{"id":3061,"date":"2017-09-13T17:50:14","date_gmt":"2017-09-13T17:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3061"},"modified":"2018-04-06T18:51:14","modified_gmt":"2018-04-06T18:51:14","slug":"wahlverwandtschaften-predigt-zu-mk-3-31-35","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3061","title":{"rendered":"Wahlverwandtschaften"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Mk 3, 31-35<\/h3>\n<p><span style=\"color: #d69209;\"><em>31 Da kamen seine Mutter und seine Br\u00fcder; sie blieben vor dem Haus stehen und lie\u00dfen ihn herausrufen. 32 Es sa\u00dfen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Br\u00fcder stehen drau\u00dfen und fragen nach dir. 33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Br\u00fcder? 34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsa\u00dfen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Br\u00fcder. 35 Wer den Willen Gottes erf\u00fcllt, der ist f\u00fcr mich Bruder und Schwester und Mutter.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>\u00fcber keinen EKD-Text ist in den letzten Jahren so heftig gestritten worden wie \u00fcber das so genannte Familienpapier. Was brauchen Familien und was ist \u00fcberhaupt eine Familie? Welche Familienformen sind gesellschaftlich, sozialpolitisch und auch kirchlich anerkannt? Es ging um die sogenannten Regenbogenfamilien \u2013 also um Kinder in homosexuellen Lebensgemeinschaften. Um Ehegatten- und Familiensplitting, um Alleinerziehende und Patchwork-Familien und die Notwendigkeit von Ganztagspl\u00e4tzen in Kinderg\u00e4rten und Schulen. Und letztlich um die Frage nach dem Leitbild: Geh\u00f6ren Ehe und Familie zusammen? Und besteht die heile Familie letztlich doch aus Vater \u2013 Mutter-Kind? Oder hat Heilsein mit der Form gar nichts zu tun?<\/p>\n<p>Familie ist Streitpunkt und Sehnsuchtsort zugleich. Familie &#8211; das sind die Menschen, zu denen ich ganz selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6re. Der Platz, wo mir geholfen wie &#8211; bei kleinen Alltagsproblemen und in schweren Krisen. Heimat in einer mobilen Gesellschaft. Ein gl\u00fcckliches Familienleben geh\u00f6rt zu den sehnlichsten W\u00fcnschen der allermeisten Menschen. Dabei w\u00e4chst der Anteil von Singles. Denn gerade angesichts der Mobilit\u00e4t und der Zerrei\u00dfproben, die wir heute erleben, ist es schwer geworden, Familie zu leben. Das hat mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun &#8211; aber auch mit unseren eigenen Anspr\u00fcchen an das Leben. Wir leben in einer Optionsgesellschaft, immer auf der Suche nach besseren M\u00f6glichkeiten. Auch unsere Freiheit, unsere Selbstbestimmung sind uns heilig.<\/p>\n<p>Die Welt, in die der Predigttext uns heute f\u00fchrt, ist ganz anders. Die damaligen Familien waren keine Vater-Mutter-Kind-Familien; sie glichen eher den gro\u00dfen Clans der Migranten, die bei uns leben. Wo es keinen Sozialstaat gibt, sind Familien die einzige Lebensversicherung. Und dabei waren die Rollen sehr klar zugewiesen. Eine Frau, die nicht Mutter wurde; ein Sohn, der nicht f\u00fcr die alten Eltern sorgte \u2013 undenkbar! Man kann sich seiner Familie nicht einfach entziehen \u2013 das ist verr\u00fcckt, pflichtvergessen, gef\u00e4hrlich. Und das ist der Stoff, aus dem der Streit in unserer Geschichte entsteht.<\/p>\n<p>Es geht um die klassische Frage, wer dazu geh\u00f6rt und wer nicht. Wer zum Inner Circle geh\u00f6rt und wer drau\u00dfen bleiben muss. Hier kehrt sich alles um; alles steht Kopf. Denn die Familie, die Jesus zur\u00fcckholen will, die Familie, die ihn an seine Rolle erinnert, steht drau\u00dfen vor der T\u00fcr. Drin sitzt Jesus mit einer Gruppe von Fremden. Was sind das f\u00fcr Leute, die sich um ihn versammelt haben? Ich denke, es sind die, bei denen er auch sonst einkehrt: Frauen wie Maria und Martha, Menschen mit Behinderungen, Arme und Verachtete. Menschen vom Rand der Gesellschaft, Leute, die