtg\u00e4rten werden alte Pflanzensorten neu gez\u00fcchtet. Urban Gardening weckt die Phantasie. Immer gilt: Weg von der Produktion immer neuer G\u00fcter hin zum Sharing und Mehrfachnutzen.<\/p>\n<p>\u201eHaben, Lieben und Sein\u201c, seien die drei Faktoren des Wohlbefindens, sagt Jan Delhey, Soziologe an der Jacobs University in Bremen. Dort gibt es einen Forschungszweig, der sich mit der \u201eGeografie des Gl\u00fccks\u201c besch\u00e4ftigt. Auf einer Deutschlandkarte kann man sehen, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit da am gr\u00f6\u00dften sind, wo es gute und gut bezahlte Arbeit gibt, bezahlbaren Wohnraum, eine gute Infrastruktur f\u00fcr Kinder und Familien und attraktive Sport- und Kulturangebote \u2013 und nicht zuletzt: wo das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl in den Nachbarschaften stimmt. Weit weniger, als manche glauben, h\u00e4ngt unsere Seligkeit davon ab, dass sich unsere materiellen W\u00fcnsche, die hoch gesteckten Lebensziele erf\u00fcllen, mindestens genauso wichtig ist, dass wir nicht allein sind, sondern uns zugeh\u00f6rig f\u00fchlen zu einer Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren setzt der Begriff der \u201eCaring Community\u201c neue Akzente. Es geht um ein neues Miteinander \u00fcber Lebensalter und Herkunft hinweg. Um wechselseitige Unterst\u00fctzung und die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#8211; f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr andere, f\u00fcr die Umwelt und auch f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung. In Deutschland ist von \u201eSorgenden Gemeinschaften\u201c die Rede. Kommunen, Kirchengemeinden, Schulen und Unternehmen sind gefragt und greifen das Thema auf. Und die Handlungsfelder, in denen sich eine Sorgende Gemeinschaft entfalten kann, sind ganz verschieden: Es geht um Kinder, um Menschen mit Behinderung, um \u00c4ltere und Gefl\u00fcchtete, aber auch um nachhaltiges Wirtschaften und eine gesunde Umwelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. In Zeiten des Umbruchs <\/strong><\/p>\n<p>Neue Initiativen und eine breite b\u00fcrgerschaftliche Bewegung kennzeichneten auch das 19. Jahrhundert, als die Diakonissenh\u00e4user entstanden. Mit der Industrialisierung, mit grenz\u00fcberschreitendem Handel und wachsender Mobilit\u00e4t gingen damals schon Armut und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse einher. Kinder und Pflegebed\u00fcrftige blieben sich oft selbst \u00fcberlassen &#8211; die Familien waren \u00fcberfordert. Die Kriminalit\u00e4t wuchs. Es war eine Zeit des Umbruchs, eine Transformationszeit wie heute. Menschen wie Johann Hinrich Wichern, Theodor und Friederike Fliedner, Amalie Sieveking und Florence Nightingale \u2013 die Gr\u00fcndergestalten der neuzeitlichen Diakonie \u2013 reisten genauso wie die Kaufleute quer durch Europa, um Antworten zu suchen, Ideen zu entdecken. Es waren Unternehmer und Ratsherren, adelige Damen und Pfarrfamilien, engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Sie waren Christen und zutiefst \u00fcberzeugt, dass die Herausforderungen ihrer Zeit Herausforderungen an ihren Glauben waren. Deshalb rechneten sie damit, dass ihnen in den vernachl\u00e4ssigten Kindern, den allein gelassenen Kranken, den jungen Leuten im Gef\u00e4ngnis Gott selbst begegnen w\u00fcrde \u2013 so wie Jesus es im Gleichnis vom gro\u00dfen Weltgericht zugesagt hat: \u201eAlles, was ihr getan habt meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt Ihr mir getan.\u201c Hungernden zu essen geben, Durstige tr\u00e4nken, Fremde beherbergen und Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten\u00a0\u2013 die Werke der Barmherzigkeit wurden zu Knoten in einem neuen sozialen Netz. Im Handeln Einzelner und in der Gr\u00fcndung sozialer Organisationen.