{"id":3081,"date":"2017-09-28T08:01:01","date_gmt":"2017-09-28T08:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3081"},"modified":"2018-04-06T19:53:11","modified_gmt":"2018-04-06T19:53:11","slug":"das-haus-der-offenen-tueren","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3081","title":{"rendered":"Das Haus der offenen T\u00fcren"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Mer lasse der Dom in K\u00f6lle<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen T\u00fcren gerade f\u00fcr die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen. Mein Haus w\u00fcnsche ich mir nicht als eine f\u00fcr andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen T\u00fcren. Heimat, die wir nur f\u00fcr uns selbst besitzen, macht uns eng und muffig.\u201c (Dorothee S\u00f6lle)<\/p>\n<p>20 Jahre ist es nun her, da standen wir im Osten Londons vor einer verrammelten Kirche. Eine Gruppe rheinischer Theologinnen und Theologen auf der Suche nach Impulsen f\u00fcr die Gemeinden der Zukunft. Was damals in der Church of England f\u00fcr Aufregung sorgte, ist inzwischen bei uns angekommen: Kirchen werden geschlossen, aufgegeben und verkauft. Andere werden umgewidmet &#8211; zu Synagogen oder Moscheen, zu Restaurants und Nachbarschaftszentren. Ich musste an unsere Englandreise denken, als ich k\u00fcrzlich in Bielefeld im Restaurant \u201eGl\u00fcck und Seligkeit\u201c ein Chutney genoss &#8211; der bunte Lichteinfall unter der hohen Decke schm\u00fcckte den Tisch. Wir sa\u00dfen in einer alten Kirche. Die Kirche in London stand im Osten, mitten in einem globalisierten Viertel mit Menschen aller Hautfarben und Religionen, in dem die Armut offensichtlich gro\u00df war. Kein Wunder, dass der Bischof der Meinung war, sie werde nicht mehr gebraucht und sei auch nicht mehr zu finanzieren. Aber die Menschen, die wir dort trafen, waren ganz anderer Auffassung. Sie hatten eine B\u00fcrgerinitiative gegr\u00fcndet, um die Kirche zu erhalten. Dabei lebten viele von ihnen l\u00e4ngst anderswo &#8211; hier aber waren sie getauft und getraut worden waren, hier hatten auch ihre Kinder den Segen bekommen. Hier waren sie wer &#8211; und geh\u00f6rten dazu. So etwas gibt man nicht einfach auf.<\/p>\n<p>Das bewegt auch die Kirchenkuratoren und Kirchenkuratorinnen, die inzwischen bei uns daf\u00fcr sorgen, dass Dorfkirchen in Brandenburg oder in Mitteldeutschland saniert werden \u2013 die Orgelpaten suchen, Veranstaltungen planen, die Kirchen offen halten, auch wenn sie selbst gar nicht Mitglied sind oder l\u00e4ngst anderswo wohnen. \u201cJe mobiler die Gesellschaft, je mehr Optionen und Lebensstile, desto wichtiger wird Heimat. Heimat, das ist die Stadt, von der ich \u201eWir\u201c sagen kann\u201c, sagte k\u00fcrzlich ein Schriftsteller. Der Lebensraum, in dem wir uns selbstverst\u00e4ndlich und ungezwungen bewegen k\u00f6nnen, weil wir uns auskennen, weil wir dazugeh\u00f6ren. Und nicht zuf\u00e4llig sind es oft die Kirchen und Dome, die das Heimatgef\u00fchl st\u00e4rken \u2013 auch f\u00fcr die, die die Kirche selbst kaum noch besuchen. Denn die Kirche ist nach wie vor ein markanter und pr\u00e4gender Punkt im Stadtbild, die Schl\u00e4ge der Kirchturmuhr und der Klang der Glocken geh\u00f6ren zum akustischen Raum und geben uns Orientierung in der Zeit und die Silhouetten der Dome werden zum Symbol ihrer Stadt \u2013 die Frauenkirche in M\u00fcnchen, der Hamburger Michel, der Dom in K\u00f6ln. Sie geh\u00f6ren allen, die dort leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Gemeinde als Herberge<\/strong><\/p>\n<p>Dass Familien, m\u00f6glicherweise sogar mit mehreren Generationen, an einem Ort wohnen, ist schon lange keine Normalit\u00e4t mehr. K\u00fcrzlich war ich in Opladen, wo