von ihren Familien verlassen wurden. Die bezeichnet Jesus als seine Familie \u2013 seine Mutter, seine Br\u00fcder. Mit ihnen f\u00fchlt er sich mehr verbunden als mit den Verwandten drau\u00dfen vor der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Die Art, wie hier innen und au\u00dfen, Rand und Mitte neu definiert werden, erinnert mich an eine andere Szene \u2013 an den zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jesus im Tempel. Auch da wird er von der Familie verzweifelt gesucht und zur Ordnung gerufen. Und macht dann klar, wo er wirklich zu Hause ist: bei seinem himmlischen Vater. F\u00fcr mich schieben sich die beiden Szenen jetzt \u00fcbereinander: Jesus im Tempel, Jesus bei den Einsamen und Verlassenen. Wie er da in der Mitte sitzt, ist er ganz zu Hause. Im Haus des Vaters. Die Freiheit, die da sp\u00fcrbar wird, diese Weite, ist offenbar f\u00fcr viele eine Provokation. Was ist Familie? Und wer geh\u00f6rt dazu?<\/p>\n<p>In einem Tagebuch aus dem 19. Jahrhundert berichtet Adelheid Bandau von ihrer Einsegnung zur Diakonisse. Die neue Tracht und die Haube liegen bereit, man sp\u00fcrt die Aufregung vor dem gro\u00dfen Tag. Das Ganze erinnert ein wenig an eine Hochzeit \u2013 aber anders als bei einer Hochzeit, ist Adelheid nicht allein. Mit ihr wird eine ganze Gruppe von Probeschwestern ihr Versprechen abgeben. Ihnen f\u00fchlt sie sich verbunden, als w\u00e4ren es ihre Schwestern. \u201eEs war, als ob wir unter einem Mutterherzen gelegen h\u00e4tten\u201c, schreibt sie schw\u00e4rmerisch in ihr Tagebuch. Und tats\u00e4chlich versteht sich das Mutterhaus ja als Familie \u2013 eine Wahlfamilie mit Diakonissenmutter und Diakonissenvater, die jungen Frauen als T\u00f6chter. Aber auch hier ist die Beziehung zur Herkunftsfamilie zu kl\u00e4ren. Wie sieht es mit Besuchen aus? Was ist, wenn Vater oder Mutter krank werden? Wer hat jetzt das Sagen?<\/p>\n<p>Adelheid Bandau trat nach einigen Jahren aus und gr\u00fcndete selbst eine Familie \u2013 wie viele andere auch. Es war die Zeit, in der nur wenige Frauen sich ein Leben ohne Mann und Kinder vorstellen konnten. Und doch auch eine Welt, in der auch Frauen und Kinder arbeiten mussten. Alle tr\u00e4umten von der b\u00fcrgerlichen Familie, aber die Kehrseite des wachsenden Wohlstands waren Armut, Wohnungsnot und \u00fcberforderte Familien. Das war der Hintergrund f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Mutterh\u00e4user und Br\u00fcderh\u00e4user. Sie waren nicht nur Wahlverwandtschaften f\u00fcr Schwestern und Br\u00fcder \u2013 sie wurden auch zur Familie f\u00fcr verwahrloste Kinder, f\u00fcr Kranke und Sterbende. Fliedner schickte Erzieherinnen und Pflegerinnen als Schwestern in die Gemeinden, w\u00e4hrend Johann Hinrich Wichern Pl\u00e4ne f\u00fcr ein neues Wohnquartier entwickelte, eine neue Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Heute sind wir wieder ganz nah an diesen Themen. Wieder wandelt sich die Gesellschaft rasant, Familien sind \u00fcberfordert, man spricht von einem Drittel Abgeh\u00e4ngter. Vor vier Jahren hat die Kommission f\u00fcr den Siebten Familienbericht darauf aufmerksam gemacht, dass uns bald wieder ein Care-Defizit droht, wenn es nicht gelingt, den absoluten Vorrang \u00f6konomischen Denkens in Frage zu stellen. \u201eEine Zeit, die ihre soziale Energie nur aufs Gesch\u00e4ft und auf die Frage der N\u00fctzlichkeit reduziert, ist (&#8230;) widerw\u00e4rtig\u201c schreibt auch Ariadne von Schirach. \u201eSie beraubt die ihr unbedacht Folgenden aller Erfahrungen von F\u00fcrsorge, Loyalit\u00e4t und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit\u201c. Inzwischen sind \u201eCaring Communities\u201c, Sorgende Gemeinschaften zu einem neuen politischen Leitbegriff geworden. Kommunen, Kirchengemeinden, Schulen und Unternehmen sind gefragt, Verantwortungsstrukturen neu zu beleben. Die sorgenden Gemeinschaften von heute gleichen Wicherns \u201eNetzwerken der br\u00fcderlichen Liebe\u201c. Und heute wie damals ist eine gute Quartiersarbeit gefragt.