<\/p>\n<p>Die Bahnhofsmission wurde gegr\u00fcndet, Armenh\u00e4user und Herbergen f\u00fcr Obdachlose entstanden, Hospize lebten wieder auf und ein neuer Typ von Gef\u00e4ngnissen wurde gebaut. Wichern machte sich Gedanken \u00fcber soziales Wohnen und bald schon gaben seine Bruderh\u00e4user jungen M\u00e4nnern aus Armutsfamilien Ausbildung und Beruf. Und Fliedners Mutterh\u00e4user boten Pflege f\u00fcr die Kranken, zugleich aber auch berufliche Perspektiven f\u00fcr unverheiratete Frauen. Und auch damals waren sie unschwer zu erkennen, die Protagonistinnen der Bewegung: an den hellblauen Punkten auf ihrem schwarzen Arbeitskleid, den stabilen schwarzen Stiefeletten und der immer sauber gest\u00e4rkten wei\u00dfen Schleife unter der Haube. Diakonissen\u00a0\u2013 bis heute sehen sich viele nach ihrem Engagement &#8211; in den Pflegeeinrichtungen, in den Nachbarschaften. Ihre Gemeinschaften \u2013 die sorgenden Gemeinschaften von damals \u2013 bilden das Wurzelwerk f\u00fcr den heutigen Sozialstaat. Und die neu entwickelten sozialen Berufe gaben Menschen das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden und etwas beitragen zu k\u00f6nnen zum Ganzen. Es ist diese Erfahrung, nach der sich heute wieder viele sehnen \u2013 Berufstr\u00e4ger wie Hartz-IV-Empf\u00e4nger, Fr\u00fchrentner wie Jugendliche ohne Ausbildung. Und die vielen anderen, die nicht mithalten k\u00f6nnen in der beschleunigten Arbeitswelt, Alleinerziehende mit kleinen Kindern, Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke. All die Abgeh\u00e4ngten, die das Gef\u00fchl haben, auf sie k\u00e4me es nicht mehr an. Sie brauchen Communities, die sie st\u00e4rken, Vorbilder f\u00fcr ihr Engagement, Orte, an denen sie ihre Gaben entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eJeder Mensch ist einzigartig und kostbar, darum f\u00f6rdern wir uns gegenseitig in unseren F\u00e4higkeiten und Talenten. Wir helfen nicht, wir unterst\u00fctzen einander auf Augenh\u00f6he, denn keiner ist besser als der oder die andere, und nur im Teilen sind wir wirklich reich.\u201c Das ist der Sharehausgedanke. Der syrische Fl\u00fcchtling Alex Assali hatte 2014 das Gl\u00fcck, ein Zimmer im Sharehouse Refugio in Berlin zu finden. In dem sch\u00f6nen, hundertj\u00e4hrigen Haus in Neuk\u00f6lln leben und arbeiten auf 5 Etagen Menschen zusammen, die ihre Heimat verloren haben oder verlassen mussten, oder die nach neuem Leben in Gemeinschaft suchen. Menschen aus Syrien, Somalia, England und Deutschland, aus Schweden, Afghanistan oder der T\u00fcrkei. Das Refugio ist eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit. Es geht nicht nur um die Integration von Gefl\u00fcchteten, es geht um einen neuen Lebensstil. Das Sharehouse versteht sich als Teil eines Netzwerks, als Coworking-Space und soziales Unternehmen\u00a0\u2013 refinanziert durch Vermietung von R\u00e4umen, Catering, Konferenzen und Spenden. Und damit kn\u00fcpft es ganz selbstverst\u00e4ndlich an die Tradition der Mutter- und Bruderh\u00e4user an.<\/p>\n<p>Dass Alex Assali aus Syrien hier ganz selbstverst\u00e4ndlich mitleben und mitarbeiten konnte, dass er von Anfang an dazu geh\u00f6rte, das machte ihn einfach gl\u00fccklich \u2013 und von diesem Gl\u00fcck wollte er etwas weitergeben. Er kochte Suppen und Eint\u00f6pfe, packte die T\u00f6pfe auf sein Fahrrad und installierte eine Warmhalteplatte auf den Stra\u00dfen Berlins. Und dann sch\u00f6pfte er aus an Fl\u00fcchtlinge und Obdachlose \u2013 und einfach an jeden, der probieren wollte.