meine Mutter geboren wurde. Au\u00dfer dieser Tatsache verbindet mich nichts mehr mit diesem Ort \u2013 zu oft ist meine Familie seitdem umgezogen. Junge Leute ziehen in die prosperierenden Regionen; zur\u00fcck bleiben die \u00c4lteren, weniger Beweglichen. V\u00e4ter pendeln in die St\u00e4dte \u2013 die Familien leben in der Region wo die Mieten bezahlbar sind. Und jedes dritte Paar in den ersten Berufsjahren lebt getrennt, weil die Karriere es verlangt. Der Soziologe Eric Klinenberg spricht deshalb von einer Versingelung der westlichen Gesellschaften. Alleinleben sei offenbar der beste Weg, die Werte einer individualistischen Gesellschaft zu leben, meint er: Freiheit, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Zugleich aber verlieren Menschen, die h\u00e4ufig umziehen oder auch pendeln, die allt\u00e4gliche soziale Einbettung in Familie und Nachbarschaft. Das Alleinsein und das Zerbrechen der hergebrachten sozialen Bez\u00fcge sind dabei nicht nur eine emotionale Herausforderung. Familien mit kleinen Kindern, auch alte oder kranke Menschen \u2013 deren Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung mit dem demografischen Wandel w\u00e4chst \u2013 geraten bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags oft enorm unter Druck, wenn sie nicht auf die selbstverst\u00e4ndliche Hilfe von Angeh\u00f6rigen oder engen Freunden zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Aber auch f\u00fcr die, die ihre Heimat nicht verlassen, ver\u00e4ndert sich die Welt. Die Nachbarschaften ver\u00e4ndern ihr Gesicht. Fremde ziehen zu &#8211; als Arbeitssuchende, Migranten oder Fl\u00fcchtlinge. Gesch\u00e4fte verschwinden, in der Kneipe wechselt die Speisekarte, Nachbarn sprechen eine andere Sprache. Auch Heimat kann zur Fremde werden \u2013 da sehnen wir uns nach vertrauten Gesichtern und nach Orten, die bleiben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Post und Sparkassen sich zur\u00fcckziehen, finden wir noch \u00fcberall Kirchen und Gemeindeh\u00e4user &#8211; \u00f6ffentliche R\u00e4ume mit ungeheuren M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Begegnungen, Basare, Caf\u00e9s und B\u00fcros. Begegnungsr\u00e4ume f\u00fcr jedermann, die zug\u00e4nglich sind, ohne Eintritt zu bezahlen. Manchmal stehen sie halbleer im ver\u00e4nderten Quartier \u2013 und die Nachbarn, die beobachten, wie Schulen geschlossen oder Nahverkehrsstrecken stillgelegt werden, fragen sich, was daraus wird. Ich erinnere mich in solchen Situationen gern an eine Kirche in der Innenstadt von St Louis in den USA. Sie hatte eine Weile leer gestanden \u2013 das Viertel war heruntergekommen und wer es sich leisten konnte, war an den Stadtrand gezogen. Aber anders als den Bischof von London war dieser amerikanischen Gemeinde nicht egal, was mit ihrer Kirche passierte \u2013 und wie es den Leuten in ihrem alten Quartier ging. Sie \u00f6ffneten die Kirche f\u00fcr die neuen Nachbarn, meist Latinos und Farbige. Nun gab es Kinderbetreuung und Selbstverteidigungskurse, Drogenberatung und einen Mittagstisch \u2013 und immer noch Gottesdienste f\u00fcr alle, mit allen. Und die Gemeinde wuchs. Hier bei uns in Deutschland ist die Situation anders. Auch in benachteiligten Quartieren geh\u00f6ren viele noch zur Kirche. Sie sind vielleicht auch Kunden diakonischer Dienstleistungen \u2013 sie haben ihre Kinder in der Tageseinrichtung, vielleicht kommen sie zur Familienberatungsstelle oder ein Pflegedienst kommt ins Haus \u2013 und trotzdem haben sie das Gef\u00fchl, nicht dazu zu geh\u00f6ren. Und wenn sie am Heiligen Abend oder zu einem Familienfest in die Kirche kommen, f\u00fchlen sie sich ein bisschen wie G\u00e4ste. Es geh\u00f6rt \u00fcbrigens nicht viel dazu, um dieses Gef\u00fchl zu bekommen &#8211; es reicht schon, nicht zu wissen, wie die Kaffeekannen schlie\u00dfen. So ging es mir, als ich bei der Diakonie arbeitete und in meiner Wohngemeinde an einer Gemeindeversammlung teilnahm. Ich hatte sonst nicht viel Gelegenheit, dort zu sein &#8211; die Angebote passten mit meinen Arbeitszeiten nicht zusammen. \u201eSie sind wohl nicht so kirchlich\u201c, meinte meine Nachbarin, als ich die Kanne nicht aufkriegte.