<\/p>\n<p>Wo die Kinder und Enkel weit weg wohnen, brauchen gerade \u00e4ltere Menschen Freunde und Wahlfamilien. Die Kirche hat hier eine besondere Aufgabe. Denn eigentlich waren ja auch die ersten christlichen Gemeinden Wahlfamilien. Da kamen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die sich aus ihren Herkunftsfamilien gel\u00f6st hatten, weil sie dem neuen Glauben anhingen. Sie k\u00fcmmerten sich umeinander, sorgten f\u00fcr die Kranken und Hilfebed\u00fcrftigen, materiell und mit kleinen Diensten. Familie &#8211; das sind dann eben die Menschen, zu denen ich geh\u00f6re. Der Platz, wo mir geholfen wird wie &#8211; bei kleinen Alltagsproblemen und in schweren Krisen. Familie ist Heimat in einer mobilen Gesellschaft &#8211; damals wie heute. Seit dieser Geschichte mit Jesus wissen wir: die Form ist dabei nicht so entscheidend. Es geht um diesen Geist der Offenheit, der Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und der F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p>Es geht nicht darum die Herkunftsfamilie gegen die Wahlfamilie auszuspielen &#8211; oder umgekehrt die Blutsverwandtschaft gegen das Kloster &#8211; obwohl es das in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben hat. Jesus selbst verbindet am Ende seines Lebens beide, wenn er seine Mutter dem Lieblingsj\u00fcnger anvertraut. Unsere Geschichte klingt an, wenn es hei\u00dft es: \u201eSiehe, das ist Dein Sohn, siehe, das ist Deine Mutter.\u201c Die liebevolle F\u00fcrsorge \u00fcberspringt die engen Grenzen.<\/p>\n<p>Auch die Grenzen unserer Gemeinden und Gemeinschaften. Beim Nachdenken ist mir aufgefallen, dass die Kirche die geschwisterlichen Gemeinschaften immer dann neu entdeckt hat, wenn Familien und Nachbarschaften sozial \u00fcberfordert waren, wenn die Gesellschaft verrohte. Das war so im 19. Jahrhundert und es war so im Dritten Reich in der Bekennenden Kirche. \u201eDie christliche Gemeinde ist eine Gemeinde von Br\u00fcdern\u201c, hei\u00dft es in der Barmer Erkl\u00e4rung von 1934. Diese Geschwisterlichkeit hat die Widerstandskraft gest\u00e4rkt. Wenn aber am Ende nur noch Amtstr\u00e4ger einander Bruder oder Schwester nennen, werden erneut enge Grenzen gezogen. Das ist genauso problematisch wie wenn aus der Schwester eine blo\u00dfe Berufsbezeichnung wurde. Da wird die dann Geschwisterlichkeit mit Hierarchien und Anspr\u00fcchen verbunden. Was w\u00fcrde Jesus dazu sagen?<\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnder von Taize, Roger Schutz, sagt es folgenderma\u00dfen: \u201cWenn die Christen die sichtbare Gemeinschaft untereinander suchen, liegt darin kein Ziel an sich; es geht nicht darum, dass wir uns zusammen wohler f\u00fchlen oder gemeinsam st\u00e4rker sind. Es geht darum, f\u00fcr alle Menschen ein Ort der Gemeinschaft zu sein, an dem sich auch der Nichtglaubende aufgehoben wei\u00df und auf niemanden irgendein Zwang ausge\u00fcbt wird.\u201c Wenn ich das h\u00f6re, steht mir Jesus wieder vor Augen: gro\u00dfz\u00fcgig und frei, Amen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx, Kassel, 10.9.17<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Mk 3, 31-35 31 Da kamen seine Mutter und seine Br\u00fcder; sie blieben vor dem Haus stehen und&#8230; <a href=\"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/?page_id=3061\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":457,"menu_order":89,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3061","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3061"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3061"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3071,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3061\/revisions\/3071"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.seele-und-sorge.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}