<\/p>\n<p>\u201eIch habe hier im Refugio gelernt, wie man tief leben kann\u201c, schreibt auch Esra im Sharehouse-Blog. Das bedeutet f\u00fcr mich, wie man alle akzeptieren kann. Wir haben auf dieser Welt genug Platz. Wir sollen keine Angst vor anderen haben und vor uns selbst auch nicht. Wir sind alle auf der Flucht &#8211; auf der Flucht auch vor uns selbst. Teil deine Liebe mit allen. Mach die Revolution mit dir\u201c. Ja, wahrhaftig \u2013 wir leben in einer Umbruchzeit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Lebensstil und Lebensform: der Diakonat<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir Menschentiere sind keine Nomaden, auch wenn die westliche Lebensweise den Eindruck hervorzurufen scheint. Alles ist miteinander verbunden und voneinander abh\u00e4ngig\u201c, schreibt die Philosophin Ariadne von Schirach. Wie schon Martin Buber oder Emanuel Levinas macht sie deutlich, dass wir erst am Du zum Ich werden &#8211; und sie kann sich dabei auf die Wissenschaft beziehen, auf die Entdeckung der Spiegelneuronen Mitte der 90er Jahre. \u201eSpiegelneuronen sorgen daf\u00fcr, dass sich die emotionalen Zust\u00e4nde unserer Mitmenschen in uns abbilden. So funktionieren Fremdsch\u00e4men und Mitf\u00fchlen und geteilte Freud. Und obwohl es Erfahrungen gibt, die weder verallgemeinerbar noch teilbar sind, hat man zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben der anderen anf\u00fchlt.\u201c Allem Mitf\u00fchlen zum Trotz kann aber ein wei\u00dfer Mensch nicht wirklich wissen, was es bedeutet, schwarz zu sein; wir k\u00f6nnen nicht nachvollziehen, was es bedeutet, wenn die eigene Familie im Kriegsgebiet zur\u00fcckgeblieben ist. Und wer immer aufrecht gegangen ist, wei\u00df nicht, was es hei\u00dft, den Alltag im Rollstuhl zu bestehen. Nur so ist zu erkl\u00e4ren, dass wir zur Tagesordnung \u00fcbergehen k\u00f6nnen, wenn vor unseren Augen Menschen leiden und sterben.<\/p>\n<p>Der Urmythos der Diakonie ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Da liegt einer blutend am Boden und die anderen gehen vorbei\u00a0\u2013 sie folgen ihren Gesch\u00e4ften, leider auch frommen Gesch\u00e4ften. Der einzige, der hilft, ist einer, der wei\u00df, was es hei\u00dft, \u00fcbersehen zu werden\u00a0\u2013 ein Fremder, ein Au\u00dfenseiter, der Samariter. Er bleibt stehen und kniet sich hin \u2013 der da liegt, ist ein Mensch wie er. Oder ist es Gott, der ihm hier begegnet &#8211; der hilflose Gott, der auf unsere Liebe und Barmherzigkeit angewiesen ist? In den vielen Deutungen dieser Geschichte wechselt der Christus seine Position: Manchmal ist er der, der am Boden liegt\u00a0\u2013 blutend und geschlagen\u00a0\u2013 Christus der Gekreuzigte. Und manchmal ist er der, der den anderen aufhebt\u00a0\u2013 Christus, der Diakon.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen einander zum Christus werden. Wir k\u00f6nnen einander Diakon und Diakonin sein. Dazu braucht es nichts als ein offenes Herz, wache Augen und die Bereitschaft, einfach mal anzuhalten und genau hinzuschauen, was andere Menschen brauchen. Der Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern, von dem eben schon die Rede war, nannte das den allgemeinen Diakonat\u00a0\u2013 so wie Luther vom allgemeinen Priestertum sprach. Engagement, davon war er \u00fcberzeugt, geh\u00f6rt zum Christsein wie das Gebet. Und bis heute zeigt sich, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Glaube und freiwilligem Engagement. 30,9 Millionen Menschen in Deutschland sind freiwillig engagiert, die Engagementquote steigt. Und noch immer finden sich unter den Engagierten besonders viele, die kirchlich gebunden sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Wichern gab es dar\u00fcber hinaus auch das besondere diakonische Amt, das Amt des Diakons, den Dienst der Diakonisse. Die Tradition der Diakonissenmutterh\u00e4user sticht dabei besonders hervor, weil sie \u2013 wie die Kl\u00f6ster- z\u00f6libat\u00e4r gepr\u00e4gt ist. Die evangelischen R\u00e4te \u2013 Armut, Keuschheit und Gehorsam &#8211; auf den ersten Blick sind sie uns heute fremd, so fremd wie Schwesterntracht und Haube, das Taschengeld als Entlohnung und das Ineinanderfallen von Leben und Beruf. Oder?