<\/p>\n<p>Gute Gastfreundschaft w\u00e4re schon was wert, denke ich &#8211; ein erster Schritt, um wieder Heimat zu finden. Friedrich von Bodelschwingh, der Gr\u00fcnder von Bethel, hat es auf den Punkt gebracht: \u201eDas ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass wir einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.\u201c In den Anf\u00e4ngen der neuzeitlichen Diakonie verstanden sich Krankenh\u00e4user und Herbergen f\u00fcr Obdachlose als \u201eHospize\u201c, als Orte der Gastfreundschaft, wo Menschen auf ihrem Lebensweg Station machen und auftanken konnten. Und heute k\u00f6nnen auch Kirchengemeinden wie Karawansereien sein, eine Oase in den W\u00fcsten des mobilen Alltags. Wo Menschen einander begegnen, ihre Geschichten teilen, sich f\u00fcreinander einsetzen und einander auf diese Weise ein St\u00fcck Heimat geben. Gemeinde als Herberge. Der holl\u00e4ndische Theologe Jan Hendriks hat dieses Modell in den 1980er Jahren entwickelt. Wo diese Art von offener Begegnung stattfinde, w\u00fcrden nicht nur die individuellen Lebensgeschichten, sondern auch die gesellschaftlichen Zerrei\u00dfproben sp\u00fcrbar &#8211; zugleich aber etwas von der N\u00e4he Gottes, sagt er. Die offenen Stadtkirchen, die Stadtteill\u00e4den und Vesperkirchen, die Diakoniel\u00e4den in den Quartieren wollen genau das sein: Herbergen am Weg. Um dort anzukommen, muss man nicht schon immer am Ort zu Hause sein &#8211; man kann kommen und auch wieder gehen. Heimat und Zugeh\u00f6rigkeit wachsen \u00fcber Begegnungen, Beziehungen und Engagement.<\/p>\n<p>Besonders sp\u00fcrbar werde das in der Gemeindek\u00fcche, sagt Friederike Weltzien. Sie ist Pfarrerin in Stuttgart, hat lange im Libanon gelebt, spricht arabisch und engagiert sich heute in der Fl\u00fcchtlingsarbeit. \u201cF\u00fcr mich ist die Gemeindek\u00fcche ein spiritueller Ort\u201c, sagt sie. Allerdings in einer alteingesessenen schw\u00e4bischen Kirchengemeinde auch ein heikler Ort. Als dort im Herbst 2015 die Turnhalle mit hundert Fl\u00fcchtlingen belegt wurde, da \u00f6ffnete die Gemeinde die T\u00fcren. \u201eUnd es stellte sich heraus, dass das gr\u00f6\u00dfte Bed\u00fcrfnis der Menschen war, selber Essen zu kochen, etwas, was sie kennen und was ihnen schmeckt.\u201c, erz\u00e4hlt Friederike Weltzien. \u201eAlso wurde jeden Dienstag f\u00fcr achtzig bis neunzig Leute gekocht. Die Hilfsbereitschaft war gro\u00df, Gelder mussten gesammelt werden, die Lebensmittel eingekauft und die Tische gedeckt und dann auch wieder alles abger\u00e4umt, gesp\u00fclt und ges\u00e4ubert werden. In der K\u00fcche trafen die Kulturen aufeinander. Dinge ver\u00e4nderten sich, zun\u00e4chst gab es viel Aufregung in der Gemeinde und auch Sorgen und \u00c4ngste. Aber gerade da entwickelten sich die intensivsten Kontakte auch ohne Sprachkenntnisse. Inzwischen ist es selbstverst\u00e4ndlich geworden. Es wird immer noch regelm\u00e4\u00dfig syrisch gekocht, besonders in der Zeit des Ramadans werden gemeinsame Essen zum Fastenbrechen gefeiert. Und auf einmal werden religi\u00f6se Themen ganz zwanglos miteinander diskutiert und besprochen und erlebt. So kann auch die Gemeindek\u00fcche zum spirituellen Raum werden. Ein Raum, in dem Gottesbeziehung m\u00f6glich wird, \u00fcber das gemeinsame Essen. Ein Ort, an dem ich Kraft suche und auch erlebe, dass ich sie empfange.<\/p>\n<p>Auch in anderen Gemeinden ist die K\u00fcche inzwischen zum heimlichen Zentrum geworden. In meiner Nachbarschaft zum Beispiel, wo alleinstehende Rentnerinnen zweimal die Woche einen gemeinsamen Mittagstisch haben. Und auch da wird reihum gekocht. Und zwischendurch trifft man einander beim Einkaufen, hilft sich auch mal im Alltag, ruft sich an. Leider sind unsere K\u00fcchen oft nicht so ausgestattet, dass viele darin arbeiten k\u00f6nnen \u2013 und nicht \u00fcberall haben solche Gruppen einen Schl\u00fcssel zum Gemeindehaus. Das w\u00e4ren allerdings gute Voraussetzungen, um nicht mehr nur G\u00e4ste zu sein. Ganz wie der Apostel Paulus sagt: \u201cIhr seid nun nicht mehr G\u00e4ste und Fremde, sondern Mitb\u00fcrger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.\u201c<\/p>\n<p>Bei Friedhelm Meurer in K\u00f6ln H\u00f6henburg-Vingst scheint mir das gelungen. Das H\u00f6vi-Land, wie die Eingeweihten sagen, ist ein benachteiligter Stadtteil &#8211; arm an Einkommen, aber reich an Kindern und Familien &#8211; christlichen wie muslimischen. Darauf hat Pfarrer Meurer sich mit seiner Gemeinde eingestellt &#8211; Sie kennen ihn m\u00f6glicherweise als Talkshow-Gast, wenn er eindr\u00fccklich \u00fcber Armut spricht. Er kennt die Lebensl\u00e4ufe seiner Nachbarn &#8211; das macht sein Reden so eindr\u00fccklich. Und er besucht sie nicht nur \u2013 er hat ihnen Raum gegeben im Gemeindehaus. Raum f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck vor der Schule, f\u00fcr Schulaufgabenhilfe und Winterspielplatz und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Tafel, wo es zu Schuljahrsbeginn alles Notwendige gibt. Im H\u00f6vi-Land pr\u00e4gt die Kirche das Quartier &#8211; das sieht man im Advent, wenn christliche und muslimische Kinder zusammen die Laternen schm\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Stadtspazierg\u00e4nge \u2013 zu Hause im Quartier<\/strong><\/p>\n<p>Die Kirche geh\u00f6rt zum Quartier. Manchmal m\u00fcssen wir uns durchaus selbst in Erinnerung rufen, welches Sozialkapital Gemeinden mitbringen \u2013 an R\u00e4umen, aber auch an Kontakten, Netzwerken und Beziehungen. Schlie\u00dflich wohnen die Kirchenvorstandsmitglieder in der Nachbarschaft \u2013 das ist anders als in St. Louis, und manche arbeiten sogar noch in der N\u00e4he. Und auch in den Elternr\u00e4ten der Schulen, in den Vorst\u00e4nden der Vereine sitzen Kirchenmitglieder. Das ist anders als in St. Louis, der amerikanischen Gemeinde, von der ich eben erz\u00e4hlt habe. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen \u2013 es gilt, das Netzwerk neu zu kn\u00fcpfen. F\u00fcr die Gemeinde, vor allem aber f\u00fcr die Menschen in der Nachbarschaft.<\/p>\n<p>\u201eKleine Leute in der gro\u00dfen Stadt\u201c hei\u00dfen die Skulpturen des Londoner K\u00fcnstlers Slimcachu, die mich vor einiger Zeit sehr beeindruckt haben. Er hatte \u00fcberall in der City kleine Figuren platziert &#8211; nicht gr\u00f6\u00dfer als Playmobil-Figuren. Da rudert einer in einer Pf\u00fctze, als m\u00fcsse er einer \u00dcberschwemmung entkommen. Und ein anderer wird gerade mit einer Sicherheitsnadel bedroht. Die meisten \u00fcbersehen diese Alltagsdramen zu ihren F\u00fc\u00dfen &#8211; aber genau das ist ja das Problem. Dass viele Menschen sich abgeh\u00e4ngt und \u00fcbersehen f\u00fchlen. Einfach hilflos und allein. Hinsehen ist also der erste Schritt &#8211; und das geht am besten, wenn wir die Nachbarschaft einmal aus der Perspektive der anderen sehen. Eine New Yorker Journalistin hat das getan. Ein ganzes Jahr lang hat sie jede Woche einen Stadtspaziergang mit einer fremden Person gemacht. Sie war unterwegs mit einer \u00e4lteren Dame mit Rollator, mit einem Architekten und mit einem zweij\u00e4hrigen Kind. Sie hat einen Blinden begleitet und einen Arzt, der ihren Blick f\u00fcr die Entgegenkommenden sch\u00e4rfte. Es geh\u00f6rt nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie sie ihre Stadt neu entdeckt.