<\/p>\n<p>Ich denke an Menschen an \u00c4rzte und \u00c4rztinnen wie Georg Trabert und Monika Hauser. All die vielen, die Urlaube, Zeit und Leben bei \u00c4rzte ohne Grenzen einsetzen. Sie folgen ihrer Berufung und setzen alle Gaben, alle Ressourcen daf\u00fcr ein. Vielleicht m\u00fcssen wir die evangelischen R\u00e4te neu \u00fcbersetzen: Gegen das Machen und die Machtgier hei\u00dft Gehorsam, hellh\u00f6rig zu bleiben f\u00fcr die innere Stimme, f\u00fcr die Wirklichkeit, in der Gott uns anspricht. In einer Welt der Gier kann Armut auch die Bereitschaft zum Verzicht auf materiellen Gewinn bedeuten. Und Keuschheit markiert die Achtung vor den Grenzen \u2013 den eigenen und denen anderer. Ehrfurcht vor dem Leben gegen jede Verobjektivierung, gegen jeden \u00dcbergriff. Das ist so aktuell wie in den Anf\u00e4ngen der Bewegung. Wir reden heute von Achtsamkeit und Einfachheit. Simplify your life. Detox your life. Small is beautiful!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Tiefer leben und arbeiten: Eine neue Care-Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Der faszinierende Weg der alten Diakonissengemeinschaften geht zu Ende. Das hat auch mit den dunklen Seiten der Einrichtungen zu tun, die wir nicht verschweigen d\u00fcrfen: zu viel Gesetz \u2013 zu wenig Freiheit. Die sexuelle Keuschheit, die so lange von den Frauen &#8211; und nur von den Frauen\u00a0\u2013 im Diakonat gefordert wurde, hat Menschen gebrochen und Beziehungen zerbrochen. Und der Verzicht der Schwestern lie\u00df die Unternehmen wachsen \u2013\u00a0oft genug buchst\u00e4blich auf dem eigenen R\u00fccken. Ich f\u00fcrchte, manche Schieflage in der Pflege hat noch immer mit diesem Erbe zu tun. Insgesamt aber haben diakonische Einrichtungen ihr Gesicht ver\u00e4ndert, sie sind l\u00e4ngst zu sozialen Unternehmen geworden. Zugleich aber w\u00e4chst die Sehnsucht nach Alternativen zur gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig organisierten F\u00fcrsorge. Klar ist: auf dem Sozialmarkt kann man professionelle Hilfe, aber keine N\u00e4chstenliebe organisieren. Gute Dienstleister k\u00f6nnen Familie und Nachbarschaft nicht ersetzen, und Unternehmen stiften noch kein Gemeinwohl. In den letzten Jahren wird verst\u00e4rkt nach dem Mehrwert der Diakonie gefragt. Ist es eine andere Unternehmenskultur, eine andere Haltung der Mitarbeiterschaft? Es geht um ein neues Miteinander, eine moderne Sorgekultur, um Ethik und Spiritualit\u00e4t. Wie k\u00f6nnen wir beides st\u00e4rken?<\/p>\n<p>Individualit\u00e4t in der Lebensgestaltung und Freiheit in der Lebensform sind selbstverst\u00e4ndlich geworden. Zugleich aber w\u00e4chst das Bewusstsein f\u00fcr Freundschaft und Zusammenarbeit. Gerade Menschen in sozialen und pflegerischen Berufen fragen nach tragf\u00e4higen Beziehungen und ethischer Orientierung. Eigentlich w\u00e4re es Zeit, die diakonischen Gemeinschaften neu zu erfinden \u2013 in Freiheit und Vielfalt, ohne Zwang. Und sie werden ja gerade neu erfunden: in den Sorgenden Gemeinschaften von Ehren- und Hauptamtlichen in den Nachbarschaften. In den \u201eTischgemeinschaften\u201c der \u00c4lteren im Gemeindehaus. In den internationalen G\u00e4rten, wo Migrantinnen und Migranten miteinander kochen. An den Orten der Gastfreundschaft in den Quartiersl\u00e4den. In Selbsthilfegruppen, Trauergruppen und genossenschaftlich getragenen Dorfl\u00e4den. In den Wohngemeinschaften von Demenzkranken und ihren Angeh\u00f6rigen. In den