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir tun, um diese unterschiedlichen Perspektiven und die verschiedenen Bedarfe sichtbar zu machen? Hier und da gibt es inzwischen Stadtpl\u00e4ne, die unseren Blick \u00f6ffnen: in N\u00fcrnberg zum Beispiel hat eine Kirchengemeinde einen Stadtplan f\u00fcr Familien herausgegeben \u2013 da findet man die Tageseinrichtungen und Spielpl\u00e4tze, die Kinder\u00e4rzte und die kinderfreundlichen Restaurants und auch die Gemeinden mit ihren Familiengottesdiensten und Winterspielpl\u00e4tzen. Und in meiner ehemaligen Gemeinde in M\u00f6nchengladbach arbeiten gerade die \u00c4lteren an einem Stadtplan f\u00fcr \u00c4ltere \u2013 auch mit Blick auf Rollatoren und Rollst\u00fchle. Das Wohnquartier wird wieder entdeckt. Und inzwischen gibt es auch alters\u2013 und familienfreundliche St\u00e4dte.<\/p>\n<p>Der Bewegungsspielraum vieler Kommunen ist inzwischen gering; Sozialausgaben belasten mit bis zu 58 Prozent des gesamten Haushalts. Viele sind kaum noch in der Lage, ihre Pflichtaufgaben in ausreichendem Ma\u00dfe zu erf\u00fcllen \u2013 geschweige denn, den wachsenden Erwartungen nachzukommen. G\u00fcnstige Wohnungen werden gebraucht, Ganztags-Kitas und Schulen, m\u00f6glichst angepasste Pflegeangebote und nat\u00fcrlich eine alternsgerechte st\u00e4dtische Infrastruktur.<\/p>\n<p>Wer bestimmte Zielgruppen unterst\u00fctzen will \u2013 die \u00c4lteren zum Beispiel, Menschen mit Behinderung oder Familien in Armut &#8211; der muss alle Akteure an Bord holen und die Angebote verkn\u00fcpfen. Runde Tische und Netzwerke sind n\u00f6tig, aber auch Einrichtungen der Begegnung und Beratung. Das gelingt nur, wenn Kommunen, soziale Dienste und die Wohnungswirtschaft, aber auch Verkehrsbetriebe und Einkaufszentren, \u00c4rzte oder Nachbarschaftscaf\u00e9s bereit sind, zusammen zu arbeiten und sich auch mit ehrenamtlich Engagierten zu vernetzen. Das Quartier ist der Raum, in dem neue Formen der Kooperation zwischen dem \u00f6ffentlichen und dem privaten Bereich, zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Kommune, Sozialversicherungen und Tr\u00e4gern sozialer Dienste Antwort geben k\u00f6nnen auf die dr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnisse, wo aber auch neue Chancen der Teilhabe entstehen. Ein Beispiel daf\u00fcr ist Wohnquartier 4 in Rheinland-Westfalen-Lippe, eine Initiative, die vor allem \u00c4ltere, aber auch Menschen mit Behinderung im Blick hat.<\/p>\n<p>Aber auch solche Netzwerke brauchen ein Management. Die Erfahrung zeigt: ganz ohne Hauptamtliche, ohne einen Stundenanteil der Arbeit im Quartiersmanagement oder in einem Familienzentrum oder Mehrgenerationenhaus geht es nicht. Und auch nicht ohne Flyer, Website und Newsletter. Kirche und Diakonie, aber auch die anderen Wohlfahrtsverb\u00e4nde mit ihren Ressourcen, mit ihren R\u00e4umen, Haupt- und Ehrenamtlichen sind deshalb besonders gefragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Raum f\u00fcr das WIR<\/strong><\/p>\n<p>Gemeinden sind Agenturen f\u00fcr Gemeinschaft, schreibt Rosemarie Henel, die als AWO-Mitarbeiterin mit einer Kirchengemeinde zusammenarbeitet, sie seien ein \u201eCircle of support\u201c. Gro\u00dfeltern, deren Enkel an anderen Orten wohnen, engagieren sich als Lesepaten oder Leihomas. Gemischtkonfessionelle Familien sorgen f\u00fcr die \u00f6kumenische Zusammenarbeit, Eltern deren Kind eine Behinderung hat, setzen sich f\u00fcr die inklusive Kofi-Arbeit ein. So kommen auch Schule und Werkstatt neu in den Blick. Und angesichts des wachsenden Drucks, der in der Phase von Berufseinstieg, Karriere und Familiengr\u00fcndung auf den J\u00fcngeren lastet, k\u00f6nnen die \u00c4lteren ihre Erfahrung und ihre Freiheit einbringen, um den fragilen Zusammenhalt zu st\u00e4rken. Sie wohnen ja oft schon lange am Ort, sie kennen die Vereine und engagieren sich auch politisch. So werden wie zu Begleitern und Mentoren, gr\u00fcnden Mehrgenerationenh\u00e4user oder leisten Nachbarschaftshilfe in Sozial- und Diakoniestationen. Mit all dem tragen sie entscheidend dazu bei, dass die Wohnquartiere wirklich lebendig und dass im wahrsten Sinne des Wortes \u201edie Kirche im Dorf\u201c bleibt.<\/p>\n<p>Wenn es wahr ist, dass Heimat heute mehr ist als ein Ort; wenn es um Zugeh\u00f6rigkeit geht, um ein Gef\u00fchl der Sicherheit, dann k\u00f6nnen unsere Gemeinden vielen zur Heimat werden. Angesichts des Ausblutens von Kommunen und des Verlustes an Gemeing\u00fctern ist Kirche wieder gefragt. Es geht darum, R\u00e4ume zu schaffen, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft sich treffen k\u00f6nnen. Es geht darum, die Infrastruktur ganz bewusst aus der Perspektive der Betroffenen anzuschauen und Stadtlandschaften so zu gestalten, dass Raum f\u00fcr das \u201eWir\u201c ist. \u201eAuch wenn wir noch auf den neuen Himmel und die neue Erde warten \u2013 lasst uns anfangen, die neue Stadt zu bauen, die Stadt von Frieden und Gerechtigkeit\u201c, (Anthony Pilla Bischof von Cleveland, in einer Rede \u00fcber die Kirche in der Stadt.)<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich habe ich einen \u201eCity-Guide f\u00fcr kurze Auszeiten und \u00fcberraschende Begegnungen\u201c entdeckt. Ein spirituelles Buch. Die Autorin erinnert daran, dass wir \u201edie Einheit und Ganzheit des Lebens nicht nur auf dem Meditationskissen erleben k\u00f6nnen, sondern auf den Stra\u00dfen der Stadt\u201c &#8211; in der Begegnung mit Obdachlosen, beim Besuch der Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung, beim Deutschkurs in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft. Sie erz\u00e4hlt von den spirituellen Erfahrungen eines Notarztes und von der R\u00fcckkehr der G\u00e4rten in die Stadt, von einer Kirche, die in der Woche vor Ostern zu meditativen Konzerten einl\u00e4dt. W\u00e4hrend ich das inspirierende Buch las, dachte ich zur\u00fcck an die Kleinstadtgemeinde, in der ich die Menschen hinter vielen Fenstern kannte. Familien, in denen seit Jahren jemand gepflegt wurde, Kinder, die in Armut aufwuchsen, die Frau, die mit einem Sikh verheiratet war und nun den Vater und seine Familie an der Taufe beteiligen wollte; der Mann, der zum Islam konvertiert war und schon vor 30 Jahren f\u00fcr den ersten Islamkurs in der Kleinstadtgemeinde sorgte. Menschen aus der Nachbarschaft &#8211; nach und nach kamen sie in unserem Kirchenladen, engagierten sich f\u00fcr das Quartier. Das Geheimnis waren die offenen T\u00fcren &#8211; mitten in der Stadt.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Kiel, 23.09.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Mer lasse der Dom in K\u00f6lle \u201eWenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3081\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":3518,"menu_order":90,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3081","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3081"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3081"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3081\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3082,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3081\/revisions\/3082"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}