Caring Communities ist eine Bewegung im Gang, die die Sozialunternehmen aufs Beste erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Unter dem \u00f6konomischen Druck w\u00e4chst der Wunsch nach Sinnerfahrung. Menschen suchen Sinn im Engagement, pers\u00f6nliche Entwicklung in Bildungsangeboten, den eigenen roten Faden im lebenslangen Lernen \u2013 so wie es Diakonissen erlebt haben. Wir suchen Gleichgesinnte, vor Ort, aber auch in internationalen Netzwerken wie bei \u00c4rzte ohne Grenzen. Pflegende, Sozialarbeiter, P\u00e4dagogen wollen ernst machen mit dem Slogan, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Assistenzdienste, Case-Management, die Orchestrierung um die Sterbenden in der Palliativarbeit zeigen die Richtung. Und auch die Freiwilligenbewegung w\u00e4chst weiter\u2013 in den Quartieren und in den Kirchengemeinden. Wohnprojekte, Mehrgenerationenh\u00e4user, Stadtteilarbeit gewinnen an Bedeutung. Die Zusammenarbeit von Gemeinden und diakonischen Diensten wird zum Mehrwert.<\/p>\n<p>Das alles \u00e4hnelt den Ideen der Gr\u00fcnderzeit. Auch damals ging es um Haltung und Engagement, um Bildung und Beruflichkeit. Die Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder schufen Netzwerke der geschwisterlichen Liebe gegen die globalisierten Netzwerke der Industrie und des Handels. Von der Vorstellung, dass die unentgeltliche N\u00e4chstenliebe \u201eFrauensache\u201c sei, haben wir uns schon weitgehend verabschiedet \u2013 obwohl die meisten Mitarbeitenden in der Diakonie noch immer Frauen sind. Und wir m\u00fcssen uns auch verabschieden von Anpassungsdruck und Kritiklosigkeit, Individualit\u00e4t und Vielfalt sch\u00e4tzen lernen. Aber auch heute gilt: Soziale Professionalit\u00e4t braucht Empathie und Selbstreflexion, Beziehungs- und Gemeinschaftsorientierung. Und in den eigenen Leidenserfahrungen wachsen Empathie und Compassion &#8211; und Respekt auch vor den Schw\u00e4chen und St\u00e4rken anderer. Diakonische Arbeit braucht eine gemeinsame Suche nach Kraftquellen.<\/p>\n<p>Diakonie braucht aber auch Orte. Sorgende Gemeinschaften brauchen Orte. Das gilt erst Recht im Blick auf die, die tats\u00e4chlich an keinem Ort (mehr) zu Hause und oft nicht willkommen sind. In Pflegeeinrichtung und Mehrgenerationenh\u00e4usern Wohngemeinschaften, im Sharehouse und in internationalen G\u00e4rten entstehen Gemeinschaften auf Zeit. Ja, die G\u00e4rten und Labyrinthe geh\u00f6ren auch dazu \u2013 die Rosenbeete und Apfelplantagen, Sch\u00f6nheit und Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur geh\u00f6rten von Anfang an zur Diakonie. Auch Aprath ist ein solcher Ort \u2013 \u00fcber 100 Jahre nun. Bis heute ein Ankn\u00fcpfungspunkt, eine Plattform der Hilfe und Begegnung, ein Ort des Lernens und der Entwicklung. Ein Platz der Erinnerung und neuer Impulse. Heute feiern wir die Kraft des Kreuzes und der Auferstehung, die Kraft von Gebet und Engagement, die in dieser Geschichte erkennbar wurde. Die Vorbilder eines diakonischen Lebens, deren Namen hier vor den Fenstern aufgeschrieben sind und nun im Morgenlicht leuchten. Wir feiern die Schwestern mit dem P\u00fcnktchenkleid. Nein, Tracht muss keine mehr tragen, und auch nicht nur Frauen sind gefragt. Gebraucht wird jeder und jede mit Einf\u00fchlung und Engagement. Wie Margarete und Therese, wie Georg und Monika oder Esra und Alex. Wir sind gefragt in dieser Umbruchzeit unsere kleine Revolution zu machen: die Revolution der Liebe!<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Aprath, 05.10.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Einfach leben \u2013 die neue Bewegung \u201eSimplify your life!\u201c Seit der Jahrtausendwende ist eine neue Bewegung in Gang. 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